Chinkali mit drei Bratschistinnen

Es ist einer jenen schlichten Gaststätten, an denen früher oft ein Schild „Deutsche und jugoslawische Küche“ hing. Zwischen den beiden uniformierten Puppen mit Fellmützen und Dolchen im Gürtel beschallt ein Alleinunterhalter das Lokal mit osteuropäischen Schlagern. Manchmal singt er zu seinem Konservensound, zu anderen bläst er das Saxophon, immer ist er zu laut. Die Menschen an den Tischen scheint es nicht zu stören. Englisch, Russisch, Deutsch und ja, auch mal Georgisch ist zu hören: Das Tshito-Gwrito ist Stuttgarts einziges georgisches Lokal.

Gegen den ersten Hunger teilen wir uns Chatschapuri, mit Käse und Ei gebackenes Fladenbrot, und einen kleinen Berg Chinkali. Wer diese Teigtaschen an ihrem „Hut“ greift, tut gut, erst einmal nur eine Ecke anzubeißen. Sie sind mit Hackfleisch und mit Brühe gefüllt, und die will schließlich geschlürft und nicht über die Kleidung verteilt sein. Den teigigen „Hut“ lassen Kenner liegen. An ihrer Zahl lässt sich am Ende der Appetit aller Speisenden ablesen.

20141121_211324

Die zweite Runde wird geschmacklich raffinierter, und nicht umsonst galt die georgische Küche in der Sowjetunion als die feinste. Walnuss ist fast allgegenwärtig, auch Granatapfel und grüner Koriander werden gerne verwendet. Die Spinatbällchen Pchali sind großzügig mit Knoblauch gewürzt, in ihrer Variante aus Weißkohl dominiert der fruchtige Geschmack des Granatapfels. Das Lobio aus roten Bohnen ist ein wenig zu salzig geraten; die Auberginenscheiben mit Walnusssoße sind wunderbar zart; geschnetzelte Geflügelinnereien köcheln in einer dunklen, würzigen Soße. Und zu Kababi, Hackfleischrollen mit einer kalten Tomatensoße, wird aus Neugierde noch eine zweite Tunke bestellt: Tkemali, eine säuerliche Soße aus grünen Pflaumen.

Auf die georgische Sitte der Trinksprüche verzichten wir und am guten Wein halten wir uns zurück. Der kaukasische Tropfen ist nicht günstig, unsere Börsen hingegen sind nur mager befüllt und Kartenzahlung nicht möglich im Tshito-Gwrito. Das bremst das Gespräch nicht, auch bei Wasser und Bier kommen wir in Schwung, lachen über den Versprecher Nekrolepsie, lernen, dass Fruchtfliegen kein Rapid Eye Movement haben, legen die Stirn in Falten zu einer Coverversion von „Hotel California“ und stellen fest, alle drei Frauen am Tisch haben einmal Bratsche gespielt.

Der Alleinunterhalter ist längst verschwunden, die Tische sind geleert, außer uns ist nur noch die georgisch-amerikanische Gruppe am Nebentisch. Sie lässt sich eine weitere Flasche Wein bringen, eine Diskussion über den dunklen Tropfen entbrennt mit der jungen Bedienung, die so munter ist wie ihre Lippen rot und ihre Augen dunkel. Wir lassen sie allein mit ihrem Rebensaft und treten hinaus in den Stuttgarter Osten. Drüben, überm Fluss, heißt es, soll es ein russisches Lokal geben. Das ist doch ein Ausblick.

Tshito-Gwrito: Heinrich-Baumann-Straße 23 − 70190 Stuttgart
(Haltestelle Stöckach)

20141121_230747

 

Advertisements

Sich erheben

Allgäuer Alpen_Geröllfeld

Sich erheben

 

 

 

 

 

 

Vom Unterland her drängt der Mais immer weiter in die grünen Hügel hinein. Einst war das Allgäu blau von seinem Flachsanbau. Nun weichen immer mehr Kuhweiden dem Energiemais, die Subventionspolitik macht es möglich. Wo das Grün noch der Milchwirtschaft vorbehalten ist, stehen Kühe braun hingesprenkelt auf den Wiesen, es ist die Jahreszeit, in der auch Vieh, das heutzutage nur noch selten unter dem freien Himmel grast, hinaus darf zwischen Oktoberlicht und Nebel. Auf anderen Feldern leuchtet hell der Schnitt, wo forsch noch einmal die Mahd eingeholt worden war.

