Calderón geht auf Reisen (4)

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Eine Komödie von Aristophanes kann einen zum Lachen bringen. Es ist fantastisch zu erleben, wie der Humor einen Abgrund von 2400 Jahren überbrückt.

Calderóns Komödien, nicht mal 1/6 so alt, erscheinen mir im Vergleich, sagen wir einmal, harmlos. Zumindest auch der zweite Versuch, „Über allem Zauber Liebe“, schlug mich nicht in den Bann. Anders ergeht es darin den Gefährten des Odysseus, die an Circes Gestaden stranden und sich als tolle Tiere und alberne Affen benehmen, so geht es über die Zaubermacht der Liebe auch Circe und Odysseus.

Vor dem Regen auf Besuch in die Hauptstadt geflüchtet. Draußen rauschte es und wir tranken den grüngoldenen Tee aus Salbeiblättern unserer Heimatregion, dem südlichsten Landkreis Deutschlands. Als die Wolkenwut zu Nieseln verblasste, hinaus. Am monumentalen Ehrenmal der sowjetischen Gefallenen im Treptower Park war ich sprachlos: ein durch und durch ideologischer Ausdruck eines totalitären Systems – ohne einen einzigen kritischen Satz auf den erklärenden Tafeln. Da zahlt die Bundesrepublik also für die Pflege und die unreflektierte Konservierung der verlogensten in Stein gemeißelten Statements Stalins.

Dann riss der Himmel doch noch auf und am anderen Ende der Stadt, irgendwo in Charlottenburg, übergab ich die Komödie einem grünen Männchen zu treuen Händen. Bitte, mein Guter, gib das Heftchen weiter.

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Calderón geht auf Reisen (3)

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Mitten in der Schorfheide wird Hochzeit gefeiert am Forsthaus der Familie, die – durch bloßen Zufall –  den gleichen Namen trägt wie der Vorbesitzer des Calderóns. (Die einen Brandenburger, fröhlich und preußisch-kurzentschlossen, der andere ein immer zweifelnder Übersetzer, Schriftsteller und für kurze Zeit Kollege aus deutschlitauischer Familie.) Das Feld, das als Parkplatz dient, ist von Wildschweinen aufgewühlt, eines davon wird, wunderbar zart und aromatisch, am Abend aufgetischt und die Grillen zirpen, als wüssten sie nichts von Herbst.

Gleich in der Nachbarschaft, drüben in Polen, steigt derweil Rosaura in Männerkleidern eine wilde Schlucht hinab. Es ist eine düstere Stimmung, die Verse sind schicksalsverhangen und unsere Heldin Rosaura – ich hatte mich sofort in sie verliebt – stößt in einem Turm (ein „Schloss des Schweigens“, wie die Perser es einst genannt hätten) auf ein furchtbares Geheimnis. Hier haust Sigismund, als Tier unter Tieren erzogen, doch in Wahrheit Erbprinz Polens. Sein eigener Vater hatte ihn, von den Sternen vor dem ganz grenzenlosen Machtbewusstseins seines künftigen Nachfolgers gewarnt, eingekerkert. Doch der König wird alt und er lässt seinen Sohn prüfen: Den Betäubten lässt er an den Hof holen und als Prinz, als König gar, erwachen. Zeigt er sich reif, wird er den Thron erben. War das Menschenexperiment gescheitert, weil Sigismund genau jener Mensch mit dem Willen zur Macht ist, vor dem das Orakel einst gewarnt hatte, wird er erneut betäubt und in sein Gefängnis zurückgebracht werden – und, da er die Episode am Hof, als Mensch, als Herrscher nur als Traum deuten wird, seinen erneuten Sturz nicht in ganzem Schmerz empfinden.

Der Plan scheitert fatal – und bringt am Ende doch die Lösung: Erst dadurch, dass der tätige Mensch sein Leben als Traum erlebt, aus dem er jederzeit und schmerzhaft gerissen werden kann, vermag er in seinem Handeln wirkliche Verantwortung zu zeigen. Das Leben ist nichts als ein flüchtiger Traum – das ist die bittere und zugleich heilsame, weil disziplinierende Lehre Calderóns.

Dich, Schauspiel, lasse ich nicht zurück – ich möchte dich noch einmal lesen.  Aber nun erst einmal hinein ins Wasser. Manchmal ist das Leben auch ein Traum im schönsten Sinne.

Calderón geht auf Reisen (2)

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Auf dieser erst kürzlich mit einem bundesweiten Preis ausgezeichneten Bühne wurde Calderón vielleicht nicht aufgeführt, aber gelesen als Vorbereitung für eine Inszenierung von Christian Dietrich Grabbe, der den spanischen Barockdramatiker verehrte.
20 Jahre lang hatte ich den Freund nicht gesehen, der mir das erzählte. 20 Jahre seit unserer ersten und einzigen Begegnung auf einem Zivildienstlehrgang. Es waren drei prägende Wochen gewesen, drei vielleicht sogar Biographie bestimmende Wochen, und möglicherweise verdanken wir dem, dass wir uns nun wiedertrafen und uns immer noch etwas zu sagen hatten. Dass die Tonkassette mit Pan Ra und Hoelderlin (zwei deutschen Krautrockbands der Siebzigerjahre), die ich ihm damals geliehen hatte, längst verschollen ist, ist da nur eine kleine nostalgische Fußnote. Sie hatte mir nämlich ein Jugendfreund aufgenommen, der ein paar Jahre später Suizid beging.

