Der Tag danach

„Ins Allgäu? Dass einer von Stuttgart nicht nach Berlin zieht, das hört man selten.“

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Wer will schon eine Maß trinken, denke ich mir, als ich von den steigenden Bierpreisen rund um eine Festwoche lese. Und erfahre nachmittags im Park vom Zen des Whiskeytrinkens. Man decke mit der Handfläche ein Glas mit Whiskey ab, drehe das Gefäß einmal auf den Kopf und wieder zurück, verreibe dann die Flüssigkeit zwischen den Handflächen und warte, bis sie getrocknet ist. Und rieche dann. Die Aromen werden dir Duftgeschichten erzählen, die du sonst niemals kennengelernt hättest. Diese Offenbarung könne, so höre ich weiter, der Beginn eines lebenslangen Lernens und Erfahrens sein. Und das ist ja das Entscheidende und nicht der Whiskey, sondern die Hingabe, die Würdigung, die Versenkung.

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Zwei alternde Vinylnerds an Ratzers Kaffeetheke prüfen ein Buch über die 1001 wichtigsten Alben. Der eine blättert, der andere tippt unentwegt mit dem Finger auf die Seiten und sagt laut: „Die habe ich, die habe ich, die habe ich …“ Ein prahlender Bub mit ergrauten Haaren, seiner selbst so ungewiss wie vor 50 Jahren.

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Die Schönheit der Straßenarbeiter in der Sonnenglut des Nachmittags. Jede Bewegung in der Hitze zeigt Beherrschung ihres Tuns, jedes Unterlassen ist Sein. Das Winken der Linken zur Einweisung des Kipplasters mit heißem Asphalt. Die Hand an der Schaltung der Planierwalze. Die Beugung des gebräunten Rückens über der Zigarette, die gefalteten Arme über dem Schaufelgriff, der Wind wühlt das Haar auf über einem erhitzten Gesicht. Ein Wechsel aus Tun und Nichttun, frei von Fragen.

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„Dieses Tinder-Match da war eigentlich ganz nett. Wir haben uns ausgiebig über Woody Allen unterhalten.“ Das ist Fortführung von Woody Allen mit anderen Mitteln.

Meta mit Frühling

Beim Abstieg zur U-Bahn flackern die Lichter, sie ersterben, springen dann zitternd wieder an. Sofort sind sie da, die Bilder von der Zombie-Apokalypse.

Nach einer berauschenden Woche, in der alles möglich schien, folgen ein paar Tage der Stasis und der Erschöpfung und nachts träumen sich Glassplitter in den Mund. Erst war alles ganz viel, dann kommt das Wellental. Die Geschichten zu fassen – das Horchen und das Schauen – kam dabei etwas kurz. Daher heute ausnahmsweise nur ein paar knappe Hinweise.

Menschen aus dem Süden – unter dieser Rubrik wurde ich mit meinem Blog am letzten Freitag in der Stuttgarter Zeitung vorgestellt. Danke an Ina Schäfer für das Interview.

Am Abend des gleichen Tages hatte ich gemeinsam mit Stephan Trinkl die angekündigte Lesung in Ratzer Records Schallplattencafé. Es wurde eine gemütliche, unterhaltsame Veranstaltung. Das Mikrofon vermisste ich erst am Folgeabend, als ich an einem ganz anderen Ort auf einer Bühne stand und merkte, wie viel Kraft ein Mikro doch aufsparen kann für andere Aspekte des Ausdrucks. Für die Lesung danke an Brigitte und Karl-Heinz Ratzer, Stephan (mit Verspätung und direkt aus dem Feierabendstau in die Lesung zu starten und trotzdem gelassen zu lächeln ist eine respektable Leistung) und allen, die kamen, um uns zuzuhören! Dem Hund inklusive.

