Bierguerilla

Die nächtliche Übergabe findet im dunklen Hinterhof statt. Der Botschafter der Bierguerilla hat keinen Bierschmuggler geschickt, sondern überbringt die Lieferung persönlich: ausgesuchte Biere aus regionalen Mikrobrauereien – ganz besonderer Stoff, an den so leicht nicht zu kommen ist. Ein paar Tipps zu Lagerung und Ausschank gibt es obendrauf, dazu sogar noch ein paar Einzelstücke anderer Biere – „die kriegst du so zum Kennenlernen“ –, dann verschwindet der Botschafter wieder in der Nacht. Die Nachbarn haben uns, höre ich später, aus dem Fenster beobachtet.

Es war längst wieder einmal an der Zeit für eine Veranstaltung an meinem ‚Fenster zum Hof‘. An ein Biryani (ein Reisgericht aus den Ländern rings um das Arabische Meer) mit den Fingern hatte ich zuerst gedacht. Dann kamen wir an einem Musikabend in der Küche – wir hörten Strawinskys „Le Sacre du printemps“ und Fugen von Bach – auf die Idee einer Bierverköstigung.

Am Ende stehen fünf Sorten von Ale aus (mehr oder weniger) regionalen Mikrobrauereien bereit. Ein Ale – als kurze Erklärung für diejenigen, die es (wie ich bis vor Kurzem) nicht einzuordnen wissen – ist ein mit obergärigen Hefen gebrautes, ursprünglich einmal hopfenfreies Bier, das klassischerweise in Großbritannien, aber auch etwa in den USA, in Australien oder Belgien gebraut wird. Über die amerikanische Tradition des craft beer, also handwerklich in kleineren Brauereien hergestelltes obergäriges Bier, erreichte das Ale vor wenigen Jahren auch Deutschland und bereichert das ehedem doch recht stromlinienförmig gewordene Angebot. Auch unter Einhaltung des deutschen Reinheitsgebotes kennzeichnet die hiesigen Ales klassischerweise eine erkennbar fruchtige Note. Verschiedene Hefen und Hopfensorten erlauben unterschiedlichste geschmackliche Anklänge – eine neue Dimension des Biergenusses.

Und entsprechend neugierig sind wir alle an einem Frühsommerabend, weit offen das Fenster zum Hof, Wetterleuchten am Himmel.

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Die Kandidaten

„Wirklich kühl und dunkel lagern“ steht auf dem Etikett des Braumeister Spezials der Cast-Brauerei, denn die Biere aus dem Stuttgarter Heusteigviertel sind nur ein paar Wochen haltbar. In dieser Saison hat Braumeister Daniel Bleicher ein leichtes, frisches Spring Ale vorgelegt. „Eine Duftnote von Holunder“, kommentiert ein Gast. „Ich schmecke Stachelbeere“, meint jemand. „Ananas“, ein dritter Eindruck. Fruchtig ist es definitiv, das Spring Ale mit seinen nur 3,2 % Alkoholgehalt läuft gut runter, aber viele Gäste vermissen doch eine gewisse Markanz. Doch wo viele Menschen, da sind auch viele Geschmäcker: Ein Freund, der kürzlich auf dem Braufest von Cast noch enttäuscht war von seinem Spring Ale, ist jetzt sehr angetan.

Noch frischer zeigt sich das zweite Bier, das Hopfenstopfer Citra Ale aus Bad Rappenau bei Heilbronn. Während die Mutterbrauerei Häffner einen sehr starken Lokalbezug hat, ist die 2008 gegründete Hopfenstopfer-Linie unter Liebhabern inzwischen bundesweit bekannt. Das Citra Ale ist als Single Hop Craft Beer ausgewiesen, es kommt also mit einer einzigen Hopfensorte aus, dem amerikanischen Citra-Hopfen, dafür finden sich in der Schütte gleich sieben verschiedene Malze. Der Name spricht für sich: Das Ale hat ein zitroniges Aroma, es ist ein ausgeprägt (und eher geradlinig) fruchtiges, deswegen nicht süßes, sehr frisches Bier. Ein richtiger ‚Durstlöscher‘! (Wenn man mal davon absieht, dass ich ein alkoholisches Getränk als „Durstlöscher“ grundsätzlich für verfehlt halte.)

