Die dreibeinigen Herrscher

Europa liegt unter Nebel, so scheint es, so ist es zumindest über Hunderte von Kilometern hinweg. Mit der Dämmerung rückt die Welt dann noch weiter fort. Auf der Autobahn ist Stau und er wird dichter, je näher wir der Grenze kommen, an der seit den Anschlägen von Paris wieder provisorische Kontrollen ausgeführt werden. Anfahren und Stoppen, immer wieder Anfahren und Stoppen, in mir Müdigkeit und draußen nur Dunkelheit und Nebel. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum, werde aus allen Sinnzusammenhängen herausgelöst. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Blaulichter künden die Kontrollstelle an und mischen Unruhe unter die Erschöpfung. Endlich rücken auch wir vor ins Nadelöhr. Polizisten in Warnwesten, Gewehre in den Armbeugen, stehen auf dem feuchten Asphalt, eine Batterie von Scheinwerfern leuchtet die Fahrbahn aus, schält uns aus der schützenden Dämmerung des Autos, gibt uns den Bewaffneten preis.

Später dann Blindfahrt auf der freien Autobahn, ich jedenfalls erkenne nichts vor mir, sehe nur, was sich an uns vorbeischiebt, entmenschlichte Industrieanlagen unter milchigen Straßenlampen, Andeutungen von Siedlungen ducken sich im Nebel, Schwärze. Hier regiert nicht mehr der Mensch.

*

Sein obszöner, bleicher, knochiger Leib erhebt sich hoch über den Grabfeldern. Es ist eine Monstrosität, wie sie H. P. Lovecraft hätte beschreiben, Giger sie skizzieren können, eine ghulische Scheußlichkeit und damit ihrem Zweck völlig angemessen. Vor uns liegt das Beinhaus von Douaumont, Erinnerungsort von Verdun.

Wagt man sich unter dem hohen Turm der Toten ins Innere, zeigt sich das Ossuarium überraschend anders. Das mittlere der drei Schiffe nimmt eine große Kapelle ein, nach links und rechts zieht sich weit das Gewölbe mit zahlreichen runden Alkoven für Sarkophage. In die Steine sind bis über den Kopf Namen eingemeißelt: Hedoin Pierre 106 B.C.P. 29.12.95 + 16.6.16. Salamite Casimir, Breton Adrien, Guilloux Aristide … Draußen muss die Wolkendecke aufgerissen sein, denn durch die gefärbten Glasscheiben fällt plötzlich rotes Licht auf den Boden, weihevoll und mahnend. Unter den Bodenplatten liegen Knochenberge aufgeschüttet: die Gebeine von 130 000 Menschen, namenlose Opfer des Schlachtengottes.

Neun Stunden lang legen die deutschen Geschütze die Grenze unter Feuer, zwei Millionen Granaten prasseln in dieser Zeit auf die Frontlinie herab, zerhacken, zerstampfen, zermalmen den Grund. Danach sind die Hügel vor Verdun umgegraben, die Wälder Holzsplitter in einer Wüste aus Schlamm. Zwei Millionen, ich kann die Zahl, kaum dass ich mich aus dem roten Sessel des Vorführraums erhoben habe, schon nicht mehr glauben, nicht begreifen. Zwei Millionen Granaten und dann schweigen die Kanonen und eine gespenstische Stille tritt ein an jenem 21. Februar 1916. Und trotzdem leben da immer noch Menschen nach neun Stunden Hammerschlägen, in Bunkern, in Unterständen, in Ruinen. Als die deutsche Infanterie mit Seitengewehr und Flammenwerfer die Hügel stürmt, beginnen die französischen Maschinengewehre zu rattern. Es ist Tag eins einer 300-tägigen Hölle. Willkommen in der Knochenmühle von Verdun.

Zuhause schneit es, erfahre ich, als wir zwischen Tausenden weißer Grabsteine wandern.

*

Wasserlachen platschen unter Stiefelschritten. Es tropft von den Decken des Forts Douaumont, irgendwo rauscht es in den unterirdischen Gängen, der Korridor zum Lazarett steht unter Wasser. Auch damals, als dieser gewaltige Bunker, eine unterirdische Festung mit Geschützstraßen, umkämpft war, erst von den Deutschen, dann wieder von den Franzosen erobert wurde, wateten die Soldaten durch Wasser. Metallsprossen führen hinter einem Absperrgitter schwindelerregend tief hinab in ein Loch, in einen Schlund, noch tiefer hinein in die Geheimnisse einer finsteren Zeit. Die Soldaten, die sich in dieser Festung vergraben hatten vor dem einstigen Erbfeind, hörten über Kilometer hinweg die Kanonen, die stark genug waren, um die meterdicken Wände aus Stein und Beton aufzubrechen, und sie wussten, in 63 Sekunden würde das Geschoss einschlagen … Was macht ein Mensch in diesen 63 Sekunden?

