Tiroler Flaschenglas

Am Abend sind wir noch ins Tirol hinübergefahren. Am Ufer ist das Wasser des Plansees überwältigend klar, in der Tiefe wird es zu Flaschengrün, von der Sonne zu gletscherkaltem Smaragd veredelt. Auf den Campingplätzen am Nordufer wollte ich nicht Urlaub machen. Etwas eng ist es mir hier, auch weil die Berge bis hoch hinauf bewaldet sind. Es fehlen mir die offenen Grashänge der Allgäuer Alpen.

Zwischen Fichten und Kiefern umrunden wir den See. Muren ziehen sich die Berghänge herab, Steinwüsten für ein paar Dutzend Schritt. Die Wege müssen nach jedem Abgang neu gespurt werden. Am Hotel Forelle wirft der See seine Enge ab, nach drei Richtungen weitet sich die Sicht. Der kahle Rücken der Hochplatte lockt im Norden, gen Osten reicht der Blick ins Garmische hinüber und nach Südwest öffnet sich das Tal für den benachbarten Heitterwanger See.

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Das Wasser ist still. Der Kenner erzählt, dass es am frühen Abend immer so ruhig und glatt werde. An seinem geheimen Liegeplatz machen wir Rast. Einen Privatstrand durch Landgewinnung hat er hier geschaffen, vom Weg aus nicht einsehbar, eine Mauer aus Steinen geschichtet und das Neuland mit Strandkies aufgefüllt. Die Mauer hat den Winter überstanden, freut sich der Kenner und holt für jeden einen Rindslandjäger und eine Scheibe Brot heraus. Manchmal sind die Dinge so gut wie einfach.

Wie kalt das Wasser wohl ist? 17 Grad, ruft es vom Ufer. „Bei 17 Grad habe ich mein Freischwimmerabzeichen gemacht“, sagt jemand. Ich lege die Kleidung ab. 14 Grad, kommt eine Korrektur. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich vielleicht nicht hinein. Das Smaragdwasser hat inzwischen seinen Glanz verloren. Nur eine Lichtschneise zieht sich hinüber zum Taleinschnitt, wo die Sonne an diesem zweitlängsten Tag des Jahres noch immer am Himmel steht. Dorthin schwimme ich ein Stück, es ist frisch, aber machbar, merkwürdigerweise am schlimmsten für die eigentlich doch abgehärteten Hände, sie werden als Erstes klamm. Ich wende. Gewässer, in denen nur ich alleine schwimme, sind mir nie ganz geheuer.

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Motorräder dröhnen auf der Straße am anderen Ufer, legen sich in die Kurven zwischen Reutte und Oberammergau, schnittige Wagen lassen die Motoren aufheulen. „Da schaut her, wie blöd die tun.“ „Die gehören eigentlich ausgesperrt.“ Friede kehrt erst mit der Stille wieder. Eine Nachbarin aus Kinderzeiten reicht mir einen Fruchtriegel und nennt mich spontan bei meinem einstigen Spitznamen. Ein warmes Gefühl steigt in mir auf.

*

Dort, im Schatten des Tauern, zwischen Föhren und Sumpfgras, begegneten sich einmal zufällig zwei meiner Verwandten. Der eine war auf dem Heimweg von seinem Badeplatz am Plansee. „Und wohin gehst du?“, fragte er den anderen. „Nach Japan“, antwortete der. Ganz so weit kam er nicht. Als er zu Fuß in Istanbul eintraf, beschloss er, erst einmal genug gewandert zu sein.

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Block 4 brennt

Ein schneeverkrustetes Auto fährt in den Stuttgarter Kessel, es ist Ende April und schon beginnt das Kopfschütteln über das Wetter. Dabei macht der April genau das, was er soll – nämlich das, was er will -, was man von vielen anderen Monaten inzwischen nicht mehr sagen kann.

Ein anderes Kaliber hatte der Spätwintereinbruch im April 1986. Am Sonntag, den 13. April, fielen 15 cm Neuschnee. Lange blieb er allerdings nicht liegen, denn bald darauf brachte eine Warmwetterfront milde Temperaturen – so mild, dass wir Kinder uns Ende April in den schon maienwarmen Regen stellten, ach was, unter die Trauf, wo ganze Sturzbäche auf uns niederprasselten. Klatschnass und glücklich kehrten wir nach Hause.

Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, es können allenfalls ein paar Tage gewesen sein, da verhielten sich unsere Eltern merkwürdig. Etwas stimmte nicht. Eine Unruhe lag über dem Haus, ein böses Geheimnis, in das uns unsere Mutter stockend einweihte. In einem von uns nie gehörten Ort namens Tschernobyl irgendwo hinter dem Eisernen Vorhang war etwas Schreckliches passiert. Genaueres wussten wir alle nicht, aber plötzlich durften wir nicht mehr in den Regen. Angst nistete sich bei uns ein.

Am 26. April war Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl explodiert. Die sowjetische Regierung versuchte den Vorfall – oder zumindest sein Ausmaß – zu vertuschen, erst am 29. April berichteten internationale Medien über den Unfall; da war es immer noch ein Ereignis weit weg, viele nahmen den Vorfall nicht ernst. Die Nuklearkatastrophe kam erst Tage später wirklich in der westlichen Welt an. Wann – an welchem Tag – uns unsere Elten von dem GAU erzählten, weiß ich nicht mehr.

Heute habe ich die Allgäuer Wetterdaten für den April 1986 geprüft: Temperaturen, Niederschläge. Und ich stelle fest: Unser Regenbad dürfte vermutlich am 29. April stattgefunden haben. Da waren in Schweden bereits erhöhte Strahlenwerte gemessen worden (ohne dass man sie da bereits mit Tschernobyl in Verbindung gebracht hätte). Süddeutschland erreichte die Wolke erst am 1. Mai.

