„Jetzt lernst du Gott kennen“ – Das lange Schweigen nach dem Drogenthriller „Sicario“

Die Entführten sind längst tot und verwesen unter Plastikfolien, als das FBI das Haus in einer Vorstadt Arizonas stürmt. Warum diese Menschen aus Mexiko, aus Lateinamerika, sterben mussten, wird nicht restlos klar, und das ist symptomatisch für ein ungeheuer komplexes Geflecht aus Verbrechen und Not entlang des Grenzwalls zwischen den USA und Mexiko: Schleuserbanden, Massenimmigration, Erpressung und Entführung, Waffenschmuggel, offene und verheimlichte staatliche Gewalt und nicht zuletzt der Drogenkrieg, der Mexiko seit Jahren in einem kriegsähnlichen Zustand hält. Und es liegt in der Logik des Drogenthrillers „Sicario“ (spanisch für Auftragskiller), denn die Einsatzleiterin Kate Macer (Emily Blunt) wird abgezogen zu einem Team unter der Leitung zweier Regierungsbeauftragter, die die Hintermänner des Verbrechens ins Visier nehmen wollen.

Der Auftrag ist nicht das, was Macer erwartet hatte. Von Anfang an kämpft die FBI-Agentin gegen einen ungreifbaren Gegner aus Fehlinformationen und Schweigen an. Der CIA-Mann Matt Graver (burschikos und ein homo homini lupus Josh Brolin) und sein Mitarbeiter Alejandro Gillick, ein ehemaliger kolumbianischer Staatsanwalt (undurchsichtig und vielschichtig Benicio del Toro in hellem Sakko und mit tiefen Augenringen) halten Macer immer wieder im Unklaren über ihre Ziele und Motive. Bereits der erste Einsatz ist nicht, wie Macer gegenüber angedeutet, eine Besprechung in El Paso, sondern führt ein Einsatz-Team über die Grenze nach Ciudad Juárez (eindrücklich, wenn auch nicht frei von Klischees als Hölle inszeniert), um dort ein Kartellmitglied auszulösen und in die USA zu überführen. Auf dem Rückweg kommt es zu einem Feuergefecht. US-amerikanische Staatsbürger töten, vollkommen rechtswidrig, auf mexikanischem Territorium, und keine Zeitung wird darüber Anklage erheben, keine Behörde eine Akte über das anlegen, was wirklich passiert ist. (Der Einsatz ist übrigens eine absolute cineastische Glanzleistung, wunderbar choreographiert – allein dem Weg der Fahrzeugkolonne durch die Stadt zu folgen, lohnt den Kinobesuch – und atemraubend spannend.)

Immer tiefer verstrickt sich Kate Macer in dieses Geflecht aus Lügen und rechtswidrigen Einsätzen, in dem die CIA in einer unheiligen Allianz die Macht der mexikanischen Kartelle zu brechen versucht. Die Handlungsfreiheit der FBI-Agentin schränkt sich mit der zunehmenden Bloßlegung dieser schmutzigen Politik eines „Der Zweck heiligt die Mittel“ immer weiter ein und drängt sie in eine passive Rolle (was keine Schwäche des Drehbuchs ist, erst recht nicht eine der schauspielerischen Leistung von Emily Blunt, sondern ein Gradmesser, wie sehr sich die Figur immer weiter von einer Welt entfernt, die sich an gesellschaftlich ausverhandelten Regeln von Recht und Transparenz orientiert), bis hin zu dem Augenblick, als Alejandro in den Mittelpunkt des Filmes rückt und in einer erschütternden Szene („Jetzt lernst du Gott kennen“) seine Epiphanie als Auftragskiller erlebt.

Zu den dramaturgischen Stärken „Sicarios“ gehören die souveränen Tempowechsel. Der Film gestattet sich über weite Teile eine ganz überraschende Ruhe und Langsamkeit, die ihm sehr zugute kommt, und ist zugleich ungeheuer dicht und packend. Eine gewisse Schwäche mag das Drehbuch (Taylor Sheridan) dort haben, wo Fragen offen oder Figuren beziehungslos bleiben. Biographische Orientierung wird nur angedeutet, wo es absolut notwendig ist. Psychologisch kann damit nur aus dem Augenblick und nicht aus einem gewachsenen Leben heraus gearbeitet werden, aber das passt zu im Dämmerlicht von Geheimakten und Schmugglertunneln operierenden, entwurzelten Spezialisten und wird wettgemacht durch das Mienenspiel der Schauspieler: die Erschütterung und das Ringen von Emily Blunt, das Taktieren aus Lüge und roher Entschlossenheit von Josh Brolin, dem traumatisierten Strudel aus Verletzlichkeit, Sanftmut und Psychopathie von Benicio del Toro.

Wummernde Bässe (Musik: Jóhann Jóhannsson) – man weiß es nicht: ist es das adrenalingetriebene Pochen des Blutes in den Ohren, ist es ein zur Unkenntlichkeit gesteigerter Sound aus Ghetto-Blastern? – unterstreichen das eindrückliche Bildwerk des Kameramanns Roger Deakins. Zu den schönsten Bildern gehört, wo der Mensch in einen weiteren, unendlich weiten Kontext gestellt wird. Die Landschaft in „Sicario“ ist Schrecklichkeit und Majestät zugleich, unter ihrem zeitlosen Himmel führen die Menschen ihr Leben aus Leiden und Krieg; sie kennen nur noch den Schrecken, nicht mehr des Himmels Herrlichkeit: Wo Wetterleuchten den stahlblauen Horizont über der Wüste elektrisiert, beobachten die amerikanischen Grenzschützer nachts die Leuchtgeschossspuren der Bandenkämpfe in Juárez. Und in einem Abendrot, das die Kraft besitzt, einen längst ab- und aufgegebenen Glauben wiederzufinden, steigen Elitesoldaten in die Schwärze der Nacht hinab mit Infrarot- und Wärmesichtgeräten, die ihre Gegner zu Silhouetten herunterrechnen, die es zu töten gilt.

