Brot holen

In der S-Bahn zum Flughafen sitzen zwischen Kofferbergen ein paar hübsche, junge Araberinnern. Ihre Lippen tragen kräftiges Rot und einen flüchtigen Blick erwidern sie ungewohnt direkt. Ich fahre nicht zum Flughafen, sondern steige in Stuttgart-Rohr aus. Biege an der Kreuzung links ab, passiere den kleinen Buchladen und ein italienisches Lebensmittelgeschäft, steige an der Diakoniestation vorbei den Hang hinauf, bestockten Rentnern entgegen. Dann bin ich im Wald. Ein Jogger, die Arme viel zu steif, trampelt an mir vorbei und die Autobahn wird mit jedem Schritt lauter. Dieses Rauschen ist ein Schmerz, eine Bedrängnis, man möchte sie abwerfen wie der wilde Wolf die von den Alben geschmiedeten Fesseln.

Jenseits der Brücke, den Alten Schaftrieb durch den typischen Buchenmischwald hinab, beginne ich, Spaziergänger zu grüßen, lasse es aber bald wieder – der Wald gehört doch immer noch zur Globule der Stadt. Die nächste Schneise ist weniger augen- und ohrenfällig als die A8, nur kurz leuchtet das Rot einer S-Bahn nach Herrenberg zwischen den Stämmen. Sitzt man in ihr, taucht hier im Wald vor Böblingen ein unmittelbar an den Schienen gelegenes Häuschen auf, das geheimnisvolle Bahnwärterhaus, wie ich es nenne. Von der Waldseite aus entpuppt es sich als das Gütle eines verspielten, sicherlich nicht verarmten Geistes: Jedes Fenster scheint anders, sogar ein großes Rosettenfenster schmückt das Gebäude. Eine eigenwillige, ordentliche Handschrift prägt Häuschen und Garten.

Unter den Schienen hindurch leitet der Weg in einen feuchten Taleinschnitt. Die kunterbunt liegenden Stämme sind von Moos überwuchert und leuchten grün im stumpfen Rotbraun des Februarwaldes. Ein Hochseilgarten liegt verlassen im Schmellbachtal. Über einen kleinen Höhenzug umgehe ich das Tal, um etwas später doch wieder die Wiesen zu treffen. Auf der anderen Seite des Baches begegnen sich zwei Hundebesitzer. Einer lacht laut, ein unsympathisches Lachen, das gerne drüben bleiben darf. Bedauerlich, dass das vielleicht schönste menschliche Geräusch sich oft genug hässlich zeigt.

Ich erreiche Musberg, streife den Ort und eine in nackten Beton gegossene Schlafsiedlung. Ein junger Rotschopf in hautfarbener Hose kommt mir entgegen. Im alten Dorfkern, hinter dem für Fasnet herausgeputzten Haus, führt ein schmaler Asphaltweg hinein ins Siebenmühlental und nach dem Pferdehof – der Oberen Mühle – liegt bereits die zweite Etappe. Der Hofladen der Eselsmühle hat auch sonntags geöffnet und so kaufe ich ein hausgemachtes Dinkelbrot. So etwas wie diesen Demeterbetrieb schätze ich sehr, gestehe aber freimütig, dass mir nicht alle Brote dieser Holzofenbäckerei zusagen. Mit manchen ließe sich eher ein Verbrechen verwirklichen als eine leckere Brotzeit.

In der gutbürgerlichen Mühlenstube sind an diesem Sonntagmittag alle Tische besetzt, aber im Stallcafé finde ich noch ein Plätzchen. Zwischen Tellern mit Bio-Kässpatzen und Gesprächen über die nahe Landtagswahl mache ich mit einem Kaffee und dem Notizbuch eine kleine Rast. Zurück auf dem Hof streiche ich der dreifarbigen Katze nicht über den Kopf (denn gerade eben schlägt sie nach jemandem), überhole Aisches Dreigenerationenfamilie – die Großmutter züchtig mit Kopftuch und Abaya, sie selbst Tüten mit süßem Gebäck aus der Demeter-Mühle in der Hand, die Kinder flitzend, trödelnd, ihren Namen rufend –, und wandere weiter das Siebenmühlental hinab und dann hinauf nach Leinfelden zur S-Bahn, das Brot für die kommende Woche im Rucksack.

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Novemberklein, erstes Drittel

Sie hat ein Tattoo hinterm Ohr und ich denke mir nur: Vampirbesitz.

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Wunderbarste Novemberstimmung. Das Licht der Laternen und Scheinwerfer von einem weichen, lockenden Gelb dank der Teppiche aus Laub und Nebelschwaden, die Luft tatenlustig frisch. Was fehlt, ist nur noch, in ein von tausend Kerzen erleuchtetes Herrenhaus am Hang geladen zu werden.