Als ich diese Daten vor mir sehe, wird es mir trotzdem für einen Augenblick übel.

Hirsch röhrt, Strauß stirbt

Die Hänge gleichen einer Wüste. Was einst Wälder waren, ähnelt einem Schlachtfeld aus geknickten, zersplitterten, zerstreuten Stämmen. Erst hatte der saure Regen Vorarbeit geleistet, dann kamen zwei Orkane mit vernichtender Wucht, was danach noch stand, hatte der Borkenkäfer zerstört. Heute noch stehen und liegen kahle, entrindete Bäume am Berg, von der Sonne gebleicht wie die Knochen einer zugrunde gegangenen Karawane.

Als der Wecker klingelt, steht der Vollmond noch am Himmel. Ich sehe ihn direkt von meinem Bett aus durch das Fenster des Baumhauses. Der runde Mond färbt, da die Sonne noch nicht aufgegangen ist, die Welt in einen fahlen gelblichen Ton. Es ist eine unwirkliche Farbe, wie sie nur in Zwischenzeiten möglich ist. Später, als ich von der Schnellstraße nach Osten abbiege, fahre ich geradewegs ins Morgenlicht. Die tiefstehende Sonne erreicht dank der Schutzblende nicht direkt meine Augen, trotzdem lässt mich diese Flut an Licht fast erblinden, kaum erkenne ich die Straße vor mir. Und dann ist schlagartig alles anders. Im Lichtschatten des Berges vor mir wandelt sich das Tal übergangslos zu einem kühlen, dämmerigen Landstrich, einem Reich Saurons. Nein, in solchen Schatten wollte ich nicht leben. Als ich am Parkplatz aussteige, friere ich, an einem Sonntagmorgen Ende August.

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Wege

Beim Aufstieg wundere ich mich über den jungen Wald, den zahlreichen Ahorn, auf dem Rückweg dann erfahre ich den Grund. Eine Schautafel zeigt in drei Bildern die Veränderungen der Forstlandschaft. Bis 1990 war auch an diesen Hängen wie vielerorts im Allgäu (eine seiner reizloseren Seiten) Fichten-Monokultur vorherrschend: schnell wachsende Flachwurzler. Das zweite Foto zeigt die verheerenden Zerstörungen durch Orkane im Jahr 1990, bei dem ganze Hänge leergefegt wurden. Das dritte ist ein rechteckiger Ausschnitt in der Tafel: Es öffnet den Blick auf den echten Wald dahinter. Einen Mischwald, der in vieler Hinsicht eine Bereicherung und Gesundung darstellt, zugleich sicher weniger Rendite abwirft (das steht nicht auf der Tafel) und nicht zuletzt auch stärker bejagt werden muss (was sehr wohl erläutert wird). Erst Schaden macht klug. Und ich denke zurück an jenes Jahrzehnt, als das Schreckgespenst des sauren Regens in der Bundesrepublik umherging, das Waldsterben die Westdeutschen um ihren Schlaf brachte und wir Kinder Karl dem Käfer für die Hitparade die Daumen drückten …

Interessant wird der Aufstieg erst im Häbelesgund. Hier öffnet sich ein Kessel, der Wald weicht Latschenkiefernbewuchs, mächtig erhebt sich die Rückwand in die Höhe. Unterhalb des schräg geschichteten Gesteins ziehen sich erstarrte Ströme aus Geröll herab auf den Kesselboden, sie verbreitern sich zum Grunde hin, und dort wo sie sich treffen, bilden dicke Felsbrocken die Speerspitze. Der Weg weicht dieser drohenden Klinge aus, er gabelt sich. Links windet er sich auf den bewachsenen Breitenberg, rechts ziehen sich Serpentinen über steile Schotterflächen auf die Rotspitze. Dort steige ich hinauf, während sich die Sonne über die rückseitige Kesselwand erhebt und den Weg erstrahlen lässt. Mit jeder Wende komme ich dem ergrauten, aber bergerprobten Paar über mir näher, und kaum könnte ich zum Überholen ansetzen, verliert sich der Weg auf einer kiefernüberwucherten Kante. Stoisch und ohne Tempowechsel setzt der Graubart vor mir einen Stock vor den anderen, ich hingegen gerate fast auf alle Viere, wie ich mich an Wurzeln und Gestein klammere, den Abgrund zur Rechten spüre und doch nicht sehen will. Als ich den Grat hinter mir lasse und der Weg sich wieder zurückwindet, ist das Paar davongezogen. Schattseitig geht es weiter, der Fels ist hier noch kalt, wie meine Hände staunend ertasten, der nackte Ellbogen streift das Gestein. Das Paar hole ich wieder ein, aber ich überhole es bis zum Gipfel nicht, denn immer wieder falle ich dort zurück, wo ich zögerlicher werde, denn die beiden vor mir kennen den Sog der Tiefe nicht. Endlich auf dem Gipfel wundere ich mich über Wanderer, die sich die Mühe machen, eine Bierflasche mit in die Höhe zu tragen, ich stütze die Arme auf den Beinen auf, während ich den Rundumblick in meinem Notizbuch festhalte, und als ich die Ellbogen wieder löse, sehe ich Bluttupfer auf der Hose. Nicht stark war der Schlag gegen den Felsen, aber Stein ist eben härter als Fleisch.