Das Land ahnt den Herbst an diesem 3. Oktober. Birken zittern fiebriggelb, Buchen tunken ihre Fingerspitzen ins dunkle Rot, Ahorn und Haselnuss suchen zögernd noch nach ihren Farben. Die Eschen geben sich unbeeindruckt, doch die gefallenen grünen Blätter da hinten auf der Tenneneinfahrt entlarven auch sie.

Auf der buckeligen Wiese käuen Schumpen – das noch nicht milchreife Jungvieh –, ein Tier glotzt uns unerschrocken an, ein zweites muht fordernd vom Bach herauf und im Gras liegt ein totes Kalb, verdreht, wie eine achtlos hingeworfene Spielzeugpuppe, der weiße Bauch zum Himmel gewendet, die zarte Schnauze einen Spalt weit geöffnet.

Die Kuhglocken läuten hell, die Blätter rascheln, sirren, schwirren im Wind, nur das Nadelgehölz rauscht tief und unbeirrt.

Allgäuer Alpen_Gipfel

In der Höhe

 

 

 

 

 

 

In der Höhe grüßt man sich. Die Schicksalsgemeinschaft Berg verwirklicht sich nicht erst in der Wand, auf dem Gletscher, sie gilt schon auf Wanderwegen. „Hallo“, nicke ich. „Servus“, sagen viele und ich erschrecke, wie verhochdeutscht ich inzwischen bin. „Servus“, frohlocke ich also und sie antworten servus oder hallo oder hi (ein – ein einziges – Mädchen!) und wer gar nicht grüßt, ist ein Stoffel, ein Muhagel oder nein, ein Städter, ein preußischer womöglich. Und dann stutze ich. Sagt ein Hiesiger – die Tiroler auf dieser Seite des Berges, die Allgäuer auf der anderen – denn servus? Wer sind dann die, die hier alle servus sagen? Fremde in Bergtarnung? „Grias di“, werfe ich dem nächsten Wanderer zu, und ja, jetzt bin ich wirklich hier. Ich schreite aus über den Weg, zwischen Gras und Holz und Stein und Licht und Weite. Alles, was ich hier nicht brauche, fällt ab von mir. Es ist Mitte Oktober und es ist einer der glücklichsten Tage meines Jahres.

Weizen_Büble Bier

Rast mit Klassiker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ich schaffe es nicht“, spreche ich durch das Telefon. „Die Bahn streikt und ich habe keine Mitfahrgelegenheit mehr gefunden.“ „Macht nichts. Wenn das Wetter hält, kann man ja noch bis in den November in die Berge.“

Allgäuer Alpen_Karawane

Die Karawane windet sich den Berg empor

 

 

 

 

 

 

„Du, es schneit hier“, sagt die Stimme im Telefon.

Allgäuer Alpen_Bach

Bergwasser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt ist es Mitte November und die Hand, welche die Bürste zu den Zähnen hebt, hält bleierne Gewichte.

 

Eine kaspische Irrung – Olivier Rolin, „Letzte Tage in Baku“

An einem Frühlingstag im Jahr 2009 setzte sich der französische Schriftsteller und Journalist Olivier Rolin in einem Hotelzimmer der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (Hotel Abscheron, Zimmer 1123) eine Pistole an den Kopf und erschoss sich. So nahm der Autor 2004 seinen eigenen Tod in einem literarischen Spiel vorweg. Fünf Jahre später reist er – gegen den Rat seiner Freunde – nach Baku ans Ufer des Kaspischen Meers: zu einem Rendevouz mit seinem eigenen literarischen Tod.

Der makabre Flirt sieht sich unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber, denn das Hotel Abscheron existiert nicht mehr. Einen Monat lang treibt Rolin, einem unerlösten Geist gleich, durch das kaspische Land, isoliert durch seine mangelnden Kenntnisse des Russischen (ganz zu Schweigen natürlich vom turksprachigen Aserbaidschanischen) und auf sich selbst zurückgeworfen.

Ich habe mich immer als Kosmopolit gefühlt, aber gehemmt, unzulänglich, unentschlossen. Schuldig, sprechen wir es ruhig aus. Wenn ich sterbe – vielleicht bald hier, in Baku –, werde ich unter anderem eines bedauern: dass ich nur ein Grabscher von Sprachen war, dass ich sie nicht zu meinen Maitressen gemacht habe.

