Hirsch röhrt, Strauß stirbt

Die Hänge gleichen einer Wüste. Was einst Wälder waren, ähnelt einem Schlachtfeld aus geknickten, zersplitterten, zerstreuten Stämmen. Erst hatte der saure Regen Vorarbeit geleistet, dann kamen zwei Orkane mit vernichtender Wucht, was danach noch stand, hatte der Borkenkäfer zerstört. Heute noch stehen und liegen kahle, entrindete Bäume am Berg, von der Sonne gebleicht wie die Knochen einer zugrunde gegangenen Karawane.

Als der Wecker klingelt, steht der Vollmond noch am Himmel. Ich sehe ihn direkt von meinem Bett aus durch das Fenster des Baumhauses. Der runde Mond färbt, da die Sonne noch nicht aufgegangen ist, die Welt in einen fahlen gelblichen Ton. Es ist eine unwirkliche Farbe, wie sie nur in Zwischenzeiten möglich ist. Später, als ich von der Schnellstraße nach Osten abbiege, fahre ich geradewegs ins Morgenlicht. Die tiefstehende Sonne erreicht dank der Schutzblende nicht direkt meine Augen, trotzdem lässt mich diese Flut an Licht fast erblinden, kaum erkenne ich die Straße vor mir. Und dann ist schlagartig alles anders. Im Lichtschatten des Berges vor mir wandelt sich das Tal übergangslos zu einem kühlen, dämmerigen Landstrich, einem Reich Saurons. Nein, in solchen Schatten wollte ich nicht leben. Als ich am Parkplatz aussteige, friere ich, an einem Sonntagmorgen Ende August.

Allgäu_Alpen_Rotspitze_Berge_Bergwandern

Wege

Beim Aufstieg wundere ich mich über den jungen Wald, den zahlreichen Ahorn, auf dem Rückweg dann erfahre ich den Grund. Eine Schautafel zeigt in drei Bildern die Veränderungen der Forstlandschaft. Bis 1990 war auch an diesen Hängen wie vielerorts im Allgäu (eine seiner reizloseren Seiten) Fichten-Monokultur vorherrschend: schnell wachsende Flachwurzler. Das zweite Foto zeigt die verheerenden Zerstörungen durch Orkane im Jahr 1990, bei dem ganze Hänge leergefegt wurden. Das dritte ist ein rechteckiger Ausschnitt in der Tafel: Es öffnet den Blick auf den echten Wald dahinter. Einen Mischwald, der in vieler Hinsicht eine Bereicherung und Gesundung darstellt, zugleich sicher weniger Rendite abwirft (das steht nicht auf der Tafel) und nicht zuletzt auch stärker bejagt werden muss (was sehr wohl erläutert wird). Erst Schaden macht klug. Und ich denke zurück an jenes Jahrzehnt, als das Schreckgespenst des sauren Regens in der Bundesrepublik umherging, das Waldsterben die Westdeutschen um ihren Schlaf brachte und wir Kinder Karl dem Käfer für die Hitparade die Daumen drückten …

Interessant wird der Aufstieg erst im Häbelesgund. Hier öffnet sich ein Kessel, der Wald weicht Latschenkiefernbewuchs, mächtig erhebt sich die Rückwand in die Höhe. Unterhalb des schräg geschichteten Gesteins ziehen sich erstarrte Ströme aus Geröll herab auf den Kesselboden, sie verbreitern sich zum Grunde hin, und dort wo sie sich treffen, bilden dicke Felsbrocken die Speerspitze. Der Weg weicht dieser drohenden Klinge aus, er gabelt sich. Links windet er sich auf den bewachsenen Breitenberg, rechts ziehen sich Serpentinen über steile Schotterflächen auf die Rotspitze. Dort steige ich hinauf, während sich die Sonne über die rückseitige Kesselwand erhebt und den Weg erstrahlen lässt. Mit jeder Wende komme ich dem ergrauten, aber bergerprobten Paar über mir näher, und kaum könnte ich zum Überholen ansetzen, verliert sich der Weg auf einer kiefernüberwucherten Kante. Stoisch und ohne Tempowechsel setzt der Graubart vor mir einen Stock vor den anderen, ich hingegen gerate fast auf alle Viere, wie ich mich an Wurzeln und Gestein klammere, den Abgrund zur Rechten spüre und doch nicht sehen will. Als ich den Grat hinter mir lasse und der Weg sich wieder zurückwindet, ist das Paar davongezogen. Schattseitig geht es weiter, der Fels ist hier noch kalt, wie meine Hände staunend ertasten, der nackte Ellbogen streift das Gestein. Das Paar hole ich wieder ein, aber ich überhole es bis zum Gipfel nicht, denn immer wieder falle ich dort zurück, wo ich zögerlicher werde, denn die beiden vor mir kennen den Sog der Tiefe nicht. Endlich auf dem Gipfel wundere ich mich über Wanderer, die sich die Mühe machen, eine Bierflasche mit in die Höhe zu tragen, ich stütze die Arme auf den Beinen auf, während ich den Rundumblick in meinem Notizbuch festhalte, und als ich die Ellbogen wieder löse, sehe ich Bluttupfer auf der Hose. Nicht stark war der Schlag gegen den Felsen, aber Stein ist eben härter als Fleisch.