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Ein Stapel Amtsblätter vor der Tür (niemand liest sie), die Straße gesperrt für eine Baustelle, deren Niederkunft naht, Lockern des Schals im Ahnen von Sonne. Erste Schritte am Tag.

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Mittags Kaffeegespräch mit einem älteren griechischen Herrn. Nach 45 Jahren in Deutschland spricht er immer noch ein fürchterliches Deutsch, und in seiner gebrochenen Sprache erklärt er mir, weshalb die Griechen an ihrer Wirtschaftskrise voll und ganz selbst schuld seien und sich an Deutschland ein Vorbild nehmen sollten. Und ich frage mich: Ist der Mann nun integriert oder nicht?

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Hinter der Trikolore aus Blättern – Gelb, Grün, Rot in drei warmen Streifen – Menschen in Klettergurten. Baumbürger jenes Herbstlandes?

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„Das ist der Tigerpapa.“ Ich stutze über den unerwarteten Ehrentitel. Nachdem die Kinder bespaßt sind, überlasse ich sie wieder ihren Eltern und schreite in das Tal hinab, zwischen den Felsen hindurch, dem Gewässer nach. Forellen schwimmen in Licht. Die Klarheit der Ach ist – ach. Als sich die Türme des Zwiefaltener Münsters vor mir zeigen, biege ich links ab, die Serpentinen hoch, lasse Ziegen an meinen Händen schnuppern. Über Trampelpfade folge ich der Beschilderung, schließlich durch einen aufgelassen Garten hindurch, dann bin ich im Loretto. Für das Café am ökologischen Hofladen bin ich leider zu früh (verlockend reihen sich schon Brote und Gebäck), aber Moritz kann ich mich kurz in der Backstube vorstellen. Er bloggt in seiner Freizeit, fängt in Zweizeilern kraftvoll die Landschaft der Schwäbischen Alb ein. Moritz rollt Teig aus, ich störe, freue mich trotzdem, wieder einmal einen Menschen aus der Blogosphäre im leibhaftigen Leben getroffen zu haben.

Hinter dem Hof schlage ich einen Weg zwischen Buchen ein. Der Boden ist nichts als rotes Laub und Krähen krächzen laut, fordernd, gierig. Beinahe unheimlich ist dieser Novemberwald, träte ein Wesen fremder Art hinter einem Baum hervor, würde ich mich erschrecken, nicht wundern. Dann begreife ich das Kreischen der Vögel. Ein Luftkampf findet statt, Bussarde hart bedrängt von einem Krähenschwarm. Die Schlacht begleitet mich noch eine Weile.

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Pappardelle al filetto di manzo. Ein Traum in Nelke und Tomate.

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Gedicht, das ich im Vorbeigehen treffe, du gefällst mir. Ja doch, Walt Whitman würde sich freuen über diese Begegnung in der Straßenbahn.

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Das Fenster in Blau quert sie, dann hält sie unterm gelben Schein des nächsten, als wäre es hier wärmer für ihre dringlichen Worte am Ohr.

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Waldbier 2014: Schwarzkiefer. Eine leichte, grüne Flasche mit dem elegant schlichten Etikett eines Produkts, das weiß, was es wert ist. Die Flüssigkeit unter dem zarten Schaum in der Farbe von Bernstein und Baumpech, eine Note von Honig und Met in der Nase, von Harz auf der Zunge, bitter und süß umspült zugleich wie das wahre Leben. Ein kleines, starkes Bockbier aus „100% heimischen Rohstoffen“, gebraut in Österreich, weshalb das Bier Schwarzkieferzapfen aus den Bundesforsten des südlichen Wienerwaldes aufnehmen darf. Ein richtiges Genussbier, das seine Zeit verdient. Etwa zu einer Schallplattenseite von My Brightest Diamond.

Tigerfeld_Schwäbische Alb_Glastal_Tiger_Wegweiser

Schmollmund und Tattoo im Markt am Vogelsang

Ich steige zum ersten Mal an der Haltestelle Stuttgart-Vogelsang aus und bin sofort für den Stadtteil eingenommen durch den Anblick jener eleganten jungen Frau in Rot, die vor mir die Stadtbahn verlässt. Augenblicklich klemmt sie sich eine Zigarette zwischen den arroganten Schwung ihrer Lippen, ich skaliere ein wenig nach unten und bin dann überrascht, dass sie wie ich den Weg zur Markthalle am Vogelsang einschlägt.

