Elegie

Am Montag könne ich sein Vorwort erwarten, bekräftigt der Professor am Telefon. Er macht seinen üblichen, tagespolitisch begründeten Witz über Stuttgart (manchmal muss auch sein Stadtstaat herhalten) und fällt dann in ein Klagelied der Verunsicherung. Er habe ja doch schon einiges gesehen, er habe den Kalten Krieg erlebt, aber eine solche bedrückende, verwirrende, zersetzende Zeit wie heute, das kenne er nicht.

„Es ist diffus. Alles ist diffus“, endet er und für einen Moment ist nur noch schweigende Schwermut in der Leitung zwischen uns. Aber nun, rafft sich der Professor auf, nun werde er sich auf eine Reise machen zu dem Schloss, auf dem Rilke seine „Duineser Elegien“ geschrieben habe. „Das ist doch ein kleiner Trost“, sagt er. „Und Sie, Sie bekommen mein Vorwort auf den Tisch, während Sie die Wahlergebnisse studieren.“

Draußen hängt Nebel.

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Liebe Leserin, lieber Leser! Sie sind, du bist wahlberechtigt in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt? Gehen Sie, gehe am Wochenende wählen! Mit aller Vernunft und Achtsamkeit, zu der wir fähig sind.

Der Geist im Welzheimer Wald

Schorndorf – Farbenspiele in der Daimlerstadt

Gottlieb Daimler ist hier geboren. Ich war zum ersten Mal in dieser Kleinstadt – das Ende einer S-Bahn-Linie östlich von Stuttgart –, als ich bei Nacht und Nebel der Einladung eines Studienfreundes gefolgt war, der in der örtlichen Buchhandlung seine Dissertation vorstellte. Er hatte über gesellschaftlichen Wandel in der alten Bundesrepublik im Spiegel von Pfarrberichten geforscht, und auch wenn er das als Historiker und vergleichender Religionswissenschaftler gewissermaßen aus einer Außenperspektive tat, fand der Pfarrerssohn mit seinem Thema hier doch ein Publikum: das protestantische Bildungsbürgertum der Stadt, das die Buchhandlung annehmbar füllte.

Als ich zum zweiten Mal in den Ort komme, ist vieles ganz anders – und doch manches ähnlich. Es ist Altweibersommer, die Sonne strahlt über der Stadt. Dem Bahnhof gegenüber steht ein braunes Triumphgebäude aus aufeinandergeschichteten Würfeln – der Neue Postturm, einige Stockwerke suchen offenbar noch Mieter –, so etwas wie der Versuch einer architektonisch kompromisslosen Moderne in der schwäbischen Provinz. Gegen die Altstadt, die sich sofort anschließt, vermag der Turm nicht mehr als einen Akzent zu setzen. Es ist Samstag und der Kopfsteinpflasterplatz zwischen schmuckvollem Fachwerkprunk beherbergt einen regen Wochenmarkt. Er ist überraschend groß, überraschend lebendig, ein schöner, vielseitiger Wochenmarkt, der kaum Wünsche offen lässt. (Bis auf den natürlich, dass er ein protestantischer Markt ist: Man kommt zum Einkaufen auf den Markt und damit genug. Der Wochenmarkt als Manifestation des unmittelbaren Lebensgenusses, auf dem man an kleinen Ständen den herrlichsten Kaffee bekommt und frischgepresste Säfte, im Stehen ein köstliches kleines Frühstück genießt oder auch zwei, Freunde und Bekannte grüßt und neckt, überhaupt zusammenkommt, um zu sehen und gesehen zu werden, wo ein fast italienischer Charme in deutsche Innenstädte geholt wird, diese wunderbaren Wochenmärkte kenne ich nur aus katholisch geprägten Städten.)

Immerhin sind die Schorndorfer genussfreudig genug, um rund um den Wochenmarkt die fest etablierten Cafés zu füllen. Es ist ein Bild der Fülle, der Ordnung, einer kleinstädtischen Sauberkeit und Lebensbejahung, ein Wohlstand aus frischem Gemüse und historischer Tradition. Schwarzgrün wäre das politische Äquivalent zu diesem Bild, denke ich mir. Die Realität ist noch weit ernüchternder. Gleich in einer hochfrequentierten Seitenstraße steht der Infostand einer Partei. Es ist die AfD, vertreten durch gleich vier oder fünf Parteigängern.