Rotspitze_Allgäu_Berg_Bergwandern

Ausgebleicht

An einem herrlichen Herbsttag Ende der 80er-Jahre waren zwei Familien – vier Erwachsene, fünf Kinder und alle auf irgendeine Weise im BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland) aktiv – auf einer Wanderung irgendwo in den Tannheimer Bergen. Es war ein perfekter Tag für eine Bergwanderung, ein goldener Herbsttag: golden das schwere Licht, golden das Gras, das Laub der Wälder, der Ruf der Hirsche. Als wir am Parkplatz zurück waren, hörten wir im Radio, dass Franz Josef Strauß, bayerischer Ministerpräsident und Übervater der CSU, gestorben war. Betroffenheit war, um ehrlich zu sein, nicht die vorrangige Reaktion in unserem Kreis. Auch die beiden Familienväter, sensible Männer mit den für die 80er-Jahre typischen Schnurrbärten und gelegentlicher Schwermut in den sanften Augen, Polizist der eine, Lehrer der andere, waren vom Hinscheiden ihres Landes- und obersten Dienstherrn nicht erschüttert. Es war vielmehr, als wäre eine Last von uns abgefallen. Ich will das hier nicht beurteilen, aber ich meine, es sagt etwas aus über das Lebensgefühl im Bayern der 1980er Jahre.

„Es gibt zwei markante Stellen“, beschreibt mir der Mann in seinem charakteristisch schwerfälligen Dialekt die Hohen Gänge. Ich höre auf seinen Rat und steige lieber über die Südseite ab. An der Weggabelung fühle ich mich bestätigt. „Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und absolute Schwindelfreiheit erforderlich“, warnt ein Schild vor dem Weg nach Osten. Durch die ersten beiden hätte ich mich noch durchgemogelt, das dritte ist mir ernste Mahnung. Über Grashänge steige ich also ab, suche über vereinzelte felsige Platten meinen Weg, ausgespülte Rinnen zwingen zu tiefen Schritten und lenken die Aufmerksamkeit dorthin, wohin man den Fuß setzt. Das Tier sehe ich erst, als ich zwei Schritte von ihm entfernt bin. Ein Schlangenkopf zuckt empor. Es ist die erste Kreuzotter, der ich in meinem Leben begegne, braun mit dem dunklen Rückenmuster und nicht sehr lang, vielleicht 30 cm nur, aber ganz eindeutig Viper und nicht Natter. Der gedrungene Leib, der charakteristische Kopf mit dem deutlichen Halseinschnitt, das Verhalten des Tieres bezeugen es. Denn nach dem ersten Schreck verharrt es aufmerksam an Ort und Stelle, wartet, ob mich ihr Ruf als giftiges Getier zum Rückzug bewegt. Erst als es merkt, dass ich nicht das Weite suche (sondern nach der Kamera in der Tasche taste), setzt sich die Schlange in Bewegung und kriecht unter ein Grasbüschel, auch dabei nicht gar zu eilig verglichen mit einer hurtigen Ringelnatter (wenn auch immer noch zu schnell für meine Kamera, leider). Die Schlange zischt auf ihrer Flucht. Ist die Schlange so klein, für einen Erwachsenen nicht tödlich giftig und vor allem auf der Flucht vor einem selbst, ist solch ein erstmals vernommenes, drohendes Zischen eine reizende Erfahrung.

Rotspitze_Alpe_Allgäu_Pferde_Kühe

Durst

Am 7. Oktober 1988 geleitete ein Trauerzug Strauß‘ Leichnam durch die bayerische Hauptstadt. Über 100 000 Menschen verfolgten das Ereignis vor Ort – es war der größte Trauermarsch in der Geschichte Münchens. Und zugleich empfand ein Teil der Bevölkerung eine neue Freiheit. Luft zum Atmen.