Die berühmte Bauernmarkthalle im ehemaligen Straßenbahndepot gibt es nicht mehr, für sie komme ich zu spät. Seit 2010 können Biowaren dafür im Neubau erworben werden, dem „Markt am Vogelsang“ − einer Art Öko-Mall im Stuttgarter Westen, Halbhöhenlage.

Die Galerie mit Holzgeländer teilt sich das Restaurant Lässig mit einer Verkaufsfiliale des Waschbär-Versands (Mini-Bär für die Kleinsten inklusive). Eigentlich suche ich nach Handtüchern aus Bio-Baumwolle, sie gibt es nicht in der Auslage. Die Hemden und Lederhalbschuhe sind zwar auch verlockend (sie sind es immer) und dazu gerade im Angebot, aber für einen „Ich kaufe aus Spaß und nicht weil ich es brauche“-Einkauf mir doch immer noch zu kostspielig.

Also geht es wieder hinab ins Erdgeschoss, nach rechts und dann katapultiert sich ein Geschäft aus dem Nichts unter die Top drei der Stuttgarter Buchhandlungen. Buch + Spiel. Edition tertium hat eine Menge Spielwaren, etwa ein Drittel der Fläche ist für Bücher reserviert: ein ganz ausgezeichnetes, spürbar handverlesenes Sortiment, das auch und gerade Titel aus unabhängigen Verlagen umfasst.

Bevor ich mich mit hemmungslosen Bucheinkäufen unglücklich mache, rette ich mich hinüber ins Café De Luca − einer Theke mit Backwaren der Eselsmühle (einer Demeter-Holzofenbäckerei im nahen Siebenmühlental) und ein paar soliden Tischen. Der Bobbes ist leider zu trocken, das geht auch anders, und der Kaffee ist aus einem „Knöpfchen-drück-mich“-Vollautomaten und damit (ja, ich weiß, ich wiederhole mich) per definitionem nicht genießbar, aber der über und über tätowierte Kellner ist von ganz perfekter Aufmerksamkeit.

IMAG0588Ein Kaffee im De Luca

Ich knabber an meinem Eselchen und schaue mich um. Draußen wehen Demeterfahnen jenseits der winterlich verwaisten Terrasse mit den Olivenbäumchen und den Markisen von Neumarkter Lammsbräu, der einzigen Brauerei neben Erdinger im Übrigen, der es gelingt, ein köstliches alkoholfreies Hefeweizen zu brauen. Drinnen neben Buch + Spiel der Marktladen, der nicht nur im Namen etwas an den Marktladen in Tübingen erinnert, dem angenehmsten mir bekannten Bioladen, da ihm das Kunststück gelingt, das reichhaltige Angebot eines Biosupermarktes zu führen, ohne als solcher zu wirken. (Und selbstredend auch nichts mehr zu tun hat mit den graugesichtigen, penetrant riechenden Bioläden aus alter Zeit …)

Unter Carnivoren und Flexitarieren ist Boeuf de Hohenlohe hipp. Das Fleisch des Hohenloher Weiderinds gibt es neben anderen Bio-Delikatessen wie vom Schwäbisch-Hällischen Landschwein bei der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall neben dem Marktladen. Das Demeter-Weinsortiment mit Kochbüchern schließlich, in verschwenderischer Raumnutzung, schließt den Reigen ab. Wie die alte Bauernmarkthalle wohl war? Bio war sie auch, aber an einen quirligen Gemüsemarkt auf hartem Depotbeton erinnert hier nichts. Es ist alles sehr adrett und hübsch mit Wohlfühl-Biosiegel. Einer jener Stuttgarter Orte, wo ökologisches Gewissen und die Freiheit vor alltäglichen Geldsorgen eine Ehe eingehen und die Illusion einer schöneren und besseren Welt zaubern.

Als die Stimmung im Café zu betulich wird, steuert der knackige, tätowierte Kellner mit Reggaemusik dagegen. „Ja, wir haben Montag bis Samstag geöffnet“, antwortet er mit entzückendem Akzent. „Heute aber nur bis 18 Uhr. Wir haben Betriebsfeier später, alle zusammen − bis morgen Früh …“

Die Rote habe ich übrigens nicht mehr gesehen. Vielleicht war sie ja doch nicht in die Markthalle gegangen.

Markt am Vogelsang, Stuttgart-West

Design, Kunst und Mode am Feuersee – Stuttgarts letztes Sommerfest

Die Knirpse von der Wah Wah West Musikschule lassen „Highway to Hell“ krachen und stehen dabei auf der Bühne, als ginge sie das alles nichts an. Tut es irgendwie ja auch nicht: Die Songs, die sie auf dem Feuerseefest spielen, gehören ihrer Elterngeneration. Und die hat an der Vorführung der Buben sichtlich Spaß.