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Ausgebleicht

An einem herrlichen Herbsttag Ende der 80er-Jahre waren zwei Familien – vier Erwachsene, fünf Kinder und alle auf irgendeine Weise im BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland) aktiv – auf einer Wanderung irgendwo in den Tannheimer Bergen. Es war ein perfekter Tag für eine Bergwanderung, ein goldener Herbsttag: golden das schwere Licht, golden das Gras, das Laub der Wälder, der Ruf der Hirsche. Als wir am Parkplatz zurück waren, hörten wir im Radio, dass Franz Josef Strauß, bayerischer Ministerpräsident und Übervater der CSU, gestorben war. Betroffenheit war, um ehrlich zu sein, nicht die vorrangige Reaktion in unserem Kreis. Auch die beiden Familienväter, sensible Männer mit den für die 80er-Jahre typischen Schnurrbärten und gelegentlicher Schwermut in den sanften Augen, Polizist der eine, Lehrer der andere, waren vom Hinscheiden ihres Landes- und obersten Dienstherrn nicht erschüttert. Es war vielmehr, als wäre eine Last von uns abgefallen. Ich will das hier nicht beurteilen, aber ich meine, es sagt etwas aus über das Lebensgefühl im Bayern der 1980er Jahre.

„Es gibt zwei markante Stellen“, beschreibt mir der Mann in seinem charakteristisch schwerfälligen Dialekt die Hohen Gänge. Ich höre auf seinen Rat und steige lieber über die Südseite ab. An der Weggabelung fühle ich mich bestätigt. „Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und absolute Schwindelfreiheit erforderlich“, warnt ein Schild vor dem Weg nach Osten. Durch die ersten beiden hätte ich mich noch durchgemogelt, das dritte ist mir ernste Mahnung. Über Grashänge steige ich also ab, suche über vereinzelte felsige Platten meinen Weg, ausgespülte Rinnen zwingen zu tiefen Schritten und lenken die Aufmerksamkeit dorthin, wohin man den Fuß setzt. Das Tier sehe ich erst, als ich zwei Schritte von ihm entfernt bin. Ein Schlangenkopf zuckt empor. Es ist die erste Kreuzotter, der ich in meinem Leben begegne, braun mit dem dunklen Rückenmuster und nicht sehr lang, vielleicht 30 cm nur, aber ganz eindeutig Viper und nicht Natter. Der gedrungene Leib, der charakteristische Kopf mit dem deutlichen Halseinschnitt, das Verhalten des Tieres bezeugen es. Denn nach dem ersten Schreck verharrt es aufmerksam an Ort und Stelle, wartet, ob mich ihr Ruf als giftiges Getier zum Rückzug bewegt. Erst als es merkt, dass ich nicht das Weite suche (sondern nach der Kamera in der Tasche taste), setzt sich die Schlange in Bewegung und kriecht unter ein Grasbüschel, auch dabei nicht gar zu eilig verglichen mit einer hurtigen Ringelnatter (wenn auch immer noch zu schnell für meine Kamera, leider). Die Schlange zischt auf ihrer Flucht. Ist die Schlange so klein, für einen Erwachsenen nicht tödlich giftig und vor allem auf der Flucht vor einem selbst, ist solch ein erstmals vernommenes, drohendes Zischen eine reizende Erfahrung.

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Durst

Am 7. Oktober 1988 geleitete ein Trauerzug Strauß‘ Leichnam durch die bayerische Hauptstadt. Über 100 000 Menschen verfolgten das Ereignis vor Ort – es war der größte Trauermarsch in der Geschichte Münchens. Und zugleich empfand ein Teil der Bevölkerung eine neue Freiheit. Luft zum Atmen.

Kurz vor dem Talausgang komme ich am Café Horn vorbei, von dem mir W. vorgeschwärmt hat, weil der Ort das verklärte Ausflugsziel seiner Kindheit war, dort, wo Kuchen und Torten ausgebreitet waren, um bestaunt zu werden und um aus ihnen auszuwählen. Das war etwas Außerordentliches für W., denn er ist in einer Bäckersfamilie aufgewachsen, da ging man nicht einfach Kuchen anderer Leute kaufen. Volksmusik aus der Dose dringt mir entgegen, ich mache an der Schwelle kehrt und verzichte gerne auf meinen Kuchen. Unten an der Ostrach, fast schon am Ziel, mache ich dann doch noch Halt und setze mich auf die Terrasse eines kleinen Landgasthofes. Die Bedienung ist eng in ein Dirndl geschnürt, aber das ist nur Kulisse, Staffage. Die osteuropäischen Augen verraten die junge Frau noch vor ihrem Akzent. Ihre zur Schau gestellte Langeweile und die Tatsache, dass sie mich mehrmals ostentativ übersieht, ärgert mich, aber zugleich meine ich sie zu verstehen. Da zwängt sie sich für einen saisonalen Job in die Tracht einer Regionalkultur eines anderen Landes und bedient in einem Gasthaus irgendwo zwischen zwei Bergen, wo sie die Hälfte der Besucher ihres Dialekts wegen vermutlich nicht versteht. Das alkoholfreie Weizen bringt mir ihr Kollege an den Tisch. Binnen Sekunden ist das Glas geleert und sofort glänzen meine Unterarme feucht. Der Kellner schaut verdutzt. „Soll ich Ihnen nochmals die Luft aus dem Glas lassen?“ Danke, nein. Frisch getankt geht es nach Hause.

Die CSU regiert noch immer.

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Ein Blick zurück

Strömungen

Grenzstein 147

Der Sommer treibt mich hinaus aus dem Kesselleben. Ich steige in die erste Bahn des Tages und erreiche nach vier Stunden mit dem Bummelzug Oberstdorf. Nach einem zweiten Kaffee steige ich aufs Rad um und fahre weiter nach Süden, immer tiefer in das Tal hinein. An der Schwarzen Hütte binde ich meinen Drahtesel an und gehe zu Fuß weiter, nach Süden immer noch. Am frühen Mittag stehe ich dann oben, dort wo Bayern, Vorarlberg und Tirol einander treffen. Am Grenzstein 147, dem südlichsten Flecken Deutschlands. Alle Last habe ich hinter mir gelassen, in der Kesselstadt, den Wegen, dem Tal.