Kurz vor dem Talausgang komme ich am Café Horn vorbei, von dem mir W. vorgeschwärmt hat, weil der Ort das verklärte Ausflugsziel seiner Kindheit war, dort, wo Kuchen und Torten ausgebreitet waren, um bestaunt zu werden und um aus ihnen auszuwählen. Das war etwas Außerordentliches für W., denn er ist in einer Bäckersfamilie aufgewachsen, da ging man nicht einfach Kuchen anderer Leute kaufen. Volksmusik aus der Dose dringt mir entgegen, ich mache an der Schwelle kehrt und verzichte gerne auf meinen Kuchen. Unten an der Ostrach, fast schon am Ziel, mache ich dann doch noch Halt und setze mich auf die Terrasse eines kleinen Landgasthofes. Die Bedienung ist eng in ein Dirndl geschnürt, aber das ist nur Kulisse, Staffage. Die osteuropäischen Augen verraten die junge Frau noch vor ihrem Akzent. Ihre zur Schau gestellte Langeweile und die Tatsache, dass sie mich mehrmals ostentativ übersieht, ärgert mich, aber zugleich meine ich sie zu verstehen. Da zwängt sie sich für einen saisonalen Job in die Tracht einer Regionalkultur eines anderen Landes und bedient in einem Gasthaus irgendwo zwischen zwei Bergen, wo sie die Hälfte der Besucher ihres Dialekts wegen vermutlich nicht versteht. Das alkoholfreie Weizen bringt mir ihr Kollege an den Tisch. Binnen Sekunden ist das Glas geleert und sofort glänzen meine Unterarme feucht. Der Kellner schaut verdutzt. „Soll ich Ihnen nochmals die Luft aus dem Glas lassen?“ Danke, nein. Frisch getankt geht es nach Hause.

Die CSU regiert noch immer.

Allgäu_Berge_Wald_Retterschwanger Tal

Ein Blick zurück

Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (4)

24. Der Tag der Soledad

Einen Sack Reis gibt es unter anderem, ganze 25 Kilogramm Reis. Was für eine Pracht! Was als Witz über glückliche einstige Inkarnationen als Aufseher von Getreidespeichern begonnen hatte, endete in diesem leibhaftigen Sack Reiskörner. Vollgefressen, gemästet ergötze ich mich an dem Anblick, kann mich immer noch an dem Bild von Essen erfreuen, obwohl ich mich jetzt schon selbst schlachtreif fühle. Irgendwann wird das Essen zum Selbstläufer, zum sinnentleerten Automatismus, der einen durch die Feiertage steuert und jegliche Anflüge von Selbstzweifel oder Unruhe unterdrückt. Ja, das Fressen, das ist wie Computerspielen oder Wichsen aus Langeweile. Wie aber soll man sich in der Weihnachtszeit diesem Strom an Leckereien auch erwehren? Jede Verteidigungsstrategie scheitert gegen dieses Große Fressen. Da bleibt, wie ein Schulfreund an diesem Tag noch sagen wird, nur noch der Weg in die Bulimie.

Der Abend findet mich in einer Kneipe wieder. Viele Gesichter, die man vielleicht schon ein Jahr lang nicht mehr gesehen hat. Es ist berauschend. Jeder freut sich selbst über bloße Bekannte aus früheren Zeiten. Ein vergessen geglaubtes Gefühl kommt auf und wir schwingen alle in Glückseligkeit. Was ist es, was uns in schiere Euphorie versetzt? Sind es wirklich all diese Menschen? Der gemeinsame Background, das ist es, was uns zusammenschmiedet und glücklich macht, erklärt mir ein Freund, Mensch Nummer 500, mit dem ich an dem heutigen Abend Worte wechsel. Wir sitzen an der Theke und dann beginnt er vom „Fest der Liebe“ zu sprechen. Da sitzen wir also, ohne Frauen, und es soll das Fest der Liebe sein. Sie blickt mich an – könnte es doch heißen, aber nein: Es ist der Tag der Soledad. Eine Parabel wird nachgeliefert. „Ich erzähle euch eine Geschichte“, beginnt mein Freund neben mir an der Theke. „Stellt euch eine hohe Mauer vor, einen Hof dahinter und darin die Frauen, auf die wir unser Leben lang gewartet haben, von Aliens dorthin entführt. Und ich sage euch, Brasilien ist auf dieser Welt der Ort, der diesem Platz am nächsten kommt.“ Ja, Brasilien, schön und gut, denke ich, aber wir sitzen hier in Deutschland.