(Um mich nicht etwaigen Vorwürfen der Schorndorfer auszusetzen, eine Ergänzung aus Wikipedia: Der amtierende Bürgermeister von Schorndorf ist von der SPD, bei den letzten Kommunalwahlen stand die FDP deutlich vor den Grünen auf Platz 3. Was die Landtagswahl in zwei Wochen bringen wird?)

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Ross vor dem Kirschenwasenhof. Dort stehen dann ganz andere Fahrzeuge – ein Porsche sogar mit vertrauensvoll offen stehender Fahrertür.

Schamgrenze am Ebnisee

Auf einem Parkplatz inmitten bewaldeter Hügel üben sich Motorräder in Rudelbildung. Biker halten gern hier am Kiosk der Familie Wörner. Die Currywurst gibt es wahlweise scharf und süßsauer. (Oder war es doch nur rot-weiß? Ich erinnere mich nicht mehr.) ‚Reisedevotionalien‘ ergänzen das Sortiment: Postkarten aus dem Welzheimer Wald, Krimskrams zum römischen Limes, der sich hier durch die Wälder zieht, Karten der Freizeitregion. Nördlich davon liegt der Ebnisee mit seinen braunen, ganz undurchsichtigen Wassern. Er war im 18. Jahrhundert künstlich angelegt worden als Flößergewässer. Von hier wurde das geschlagene Holz über Wieslauf, Rems und Neckar in die Residenzstädte Stuttgart und Ludwigsburg gebracht. Heute dient der Ebnisee als Herzstück eines Naherholungsgebiets für Städter aus Schorndorf, Backnang und Winnenden, aus Stuttgart und Esslingen. Ein kleines Hotel am Ufer bietet Übernachtungen an, ein Tret- und Ruderbootverleih schließt sich an. Angler warten geduldig am Ufer, ein paar Boote sind auf dem Wasser. Schwimmer sehe ich keine an diesem 12. September, nur ein paar Enten.

Vom See bin ich enttäuscht. Er ist mir gar zu sehr erschlossen und so sehr Augenweide nicht. Aber es ist gewiss nicht fair, diesen kleinen See am Rande der Region Stuttgart mit den Voralpengewässern zu vergleichen. Ins Wasser zieht es mich trotzdem; doch ich traue mich nicht. Merkwürdig, was hält mich davon ab? Es ist, muss ich mir eingestehen, eine Scham. Ich scheue zurück, als einziger ins Wasser zu steigen, damit unweigerlich Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Es ist, genau bedacht, sehr lächerlich. Würden mir die Blicke von einem halben oder ganzen Dutzend Menschen weh tun? Gewiss nicht. Werden sie lachen, weil ich statt einer Badehose halt eine Sportfunktionsunterhose anhabe? Nein, das werden sie nicht einmal erkennen! Erwartet mich soziale Ächtung, weil ich mich zurück aus dem Wasser nur mit einem Schal anstelle eines Handtuchs abtrocknen werde? Niemanden juckt’s. Es ist eine ganz irrationale Scham.

Jetzt kann ich natürlich nicht mehr zurück, schließlich geht es nicht darum, mich in einer Fußgängerzone lauthals zum Affen zu machen. Alles, was ich zu tun habe, ist meinen Rucksack auf der untersten Treppenstufe abzustellen, meine Kleidung darüberzulegen und in die braune Brühe zu steigen. Es ist frisch, aber nicht furchtbar kalt. Ein paar Leute wenden den Kopf, mustern mich, wie ich zu der Plattform in der Mitte des Sees schwimme. Ihre Blicke schmerzen nicht. Mit dem Gefühl eines kleinen Triumphes steige ich einige Minuten später wieder auf mein Rad.

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Ein Kiosk am Ebnisee wird bis heute von römischen Legionären bewacht.

Alternativwelten im Schwäbisch-Fränkischen Wald

Es geht hinab, lang hinab, weit hinab, an tief geschnittenen Tobeln vorbei, ich staune, wie lange es hinabgeht, und lasse, den Körper ungeschützt, das Rad doch nicht frei laufen auf diesen Schotterwegen. Wild ist der Wald und dann öffnet sich plötzlich eine Landstraße unter einer alten Eisenbahnbrücke, eine Bushaltestelle verkündet die Verbindung in die Zivilisation, moderne Gebäude sprenkeln ein Tal, die Tafel eines Cafés, Kinderlachen auf Spielplätzen, ein „Erfahrungsfeld der Sinne“ hinter den Bäumen, Bodenwellen und Ampeln auf dem asphaltierten Zubringer.

