Der Läufer

Ich war nie, nie, nie ein guter Langstreckenläufer. Den konsequentesten Versuch, regelmäßig zu laufen, hatte ich mit 16 unternommen. Es war zugleich die Zeit meines Lebens, in der ich am schlankesten war, in der ich am meisten Klimmzüge schaffte, in der ich mit Liegestützen so loslegte, dass ich bis heute ein merkwürdiges Knacken im Schlüsselbein habe. Es war eine Zeit, in der ich todunglücklich war. Das Laufen verlief sich irgendwann wieder und ich nahm wieder zu, allerspätestens während der Zivildienstzeit, als ich heimlich die von den Senioren nicht angerührten Kuchen und Kirschschälchen mit Vanillecreme verputzte. Ich vermute mal, dass ich auch da nicht unbedingt glücklich war.

Damals, als ich das Dauerlaufen (solch ein schönes Wort, kaum einer verwendet es mehr) versuchte, war meine Zimmertür bereits gepflastert mit den Helden jener Zeit: Läufern. (Ich interessierte mich sonst nicht für Sportler.) Ich war dabei nicht wählerisch, meine Auswahl aus dem Sportteil der Süddeutschen Zeitung war recht eklektisch: Fotos von Kurzstreckenläufern, deren Körper ich bewunderte; Artikel über Wettkämpfe, 800m, 3000m Hindernis, 5000m, 10 000m, Marathon … Die ganze Bandbreite, bunt gemischt. Nur eines war mir wichtig: Die Dauerläufer sollten vom afrikanischen Kontinent stammen. Das war nicht weiter schwer. Die meisten Mittel- und Langstreckenläufer in der SZ erfüllten diese Bedingung praktisch automatisch; die Zeiten, in denen die Finnen mit einem Lasse Virén noch das Laufen prägten, kannte ich nur aus den Trainingsbüchern meines Vaters (die ich im Übrigen nie ernsthaft gelesen hatte).

Standen die Leichtathletikweltmeisterschaften oder die Olympischen Spiele an, versuchte ich, die wichtigsten Läufe im Fernseher zu verfolgen, was nicht ganz einfach war, weil wir zu jener Zeit keinen Fernseher hatten und unter den wenigen Nachbarn, die wir auf dem Weiler hatten, niemand war, bei dem ich mich einfach so zum Fernsehen hätte anmelden wollen. (Wir waren gerade erst vom einen Siebenhäuserkaff in ein anderes Siebenhäuserkaff gezogen.) Der sportliche Höhepunkt jener Zeit war für mich eindeutig der Lauf über 5000m bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Damals, als Dieter Baumann, der dann einige Jahre später mit einer verfänglichen Zahnpastatube erwischt wurde, Gold holte.

Nicht sein Sieg aber war für mich die eigentliche Sternstunde dieses Laufes. Sondern ein Foto, das ich irgendwann danach sah, ein Foto aus der letzten Kurve, ein Foto jener Fünfergruppe, die sich bis dahin an die Spitze gesetzt hatte, fünf Läufer fast wie Kletten aneinandergeklebt bis zu jenem Moment in der Zielgerade, als sich Baumann erfolgreich löste, den Fünferknoten also platzen ließ und im Schlussspurt das Rennen für sich entschied. Jene letzte Kurve also zeigte das Foto, die fünf Männer dicht an dicht, ein gebräunter Marokkaner, ein noch bräunerer Äthiopier, zwei nahezu schwarze Kenianer und der blonde Baumann, ihre Gesichter vom Objektiv ganz nah herangeholt, voller Konzentration, die Münder offen, die Schweißperlen von der grobkörnigen Auflösung ins Riesenhafte gesteigert. Es war damals für mich ein unermesslich schönes Foto. Ich hätte es liebend gerne als Plakat an meine Wand gehängt.

Geblieben ist von jener Heldenzeit nicht viel, fast nichts: die Erinnerung, dass über Jahre hinweg alle Beiträge der Süddeutschen Zeitung über den Laufsport mit ein und demselben Namen unterzeichnet waren − Robert Hartmann. (Warum weiß ich das noch?) Das Wissen, dass Dieter Baumann am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Und der unvergessliche Ausdruck von Haile Gebrselassie beim Endspurt zu einem seiner zahlreichen Siege. Wo aus den Augen der anderen Läufer Anstrengung sprach, sprang sein Blick voraus, der Mann stierte mit einer an Besessenheit grenzenden Entschlossenheit voran, zur Ziellinie. Wer so schaut, kann alles erreichen, dachte ich mir.