Das war ein Tag zum Zugrundegehen oder auch ein Tag zum Zugrunderichten (Thomas Bernhard hätte diesen Satz über eine ganze Seite zu bringen gewusst). Nichts wäre willkommener gewesen, als auszuschreiten und Trümmer hinter mir zu lassen.

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Der Himmel über dem Biberkopf

Eine Bemessung der Zeit

In islamischen Ländern wandert der Ruf des Muezzins, er springt mit dem Lauf der Gestirne von Dorf zu Dorf. „Auf, ihr Leute, auf zum Gebet!“ Hier auf dem Land sind es die Feuerwehrsirenen, die Samstagmittag aufheulen, wie um zu sagen, Achtung, es könnte Schreckliches passieren, Fürchterliches, seid euch dessen immer bewusst, aber wir sind da, wir sind auf der Hut. Dreimal jagt die Sirene ihren schrillen Warnruf in die Höhe, und wenn ihr letzter Ton abklingt, hört man einen Hügel weiter schon die nächste sich erheben.

50 Shades of Grey, das ist auch der Blick aus dem abendlich auslaufenden ICE in Stuttgart: Schotter, Beton, Wolken, stumpflackiertes Metall, Bankengebäude, Bahnen und Bauschutt. Viel gewollt und in Wahrheit eine traurige Angelegenheit.

Gipfeltreffen

Im Gunzesrieder Tal liegt die Rote Wand, unter ihr steht Totholz – Ulmen wohl – zwischen Fichten und Laubbäumen. Über Viehwege geht es gegenüber den Wald, den Berg hinauf, über Almwiesen – der Grottenstengel (Sauerampfer) hüfthoch – und durch Blumenmeere hindurch: Weißer Germer und Gelber Enzian, Eisenhut und Türkenbund, Alpenrose und Habichtskraut, Arnika und Teufelskralle … Mir schwirrt der Kopf. Bekomme ich einen Namen vorgesagt, vergesse ich einen anderen. Senkrecht ragen die Schichten des Nagelfluhs empor, „Herrgottsbeton“ heißt ihn der Volksmund, denn so sieht der Fels aus, wie ein grober Beton, satt an Kieselsteinen. Still ist es unter der Sonne, der Klang der Kuhglocken zwar überall, Vogelrufe aber nur gelegentlich, selten der Wind am Ohr, als würde er zu einem Flüstern ansetzen und wieder zurückfallen, vorantanzen. „Lauter Württemberger unterwegs“, seufzt meine Mutter dann auf dem Gipfel, wie es meine Familie immer tut, wenn sie in den heimatlichen Bergen ist, dabei stimmt es gar nicht, eine Familie spricht Französisch und ein Mann mit oberbayerischem Zungenschlag weist nach Westen, deutet für uns auf einen weißbemantelten Berg – den Tödi in der Schweiz, der einzige 4000er, der von unserem Standort aus zu sehen ist. (Stimmt nicht, es sind 3614m.) Und als uns dann eine ältere Württembergerin etwas vorjammert, ist meine Mutter sehr nett und geduldig, geduldiger, als ich es (eigentlich ja inzwischen selbst ein Württemberger) gewesen wäre. Beim Abstieg tönt der vertraute Ruf über das Tal. „Hoooo-hou-hou-hou-hou-hou“, treibt ein Bauer sein Vieh.

Der Motor wird gezündet, er röhrt auf, der Wagen erzittert unter den sich regenden Kräften wie ein sich schüttelnder Bulle, dann verfällt er, ganz wachgeworden, in ein gleichmäßiges Brummen. Das Handygespräch, das Knistern einer Süßigkeitentüte, eben noch alles beherrschend, verblassen. Die Bahn ist bereit für die Fahrt nach Süden, den Fluss entlang, Bergwassern entgegen. Draußen ist es schwarz.

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Bergvieh

Das Käserennen

An der Alpe machen wir Brotzeit, es ist eine halbe Enttäuschung, den Käse – dicke Scheiben, garniert mit Zwiebelringen, Pfeffer, Kräutersalz, ragen weit über den Rand der Brotscheibe – machen sie seit drei Jahren nicht mehr selbst, und der Kirschmost, den ich aus Neugier und wider Vernunft gewählt habe, ist mir zu sauer und steigt zu Kopfe. Am Ende des Tales, da gebe es den besten Bergkäse überhaupt, sagt meine Mutter, und so machen wir uns im Anschluss an unsere Wanderung noch auf den Weg, eine Stunde Marsch hin, eine zurück, immer mit flottem Schritt, denn das schnelle Gehen habe ich von meiner Mutter gelernt, erbarmungslos war sie dem kleinen Bub gegenüber damals als sehr, sehr junge Frau – immer flott also außer an den Steigungen, da muss sie inzwischen doch langsamer machen. Auf einer Wiese steht das Vieh unruhig um ein Wasserfass. Hier gehen wir behutsamer, um die nervösen Schumpen (Jungkühe) und das kräftige Moggele (Kalb), bald schon ein Mollen (Stier), nicht zu reizen. Etwas stimmt nicht, und meine Mutter, im Umgang mit Tieren vertrauter als ich, erkennt es sofort. Der Wasserschlauch hat sich von der Tränke gelöst, ein schlammiger Rinnsal entflieht ins Tal hinab. Meine Mutter drängt sich zwischen die Leiber und befestigt den Schlauch wieder am Fasswagen. Am nächsten Hof wendet sie sich dann an den Bauern. „Doba bei da Schumpa isch der Schlauch aagfalla. I hau en meh naa dua. Und jetzat hoff i halt, dass se meh a Wasser hend.“ „Joa, dankschee“, antwortet der Bauer sparsam.

Mit dem alten Kerle ist es nicht mehr weitergegangen. Eine Stunde standen sie um ihn herum und redeten. Die Ärztin fragte und die anderen erzählten und alle redeten mit ihm da unten in der Mitte ihres Kreises, bis schließlich die drei tödlichen Spritzen gesetzt wurden. Bei Sonnenuntergang wurde er hinter dem Garten vergraben. Einen Leichenschmaus gab es dann auch noch – einen Kräutertee bei der Großmutter drüben.