Das Zacke ist wieder ein 0711-Heimspiel. Es wird von einem Freundeskreis aus dem Lehenviertel konzipiert und vertrieben, gebraut bei Cast im Nachbarviertel. Das (untergärige) Zacke Rotgold ist in einer Handvoll ausgesuchter Kneipen und Cafés in Stuttgart zu erhalten, das Zacke Pale Ale habe ich nun zum ersten Mal in der Hand. Schon die Flasche besticht: eine elegante „Granatenflasche“ mit gediegenem, leichten Layout auf dem Etikett. Und was das Äußere verspricht, hält auch der Inhalt. Als sehr rund empfinden viele Gäste das Pale Ale mit genau dem richtigen Grad an Bitterkeit. Nur dass das Bier überläuft und schier endlos Schaum ausstößt, verblüfft uns.

Wie schwierig es sein kann, Eindrücke und Geschmäcker in Worte zu fassen, zeigt die vierte Probe, ein Indian Pale Ale von Black Sheep, einem internationalen Braukollektiv aus Freiburg. Das IPA war ursprünglich in Großbritannien gebraut und beliebt bei den Kolonialtruppen in Indien. Damit das Bier die lange Reise und das heiße Klima übersteht, war ein höherer Alkoholgehalt nötig (in Indien sollte das Bier dann mit Wasser verdünnt werden), außerdem wurde es stark gehopft und damit bitterer. Ein Freund, der gerne Bier trinkt, bewertete sein erstes IPA kürzlich in Hamburg als „scheußlich“ bitter und Gästen nicht zumutbar. Ich bin also nervös. Ganz ohne Grund: Ob die Gäste es nun als „angenehm kräftig und am konventionellsten“ oder schon fast gegenteilig als „überraschend, sehr angenehm“ bezeichnen, „gut trinkbar“ resümieren sie alle. Die Hamburger Erfahrung ist widerlegt: Ein fruchtig-hopfiges IPA kann Gäste begeistern.

Zum Abschluss darf der Hopfenstopfer nochmals ran. Das Strong Ale mit seinem verführerischen Namen Dark Red Temptation ist mit seinen 9,0 % Alkoholgehalt ein Dessertbier, dunkel, stark, malzig, mit der Note von kräftigem, bitteren Karamell. Schokoladenkuchen hätte dazu gut gepasst. Den meisten ist es zu mächtig und aufdringlich im Geschmack. Weg ist der Vorrat trotzdem bald und einen Geheimtipp kann ich nicht mehr ausprobieren. Ein Strong Ale reift nämlich angeblich auch weit über sein Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus, ich hätte für die Probe aufs Exempel eine Flasche irgendwo im Keller verstecken können. (Nachtrag: „Das ist voll mein Ding. Unglaublich lecker“, schreibt eben ein früh aufgebrochener Gast, dem ich eine Flasche mitgegeben habe.)

Nach Punkten hätte wohl das Zacke Pale Ale gewonnen, dicht gefolgt vom Black Sheep. Bestechende Bierqualität oder doch (auch) eine psychologische Erklärung? „Das ist reine Empathie, weil ihr den Brauer kennt“, analysiert jemand, denn einer der Zacke-Macher ist an dem Abend auch zu Gast gewesen.

„Vorsicht, da sind alkoholfreie drin“, wird eine späte Besucherin gewarnt, als sie an den Kühlschrank tritt. „Also erst das Etikett lesen.“ Es ist kurz nach Mitternacht und die Ausdauernden gönnen sich von ihrem Favoriten des Abends ein zweites Glas, eine zweite Flasche.