Und dann gibt es noch zwei literarische Erinnerungen: Beschreibungen von Läufen, die mir damals den Puls hochtrieben, die meine Hände zum Zittern brachten, zwei jener raren, köstlichen Lesemomente, in denen aus der sachlichen Abstraktion bloßer Lettern etwas Gewalt ergreift über den ganzen eigenen Körper. Der eine Wettlauf war der aus Noah Gordons „Medicus“. Der andere die wunderbare Kurzgeschichte „Der Läufer“ von Siegfried Lenz, die (wie ich eben gelernt habe) heute noch unter Läufern kursiert.

Und warum erzähle ich das? Weil ich dem Herroverstreet, einem passionierten Läufer, noch die Antworten auf ein Blogstöckchen schuldig bin und solche nur ungern auf den Blog stelle, wenn sich damit nicht zugleich irgendeine Geschichte erzählen lässt. Jetzt weißt du‘s, Herroverstreet: Ich laufe nicht, ich beschäftige mich nicht mit dem Laufen, wenn ich deine Laufberichte verfolge und hie und da einen winzigen Kommentar abgebe, so ist das nur ein Nachhall jener Jahre.

Und nun Rede und Antwort.

Gefällt Euch irgendeiner meiner Beiträge wirklich? Ja. Am meisten „Lusdisch“, weil auf spitzzüngige Weise … ähm lusdisch.

Oktoberfest: Ja oder Nein? Nie. Und das, obwohl ich aus einer bayerischen Randprovinz stamme. Ich täte es wohl, wenn ich nach München zöge. Nur über die Lederhose müssten wir dann nochmals getrennt verhandeln.

Schaut Ihr noch fern und wenn ja, wie und was? Nein, ich habe keinen Fernseher und bin sehr glücklich damit. Weniger glücklich bin ich damit, dass ich derzeit aus bestimmten technischen Gründen nicht in der Lage bin, auf andere Weise Filme anzuschauen.

Helene Fischer oder Andrea Berg? 😉 Okay, die eine ist blond, die andere dunkel, richtig? Mehr weiß ich über die Damen nicht.

Welchen Sport macht ihr (also richtigen Sport, so wie früher?) Funktionelles Training, immer wieder mal um anderes ergänzt.

Kennt Ihr einige Eurer Blog-Leser persönlich? Ja. Von denen, die ich erst über meinen Blog kennengelernt habe, allerdings eindeutig noch zu wenige.

Twittert Ihr und wenn ja, warum? Ja. Weil mich Danares davon überzeugt hat, mein Blog würde davon profitieren. Ich twittere unregelmäßig und habe dabei das Stirnrunzeln noch nicht ganz verloren.

Geht Ihr zu Wahlen? Ja. Auch wenn meine Stimme recht wenig ins Gewicht fällt und ich Politikverdrossenheit nachempfinden kann: Das Wahlrecht ist etwas, wofür manche Gesellschaften über Generationen hin bluten mussten. Das leichtfertig wegzuwerfen, ist … dumm. Undankbar. Dekadent.

Was haltet Ihr von Menschen, die trotz aller Skandale immer noch ehrenamtlich in der Kirche arbeiten? Es ist ja nun wirklich nicht alles schlecht in den Kirchen, daher sollen sie es ruhig tun. Im Gegenteil: Vermutlich brauchen die Kirchen diese Menschen gerade ganz besonders. Ich selbst habe mit Kirchen hingegen nichts am Hut und betrachte mich nicht als Christ. Auch nicht als kirchenlosen.

Glaubt Ihr, dass die Generation Ü40 hier im Netz eigentlich gar nichts verloren hat? Ich verweise auf die wunderbare Antwort von iPhelGold: „Glaubst du, dass ich mich am […] aus dem Netz jagen lasse?“

Über was soll ich mal schreiben? Keine Vorgaben: das, was dich bewegt.

Ich verzichte darauf, das Stöckchen weiterzugeben. Bei mir liegen noch ein paar als Altlasten, da will ich erst einmal aufräumen.