Bergbäche

Die Bäuerin der Alpe führt uns in den Keller, während der wortkarge Bauer sich verzieht. Das Reden überlassen die Männer den Frauen. Draußen, auch im knarrenden Vorraum noch riecht es kernig nach Stall. Alle Räume sind tadellos aufgeräumt, der Flur, die Stube, der Keller voller Vorräte, der kupferne Käsekessel glänzt, als würde er nie benutzt. Dabei haben sie vierzig Laibe schon gemacht in dieser noch jungen Saison, erzählt die Bäuerin. Ihr Zungenschlag ist eindeutig alemannisch. „Vieradrießg“ sagt sie, wo ich „Vieradreißg“ sagen würde, vermutlich ist sie aus dem Vorarlberg, das ein paar Schritte hinter der Alpe beginnt. Der Käse ist fantastisch. Ob mir zweieinhalb Kilo Käse zu schwer zum Tragen seien, fragt mich meine Mutter besorgt. Ich lache sie aus, die Bäuerin lacht mit mir. Den besten Bergkäse des Allgäus im Rucksack machen wir uns auf den Rückweg. Ganz unten dann, am Parkplatz, schleiche ich mich nochmals zurück an den unendlich klaren Bach – wo außer in den Bergen sieht man auf der Welt sonst schon so etwas! -, werfe die Kleider von mir und tauche ein in diese Klarheit. Es ist entsetzlich kalt.

Die Erkenntnis kommt plötzlich. Als ich in der Stille des Baumhauses liege, Frieden in mir und ein Gefühl für die Kraft meiner Herkunft, die mir (es war lange Jahre anders gewesen) von meinem Vater, meiner Mutter zufließt, weiß ich es. Es ist Mitternacht und alles ruhig und an mir wird es liegen, meine Erkenntnis zu leben.

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Oben

Am Katzenbach liegt der Hund begraben – Von Tierfriedhöfen und anderen Todesfällen

„Mein Wotan“

Spaziert man von Heumaden nach Hedelfingen hinunter (zwei Vororte im südöstlichen Stuttgart), stößt man in einem idyllischen, waldigen Tal recht unerwartet auf einen kleinen Friedhof. Hinter einer Hecke zeigen sich die üblichen Verdächtigen: eine Rasenfläche, Grabsteine, rote Sitzbänke, die spitze Thuja. Doch dann irritiert etwas: Die Grabstellen sind merkwürdig klein und auf den Steinen steht oft nicht mehr als ein einzelner Name: „Michel“, „Bissy“ oder gerade noch „Mein Wotan“. Hier am Katzenbach liegt tatsächlich der Hund begraben – es ist Stuttgarts ältester Tierfriedhof. Auf ihm können Mitglieder des bmt e.V. Tierschutzzentrums Pfullingen seit über 40 Jahren ihr verstorbenes Haustier (Hunde und Katzen) bestatten belassen. Die Grablaufzeit beträgt 5 bis 7 Jahre und kann verlängert werden. Manche der Gräber werden schon weit länger liebevoll gepflegt.

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Am Katzenbach

Die Kadaverkiste

„D‘Katz isch vermäht“, das ist so ein Satz, den ich mit meiner Kindheit und Jugend verbinde, wenn das im hohen Gras mausende Tier – ein Katzentier, das nur zur Mäusejagd ins Haus gelassen wurde – vom Mähwerk eines Bauern erwischt worden war. Das war traurig, aber nicht mehr. Tränen wurden da nicht vergossen und eine solch enge emotionale Beziehung zu einem Tier, wie sie sich im Heumadener Tierfriedhof ausdrückt, ist mir fremd.

Was geschah damals mit unseren toten Tieren? Todkranke oder schwerverletzte Katzen verkrochen sich oft zum Sterben irgendwohin, ins Gebüsch, unter eine Scheune, und waren fortan nicht mehr gesehen. Einmal hatte sich ein Huhn am Gartenzaun erhängt (ein unglücklicher Unfall), es wurde dem Fuchs an den Waldrand gelegt – solche Gaben waren sofort weg. (Man darf vermuten, dass Fleischkonsum in unserer Familie keine große Tradition hatte.) Was sonst an Kleintieren anfiel – eine getötete Katze, Kanarienvögel oder die Hasen –, wurde irgendwo in der Wiese verbuddelt, unter einer Schicht von Kalk, damit die Hunde sie nicht wieder ausgruben.

Starb ein größeres Tier – ein Kalb oder eine Kuh beim Nachbarn, ein Pferd, ein Hund oder eine Ziege bei uns – war alles anders. Man klemmte sich ans Telefon, drehte (damals noch) die Wählscheibe und rief bei der Tierkörperbeseitungsanlage an. Die schickten dann einen Lastwagen vorbei mit einem Kran. Dieses hässliche Drachenmaul mit seinen drei oder vier Zähnen (ich erinnere mich nicht genau) hub den Kadaver über die hohe Außenwand des Aufbaus und überließ es der Fantasie des Zuschauers, wie es dort auf der Ladefläche aussehen mochte.

War es kein zu großes Tier, konnte man es alternativ auch erst einmal in einer großen, metallenen Kiste am Straßenrand zwischenlagern. Diese Kisten gibt es wohl schon lange nicht mehr. Als Jugendlicher aber, wenn ich wochenends mit dem letzten Zug (oder noch später in der Nacht per Anhalter) aus der Stadt kam und dann die letzten vier Kilometer nach Hause durch die Pampa wandern musste, kam ich – ausgerechnet am dunkelsten und steilsten Teil des Weges – an solch einer Kadaverkiste vorbei. Es war mir nie geheuer. Obwohl es bergauf ging, beschleunigte ich jedesmal meinen Schritt und bemühte mich gleichzeitig, meinen Atem flach und meine Schritte leise zu halten. Und jedes Mal, wenn ich das mattmetallene Rechteck passierte, stellte ich mir die Frage: Verwest da drinnen gerade etwas, das tote Auge glotzend aufgerissen und womöglich auf mich, den nächtlichen Wanderer gerichtet?