Als die Beatles-Schallplatten durch sind, dämmert der Morgen. Das Bier ist alle, nur eine Flasche Rotwein ist noch geöffnet worden. Die Vorräte waren gut bemessen, die Gäste glücklich. Draußen singen die Vögel den neuen Tag herbei.

Auf den Geschmack gekommen? Hier alle Links gesammelt.

– Die Bierguerilla „für besseres Bier an mehr Orten“ wird in Personalunion mit dem Gärtringer Geschäft sueffisant geführt. Wer aus dem Raum Stuttgart oder Schönbuch feine Biere und Limonaden schätzt, sollte sich unbedingt das Sortiment von Martin Dambach anschauen.
– Die Brauerei Cast und besonders das Zacke aus dem Lehenviertel wurde schon einmal auf Zeilentiger liest Kesselleben vorgestellt.
– Beim Hopfenstopfer war auch einmal Craft-beer.tv zu Besuch. Auf Youtube finden sich viele weitere Verkostungen und Brauereibesuche.
– Sehr angenehm und sympathisch der Webauftritt von Black Sheep aus Freiburg.

Some Like it Hot

„Warum teilst du deine Themen nicht auf mehrere Blogs auf?“, runzelt der Profiblogger die Stirn, als ich erzähle, wie Zeilentiger liest Kesselleben thematisch aufgestellt ist. Unter dem Stichwort Zielgruppenrelevanz mag der Ratschlag wohl klug sein. Aber bunter Hund gefällt mir besser und bisher hat sich von den Lesern niemand beschwert. (Merkt ihr‘s, liebe Leserin, lieber Leser, das ist jetzt die Gelegenheit, Kritik anzubringen!) Trotzdem gibt es natürlich eine fast unendliche Zahl an Themen, die ich selbst nicht auf meinem Blog erwarten würde. Kochrezepte zum Beispiel. Nun, manchmal kommt‘s anders.

Make Fufu not War

Die Fußball-WM ist vorbei und der Sommer legt (hoffentlich) erst richtig los. Zeit also für eine Sommerparty! In Stuttgart steht die Parkplatzsituation permanent kurz vor dem Infarkt. Der Hinterhof fällt daher schon mal aus fürs Feiern, denn quadratmetergenau ist der Raum für Parkplätze vergeben, nicht mal mein Rad kann ich da einen Tag lang stehen lassen. (Oh, Stuttgart.) Immerhin, die Glasfront der Küche lässt sich auf ganzer Breite aufschieben: Dreiwandraum. So kann man auch den Sommer feiern. Die 30° kommen wie bestellt und gekocht wird nach der Some like it hot-Regel: nur Gerichte aus Ländern, durch die der Äquator verläuft.

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Süßkartoffeln statt Hähnchen, dazu Kochbananen und Kokosnuss

„Dongo-Dongo is to be served with Fufu.“ Ist das nicht ein schöner Satz? Zentralafrikanisches Dongo-Dongo wird (meist) mit getrocknetem oder geräuchertem Fisch gemacht. Versuchen wir es mit einer Abstraktion in der zweiten Potenz: Ersetze Fisch durch Yams durch Kartoffeln. Das wird dann natürlich ganz was anderes, aber die Freiheit zur Kreativität ist ja gerade das Schöne am Kochen.

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Party! Der Kampfkunstlehrer gibt sich eine Ladung veganer Sprühsahne der Firma SCHLAGFIX. Wenn das nicht passt …

Fufu gibt es übrigens dann doch nicht. Schade eigentlich, nachdem ich heute auf der Startseite des Foodblogs African Bites ein ganz wunderbares Foto gesehen habe: „Make Fufu not War“. Oder wie ein Freund kommentierte: „Das ist wie mit dem Mops: Ein Leben ohne Fufu ist möglich, aber sinnlos.“

