Friede den Hütten

Still ist es auf dem Berg. Unten im Tal läuten die Glocken zum Hochfest der Geburt des Herrn. Danach schlägt ein Hund an, irgendwo, dann legt sich wieder Stille über den Gipfel. Die Sonne scheint an diesem 25. Dezember, als würde sie den ganzen Winter über nichts anderes tun. Schneeschuhe haben wir nicht gebraucht für den Aufstieg.

Unter uns liegt Wertach, die höchstgelegene Marktgemeinde Deutschlands, aber warum fange ich jetzt damit an, da muss ich nur erklären, was das ist, eine Marktgemeinde, denn das hatte schon für Verwirrung gesorgt, als ich fürs Studium in ein anderes Bundesland gezogen war, Verwirrung auf beiden Seiten, weil die Dame auf dem Bürgeramt nicht wusste, was es mit diesem „Markt“ auf sich hat, und ich wiederum nicht wusste, dass es sich dabei in Deutschland um eine bayerische Eigenart handelt.

In Wertach also, und darum geht es mir, ist der Schriftsteller W. G. Sebald geboren und aufgewachsen. Dass ich seine „Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“ jetzt erst lese, erscheint mir im Nachhinein unglaublich, und je unglaublicher, je weiter ich in dem Buch komme und mich in immer größeren Maße begeistern lasse. Drei Menschen haben mich im letzten Jahr auf dieses Buch gebracht, das ich längst gekannt und geliebt haben sollte, zwei davon sind Blogger, und allen drei danke ich. Es ist ja, und das kann ich mit umso mehr Überzeugung von mir geben, als ich es heute im Zug zu Ende gelesen habe, nicht nur ein unerhörter Gewinn, sondern zugleich Verlust. Würden sich die Ringe des Saturn doch nur in die Unendlichkeit des Raums erstrecken, um ihnen ein Leben lang zu folgen!

Es bleibt nur ein Trost, nämlich das andere große Buch meines Jahres wieder aufzugreifen, in das sich der Sebald dazwischengeschoben hatte, nämlich Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“, ebenfalls ein Reisebuch und ebenso viel mehr als nur das. Zwei kluge und aufmerksame und sehr menschliche Beobachter, das eine Buch ein fast traumartiger Gesang des Verfalls, das andere ein immer wieder aufgreifendes Staunen der Menschlichkeit in unserer so flüchtigen Existenz. Beide Autoren sind mir zu literarischen Helden geworden, zu meinem Glück – und (hoffentlich) zum Stachel, der mich anspornt.

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Wurzelwerk, Lebenswege

Brotzeit wird auf der Bank unterm Gipfelkreuz ausgebreitet. Earl Grey und heißer Ingwer, belegte Brote, liebevoll kleingeschnittenes Obst und Gemüse, ein Schälchen mit einem bunten Nuss-Beeren-Gemisch, ein gerecht in Stücke gebrochener Bioschokoladenriegel. Das ist die zivilisatorische Handschrift der Frauen, könnte man vermuten, denn ich hätte mich, wäre ich allein aufgestiegen, mit einer Flasche Wasser, einer Packung Cashews vielleicht und einer Banane begnügt. Aber so einfach ist es nicht, die Grenzen verlaufen anders. Das Essen jedenfalls ist ein von allen begrüßtes Fest und der Earl Grey schmeckt besser, als er es je an einem Schreibtisch tun könnte.

Hebe ich den Blick, liegt das Illertal ausgebreitet unter mir bis dorthin, wo sich im Unterland die Eiszeitmoränen im Dunst verlieren. Links ziehen sich Höhen ins westliche Allgäu hinüber, rechts reicht der Blick ins flacher werdende Ostallgäu, inmitten des Panoramas liegt die Stadt Kempten. Von all diesen Höfen, aus diesen Weilern und Dörfern, die ich da vor mir sehe, denke ich mir, waren 1525 Bauern und Handwerker zusammengeströmt, um gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die weltlich-geistlichen Herrschaften zu protestieren. Immer wieder hingehalten von den Mächtigen, setzten die Wortführer des Allgäuer Haufens gemeinsam mit denen der beiden anderen großen schwäbischen Bauernaufgebote in der Reichsstadt Memmingen – dort am Rande meiner Sicht – zwölf Artikel auf. Manche sehen in dieser Versammlung die erste verfassungsgebende Versammlung in Deutschland, und die „Zwölf Artikel“ sind so etwas wie die erste Aufzeichnung von Menschenrechten in Europa.

Zu(o)m dritten ist der brauch byßher gewesen, das man vns für jr aigen leüt gehalten haben, wo(e)lchs zu(o) erbarmen ist, angesehen, das vns Christus all mitt seynem kostparlichen plu(e)tvergu(e)ssen erlo(e)ßt vnnd erkaufft hat, Den || hyrtten gleych alls wol alls den ho(e)chsten, kain außgenommen. Darumb erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen vnd wo(e)llen sein.

Die Antwort der Mächtigen erfolgte mit dem Schwert.