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Ode an den Penis – Jude Law in der Gaunerkomödie „Dom Hemingway“

Da steht der nackte Jude Law in Halbnahaufnahme, die muskulösen Arme gegen die Zellenwände gestemmt, das aufgeschwemmte Gesicht von einem Bart in einer seiner stillosesten Variation geziert, plumpes Gold blitzt im Mund auf, aus dem er – verzerrt, heiser – den Zuschauern eine Eloge auf den eigenen Schwanz entgegenschleudert, während er offensichtlich von einem Mithäftling oral befriedigt wird. Zeile um Zeile einer genitalen Selbstverherrlichung spuckt unser Knastbruder aus, halb primitiver Männerwahn, halb shakespearescher Monolog.

So führt die britische Gaunerkomödie „Dom Hemingway“ ihren Protagonisten ein, einen Safeknacker mit Triebproblemen: Dom ist versoffen, gewaltbereit, impulsiv und seine Zunge geht regelmäßig mit ihm durch wie ein bösartiger Gaul mit Dichterader, der zu viel Hafer gefressen hat. Als Dom Hemingway nach 12 Jahren aus dem Knast entlassen wird, verprügelt er als allererstes denjenigen Mann, der während seiner Abwesenheit seine Ehefrau gevögelt hat. Dass der die Frau zuerst geheiratet und bis zu ihrem Krebstod gepflegt hat, übersieht unser Cockney-Held großzügig.

Abrechnung Nr. 2 führt Dom mit seinem leidensfähigen Komplizen Dickie (Richard E. Grant) zum ehemaligen Auftraggeber Mr. Fontaine (Demian Bichir) in Frankreich, einem steinreichen, gemeingefährlichen Gangster. Dass Dom den nicht verpiffen hatte, will er sich nun in barer Münze auszahlen lassen. Dumm nur, dass Dom sich und seine Zunge wieder einmal nicht im Griff hat und die Geschichte einen Rattenschwanz an Problemen nach sich führt. Und dann gibt es da noch eine heikle Baustelle, Posten Nr. 3 auf Doms Rechnungsliste: Die Versöhnung mit seiner zwölf Jahre nicht gesehenen Tochter Evelyne (Emilia Clarke), die ihren Vater – ganz nachvollziehbar – für ein Arschloch hält.

Dom Hemingway ist ein Antiheld, ein wahrer Unsympath, der seine charmantesten Augenblicke dann hat, wenn er seinen Niederlagen ins Auge blicken muss. Denn natürlich wendet sich in seinem Leben jeder Triumph in eine neue Katastrophe. Dass das filmische Konzept aufgeht und einen Heidenspaß bereitet, liegt nicht nur an der frech-frischen Inszenierung, sondern ganz besonders an Jude Laws Schauspiel. Man kann sich gut vorstellen, wie er sich für diese Rolle abseits seines etablierten Images erst überwinden musste und dann aber loslegt, ein Spiel wie im Rausch, wie von der Kette gelassen: „Gellend heult Garm von Gnippahellir: es reißt die Fessel, es rennt der Wolf.“* Selten hat es solch hemmungslose Freude gemacht, einem derartigen Unsympathen zuzuschauen.

Viel mehr muss über „Dom Hemingway“ gar nicht gesagt werden. Die Story: episodenhaft und durchaus löchrig. Die Stimmung: ein paar Mal brutal, wie man es von britischen Gaunerkomödien der letzten Jahrzehnte so kennt, zum Schluss plötzlich etwas gefühlsdusselig, meistens aber einfach saukomisch. Die tiefere Ebene … Ach, lassen wir das. Wer glaubt, an „Dom Hemingway“ Freude haben zu können, weiß es wohl längst, wie umgekehrt. Und für die wenigen Unentschlossenen hier noch ein letzter Köder: „Dom Hemingway“ zeigt den vielleicht schönsten Autounfall der Filmgeschichte. Klingt paradox, ist aber wahr.

„Dom Heminway“. Regie: Richard Shepard. Mit Jude Law, Richard E. Grant, Demian Bichir, Emilia Clarke. 93 min. 2013. Deutscher Kinostart: 17. April 2014.

* Aus der Lieder-Edda („Der Seherin Gesicht“), zitiert nach der „Germanischen Götterlehre“, hrsg. von Ulf Diederichs, Eugen Diederichs Verlag.