In seiner Aussichtslosigkeit und Eindrücklichkeit erinnert „Sicario“ als Thriller um den Drogenkrieg an „Traffic“. Gleichzeitig schafft der kanadische Regisseur Denis Villeneuve mit eigener Handschrift einen der packendsten Thriller der jüngeren Zeit, der gerade dadurch seine Größe erhält, weil er der Ruhe ihren weiten Raum lässt statt sich in einem Feuerwerk aus Action und Grausamkeit zu verlieren.

Und dann verlässt du das Kino mit einer Gänsehaut und schweigend gehst du nebeneinander her. Menschen lachen in den Straßen. Sie leben in einer anderen Welt.

„Sicario“. Regie: Denis Villeneuve. Mit Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin. 122 min. Deutscher Kinostart: 1.10.2015 (FSK 16).

Eine Buchrezension zu Ciudad Juárez gibt es auf Zeilentiger liest Kesselleben hier, einen Tatsachenbericht zu Entführungen in Mexiko hier.

„Timbuktu“ − Zarte Liebeserklärung an die Menschlichkeit in Zeiten der Barbarei

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Die Gazelle springt über den Wüstenboden. Ihr Lauf ist entrückt, keine Tonspur begleitet die Kamera, die ganz dicht an dem Tier ist, das gelbe Land hinter dem gelben Leib verschwimmt, die Gazelle rennt mit einer ungeheuren Leichtigkeit, sie ist Schönheit und Verletzlichkeit zugleich, Ausdruck reinsten Lebens und Verkörperung des Todes, denn es ist offensichtlich: Sie flieht vor etwas. Dann bricht die fast traumartige Szene auf, Gewehrschüsse knattern, die Kamera fällt zurück, der Hintergrund wird unbarmherzig scharf, ein Geländewagen mit vermummten Bewaffneten verfolgt die Gazelle, das Banner der Islamisten − weiß auf Schwarz das islamische Glaubensbekenntnis − flattert im Wüstenwind. So eröffnet Abderrahmane Sissako seinen neuesten Film „Timbuktu“. Am Ende des Filmes werden es Menschen sein, die vor den Dschihadisten durch den Wüstensand rennen.

2012 besetzten Al-Qaida-nahe Dschihadisten die Stadt Timbuktu im westafrikanischen Mali und unterwarfen die Bevölkerung ihrem islamistischen Regime, bis sie neun Monate später von einer Allianz aus französischen und malischen Truppen aus dem Weltkulturerbe Timbuktu wieder vertrieben wurden. Regisseur Sissako, in Mauretanien geboren und in Mali aufgewachsen, war selbst Zeuge der Dschihadistenherrschaft in dieser Stadt. Diese Erfahrungen legten den Grundstein für seinen mit zahlreichen Preisen ausgestatteten Spielfilm. (Als er auf der Pressekonferenz in Cannes erzählt, wie er Augenzeuge einer Steinigung eines unverheirateten Paares wurde, bricht der Regisseur in Tränen aus.)

Wie so manchem anderen westafrikanischen Film gelingt „Timbuktu“ mit überschaubaren Mitteln eine große Kunst des Erzählens. Der Eroberungszug der Islamisten wird nicht in blutigen Kämpfen oder grausamen Exempeln ausgebreitet. Eine schlichte Szene, zu einem Sinnbild verdichtet, genügt Sissako, den Hintergrund zu umreißen. Afrikanische Figuren aus schwarzem Holz oder Keramik sind im Sand aufgereiht, die Dschihadisten feuern auf sie, reißen Löcher in die Figuren, durchbohren sie, zerschmettern sie. Der Plastik einer Frau reißt ein Geschoss erst die Hälfte des Gesichts weg, dann eine der beiden bloßen Brüste. Mit den einfachsten Mitteln ist hier schon so viel gesagt.

Während die Scharia-Polizei auf den Dächern der Stadt patrouilliert und Ausrufer über das Megaphon die Liste der Verbote immer mehr ausweiten, lebt der Nomade Kidane mit seiner Familie in Frieden. Ihr Leben ist ärmlich, die wirtschaftliche Not und die Angst vor den Islamisten ist eine stete Bedrohung, doch noch liegt die kleine Familie ausgestreckt auf den Teppichen ihres Zeltes, der Vater spielt auf seiner Gitarre den Wüstenblues, für den Mali so bekannt geworden ist, seine Frau und seine Tochter singen. Diese Musik ist ein Schlüsselelement in dem Film. „Mein Vater ist noch hier, weil er die Musik liebt“, erklärt die Tochter einem Freund. Und weil er daher nicht wie andere in den Krieg oder den Dschihadismus gezogen ist, denn der Krieg gibt die Väter nicht mehr her.

Dann zerstört ein dummer − ökonomisch zwar bedrohlicher, aber in seinen Folgen eigentlich vermeidbarer − Streit diese Insel des Friedens: Ein Flussfischer tötet Kidanes Kuh mit dem wunderbaren Namen GPS, weil sie seine Netze zerreißt (bestechend, wie Sissako mit ganz leichter Hand hier eine spannungsreiche Grundkonstante des Landes Mali porträtiert: hier mit dem dunklen Fischer die sesshafte, schwarzafrikanische Bevölkerung, dort mit dem Tuareg Kidane das nomadische, berberische Element), es kommt zu einem Handgemenge, eher aus Versehen fällt ein Schuss und der Fischer ist tot. Auf diese Tat steht (ein Blutgeld kann Kidane nicht aufbringen) in dem Gottesstaat das Todesurteil. Und so reißt das Regime der Dschihadisten auch die kleine Nomadenfamilie ins Verderben − vor den Auswirkungen des Islamismus ist eben niemand sicher.