Ich durchquere das Grundstück der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in der Laufenmühle. Hier finden rund 85 Menschen mit geistiger Behinderung einen Lebens- und Arbeitsplatz. Betrieben wird die soziale Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage und die an das Café angeschlossene Kaffeerösterei el molinillo beliefert sogar die Kantine der Weleda AG in Schwäbisch Gmünd am südöstlichen Rand des Schwäbisch-Fränkischen Waldes.

In Stuttgart kann man leicht übersehen, dass die Stadt eines der Hauptzentren der Anthroposophie ist. Hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald tritt die von Rudolf Steiner gegründete Weltanschauung überraschend deutlich entgegen. Die ganze Höhe hier zwischen Rems und Murr zeigt immer wieder eine anthroposophische Prägung, von Weleda im Süden bis zur Villa Frank – im Besitz der Christengemeinde und in unmittelbarer Nachbarschaft eines anthroposophisch ausgerichteten Seniorenheims – in Murrhardt im Norden, dazwischen die Laufenmühle oder das idealistische Klein-ORPLID e.V., einer „Lebensgemeinschaft der Generationen und Menschen mit besonderen Schicksalen“. Und wer weiß, vielleicht zeugt der Schlag der Holzskulpturen in Waldenweiler ebenso von einer anthroposophischen Ausbildung wie die auffallende, in Stein gemeißelte Schrift am Biotop Bühlhau.

Aber nein, die Stele ist vom Bürgermeister von Althütte gestiftet. Der wird ja wohl nicht auch noch Anthroposoph sein.

Der Schweigsame

Seine beiden Brüder arbeiten im Ausland. Er pendelt sechs Tage die Woche über die vom steten Infarkt bedrohten Straßen in die Hauptstadt oder vielleicht hat er dort auch ein Zimmer, das weiß ich nicht mehr. Er ist Elektroingenieur, arbeitet mit Systemen aus Deutschland, aus Frankreich. Im Ausland war er noch nie, außer in der Türkei auf einer Geschäftsreise. Sein Jahresurlaub beträgt 15 Tage, in diesem noch jungen Jahr hofft er, seinen Bruder in Deutschland besuchen zu können. Im Sommer ist er an den freien Tagen im elterlichen Haus in den Bergen. Alle gehen im Sommer, wann immer es möglich ist, in die Berge, zurück zu ihren Wurzeln, dorthin, wo sie einst herkamen und noch immer Grund und Boden besitzen und Olivenhaine verpachten und ihr eigenes Öl produzieren.

Dort geht er auch auf die Jagd. Die Jagd auf Vögel hat Tradition im Libanon; stapft man über Felsen zu den Katakomben aus antiker Zeit, stoßen die Stiefel gegen leere Patronenhülsen. Die Zahl der Zugvögel nimmt stark ab. Er zeigt mir Fotos von Kühlerhauben voller erlegter Vogeltiere. Manche kennen keine Grenze, sagt er. Manche jagen unfair, erklärt er. Die Jagd ist seine Leidenschaft, vielleicht seine einzige. (Wochenends dann Parties: harmlose Geselligkeit, ein Tisch voller Vorspeisen, Musik, Wodka. Er ist maronitischer Christ.) Hobbies kennen viele nicht in den arabischen Ländern, unseren Zwang zur unentwegten individuellen Perfektionierung noch weniger. Es ist eine Wir-Gesellschaft, keine Ich-Gesellschaft wie die unsrige. Wer jung ist, lernt oder eher noch: lernt und arbeitet. Später schuftet er, wenn er das Glück hat, eine feste Arbeit zu haben, und in der restlichen Zeit sitzt man mit der Familie zusammen (Zigarette, Essen, Kaffee, und immer noch mehr Essen und dazwischen Blicke auf den Fernseher, der immer läuft), und wenn man das nicht tut, dann hängt man mit Freunden ab.