Seine Stadtodyssee führt ihn in eklektizistische Paläste, die neureiche Ölbarone – eine muslimisch-kapitalistische Aristokratie, gegen die sich Stalin (als der diesen Namen noch nicht trug) als Bankräuber und Terrorist seine Sporen als sozialistischer Kämpfer verdiente – Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet hatten, eine Epoche, die der schillernde Autor Essad Bey alias Lew Abramowitsch Nussimbaum alias Kurban Said einst so malerisch beschrieben hatte.

Rolin pirscht sich an Sungarit heran, den größten petrochemischen Industriekomplex der UdSSR, früher eine Gartenlandschaft mit begehrten Melonen, heute eine kilometerweit verwüstete, düstere Landschaft entlang des Kaspischen Meeres und einer der am stärksten von Umweltgiften verseuchten Orte der gesamten Welt.

Rolin sucht die Stimmen Aserbaidschans, vom ehemaligen Offizier der Roten Armee und Afghanistanveteranen, der nun das Hungerdasein eines Bettlers fristet, bis zum Maler Tahir Salachow, der sich mit beinahe jeder Berühmtheit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ablichten lassen. Und er unternimmt einen Ausflug über das Kaspische Meer hinüber nach Turkmenistan, einer weiteren der ehemaligen Sowjetrepubliken, die erstarrt ist unter dem wahnwitzigen Kult um ihren Staatsführer, dem Turkmenbaschi („Führer der Turkmenen“) Saparmurat Nijasow.

Einer der Fischer, ein großer, schlaksiger Kerl mit Bart und im Trainingsanzug, fragt mich, ob es in Frankreich Fische gebe (diese Frage …) und ob es Carla Bruni gut gehe (diese Frage bejahe ich weniger nachdrücklich, hm, ja doch, ich habe den Eindruck, ja).

Ein Reisebericht kennt immer drei Ebenen einer Reflexion oder Auseinandersetzung – der unmittelbaren Begegnung mit dem Gegenüber; der mittelbaren durch Rezeption anderer Quellen und Wissensvermittlung aus zweiter Hand; der Konfrontation mit sich selbst – und entsprechend erhält ein Reisebuch seinen Grundcharakter durch die Gewichtung der drei Ebenen. Rolin räumt allen dreien Platz ein, in einer immer wieder seine Form suchenden, oszillierenden Gemengelage.

Welchen Sinn hat diese Geschichte eigentlich, die Sie gerade lesen? Und was ist es überhaupt? Ein Reisetagbuch, zusammenhanglose Erinnerungsfetzen, ein Testament?

Dabei überzeugen Rolins „Letzte Tagen in Baku“ nicht immer. Wer ein Geflecht literarischer Bezüge schätzt, wird den Teppichknüpfer Rolin (mit seinen Rückgriffen insbesondere auf französische und russische Literatur) mutmaßlich genießen. Ungeachtet bestechender Schilderungen (etwa des Opernbesuchs, der menschenleeren megalomanischen Moschee in Kiptschak, der Ruinen von Merw) lässt der Erzähler doch Poesie missen. Womit selbstredend nichts Schwelgerisches gemeint ist, sondern eine Verdichtung von Sprache und Bild, die neue Blickfluchten öffnet. Nicht zuletzt wirkt der Erzähler in der Innen- und Außenwelt bisweilen orientierungslos, als hätte er nicht gewusst, was er mit seiner Zeit anfangen sollte.

In einer Schlüsselszene lichtet sich der (fast) nackte Autor in seinem Hotelzimmer selbst ab, das Foto ist in das Buch aufgenommen: Steif steht er da, den Kopf etwas schief gelegt, der Körper noch durchtrainiert, die Einsamkeit seines 62. Geburtstages steht in das Gesicht geschrieben, die Situation ist lächerlich. Es könnte Sinnbild einer biographischen Selbsthinterfragung unter dem Zeichen des Todes sein. Doch es fehlt der Odem der Überzeugungskraft. An dem Bild wie an dem Buch.

Eine Besprechung der sehr lohnenswerten Biographie „Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey“ von Tom Reiss findet sich auf Philea‘s Blog.

Olivier Rolin, Letzte Tage in Baku. Bericht. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2013. Halbleinen mit Lesebändchen, 160 Seiten mit 57 Schwarzweißfotografien.