Heute (also Freitag) wird auf der Leipziger Buchmesse um 18 Uhr aus „Tausend Tode schreiben“ gelesen – einem Projekt der Verlegerin Christine Frohmann, von tausend Menschen kurze Texte über den Tod zusammenzutragen. #1000Tode (so der Hashtag des Projekts) bietet ebenso viele Perspektiven auf die große Unvermeidlichkeit unserer Existenz wie Stimmen. Mein Blogbeitrag „Requiem für eine Fremde“ ist (minimal bearbeitet) als Text 307 vertreten. Übrigens sind die 1000 Texte noch nicht vollständig – die Gelegenheit, sich für dieses Projekt noch einzubringen! Die Erlöse aus dem E-Book-Verkauf gehen als Spende an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow.

Und der Frühling tänzelt …

Geht man in der Straße der Sonne entgegen, ist es, als würden die Kastanien bereits knospen. Man reckt die Nase, man streckt den Hals. Unversehens kommt hinter dem Eck dann die Ohrfeige des Windes, dafür, dass man dem Frühling schon zu tief ins Mieder blicken wollte. Man fährt zusammen, senkt den Kopf, verlegen nestelt die Hand am Schal.

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Und was ist das da bitte?

Zeilentiger liest Kesselleben – Am 6.3. in Ratzers Plattencafé

6. März 2015 im Ratzer Records Plattencafé:

Stadtstromer Trinkl trifft Zeilentiger / LESUNG

In drei, vier, fünf Zeilen einen Ausschnitt der Welt einfangen, um zu sehen, ob in diesem Ausschnitt nicht vielleicht doch die ganze Welt enthalten ist. Das versucht Stephan Trinkl mit seinen Kürzestgeschichten, seit kurzem unter dem Titel „Superbest“ auch in Buchform erhältlich.

„Zeilentiger liest Kesselleben“, das ist der Blog von Holger Epp: eine Stadterschließung, ein nie abgeschlossener Aneignungsprozess eines Ortes, der sich manchmal sträubt, kontrastiert mit Fluchten in die Welt − Skizzen aus dem Alltag, festgehalten in kurzen und kürzesten Geschichten (www.zeilentiger.wordpress.com).

Zwei Kessel-Chronisten live – am 6.März 2015, ab 20.00 Uhr im Ratzer Records Plattencafé.

Nur zum musikalischen Support ist (Stand heute) noch nicht das letzte Wort gesprochen. Auch dafür wird sich noch eine Lösung finden. Wir freuen uns jedenfalls sehr auf Euch!

Stephans Kürzestgeschichten sind übrigens auch käuflich zu erwerben. Das hübsche orangefarbene Büchlein „Superbest“ aus der Edition Carrera hat die ISBN 978-3-00-047667-9.

Und wer hier aus der Region Ratzers Schallplattencafé noch nicht kennt: Ein Besuch lohnt sich auch außerhalb der Lesung. Unbedingt. Mir war es einer der ersten Orte, die mich in der Kesselstadt haben heimisch fühlen lassen. Das rote Sofa, gute Musik, mit der beste Kaffee überhaupt in ganz Stuttgart, besondere Menschen. Schön, dass es Ratzer Records gibt!

0711 ausgeworfen und eingeholt

Das menschliche Antlitz der Institution

Es wird einmal ein Museum sein im Stuttgarter Wilhelmspalais, dort, wo noch an der Außenfront in großen Lettern die alte „Stadtbücherei“ prangt und zur Zwischennutzung ein beliebter Partytreff war. Das Stadtmuseum Stuttgart wird ein Museum des 21. Jahrhunderts sein, mit Betulichkeit oder Selbstbeweihräucherung hat so etwas schon lange nichts mehr zu tun. „Wie wurde aus Stuttgart, was es heute ist? Was waren wichtige Impulse für die Entwicklung der Stadt?“ sind Fragen, denen sich das Museum stellen wird, aber auch und ganz wichtig: „Wie könnte die Zukunft der Stadt aussehen?“ Das Stadtmuseum als einer der Ort also, an denen Zukunft ausdiskutiert und erprobt werden darf.