Er ist schweigsam. Er raucht, wie viele, vielleicht raucht er sogar noch mehr, vielleicht fällt es auch nur auf, weil er sich wenig an den Gesprächen, am Schwatzen beteiligt. Manchmal steht er auf und geht unruhig ein paar Schritte hin und her, bleibt – die Jacke übergezogen – im Raum stehen, zündet sich dann eine neue Zigarette an. Er ist schweigsam und manchmal wenig greifbar, aber unfreundlich ist er nicht. Voller Loyalität holt er, als sein Bruder keine Zeit hat, den Gast ab, führt ihn aus in ein Café, bezahlt (selbstverständlich) die Getränke. Raucht, schweigt bis zu meiner nächsten Frage. Und dann, unerwartet, ein Ausbruch trockenen Humors.

Das Sitzen ist nicht sein Ding, das stundenlange Sitzen bei seiner Arbeit ist ihm zuwider. Trotzdem hat er sich mit mir an dem Tisch eines Cafés niedergelassen. Wir können auch ein bisschen herumlaufen, schlage ich ihm vor. Wohin denn?, gibt er bitter zurück. Es gibt hier nichts. Er hat recht. Es gibt hier nichts. Das ist das, was mich vielleicht am unmittelbarsten abstößt im Nahen Osten: die Reizlosigkeit des äußeren Raums – die Kargheit der Landschaft, die nichts von der Würde einer fernen Sandwüste – diesem törichten Klischee der arabischen Welt – hat; die Rohheit vieler Bauten, die keineswegs nur durch Armut oder gar Schlendrian bedingt ist, sondern einer inneren Logik gehorcht, Ausdruck einer immanenten dauerhaften Unfertigkeit ist, wenn etwa Generationen ein Haus aufstocken – auf das Betonflachdach mit seinem rostigen Gestänge eine weitere Mauer hochziehen; der Müll und der Staub und die Abgase und ein Verkehr, der so anders funktioniert und mir bei meiner ersten Begegnung erschien, als wäre ich in einen mörderischen Dschungel ausgesetzt …

Noch schlimmer ist in Ländern wie Syrien oder dem Libanon das Fehlen von Ruhepunkten im öffentlichen Raum, vielleicht überhaupt von öffentlichem Raum an sich. Die wenigen Parks – vertrocknet und oft vermüllt; die Cafés – im Winter zu kalt und oft genug sowieso ganz und gar nicht zu vergleichen mit einem Café aus der romanischen Welt (diesen wunderbaren Häfen) oder aber wie hier im Libanon Filialen einer westlichen Kette. Wie oft habe ich mir einen einladenden Platz gewünscht, eine Bank neben der Kirche oder der Moschee, unter einem Baum, vor dem Dorfbrunnen. Überhaupt eine Bank. Alles scheint hier nach innen gerichtet, ins Häusliche, in den Schutz der eigenen vier Wände. (Und dann diese Momente, wenn man durch all das hindurch eine ganz neue Gelassenheit findet und so viel abfällt von unserem westlichen Ballast und man einfach nur ist, dann verfällt man der Liebe zum ‚Orient‘.)

Wohin also gehen? Nirgendwohin. Später reden wir über die Angriffe des IS aus dem Nachbarland Syrien, über die Bedrohung durch den militanten sunnitischen Fundamentalismus, über die ungewisse Zukunft des Landes, die so vielen, mit denen ich gesprochen habe, Sorgen macht. Die libanesischen Christen (sie machen etwa 40 % der Bevölkerung aus) werden früher oder später das Land aufgeben und verlassen, sagt mir ein junger Arzt, sagt mir ein ehemaliger Botschafter. Der Libanon hat eine dreitausendjährige Geschichte als Fernhändler, immer schon sind seine Bewohner in andere Länder und Kontinente aufgebrochen, als Kaufleute, als Auswanderer.

Er aber, widerspricht der Elektroingenieur, er werde nicht gehen. Er werde seinen Boden mit der Waffe verteidigen. Und er fällt in sein Schweigen zurück, in diese angespannte Stille einer eingekerkerten Kreatur.

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Potpourri der Wahrscheinlichkeiten

„Erinnern Sie sich an Ihre erste TV-Liebe?“, steht auf der Titelseite der Tageszeitung ganz rechts oben. Illustriert wird die Frage von der ‚roten‘ Joan Randall aus der Serie „Captain Future“. Es ist ganz klar, das muss jemand aus meiner Jahrgangsgruppe gewesen sein.

