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Café_Morgen_#swch

8.32 Uhr, Stuttgart-Mitte. Die Caffè-Bar Fleck & Schneck hat laut Türschild seit zwei Minuten geöffnet. Zeit genug für manchen, bereits ein italienisches Erfrischungsgetränk genossen zu haben.

Den Stab der #swch reiche ich weiter an Marcel Meder (@socialmeder).

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WG gesucht – Junge Literatur zur zwischen/miete in Stuttgart

„Zur Lesung? Einfach links zum Aufzug und dann in den 9. Stock“, erklärt der nette junge Mann, der sich mit Krücken in einem Stuhl vor dem Eingang fläzt. Oben werden wir in Empfang genommen, für einen Fünfer gibt es einen roten Stempel auf die Hand, dann geht es hinein in die WG des Max-Kade-Hauses. In der Küche des Wohnheims bekommt man ein Rothaus Tannenzäpfle und eine Butterbrezel (schwarzer Stempel, im Eintrittspreis inbegriffen), im Wohnzimmer sitzen ringsum Leute auf Stühlen, Hockern oder Kissen, die Autorin hat bereits hinter einem niedrigen Tisch mit Mikrofonen Platz genommen. Die Fenster stehen weit offen, in den Zimmern dampft es noch, draußen hat der Gewitterregen die Luft abgekühlt. Wann war ich das letzte Mal in einem Studentenwohnheim?

Das klassische Publikum des Stuttgarter Literaturhauses trägt – ob gerechtfertigterweise oder nicht – den Ruf eines silberhaarigen, pietistisch eingefärbten Bildungsbürgertums. Der Kultureinrichtung und Literaturlesungen neues Publikum zu erschließen, kann jedenfalls so oder so nicht verkehrt sein. Die Leiterin des Literaturhauses Stefanie Stegmann, die im Januar Florian Höllerers Nachfolge angetreten hatte, brachte ein in ihrer früheren Wirkungsstätte Freiburg bereits erprobtes Format mit nach Stuttgart: die „zwischen/miete“ – Lesungen jüngerer Autorinnen und Autoren in WGs.

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Bunt unterm Fernsehturm: „zwischen/miete“ in Stuttgart

Die zwanglosen Wohnzimmerlesungen eröffnet hatte im Frühjahr „Wie ich mir das Glück vorstelle“ von Martin Kordić. Im Juni folgte Verena Roßbacher, 1979 im österreichischen Vorarlberg geboren und in Berlin wohnhaft, mit ihrem Werk „Schwätzen und Schlachten“. Das ist irgendetwas zwischen Kriminalgeschichte, Weltroman und griechischem Mythos mit österreichischem Einschlag. Seine Schauplätze sind unter anderem Berlin sowie Meck-Pomm, „das müssen Sie nicht kennen“, der Handlungsmotor ein Mord, der noch gar nicht begangen wurde, und am Ende gibt es drei Hochzeiten (hoffentlich ironisch genug, um nicht reaktionär zu wirken). Die drei Ermittler, Berlinbewohner selbstverständlich, erweisen sich als Detektive der hysterischen Sorte, sie sind Hipster ohne Coolness, „softe Jungs, die im Notfall sogar stricken können“, wie Verena Roßbacher sie charakterisiert. Man ahnt, solche Ermittler treiben die Handlung eher durch Gequatsche voran, überhaupt ist das Buch eine einzige große Plauderei. (Durchsetzt, nebenbei, von einer kulturellen Bestandsaufnahme in Gestalt eines Klopapiers des Wissens, das – Wandkacheln aus dem iranischen Isfahan gleich – ein schier unendliches Muster aus Information transportiert, in unserem Fall mit allem, was ein 30 Something als Teil seiner kulturellen Identität wiedererkennt: von der Musik Philipp Glass‘ bis zu Asterix, den guten alten Heften natürlich.)