Irgendwann wird es schließlich zu viel: zu viele Sinnesreize, zu viele Menschen, zu viele Freunde sogar, man ist gesättigt. Ein Schiffbrüchiger in einem Meer aus Leibern, Wellen aus Lärm schlagen über dem Kopf zusammen, man ertrinkt fast, Atemnot stellt sich ein in den Nebelschwaden aus Rauch, die über diesen Wassern hängen und die Sicht verhüllen; ein gespenstischer, hoffnungsloser Ozean. Auf einmal ist man einsam. Einsam in der Menge und es bleibt nur die Flucht hinaus in die Nacht, in die kühle, leere Nacht. Der neblige Burgberg ragt empor und die Füße nehmen die niedrigen Stufen hoch, weg von den Menschen, hinauf, hinaus aus dem Meer der Geselligkeit. Der Blick fällt zwischen feuchten Buchen hinab auf den Friedhof. Rote Kerzen brennen auf den Gräbern und ich erinnere mich, dass ich in all den Jahren seit seinem Selbstmord immer noch nicht an P.s Grab dort unten gewesen bin.

La Inconclusa

Beim Mittagessen weinte ich. Ich war eben von der Schule heimgekommen und hatte mir etwas zu essen gemacht, legte eine Schallplatte meines Vaters auf und aß und überflog nebenher den Brief einer Hilfsorganisation für blinde Menschen, der mir aus irgendwelchen Gründen in die Finger geraten war. In dem Brief war viel von Licht die Rede. Ich war damals sehr empfänglich für Lichtmetaphern. Und plötzlich rannen mir die Tränen über die Wangen, während ich weiterkaute. Ich weinte vor Glück – über das Essen, über mein Augenlicht, über das Leben an sich. Das wäre nicht passiert ohne dieser Musik, die aus dem Nebenzimmer drang, dieser Schallplatte von Los Incas. Und ich war froh, allein zu Hause sein, denn ich weine furchtbar ungern vor anderen Menschen.

Los Incas_Musik_Schallplatte

Zeitreise mit Los Incas

Früher einmal, das müssen wohl die späten 80er-Jahre gewesen sein, da waren diese Indios da – vier oder fünf Musiker mit akustischen Instrumenten – vielleicht das Schönste, was mir in der Fußgängerzone der nächsten Kleinstadt passieren konnte. Ich blieb jedes Mal stehen, wippte mit dem Fuß und freute mich. Dann kramte ich ein paar kleine Münzen heraus – für diese Musik trennte sich auch der Schüler von ein bisschen Taschengeld –, stotterte etwas in meinem schlechten Schulspanisch, worauf die fremden Gesichter lachten, um gleich wieder in ihre unergründliche Reglosigkeit zu verfallen, und ich wusste nicht, hatten sie mich ausgelacht oder sich doch gefreut, und traute mich nicht, das herauszufinden, indem ich einfach weiterredete.

Später dann, als ich studierte, kamen andere in die Fußgängerzonen, meist nur noch zwei Indios, die sich, mit gewaltigem Federschmuck behangen, breitbeinig hinstellten und zu grauenvollen Eso-Kitsch-Synthie-Klängen aus großen Boxen in ihre Panflöten säuselten. Immer verhärteten sich meine Gesichtszüge und ich beschleunigte meinen Schritt. Nicht mehr Freude, sondern Verachtung verband ich mit diesen Begegnungen.

Dann passierte es im letzten Jahr, ausgerechnet kurz nachdem ich auf dem schönen Blog normalverteilt einen Beitrag über diese „Großstadtindianer“ einst und heute gelesen hatte. Nach ungezählten Jahren lief ich in der Fußgängerzone wieder einer Gruppe Indios über den Weg, die auf ihren Akustik-Instrumenten spielten, wie früher, richtige Musik. Mit leuchtenden Augen blieb ich stehen. Es war wunderschön.

Kürzlich drehte sich das Rad weiter. Ich schlenderte über einen Flohmarkt, stöberte hie und da in einer Kiste mit Schallplatten und nahm ein paar Scheiben mit. Sie waren günstig, denn es waren private Gelegenheitsverkäufer. Auf dem Rückweg aus der Innenstadt machte ich nochmals einen winzigen Schlenker über den Flohmarkt und stieß auf einen Stand mit Vinyl, den ich vorher übersehen haben musste. Eher halbherzig blätterte ich durch die Alben. Und da war sie, einfach so. Die Platte, die mir noch nie außerhalb meines Elternhauses begegnet war, die zufällig zu finden ich nie erwartet hatte: Los Incas, die sich zeitweilig Urubamba nannten und Simon & Garfunkel zu ihrer Einspielung von El Cóndor Pasa brachten (was für meine Geschichte jedoch nichts zur Sache tut). 1956 war die Band in Paris von dem Argentinier Jorge Milchberg gegründet worden war und bereits der Nachname zeigt, dass es sich bei Los Incas nicht um die ‚klassische‘ Gruppe von Cordillerenindianern handelte. Die Musik aber ist mindestens so schön.