Die Launen der Götter

„Jetzt ist ja bald Fußball-WM. Und ich dachte mir, dieses Mal bin ich nicht für Deutschland. Ich drücke stattdessen den Argentiniern den Daumen. Denn in Argentinien gibt es Guanakos, das sind so lamaähnliche Tiere. Die finde ich gut. Eigentlich wollte ich für Bolivien sein. Dort ist die Dichte an Guanakos nämlich noch größer als in Argentinien. Aber Bolivien spielt bei der WM ja gar nicht mit.“

Ismaels friedliebende Enkel – Philip Hoare, „LEVIATHAN oder Der Wal“

Hoare_LeviathanSeit 15 Jahren ist der mareverlag nicht nur Synonym für Bücher über das Meer (im konkreten wie im übertragenen Sinne), sondern auch für schöne, auch in der Ausstattung hochwertige und ansprechende Printtitel – und erfüllt alle Kriterien, um das Faszinosum (gedrucktes) Buch am Leben zu erhalten in einer Zeit, in der viele Verlage immer mehr Eingeständnisse am Printbuch machen. Frei nach Goethe darf man über den mareverlag also sagen: Hier bin ich Buch, hier darf ich‘s sein.

Seine über 500 Seiten starke Studie über Wale – eine „Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe“ (2009 ausgezeichnet mit dem Samuel Johnson Prize for Non-Fiction) – eröffnet der englische Journalist Philip Hoare mit einem sehr persönlichen Eingeständnis: seinen ungeheuer plastisch beschriebenen Urängsten vor dem Meer und seiner undurchschaubaren Tiefe – ein mutiger und gelungener Einstieg.

„Erst nachdem wir die Erde von Raumschiffen im Weltall aus betrachtet hatten, wurde der erste frei schwimmende Wal unter Wasser fotografiert.“

Gerade weil die wissenschaftliche Erforschung des Wals noch so jung ist, zieht Hoare seine Geschichte der Cetaceen auf als Geschichten der Begegnung zwischen Wal und Mensch. Ein blutiges Erdenkapitel, da über Jahrhunderte fast ausschließlich über die menschliche Jagd nach Fleisch und Tran definiert.
Akribisch spürt Hoare den literarischen Niederschlägen dieser Begegnungen nach. Im Mittelpunkt steht selbstverständlich Melvilles „Moby Dick“ als Ariadnes Faden bei der Suche nach dem Leviathan, einer „Art Bibel, ein Buch, von dem man nur zwei Seiten am Stück las, ein transzendentaler Text. Wenn ich es lese, ist es immer wie zum ersten Mal. Beim U-Bahn-Fahren studiere ich meine Taschenbuchausgabe so konzentriert wie die verschleierte Frau neben mir ihren Koran“ (S. 51).

Hoare folgt Ismaels Spuren in New Bedford, er klappert alle wesentlichen Walfahrerhäfen Neuenglands ab, schlendert über den Strand von Cape Cod, an dem Henry David Thoreau strandenden Walen beim Sterben zugesehen hatte, er studiert die alten Stiche niederländischer Künstler, stapft durch Yorkshire auf der Suche nach einem Walgerippe, besucht selbst noch das kleinste Walfangmuseum und interviewt ehemalige Walfänger auf den Azoreninseln – eine ungeheure Materialfülle über die oft schmerzhafte Begegnung von Wal und Mensch, seinem Jäger.

Statt diese Vielfalt in der Besprechung nachzeichnen zu wollen, stellvertretend nur drei winzige Schlaglichter auf Details, die mich besonders beeindruckt haben:

– Vor der weitgehenden Ächtung des Walfangs wurden im 20. Jahrhundert Rinder mit Walfleisch gefüttert, ganz nach der kalten industriellen Logik, die noch kranke Schafe zu Futtermehl für Pflanzenfresser verarbeitete.

– In „ozeanisch“ ausgerichteten Ländern wie Großbritannien waren Walprodukte allgegenwärtig – kaum ein Bereich der Konsumwelt, der bis in die frühen 1970er nicht auf Walprodukte zurückgriff, von Bremsflüssigkeiten und Seifen über Fotofilme und Schreibmaschinenbänder bis zu den Mittagessen der Schulküchen und anderes mehr.

Ray Bradbury hatte den Roman „Moby Dick“ für die Erstellung des Drehbuchs neunmal gelesen, ein Skript von 1500 Seiten aufgesetzt, das er natürlich wieder einzudampfen hatte, und wäre über diese Arbeit (nachvollziehbarerweise) beinahe depressiv geworden.