Am interessantesten an der Plauderei ist die Metaebene des Romans, auf der sich die Autorin und ihr Lektor Olaf über das Buch unterhalten: ein gewitzter Schlagabtausch, eines Waldorfs und Statlers würdig, und eine erzählerische Finesse, die an „Das Wetter vor 15 Jahren“ ihres Landsmannes Wolf Haas erinnert und mit knisternden Reminiszenzen an die Gegenwartskultur angereichert ist: Etwa bei dem Kaffeehaustreffen zwischen Autorin und Lektor, bei dem er einen Apfelstrudel bestellt und sich mit entschlossenen Gesten Strudelstücke mit Schlagsahne in den Mund schiebt, und man unweigerlich in diesem Augenblick das Gesicht von Christoph Waltz aus „Inglorious Basterds“ vor sich sieht.

Auf 630 Seiten läuft sich das Gequatsche allerdings doch irgendwann tot. Da helfen dann auch eingängige Parolen wie „Österreich ist eine Krise“ oder „Das Plumplori schläft nie“ nicht. Immerhin, so muss man doch sagen, tut Verena Roßbachers Lust am Schwätzen dem Abend gut. Die Moderation ist zögerlich, die Autorin aber zur Stelle und sie wickelt die Lesung souverän im Alleingang ab, beantwortet dankenswerterweise Fragen, die gar nicht gestellt wurden, und drängt, bevor ein peinliches Stocken aufkommen könnte, zum nächsten Kapitel, das sie mit sexy rauer Stimme vorträgt. Interessant war der Abend allemal.

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Hinterhoflesung im Osten

Und so geht es am 2. Juli zur nächsten „zwischen/miete“ in einer 2er-WG im Stuttgarter Osten. Eine doppelflügelige Holztür öffnet die Wohnung zum schmalen Hinterhof hin. Kleine Lampions hängen über dem Eingang, Kästen mit Tannenzäpfle stapeln sich neben der Tür, ein einladender Ort. Das Wohnzimmer – Halbparterre zur Straße hin – ist bereits besetzt von jungen Menschen, auch in der Küche stehen sie, doch draußen gibt es nach einem Gang zur WG-Toilette (spätestens jetzt als Fremder an dem intimen Ort fühlt es sich irritierend mehr nach Party als nach einer Lesung aus dem Literaturhausprogramm an) noch ein paar Stühle. Dort sitzt schon P., bereits zufälliger Sitznachbar auf der zweiten „zwischen/miete“ und erprobter Lesungsbesucher. Ein paar Leute teilen sich Pizza aus einer Familienschachtel und „hoppla“ sagt der stämmige weißhaarige Mann aus dem Nachbarhaus, als er ums Eck biegt und unvermutet zwischen unsere Klappstühle gerät.

Die Stimmung ist eine ganz andere als bei der vorherigen Lesung. Dorothee Elmiger ist mit ihrem Roman „Schlafgänger“ aus der Schweiz angereist. Das Buch erweist sich als ein Kaleidoskop flüchtiger Existenzen und Momente, der Tonfall ist lakonisch und entrückt wie ein Traum, das Erlebte entgleitet seinen Erzählern. Die sanfte Stimme Dorothee Elmigers mit dem Schweizer Anklang in ihrem Lesehochdeutsch trägt den Text perfekt. „Und ich hob, heiter fast“ und das ist ganz wichtig, dieses „fast“, denn die Dinge sind wie weggerückt, schlafwandlerisch.

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Das Sofa schon besetzt? Kein Problem, ein Lautsprecher ist zur Stelle.

Der sommerliche Wind umweht einen draußen auf den Hofstühlen, er raschelt durchs Gebüsch, gedämpft brummen die Autos hinter den hohen Ziegelwänden, eine Kirchglocke schlägt an, ein einzelner Schlag nur, gegenüber das Klackern eines Topfdeckels durch eine offene Balkontür herab, Murmeln irgendwo, Gläserklingen und diese behutsame Stimme aus dem Wohnzimmer und sie trägt einen fort und fort … Und doch ist „Schlafgänger“, das darf auf keinen Fall unterschlagen werden, ganz und gar kein eskapistisches Traummärchen, sondern ein Roman über Migration, Verortung und Verteilung.