Wie dieses Lied „La Inconclusa“ (Die Unvollendete) aus den Anden, eingeleitet von einem Dialog zwischen der spanischen Gitarre und der Bombo, einer indianischen Baumtrommel.

Si ha’i de caer la luna
que me espere un poquito más,
pues aún mi canción
no la pude terminar.

Wenn der Mond untergehen soll
möge er auf mich noch ein bisschen länger warten
weil ich mein Lied doch
noch nicht beenden konnte.

Der Läufer

Ich war nie, nie, nie ein guter Langstreckenläufer. Den konsequentesten Versuch, regelmäßig zu laufen, hatte ich mit 16 unternommen. Es war zugleich die Zeit meines Lebens, in der ich am schlankesten war, in der ich am meisten Klimmzüge schaffte, in der ich mit Liegestützen so loslegte, dass ich bis heute ein merkwürdiges Knacken im Schlüsselbein habe. Es war eine Zeit, in der ich todunglücklich war. Das Laufen verlief sich irgendwann wieder und ich nahm wieder zu, allerspätestens während der Zivildienstzeit, als ich heimlich die von den Senioren nicht angerührten Kuchen und Kirschschälchen mit Vanillecreme verputzte. Ich vermute mal, dass ich auch da nicht unbedingt glücklich war.

Damals, als ich das Dauerlaufen (solch ein schönes Wort, kaum einer verwendet es mehr) versuchte, war meine Zimmertür bereits gepflastert mit den Helden jener Zeit: Läufern. (Ich interessierte mich sonst nicht für Sportler.) Ich war dabei nicht wählerisch, meine Auswahl aus dem Sportteil der Süddeutschen Zeitung war recht eklektisch: Fotos von Kurzstreckenläufern, deren Körper ich bewunderte; Artikel über Wettkämpfe, 800m, 3000m Hindernis, 5000m, 10 000m, Marathon … Die ganze Bandbreite, bunt gemischt. Nur eines war mir wichtig: Die Dauerläufer sollten vom afrikanischen Kontinent stammen. Das war nicht weiter schwer. Die meisten Mittel- und Langstreckenläufer in der SZ erfüllten diese Bedingung praktisch automatisch; die Zeiten, in denen die Finnen mit einem Lasse Virén noch das Laufen prägten, kannte ich nur aus den Trainingsbüchern meines Vaters (die ich im Übrigen nie ernsthaft gelesen hatte).

Standen die Leichtathletikweltmeisterschaften oder die Olympischen Spiele an, versuchte ich, die wichtigsten Läufe im Fernseher zu verfolgen, was nicht ganz einfach war, weil wir zu jener Zeit keinen Fernseher hatten und unter den wenigen Nachbarn, die wir auf dem Weiler hatten, niemand war, bei dem ich mich einfach so zum Fernsehen hätte anmelden wollen. (Wir waren gerade erst vom einen Siebenhäuserkaff in ein anderes Siebenhäuserkaff gezogen.) Der sportliche Höhepunkt jener Zeit war für mich eindeutig der Lauf über 5000m bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Damals, als Dieter Baumann, der dann einige Jahre später mit einer verfänglichen Zahnpastatube erwischt wurde, Gold holte.

Nicht sein Sieg aber war für mich die eigentliche Sternstunde dieses Laufes. Sondern ein Foto, das ich irgendwann danach sah, ein Foto aus der letzten Kurve, ein Foto jener Fünfergruppe, die sich bis dahin an die Spitze gesetzt hatte, fünf Läufer fast wie Kletten aneinandergeklebt bis zu jenem Moment in der Zielgerade, als sich Baumann erfolgreich löste, den Fünferknoten also platzen ließ und im Schlussspurt das Rennen für sich entschied. Jene letzte Kurve also zeigte das Foto, die fünf Männer dicht an dicht, ein gebräunter Marokkaner, ein noch bräunerer Äthiopier, zwei nahezu schwarze Kenianer und der blonde Baumann, ihre Gesichter vom Objektiv ganz nah herangeholt, voller Konzentration, die Münder offen, die Schweißperlen von der grobkörnigen Auflösung ins Riesenhafte gesteigert. Es war damals für mich ein unermesslich schönes Foto. Ich hätte es liebend gerne als Plakat an meine Wand gehängt.