Draußen, über Stacheldraht und schwärzlichem Mauerwerk, sind die französische und die deutsche Fahne aufgepflanzt. Neben ihnen weht die Europaflagge: goldene Sterne auf blauem Grund. Ich bin so dankbar für sie.

*

Es ist der erste Advent und statt in der Stube einen heißen Tee zu trinken, zirkeln wir weiter auf den Höhen um Verdun. Wind zerrt an uns, Regen schlägt uns entgegen, die Schuhe versinken im Schlamm. Drüben ragt der Ghulturm über den Wald, er hat uns immer im Blick, als würde uns etwas Böses, Totes beobachten. Einmal zwingt uns dort, wo die Karte einen Wanderweg zeigt, die französische Armee zum Rückzug: militärisches Sperrgebiet. Wir machen kehrt, weichen Pfützen aus, balancieren auf schlammigen Stegen. Gehe ich hinten und rücke zu nahe auf, spritzen die bestiefelten Fersen vor mir mit jedem Schritt Matsch auf meine Kleider. Schreite ich voran, ist durch den Wind, durch die Wollmütze und die Kapuze hindurch nur ganz schwach das Flapp-Flapp der Schritte im Rücken zu hören. Dann verschwindet auch dieses Geräusch und einen schrecklichen Augenblick lang fühle ich mich, als wäre ich ganz allein auf dieser Welt.

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Eine kaspische Irrung – Olivier Rolin, „Letzte Tage in Baku“

An einem Frühlingstag im Jahr 2009 setzte sich der französische Schriftsteller und Journalist Olivier Rolin in einem Hotelzimmer der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (Hotel Abscheron, Zimmer 1123) eine Pistole an den Kopf und erschoss sich. So nahm der Autor 2004 seinen eigenen Tod in einem literarischen Spiel vorweg. Fünf Jahre später reist er – gegen den Rat seiner Freunde – nach Baku ans Ufer des Kaspischen Meers: zu einem Rendevouz mit seinem eigenen literarischen Tod.

Der makabre Flirt sieht sich unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber, denn das Hotel Abscheron existiert nicht mehr. Einen Monat lang treibt Rolin, einem unerlösten Geist gleich, durch das kaspische Land, isoliert durch seine mangelnden Kenntnisse des Russischen (ganz zu Schweigen natürlich vom turksprachigen Aserbaidschanischen) und auf sich selbst zurückgeworfen.

Ich habe mich immer als Kosmopolit gefühlt, aber gehemmt, unzulänglich, unentschlossen. Schuldig, sprechen wir es ruhig aus. Wenn ich sterbe – vielleicht bald hier, in Baku –, werde ich unter anderem eines bedauern: dass ich nur ein Grabscher von Sprachen war, dass ich sie nicht zu meinen Maitressen gemacht habe.

Seine Stadtodyssee führt ihn in eklektizistische Paläste, die neureiche Ölbarone – eine muslimisch-kapitalistische Aristokratie, gegen die sich Stalin (als der diesen Namen noch nicht trug) als Bankräuber und Terrorist seine Sporen als sozialistischer Kämpfer verdiente – Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet hatten, eine Epoche, die der schillernde Autor Essad Bey alias Lew Abramowitsch Nussimbaum alias Kurban Said einst so malerisch beschrieben hatte.

Rolin pirscht sich an Sungarit heran, den größten petrochemischen Industriekomplex der UdSSR, früher eine Gartenlandschaft mit begehrten Melonen, heute eine kilometerweit verwüstete, düstere Landschaft entlang des Kaspischen Meeres und einer der am stärksten von Umweltgiften verseuchten Orte der gesamten Welt.

Rolin sucht die Stimmen Aserbaidschans, vom ehemaligen Offizier der Roten Armee und Afghanistanveteranen, der nun das Hungerdasein eines Bettlers fristet, bis zum Maler Tahir Salachow, der sich mit beinahe jeder Berühmtheit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ablichten lassen. Und er unternimmt einen Ausflug über das Kaspische Meer hinüber nach Turkmenistan, einer weiteren der ehemaligen Sowjetrepubliken, die erstarrt ist unter dem wahnwitzigen Kult um ihren Staatsführer, dem Turkmenbaschi („Führer der Turkmenen“) Saparmurat Nijasow.