„Erstaunlich, dass es kaum eine Überschneidung gibt zwischen dem Publikum im Literaturhaus und dem der zwischen/miete“, konstatiert P., der bisher alle drei Veranstaltungen aus der Reihe besucht hat. Und es ist wahr: Mit wem man hier (außer P.) ins Gespräch kommt, ist vielleicht ein junger Mann, der frisch vom Studium entlassen, etwas „mit Medien“ in Hamburg macht und zu seiner Freundin in Stuttgart pendelt, oder ein Mädchen, das bald in Tübingen ihr Studium beginnen wird, Volkswirtschaft und Kulturwissenschaften, versteht sich. Ob sie alle der Literatur wegen kommen – oder nicht doch eher, weil hier etwas geht, weil da was los ist nebenan mit Menschen und einer Flasche Bier? Vielleicht ist das ja auch ganz egal!

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Buch und Bier – die zwischen/miete für junge Literatur

Im Oktober geht es jedenfalls weiter mit der vierten Stuttgarter „zwischen/miete“. Vanessa F. Fogel wird aus „Hertzmann’s Coffee“ lesen. Und ich wünsche mir fast, noch in einer WG zu leben.

Hier gibt es mehr zur zwischen/miete in Stuttgart.

Und diese Romane wurden gelesen:

Verena Roßbacher, Schwätzen und Schlachten. Roman. Kiepenheuer & Witsch. Gebunden, 640 Seiten. Köln 2014.

Dorothee Elmiger, Schlafgänger. Roman. Dumont. Gebunden, 142 Seiten. Köln 2014.

Wetterlage funky bis hypnotisch – Netzers Heimspiel in der Kiste

Einen Tag vor der Eröffnung der Fußball-WM tritt Netzer für ein Warm-up auf die Bühne. In der Kiste, Stuttgarts kleinstem Jazzclub mit fast täglicher Livemusik, prangt der allbekannte markante Scheitel an der Rückwand. Irgendwann nach 21 Uhr lösen sich drei Männer aus den Unterhaltungen vor der Kneipe, stellen Biergläser ab, drücken Kippen aus, stecken eine elektrische Zigarette weg und entern die Bühne: Das Stuttgarter Instrumentaltrio Netzer eröffnet den Abend mit einer Elektro-Jazz-Version von „Walking on the Moon“. Und hat den Mond bald hinter sich gelassen.

Denn die Schaltzentrale Oli Rubow, im Hattler-T-Shirt und nicht nur der dunklen, in die Stirn hängenden Haaren und der großen schwarzen Brille wegen eine Art Woody Allen der Percussion, eröffnet mit seinem gar nicht großen Schlagzeug ungeahnte Räume. Er wirft sich mit neurotisch suchenden, fast schon spastischen Angriffen gegen die Grenzen von Raum und Zeit, schiebt sie weit hinaus und erweist sich als ein irrwitzig guter Spieleröffner.

Markus Bodenseh reiht sich mit Bass und minimalistischem Moog-Synthesizer in den Rhythmus ein, eine gut gelaunte Kante in temperaturgerechten Shorts und Zehensandalen, und mischt – vom Trio vielleicht am wenigsten innovativ – der musikalischen Sprache animalisches Blut, die schwere Süße des Weines bei.

Und diesen weiten Raum nutzt Fanta-4-Gitarrist Markus Birkle, hager, uneitel und in Soccer-T-Shirt, für sein Gitarrenspiel, fängt die Stimmung auf und gestaltet sie neu, zieht wie ein von John Scofield geborener Adler hoch am Himmel seine Loops, scharfkrallig, aufmerksam und berauscht von Höhenluft.