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Die andere Seite

Die Eisplatten knacken unter den Schritten; wo die Sonne den gefrorenen Schnee erweicht, knirscht er wie fein geklopftes Crushed Ice in einem Glas. Schattseitig trägt die Schneeschicht (ein Einsinken bis zu den Knien bleibt die Ausnahme), die Sonnenhänge sind schneefrei: kurz das gelbbraune Wintergras, die Pfade von Silberdisteln gesäumt. Es sind die schönsten Wegstrecken. Nur am Aufstieg zum benachbarten Gipfel darf gelegentlich die Hand zuhilfe genommen werden. Der Geist ist ruhig, das Herz weit offen. Es ist die letzte Bergwanderung in diesem Jahr.

Die Weihnachtstage liegen zurück, der Jahreswechsel rückt näher. Vorher noch werde ich einer Einladung in den Nahen Osten folgen. Ich wünsche allen ein erfülltes, glückreiches neues Jahr! Und freue mich, uns in einigen Tagen wieder zu lesen, inschallah.

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Krokodile auf der Sandbank, Sonnenschein, kurz vor Weihnachten

Der Wolf Andreas ist schuld. Aber dazu später.

Eigentlich hatte ich eine Winterreise geplant, aber wenn ein Satz schon mit eigentlich beginnt. Eine winterliche Heimreise – entschleunigter als Heines Kutschfahrt (weniger politisch vermutlich, gewiss nicht in Reimform) und hoffentlich nicht so düster wie Schuberts Liederzyklus –, eine Wanderung nämlich, um im Morgengrauen aus der eigenen Haustür zu treten und ein paar Tage später in der Dämmerung des Heiligen Abends anzuklopfen bei meinen Vorfahren auf dem Hügel. Die Idee gefällt mir seit Jahren, heuer habe ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht, aber dann in der Detailplanung – auf den letzten Drücker natürlich – gemerkt, dass mir die fünf Tage nicht reichen für den Weg von Stuttgart ins Allgäu.

Stattdessen bleibt mir nun Zeit für ein paar andere Dinge, Grübeln über gesundheitliche Unpässlichkeiten etwa, die sich in letzter Zeit bemerkbar gemacht haben. (Sind sie ein Symptom des Älterwerdens? Ein Aufruf zur Umkehr, wohin auch immer?) Weihnachtspost ist eingetrudelt, die zwei schönsten – und überraschendsten – lustigerweise aus derselben Stadt von zwei Bloggerinnen, die einander, wenn ich mich nicht irre, nicht persönlich kennen. Herzlichen Dank, Lakritze und das A&O, für diese Freude! Gleichzeitig habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen; das Gefühl für ein Gebot der Reziprozität ist ja auch in unserer postmodernen Gesellschaft nicht gänzlich ausgestorben. (Am wenigsten übrigens in älteren schwäbischen Haushalten, wo für ein geborgtes Pfund Mehl aber auch wirklich die korrekte Menge zurückgebracht wird, als könne man nicht leben in dem Wissen, jemandem ein Gramm schuldig zu bleiben.) Ich nämlich habe dieses Jahr niemandem Weihnachtspost geschickt, wirklich niemandem außer ein paar Professoren beruflicherweise, was etwas ganz anderes ist. Tatsächlich ist es das erste Jahr, dass ich selbst den Vorsatz, Weihnachtsmails zu schreiben an Menschen, bei denen ich mich lange nicht gemeldet habe, erst gar nicht aufgegriffen habe. Eine Kapitulation?

Vielleicht keine Kapitulation, aber jedenfalls eine Unterlassung ist die zweite Neuerung, eine Übereinkunft mit den Brüdern: Wir Erwachsene werden uns dieses Jahr nichts schenken. Aber den Nichten und Neffen natürlich, das lässt sich ein Onkel nicht gern nehmen. Am liebsten kaufe ich Weihnachtsgeschenke in einer Buchhandlung, immer schon. Und da die Aststifte in dem Kinderladen nicht mehr zu bekommen sind, rutscht ein Posten mehr auf die Buch- und Hörspielliste. Hängengeblieben bin ich dann bei Ausgaben von Latte Igel. Kein Vergleich zu dem Taschenbüchlein von Ravensburger oder so, das ich aus meiner Kindheit kenne, sondern großzügig bebilderte, hübsche Halbleinenbände. Da müssen Latte Igel und seine Freunde zum Beispiel den Wasserstein suchen gegen die anhaltende Trockenheit in ihrem Wald – doch der Stein wird vom grimmen Bärenkönig und seinen Kriegern, kühn gezeichneten Luchsen, besser lässt sich eine wilde Waldkriegerschar gar nicht darstellen, bewacht. Nach allerhand Abenteuern finden sie den Wasserstein schließlich im Hort des Diebes Fjodor. Fast hätte ich mir das Buch selbst gekauft.

Dann wurde es doch ein anderes (für mich) und jetzt kommt der Wolf Andreas ins Spiel. Denn er hatte im Frühjahr auf seinem Blog von seinen Leseeindrücken von Karl Bruckmaiers „The Story of Pop“ berichtet (1, 2 und 3). Ich hatte mir das Buch notiert und natürlich wieder vergessen und dann gehe ich in der Buchhandlung aus einem Impuls zurück in die Musikabteilung, weil ich mir gerade vorstellen könnte, über Musik zu lesen, ich da, wenn man so will, plötzlich einen gewissen musikalischen Bildungshunger verspüre, und da sehe ich den Bruckmaier liegen und erinnere mich. Und weiß wieder, das will ich, schon alleine deswegen, weil Bruckmaier seine Geschichte des Pops mit dem frühmittelalterlichen al-Andalus beginnt. Es gibt in der Auslage eine Broschurausgabe (Heyne) und eine schwarze Leinenausgabe (Murmann) und ich greife zu Letzterer, da kann ich gar nicht anders, auch wenn ein empfindungsloser Finanzberater mir vielleicht auf die Finger klopfen würde: „Brauchen Sie‘s?“ Also, ich finde, schon.