Stuttgarts letztes Sommerfest rund um die neugotische Johanneskirche mit ihrem charakteristischen gestutzen Kirchturm (im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder vollständig aufgebaut) freut sich über herbstlich-graues Wetter. Unübersehbar ist auf dem Fest die Handschrift des Westens, Stuttgarts beliebtestem Bezirk mit seinen Mutter-Kind-Ladencafés, seinem Parkplatzmangel und seinen historischen Altbauten – immerhin trotz Fliegerangriffen und späterer Bausünden eines der größten erhaltenen, zusammenhängenden Gründerzeitviertel Deutschlands. Alles ist hier ein bisschen alternativ, aber wohlsituiert, auffallend viele schöne jüngere Menschen und Familien tummeln sich auf dem Platz – hipp, glücklich und grün, so könnte die Formel lauten.

IMG_1603Slacklining über den Feuersee

Zum ersten Mal bereichern die kreativen Macher der DEKUMO das Fest mit ihrem Kunsthandwerk. Die Stuttgarter Initiative für Design, Kunst und Mode war vor einigen Jahren als Verkaufsplattform ins Leben gerufen worden, um die oft kleinen und versteckten Geschäfte und Werkstätten der Stadt präsenter zu machen. „Ich möchte alles kaufen“, schwärmt eine Freundin beim Gang zwischen den Ständen.

Ja, es ist ein Frauenmarkt, ohne Frage: Kleidung für Frauen und Kleinkinder aus Fair Trade-Materialien, Handtaschen – vom unvermeidlichen Filz über zartes Leder, rosa Rüschenstoff mit Totenkopfmotiv bis hin zu umgeschneiderten Textilien wie dem Rock aus Schottenkaro oder dem Tigerkunstfell –, Schmuck in den verschiedensten Variationen, bunte Stoffknöpfe oder Schlüsselbretter mit filigranen Mustern, handgearbeitete Notizblöcke, Postkarten mit den etwas anderen Fotomotiven aus Stuttgart („Esst mehr Brokkoli“), Kunstgegenständen wie die in transparentes Plastik eingegossenen Drucke zum Aufhängen („Der Kerl am Bass“).

IMG_1600Designerin Anna Bánkuti („anzu„) mit ihrer Schmuckauslage aus Silber und einem speziellen, ausbrennbaren Kunststoff, den sie einzeln per Hand bezeichnet – in der nächsten Ausgabe der britischen Vogue (Oktober) wird sie als Newcomer vorgestellt werden

Der Macher von 2un° recycelt typische Dachbodengegenstände und schafft so besonders erstaunliche Unikate: Tassenlampen, Seifenschalen aus Porzellantassen mit aus Gabeln gebogenen Haltern, Schreibkladden aus bunten, alten Jugendbucheinbänden, in die neue Papierbogen eingehängt werden – die Meinungen darüber sind, nun, disparat.

Selbst bei der Stärkung mit Fastfood muss man auf ein bisschen Stil nicht verzichten: Crepes holt man sich im „Heimathafen West“, Pommes und Currywurst (wahlweise Biofleisch oder vegan) gibt’s bei „Feinwerk`s ImBiobiss“, wo hinter einem Dutzend Kartoffelkisten stoisch drei Mitarbeiter die Kartoffeln für die frisch gemachten Pommes schälen – drunter macht es der Stuttgarter Westen nicht.

Und natürlich gibt es auch ein wenig Spektakel für die Kleinen: Mitmachmärchen, die „Hosenboje“, eine Seilrutsche über den Feuersee (leider nur bis 16 Jahre), oder ein Seiltanz über die 60 Meter des Feuersees. Ob der Slackliner beim Balancieren über der appetitlich trüben Brühe ein Atemgerät übergezogen hat? Wir wissen es nicht, wir haben ihn leider verpasst.

IMG_0637Es gibt tatsächlich Leben im Feuersee

Das 3. Feuerseefest fand vom 13. bis 15. September statt.

Fragezeichen im Biodiscounter

Kürzlich erzählte eine Kollegin, wie junge Kassierer in Biodiscountern beim Abwiegen von Gemüse manchmal schlicht nicht wissen, was sie vor sich haben. „Bei allem, was über Tomaten hinausgeht, kann’s mit dem Wiedererkennungseffekt schwierig werden.“ Heute habe ich es selbst erlebt. Zögernd rollt die Verkäuferin mein Gemüse auf die Kassenwaage, blättert in ihrer Preisliste hin und her und lächelt mich schließlich hilflos an: „Nicht Brokkoli, sondern …?“ „Blumenkohl“, helfe ich ihr aus.