Hoho, ist das scharf …

„Mir ist es ja auch lieber, wenn du es kochst, statt es zu bloggen, aber …“, meinte ein Gast. Andere bestätigen: Ja, her mit dem Soßenrezept! Bühne frei also für Piri-Piri, einer scharfen Chilisoße, in Afrika auch Peri-Peri oder Pili-Pili genannt. (Fun fact: „Pilipili hoho“ bedeutet roter Pfeffer auf Swahili.) Bekannt ist die Soße auch in der portugiesischen Küche. Die Zutaten des folgenden Rezepts zeigt bereits den mediterranen Einfluss. Das Piri-Piri auf dem Stuttgarter Afrika-Festival am letzten Wochenende war direkter: einfach nur pürierte Chilis. So scharf, dass es mir erst schwindlig wurde und ich später das Gefühl hatte, ein bisschen high zu sein. Wohlan, hier eine Variante der Piri-Piri-Soße.

3 Chilis (Schärfe ganz nach eigenem Geschmack wählen)
3 Knoblauchzehen (oder mehr)
Etwas frische Petersilie
1 ausgepresste Zitrone oder Limone
4 Esslöffel Olivenöl
1 Teelöffel Paprikapulver
1 Teelöffel Oregano
Salz

Die Zutaten mit dem Pürierstab zerkleinern und alles verrühren. Wenn das Piri-Piri nicht scharf genug ist, mit Cayenne-Pfeffer nachwürzen.

Aber jetzt erst einmal: Restefrühstück. Draußen steigen die Temperaturen weiter. Ich wünsche ein erfülltes Wochenende!

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Frühstück!

P.S. Danke den Freunden und Gästen, dem Tiger und B. für die wunderbar gestaltete Einladung.

Die Party kocht! Oder: Fremde in meiner Küche

Das Fernsehen kommt zu früh. Ich habe keine Gelegenheit mehr, mein Hemd zu bügeln, und bitte das Team vom SWR um einen winzigen Augenblick, um wenigstens den Blogartikel, an dem ich eben geschrieben habe, noch abschicken zu können. Dann beginnt mein erster Cookasa-Abend: kurze Ortsbesichtigung mit Redakteurin, Kamera- und Tonmann und als es dann erneut klingelt und die ersten Überraschungsgäste vor der Tür stehen, laufen Ton und Kamera bereits.

Ein Cookasa-Abend ist ein überraschungsreiches Event (und nein, das Fernsehen üblicherweise nicht dabei): Erst einen Tag vor dem Ereignis erfahren die Teilnehmer, wo gekocht wird, welche Funktion man selbst übernimmt und wer der Teampartner ist, mit dem man sich kurzschließen, auf ein Gericht einigen und gemeinsam dafür einkaufen muss. Natürlich kennen sich die meisten Teilnehmer vorher nicht. Seit September 2013 ist Cookasa mit einer eigenen Website am Start. Inzwischen gibt es bereits in über einem Dutzend Städte von Cookasa organisierte Kochabende. Die Sache boomt. So sehr, dass das Fernsehen darauf aufmerksam wurde.

Bald sind alle Überraschungsgäste da. Zu acht machen wir uns ans Kochen, meine Küche platzt aus den Nähten, durchs Balkonfenster filmt der Kameramann. Wenn er sich durch das Gedränge schieben muss, flucht er still in sich hinein, der Tonmann hat es nicht leichter. Die Stimmung unter den Kochenden ist gut, es wird viel gelacht und die Vorspeise schmeckt schon mal prima.

Der ungezwungene Rahmen macht den Reiz an Cookasa aus. Es ist kein Dinner, bei dem eine Person zu brillieren hat und alle andere zuschauen und dann Punkte vergeben. Der gemeinsame Spaß steht im Vordergrund: Alle tragen zum Essen mit bei, jeder ist aktiv, ob jemand wenig oder viel Küchenerfahrung hat, ist nebensächlich, und wenn der Platz in der Küche nicht ausreicht, werden die Zwiebeln eben im Wohnzimmer geschnitten. Alles ganz easy, so malt es die Website von Cookasa aus, und es stimmt: Es ist ein recht lustiger Abend und ich habe große Freude daran, fremde Menschen in meiner Küche zu haben.