Geblieben ist von jener Heldenzeit nicht viel, fast nichts: die Erinnerung, dass über Jahre hinweg alle Beiträge der Süddeutschen Zeitung über den Laufsport mit ein und demselben Namen unterzeichnet waren − Robert Hartmann. (Warum weiß ich das noch?) Das Wissen, dass Dieter Baumann am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Und der unvergessliche Ausdruck von Haile Gebrselassie beim Endspurt zu einem seiner zahlreichen Siege. Wo aus den Augen der anderen Läufer Anstrengung sprach, sprang sein Blick voraus, der Mann stierte mit einer an Besessenheit grenzenden Entschlossenheit voran, zur Ziellinie. Wer so schaut, kann alles erreichen, dachte ich mir.

Und dann gibt es noch zwei literarische Erinnerungen: Beschreibungen von Läufen, die mir damals den Puls hochtrieben, die meine Hände zum Zittern brachten, zwei jener raren, köstlichen Lesemomente, in denen aus der sachlichen Abstraktion bloßer Lettern etwas Gewalt ergreift über den ganzen eigenen Körper. Der eine Wettlauf war der aus Noah Gordons „Medicus“. Der andere die wunderbare Kurzgeschichte „Der Läufer“ von Siegfried Lenz, die (wie ich eben gelernt habe) heute noch unter Läufern kursiert.

Und warum erzähle ich das? Weil ich dem Herroverstreet, einem passionierten Läufer, noch die Antworten auf ein Blogstöckchen schuldig bin und solche nur ungern auf den Blog stelle, wenn sich damit nicht zugleich irgendeine Geschichte erzählen lässt. Jetzt weißt du‘s, Herroverstreet: Ich laufe nicht, ich beschäftige mich nicht mit dem Laufen, wenn ich deine Laufberichte verfolge und hie und da einen winzigen Kommentar abgebe, so ist das nur ein Nachhall jener Jahre.

Und nun Rede und Antwort.

Gefällt Euch irgendeiner meiner Beiträge wirklich? Ja. Am meisten „Lusdisch“, weil auf spitzzüngige Weise … ähm lusdisch.

Oktoberfest: Ja oder Nein? Nie. Und das, obwohl ich aus einer bayerischen Randprovinz stamme. Ich täte es wohl, wenn ich nach München zöge. Nur über die Lederhose müssten wir dann nochmals getrennt verhandeln.

Schaut Ihr noch fern und wenn ja, wie und was? Nein, ich habe keinen Fernseher und bin sehr glücklich damit. Weniger glücklich bin ich damit, dass ich derzeit aus bestimmten technischen Gründen nicht in der Lage bin, auf andere Weise Filme anzuschauen.

Helene Fischer oder Andrea Berg? 😉 Okay, die eine ist blond, die andere dunkel, richtig? Mehr weiß ich über die Damen nicht.

Welchen Sport macht ihr (also richtigen Sport, so wie früher?) Funktionelles Training, immer wieder mal um anderes ergänzt.

Kennt Ihr einige Eurer Blog-Leser persönlich? Ja. Von denen, die ich erst über meinen Blog kennengelernt habe, allerdings eindeutig noch zu wenige.

Twittert Ihr und wenn ja, warum? Ja. Weil mich Danares davon überzeugt hat, mein Blog würde davon profitieren. Ich twittere unregelmäßig und habe dabei das Stirnrunzeln noch nicht ganz verloren.

Geht Ihr zu Wahlen? Ja. Auch wenn meine Stimme recht wenig ins Gewicht fällt und ich Politikverdrossenheit nachempfinden kann: Das Wahlrecht ist etwas, wofür manche Gesellschaften über Generationen hin bluten mussten. Das leichtfertig wegzuwerfen, ist … dumm. Undankbar. Dekadent.

Was haltet Ihr von Menschen, die trotz aller Skandale immer noch ehrenamtlich in der Kirche arbeiten? Es ist ja nun wirklich nicht alles schlecht in den Kirchen, daher sollen sie es ruhig tun. Im Gegenteil: Vermutlich brauchen die Kirchen diese Menschen gerade ganz besonders. Ich selbst habe mit Kirchen hingegen nichts am Hut und betrachte mich nicht als Christ. Auch nicht als kirchenlosen.