Netzer sieht sich programmatisch als DJ. So fließt ein Song in den anderen, ohne Unterbrechungen, ohne Ansagen. Und als das Trio seinen musikalischen Parforceritt doch zu einem Abschluss gebracht hat, gesteht Bodenseh (nach einem Applaus so lang, wie ihn die Kiste nicht jeden Abend erlebt), wie es jetzt weitergeht, sei noch nicht ganz klar. Kein Problem, der Namensgeber hat es schließlich vorgemacht und Netzer wechselt sich selbst ein zur zweiten Spielzeit.

Und am Ende haben alle gewonnen.

Netzer spielte am 11.6. in der Kiste.

Mit Krabat tanzen – Ballett im Park

Tausende strömen zur Live-Übertragung auf Großleinwand in den Oberen Schlossgarten. Dicht an dicht sitzen die Menschen auf dem Rasen. Kein Fußballspiel wird hier gezeigt, sondern eine Ballettaufführung aus dem Opernhaus gegenüber. Bei herrlichstem Sommerwetter lädt das inzwischen siebte „Ballett im Park“, ein kostenloses Public Viewing des Stuttgarter Balletts und der John Cranko Schule und für manche einer der Höhepunkte im Jahreslauf der Oper Stuttgart. Dieses Jahr ist „Krabat“ an der Reihe, nach dem berühmten Jugendbuch von Otfried Preußler, umgesetzt als Ballett von Demis Volpi.

Zuschauer aller Alterklassen drängen zu dem Ereignis. Bereits eine Stunde vor Beginn der Aufführung ist der Schlossgarten voll mit Picknickdecken, Handtüchern und Klapphockern und die Suche nach einem Platz nicht ganz einfach. Diese kleine Lücke füllen oder doch noch nach einem Platz weiter vorne suchen? „Man muss nehmen, was man kriegt“, schlage ich angesichts der immer noch zuströmenden Menschen vor, hier zu bleiben. Eine Dame eine Reihe hinter uns nickt bei den Worten und hebt ihr geschliffenes Glas an die Lippen. Auf einem Tellerchen vor ihr liegen Trauben, sie lässt es sich wohlergehen.

Viele Besucher machen wie sie ein Picknick aus dem Ballettbesuch. Weinflaschen werden geöffnet, belegte Brötchen ausgepackt. Und wer nichts mitgenommen hat, kann sich an einem der Stände im Hintergrund mit Roter Wurst versorgen, mit einem Aperol Spritz oder Hugo oder auch einem „Apfelspritzgetränk“ mit dem Namen Krabat – und, ist man in der Pause schnell genug, sich die Dose sogar signieren lassen … Werbung kommt also nicht zu kurz, schließlich muss solch ein (vorbildlich organisiertes) Event auch finanziert werden. Die Regencapes des Großsponsors Porsche sind jedenfalls nicht notwendig, das Wetter bei Ballett im Park ist vielmehr sonnenbrandverdächtig.

IMAG0200Der Schlossgarten vor der 80m²-Videoleinwand

Die Stimmung ist vollkommen entspannt, niemand scheint sich an der Enge zu stören. Ein Mann neben mir rollt sich zusammen und macht bis zum Spielbeginn noch ein Nickerchen. Als „Meister“(der Herr der Mühle und Magier aus Krabat) verkleidete Statisten staksen mit Augenklappen durch die Menge und verteilen Programmhefte. Kinder tanzen sich warm. Moderiert von Sonia Santiago, werden die Zuschauer von den Kameras auch hinter die Kulissen mitgenommen, erleben Interviews mit einigen Machern und Hauptdarstellern des Stücks und werden in einer der beiden Pausen von der Moderatorin zu einigen Lockerungsübungen animiert.