Das TierKBG und ein neuer Trend

Das Tierkörperbeseitigungsgesetz regelt, dass Haustiere auf dem eigenen Grund begraben werden dürfen, wenn die Stelle weder an einem Weg noch in einem Wasserschutzgebiet liegt und der Leichnam von einer mindestens 50 Zentimeter tiefen Erdschicht bedeckt wird. In städtischen Ballungsräumen für viele Menschen allerdings keine Möglichkeit. Hier landen die meisten Haustierkadaver (zusammen mit Schlachtabfällen) in Tierkörperbeseitigungsanlagen, wo sie geschreddert und zu Dünger, Seife oder Schmiermittel verarbeitet werden.

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Anubis-Tierbestattungen in Fellbach

Wer das nicht will, hat die Möglichkeit, sein Haustier auf einem Tierfriedhof zu bestatten. Neben dem exklusiven Friedhof in Heumaden gibt es seit einigen Jahren einen größeren Tierfriedhof im Ortsteil Fasanenhof. Auch Nachbargemeinden (Kornwestheim, Fellbach) bieten Tierbestattungen an. Dabei treten allerlei Fragen auf. Darf ein Tier nach – beispielsweise – christlichem Ritus bestattet werden? Die Stadt Stuttgart jedenfalls verbietet sakrale Zeichen und Zeremonien auf Tierfriedhöfen.

Fasanenhof – Eine Ortsbesichtigung

Fasanenhof, das klingt nach Idylle. An Lustschloss und Fasanerie erinnert an dem Stuttgarter Außenbezirk allerdings nichts mehr. Am Europaplatz nahe der Stadtbahnhaltestelle (erst seit 2011 besteht Anschluss an die Straßenbahn) verkündet ein gewaltiges Schild ein Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“. Das hat der Stadtteil im Süden der Schwabenmetropole dringend nötig.

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Stadtentwicklung im Fasanenhof

In den 1960er-Jahren war auf den Feldern eine Wohnsiedlung für 10 000 Menschen hochgezogen worden. Wohnraum war die Maxime, und diese Seelenlosigkeit atmet die Siedlung: die militärisch angelegten Reihensiedlungen, die wuchtigen Wohnblöcke, die Hochhäuser, die Betonkirche am Europaplatz. Da versöhnt auch das viele Grün nicht. Und das Relief mit antiken Motiven aus den Trümmern der (1943 im Bombenhagel zerstörten) Landesbibliothek, das der Verschönerungsverein Stuttgart am Europaplatz aufgestellt hat, wirkt so verzweifelt wie die Schülerkunst („Amok“) entlang des Boulevards bezeichnend. Immerhin, die Verkehrsanbindung ist gut: an die Autobahn (ein Dauerrauschen), an den Flughafen Echterdingen (immer wieder das Dröhnen tieffliegender Maschinen), mit der Stadtbahn ist man in 20 Minuten im Zentrum Stuttgarts. Und die Autos vor den Wohnanlagen zeugen von Geld.

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Im Fasanenhof

Ich lasse die Gärtnerei hinter mir, passiere den Sportplatz und schlage den Feldweg ein, der schnurstracks an die Autobahn führt. Hier liegt der Tierfriedhof Fasanenhof. Sein Charakter ist ein ganz anderer als der in Heumaden: eine großzügige und frei begehbare Rasenfläche, geschichtes Holz, einladende Sitzbänke, Werkzeug am Gebäude. Und zwischen dem Grün Reihen niedriger Grabstätten, die oft erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind, verziert mit Natursteinen, Keramikfiguren, Glasschmetterlingen, Fotos und allerlei mehr – eine bunte, frei und ungezwungen gestaltete Welt der Erinnerung.

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Der weite Rasen des Tierfriedhofs

Kaum zu glauben, dass hier vor einigen Jahren nichts als ein wildes Gelände voller Steine war. „Aber es ist noch viel zu tun“, erklärt mir Betreiber und Totengräber Ralf Bohler, der vor drei Jahren den Tierfriedhof von seinem Vorgänger übernommen hat. Bohler ist stolz – und spürbar glücklich. „Man spürt die Dankbarkeit“, lächelt er. Die Menschen haben freie Hand bei der Gestaltung der Gräber. Manchmal kommen sie im Sommer, um ein Picknick auf dem Gelände zu machen, und Bohler setzt sich nach der Arbeit oft selbst auf eine Holzbank und genießt die Idylle.

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Fröhlich-buntes Gedenken

Idylle? Zuerst klingt es merkwürdig: Die Autobahn ist kaum mehr als einen Steinwurf entfernt und da ist immer noch etwas von meinem eigenen Befremden angesichts von Tierfriedhöfen. Als ich dann nochmals eine Runde über das Gelände mache, mir die geschmückten Grabstätten ansehe und mich auf einer Bank niederlasse, verstehe ich Ralf Bohler und seine Besucher. Es ist ein einladender Ort.