Einer der Fischer, ein großer, schlaksiger Kerl mit Bart und im Trainingsanzug, fragt mich, ob es in Frankreich Fische gebe (diese Frage …) und ob es Carla Bruni gut gehe (diese Frage bejahe ich weniger nachdrücklich, hm, ja doch, ich habe den Eindruck, ja).

Ein Reisebericht kennt immer drei Ebenen einer Reflexion oder Auseinandersetzung – der unmittelbaren Begegnung mit dem Gegenüber; der mittelbaren durch Rezeption anderer Quellen und Wissensvermittlung aus zweiter Hand; der Konfrontation mit sich selbst – und entsprechend erhält ein Reisebuch seinen Grundcharakter durch die Gewichtung der drei Ebenen. Rolin räumt allen dreien Platz ein, in einer immer wieder seine Form suchenden, oszillierenden Gemengelage.

Welchen Sinn hat diese Geschichte eigentlich, die Sie gerade lesen? Und was ist es überhaupt? Ein Reisetagbuch, zusammenhanglose Erinnerungsfetzen, ein Testament?

Dabei überzeugen Rolins „Letzte Tagen in Baku“ nicht immer. Wer ein Geflecht literarischer Bezüge schätzt, wird den Teppichknüpfer Rolin (mit seinen Rückgriffen insbesondere auf französische und russische Literatur) mutmaßlich genießen. Ungeachtet bestechender Schilderungen (etwa des Opernbesuchs, der menschenleeren megalomanischen Moschee in Kiptschak, der Ruinen von Merw) lässt der Erzähler doch Poesie missen. Womit selbstredend nichts Schwelgerisches gemeint ist, sondern eine Verdichtung von Sprache und Bild, die neue Blickfluchten öffnet. Nicht zuletzt wirkt der Erzähler in der Innen- und Außenwelt bisweilen orientierungslos, als hätte er nicht gewusst, was er mit seiner Zeit anfangen sollte.

In einer Schlüsselszene lichtet sich der (fast) nackte Autor in seinem Hotelzimmer selbst ab, das Foto ist in das Buch aufgenommen: Steif steht er da, den Kopf etwas schief gelegt, der Körper noch durchtrainiert, die Einsamkeit seines 62. Geburtstages steht in das Gesicht geschrieben, die Situation ist lächerlich. Es könnte Sinnbild einer biographischen Selbsthinterfragung unter dem Zeichen des Todes sein. Doch es fehlt der Odem der Überzeugungskraft. An dem Bild wie an dem Buch.

Eine Besprechung der sehr lohnenswerten Biographie „Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey“ von Tom Reiss findet sich auf Philea‘s Blog.

Olivier Rolin, Letzte Tage in Baku. Bericht. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2013. Halbleinen mit Lesebändchen, 160 Seiten mit 57 Schwarzweißfotografien.

Die Leichen der Seine – Richard Cobb: „Tod in Paris“

9783608946949_CobbWarum töteten sich Frauen im Paris der Revolutionsjahre am häufigsten an einem Sonntag (gefolgt von einem Mittwoch), Männer hingegen montags oder freitags?

Das ist nur eine von vielen Fragen, die der Historiker Richard Cobb (1917–1996) in seinem Buch „Death in Paris“ (1978), bei Klett-Cotta 2011 als erste deutsche Übersetzung eines Werkes von Cobb überhaupt erschienen, aufwirft.

Ausgangspunkt des fleißigen Archivarbeiters und Professors für Neuere Geschichte in Oxford für seine Studie über den Tod in Paris war ein einziger Aktenbehälter aus dem Archivbestand der Pariser Friedensgerichte mit dem Titel Basse-Geôle de la Seine, procès-verbaux de mort violente (ans III–IX) – „Leichenschauhaus der Seine, Untersuchungsberichte nicht natürlicher Todesfälle, Jahre III–IX“ des Französischen Revolutionskalenders, also 1795–1801 nach christlicher Zeitrechnung.