Aber interessant: Es gibt da ein paar Dinge, die die Kamera nicht eingefangen hat. Als wir uns zum zweiten Gang an den Tisch setzen, zieht das Fernsehen ab. Und plötzlich bricht etwas aus einem Gast hervor: Er fühlte sich von einer anderen Person vorgeführt vor der Kamera, mies hochgenommen. Fast erwarte ich Tränen am Tisch, doch der Sturm zieht vorüber, nur ein Stachel bleibt im Verborgenen. Schließlich treffen wir uns zum Ausklang in einer Kneipe mit drei anderen Cookasa-Gruppen, die an dem Abend gekocht haben. Und merkwürdig, auf einmal bin ich nicht mehr weit abgeschlagen der Gruppenälteste, und längst nicht mehr jede zweite Person ist eine sehr junge, sehr blonde Frau … Nun, etwaige Schlussfolgerungen daraus möge jeder für sich selbst ziehen.

Aber die betreffen ja einen normalen Cookasa-Abend nicht. Wer selbst einmal teilnehmen möchte, findet alle Informationen hier.

Unser Cookasa-Event wurde am 25.4. in der „Landesschau“ des SWR als Fünfminüter ausgestrahlt.

JazzJam und Stuttgarts erste Party

Die Fenster des Hinterzimmers sind mit Konzertplakaten abgeklebt, die Bar ist unbesetzt und tot wie ein aufgelassenes Spinnennetz, bedient wird man aus der Gaststube vorne. Einige Spanier, kein Gramm Fett unter den breiten Gürteln, drängen sich hinten um den Billardtisch, vorne auf der Bühne stehen ein paar junge − erschreckend junge − Musiker und spielen Jazz. Es ist wieder einmal JazzJam im Arigato und wir finden Platz gleich hinter der Zwischentür an dem Tisch mit der Spendenbox und dem Ofen im Rücken.

Die meisten Gäste sind deutlich jünger als wir, mittendrin aber sitzt ein älterer Mann − irgendetwas an ihm lässt mich vage an Michael Caine denken − mit Rotwein und Batatas bravas vor sich, die Aufmerksamkeit ganz auf die Bühne gerichtet, ein echter Jazzliebhaber, denke ich. (Aber nein, ein paar Wochen später sitzt er am Hard‘n‘Heavy-Abend an genau demselben Platz, Rotwein und wilde Kartoffeln mit Aioli vor sich und die Augen gen Bühne, als wäre nichts geschehen seither.)

„Probier mal, ist das wirklich ein Radler? Ich schmecke nur Bier“, zweifelt mein Cousin aus München. Ich nehme einen Schluck und schmecke Radler, kein Zweifel. „Wie ist das Radler in München denn?“, spotte ich und frage mich, ob sich unsere Geschmacksgewohnheiten − beide stammen wir aus einem Landstrich, der sich Schwaben nennt und (einst sehr wichtig) doch zu Bayern gehört − durch die Umsiedlung in verschiedene Landeshauptstädte unterschiedlich entwickelt haben.

Die Musik bricht ab, sofort nimmt das harte Klicken vom Billardtisch den Raum ein und das akzentuierte Spanisch der jungen Männer drum herum, eifrig diskutierend, ihre Sprache Tanzpartnerin der Billardklicks. Die Musiker gruppieren sich um, der Boden knarzt, neue Gesichter betreten die Bühne, alle jung, alle männlich. Vermutlich studiert der eine oder andere den Studiengang Jazz/Pop an der Musikhochschule Stuttgart − die Jazzabteilung der Stadt ist nach der Kölns immerhin die zweitälteste Deutschlands −, deren Ende 2013 von der Landesregierung beschlossen worden war, was von der Initiative „Stuttgart braucht Jazz“ vorerst erfolgreich abgewehrt wurde. Ein Glück für die Musikszene der Landeshauptstadt, ein Glück vielleicht auch für diese jungen Musiker dort vorne. Aber warum spielen eigentlich keine Frauen hier? Ja, warum eigentlich nicht?