Ich freue mich darauf, es gleich aufzuschlagen und hineinzulesen, suche mir am Marienplatz ein sonniges Plätzchen. Die Weihnachtsgrüße im Ratzer ums Eck lasse ich lieber, sonst höre ich dort doch noch in die neue Platte von Hellmut Hattler hinein und finde am Ende noch Gefallen daran und dann klopft mir der Bankberater nochmals auf die Finger. Ich schlage also den Bruckmaier auf, schon das Leinen zu berühren ist schön, und habe, als ich auf der ersten Seite des Vorworts bin, bereits eine fünffache Gänsehaut von dem Buch bekommen.

„Gibt es einen Schöpfer, der an uns Interesse hat?“, bauen zwei vertrocknete Frauen einen Stand mit Broschüren auf. Nein und nein, meine Damen. Den Geist des Weihnachten schätze ich trotzdem. Nicht den des Kommerzes, der Blinklichter, der Schmalzbeschallungen, dieser gefräßigen Maschinerie, die mir in diesem Jahr mächtiger denn je erscheint. Sondern den eines Charles Dickens, den, der uns innehalten, uns für Feineres aufmerken, uns zusammenfinden lässt, durchaus auch den von Kerzen hinter Fenstern und gemeinsamem Geschichtenlesen und Lebkuchengewürzen. Aber ich verstehe, dass Weihnachten für manche eine Qual, für andere die Hölle ist: Einsamkeit, Armut, Verlogenheit und Missbrauch.

Die Göttin hat mir Tee gekocht
Und Rum hineingegossen;
Sie selber aber hat den Rum
Ganz ohne Tee genossen.

(Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen)

Jetzt muss ich nur noch überlegen, was ich mit dem Vorschlag von Danares und dem Kaffeehaussitzer mache. Ich glaube, denen war es ernst.

Ich wünsche allen das Beste, das Bestmögliche! Vielleicht ja sogar selige, liebevolle Feiertage.

Die Jagd am Stromberg

Weil „Zeilentiger liest Kesselleben“ ursprünglich als eine Stadterschließung erdacht war, haben in die Rubrik „Ausgekostet“ bisher nur Cafés und Restaurants in Stuttgart gefunden. Der „Ochsen“ in Diefenbach am Rande des Strombergs rechtfertig eine Ausnahme von dieser Regel. Der Landgasthof im Dreieck zwischen Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn lohnt einen Ausflug.

Unterhalb der Dorfkirche steht am Eck einer wunderschönen Fachwerkstraße der „Ochsen“. Am Treppenaufgang, von Auszeichnungen flankiert, verweist ein Schild Besucher auf den Hintereingang. Ich zögere dort, muss mir meinen Weg suchen, bis ich in der Stube lande. „Hallo“, grüßt mich Koch und Betreiber Georg Barta aus der Küche heraus und schiebt ein „Grüß Gottle“ hinterher, sicher ist sicher.

Die Stube hat ihren Namen wirklich verdient, der überschaubare Raum atmet einen bodenständigen Geist. Die Gaststube stammt aus dem 18. Jahrhundert, das Gebäude selbst geht auf das 12. Jahrhundert zurück. (Nach dem Brandloch auf einem der Tische aus der Zeit, als der Ochsen französische Kommandantur war, habe ich nicht gesucht.) Im Eck steht am zweiten Advent schon ein geschmückter Christbaum, vor der Tür auf den Vorplatz brennt eine gewaltige Adventskerze und erklärt, warum Gäste die Hintertür zu nehmen haben. Die alte Pendeluhr schlägt zur vollen Stunde die Töne an.

An einem Tisch sitzen zwei ältere Paare, ich habe von meinem Platz aus nur die Herren im Blick, ergraute Vollbärte, die Gesicher sprechen von einer gewissen Privilegiertheit, ohne den Bodenkontakt je verloren zu haben. Ich muss an den ehemaligen Leiter des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart denken. Der Kellner ist ein aufgewecktes Bürschchen: ein hübscher Dunkeläugiger, reinstes Hochdeutsch, eine theatralische Note in den Gesten und die Angewohnheit, auf Eingangsfragen von Gästen ironisch zu antworten, anschließend von heiterer Liebenswürdigkeit. Auf meine Bestellung eines „Schneewittchens“ hin ist er irritiert, aber so steht es eben auf der Karte, so nennt sich dieser Apfelzwetschgensaft (oder besser sein Erzeuger, die Streuobstinitiative Enzkreis-Freudenstadt-Calw).

Die Speisekarte ist überschaubar, nämlich genau eine Doppelseite lang – für mich ein sehr ermutigendes Zeichen. Zwei der Hauptgerichte sind vegetarisch (Veganer dürften es hingegen schwer haben), die anderen mit Fleisch – ausgesucht und wie die allermeisten Zutaten im „Ochsen“ aus regionaler Produktion. Als Gewohnheitsvegetarier – heutzutage elegant mit Flexitarier umschrieben – weiche ich hier gerne von meiner Gewohnheit ab und fröne der Fleischeslust.