404 Todesfälle finden in diesen Akten ihren Niederschlag: Selbstmorde, Unfälle, Morde (überraschend wenige, neun von 404), auch ein paar natürliche Todesfälle, die aus irgendeinem Grund ihren Platz unter den gewaltsamen Toden fanden. Die deutliche Mehrheit bildeten Ertrunkene – Suizide (für weite Bevölkerungsschichten war der qualvolle Ertrinkungstod tatsächlich der mit Abstand „einfachste“ und verbreitetste Freitod, lernt man aus Cobbs Untersuchung) und Unfälle (schließlich konnten viele Menschen nicht schwimmen): Ladearbeiter, die den Halt verloren; junge Burschen, die an den steilen Pferdetränken ausrutschten; Kinder, die sich im Sommer beim Planschen zu tief in den Fluss gewagt hatten.

Angelegt wurden die Akten von einem Friedensrichter und seinen zwei Gehilfen, den concierges:

„Eine der Aufgaben des Friedensrichters der Division du Muséum war die Protokollierung von Todesfällen durch Gewalteinwirkung in seinem Abschnitt der Seine und der angrenzenden Ufergebiete. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Identifizierung. Ein nicht identifizierter Toter […] war eine diffuse Bedrohung für die société policée, die polizeilich überwachte Gesellschaft, der sehr daran gelegen war, über alle lebenden und gerade verschiedenen Bürger genauestens Buch zu führen.“ (S. 57)

Die Aktenaufzeichnungen sind knapp und nüchtern gehalten. Auffällig dabei ist, wie penibel körperliche Merkmale und die Kleidung der Toten beschrieben werden. Diese Beschreibung erlaubte bzw. erleichterte oftmals die Identifizierung durch die Hinterbliebenen: Verwandte, Nachbarn, Kollegen, Zimmergenossen in den ärmlichen Logierhäusern und andere répondants. Die erstaunliche Menge an Kleidung, die bei vielen der ärmeren (aber nicht allerärmsten) Toten zusammenkam, erklärt sich aus einem heute fast unvorstellbaren Umstand: Viele trugen ihre gesamte Garderobe am Leib, Schicht über Schicht und Tag für Tag, bei der Arbeit, im Hochsommer, manchmal selbst im Schlaf – um sie so in den schrank- und schlosslosen Gemeinschaftszimmern vor dem Diebstahl durch Mitbewohner oder Eindringlinge zu schützen.

Über diese äußerlichen Merkmale sowie kurze Notizen zur Identität der Person und den Todesumständen hinaus (erstaunlich, die meisten Toten wurden identifiziert) bleiben die Berichte sehr sparsam. Die Motive bei Suizid (oder Mord) oder Tröstung der Hinterbliebenen kümmerte den Friedensrichter und seine Gehilfen offensichtlich nicht – sie waren weder Polizisten noch Seelsorger. Ihre Aufgabe war einzig die Identifizierung und „Abwicklung“ des Toten.

Trotz der knappen Angaben in den Akten gelingt es Cobb, den Toten ein Gesicht zu geben: sie zu Individuen zu machen mit einer eigenen Biographie, einer eigenen Tragik – und über diese Einzelschicksale ein Bild der Gesellschaft, aus der sie der Tod herausriss, zu entfalten. Für dieses Gesellschaftsgemälde greift der Historiker auch auf andere Quellen zurück, nicht zuletzt auf das voluminöse Werk des großen Pariser Voyeurs und Chronisten der Nacht Nicolas Edme Restif de la Bretonne.

Genau hier setzt allerdings auch der Kritikpunkt an „Tod in Paris“ an. Cobb interpretiert sehr frei, vieles ist aus seinen Quellen nicht zu belegen, er lässt der Vorstellungskraft weiten Raum – ja, er fabuliert. Und das leider nicht widerspruchsfrei, nicht überzeugend genug, um seine Imagination als Brückenschlag zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtserzählung würdigen zu wollen. (Vielleicht ist es gar nicht so erstaunlich, dass Cobb, der immerhin als einer der wichtigsten britischen Frankreichhistoriker gilt, nach diesem Buch keine weiteren historischen Arbeiten mehr schrieb, sondern sich ganz dem autobiographischen Schreiben zuwandte.)

Nichtsdestotrotz, „Tod in Paris“ ist eine faszinierende Spurensuche, bei der immer wieder erstaunliche Fragen und Antworten aufgedeckt werden. Schön, dass der Verlag Klett-Cotta – der sich in den letzten Jahren ja auch zunehmend der Tradierung der auch heute noch spannenden französischen Historikerschule der École des Annales verschreibt – das Wagnis einging, ein solches Werk eine Generation nach Erscheinen ins Deutsche zu übertragen. Auffallend im Übrigen die Ausstattung: in ein optisch wie haptisch ansprechendes grobes Leinen gebunden, mit Prägung und zusätzlich montierten Schildchen auf den beiden Umschlagseiten präsentiert sich das handliche Kleinformat als ein Schmuckstück.