Sissako erzählt mit leichter und ruhiger Hand, die Handlung reduziert sich auf ein beinahe meditatives Tempo, der Gestus ist bedächtig und neigt − ungeachtet einzelner starker Aufnahmen von Landschaft und Raum − zu Bescheidenheit. Dabei ist der Film keinesfalls einschläfernd, sondern erweist sich als Kino von bezwingender Größe. Ein Glanzpunkt ist das Fußballspiel mit einem imaginären Ball, weil die Islamisten in ihre lange Liste der Verbote auch das Kicken aufgenommen haben. Wie die Jugendlichen auf einem staubigen Feld diesem unsichtbaren Fußball hinterherjagen, ist eine Szenerie von unglaublicher Poesie.

Und dann die Komik, etwa in der Darstellung der Kommunikationsschwierigkeiten unter den zusammengewürfelten Dschihadisten. (Im Film werden mindestens Tamascheq, Arabisch, Bambara, Französisch und Englisch gesprochen.) Eine Patrouille findet den toten Fischer, einer der (einheimischen) Dschihadisten ruft übers Handy den arabischen (also ausländischen) Anführer an. „Was? Was sagst du? Dein Arabisch ist wirklich furchtbar schlecht“, beschwert sich der Anführer übers Telefon. „Sprich Englisch mit mir!“, fordert er den Mann auf. Doch auch dessen Englisch versteht er nicht. Entnervt gibt er auf. „Lass es, ich rufe zurück.“

Gegen die buchstabenhörige, bizarre Lebensfeindlichkeit der islamistischen Doktrin setzt Sissako eine feine Menschlichkeit, Mitgefühl, Musik. Es mögen schwache Mittel gegen den reduzierten Kodex eines verblendeten Männer- und Kriegerbundes sein, gegen den selbst der einheimische Imam mit klugen Argumenten, tiefer Frömmigkeit und empathischer Menschenliebe auf Dauer nichts ausrichten kann. Bezeichnend ist aber dabei, dass Sissako die Dschihadisten trotz ihrer klaren lebensfeindlichen Positionierung als Individuen überraschend menschlich zeigt. Es sind nicht die Wüteriche, die wir aus der medialen Wiedergabe ihrer barbarischen, blutbesudelten Taten kennen. Da ist zum Beispiel der ehemalige Timbuktu-Rapper, der voller Zweifel in die Kamera der Ideologen blickt. Da ist der arabische Dschihadist, der sich zum Rauchen regelmäßig hinter die Dünen verdrückt (natürlich sind auch Zigaretten verboten). Da ist der Gotteskrieger, der dem Blick des Verurteilten nicht standhalten kann, weil er mit ihm fühlt und auf die Frage, was er mit diesen Leuten zu suchen habe, nichts zu antworten weiß als ein verlorenes „das ist eine lange Geschichte, die uns verbindet“. Selbst ihr Anführer ist nicht mehr als ein Bürokrat, der durchaus zu Mitgefühl mit dem Verurteilten imstande ist. Und dann ist da noch ein Dschihadist, der sich, versteckt in einem Hof, in den Sand niederbeugt, als würde er zum Gebet knieen wollen, und dann unerwartet einen heimlichen Balletttanz aufführt, voller Hingabe und ganz und gar bei sich und dabei zum Schönsten wird, was ein Mensch sein kann (und zerrissen und tragisch zugleich).

Dass Sissako die einzelnen Menschen hinter der Fratze des Dschihadismus so menschlich zeigt, erscheint uns vor den Taten des IS, der Taliban, der Boko Haram zumindest als irritierend, wenn nicht sogar als eine Schwäche des Films. Womöglich zeigt sich Sissako aber im Gegenteil hier ganz besonders groß. Selbst wer Böses tut, mag es vielleicht in Zweifel tun, so sein Credo. Und das ist es ja, was „Timbuktu“ vor allem anderen auszeichnet: eine zarte, große, wunderschöne Liebeserklärung an die Menschlichkeit in Zeiten der Barbarei.

„Timbuktu“. Regie: Abderrahmane Sissako. Mit Ibrahim Ahmed, Abel Jafri, Toulou Kiki, Layla Walet Mohamed. 100 min. Deutscher Kinostart: 11.12.2014.

(Link führt zum Trailer − unbedingt ansehen!)

Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 5)

81.

Ein Entschluss: Ich wende mich nach Süden. Nur ein paar Schritte abseits der High Street Kensington liegen betörend schöne, ruhige Wohnstraßen mit edlen kleinen Geschäften. Sie sind wie hingezaubert mit ihren hübschen Treppenaufgängen, viel hellem, sauberen Putz, immergrünen Laubbäumen, die sich im Wind sanft wiegen und glänzen vom Regen. Hinter jeder Tür liegt hier ein Zuhause, das ist unverrückbar, ein sicheres Versprechen, in das heimzukommen eine Freude ist, so muss das sein. An die Realität von Mietpreisen will ich nicht denken.

82.

Der Regen nimmt weiter zu und ich beginne zu ahnen, dass der Weg länger sein wird, als gedacht. Kein „Abstecher“, wird mir bewusst, als ich durchnässt an ein Kirchtor trete, um den Namen abzulesen und auf der Karte meinen Standort zu bestimmen. Ich lege mir ein System auf, um den Weg beherrschbar zu machen: Abwechselnd will ich rechts und links abbiegen. Ich halte mich streng an das Muster, lasse nur ein einziges mal eine schmale, dunkle Gasse aus, die mir nicht geheuer ist, die vielleicht in einen Hof enden wird. Rechts, links, rechts, links, rechts, links, rechts.

83.

In einer Straße mit zurückhaltendem Geschäftsaufkommen prunkt ohne jede Verlegenheit ein Schauraum mit Ferraris. Das also ist South Kensington.