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Erschreckend, wie stark rechtspopulistische Parteien in Europa sind. Interessant (oder eigentlich gerade nicht) die Namen. „Morgenröte/Morgendämmerung“ taucht mehrmals auf, ganz reduziert ist der „Angriff“ (Bulgarien) und besonders traurig ein Etikett wie „Wahre Finnen“.

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„Letzte Woche waren wir bei einer ganz schrecklichen Veranstaltung. Es war aber gleichzeitig lustig, denn es gab Bier[e] und hat schon Spaß gemacht, der Peinlichkeit beizuwohnen. Danach sind wir ins Ministerium zurückgegangen mit einer Pulle Wein und haben bis tief in die Nacht geraucht, getrunken und Musik gehört. Zufällig gab es im 9ten Stock noch eine Veranstaltung, da haben wir uns mit Sekt versorgt, als unser Wein alle war.“

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Wie man 20 Jahre lang Punkrocker sein kann, verstehe ich nicht. Aber ich muss nicht alles verstehen. Der Kaffee schmeckt in dem kleinen Plattenladen noch besser als in den beiden Cafés gleich ums Eck. „Den Tod der Platte erlebe ich nemme“, erklärt der Besitzer einem Kunden zuversichtlich. Mein Terminkalender reicht selten mehr als ein paar Monate in die Zukunft. Einen Termin einzutragen, der ein Jahr im Voraus liegt, erscheint mir auch heute noch bizarr. Mein Gott, weiß ich denn, ob ich da noch lebe? Wie die Welt aussehen wird? Im September 2016 werden King Crimson in Stuttgart spielen. Ich habe sie nie live gesehen (dass sie ihre Glanzzeit hatten zu einer Zeit, in der ich noch nicht lebte, sei außen vor gelassen). Voller Begeisterung schlage ich meinen Kalender auf – und traue meinen Augen nicht, an just diesem Tag einen einsamen Termin stehen zu sehen. Gebucht für eine Buchpräsentation auf einer Tagung in einer anderen Landeshauptstadt. Für einen Augenblick erscheint mir die Welt unwahrscheinlich.

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Die wenigen Gäste, die – weil von außerhalb – mit dem Auto gekommen sind, suchen 20 oder 30 Minuten lang nach einem Parkplatz. Kraftfahrzeuge geben in der Automobilstadt Stuttgart immer ein Thema her. Als die Runde zusammengeschmolzen ist, werden die jüngsten politischen Ankündigungen zur Reduzierung der rekordverdächtigen Feinstaubwerte aufgetischt. Sogar ein Fahrverbot wird ins Spiel gebracht, sollten andere Maßnahmen nicht greifen. Was in den 70er-Jahren aus anderen Gründen noch funktioniert hat, kann sich in Stuttgart keiner am Tisch vorstellen. Dafür hat das Auto hier einen viel zu hohen Stellenwert. Nur das Wetter bietet eine noch allgemeinere Arena. Es werde ja immer trockener, meint jemand. „Kürzlich an einem Freitag hat es sich doch ausnahmsweise mal eingeregnet. Als ich dann mit dem Rad von der Arbeit nach Hause bin, dachte ich mir: Mensch, so ein Wetter war in meiner Kindheit doch ganz normal.“

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Mein smartes Phone ist einmal zu oft auf den Kopf gefallen und nun liegt es im Wachkoma. Meine Reaktion zeigt mir, wie sehr ich Sklave des Geräts war: halb Erleichterung, halb kalter Entzug. Das Merkwürdigste sind die Ängste, die wir verinnerlicht haben. Wenn ich allein auf eine Tageswanderung gehe, wie mache ich denn das ohne Handy – falls was passiert? Diesen Gedanken hätte ich vor 20 Jahren nicht begriffen.

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Die Grundlage für ein äthiopisches Gericht. Da ist dann gar nicht mehr so wichtig, was sonst noch hineinkommt.

Hirsch röhrt, Strauß stirbt

Die Hänge gleichen einer Wüste. Was einst Wälder waren, ähnelt einem Schlachtfeld aus geknickten, zersplitterten, zerstreuten Stämmen. Erst hatte der saure Regen Vorarbeit geleistet, dann kamen zwei Orkane mit vernichtender Wucht, was danach noch stand, hatte der Borkenkäfer zerstört. Heute noch stehen und liegen kahle, entrindete Bäume am Berg, von der Sonne gebleicht wie die Knochen einer zugrunde gegangenen Karawane.