Richard Cobb: Tod in Paris. Die Leichen der Seine 1975–1801. Übersetzt von Gabriele Gockel und Thomas Wollermann, Kollektiv Druck-Reif. Mit einem Vorwort von Patrick Bahners. (Originaltitel: Death in Paris, 1978). Leinen. 199 Seiten. © 2011 J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart.

Der Finger, der verwundet und verzaubert zugleich – „Die Möbius Affäre“

Ein monumentaler Kameraschwenk über die Steilklippen hinab auf Monaco zu schicksalsschweren Chorgesängen, hinein in das Großraumbüro einer Bank, in dem die coole Brokerin den Chef mit ihrem jüngsten Aktiencoup vorführt (Einführung Protagonistin 1), und ein Schnitt hinüber in ein anonymes Apartement, in dem der russische Top-Agent eine Mitarbeiterin psychologisch für ihren nächsten Einsatz drillt (Einführung Protagonist 2) – der Film will Großes, das spürt man sofort, und wirkt in den ersten Minuten doch etwas spröde, beinahe verunsichert, als wüsste er selbst, dass er mit den großen Agentenfilmen Hollywoods nicht wird gleichziehen können.

Dann aber besinnt sich der französische Agententhriller „Die Möbius Affäre“ (Kinostart 1.8.) auf seine eigenen Qualitäten und spielt sich auf umwerfende Weise frei. Das liegt nicht am Plot. Der ist komplex, um nicht zu sagen verwirrend. Auf zwei Sätze heruntergebrochen: Die Bankerin Alice Redmond (Cécile de France) betreut in Monaco das Vermögen des Oligarchen Ivan Rostovski (Tim Roth) und wird gleichermaßen vom CIA und dem russischen Geheimdienst FSB umworben. Ein doppelbödiges Verwirrspiel aus Hochfinanz, Geheimdienst und politischer Intrige beginnt und wird zur Bühne eines verhängnisvollen Liebesreigens zwischen Alice und Gregori Ljubov (Jean Dujardin), dem Leiter des russischen Agententeams.

Was den Film auszeichnet, ist seine in aller Ruhe ausgearbeitete Präsenz und Intensität, es sind die (nach den Anfangsschwierigkeiten) herrlich zwingenden, geschliffenen Dialoge; ein gekonnt langsames Erzähltempo, in dem sich nur ein einziges Mal die Gewalt wirklich körperlich manifestiert und die Normalität umso erschreckender durchbricht; es ist die Sorgfalt gegenüber den kleinen Gesten, besonders den Blicken: Blicke, die forschen, zögern, verschleiern, flackern, brennen, Blicke voller Einsamkeit und Hingabe; es ist auch ein szenisch eindrucksvoll eingebundener Sound, von der Barmusik bis zum Babygeschrei irgendwo in der trostlosen Weite der Mietskaserne.

Am dichtesten zeigt sich diese Intensität in der Begegnung der beiden Protagonisten Alice und Gregori, die in einer Welt der Lüge ihre Liebe zu leben suchen – eine Ehrlichkeit und ein Begehren, bei dem es hörbar knistert auf der Leinwand, und die in einer minutenlangen, wunderschönen Liebesszene einen Höhepunkt erreicht, in dem noch die Einstellung auf ein zitterndes Augenlid, die Schutz schenkenden Arme pure Erotik sind.

Natürlich können diese beiden Liebenden nur verlieren, was umso tragischer ist, weil sie, die sich Halt zu geben versuchen in einer schwindelerregenden Welt, einander in einem unbeabsichtigen Doppelspiel selbst zu Fall bringen.

Ein in seiner Ruhe durchwegs spannender (und anders als der steintrockene „Dame, König, As, Spion“ sehr sinnliche) Agentenfilm, der kaum etwas mit einem James Bond oder Jason Bourne zu tun hat, und zugleich ein ergreifendes Liebesdrama, ein Film bester französischer Kinotradition. Wer sich auf „Die Möbius Affäre“ einlässt, tritt als anderer Mensch aus dem Kinosaal und bleibt im besten Fall auch noch Stunden später verwandelt. Wie berührt von einem Finger, der verwundet und verzaubert zugleich.