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Oakley Street. Hausverschönerungen im schmucken Chelsea, die Eingangstür zu dem altehrwürdigen Haus − ein paar Treppenstufen erhöht − steht offen, im Hintergrund Handwerker, ein paar Mörtelsäcke. Ein Mann liegt auf dem Flurboden, einen Arm auf dem Boden aufgestützt, mit der anderen Hand schlägt er den Lack der Tür ab. Autos rollen durch die Straße, der Regen rauscht und die Luft strömt kühl, doch den Mann stört es nicht, dort auf der Schwelle zu liegen. Ganz sicher wird das Haus am Ende noch schmucker aussehen.

85.

Nach dem letzten Schwenk nach rechts strahlt vor mir die Albert Bridge über der Themse. Ein Lichterfest.

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Abendlicher Blick vom Battersea Park auf die Albert Bridge

86.

Sofort nach der Brücke schlage ich mich nach links und gehe die lange gerade Uferpromenade des Battersea Parks entlang. Zuerst wirkt der Park fast leer, beinahe nächtlich schon. Eine einzelne Spaziergängerin mit Schirm kommt mir entgegen, dann ein Jogger. Hinter einer Pagode mit Buddhastatue trainieren zwei Mädchen Kickboxen im trüben Licht einer Laterne. Die Kleinere klagt, sie ist müde, aber auf die Aufmunterung der anderen hin schlägt sie immer weiter. Klatschen von Leder mit jedem Schlag und Tritt in die Handschuhe. Die beiden lachen. Dann kommt mir eine ganze Gruppe entgegen, ihr Gang ist so merkwürdig, dass ich für einen kurzen Moment an eine Zombiemeute denken muss. Schon geht mein Blick instinktiv nach rechts, sucht nach Ausweichwegen in den Park. Der Realitätsfilter in meinem Kopf macht aus den Zombies im nächsten Augenblick eine Gang auf Drogen. Dann endlich entschlüsselt mein Hirn die Bewegungsabläufe: Es sind Sportler bei Aufwärmübungen. Sie tragen kurze Klamotten, der Dezemberregen rinnt ihnen übers Gesicht. An die Kaimauer schlagen Wellen, die ein schnelles Boot ausgelöst hat, für einige Sekunden lebt die Illusion einer Brandung mitten in London. Am Parkplatz leuchtet es, Weihnachtsbäume werden feilgeboten. So viel Leben, was zuerst verlassen wirkte.

87.

Über die Chelsea Bridge mache ich wieder auf das andere Ufer rüber. Auf den anderthalb Kilometern bis zur Vauxhall Bridge kommen mir Dutzende Jogger entgegen. Die harten Platten des Thames Path − hier nur ein Gehweg neben einer großstädtischen Hauptstraße − dürfte weder für Dauerlaufer noch für Fernwanderer attraktiv sein. Das tut der Zahl der Sportwilligen keinen Abbruch. Anpassung an ein Ökosystem.

88.

Über die Lambeth Bridge wechsle ich erneut auf die südliche Uferseite über. Auf der Brücke kann ich das Riesenrad von The London Eye erspähen. Endlich wieder eine bekannte Landmarke. Ich passiere den Palace of Westminster und Big Ben schlägt auf der anderen Flussseite sieben Uhr. Ich erwarte die bekannte sonore Stimme: „BBC News“. Aber ich höre nur den Verkehr, Schritte, Autorauschen.

London_London Eye_Riesenrad

The London Eye

89.

An der Westminster Bridge verlasse ich den Uferweg und nehme eine Straße nach Waterloo hinein. Ich merke, dass ich nicht mehr die Aufmerksamkeit für die Wahrnehmung von Details habe. Mein Gang ist zum mechanischen Trott geworden, die feuchte Kleidung hängt am müden Leib. Das helle Gebäude des British Film Institutes, ein paar Schritte neben der Royal Festival Hall lockt mich nochmals aus meiner Innenwendung. Ich trete durch den Eingang und bin in einer anderen Welt, auf einer anderen Reise. Plakate von alten Filmklassikern  − Themenwochen „Gothic. The Dark Heart of Film“ − prangen an den Wänden, die offene Bar ist gut besucht von schwatzenden, fröhlichen, eleganten, ganz und gar nicht regennassen Menschen, links liegt ein Shop mit Filmdevotionalien. Ehrfürchtig wandere ich zwischen den DVD-Reihen hindurch: nicht nur Produkte einer Unterhaltungsindustrie, sondern irgendetwas Höheres. Eigentlich kaufe ich keine DVDs mehr und habe im Augenblick nicht einmal die technischen Voraussetzungen, mir zuhause Filme anzusehen, trotzdem bringe ich dem Gott des Kinos ein Opfer dar und bezahle bei einem liebenswerten Verkäufer für eine eklektische, aus dem Bauch heraus getroffene Auswahl: „The Claude Chabrol Collection, Volume 2″, „The Battle of Algiers“ von Gillo Pontecorvo und Abderrahmane Sissakos „Bamako“ aus Mali. Hellwach verlasse ich das Filminstitut und weiß, ich werde irgendwann wiederkommen, auf einer anderen Art der Londonreise.

90.

Ich stehe unter der Waterloo Bridge und weiß nicht genau, wohin weiter. Ein Passant fragt einen Mann in Trenchcoat nach dem Weg, also stelle ich mich an. „I am not a tourist guide“, erhalte ich zur Antwort. Ich finde den Weg auf die Brücke und überquere ein letztes Mal die Themse. Der Blick auf Downtown ist unverhüllt. Die kalte himmelstrebende Macht der Wolkenkratzer hat ihren eigenen Reiz und trotzdem begreife ich die Motivation nicht, diese Gebäude zu errichten. Sie werden nicht überdauern, dessen hin ich mir sicher. Stehen sie in 200 Jahren noch? Ich meine nein. Manch anderes hier in dieser Weltstadt ja, aber nicht diese Wolkenkratzer.