Glaubt Ihr, dass die Generation Ü40 hier im Netz eigentlich gar nichts verloren hat? Ich verweise auf die wunderbare Antwort von iPhelGold: „Glaubst du, dass ich mich am […] aus dem Netz jagen lasse?“

Über was soll ich mal schreiben? Keine Vorgaben: das, was dich bewegt.

Ich verzichte darauf, das Stöckchen weiterzugeben. Bei mir liegen noch ein paar als Altlasten, da will ich erst einmal aufräumen.

Nachts auf der Karlshöhe

Wir waren essen, zwei Besucherinnen von auswärts und ich, und auf dem Rückweg vom Stuttgarter Westen in den Süden. Um meinen Gästen etwas von der Stadt zu zeigen, waren wir zuvor über den Schwabtunnel spaziert, einen der wenigen Verbindungswege zwischen den beiden Stadtteilen. Für den Rückweg vom Restaurant dachte ich, die Karlshöhe nun auf der anderen Seite zu umgehen. Wir hatten gut gegessen, der Abend war mild, nichts sprach gegen einen kleinen Umweg.

Also schreiten wir die Straße hinab und ich erzähle von der Karlshöhe zu unserer Rechten: ein steiler Hügel, an den Flanken Villen, Weinberge und Grünflächen, auf der Kuppe ein Biergarten und ein nicht unbedingt weitläufiger, aber unerwartet wilder Parkwald, der im 19. Jahrhundert angelegt worden war.

„Entschuldigung!“, ruft da auf Höhe des Gänsepeterbrunnens ein Mädchen über die Straße. „Sie haben gerade was von der Karlshöhe gesagt. Ich suche dort jemanden und kenne den Weg nicht!“

„Mal sehen, ob wir helfen können“, antworten wir und wechseln die Straßenseite. „Welche Adresse ist es denn?“

„Es ist auf der Karlshöhe.“

„Und wie heißt die Straße?“

„Weiß ich nicht.“

„Hm. Können Sie dort jemanden anrufen?“

„Nein, leider, der Akku von deren Handy ist leer.“

„Oha. Und wie wollen Sie hinfinden?“

„Na ja, es ist so eine Art Party, man hört es. Als ich vorhin, als das Handy noch ging, angerufen hatte, war da laute Musik im Hintergrund.“

„Aha. Ein bisschen vage ist das schon, oder?“

„Halt auf der Karlshöhe. Das ist doch der Weg dorthin, oder?“

„Ja, genau.“

„Also, ich war schon ein Stückchen oben, aber da wurde es dann dunkel …“

„Klar, weiter oben ist es jetzt zappenduster.“

Verloren steht das Mädchen vor uns, das nutzlose Handy in der einen Hand, über dem anderen Arm eine Handtasche, ein Drängen im Gesicht.

„Wir könnten ja bis dahin mitgehen …“

„Sie hat Gott geschickt!“, bricht es aus dem Mädchen hervor.

„Nein, nur das nächste Restaurant.“

So biegen wir in die Hasenbergsteige, schlagen uns auf die Treppe hoch zum Park und lauschen nach Partylärm. Nirgendwo ist Musik zu hören, wir gehen immer weiter. Das Mädchen läuft stumm neben mir, meine Gäste folgen scherzend. Dann bleiben auch die letzten Häuser zurück. Bäume rahmen den schmalen Weg ein, die belaubten Äste schirmen den Himmel völlig ab. Es ist nicht mehr dunkel, es ist finster.

„Siehst du noch was?“, rufen meine Besucherinnen von hinten.

„Nicht wirklich“, antworte ich und schreite weiter und hoffe einfach, nicht vom Weg abzukommen.

„Haben Sie denn kein Licht?“, fragt das Mädchen neben mir etwas pikiert.

Ich hole mein Telefon aus der Tasche und leuchte uns mit dem Display den Weg aus. Kaltes Licht entreißt den Boden unter unseren Füßen der Dunkelheit. Um uns herum nur Bäume und Nacht. Meine beiden Gäste rücken enger zusammen, sie haken sich unter, in ihre Scherze mischt sich ein Hauch von Unsicherheit. Vielleicht sind sie nicht mehr ganz so glücklich über ihren eigenen Vorschlag, das Mädchen bis zur Party zu begleiten. Ich lache. „Hier kann uns nichts passieren.“

„Meinst du?“, kommt die zweifelnde Antwort. Das Mädchen schweigt noch immer.

Dann sind wir oben auf der Kuppe, höher geht es nicht mehr, und da ist keine Musik, kein Licht, kein Gelächter ausgelassener junger Menschen.