Die Möbius-Affäre“ (Original: „Möbius“). Regie: Eric Rochant. Mit Jean Dujardin, Cécile de France, Tim Roth. 103 min. 2013.

Baden Baden, „Coline“ – Leicht wie der erste Sommer und ein Hauch von Traurigkeit

Die drei Pariser singen teils englisch, teils französisch und nennen sich nach einer deutschen Stadt – außergewöhnlich genug. Ihr Debütalbum „Coline“ (zwölf Songs und 49:26 Minuten lang) ist seit April erhältlich.

Kritiker verorten den Sound dieser Balladen zwischen Alain Souchon und Sigur Ros, aber mit nicht weniger Recht lassen sich Traditionslinien zum Brit-Pop ziehen: zu Coldplay oder Travis etwa, aber auch zur schleifend-gezogenen Stimme von Thom Yorke oder zu den frühen Kashmir, denkt man diese sich befreit von ihrem skandinavischen Schwermut.

Der Sound von Baden Baden perlt: die dünne, etwas hohe Stimme des Sängers Eric Javelle, leichtes Gitarrenspiel, leichtes Schlagzeugspiel, alles eine Antithese körperlicher Kraftprotzerei, leicht wie die emsigen Insekten auf einer Blumenwiese, untermalt von ruhigen Orgeltönen, von verspieltem Xylophon und tragenden Trompetenklängen. Und manchmal, nur manchmal legt sich der Hall von Gitarren über alles.

Es ist geradezu unerhört, wie leicht diese Songs daherkommen: Frühsommerwiesen, die noch nichts von den Nebelbänken und Laubstürmen des Herbstes wissen, als stammten die Lieder von Musikern, die noch ungezeichnet sind von den Narben des Lebens, selbst dort, wo die Texte (Träumen und Eintauchen kehren als Motive immer wieder) von Trauer und Verlust künden. Da passt, dass Baden Baden selbst vor dem Aufgreifen französischer Kinderreime nicht zurückscheuen (wunderschön: „Chanmé“).

Aber natürlich ist all das nicht Unvermögen, nicht Unreife, sondern Kalkül, ein programmatisches Spiel einer immer wieder neu ausgeloteten Grenzziehung zwischen juvenilem Traumsein und der Erwachsenenwelt. Am stärksten ist das Trio dann aber doch dort, wo es die puerile Unbeschwertheit am weitesten aufgibt, im Song „78“, in dem der Schmerz am dichtesten ist, wo die Gitarren laut werden, sich kurz in einem beinahe schon punkigen Riff aufbäumen und dann die Klage einer fast flüsternden Orgel zu brüchigem Gesang zurücklassen, die von der plötzlichen Erkenntnis von Verwundbarkeit und Einsamkeit zeugen, und anschließend – nur wenig schwächer – „Je sais je vais“ mit seinem ergreifenden Refrain „Mais je suis bien tombé / Comme une pluie d’été“.

Ein Fest jugendlicher Leichtigkeit mit einem hauchdünnen, wunderschönen Firnis an Melancholie. Nicht seicht. Nur leicht.

CD/Vinyl LP

© 2012 Starlite Rec under exclusive license to Naive

http://www.badenbadenmusic.com/

Emmanuel Carrère, „Limonow“

„Einen Menschen im Nahkampf zu töten ist in seiner Philosophie, denke ich, etwas wie sich in den Arsch ficken zu lassen: etwas, das man wenigstens einmal im Leben ausprobiert haben muss.“

Limonow000673.bigEduard Limonow war in seinem Leben vieles: gefeierter Schriftsteller, Hausdiener und Politiker, Gauner und politischer Gefangener, Dandy und Söldner, Stalinist und Faschist. Diesem schillernden und widersprüchlichen Leben – von der Stalinzeit über das Exil in den USA und in Paris, den Balkan und durch die Putinjahre bis in die Gegenwart – zu folgen, ist ein literarisches Abenteuer ganz eigener Art. Carrère gelingt mit „Limonow“ jedenfalls ein meisterhafter Streich – eine packende, beunruhigende und persönliche Biographie und eine der spannendsten und stilsichersten Neuerscheinungen des Jahres 2012. Ein Buch zum Verschlingen.

Emmanuel Carrère, Limonow.
Aus dem Französischen von Claudia Hamm.
© 2012 Matthes & Seitz Berlin

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/limonow.html