91.

„Hummus bros − give peas a chance“

92.

„Food and wine − open till late“. Was „spät“ auch immer genau bedeuten mag, die Leuchtreklame ist Trost in der abendlichen Dunkelheit.

93.

Als ich in meiner Unterkunft ankomme, glüht mein Gesicht, ich habe rote Wangen und fühle mich blendend − wie nach einem Tag in der Sonne. Sonne hatte ich heute nicht viel, nur zehn Stunden Fußmarsch und Wind und Wetter. Das wirkt offenbar ähnlich.

94.

Hostelgespräche. Dem Amerikaner unter meinem Bett war morgens in der Dusche der Geldbeutel gestohlen worden, das heißt vor der Dusche: nur einen Armgriff weit hinter dem Duschvorhang … Sein halber Tag hatte daher aus den leidigen Konsequenzen des Diebstahls bestanden. Immerhin war die Börse schlussendlich auf der Straße wiedergefunden worden − Bargeld weg, Papiere und Kreditkarte aber noch da. Ein Glück. Die beiden englischsprachigen Mädchen sind weitergereist, neu ins Zimmer kam dafür Ali, der Bengale aus Lincolnshire, ein sehr lustiger junger Bursche mit Schnurrbart. Er hatte den Raum gewechselt, weil ihm die Frauen in seinem ersten Zimmer zu schnatterhaft waren, behauptete er, doch der Münsteraner, der bereits betrunken und sehr laut hereinkommt, stört ihn angeblich nicht. Ali bietet uns allen von seinem indischen Essen an, es fallen viele Worte um die scharfe Soße. Der Amerikaner zeigt sich als schärfeempfindlich, es braucht viel Überredung, bis er sich bereit erklärt, ein bisschen von der Soße zu kosten. Der Münsteraner, der den Amerikaner schon die ganze Zeit so sehr provoziert, dass ich in Bereitschaft bin, einzuschreiten, sieht eine Möglichkeit, aufzutrumpfen. „Es ist kein bisschen scharf!“, tönt er laut, „kein bisschen!“ „He‘s got balls“, hatte Ali zuvor noch anerkennend genickt, als der Münsteraner beherzt zugegriffen hatte. Jetzt schaut er ihn an, sein Gesicht ist freundliche Ausdruckslosigkeit, und er sagt nur: „So so, gar nicht scharf.“ Zu viele Eier, dieser Münsteraner …

95.

Der nächste Morgen ist klar. In einem italienischen Café leuchten orangen Overalls und Jacken. Fast alle Gäste tragen diese Kleidung des städtischen Straßendienstes. Stammcafé oder morgendliche Betriebsfeier? Der Wirt, der mir in höflichster britischer Manier ein urenglisches Frühstück hinstellt − Toast, Spiegelei, Bohnen, eine große Tasse Tee („milk, no sugar“) − hat seinen südkontinentalen Akzent noch nicht verloren.

96.

Zum Abschied noch einmal ein indisches Essen, ein Lokal mit fünf Tischen und einem Mittagsbuffet. „Everything‘s vegetarian?“ „Yes of course, Sir.“ Chiliglut und Abschiedstrauer.

97.

Unter den Treppenaufgängen oder hinter den Liftschächten von St. Pancras Klaviere, in Pastellblau angestrichen und verstimmt. Es sitzen Menschen daran, eine Tasche umgehängt entlocken sie den Tasten Liedern. Ein Kunstprojekt? Am dritten und letzten steht ein Mann statt zu sitzen leicht versetzt zum Instrument, wie um zu demonstrieren, dass er nicht wirklich zum Klavier gehört − eine Unterstreichung einer Fremdheit −, mit nur einer Hand klimpert er behutsam auf den Tasten. Nein, die Spieler sind nicht Teil eines Projekts, die Klaviere stehen wirklich für alle Menschen einfach dort in der Bahnhofsvorhalle. Als ich die Reihe zurückgehe, hat an einem Klavier der Spieler gewechselt, ein Jugendlicher schlägt nun die Tasten an, drei Mädchen und Jungen stehen im Halbkreis drumherum, die Rücken schützend nach außen gewendet, und sie singen zur Melodie. Die Welt bräuchte öfters so etwas wie diese Klaviere in St. Pancras.

98.

Die letzte Stunde bricht an. Ich überbrücke mit einem Kaffee am Bahnhof, frage nach einer Möglichkeit, mein Smartphone aufzuladen. Es gibt keine Steckdose im Café, doch ein junger Kellner erklärt sich bereit, mein Smartphone hinten im Büro einzustecken. Zuerst will ich ablehnen, so viel Höflichkeit hatte ich nicht erwartet. Als der junge Mann versichert, dass es wirklich keine Mühe mache, drücke ich ihm Gerät und Adapter in die Hand. Als ich es nach dem Kaffee wieder abhole, reiche ich ihm mit Vergnügen Trinkgeld. Er strahlt.

99.

Die Schlangen zum Eurostar rücken langsam voran. Eine betagte britische Lady vor mir − rosa Jäckchen, rosa Passhülle − wird beim Durchtreten des Scanners zur Seite gewunken. Verschmitzt meint sie später zu mir: „I never had a body search before.“ „Congratulation“, lache ich.

100.

Der Zug rollt an. 50 Stunden London liegen hinter mir. Ich glaube, ich hatte so viel gesehen wie noch nie in einer Stadt in solcher Zeit. Und hatte kein einziges Mal ein anderes Verkehrsmittel als meine eigenen Füße benutzt.

Dezember 2013.