Hoares Lust an der Materie ist zugleich seine Achillessehne, denn sie wird irgendwann des Lesers Last. Die Studie wird gar zu detailreich, zu weitschweifend, zu unsystematisch. Erleichtert – und dann bereits wieder gerührt – ist man, wenn Hoare am Ende vor den Azoren im tiefsten Atlantik frei mit den Pottwalen schwimmt: ein Zwerg unter Riesen in einem Meer weit wie das Weltall, die „zusammen schwammen, Auge an Auge, Flosse an Flosse. […] Ich hatte keine Angst mehr.“

Philip Hoare, LEVIATHAN oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. (Originaltitel: Leviathan, or, The Whale, 2008.) 522 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.  2013 mareverlag, Hamburg.

Du Koffer, du

Der Koffer stand auf halber Höhe des Stadtbahnausgangs. Ein großer, schwarzer Reisekoffer mit einem Flugreiseband am Griff, unmittelbar neben einen Mülleimer gestellt und definitiv herrenlos. Mein Blick wanderte über das Gepäckstück, dann war ich vorbei und stieg die zweite Treppenhälfte empor. Oben drehte ich mich nochmals um. Andere Menschen kamen aus der Haltestelle, manche würdigten den Koffer keines Blickes, andere schauten ihn an wie ich: irritiert, aber ohne innezuhalten. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort. Ich war müde und hungrig und hatte Gepäck bei mir und wollte nach Hause.

In meinen Kopf aber war noch immer der Koffer. Wie unfassbar gering muss die Wahrscheinlichkeit sein, dachte ich mir, dass es sich ausgerechnet bei diesem Koffer um eine Bombe handelt. Wie dämlich müsste ein Attentäter (mit Blick auf maximale Schadenswirkung) sein, überlegte ich weiter, seine Bombe ausgerechnet an dieser Stelle zu positionieren, wo sie – je nach Taktung der Straßenbahn und Fahrgastaufkommen – möglicherweise keinen einzigen Menschen verletzen würde. Und wäre für eine solche Tat nicht manches naheliegender als solch ein gewaltiger Koffer mit dem Band einer Fluggesellschaft? Und schließlich: Angenommen, ich würde tatsächlich die Polizei informieren, würde dann die Haltestelle wegen eines Koffers voller Schmutzwäsche womöglich für längere Zeit gesperrt und viele Menschen ziemlich angepisst sein? Und dann ein anderer Gedanke: Nur einmal angenommen, der außerordentlich unwahrscheinliche Fall trifft tatsächlich ein und ich erfahre eine Stunde später, dass dort unten am Treppenaufgang der Stadtbahn eine Kofferbombe explodierte, drei Todesopfer, fünf Verstümmelte. Könnte ich es mir jeweils verzeihen, den Koffer ignoriert zu haben?

Eine der herrlichsten Szenen in Michael Moores Film „Bowling for Columbine“ ist, als der US-amerikanische Dokumentarfilmer ein Gerücht auf die Probe stellt, Kanadier würden ihre Haustür nicht abschließen. In einer Großstadt jenseits der Grenze also drückt Moore an irgendwelchen Einfamilienhäusern die Klinke herunter – siehe da, unverschlossen –, stapft in das fremde Haus hinein und verwickelt die recht unaufgeregten Bewohner in ein harmloses Gespräch. In den USA wäre er, so Moore, niemals in das Haus hineingekommen. Oder aber bereits vom Besitzer erschossen. Michael Moores These von der „Kultur der Angst“, die ganz besonders in den USA, in schwächerem Maße aber auch in der übrigen westlichen Welt gepflegt und gehegt wird, hatte mich damals unmittelbar überzeugt. Von dieser, seit 9/11 grassierend wachsenden Angst wollte ich mich nicht beherrschen lassen, das war mir klar. Ich wollte kein Angst essen Seele auf.