Als der Wecker klingelt, steht der Vollmond noch am Himmel. Ich sehe ihn direkt von meinem Bett aus durch das Fenster des Baumhauses. Der runde Mond färbt, da die Sonne noch nicht aufgegangen ist, die Welt in einen fahlen gelblichen Ton. Es ist eine unwirkliche Farbe, wie sie nur in Zwischenzeiten möglich ist. Später, als ich von der Schnellstraße nach Osten abbiege, fahre ich geradewegs ins Morgenlicht. Die tiefstehende Sonne erreicht dank der Schutzblende nicht direkt meine Augen, trotzdem lässt mich diese Flut an Licht fast erblinden, kaum erkenne ich die Straße vor mir. Und dann ist schlagartig alles anders. Im Lichtschatten des Berges vor mir wandelt sich das Tal übergangslos zu einem kühlen, dämmerigen Landstrich, einem Reich Saurons. Nein, in solchen Schatten wollte ich nicht leben. Als ich am Parkplatz aussteige, friere ich, an einem Sonntagmorgen Ende August.

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Wege

Beim Aufstieg wundere ich mich über den jungen Wald, den zahlreichen Ahorn, auf dem Rückweg dann erfahre ich den Grund. Eine Schautafel zeigt in drei Bildern die Veränderungen der Forstlandschaft. Bis 1990 war auch an diesen Hängen wie vielerorts im Allgäu (eine seiner reizloseren Seiten) Fichten-Monokultur vorherrschend: schnell wachsende Flachwurzler. Das zweite Foto zeigt die verheerenden Zerstörungen durch Orkane im Jahr 1990, bei dem ganze Hänge leergefegt wurden. Das dritte ist ein rechteckiger Ausschnitt in der Tafel: Es öffnet den Blick auf den echten Wald dahinter. Einen Mischwald, der in vieler Hinsicht eine Bereicherung und Gesundung darstellt, zugleich sicher weniger Rendite abwirft (das steht nicht auf der Tafel) und nicht zuletzt auch stärker bejagt werden muss (was sehr wohl erläutert wird). Erst Schaden macht klug. Und ich denke zurück an jenes Jahrzehnt, als das Schreckgespenst des sauren Regens in der Bundesrepublik umherging, das Waldsterben die Westdeutschen um ihren Schlaf brachte und wir Kinder Karl dem Käfer für die Hitparade die Daumen drückten …

Interessant wird der Aufstieg erst im Häbelesgund. Hier öffnet sich ein Kessel, der Wald weicht Latschenkiefernbewuchs, mächtig erhebt sich die Rückwand in die Höhe. Unterhalb des schräg geschichteten Gesteins ziehen sich erstarrte Ströme aus Geröll herab auf den Kesselboden, sie verbreitern sich zum Grunde hin, und dort wo sie sich treffen, bilden dicke Felsbrocken die Speerspitze. Der Weg weicht dieser drohenden Klinge aus, er gabelt sich. Links windet er sich auf den bewachsenen Breitenberg, rechts ziehen sich Serpentinen über steile Schotterflächen auf die Rotspitze. Dort steige ich hinauf, während sich die Sonne über die rückseitige Kesselwand erhebt und den Weg erstrahlen lässt. Mit jeder Wende komme ich dem ergrauten, aber bergerprobten Paar über mir näher, und kaum könnte ich zum Überholen ansetzen, verliert sich der Weg auf einer kiefernüberwucherten Kante. Stoisch und ohne Tempowechsel setzt der Graubart vor mir einen Stock vor den anderen, ich hingegen gerate fast auf alle Viere, wie ich mich an Wurzeln und Gestein klammere, den Abgrund zur Rechten spüre und doch nicht sehen will. Als ich den Grat hinter mir lasse und der Weg sich wieder zurückwindet, ist das Paar davongezogen. Schattseitig geht es weiter, der Fels ist hier noch kalt, wie meine Hände staunend ertasten, der nackte Ellbogen streift das Gestein. Das Paar hole ich wieder ein, aber ich überhole es bis zum Gipfel nicht, denn immer wieder falle ich dort zurück, wo ich zögerlicher werde, denn die beiden vor mir kennen den Sog der Tiefe nicht. Endlich auf dem Gipfel wundere ich mich über Wanderer, die sich die Mühe machen, eine Bierflasche mit in die Höhe zu tragen, ich stütze die Arme auf den Beinen auf, während ich den Rundumblick in meinem Notizbuch festhalte, und als ich die Ellbogen wieder löse, sehe ich Bluttupfer auf der Hose. Nicht stark war der Schlag gegen den Felsen, aber Stein ist eben härter als Fleisch.