Fundstück

Stuttgarter Fundstück

Da es bis zur geplanten Eröffnung 2017 noch ein wenig hin ist, lädt das Museum dorthin ein, wo uns seine Räume jetzt bereits offenstehen: in den virtuellen Raum. Online-Projekte wie etwa „Meine Stadt − Meine Geschichte“, ein bundesweites Kooperationsprojekt zur Migrationsgeschichte, findet sich dort genauso wie ein museumseigener Blog unter Verantwortung von Markus Speidel, „wissenschaftlicher Mitarbeiter, Baureferent, Ausstellungskoordinator, Social Media-Fuzzi und sonstiges Mädchen für alles“, wie er sich selbst vorstellt. Über den Blog können wir dem Team bei seiner alltäglichen Arbeit über die Schulter schauen und den Entstehungsprozess eines neuen Museums fast hautnah mitverfolgen. Eine klasse Idee und so etwas wie ein langer Teaser für die Eröffnung des Museums − sympathisch und bestechend persönlich umgesetzt.

Nun hat Markus ein sogenanntes Blogstöckchen als Regionalstöckchen in der 0711-Version ausgeworfen: An 0 Blogs von außerhalb Stuttgarts und 7 Blogs aus Stuttgart werden 11 Fragen gestellt.

Elf Fragen sollt ihr sein

1. Warum gibt es Deinen Blog? Ich schreibe gerne. Besonders gerne, wenn damit kein beruflicher Druck verbunden ist. Für einen solchen spielerischen Umgang kommt mir das Bloggen sehr entgegen. Der Weg zum eigenen Blog war allerdings ein langer. Vor zehn Jahren etwa, als ich ins Ausland ging, wusste ich noch nichts von der Existenz von Blogs und informierte Verwandte, Freunde und Bekannte über Rund-E-Mails mit Berichten aus meinem Gastland. Später, als ich Facebook nutzte, veröffentlichte ich dort unter anderem regelmäßig Rezensionen zu Büchern, Filmen, Cafés, Kulturveranstaltungen usw. Bis mir eines Tages jemand sagte: Schreib doch einen Blog, da ist das alles doch besser aufgehoben! Dazu kommt, dass ich noch nicht so sehr lange in Stuttgart wohne und mir mein Blog auch als Instrument zur Stadterschließung dient. „Zeilentiger liest Kesselleben“ gibt es nun ein knappes Jahr.

2. Welcher Deiner Blogbeiträge war am erfolgreichsten und was glaubst Du, woran das lag? Am erfolgreichsten im Sinne der Aufrufzahlen war Fitness first!, eine Sammlung alltäglicher Absurditäten, Beobachtungen also, die jeder Besucher eines Fitnessclubs machen kann. Das fand entsprechend Leser und ‚Aggregatoren‘ zur Weitergabe. Ein wirklicher Dauerbrenner hingegen ist Ein Stern im Süden – Zacke: „Das Bier aus Stuttgarts schönstem Flecken“ − einfach eine tolle Aktion von ein paar Leuten aus dem Lehen und ein Ergebnis, das schmeckt. Ein bisschen Kult. Die meisten Kommentare gab es zu Schmollmund und Tattoo im Markt am Vogelsang, wofür auch eine sprachliche Eigenheit verantwortlich sein mag, auf die die Gemütlichen Sitzsätze in ihrem 0711-Beitrag hinweisen.

3. Über was würdest Du nie schreiben? Fastfoodketten, Technik-Gimmicks, Verbrennungsmotoren? Aber man weiß ja nie …

4. Was wäre die bessere Bezeichnung für „Blogstöckchen“? Denkt man bei Blogstöckchen an den Staffelstab, der immer weitergegeben wird, kommt für 0711 doch eigentlich nur ein Wort in Frage: „Stäffele“. (Leser ohne Stuttgartkenntnisse könnten dazu das hier hilfreich finden.)

5. Was bedeutet Heimat für Dich? Die Frage kommt mir doch sehr bekannt vor. Richtig, in In einen Buchenstab geritzt, irgendetwas über Heimat habe ich erst kürzlich darauf Antwort gegeben.