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Auf dem Friedhof

Das Kaninchen aus dem Zauberhut

„Weißt du das schon? Kürzlich hat der Hund ein totes Kaninchen im Maul nach Hause gebracht. Wir haben es sofort erkannt, es war von den Nachbarn. Ich sage dir, sind wir erschrocken: Jetzt hat unser Hund das Tier totgebissen! So ein Mist. Und dann? Haben wir dem Hund das Karnickel weggenommen, das Fell gesäubert und das tote Tier heimlich dem Nachbarn wieder in den Kaninchenstall gelegt. Damit es wenigstens nicht unser Hund war. Und jetzt pass auf: Am nächsten Tag kommt der Nachbar und erzählt uns: ‚Schon komisch, gestern ist unser Kaninchen gestorben, wir haben es im Garten beerdigt und jetzt liegt es wieder im Stall …’“

Der Schrecken unterm Salbeibusch

Der Tod von Tieren war auf dem Land allgegenwärtig. Gleichzeitig aber war er mir in seiner Konkretheit auch entrückt: Wir schlachteten zuhause nicht. Ich kümmerte mich nicht darum, wenn eines unserer Tiere starb. Es war einfach nicht meine Angelegenheit. Meine Scheu vor dem Leichnam war immer schon präsent. (Unvergessen allerdings sommers die verendeten Rinder auf dem Feld des Nachbarn, auf dem Rücken liegend, die Beine obszön in die Luft gestreckt, der Leib vollkommen aufgedunsen und schließlich geplatzt, ein bestialischer Geruch entströmte dem in Verwesung begriffenen Pansen.)

Nur einmal war ich, so weit ich mich erinnere, ganz unmittelbar in eine Kadaverbeseitigung einbezogen. Mein Bruder und ich saßen vor unserem Elternhaus, wir waren längst keine Kinder mehr. Ein penetranter Geruch hing in der Luft – ein stechender Geruch nach Verwesung, der sich unmöglich ausblenden ließ. Rund um die Terrasse aus gehobelten Brettern erstreckte sich ein Kräutergarten. Irgendwo dorther musste der Geruch kommen, genauer (wir folgten der Spur) aus einem weiten Salbei, einem niedrigen Gestrüpp – eine unverwüstliche Pflanze. Eine Tat war gefragt. Mein Bruder und ich beschlossen, die Gabel aus dem Stall zu holen. Doch dann zögerte ich und ich drückte die Gabel feige meinem jüngeren Bruder in die Hand. Die Vorstellung, aufs Blinde dort nach der Quelle des Verwesungsgestanks zu stochern, war unerträglich für mich.

Also machte sich mein Bruder ans Werk, drehte mit den Zinken die Salbeizweige. Bis er fündig wurde: eine tote Katze, der Körper verzogen, wohl ein verletzter Kater, der sich zum Sterben hier unter die Kräuter geschleppt hatte. Der Kadaver war in die Pflanzen verstrickt, er ließ sich nicht einfach so herausheben, es war, als zerrten die Pflanzen an dem in Auflösung begriffenen Katzenleib. Da wich mein Bruder zurück und wandte sich vor Ekel um, er schob den Griff der Mistgabel von sich.

Ich übernahm. Es war wie ein Rollentausch. Jetzt, wo die grauenvolle Andeutung des Todes beseitigt war und die Ursache konkret vor meinen Augen lag, war es nicht mehr schlimm für mich. Ich zerrte mit der Gabel an dem Kadaver und befreite ihn aus der Umklammerung des Salbeis, trat auf die Straße – ein paar Maden fielen herunter, aber nicht gar zu viele, der Kadaver war bereits halbwegs ausgetrocknet –, schritt mit meiner leichten Last über die Wiese zum nächsten Waldrand. Ich warf das verwesende Tier hinter einen Baum und schulterte die Gabel. Der Geruch des Todes war bald von der Terrasse verflogen.

Wer mehr über die Stuttgarter Tierfriedhöfe erfahren möchte:

Tierfriedhof Stuttgart (Fasanenhof)

Tierfriedhof Heumaden

JazzJam und Stuttgarts erste Party

Die Fenster des Hinterzimmers sind mit Konzertplakaten abgeklebt, die Bar ist unbesetzt und tot wie ein aufgelassenes Spinnennetz, bedient wird man aus der Gaststube vorne. Einige Spanier, kein Gramm Fett unter den breiten Gürteln, drängen sich hinten um den Billardtisch, vorne auf der Bühne stehen ein paar junge − erschreckend junge − Musiker und spielen Jazz. Es ist wieder einmal JazzJam im Arigato und wir finden Platz gleich hinter der Zwischentür an dem Tisch mit der Spendenbox und dem Ofen im Rücken.

Die meisten Gäste sind deutlich jünger als wir, mittendrin aber sitzt ein älterer Mann − irgendetwas an ihm lässt mich vage an Michael Caine denken − mit Rotwein und Batatas bravas vor sich, die Aufmerksamkeit ganz auf die Bühne gerichtet, ein echter Jazzliebhaber, denke ich. (Aber nein, ein paar Wochen später sitzt er am Hard‘n‘Heavy-Abend an genau demselben Platz, Rotwein und wilde Kartoffeln mit Aioli vor sich und die Augen gen Bühne, als wäre nichts geschehen seither.)

„Probier mal, ist das wirklich ein Radler? Ich schmecke nur Bier“, zweifelt mein Cousin aus München. Ich nehme einen Schluck und schmecke Radler, kein Zweifel. „Wie ist das Radler in München denn?“, spotte ich und frage mich, ob sich unsere Geschmacksgewohnheiten − beide stammen wir aus einem Landstrich, der sich Schwaben nennt und (einst sehr wichtig) doch zu Bayern gehört − durch die Umsiedlung in verschiedene Landeshauptstädte unterschiedlich entwickelt haben.

Die Musik bricht ab, sofort nimmt das harte Klicken vom Billardtisch den Raum ein und das akzentuierte Spanisch der jungen Männer drum herum, eifrig diskutierend, ihre Sprache Tanzpartnerin der Billardklicks. Die Musiker gruppieren sich um, der Boden knarzt, neue Gesichter betreten die Bühne, alle jung, alle männlich. Vermutlich studiert der eine oder andere den Studiengang Jazz/Pop an der Musikhochschule Stuttgart − die Jazzabteilung der Stadt ist nach der Kölns immerhin die zweitälteste Deutschlands −, deren Ende 2013 von der Landesregierung beschlossen worden war, was von der Initiative „Stuttgart braucht Jazz“ vorerst erfolgreich abgewehrt wurde. Ein Glück für die Musikszene der Landeshauptstadt, ein Glück vielleicht auch für diese jungen Musiker dort vorne. Aber warum spielen eigentlich keine Frauen hier? Ja, warum eigentlich nicht?