Ich blieb stehen, unschlüssig. Schließlich holte ich das Smartphone heraus (wie einfach es uns dieses Gerät heute macht), tippte nach der Nummer der Polizei, löschte das Suchergebnis wieder, suchte nach einer Sicherheitshotline des SSB, fand keine auf der Website der Verkehrsgesellschaft und wich einer Entscheidung aus, indem ich den Weg wieder zurückging und die Treppe hinabschaute. Dort stand der Koffer immer noch. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Dort, wo ich aufgewachsen war, hatten wir nachts nie die Haustür abgesperrt, auch dann nicht, als wir keinen Hund mehr hatten. Manche Menschen in meiner Verwandtschaft lassen das Auto nachts unverschlossen, andere lassen außen den Haustürschlüssel stecken. Auf dem Land geht das. In der Stadt veränderte ich mein Verhalten. Als Student spielte ich noch damit: In manchen Nächten (nicht in allen) wäre es für einen Fremden ohne jede Gewaltausübung möglich gewesen, von der Straße bis in mein Zimmer zu kommen. Ich vertraute darauf, dass es nicht geschehen würde. Später dann in Mehrfamilienhäusern dicht besiedelter Stadtteile war es eine von zwei Türen, die ge- und verschlossen zu sein hatte: die Haustür oder die Wohnungstür, möglichst aber nicht beide. (Kompromisse, die sich aus technischen Gründen oder durch kollidierende Bedürfnisse von Partner oder Nachbarn ergeben, lassen wir einmal außen vor.)

Das entspricht, so stelle ich mir das vor, einem schönen Satz, auf den man bisweilen in einem Büchlein mit Sinnsprüchen oder dergleichen aus dem Koran zitiert findet: „Gott behütet dein Kamel, doch zuerst binde es an einen Baum.“ In Wahrheit stammt das Zitat nicht aus dem Koran, sondern aus dem Hadith (also den dem Propheten Mohammed zugeschriebenen – und normstiftenden – Aussprüchen und Handlungen und darin der, nach dem Koran, zweitwichtigsten Quelle des Islam), außerdem lautet es im Original, zwar inhaltlich gleich, formal doch deutlich anders und weniger prägnant. Von Muslimen wird es nach wie vor gerne zur Erläuterung des tawakkul, des rechten Maßes an Gottvertrauen, herangezogen. Trotz des Fragezeichenwortes „Gott“ darin hat mir der Satz immer gut gefallen.

Ich rief die Polizei an. „Ich komme mir ja ein bisschen dämlich vor, wegen eines Koffers anzurufen“, erklärte ich mich. „Gar nicht, im Gegenteil“, meinte die freundliche Polizistin. Die Antwort fühlte sich gut an. Sie fühlte sich nach getaner Bürgerpflicht an. Ich wurde durchgestellt. Es war der erste Anruf meines Lebens bei der Polizei.

Im letzten Jahr hatte ich die Dissertation eines Freundes Korrektur gelesen, in der unter anderem die Ausübung von Kontrolle (und damit Macht) über die Gesellschaft durch Anerziehung von Selbstkontrolle kritisch thematisiert wurde. So betrachtet, hat dieses Konzept bei mir inzwischen Früchte getragen. Ich hatte den herrenlosen Koffer als Problem wahrgenommen, ich hatte mich zur Tat durchgerungen, ich hatte die Polizei informiert – die Selbstkontrolle war also verinnerlicht. Unter dem Gesichtspunkt „Und was wenn doch, du würdest es dir nie verzeihen“ war es das Richtige, was ich getan hatte.

Fragen bleiben. Wie viele Koffer und andere Gepäckstücke werden täglich in Deutschland vergessen oder zumindest lange genug aus den Augen gelassen, um aufzufallen? Wie viele davon werden von Passanten Tag für Tag gemeldet? Wie gering ist die Wahrscheinlichkeit hierzulande, dass es sich dabei tatsächlich um eine Kofferbombe – oder sagen wir großmütiger: um irgendetwas, von dem die Polizei wissen sollte – handelt? (1:50 000? Ich habe absolut keine Ahnung.) Wer eigentlich aus meinem persönlichen Umfeld hat selbst schon mal solch einen herrenlosen Koffer gemeldet? Und wie geht die Polizei dann konkret vor Ort vor? Das sind nur die Fragen auf der Ebene des Faktischen. Es gibt weitere: die nach dem politischen Herrschaftsdiskurs etwa. Sie sind es, die mich, wenn auch für mich nur schwer greifbar, noch immer beschäftigen. Obwohl es doch nur ein Koffer war.

„Jaja, wir sind informiert“, antwortete der Polizist, zu dem ich durchgestellt wurde, recht gelassen. Und dann, nach einer kurzen Pause des Schweigens, in der ich nicht wusste, was ich sagen sollte: „Es kümmert sich bereits jemand darum.“