6. Was hast Du, was das Stadtmuseum Stuttgart nicht hat und was es dringend bräuchte? Die Einladung zu meiner letzten „Fenster zum Hof“-Party? Meinen Blog als Beitrag zu den Stadtgeschichten? Nein, nein, an Stuttgart muss ich erst noch wachsen, bevor ich etwas Dringliches beisteuern kann. Womöglich könnte ich ja wenigstens meinen Arbeitgeber überzeugen, etwas aus unserem Verlagsarchiv beizusteuern.

7. Was muss ein Museum haben, damit Du reingehst? Interaktivität. Es muss im wörtlichen Sinne „begreifbar“ sein, möglichst viele Sinne ansprechen und den Besucher aktiv miteinbeziehen und zum Tun herausfordern − also als ein handelndes (und − homo ludens lässt grüßen − verspieltes) Subjekt ernst nehmen.

8. Welche Speise ist für Dich untrennbar mit Stuttgart verbunden? Die Semmeln pardon Weckle der Bäckerei Metzger in Heslach. Eine große Auswahl an Sorten und eine jede hat ihren eigenen und guten Geschmack. Das ist in Zeiten von Einheitsware und Backfabriken etwas Kostbares geworden.

9. Welcher Sound ist für Dich typisch Stuttgart? Lange überlegt und „im Ohr“ durch Stuttgart gewandert: kein spezieller Sound der Stadt. Also Musik. Das könnten die Tiger Shower Caps sein: eine Stuttgarter Band, die gar nicht nach Stuttgart klingt. Und trotzdem für mich sehr Stuttgart ist.

Liebeserklärung an Stuttgart?

Liebeserklärung an Stuttgart?

10. Welches Vorurteil über Stuttgart ärgert Dich am meisten? „Stuttgart ist hässlich.“ Alter Schwede. Zugegeben, früher dachte ich das selbst einmal. Seit ich hier wohne, sehe ich die Stadt mit ganz anderen Augen. Seien wir ehrlich: Ja, es gibt genügend Hässlichkeit in Stuttgart. Aber es gibt auch eine ganze Menge ganz und gar nicht Hässliches. Kürzlich kam ich von einer kleinen Reise zurück und wanderte nachts auf dem Heimweg durch zwei Bezirke und hörte mich plötzlich zärtlich sagen: „Bist du schön, Stuttgart.“ Die Liebe, sie reift … Daher freue mich auch jedesmal, wenn Besucher, mit denen ich die Stadt zu Fuß oder mit dem Rad erkunde, am Ende sagen: „Du wohnst aber in einer schönen Stadt.“ Geht doch.

11. Du hast drei Wünsche frei, welche sind das? Meine privaten Wünsche erzähle ich besser bei einem Bier, zum Thema Weltfrieden hat André Dietenberger ja schon alles gesagt und den bezahlbaren Wohnraum haben die Gemütlichen Satzsitze schon angesprochen. Was bleibt?

1. Stuttgart als lebensfrohes Experimentierfeld der Zukunft und dazu gehören (vermutlich) auch noch mehr Spielräume gesellschaftlicher Vernetzung, die die Menschen zusammenbringt und Grenzen zu überwinden hilft.

2. Mehr sonnige Außenplätze an Cafés und grünschattige Sitzräume. Das macht eine Stadt erst so richtig lebendig.

3. Dass die Ratzers noch lange ihr Schallplattencafé führen. Zugegeben, das war jetzt doch schon ein recht privater Wunsch.

Und die Stafette geht weiter

Vielleicht wollen Black Dots White Spots, die Reisemeisterei, Mojo from the Blog, Patrick Schneider und womöglich als „Externe“ auch bittemito (Frau Knobloch verzeihe das folgende pragmatische „du“ und betrachte die Fragen in der Vergangenheitsform) das „Stäffele“ aufgreifen (der Taxiblog Stuttgart scheint ja leider nicht mehr aktiv zu sein). Es ist auch geschrumpft auf sieben Fragen.