Die Heizung holpert und wärmt uns an dem Tisch am Eingang und wir erinnern uns an unsere erste Begegnung mit Stuttgart. Damals, als wir noch fast Kinder waren, war die Stadt uns ein fremder Ort, mit dem wir nicht mehr verbanden als mit der Muttermilch aufgesaugte Vorurteile. Ein Onkel von uns wohnte damals hier, er war an den Theaterbühnen tätig, und einmal, zu einer WG-Party, lud er Verwandtschaft ein. Tatsächlich machte sich eine Tante auf den Weg nach Stuttgart, sie packte uns Buben ein und so kamen wir zum ersten mal in diese Stadt. Wo das Haus mit der Party genau lag, haben wir keine Ahnung, auch unser Onkel weiß es nicht mehr, „irgendwo am Hang“ blickte er ratlos umher, als er mich hier besuchte. Von der Party der Schauspieler jedenfalls waren wir Jungen noch überfordert − zu jung, um uns unter den ausgelassenen Erwachsenen zu bewegen, zu jung, um später mitzutanzen. Wir lagen irgendwann oben in einem der Zimmer und versuchten zu schlafen, halb sehnsüchtig lauschend, halb gepeinigt von dem Lärm. Noch heute, stellen wir fest, rufen unsere Erinnerungen an unseren ersten Besuch, unsere erste Party in Stuttgart die gleichen Gefühle wach.

Pause. Wieder erobern die spanischen Worte und das Klickklack den Raum. Ein paar Momente tuscheln die Musiker auf der Bühne, dann ertönt der Ruf „Schlagzeuger!“. Zögern, Zaudern, Füßescharren, dann erbarmt sich endlich ein junger Bursche, als seine Kumpels auf ihn zeigen. Und das nächste Set an Oldschool Jazz wird eröffnet. Der schlanke, empfindsame Tastenspieler hinter dem Yamaha-Keyboard rückt den Schal zurecht, der Besen streichelt das Schlagzeug, gekrümmte Finger tanzen über die Saiten des dunklen Kontrabasses wie die Beine einer balzenden Tarantel, Saxophon und Trompete liefern sich ein Duett aus Klage und Triumph. Alle Nervosität ist längst abgelegt, die Musiker vergessen sich, Solo um Solo rollt ab, die Zeit ist aufgehoben. Es fehlt nur noch der Rauch zur perfekten Illusion, wirbelnde Schwaden unter den stummen Ventilatoren. Und dann würde vielleicht Philip Marlowe dort stehen, in Hut und Anzug, an den Tresen oder an den Türrahmen gelehnt, die melancholischen Augen verschleiert hinter dem Zigarettendunst.

Aber nein, geraucht wird im Hinterzimmer nicht, geraucht wird vorne in der Gaststube. Dort, wo sich Herren mit schulterlangen weißen Haaren um den Kachelofen drängen, junge Leute über ihr Bier hinweg lachen und disputieren und wo an der Türe, eifrig in ein Gespräch vertieft, eine Muslima mit Kopftuch sitzt, Zigarette und Schnaps zur Hand. Das Arigato − ein bisschen Studententum, ein bisschen Nachbarschaft, leicht alternativ und ziemlich bodenständig.

Arigato Music-Club: Kolbstr.2 − 70178 Stuttgart (Haltestelle Marienplatz)

Der JazzJam findet einmal im Monat, üblicherweise am dritten Donnerstag, statt.

Die Initiative „Stuttgart braucht Jazz“ engagiert sich auch nach dem Erhalt des Studiengangs Jazz/Pop für den Jazz in der Landeshauptstadt Stuttgart.

Die hohe Kunst, Gastgeschenke zu machen

Die letzten Gäste tragen einen schwarzen Röhrenfernseher in den Flur. „Hier, bitte sehr, der stand auf der Straße, wir dachten, wir bringen ihn dir als Gastgeschenk mit, du hast ja keinen.“ Wir schauen auf den Fernseher herab wie auf ein erlegtes Tier, sein totes Auge glotzt zurück. „Wein kann ja schließlich jeder“, triumphieren die stolzen Jäger und setzen sich zu den anderen. Der Fernseher bleibt als Stolperfalle mitten im Flur stehen.