Die Sonne verschwindet hinter den Baumwipfeln und das Ballett beginnt. Musik aus der Oper – das Haus ist ausverkauft, Volpi wirkt angesichts der Zuschauermengen im Haus und im Park beinahe zu Tränen gerührt – dringt aus Lautsprechern über den Park. Der junge Krabat wird in die Schwarze Mühle gelockt und schließt unbedacht den Pakt mit dem düsteren Meister. Die zwölf Lehrlinge schuften zum Rhythmus einer regelrecht entmenschlichten Mühlenmusik – aufgenommen in der Mäulesmühle im Siebenmühlental – und rücken bis zur Erschöpfung Mehlsäcke vor der erdrückenden Kulisse der Zaubermühle hin und her – eine Choreographie, die jedem gängigen Klischee eines Balletts widerspricht.

Szenen wie der Auftritt von Herrn Gevatter (dem Tod, interessanterweise gespielt von einer Frau) zu den Klängen der „Passacaglia“ aus Krzysztof Pendereckis Sinfonie Nr. 3 (spätestens seit dem Einsatz in dem Kinofilm „Shutter Island“ beliebt zur dramatischen musikalischen Untermalung) gehen genauso unter die Haut wie die Lieblingsszene des Publikums, dem Schaukampf zwischen dem Meister und dem frechen Wandermüller Pumphutt (ebenfalls stark gespielt von einer Frau). Am Ende treibt es die Ballettaufführung dann doch ein bisschen zu weit, wenn Herr Gevatter dem Meister gar zu effekthascherisch den Kopf abnimmt und das Stück schmalzig in einer Adam-und-Eva-Konstellation ausklingt.

Aber wie hieß es zu Beginn des Abends? Man nimmt, was man kriegt – und das kann manchmal ganz schön viel sein. Ballett im Park: schön, dass es so etwas gibt.

Blaubier und kalte Platte – Das Haus des Dokumentarfilms

Am Büfett gibt es Schnittchen mit veganer Leberwurst und Blaubier aus anonymisierten Flaschen. Wer den jeweiligen Inhalt richtig errät, erhält ein zweites Bier kostenlos. „Wulle! So schlonzig wie es ist.“ Aber nein, in dieser Flasche war norddeutsches Astra – verschärfte Bedingungen, denn wer erwartet so etwas in Schwaben.

Im Haus des Dokumentarfilms an der Stuttgarter Karlshöhe startete dieses Frühjahr die Reihe „YoungDOK“ – um dokumentarischen Filmemachern die Möglichkeit zu geben, ihre Produktionen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Organisiert von einer sehr rührigen Filmstudentin (Nordlicht wie das tückische Astra), lief im Mai als zweiter Film der Reihe „Die kalte Platte“, eine Doku über die Geschichte des Kleinen Schloßplatzes – einem über Jahrzehnte hinweg umstrittenen Stück Stuttgarter Innenstadt. Hervorgegangen war der Film als Studienprojekt von Chi-Hun Whang, Cem Kaya und Guido Negenborn an der Merz Akademie. Es war die erste intensive Beschäftigung der drei mit dem Dokumentarfilm. Entsprechend unbelastet näherten sich die Studenten ihrem „Protagonisten“ mit einem sehr spielerischen, erfrischenden Zugang.

Der Film rollt die Geschichte des Kleinen Schloßplatzes von seiner Eröffnung 1969 bis 2002 auf – ein Paradestück zeitgenössischer Stadtarchitektur und Unort zugleich: von der „autogerechten Stadt“ der 60er-Jahre (Bürger wurden damals offenbar als Autofahrer definiert); die verzweifelten Versuche, die „Kalte Platte“ zu beleben; die Ansiedlung „dysfunktionaler Gruppen“ (so ein Philosoph im Filminterview), die sich in der Presse in Schlagzeilen wie „Ist hier allmählich Klein-Chikago?“ niederschlug; der Umbau in die beliebte Freitreppe als Wahrzeichen Stuttgarts; die Jahrtausendwende mit der „Gaskammer“, als eine Bahn des Tunnels unterm Schloßplatz für Skater freigegeben wurde – eingeklemmt zwischen der abgasgeschwängerten Parallelspur und dem Straßenstrich; bis hin zum Bau des „Kubus“ – und dem politischen Nachbeben, das der Film für das Kunstmuseum auslöste.