EC-Karten werden im Ochsen nicht angenommen. Ich muss mich nach Blick in die Tasche zurückhalten, koste weder die Gänsebrühe mit Maronen, noch gönne ich mir zum Nachtisch ein Zimtflädle mit hausgemachtem Eis. Aber die Maultaschen vom Wild aus dem hiesigen Naturpark tun es auch – mit in Butter angebratenen Kräuterpilzen auf Rahmwirsing mit bunten Karotten und überbacken mit Allgäuer Käse. Köstlich sieht der Teller aus, köstlich duftet er und der Geschmack steht dem in nichts nach. Alles daran schmeckt echt – das Gemüse wie „dahoim“ bei Mutter oder Großmutter, der herzhafte Sud der Maultaschen frei von verfälschenden Zusatzstoffen, selbst das „Gsälz“ (Marmelade) obenauf könnte man getrost für sich löffeln, so schön unaufdringlich rund ist es. Eine zweite Schorle – Quitte darf es dieses Mal sein – und Hunger wie Durst sind gestillt, der Appetit ist befriedigt und ich setze zufrieden den Wanderrucksack wieder auf. Die Stube hat sich gefüllt. Draußen ist die Wolkendecke aufgebrochen, die Sonne scheint über Weinberge und Waldeshöhen.

Ein ergrautes Ehepaar tastet sich von seinem Auto in das Dorf vor. „Kennen Sie sich aus?“, ruft mich die Dame an. „Wenn Sie den Ochsen suchen, dann ja, ansonsten nein.“ „Ah! Und können Sie ihn empfehlen?“ „Unbedingt!“ „Da haben wir den Richtigen gefragt!“, frohlockt die Dame. Und ihr Mann ergänzt: „Wissen Sie, wir bilden uns ein, hier vor 48 Jahren schon einmal gewesen zu sein. Wir waren uns nur nicht mehr ganz sicher über den Weg.“

Da kann ich nur sagen: guten Appetit!

Der „Ochsen“ in Diefenbach ist auch mit dem Bus (zum Beispiel vom Bahnhof Mühlacker aus) erreichbar. So darf es dann auch gerne ein Achtele aus den hiesigen Reben zum Essen sein. Reservieren empfiehlt sich!

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Auf dem Stromberg

Potpourri der Wahrscheinlichkeiten

„Erinnern Sie sich an Ihre erste TV-Liebe?“, steht auf der Titelseite der Tageszeitung ganz rechts oben. Illustriert wird die Frage von der ‚roten‘ Joan Randall aus der Serie „Captain Future“. Es ist ganz klar, das muss jemand aus meiner Jahrgangsgruppe gewesen sein.

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Erschreckend, wie stark rechtspopulistische Parteien in Europa sind. Interessant (oder eigentlich gerade nicht) die Namen. „Morgenröte/Morgendämmerung“ taucht mehrmals auf, ganz reduziert ist der „Angriff“ (Bulgarien) und besonders traurig ein Etikett wie „Wahre Finnen“.

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„Letzte Woche waren wir bei einer ganz schrecklichen Veranstaltung. Es war aber gleichzeitig lustig, denn es gab Bier[e] und hat schon Spaß gemacht, der Peinlichkeit beizuwohnen. Danach sind wir ins Ministerium zurückgegangen mit einer Pulle Wein und haben bis tief in die Nacht geraucht, getrunken und Musik gehört. Zufällig gab es im 9ten Stock noch eine Veranstaltung, da haben wir uns mit Sekt versorgt, als unser Wein alle war.“

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Wie man 20 Jahre lang Punkrocker sein kann, verstehe ich nicht. Aber ich muss nicht alles verstehen. Der Kaffee schmeckt in dem kleinen Plattenladen noch besser als in den beiden Cafés gleich ums Eck. „Den Tod der Platte erlebe ich nemme“, erklärt der Besitzer einem Kunden zuversichtlich. Mein Terminkalender reicht selten mehr als ein paar Monate in die Zukunft. Einen Termin einzutragen, der ein Jahr im Voraus liegt, erscheint mir auch heute noch bizarr. Mein Gott, weiß ich denn, ob ich da noch lebe? Wie die Welt aussehen wird? Im September 2016 werden King Crimson in Stuttgart spielen. Ich habe sie nie live gesehen (dass sie ihre Glanzzeit hatten zu einer Zeit, in der ich noch nicht lebte, sei außen vor gelassen). Voller Begeisterung schlage ich meinen Kalender auf – und traue meinen Augen nicht, an just diesem Tag einen einsamen Termin stehen zu sehen. Gebucht für eine Buchpräsentation auf einer Tagung in einer anderen Landeshauptstadt. Für einen Augenblick erscheint mir die Welt unwahrscheinlich.