Die Regeln sind denkbar einfach: Verlinkt euren Artikel mit demjenigen, von dem ihr das Blogstöckchen habt und gebt im Kommentar Bescheid, wenn ihr fertig seid. Und wenn ihr Spaß daran habt, verfasst eure eigenen 0711-Fragen und gebt sie an eine von euch bestimmte Zahl an Bloggern weiter.

Was wird die Stadt der Zukunft bringen?

Was wird die Stadt der Zukunft bringen?

1. Was macht dich glücklich in Stuttgart?

2. Was stört dich an an der Stadt am meisten?

3. Und was verzeihst du ihr am bereitwilligsten?

4. Welche Farbe hat für dich Stuttgart?

5. Das Stuttgart der Zukunft − was braucht es unbedingt?

6. Welche andere Stadt muss es noch sein für dich?

7. Dein Geheimtipp zu Stuttgart?

 

Der Paarungsflug der Benztownwespen − Tiger Shower Caps

TigerShowerCapsDass eine Stuttgarter Band bei einem amerikanischen Label unterkommt, ist nicht selbstverständlich. In Achtspuraufnahme in Stuttgart eingespielt, erschien das titellose Album der Tiger Shower Caps bei Radio Is Down, einem kleinen Label im Bundesstaate Washington, das sich selbst inspiriert fühlt von Bands wie My Disco, Shellac oder The Jesus Lizard − beste Nachbarschaft für die Scheibe des Stuttgarter Quartetts.

Das Intro des Albums ist ironisch. Zu Takten aus dem 80er-Jahre Hit „Theme from S-Express“ kündigt eine werbeerprobte Stimme Duschhauben („Shower Caps“) an und ruft die Band damit on stage. Mit Acid House oder Disco haben die zehn Songs (inklusive eines Überraschungs-Bonus) allerdings nichts zu tun. Mit nervösen, treibenden Post-Punk- und Indie-Rock-Klängen legen die Tiger Shower Caps los und klingen sehr amerikanisch und überhaupt nicht nach Stuttgart. Die Gitarren sind scharf und kantig, der Sänger stößt seine Worte hervor (der Gesang erinnert vage an Mark Mothersbaugh von Devo), der Ausdruck ist kernig. Später erlaubt sich die Band auch andere Einflüsse, die Songs klingen „europäischer“, neben No Wave-, Noise- und Mathrock-Elementen − ganz besonders deutlich ist der rhythmisch abgehakte Sound der Gitarre à la My Disco im Song „Treasure Chest“ − nehmen die Tiger Shower Caps auch Anklänge an britische New Wave-Bands und melodische Elemente auf. Das Stück „Rocketnation“ gibt sogar Raum für einen elaborierteren Gesang und dem Sound damit eine überraschende, ganz andere Attitüde. Alles in allem werden die Songs tendenziell ruhiger, ohne aber den Hörer in die Komfortzone zu entlassen. Die Eindringlichkeit der Wespe − sie prangt groß und mit gelber Signalfarbe auf dem CD-Cover − zieht die Band durch.

Dabei gehören die Tiger Shower Caps gewiss nicht zu den „wütenden jungen Bands“. Dafür haben sie zu viel musikalische Erfahrung (das schwächste Glied des Quartetts: das Schlagzeug) aus früheren Bandprojekten, zu sehr Lust an Präzision und an ironischen Brüchen (vom Bandnamen über musikalische Anspielungen bis hin zu dem eingeblendeten Filmzitat der Log Lady aus Twin Peaks). Aber sie sind nervös, angriffslustig und glaubwürdig wie ausschwärmende Wespen.

Die Tiger Shower Caps gibt es nicht mehr. Nach ihrem Debüt von 2008 hatten sie noch eine zweite Scheibe eingespielt („High Octane“ − Benztown lässt grüßen?), danach löste sich die Band auf. Drei von ihnen haben sich anschließend mit dem Schlagzeuger von Krautheim zu den Fighting Ships zusammengeschlossen. Ende 2012 hatten sie ein Album angekündigt. Wenige Monate später fiel ein Konzert kurzfristig aus, seither herrscht Schweigen. Und Stuttgart wartet.