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Ausgebleicht

An einem herrlichen Herbsttag Ende der 80er-Jahre waren zwei Familien – vier Erwachsene, fünf Kinder und alle auf irgendeine Weise im BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland) aktiv – auf einer Wanderung irgendwo in den Tannheimer Bergen. Es war ein perfekter Tag für eine Bergwanderung, ein goldener Herbsttag: golden das schwere Licht, golden das Gras, das Laub der Wälder, der Ruf der Hirsche. Als wir am Parkplatz zurück waren, hörten wir im Radio, dass Franz Josef Strauß, bayerischer Ministerpräsident und Übervater der CSU, gestorben war. Betroffenheit war, um ehrlich zu sein, nicht die vorrangige Reaktion in unserem Kreis. Auch die beiden Familienväter, sensible Männer mit den für die 80er-Jahre typischen Schnurrbärten und gelegentlicher Schwermut in den sanften Augen, Polizist der eine, Lehrer der andere, waren vom Hinscheiden ihres Landes- und obersten Dienstherrn nicht erschüttert. Es war vielmehr, als wäre eine Last von uns abgefallen. Ich will das hier nicht beurteilen, aber ich meine, es sagt etwas aus über das Lebensgefühl im Bayern der 1980er Jahre.

„Es gibt zwei markante Stellen“, beschreibt mir der Mann in seinem charakteristisch schwerfälligen Dialekt die Hohen Gänge. Ich höre auf seinen Rat und steige lieber über die Südseite ab. An der Weggabelung fühle ich mich bestätigt. „Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und absolute Schwindelfreiheit erforderlich“, warnt ein Schild vor dem Weg nach Osten. Durch die ersten beiden hätte ich mich noch durchgemogelt, das dritte ist mir ernste Mahnung. Über Grashänge steige ich also ab, suche über vereinzelte felsige Platten meinen Weg, ausgespülte Rinnen zwingen zu tiefen Schritten und lenken die Aufmerksamkeit dorthin, wohin man den Fuß setzt. Das Tier sehe ich erst, als ich zwei Schritte von ihm entfernt bin. Ein Schlangenkopf zuckt empor. Es ist die erste Kreuzotter, der ich in meinem Leben begegne, braun mit dem dunklen Rückenmuster und nicht sehr lang, vielleicht 30 cm nur, aber ganz eindeutig Viper und nicht Natter. Der gedrungene Leib, der charakteristische Kopf mit dem deutlichen Halseinschnitt, das Verhalten des Tieres bezeugen es. Denn nach dem ersten Schreck verharrt es aufmerksam an Ort und Stelle, wartet, ob mich ihr Ruf als giftiges Getier zum Rückzug bewegt. Erst als es merkt, dass ich nicht das Weite suche (sondern nach der Kamera in der Tasche taste), setzt sich die Schlange in Bewegung und kriecht unter ein Grasbüschel, auch dabei nicht gar zu eilig verglichen mit einer hurtigen Ringelnatter (wenn auch immer noch zu schnell für meine Kamera, leider). Die Schlange zischt auf ihrer Flucht. Ist die Schlange so klein, für einen Erwachsenen nicht tödlich giftig und vor allem auf der Flucht vor einem selbst, ist solch ein erstmals vernommenes, drohendes Zischen eine reizende Erfahrung.

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Durst

Am 7. Oktober 1988 geleitete ein Trauerzug Strauß‘ Leichnam durch die bayerische Hauptstadt. Über 100 000 Menschen verfolgten das Ereignis vor Ort – es war der größte Trauermarsch in der Geschichte Münchens. Und zugleich empfand ein Teil der Bevölkerung eine neue Freiheit. Luft zum Atmen.