Wenn man vor dem Grauen des Universums steht und nur das Tanzen bleibt – Die Space Opera „Guardians of the Galaxy“

Die Reise in ein anderes Universum beginnt circa eine Viertelstunde vor Filmstart an der Kasse. Upps – solche Halsabschneiderpreise bin ich im Kino nicht gewohnt. War ich wohl gar zu lange nur werktags im Arthauskino. Ja, man ahnt es schon, wenn ich so anfange, ist die Kollision mit der real existierenden Gesellschaft mit dem Kinopreis noch nicht abgegolten. Es kommt im Vorprogramm, wie es kommen muss: die Werbung (dumm), die Filmvorschau (dümmer), die Bildgestaltung (überbordend), der Sound (noch überbordender), da rutscht das dämliche Klischee vom Untergang des Abendlandes wie von selbst aus der Westentasche. Und während die dumpfe Masse der Zuschauer zu grauenhaft billigen Witzen hemmungslos kichert und gackert, sitzt da einer mit versteinerter Miene in seinem Sessel, ziemlich am Rande, versteht sich. Ein hoffnungsloser Fall. Oder doch nicht?

Bis zuletzt war ich skeptisch, als mir Freunde das SF-Abenteuer „Guardians of the Galaxy“  wärmstens empfohlen hatten. Und natürlich fängt die Verfilmung des Marvel-Comics zum Augenrollen an, Variante triefend herzschmerzmäßig: Bub, Abschiedsrede der krebskranken Mutter, Tod und Tränen, der aus amerikanischen Filmen wohlbekannte Neeeeeeeeein-Schrei und bestürzte Gesichter überall, das alles gleich mal in den ersten fünf Minuten vor den Latz geknallt. Prima, überzeugt fast immer.

Aber dann, aber dann … Geht ein Kinofestschmaus los, stimmungsvoll, bunt, anarchisch und fürchterlich komisch und alles mit so leichter Hand und verschmitzter Freude dargeboten, dass der George Lucas der späten 70er einfach nur neidisch geworden wäre. Über die Handlung muss man eigentlich gar kein Wort verlieren: Fünf intergalaktische Halunken und Glücksritter raufen sich mühsam zusammen, um – aha, Überraschung – das Universum vor einem Bösewicht zu retten. Das Besondere an James Gunns (Regie und Drehbuch) Umsetzung dieser nur zu vertrauten Rahmenhandlung ist ihr Witz, ihre Verspieltheit, aber auch eine gewisse Verletzlichkeit, die zumindest manchen der Charakteren mehr Tiefe gibt, als es zu erwarten gewesen wäre. (Meine größten Bedenken hatte ich gegenüber dem humanoiden Waschbären Rocket. Und dann? Hatte der meine inneren Abwehrstellungen binnen Kürzestem überrannt und mich völlig überzeugt.) Ein hübsches Stilmittel von „Guardians of the Galaxy“ ist auch der wirkungsvolle Einsatz gutgelaunter 70er-Jahre-Songs. Und dann gibt es irgendwo in der Mitte des Filmes ein oder zwei Szenen, die einfach nur wunderschön sind. Da ist Kino wahre Magie.

Am Ende – Stichwort „Endschlacht“ – verliert der Film leider seine leichte, anarchische Hand und setzt auf die altbewährte Überwältungsstrategie aus KRAWUM und EFFEKTEN!!!, garniert mit rührseligem Kitsch. Das ist natürlich irgendwann zum Gähnen, entwertet den Film aber als Ganzes nicht. „Guardians of the Galaxy“ dürfte der bunteste, witzigste und lebensbejahendste Science Fiction-Film seit Luc Bessons „Das fünfte Element“ von 1997 sein. (Gegenbeweise? Dann bitte schnellstens her damit: Ich freue mich schon auf schöne Filmstunden!)

Und ansonsten bleibt nur noch eines zu sagen: Tanzt, Leute, solange euch eure Beine noch tragen! Tanzt!

„Guardians of the Galaxy“. Regie: James Gunn. Mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista. 121 min. 2014. Deutscher Kinostart: 28. August 2014.

Ode an den Penis – Jude Law in der Gaunerkomödie „Dom Hemingway“

Da steht der nackte Jude Law in Halbnahaufnahme, die muskulösen Arme gegen die Zellenwände gestemmt, das aufgeschwemmte Gesicht von einem Bart in einer seiner stillosesten Variation geziert, plumpes Gold blitzt im Mund auf, aus dem er – verzerrt, heiser – den Zuschauern eine Eloge auf den eigenen Schwanz entgegenschleudert, während er offensichtlich von einem Mithäftling oral befriedigt wird. Zeile um Zeile einer genitalen Selbstverherrlichung spuckt unser Knastbruder aus, halb primitiver Männerwahn, halb shakespearescher Monolog.

So führt die britische Gaunerkomödie „Dom Hemingway“ ihren Protagonisten ein, einen Safeknacker mit Triebproblemen: Dom ist versoffen, gewaltbereit, impulsiv und seine Zunge geht regelmäßig mit ihm durch wie ein bösartiger Gaul mit Dichterader, der zu viel Hafer gefressen hat. Als Dom Hemingway nach 12 Jahren aus dem Knast entlassen wird, verprügelt er als allererstes denjenigen Mann, der während seiner Abwesenheit seine Ehefrau gevögelt hat. Dass der die Frau zuerst geheiratet und bis zu ihrem Krebstod gepflegt hat, übersieht unser Cockney-Held großzügig.

Abrechnung Nr. 2 führt Dom mit seinem leidensfähigen Komplizen Dickie (Richard E. Grant) zum ehemaligen Auftraggeber Mr. Fontaine (Demian Bichir) in Frankreich, einem steinreichen, gemeingefährlichen Gangster. Dass Dom den nicht verpiffen hatte, will er sich nun in barer Münze auszahlen lassen. Dumm nur, dass Dom sich und seine Zunge wieder einmal nicht im Griff hat und die Geschichte einen Rattenschwanz an Problemen nach sich führt. Und dann gibt es da noch eine heikle Baustelle, Posten Nr. 3 auf Doms Rechnungsliste: Die Versöhnung mit seiner zwölf Jahre nicht gesehenen Tochter Evelyne (Emilia Clarke), die ihren Vater – ganz nachvollziehbar – für ein Arschloch hält.