Was bleibt da anderes, als auf die Tiger Shower Caps zurückzugreifen. Ihr namenloses Album war für mich eine der großen musikalischen Entdeckungen von 2013 − Grund genug, nochmals an diese Scheibe zu erinnern, auch wenn sie bereits vor über fünf Jahren erschienen ist. Erhältlich ist das Album − in einer Auflage von 500 Exemplaren produziert in einer optisch wie haptisch ansprechend gestalteten Hülle aus Recyclingkarton − übrigens immer noch. Geheimtipp: Ratzers wunderbares Schallplattencafé in Stuttgart hat noch Exemplare. Hinten auf Ratzers Schreibtisch sticht das gelbe Cover zwischen anderen CDs hervor. Da liegt die Scheibe, seit Monaten und Monaten, eine kleine Perle und keine Sau kümmert es. Bitte bergen. Und dazu auf dem roten Sofa oder dem Zebraohrensessel eine Pause einlegen, trinken, lauschen, entspannen. Der Kaffee aus der treuen roten Espressomaschine gehört zum Besten in ganz Stuttgart und wer Koffein scheut, versuche den köstlichen Ingwer-Orangen-Bio-Tee. Aber halt, über Ratzer Records wollte ich gar nicht schreiben. Diese Oase verdient einen eigenen Beitrag.

Tiger Shower Caps, s/t. Recorded, mixed and mastered summer of 2007 by TSC in Stuttgart. Made in the USA.  2008 by Radio Is Down. Spieldauer: 30:20 Minuten.

https://myspace.com/tigershowercaps

P.S. Eine ganz andere Lieblingsscheibe aus 2013 ist hier besprochen. Der nächste Sommer kommt bestimmt!

„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart

a2256488481_2Das Cover kann man als Pose abtun, als billiges Spiel mit der Gewalt. Mir gefällt es, aber ich hatte auch auf einem Wanderurlaub in Norfolk eine ganze Fotoserie toter Tiere – Trail of Dead – gemacht.

„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – unter diesem Motto veröffentlichten 13, nein halt, 12 Bands aus dem Stuttgarter Raum einen Sampler. Exklusiv auf Vinyl (und als Download), in einer 500er-Auflage. Heute war die Release-Party mit Konzerten bei Ratzer Records und bei Second Hand Records. Wer nicht so lange warten wollte, konnte sich die Platte bereits vorab auf dem ESxSW-Festival in Esslingen (oder ganz einfach bei den genannten Plattenhandlungen) besorgen.

Punk, Postpunk, Noiserock, Psychedelic – zwischen diesen Genren wandern die musikalischen Grüße aus Stuttgart: Human Abfall, Levin Goes Lightly, Die Nerven, Karies, Blunt Knives, Melvin Raclette, All diese Gewalt, Wolf Mountains, JFR Moon, Mosquito Ego, Jamhed, Peter Muffin haben ein schwungvolles Repertoire musikalischen Schaffens abseits des wohlbekannten Stuttgarter Sprechgesangs zusammengetragen.

Leider ist ein Wort im vorigen Satz gelogen. Welches? Beginnen wir damit: Der Aufnahmesound ist sehr flach, die Spitzen nach oben und unten sind gekappt. Manchmal kann auch das Ausdrucksmittel sein. Hier korrespondiert die eindimensionale Aufnahme mit den Inhalten. Vieles dürfte ein jungwilder Sampler aus dem Stuttgarter Kessel: mitreißen, verzücken, rocken oder meinetwegen auch einfach schockieren, wie ein in ein Handtuch eingewickeltes Stück Seife dem Zuhörer links und rechts um den Kopf fliegen. Stattdessen legt sich das Handtuch einfach auf den Kopf, da liegt die Seife und tut recht wenig. Am ehesten noch einen Ausdruck zu transportieren scheint mir JFR Moon mit dem Song „Modern Ships“. Insgesamt gebricht es an der mangelnden Authentizität, der Scheibe fehlt es (ich gestehe, jetzt zitiere ich einen Mithörer) an Gesinnung.