La Inconclusa

Beim Mittagessen weinte ich. Ich war eben von der Schule heimgekommen und hatte mir etwas zu essen gemacht, legte eine Schallplatte meines Vaters auf und aß und überflog nebenher den Brief einer Hilfsorganisation für blinde Menschen, der mir aus irgendwelchen Gründen in die Finger geraten war. In dem Brief war viel von Licht die Rede. Ich war damals sehr empfänglich für Lichtmetaphern. Und plötzlich rannen mir die Tränen über die Wangen, während ich weiterkaute. Ich weinte vor Glück – über das Essen, über mein Augenlicht, über das Leben an sich. Das wäre nicht passiert ohne dieser Musik, die aus dem Nebenzimmer drang, dieser Schallplatte von Los Incas. Und ich war froh, allein zu Hause sein, denn ich weine furchtbar ungern vor anderen Menschen.

Los Incas_Musik_Schallplatte

Zeitreise mit Los Incas

Früher einmal, das müssen wohl die späten 80er-Jahre gewesen sein, da waren diese Indios da – vier oder fünf Musiker mit akustischen Instrumenten – vielleicht das Schönste, was mir in der Fußgängerzone der nächsten Kleinstadt passieren konnte. Ich blieb jedes Mal stehen, wippte mit dem Fuß und freute mich. Dann kramte ich ein paar kleine Münzen heraus – für diese Musik trennte sich auch der Schüler von ein bisschen Taschengeld –, stotterte etwas in meinem schlechten Schulspanisch, worauf die fremden Gesichter lachten, um gleich wieder in ihre unergründliche Reglosigkeit zu verfallen, und ich wusste nicht, hatten sie mich ausgelacht oder sich doch gefreut, und traute mich nicht, das herauszufinden, indem ich einfach weiterredete.

Später dann, als ich studierte, kamen andere in die Fußgängerzonen, meist nur noch zwei Indios, die sich, mit gewaltigem Federschmuck behangen, breitbeinig hinstellten und zu grauenvollen Eso-Kitsch-Synthie-Klängen aus großen Boxen in ihre Panflöten säuselten. Immer verhärteten sich meine Gesichtszüge und ich beschleunigte meinen Schritt. Nicht mehr Freude, sondern Verachtung verband ich mit diesen Begegnungen.

Dann passierte es im letzten Jahr, ausgerechnet kurz nachdem ich auf dem schönen Blog normalverteilt einen Beitrag über diese „Großstadtindianer“ einst und heute gelesen hatte. Nach ungezählten Jahren lief ich in der Fußgängerzone wieder einer Gruppe Indios über den Weg, die auf ihren Akustik-Instrumenten spielten, wie früher, richtige Musik. Mit leuchtenden Augen blieb ich stehen. Es war wunderschön.

Kürzlich drehte sich das Rad weiter. Ich schlenderte über einen Flohmarkt, stöberte hie und da in einer Kiste mit Schallplatten und nahm ein paar Scheiben mit. Sie waren günstig, denn es waren private Gelegenheitsverkäufer. Auf dem Rückweg aus der Innenstadt machte ich nochmals einen winzigen Schlenker über den Flohmarkt und stieß auf einen Stand mit Vinyl, den ich vorher übersehen haben musste. Eher halbherzig blätterte ich durch die Alben. Und da war sie, einfach so. Die Platte, die mir noch nie außerhalb meines Elternhauses begegnet war, die zufällig zu finden ich nie erwartet hatte: Los Incas, die sich zeitweilig Urubamba nannten und Simon & Garfunkel zu ihrer Einspielung von El Cóndor Pasa brachten (was für meine Geschichte jedoch nichts zur Sache tut). 1956 war die Band in Paris von dem Argentinier Jorge Milchberg gegründet worden war und bereits der Nachname zeigt, dass es sich bei Los Incas nicht um die ‚klassische‘ Gruppe von Cordillerenindianern handelte. Die Musik aber ist mindestens so schön.

Wie dieses Lied „La Inconclusa“ (Die Unvollendete) aus den Anden, eingeleitet von einem Dialog zwischen der spanischen Gitarre und der Bombo, einer indianischen Baumtrommel.

Si ha’i de caer la luna
que me espere un poquito más,
pues aún mi canción
no la pude terminar.

Wenn der Mond untergehen soll
möge er auf mich noch ein bisschen länger warten
weil ich mein Lied doch
noch nicht beenden konnte.

Tanzen

„Wovor hast du Angst? Dass dir die Noten vom Papier ins Gesicht springen und dich auffressen?“, fragt der Trompetenlehrer und dreht sich erst einmal eine Kippe.

Unerwartet tun sich ein paar freie Stunden auf und ich stecke zwei Bücher ein. Zwei, das ist wichtig. Bei Büchern sollte man immer eine Wahl haben. Auf halbem Weg zur Abendsonne entscheide ich mich urplötzlich um. Ich wähle eine Telefonnummer ein Stück weiter unten in der Straße und habe Glück.