Die Heizung holpert und wärmt uns an dem Tisch am Eingang und wir erinnern uns an unsere erste Begegnung mit Stuttgart. Damals, als wir noch fast Kinder waren, war die Stadt uns ein fremder Ort, mit dem wir nicht mehr verbanden als mit der Muttermilch aufgesaugte Vorurteile. Ein Onkel von uns wohnte damals hier, er war an den Theaterbühnen tätig, und einmal, zu einer WG-Party, lud er Verwandtschaft ein. Tatsächlich machte sich eine Tante auf den Weg nach Stuttgart, sie packte uns Buben ein und so kamen wir zum ersten mal in diese Stadt. Wo das Haus mit der Party genau lag, haben wir keine Ahnung, auch unser Onkel weiß es nicht mehr, „irgendwo am Hang“ blickte er ratlos umher, als er mich hier besuchte. Von der Party der Schauspieler jedenfalls waren wir Jungen noch überfordert − zu jung, um uns unter den ausgelassenen Erwachsenen zu bewegen, zu jung, um später mitzutanzen. Wir lagen irgendwann oben in einem der Zimmer und versuchten zu schlafen, halb sehnsüchtig lauschend, halb gepeinigt von dem Lärm. Noch heute, stellen wir fest, rufen unsere Erinnerungen an unseren ersten Besuch, unsere erste Party in Stuttgart die gleichen Gefühle wach.

Pause. Wieder erobern die spanischen Worte und das Klickklack den Raum. Ein paar Momente tuscheln die Musiker auf der Bühne, dann ertönt der Ruf „Schlagzeuger!“. Zögern, Zaudern, Füßescharren, dann erbarmt sich endlich ein junger Bursche, als seine Kumpels auf ihn zeigen. Und das nächste Set an Oldschool Jazz wird eröffnet. Der schlanke, empfindsame Tastenspieler hinter dem Yamaha-Keyboard rückt den Schal zurecht, der Besen streichelt das Schlagzeug, gekrümmte Finger tanzen über die Saiten des dunklen Kontrabasses wie die Beine einer balzenden Tarantel, Saxophon und Trompete liefern sich ein Duett aus Klage und Triumph. Alle Nervosität ist längst abgelegt, die Musiker vergessen sich, Solo um Solo rollt ab, die Zeit ist aufgehoben. Es fehlt nur noch der Rauch zur perfekten Illusion, wirbelnde Schwaden unter den stummen Ventilatoren. Und dann würde vielleicht Philip Marlowe dort stehen, in Hut und Anzug, an den Tresen oder an den Türrahmen gelehnt, die melancholischen Augen verschleiert hinter dem Zigarettendunst.

Aber nein, geraucht wird im Hinterzimmer nicht, geraucht wird vorne in der Gaststube. Dort, wo sich Herren mit schulterlangen weißen Haaren um den Kachelofen drängen, junge Leute über ihr Bier hinweg lachen und disputieren und wo an der Türe, eifrig in ein Gespräch vertieft, eine Muslima mit Kopftuch sitzt, Zigarette und Schnaps zur Hand. Das Arigato − ein bisschen Studententum, ein bisschen Nachbarschaft, leicht alternativ und ziemlich bodenständig.

Arigato Music-Club: Kolbstr.2 − 70178 Stuttgart (Haltestelle Marienplatz)

Der JazzJam findet einmal im Monat, üblicherweise am dritten Donnerstag, statt.

Die Initiative „Stuttgart braucht Jazz“ engagiert sich auch nach dem Erhalt des Studiengangs Jazz/Pop für den Jazz in der Landeshauptstadt Stuttgart.

Freiheit

An einem Sonntagmorgen um Viertel vor Neun schaukeln zwei junge Leute auf dem Spielplatz. Die beiden, eine junge Frau in Sommerkleid und ein junger Mann mit Schirmmütze und Dreitagebart, schwingen isochron: gleichförmig und versetzt, sie voran, er zurück, er voran, sie zurück, schwerelos wie zwei Pendel in einem Uhrwerk frei von einem Zifferblatt, die Straßen drumherum sind noch fast leer.

Wie kommen sie an diesem Sommermorgen auf die Schaukeln? Sind sie auf dem Rückweg von einer Party und verlängern die Ausgelassenheit der Nacht noch um ein paar Minuten? Hat eine bewusste Entscheidung sie hierhergeführt, um so den strahlenden Tag zu beginnen, oder sie eine spontane Anwandlung beim Vorübergehen auf den Spielplatz gelockt?

Unbekümmert schwingen sie in den Julimorgen, einen Tag hell und warm wie die letzten, nach einer Nacht, in der man mit einem Lächeln die Balkontüre offenlässt und sich ausmalt, es könnte für immer so weitergehen. Und plötzlich wünsche ich mich zurück (was selten passiert) in Kinderzeiten, als zu Beginn der großen Ferien das nächste Schuljahr in unbegreifbar weiter Ferne lag und der Sommer tatsächlich unendlich schien.

Eine halbe Stunde später sind die Schaukeln leer, der sandige Spielplatz liegt verlassen da, alles ist still und regungslos. Oder doch nicht? Ich halte inne und schaue genauer. Ganz leicht schwingen die Schaukeln noch. Angetrieben von der sanften Brise? Oder ein Nachhall der beiden jungen Leute in ihrem Augenblick vollkommener Freiheit?