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„Einmal“, würdigt eine Besucherin gegenüber den Neuankömmlingen, „hatten wir vergessen, rechtzeitig ein Hochzeitsgeschenk zu besorgen. Also haben wir beschlossen, an jeder Tankstelle zwischen Freiburg und Tübingen anzuhalten und etwas mitzunehmen. Immer den größten Mist, den es in der jeweiligen Tankstelle gab. Ich glaube, wir sind auf zwölf Stopps gekommen, ein Haufen von Blödsinn. Das Hochzeitspaar war begeistert.“

Alle nicken: Ja, die hohe Kunst, Gastgeschenke zu machen. Der Fernseher wird am Ende trotzdem wieder mitgenommen – gemeinsam mit der letzten Flasche Wein, um die Party andernorts weiterzufeiern – und zurück zu seinem großen Bruder auf die Straße gestellt. Auch sie sind in der Nacht noch weitergewandert. Am nächsten Tag stehen an der Stelle zwei Plattenspieler.

Nachts auf der Karlshöhe

Wir waren essen, zwei Besucherinnen von auswärts und ich, und auf dem Rückweg vom Stuttgarter Westen in den Süden. Um meinen Gästen etwas von der Stadt zu zeigen, waren wir zuvor über den Schwabtunnel spaziert, einen der wenigen Verbindungswege zwischen den beiden Stadtteilen. Für den Rückweg vom Restaurant dachte ich, die Karlshöhe nun auf der anderen Seite zu umgehen. Wir hatten gut gegessen, der Abend war mild, nichts sprach gegen einen kleinen Umweg.

Also schreiten wir die Straße hinab und ich erzähle von der Karlshöhe zu unserer Rechten: ein steiler Hügel, an den Flanken Villen, Weinberge und Grünflächen, auf der Kuppe ein Biergarten und ein nicht unbedingt weitläufiger, aber unerwartet wilder Parkwald, der im 19. Jahrhundert angelegt worden war.

„Entschuldigung!“, ruft da auf Höhe des Gänsepeterbrunnens ein Mädchen über die Straße. „Sie haben gerade was von der Karlshöhe gesagt. Ich suche dort jemanden und kenne den Weg nicht!“

„Mal sehen, ob wir helfen können“, antworten wir und wechseln die Straßenseite. „Welche Adresse ist es denn?“

„Es ist auf der Karlshöhe.“

„Und wie heißt die Straße?“

„Weiß ich nicht.“

„Hm. Können Sie dort jemanden anrufen?“

„Nein, leider, der Akku von deren Handy ist leer.“

„Oha. Und wie wollen Sie hinfinden?“

„Na ja, es ist so eine Art Party, man hört es. Als ich vorhin, als das Handy noch ging, angerufen hatte, war da laute Musik im Hintergrund.“

„Aha. Ein bisschen vage ist das schon, oder?“

„Halt auf der Karlshöhe. Das ist doch der Weg dorthin, oder?“

„Ja, genau.“

„Also, ich war schon ein Stückchen oben, aber da wurde es dann dunkel …“

„Klar, weiter oben ist es jetzt zappenduster.“

Verloren steht das Mädchen vor uns, das nutzlose Handy in der einen Hand, über dem anderen Arm eine Handtasche, ein Drängen im Gesicht.

„Wir könnten ja bis dahin mitgehen …“

„Sie hat Gott geschickt!“, bricht es aus dem Mädchen hervor.

„Nein, nur das nächste Restaurant.“

So biegen wir in die Hasenbergsteige, schlagen uns auf die Treppe hoch zum Park und lauschen nach Partylärm. Nirgendwo ist Musik zu hören, wir gehen immer weiter. Das Mädchen läuft stumm neben mir, meine Gäste folgen scherzend. Dann bleiben auch die letzten Häuser zurück. Bäume rahmen den schmalen Weg ein, die belaubten Äste schirmen den Himmel völlig ab. Es ist nicht mehr dunkel, es ist finster.