Fünf Minuten später betrete ich das Zauberreich. Ein vietnamesischer Kaffee wird mir zur Begrüßung gereicht, er duftet – frei von jedem Zusatz – ungeheuer aromatisch (nussig, Macadamia mit einem Hauch Vanille) und schmeckt kräftig und geradeheraus, weniger verspielt, als der Duft vermuten lässt. Dann greife ich nach Kachori, indischen Gewürzbällchen. Die Zähne brechen die dünne Hülle auf, zermalmen das weiche Innere, setzen den Geschmack der Gewürze frei, lösen eine Explosion an Geschmäckern aus, Gaumeneruptionen einer Tropensonne, und erst wenn die süßlichwürzige Masse geschluckt ist, erst dann flammt die Schärfe wirklich auf – die Glückseligkeit nach dem Liebesspiel. Ich sitze im Sessel in der Mitte des Raumes und lausche den Bässen der Musik und spüre das Koffein in den Adern pulsieren und auf der Zunge tanzen die Genüsse eines Kontinents und der Kopf kippt in Zeitlupenschritten nach hinten, als wäre ich bekifft, und mein Leib ist ein Kessel aus geschmolzenem Gold.

Wir teilen uns den Tsipouro Schluck für Schluck aus der grünen Flasche. Hinter dem Etikett mit den kyrillischen Lettern verbarg sich einmal irgendein zuckerhaltiges Erfrischungsgetränk, jetzt schwappt hausgemachter griechischer Schnaps in dem Behältnis. Wie ein Spürhund springt der Gastgeber immer wieder auf und folgt unsichtbaren Fährten, blättert in den Schallplatten oder leuchtet mit der Lampe ins CD-Regal, um das nächste Stück zu finden. Denn es wird immer nur ein ausgesuchtes Lied pro Album gespielt, das ist ihm Ehrensache.

Inzwischen setzt er sich schon gar nicht mehr in seinen Sessel. Und wieder hat er eine neue Scheibe aus seinen tausendfachen Beständen gezogen, zieht weißes Vinyl aus seiner glatten Hülle, er rückt auf und hält mir die Scheibe entgegen wie eine Offerte. „Du bist dir schon im Klaren, dass wir auf ein Tanz-Event zusteuern?“, sagt der Verführer. Ich lache und sage, ja, das wisse ich.

Gelb leuchtet das Schild des nahen Baukrans auf im dunkelnden Abend, Rauchschwaden flimmern in dem gebündelten Lichtstrahl, der sich an der Decke bricht und als tanzende Leopardenflecken über Wände und Boden wandert, leichtfüßigen Panthergeckos gleich. Die Limoflasche Tsipouro ist längst Bodenseewasser aus der Bierflasche gewichen, wie wir den Raum ausmessen mit unseren Schritten. Und dann der Höhepunkt mit Perennial Divide, den „göttlichen“, wie er sagt. Die Wilde Jagd ist los, eine Kreissäge angeworfen, Stukas im Sturzflug, Schläfenschweiß, Tanz der Wolfsschamanen.

Die Füße kommen nicht zur Ruhe, der Zauber ist ausgesprochen, 13 Minuten lang treibt sie „Voodoo“ von Indoor Life über den rauen Teppich, hypnotischer New Wave, die Gitarre schwingt, fliegt, schneidet, der Gesang steigert sich in Ausbrüche, man weiß nicht, ist es Leiden, ist es Lust.

Aber es ist erst Mitte der Woche und Eskalation unklug. In Martis „Unmade Beds“, Dark Rock aus Genua, ist der Sturm vorbei, das Bett zerwühlt, das Gefühl voll. Dann wird auch das Herz ruhiger zu Mr. Cloudy, „Night Shining Star“, ruhigem Dubtechno aus Russland, eine nächtliche Musik, es ist der Blick in den Sternenhimmel, zur reduzierten Bassdrum werden die Bewegungen sparsamer, minimalistisch, aber zehnminutenendlos und rein wie die keplerschen Sphärenbahnen. Der letzte Song, „Transitional Objects (No Gravity Version)“ von Davor Ostojic hat noch Beat, doch er treibt nicht mehr zu Tanzwut an, er ist ein strenges Stück Kammermusik, E-Musik jenseits der Klassik, und lädt den kühlen Intellekt wieder auf den Thron. Es ist vorbei.

Und ich trage, ein Thymian-Bonbon im Mund, die beiden Bücher wieder nach Hause.