Und was haben die Songs mit Stuttgart zu tun? Musikalisch nichts. Nicht mehr, als dass die Bands aus dieser Stadt stammen. Aber selbst das lässt sich nur mittelbar erschließen, denn auf der Plattenhülle fehlen über Band- und Songnamen hinaus Informationen – wer spielt was, wo wurde aufgenommen. Eine Platte wie hingeworfen, bezugslos oder um es anders zu sagen: heimatlos. „Von Heimat kann man nicht sprechen“ – sehr wahr, aber das ist kein konzeptionelles überzeugendes Gemeinsame. Das ist das Versagen des Samplers.

Von Heimat kann man nicht sprechen. 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart. Offizieller Vinyl-Release 20.12.2013

Carver – Stuttgarter Nu Metal aus der Hinterbank

Die Wahrnehmung regionaler Bands hat manchmal etwas so Dankbares. Ein recht überschaubarer Einsatz – ein günstiges Konzert, der Kauf einer selbstproduzierten CD, ein Posting in den social media – schafft bereits das wohlige Gefühl, Förderer der heimischen Kulturszene zu sein. So leicht lässt sich für ein paar Momente die Illusion eines Schmalspurmäzens konstruieren …

Die Stuttgarter Band Carver, ehemals Subterfuge Carver („Deathcore“), hat sich neu aufgestellt und im Februar ihr erstes Album „The Great Riot“ vorgelegt. Im Mai waren sie auf Konzert in Stuttgart und wärmten sich an einem der angenehmsten Orte der Stadt mit einem Akustik-Auftritt auf. Metal-Sound und „Great Riot“ unplugged – kann das aufgehen?

Es kann. Zwischen rotem Sofa und Schallplattenkisten spielten die fünf Musiker mit sympathischer Heiterkeit auf – eine unterhaltsame Unplugged-Interpretation ihrer Songs. „You never tried“ etwa, auf dem Album schnörkellos metallisch vorangetrieben, kleidet sich in der Akustikversion in bestes Südstaatenflair. Beim Refrain „Keep on Moving“ will man nur eines: auf den Straßen South Carolinas die Meilen fressen, die Fenster weit geöffnet – “Keep on breathing / breathing fresh air” –, während einen die Räder südwärts tragen.

Die Albumaufnahmen (zehn Songs von gut 43 Minuten Länge) warten mit anderen Geschützen auf. Treibende Rocksongs mit Clean voice-Gesang, melodiösen Refrains und (freundlich ausgedrückt) ziemlich geradlinigen Texten markieren „The Great Riot“ und beweisen in den besseren Stücken die Gabe zu überraschen, etwa mit spielerischen Progressive-Anleihen im sonst schnörkellosen Bett des Nu Metal. Zu den Höhepunkten des Albums zählt sicher „Precilla“, das flott und rhythmisch voranknüppelt – ein echter Kopfnicker.

Zwei Songs fallen aus diesem Raster: die gefällige Ballade „No one“ und das durchaus gelungene „Teardrop“-Cover (Massive Attack). Zwar muss die Coverversion ein wenig Überzeugungsarbeit leisten, gefällt dann aber immer besser: zu süßlich die ersten Takte, zu wenig markant die Stimme von Daniel Neuberger, aber dann legt der Song los (und erinnert fern an „Swamped“ von Lacuna Coil) und man denkt sich: Hut ab.

Überzeugend ist das Album alles in allem trotzdem nicht: manche Songs bleiben einfach zu flach und insgesamt fehlt „The Great Riot“ noch ein Quantum musikalischer Eigenart, an Charakter. Zu den Großen gehören Carver eben doch nicht. Und bleiben eine Stimme aus der Hinterbank.

The Great Riot
Released: 1.2.2013
Label: Supreme Chaos Records/Soul Food