IMAG0124Das rätselhafte Getränk

Zehn Jahre nach seiner Fertigstellung stellte sich Filmemacher Guido Nebenborn nach der Vorführung den Fragen des Publikums. Das Haus des Dokumentarfilms will ein „angstfreies Forum“ bieten, betonte die Geschäftsführerin zur Eröffnung, und das verwirklichte sich doch recht gut zwischen den Sitzreihen im knalligen 70er-Jahre-Orange. „Weist der Film über Stuttgart hinaus?“, fragte der sympathische Diskussionsleiter vom SWR. Erstaunlich, wie viele Deutungen der Film zulässt.

Und nebenbei ergaben sich unerwartete Gespräche: von ägyptischer Musik und der sozialen Stratifikation der Hörerschaften von Hassan el Asmar und Amr Diab über autobiographische Erzählungen aus der Schloßplatz-Szene der 80er-Jahre (wilde Fluchten vor rivalisierenden Punks inklusive) bis hin zum Hocharabisch der libanesischen Hisbollah-Geistlichkeit.

Ein spannender Abend in einem ganz angstfreien Forum.

Am 4. Juli geht es weiter mit YoungDOK im Haus des Dokumentarfilms. Der Eintritt ist frei.

Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum Stuttgart
Mörikestraße 19 – 70178 Stuttgart

„Die kalte Platte“. Ein Film von Chi-Hun Whang, Cem Kaya & Guido Negenborn.
© 2003 KATO, Schwabentuerke, Cpt. Mono’s.

Brunnerz ist kein Brunnengold

Das Brunnerz in Stuttgart-Mitte ist kein Ort, an den ich mich zufällig hineinverirren würde, zu kühl und spröde wirkt das Gebäude von außen, zu weitläufig die Lounge hinter den Fensterwänden, ganz kurz weht ein Hauch von Billigkeit über die weltmännische Fassade. Verhaltenes Aufatmen, steht man doch mal drinnen: die massiven Holzmöbel machen sich so schlecht nicht.

Als Einstieg in die karibisch-amerikanische Küche lockt das „Presidente“, ein teures Importbier aus der Dominikanischen Republik – „una cerveza tipo Pilsner“ mit dem Beigeschmack einer faden Kolonialbrühe. (Auf der anderen Seite: Dafür, dass es in einer grünen Flasche abgefüllt ist, war es gar nicht so übel …)

Glaubt man den Internetkritiken, steht es um den Service schlecht im Brunnerz. Das waren sicherlich Erfahrungen von Samstagabenden, wenn die Lounge zum Bienenstock wird und die so coolen, so männlichen Kellner die Fasson verlieren. An einem ruhigen Montagabend können sie hingegen mit graumeliertem Dreitagebart und tiefem Kinngrübchen einfach weiter cool und männlich bleiben, ohne dass es zur Servicekatastrophe kommt.

Steht der Teller erst mal sicher auf dem Tisch, erwischt sie einen doch, die Katastrophe: Das Essen ist fad. Die Tapas sind reizlos (ich glaube nicht, dass man Tapas schlimmer beleidigen kann), der Cesar’s Salad besticht ausschließlich durch zu viel Salz, der Burger immerhin ist anscheinend „ganz okay“. Hähnchen, in jedem zweiten Gericht vertreten, haben wir uns verkniffen: Die stammen hier garantiert nicht aus „glücklicher“ Aufzucht. Der abschließende Kaffee zweitklassig, die Rechnung im Verhältnis zur Qualität zu hoch.

Der allererste Instinkt hatte doch nicht getrogen: billig wie der scharfe Desinfektionsgeruch auf der Toilette.

Durchgefallen.

Brunnerz: Rotebühlplatz 10 – 70173 Stuttgart-Mitte

http://www.brunnerz.de/