Dom Hemingway ist ein Antiheld, ein wahrer Unsympath, der seine charmantesten Augenblicke dann hat, wenn er seinen Niederlagen ins Auge blicken muss. Denn natürlich wendet sich in seinem Leben jeder Triumph in eine neue Katastrophe. Dass das filmische Konzept aufgeht und einen Heidenspaß bereitet, liegt nicht nur an der frech-frischen Inszenierung, sondern ganz besonders an Jude Laws Schauspiel. Man kann sich gut vorstellen, wie er sich für diese Rolle abseits seines etablierten Images erst überwinden musste und dann aber loslegt, ein Spiel wie im Rausch, wie von der Kette gelassen: „Gellend heult Garm von Gnippahellir: es reißt die Fessel, es rennt der Wolf.“* Selten hat es solch hemmungslose Freude gemacht, einem derartigen Unsympathen zuzuschauen.

Viel mehr muss über „Dom Hemingway“ gar nicht gesagt werden. Die Story: episodenhaft und durchaus löchrig. Die Stimmung: ein paar Mal brutal, wie man es von britischen Gaunerkomödien der letzten Jahrzehnte so kennt, zum Schluss plötzlich etwas gefühlsdusselig, meistens aber einfach saukomisch. Die tiefere Ebene … Ach, lassen wir das. Wer glaubt, an „Dom Hemingway“ Freude haben zu können, weiß es wohl längst, wie umgekehrt. Und für die wenigen Unentschlossenen hier noch ein letzter Köder: „Dom Hemingway“ zeigt den vielleicht schönsten Autounfall der Filmgeschichte. Klingt paradox, ist aber wahr.

„Dom Heminway“. Regie: Richard Shepard. Mit Jude Law, Richard E. Grant, Demian Bichir, Emilia Clarke. 93 min. 2013. Deutscher Kinostart: 17. April 2014.

* Aus der Lieder-Edda („Der Seherin Gesicht“), zitiert nach der „Germanischen Götterlehre“, hrsg. von Ulf Diederichs, Eugen Diederichs Verlag.

„Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt!“ – „Gravity“ versus Bradbury: zwei Entwürfe der ultimativen menschlichen Ausgeliefertheit

„Der erste Stoß schnitt die Seite des Raumschiffs wie mit einem riesigen Büchsenöffner auf.“ Das ist die Urkatastrophe in Ray Bradburys Kurzgeschichte „Kaleidoskop“ (Teil seines „Illustrierten Mannes“) und sie wird nicht weiter erläutert, nicht erklärt, sie ist einfach geschehen. Und nun treiben die Astronauten in ihren Raumanzügen hilflos durchs All, jeder von der Schubkraft der Explosion in eine andere Richtung hinein in das dunkle Meer geschleudert. Der Funk ist das einzige, was diese Schiffbrüchigen in ihrem endlosen Fall noch miteinander verbindet – der letzte Beweis ihrer Existenz, ihres Menschseins. Und aus diesem Funkverkehr spinnt sich ein Faden aus Angst, Wut, Gemeinheit und Vergebung, bis auch er schließlich zusammenbricht und jeder allein ist mit der Unendlichkeit des Weltalls.

Recht ähnlich ist die Ausgangssituation im neuesten Kinofilm von Alfonso Cuarón, Schöpfer der Gänsehaut erregenden Dystopie „Children of Men“. Ein Space Shuttle wird in der Erdumlaufbahn vom Weltraumschrott zerfetzt. Zwei Besatzungsmitglieder – gespielt von Sandra Bullock und George Clooney – überleben und trudeln in ihren Anzügen durch den kalten Weltraum. Ihre einzige Hoffnung ist, eine nahe Raumstation im Orbit zu erreichen und mit einer Raumkapsel zur Mutter Erde zurückzukehren – bevor der Sauerstoff des Anzugs ausgeht, die Energie der Schubdüsen erlischt, ihnen die Satellitentrümmer auf ihrer Umlaufbahn erneut begegnen, sie schlicht Todesangst überwältigt oder ganz banal ein falscher Schubvektor sie rettungslos tiefer ins All stürzt. Ein Wettlauf voller Katastrophen beginnt, ein Überlebenskampf gegen den einsamsten aller Tode, während unter ihnen die heimatliche Erde in all ihrer Pracht prangt – so schön, so unerreichbar.

Die Kritiker der großen Medien überschlagen sich vor Begeisterung, von neuen Maßstäben für das Kino des 21. Jahrhunderts ist die Rede, von einem möglichen Oscar für Sandra Bullock wird geschwärmt und der Film spielt – erstaunlich bei einem Kammerstück, das 90 Minuten im freien Weltraum spielt – Rekordsummen ein. Nachvollziehbar? Nein. Denn Cuarón, der „pures Kino“ schaffen wollte, wie er auf einem Interview von Spiegel Online gesteht, ist auf dem mühsamen, mehrjährigen Weg des Filmdrehs der Verlockung der Technik und damit einem Primat der Äußerlichkeit erlegen. Atemberaubende 3D-Aufnahmen in der beeindruckend simulierten Schwerelosigkeit machen das Herz des Filmes aus, nicht die Geschichte, und der Zuschauer wird von den Sinneseindrücken und ganz besonders einer überbordenden Tonkulisse aus Musik und Sound erschlagen. Die hohe Kunst des Erzählens, sie kommt dabei zu kurz. Und obwohl manche Momente wirklich tief berühren („Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt“ ist, weiß man um den Kontext der Handlung, einer davon) und obwohl lange Sequenzen schlicht fingernägelkauend aufreibend sind, bleibt der Film letztlich als Ganzes – hohl. Und damit lästig. Nach „Children of Men“ und den verheißungsvollen Kritiken eine Enttäuschung.