„Haben Sie denn irgendeinen Anhaltspunkt, wo die Party ist?“, frage ich das Mädchen nochmals.

„An einem Spielplatz.“

„Ein Spielplatz? Tja, also, da stehen wir praktisch davor. Da, drei Schritte vor uns geht es steil hinab und drunten liegt der Spielplatz.“ Es ist die Senke auf der Karlshöhe, in der jahrhundertelang Schilfsandstein (die „Stuttgart-Formation“) abgebaut worden war, der manchen hiesigen Altbauten ihr charakteristisches Aussehen gibt. Kein Lichtschimmer, kein Laut dringt aus der Senke herauf. „Da ist definitiv niemand.“

Da stehen wir nachts auf der Karlshöhe und wissen nicht weiter. Das Mädchen weiß nicht, was es tun soll. Ich weiß nicht, welchen Weg wir nun einschlagen sollen. Meine Gäste wissen nicht, was sie von all dem halten sollen.

„Es sei denn“, überlege ich, „es ist der Spielplatz auf der anderen Seite des Hügels, unten an der Bushaltestelle.“ Es ist ein ganzes Stück entfernt und dafür hätten wir nicht über die dunkle Höhe gehen müssen.

Niemand widerspricht, also nehmen wir den Weg hinüber auf die andere Seite. Die Bäume weichen zurück, am Biergarten brennt noch Licht. Es ist still, aber im Schein der bunten Lampen tauchen zwei junge Leute auf, ein Pärchen.

Das Mädchen stoppt. „Habt ihr hier Leute gesehen, die Party machen?“

„Hier am Biergarten ist niemand, aber vorne im Park, am Spielplatz, da feiern welche.“

„Da ist niemand mehr.“

„Aha, vor einer Stunde oder so waren sie noch da.“

Die Party ist zu Ende, das Mädchen war umsonst den Berg hochgestiegen, umsonst hatte es die Fremden unten am Brunnen angesprochen. „Geht ihr dorthin?“, fragt es das Pärchen und deutet den Weg zurück, den wir gekommen sind. Die beiden nicken. „Dann komme ich mit euch.“

Das Mädchen dreht sich zu uns um und meint, beinahe schroff: „Also, ich gehe mit denen mit.“ Und dann, weil es selbst merkt, dass irgendetwas fehlt, mit viel Emphase und wenig Gefühl: „Vieeelen Dank!“

Das Mädchen eilt dem Pärchen nach, die jungen Leute verschwinden in der Dunkelheit.

„Mei, Mädel“, schüttelt eine meiner Besucherinnen den Kopf. Wir drehen ab, suchen die nächste Staffel und steigen die 407 Stufen hinab in den Süden.

Freiheit

An einem Sonntagmorgen um Viertel vor Neun schaukeln zwei junge Leute auf dem Spielplatz. Die beiden, eine junge Frau in Sommerkleid und ein junger Mann mit Schirmmütze und Dreitagebart, schwingen isochron: gleichförmig und versetzt, sie voran, er zurück, er voran, sie zurück, schwerelos wie zwei Pendel in einem Uhrwerk frei von einem Zifferblatt, die Straßen drumherum sind noch fast leer.

Wie kommen sie an diesem Sommermorgen auf die Schaukeln? Sind sie auf dem Rückweg von einer Party und verlängern die Ausgelassenheit der Nacht noch um ein paar Minuten? Hat eine bewusste Entscheidung sie hierhergeführt, um so den strahlenden Tag zu beginnen, oder sie eine spontane Anwandlung beim Vorübergehen auf den Spielplatz gelockt?

Unbekümmert schwingen sie in den Julimorgen, einen Tag hell und warm wie die letzten, nach einer Nacht, in der man mit einem Lächeln die Balkontüre offenlässt und sich ausmalt, es könnte für immer so weitergehen. Und plötzlich wünsche ich mich zurück (was selten passiert) in Kinderzeiten, als zu Beginn der großen Ferien das nächste Schuljahr in unbegreifbar weiter Ferne lag und der Sommer tatsächlich unendlich schien.

Eine halbe Stunde später sind die Schaukeln leer, der sandige Spielplatz liegt verlassen da, alles ist still und regungslos. Oder doch nicht? Ich halte inne und schaue genauer. Ganz leicht schwingen die Schaukeln noch. Angetrieben von der sanften Brise? Oder ein Nachhall der beiden jungen Leute in ihrem Augenblick vollkommener Freiheit?