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Die wenigen Gäste, die – weil von außerhalb – mit dem Auto gekommen sind, suchen 20 oder 30 Minuten lang nach einem Parkplatz. Kraftfahrzeuge geben in der Automobilstadt Stuttgart immer ein Thema her. Als die Runde zusammengeschmolzen ist, werden die jüngsten politischen Ankündigungen zur Reduzierung der rekordverdächtigen Feinstaubwerte aufgetischt. Sogar ein Fahrverbot wird ins Spiel gebracht, sollten andere Maßnahmen nicht greifen. Was in den 70er-Jahren aus anderen Gründen noch funktioniert hat, kann sich in Stuttgart keiner am Tisch vorstellen. Dafür hat das Auto hier einen viel zu hohen Stellenwert. Nur das Wetter bietet eine noch allgemeinere Arena. Es werde ja immer trockener, meint jemand. „Kürzlich an einem Freitag hat es sich doch ausnahmsweise mal eingeregnet. Als ich dann mit dem Rad von der Arbeit nach Hause bin, dachte ich mir: Mensch, so ein Wetter war in meiner Kindheit doch ganz normal.“

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Mein smartes Phone ist einmal zu oft auf den Kopf gefallen und nun liegt es im Wachkoma. Meine Reaktion zeigt mir, wie sehr ich Sklave des Geräts war: halb Erleichterung, halb kalter Entzug. Das Merkwürdigste sind die Ängste, die wir verinnerlicht haben. Wenn ich allein auf eine Tageswanderung gehe, wie mache ich denn das ohne Handy – falls was passiert? Diesen Gedanken hätte ich vor 20 Jahren nicht begriffen.

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Die Grundlage für ein äthiopisches Gericht. Da ist dann gar nicht mehr so wichtig, was sonst noch hineinkommt.

In den Betonauen

Reiher sind, hatte ich immer gedacht, die scheuesten Vögel, die ich kenne. Man kann auf einem Spaziergang entlang eines Baches noch hundert Schritt von dem Tier entfernt sein, und schon erhebt es sich panisch in die Luft. Der silberhaarige Angler unter der Straße hat sie fast gezähmt. Hier in den Betonauen warten zwei Graureiher, den Hals dicht an den Körper gezogen, links und rechts der Bank, auf der sich der Mann niedergelassen hat. Sie kümmern sich nicht um die Passanten, die die Stufen zur Uferpromenade herabsteigen. Sie haben den Angler im Blick und ihre Konzentriertheit spricht von Hunger, ohne dass sie einen Laut von sich geben oder in eine schnelle Bewegung verfallen müssten. Der Mann packt seine Brotzeit aus und wirft nach ein paar Bissen den Tieren etwas hin. Sie staken noch etwas näher und keine zwei Armlängen von dem Angler entfernt schlingen sie ihre Mahlzeit hinunter und verharren dann wieder. Der Mann wartet mit ihnen.

*

Der Sand zwischen den Kieferngewächsen ist aufgewühlt von Menschen- und Hundefüßen. Was im Sommer der „Stadtstrand“ mit seiner Bar und seinen Liegestühlen überm Neckarufer ist, legt nun eher den Verdacht eines Hundeklos nahe. Ein Paar Einweghandschuhe liegt im Sand. In die Dauerbaustelle auf der anderen Seite des Flusses schieben sich Blaulichter. Nicht ein oder zwei, sondern immer mehr Polizeifahrzeuge steuern flussabwärts. Ihr Sirenenklang wird von der Wand hinter der Baustelle zurückgeworfen und vervielfacht die Kakophonie aus Motoren und Bremsen der Autokolonnen, dem Kreischen und Rumpeln der Bahnen auf der Brücke, dem Baustellenlärm, den bauchigen Hupen der Lastwagen. Die Stadt als permanenter Ausnahmezustand. Ob die Baustelle im Frühjahr die Besucher vom Stadtstrand abhalten wird? Jetzt machen nur verstreut ein paar einsame Männer hier Halt, mit Zigarette und Bierflasche zum Mittagsmahl, oder Zigarette und Handy am verkniffenen Gesicht. Auf einer Bogenlampe sitzt ein Kormoran. Sein Gefieder glänzt schwarz in der Wintersonne, der Schnabel dreht sich alle paar Augenblicke hin und her. Man ahnt die dunklen, aufmerksamen, fast einschüchternden Augen, die alles im Blick behalten von seinem rostigen Thron herab. Wie viel agiler er wirkt als ein Reiher – ein aktiver Jagdtaucher eben, kein abwartender Schreitvogel. Kein Wunder, dass er den Reiher mehr und mehr von unseren Flüssen drängt. Drüben jagt eine weitere Kolonne unter Blaulicht die Uferstraße hinab.

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Nach dem, was man eine Weihnachtsfeier nennen mag, lasse ich die Stadtbahn vorerst liegen und gehe zu Fuß über die Brücke. Vom Zirkuszelt am linken Ufer dringt ein gehaltener orchestraler Ton. Das beleuchtete Zelt wirft Lichter auf den Fluss: Streifen säuberlich wechselnd in Weiß und Orange. Weiter stromaufwärts zittern nur noch Linien aus Weiß auf dem dunklen Wasser, im Himmel aber funkelt das Rot von Türmen und Kränen; rechts, wieder zur Brücke hin, gesellt sich eine neue Farbe hinzu, eine Fläche von Blau neben Weiß, und aus den glänzenden Rohren des Mineralbades quillt chlorgetränkter Dampf. Die Brücke erbebt unter den Fahrzeugen, ein kalter Wind kommt mit der Flussströmung herab und lässt mich frösteln. Eine ungeheure Müdigkeit hat sich meiner bemächtigt, sie hat nichts mit ein paar Stunden Schlaf zu tun. Sie sitzt – wie man so sagt – in den Knochen, eher noch tief im Mark. Unter mir teilt eine Insel den Fluss: Gras, ein Busch, umfasst von Beton. Ich suche die Oberfläche mit den Augen ab und entdecke nichts: kein Reiher, kein Kormoran. Die Vögel träumen woanders.