„Siehst du noch was?“, rufen meine Besucherinnen von hinten.

„Nicht wirklich“, antworte ich und schreite weiter und hoffe einfach, nicht vom Weg abzukommen.

„Haben Sie denn kein Licht?“, fragt das Mädchen neben mir etwas pikiert.

Ich hole mein Telefon aus der Tasche und leuchte uns mit dem Display den Weg aus. Kaltes Licht entreißt den Boden unter unseren Füßen der Dunkelheit. Um uns herum nur Bäume und Nacht. Meine beiden Gäste rücken enger zusammen, sie haken sich unter, in ihre Scherze mischt sich ein Hauch von Unsicherheit. Vielleicht sind sie nicht mehr ganz so glücklich über ihren eigenen Vorschlag, das Mädchen bis zur Party zu begleiten. Ich lache. „Hier kann uns nichts passieren.“

„Meinst du?“, kommt die zweifelnde Antwort. Das Mädchen schweigt noch immer.

Dann sind wir oben auf der Kuppe, höher geht es nicht mehr, und da ist keine Musik, kein Licht, kein Gelächter ausgelassener junger Menschen.

„Haben Sie denn irgendeinen Anhaltspunkt, wo die Party ist?“, frage ich das Mädchen nochmals.

„An einem Spielplatz.“

„Ein Spielplatz? Tja, also, da stehen wir praktisch davor. Da, drei Schritte vor uns geht es steil hinab und drunten liegt der Spielplatz.“ Es ist die Senke auf der Karlshöhe, in der jahrhundertelang Schilfsandstein (die „Stuttgart-Formation“) abgebaut worden war, der manchen hiesigen Altbauten ihr charakteristisches Aussehen gibt. Kein Lichtschimmer, kein Laut dringt aus der Senke herauf. „Da ist definitiv niemand.“

Da stehen wir nachts auf der Karlshöhe und wissen nicht weiter. Das Mädchen weiß nicht, was es tun soll. Ich weiß nicht, welchen Weg wir nun einschlagen sollen. Meine Gäste wissen nicht, was sie von all dem halten sollen.

„Es sei denn“, überlege ich, „es ist der Spielplatz auf der anderen Seite des Hügels, unten an der Bushaltestelle.“ Es ist ein ganzes Stück entfernt und dafür hätten wir nicht über die dunkle Höhe gehen müssen.

Niemand widerspricht, also nehmen wir den Weg hinüber auf die andere Seite. Die Bäume weichen zurück, am Biergarten brennt noch Licht. Es ist still, aber im Schein der bunten Lampen tauchen zwei junge Leute auf, ein Pärchen.

Das Mädchen stoppt. „Habt ihr hier Leute gesehen, die Party machen?“

„Hier am Biergarten ist niemand, aber vorne im Park, am Spielplatz, da feiern welche.“

„Da ist niemand mehr.“

„Aha, vor einer Stunde oder so waren sie noch da.“

Die Party ist zu Ende, das Mädchen war umsonst den Berg hochgestiegen, umsonst hatte es die Fremden unten am Brunnen angesprochen. „Geht ihr dorthin?“, fragt es das Pärchen und deutet den Weg zurück, den wir gekommen sind. Die beiden nicken. „Dann komme ich mit euch.“

Das Mädchen dreht sich zu uns um und meint, beinahe schroff: „Also, ich gehe mit denen mit.“ Und dann, weil es selbst merkt, dass irgendetwas fehlt, mit viel Emphase und wenig Gefühl: „Vieeelen Dank!“

Das Mädchen eilt dem Pärchen nach, die jungen Leute verschwinden in der Dunkelheit.

„Mei, Mädel“, schüttelt eine meiner Besucherinnen den Kopf. Wir drehen ab, suchen die nächste Staffel und steigen die 407 Stufen hinab in den Süden.