Ganz anders zeigt sich der Altmeister der SF-Erzählungen Ray Bradbury in seinem „Kaleidoskop“. Die unerträgliche Macht des Weltraums wird in nur wenigen, doch wirkungsvollen Sätzen skizziert, nicht mehr als ein paar knappe, unbarmherzige Federstriche. Nicht eine „Überwältigungskulisse“ für die Sinne (ich fürchte, der Filmkritiker meinte seine Worte positiv) macht die Geschichte aus. Sondern was in diesen Menschen vorgeht, was in ihnen bloßgelegt wird, während sie durchs Weltall in den Tod treiben, mit jedem Augenblick weiter voneinander getrennt; in ihrer Lebensrekapitulation, in den Funkgesprächen der Verlorenen, in all der Erbärmlichkeit und der Würde des Lebens. Auf nur 13 Seiten entwirft Bradbury sein „Kaleidospok“, so atemberaubend, todtraurig und wunderschön, dass einem die Tränen kommen könnten. Ja, weint, weint, während die Astronauten tiefer fallen, fallen, fallen!

„Gravity“. Regie: Alfonso Cuarón. Mit Sandra Bullock, George Clooney. 90 min. 2013.

Ray Bradbury, Kaleidoskop, in: ders., Der illustrierte Mann. Aus dem Amerikanischen von Peter Naujack. (Originaltitel: Kaleidoscope, in: The Illustrated Man 1951). Diogenes © 1962, 1973 Diogenes Verlag, Zürich.

Der Finger, der verwundet und verzaubert zugleich – „Die Möbius Affäre“

Ein monumentaler Kameraschwenk über die Steilklippen hinab auf Monaco zu schicksalsschweren Chorgesängen, hinein in das Großraumbüro einer Bank, in dem die coole Brokerin den Chef mit ihrem jüngsten Aktiencoup vorführt (Einführung Protagonistin 1), und ein Schnitt hinüber in ein anonymes Apartement, in dem der russische Top-Agent eine Mitarbeiterin psychologisch für ihren nächsten Einsatz drillt (Einführung Protagonist 2) – der Film will Großes, das spürt man sofort, und wirkt in den ersten Minuten doch etwas spröde, beinahe verunsichert, als wüsste er selbst, dass er mit den großen Agentenfilmen Hollywoods nicht wird gleichziehen können.

Dann aber besinnt sich der französische Agententhriller „Die Möbius Affäre“ (Kinostart 1.8.) auf seine eigenen Qualitäten und spielt sich auf umwerfende Weise frei. Das liegt nicht am Plot. Der ist komplex, um nicht zu sagen verwirrend. Auf zwei Sätze heruntergebrochen: Die Bankerin Alice Redmond (Cécile de France) betreut in Monaco das Vermögen des Oligarchen Ivan Rostovski (Tim Roth) und wird gleichermaßen vom CIA und dem russischen Geheimdienst FSB umworben. Ein doppelbödiges Verwirrspiel aus Hochfinanz, Geheimdienst und politischer Intrige beginnt und wird zur Bühne eines verhängnisvollen Liebesreigens zwischen Alice und Gregori Ljubov (Jean Dujardin), dem Leiter des russischen Agententeams.

Was den Film auszeichnet, ist seine in aller Ruhe ausgearbeitete Präsenz und Intensität, es sind die (nach den Anfangsschwierigkeiten) herrlich zwingenden, geschliffenen Dialoge; ein gekonnt langsames Erzähltempo, in dem sich nur ein einziges Mal die Gewalt wirklich körperlich manifestiert und die Normalität umso erschreckender durchbricht; es ist die Sorgfalt gegenüber den kleinen Gesten, besonders den Blicken: Blicke, die forschen, zögern, verschleiern, flackern, brennen, Blicke voller Einsamkeit und Hingabe; es ist auch ein szenisch eindrucksvoll eingebundener Sound, von der Barmusik bis zum Babygeschrei irgendwo in der trostlosen Weite der Mietskaserne.

Am dichtesten zeigt sich diese Intensität in der Begegnung der beiden Protagonisten Alice und Gregori, die in einer Welt der Lüge ihre Liebe zu leben suchen – eine Ehrlichkeit und ein Begehren, bei dem es hörbar knistert auf der Leinwand, und die in einer minutenlangen, wunderschönen Liebesszene einen Höhepunkt erreicht, in dem noch die Einstellung auf ein zitterndes Augenlid, die Schutz schenkenden Arme pure Erotik sind.

Natürlich können diese beiden Liebenden nur verlieren, was umso tragischer ist, weil sie, die sich Halt zu geben versuchen in einer schwindelerregenden Welt, einander in einem unbeabsichtigen Doppelspiel selbst zu Fall bringen.

Ein in seiner Ruhe durchwegs spannender (und anders als der steintrockene „Dame, König, As, Spion“ sehr sinnliche) Agentenfilm, der kaum etwas mit einem James Bond oder Jason Bourne zu tun hat, und zugleich ein ergreifendes Liebesdrama, ein Film bester französischer Kinotradition. Wer sich auf „Die Möbius Affäre“ einlässt, tritt als anderer Mensch aus dem Kinosaal und bleibt im besten Fall auch noch Stunden später verwandelt. Wie berührt von einem Finger, der verwundet und verzaubert zugleich.

Die Möbius-Affäre“ (Original: „Möbius“). Regie: Eric Rochant. Mit Jean Dujardin, Cécile de France, Tim Roth. 103 min. 2013.