Plutarch am Ilmensee – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 4)

Die Wirtin lässt Grüße ausrichten an die Wirtsleute meiner nächsten Station. Das gefällt mir, das würde ich gerne öfter machen: den Tag lang durch die Gegend wandern, um Grüße auszurichten.

„Die Porträtmaler suchen die Ähnlichkeit aus dem Gesicht und den Zügen um die Augen zu gewinnen, in denen sich der Charakter darstellt, und schenken den übrigen Körperteilen weniger Aufmerksamkeit. In entsprechender Weise muß man es auch mir gestatten, daß ich mich mehr mit den kennzeichnenden seelischen Zügen befasse und daraus das Lebensbild eines jeden zeichne. Die großen Heldentaten und die Schlachten aber überlasse ich anderen.“ (1)

Zwischen zwei bewaldeten Höhenzügen liegt der Ilmensee, ein Relikt der Eiszeit mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von etwa einem Kilometer. Steinzeitmenschen hatten an seinem Ufer Pfahlbauten errichtet, im 20. Jahrhundert war er vor Renaturierungsmaßnahmen ein Sammelbecken für Phosphor und andere Rückstände aus Landwirtschaft und Abwässer. Auf seinem Grund liegt eine Kirchglocke aus dem Dreißigjährigen Krieg, versenkt vor den anrückenden Schweden.

An seinem nördlichen Ende liegt das Dorf Ilmensee, dazwischen Uferbäume, ein Schilfgürtel und ein Freibad, dessen Wiese sich am Ostufer weit nach Süden erstreckt und in Bootsanlegestellen übergeht. Auf dieser Wiese liege ich auf meinem Allzweckschal, ein gelbes Reclambändchen des antiken Biographen Plutarch neben mir, und schaue auf den Ilmensee. Sein Wasser gleicht einer flirrenden Fläche in steter Bewegung – ein Spiel aus Licht und Schatten, dort dunkler, wo Bäume ihr Spiegelbild auf den See hinauswerfen. Wo Menschen schwimmen, entzündet sich das Wasser in weißem Licht. Noch die kleinste Bewegung zaubert Licht, der Glanz umgibt die Menschen, als wären sie, vom See reich beschenkt, höhere Wesen. Bewegt sich der Körper, folgt ihm ein Schweif aus Licht. Es ist eine vollkommen gewöhnliche Angelegenheit und trotzdem, versenkt man sich in diesen Anblick, eine Erscheinung von äußerster Schönheit.

Oberschwaben_HW 7_Wandern

Landschaftlich ist die Etappe von Altshausen nach Ilmensee die vielleicht schönste auf meinem Weg durch Oberschwaben. Die Hügel recken sich höher, die Häuser tragen bunte Farben, alles wagt hier ein wenig mehr. Ein Weiler wie Mauren stellt die perfektionierte Werbung für ein idyllisches Landleben, ohne das zu wollen, denn wer verirrt sich schon dorthin, um den man werben wollte. Einmal auf einer Landstraße ein paar Radfahrer, sonst bin ich allein unterwegs. In Unterwaldhausen stehen drei Männer um eine Landmaschine auf dem Feld. Der mir Nächste, den Oberkörper frei in der Augustsonne, blickt den Fremden unsicher an – unsicher immerhin, nicht misstrauisch wie schon so oft auf dieser Wanderung beschrieben. Ich grüße ihn, mache eine scherzhafte Bemerkung und schon bin ich im Gespräch. Ganz von selbst bin ich in meinen Dialekt gefallen, es fällt mir leichter, je weiter ich nach Süden komme. Zu den Menschen ist er eine Brücke.

Trotzdem bin ich nicht ganz hier. Mein Körper geht, er findet inzwischen von selbst sein Tempo, seinen Rhythmus. Die Gedanken aber schweifen ab, sie sind fahrig, die Sinne richten sich nach innen. An diesem Tag schreibe ich kein einziges Wort auf meinem Weg ins Notizbuch. Verfalle stattdessen in Fantasien, während ich zwischen einsamen Kornfeldern von Hügel zu Hügel wandere, in Endzeitbilder. Monströsitäten aus einer Serie, die ich während einer Erkältung in der dunklen Jahreszeit in mich aufgesogen habe, erheben sich aus ihren Gräbern und Zombies treten aus den Wäldern, um mich zu jagen. Die Apokalypse der Untoten hat sich offenbar ins Bild des Wanderers im 21. Jahrhundert eingeschrieben. Wer sonst sollte allein über menschenleere Straßen ziehen als der Überlebende des zivilisatorischen Zusammenbruchs?