Calderóns Drama vom wundertätigen Magier im römischen Antiochien hat eine sehr eigene Einstellung zum Tod. Die beiden Liebenden Cyprian und Justina finden sich erst in ihrer völligen Verneinung ihrer menschlich-irdischen Existenz. Erst dann gehen sie, ganz Geist schon, Arm in Arm bereitwillig in den christlichen Märtyrertod. Natürlich, wir sind letztlich (vom Grabe aus gesehen) tatsächlich nichts als Gerippe. Aber deswegen alles Leben davor nichtig? Nein, diese Lebensverleugnung des schweren, düsteren spanischen Barocks will ich nicht. (Man nehme die Mezquita in Córdoba: Die unermessliche, farbenfrohe, kalligraphische Schönheit der Gebetswand der einstigen Moschee – ich stand in Tränen vor ihr, denn es war vielleicht das Schönste von Menschenhand geschaffene, das ich je gesehen hatte – war umzingelt von dunklen Altären, blutigen Kruzifixen und düsteren Königsporträts späterer spanisch-katholischer Jahrhunderte.) Also geh, du wundertätiger Magier, geh mit Gott.

Pico del Veleta: Die Berghütte – Niederungen der bewohnten Welt

Augenblicklich ist mir der Wirt zuwider, der mir als cholerischer Machtmensch erscheint, obwohl er nichts tun wird, was dieses vorschnelle Urteil untermauern könnte. Ich gehe die Schritte von der Tür zur Theke und verabscheue das verlorene, schmuddelige Innere der Gaststätte. Als ich ein Getränk bestelle, verabscheue ich bereits die Bedienung und bemitleide sie zugleich, sie, die bei schönstem Wetter hier im Dämmerlicht unter der Ägide des Wirtes ausharren muss und trotz ihres langen blondierten Haares, ihrer aufreizenden Brüste und der sehr passablen Figur keine Schönheit kennt, vielmehr einer armseligen, ausgenutzten Schlampe gleicht – das i-Tüpfelchen auf dieser Gaststätte.

Ich verabscheue die wenig sauberen Klos, die mich eigentlich erst in dieses Lokal geführt haben, ich verabscheue zurück im Gästeraum die überteuerten Preise auf den Tafeln, die Auswahl der Getränke und schließlich die Qualität des Essens und, weil ich schon dabei bin, verabscheue ich nach der Flucht in den Hof auch die spärlichen Gäste dort, die mir nichts vorzuweisen zu haben scheinen, Menschen frei von jeglicher Attraktivität, jeglicher nach außen strahlender Intelligenz oder Sympathie, und natürlich denke ich mir, ich hätte all das vom ersten Augenblick an wissen müssen, als ich von draußen, wo Sportwagen mit gelben Kennzeichen standen – Gibraltarer auf Spritztour durch Andalusien, verabscheuenswürdig sicherlich auch sie, die mit tiefergelegten Flitzern ins Hochgebirge fahren –, die Coca Cola-Sonnenschirme und die grünen Plastiktische und die billigen Stühle mit Werbung darauf im Hof gesehen hatte.

Ich sitze in einem dieser Stühle, den Kopf abgewandt, und starre erschöpft empor zum Gipfel, der wieder so fern erscheint, schaue auf ihn wie auf einen Gegner, dem man sich eine erste Runde geliefert hat, und wünsche mich zugleich wieder dort hinauf, hinweg von diesen Niederungen der bewohnten Welt.

Pico del Veleta: Der Berg – Marsch über Mondhänge

… und dann bleibt auch der Strauchbewuchs zurück, keine Spur von Iberiensteinböcken, kein Vogel, der auffliegt, nur ganz selten ein verirrtes Insekt, als hätte der Berg alles Organische von sich geworfen. Der Wind und der eigene Atem bilden das einzige Geräusch, und gedämpft der Schritt über das Geröll.

Was verbleibt, ist der Schiefer, düster und rostrot, einige Platten abwehrend gen Himmel aufgeschichtet, als wäre der Berg ein urzeitliches, stachelbewehrtes Tier, das sich gegen die Berührung des Firmaments wehrt.

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Es ist ein dunkles Gebirge, nicht so schwarz wie die Küste Fudschairas am Golf von Oman, aber dunkel. Und zugleich gleißt der Glimmerschiefer beim Blick gegen die Sonne unbarmherzig auf, die Route erweist sich als harter Kontrast aus Dunkeltönen und blendender Helligkeit: eine dieser unsagbar herrlichen, kargen Landschaften, in denen alles Kompromisshafte abfällt und der reine Mensch hervortritt.

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Die Luft wird dünner – zum ersten Mal im Leben über 3000 m –, das Reisegepäck auf dem Rücken ruft nach Torheit und jeder Schritt über den Frostschutt empor ist ein Kampf bis zur Belohnung: Gipfelekstase. Und plötzlich ist da wieder Leben. Wanderer und erschöpfte Radfahrer, denn irgendwo führt eine gesperrte Straße empor, die höchstgelegene Europas. Alle sind sie glücklich und unverstellt, verwandelt vom Aufstieg, und solange man sich hier oben befindet, ist man wieder Teil einer Menschengemeinschaft, bis man sich löst und die Mondhänge von Neuem betritt.

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Der Abstieg geschieht wie von selbst. Die Täler locken, die Augen werden wieder weich beim Blick hinab, denn unten warten die Wälder und die Straßen und das sanfte Schimmern ferner Ortschaften. Der Rückweg ein Flug zurück zur Erde.

P.S. Dieser Beitrag wandert im März 2014 in die Blogparade der Reisemeisterei zum Thema „Was macht glücklich auf Reisen“. Danke, Christina, für die schöne Zusammenschau!