Oberschwaben_HW 7_Wegkreuz_Wandern

Als ich ins Wasser steige, wird das Licht zu moorigem Grün. Das Wasser ist angenehm warm und es ist eine Lust, sich dem Nass hinzugeben, sich tragen zu lassen, hinauszuschwimmen. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich in einem See (und nicht einem Freibad oder immerhin einem Weiher) schwimme. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wann ich das zuletzt gemacht habe. (Und im Meer? Wann bin ich das letzte Mal im Meer geschwommen?) Es verstört mich. So sollte das Leben nicht sein. Warum tue ich nicht mehr, warum tue ich nicht alles, um das zu ändern?

Zwei überdrehte junge Lesben, jede ihrer Gesten hat etwas Überzeichnetes, küssen sich auf halbem Weg ins Wasser. Eine Junge mit Windpockennarben an den Armen ist ganz aufgeregt: zwei Frauen, die sich küssen! Ach, Junge, du wirst noch viel lernen müssen. Unterschiedlich die Reaktion seiner Großeltern. Für ihn hat die Beobachtung nicht mehr Relevanz, als dass sich eben zwei Menschen küssen. Sie ist aufgestört. „Etwas ungewöhnlich ist das doch!“, sagt sie, in genau diesen Worten. Die Stadt ist fern. Für einen Augenblick vermisse ich sie.

Im Norden ziehen reinweiße Wolken vorüber, aufgebauscht, wie aufgesprüht am Himmel, man möchte hineinbeißen in diese Köstlichkeiten. Morgen würde es gewittern, heißt es seit Tagen. Heute aber heißt es erst einmal, den restlichen Tag zu genießen. Und den Beinen Ruhe zu gönnen. Sie schlagen sich gut: Füße, Beine, Gelenke, ich bin erleichtert, wie wenig sie schmerzen. Aber wie sie nur aussehen! Voller Macken aus den letzten Monaten, dort die Striemen der Brombeerranken im Pfälzer Wald immer noch zu sehen, hier die dunklen Scharten im Schienbein, als ich nächtens, den Blick aufs Smartphone geheftet, gegen einen Betonpoller gelaufen bin, rote Schwellungen, wo mich Bremsen gestochen haben, ein Hitzeausschlag, wo Stoff und Schweiß zusammenkommen, und eine Wolf vom ersten Wandertag, der mich jeden Abend zwingt, das Blut aus der Hose auszuwaschen. Immerhin, sie haben ein Leben, meine Beine.

Am späten Nachmittag liegt die Gluthitze schwer auf dem Dorf. Es ist der heißeste Tag in 2015. Die Messinggriffe der Kirchtür sind sengend heiß. Über dem Garagentor des Pfarrhauses hängt groß der Gekreuzigte. Gegenüber spielt jemand auf der E-Gitarre, langsam und träge fließen die psychedelischen Wiederholungen über die Straße. Gerne würde ich mich mit einem kühlen Bier auf die Terrasse des Hauses setzen und mich treiben lassen von den Klängen. Am Eck ein Kaugummiautomat mit vier befüllten Behältern, einem Relikt aus den 80er-Jahren gleich, aber der Einwurf ist sauber auf Cent und Euro beschriftet. Hier lebt eine Vergangenheit weiter und ohne dem Fremdenverkehr wäre dieses Dorf zwischen den beiden Höhenzügen längst tot, wäre da kein Blumenladen, in den eben die Auslagen aus Blütenpflanzen und Kirschfrüchten ins Haus geräumt werden, wäre da keine Dorfbäckerei mehr, hinter deren Scheiben Licht brennt, ohne die Feriengäste stünden da an der Hauptstraße nicht gleich drei Gaststätten, würde es kein Dorfcafé geben und keine Saufhalle mit Chicken Wings aus Geflügelmassenvernichtungsfabriken, keinen Allgäuer Beef-Abend, der wenig mit dem Allgäu zu tun haben dürfte, nicht den Pizzaservice mit den indischen und thailändischen Gerichten versteckt hinter der Bankfiliale. Vielleicht nicht einmal das Bett, in dem ich heute Nacht schlafen werde.

In der Abenddämmerung folge ich dem Lehrpfad rund um den See. Ich lese alle Tafeln. Den Hinweis auf einen Haifischzahn, mit dem ein Schild vor dem Freibad wirbt, finde ich nicht.

Ilmensee_Oberschwaben_Wandern_HW 7

(1) Plutarch: Alexander. Caesar. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel. Stuttgart 1980. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 1990, S. 3.

Die dreibeinigen Herrscher

Europa liegt unter Nebel, so scheint es, so ist es zumindest über Hunderte von Kilometern hinweg. Mit der Dämmerung rückt die Welt dann noch weiter fort. Auf der Autobahn ist Stau und er wird dichter, je näher wir der Grenze kommen, an der seit den Anschlägen von Paris wieder provisorische Kontrollen ausgeführt werden. Anfahren und Stoppen, immer wieder Anfahren und Stoppen, in mir Müdigkeit und draußen nur Dunkelheit und Nebel. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum, werde aus allen Sinnzusammenhängen herausgelöst. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Blaulichter künden die Kontrollstelle an und mischen Unruhe unter die Erschöpfung. Endlich rücken auch wir vor ins Nadelöhr. Polizisten in Warnwesten, Gewehre in den Armbeugen, stehen auf dem feuchten Asphalt, eine Batterie von Scheinwerfern leuchtet die Fahrbahn aus, schält uns aus der schützenden Dämmerung des Autos, gibt uns den Bewaffneten preis.

Später dann Blindfahrt auf der freien Autobahn, ich jedenfalls erkenne nichts vor mir, sehe nur, was sich an uns vorbeischiebt, entmenschlichte Industrieanlagen unter milchigen Straßenlampen, Andeutungen von Siedlungen ducken sich im Nebel, Schwärze. Hier regiert nicht mehr der Mensch.

*

Sein obszöner, bleicher, knochiger Leib erhebt sich hoch über den Grabfeldern. Es ist eine Monstrosität, wie sie H. P. Lovecraft hätte beschreiben, Giger sie skizzieren können, eine ghulische Scheußlichkeit und damit ihrem Zweck völlig angemessen. Vor uns liegt das Beinhaus von Douaumont, Erinnerungsort von Verdun.

Wagt man sich unter dem hohen Turm der Toten ins Innere, zeigt sich das Ossuarium überraschend anders. Das mittlere der drei Schiffe nimmt eine große Kapelle ein, nach links und rechts zieht sich weit das Gewölbe mit zahlreichen runden Alkoven für Sarkophage. In die Steine sind bis über den Kopf Namen eingemeißelt: Hedoin Pierre 106 B.C.P. 29.12.95 + 16.6.16. Salamite Casimir, Breton Adrien, Guilloux Aristide … Draußen muss die Wolkendecke aufgerissen sein, denn durch die gefärbten Glasscheiben fällt plötzlich rotes Licht auf den Boden, weihevoll und mahnend. Unter den Bodenplatten liegen Knochenberge aufgeschüttet: die Gebeine von 130 000 Menschen, namenlose Opfer des Schlachtengottes.

Neun Stunden lang legen die deutschen Geschütze die Grenze unter Feuer, zwei Millionen Granaten prasseln in dieser Zeit auf die Frontlinie herab, zerhacken, zerstampfen, zermalmen den Grund. Danach sind die Hügel vor Verdun umgegraben, die Wälder Holzsplitter in einer Wüste aus Schlamm. Zwei Millionen, ich kann die Zahl, kaum dass ich mich aus dem roten Sessel des Vorführraums erhoben habe, schon nicht mehr glauben, nicht begreifen. Zwei Millionen Granaten und dann schweigen die Kanonen und eine gespenstische Stille tritt ein an jenem 21. Februar 1916. Und trotzdem leben da immer noch Menschen nach neun Stunden Hammerschlägen, in Bunkern, in Unterständen, in Ruinen. Als die deutsche Infanterie mit Seitengewehr und Flammenwerfer die Hügel stürmt, beginnen die französischen Maschinengewehre zu rattern. Es ist Tag eins einer 300-tägigen Hölle. Willkommen in der Knochenmühle von Verdun.

Zuhause schneit es, erfahre ich, als wir zwischen Tausenden weißer Grabsteine wandern.

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Wasserlachen platschen unter Stiefelschritten. Es tropft von den Decken des Forts Douaumont, irgendwo rauscht es in den unterirdischen Gängen, der Korridor zum Lazarett steht unter Wasser. Auch damals, als dieser gewaltige Bunker, eine unterirdische Festung mit Geschützstraßen, umkämpft war, erst von den Deutschen, dann wieder von den Franzosen erobert wurde, wateten die Soldaten durch Wasser. Metallsprossen führen hinter einem Absperrgitter schwindelerregend tief hinab in ein Loch, in einen Schlund, noch tiefer hinein in die Geheimnisse einer finsteren Zeit. Die Soldaten, die sich in dieser Festung vergraben hatten vor dem einstigen Erbfeind, hörten über Kilometer hinweg die Kanonen, die stark genug waren, um die meterdicken Wände aus Stein und Beton aufzubrechen, und sie wussten, in 63 Sekunden würde das Geschoss einschlagen … Was macht ein Mensch in diesen 63 Sekunden?

Draußen, über Stacheldraht und schwärzlichem Mauerwerk, sind die französische und die deutsche Fahne aufgepflanzt. Neben ihnen weht die Europaflagge: goldene Sterne auf blauem Grund. Ich bin so dankbar für sie.

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Es ist der erste Advent und statt in der Stube einen heißen Tee zu trinken, zirkeln wir weiter auf den Höhen um Verdun. Wind zerrt an uns, Regen schlägt uns entgegen, die Schuhe versinken im Schlamm. Drüben ragt der Ghulturm über den Wald, er hat uns immer im Blick, als würde uns etwas Böses, Totes beobachten. Einmal zwingt uns dort, wo die Karte einen Wanderweg zeigt, die französische Armee zum Rückzug: militärisches Sperrgebiet. Wir machen kehrt, weichen Pfützen aus, balancieren auf schlammigen Stegen. Gehe ich hinten und rücke zu nahe auf, spritzen die bestiefelten Fersen vor mir mit jedem Schritt Matsch auf meine Kleider. Schreite ich voran, ist durch den Wind, durch die Wollmütze und die Kapuze hindurch nur ganz schwach das Flapp-Flapp der Schritte im Rücken zu hören. Dann verschwindet auch dieses Geräusch und einen schrecklichen Augenblick lang fühle ich mich, als wäre ich ganz allein auf dieser Welt.

Wald_Verdun_Frankreich