Kurz vor dem Talausgang komme ich am Café Horn vorbei, von dem mir W. vorgeschwärmt hat, weil der Ort das verklärte Ausflugsziel seiner Kindheit war, dort, wo Kuchen und Torten ausgebreitet waren, um bestaunt zu werden und um aus ihnen auszuwählen. Das war etwas Außerordentliches für W., denn er ist in einer Bäckersfamilie aufgewachsen, da ging man nicht einfach Kuchen anderer Leute kaufen. Volksmusik aus der Dose dringt mir entgegen, ich mache an der Schwelle kehrt und verzichte gerne auf meinen Kuchen. Unten an der Ostrach, fast schon am Ziel, mache ich dann doch noch Halt und setze mich auf die Terrasse eines kleinen Landgasthofes. Die Bedienung ist eng in ein Dirndl geschnürt, aber das ist nur Kulisse, Staffage. Die osteuropäischen Augen verraten die junge Frau noch vor ihrem Akzent. Ihre zur Schau gestellte Langeweile und die Tatsache, dass sie mich mehrmals ostentativ übersieht, ärgert mich, aber zugleich meine ich sie zu verstehen. Da zwängt sie sich für einen saisonalen Job in die Tracht einer Regionalkultur eines anderen Landes und bedient in einem Gasthaus irgendwo zwischen zwei Bergen, wo sie die Hälfte der Besucher ihres Dialekts wegen vermutlich nicht versteht. Das alkoholfreie Weizen bringt mir ihr Kollege an den Tisch. Binnen Sekunden ist das Glas geleert und sofort glänzen meine Unterarme feucht. Der Kellner schaut verdutzt. „Soll ich Ihnen nochmals die Luft aus dem Glas lassen?“ Danke, nein. Frisch getankt geht es nach Hause.

Die CSU regiert noch immer.

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Ein Blick zurück

Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“

„Sie fragte mich, wie es dort war, und ich, der aus der Ferne kam, erzählte es ihr, die nie dort war, in Dschenin, auf der anderen Seite, ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.“

Schäuble_978-3-446-24142-8Die Grenzen auf seiner Reise sind nahezu allgegenwärtig. Zu Fuß und vor allem per Anhalter reist der Journalist, Autor und Politikwissenschaftler Martin Schäuble durch Israel und Palästina. (Der Untertitel ist ein mauer Werbetrick der Marketingabteilung – auch der bekannte Fußgänger Wolfgang Büscher ist natürlich nicht nur „Zu Fuß durch Amerika“, wie der Untertitel seines Berichts „Hartland“ behauptet.) Vom Roten Meer und seinem „israelischen Festland-Mallorca“ Eilat bis zum schneebedeckten Gipfel des Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze, von den altbiblischen Mauern Jerichos bis zu den Schmugglertunnels des Gazastreifens erkundet Schäuble eine Region voller (geographischer und verinnerlichter) Mauern und Grenzen. Und immer wieder sucht er das Gespräch mit den Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Schichtzugehörigkeit, ihrer religiösen oder politischen Identität.

Manche Reisen beginnen holprig. „Zwischen den Grenzen“ ist solch ein Fall. Schäuble braucht sehr, sehr lange, um in seine eigene Reise zu finden. Viele Situationen lang scheint er nur ein Getriebener zu sein, er wirkt nicht wirklich ‚da‘. Belanglos und banal wirken seine Beobachtungen, literarisch rettet sich Schäuble in hohle Gesten, aufgesetzte Pointen, künstliche Überdeutung. Die ersten Kapitel sind eine Enttäuschung. Man könnte ihn schütteln, den Autor.

Doch wie ein Zug, der erst zögernd, mit ungelenken Rucken und Wiederinnehalten, irgendwann in Fahrt kommt und schließlich eine ungeheure Schubkraft entwickelt, so findet auch Schäuble im Laufe des Buches seine literarische Form. Vor allem in der zweiten Hälfte weiß er so bestechend zu schreiben, dass viele Begegnungen unter die Haut gehen: das Kreuzverhör durch Nachkommen von Holocaustüberlebenden über die Sitzlehne eines fahrenden Autos hinweg; wenn in Gesprächen mit Israelis oder Palästinensern über die jeweils andere Seite plötzlich etwas aufbricht und eine nachdenkliche Frage kommt wie „Wollen sie Frieden mit uns?“; das Geburtstagsessen beim Geheimdienst der Fatah; die israelischen Kiffer, die ihr Haschisch von der Hisbollah, dem Erzfeind Israels, aus dem Libanon beziehen, um nur ein paar Beispiele zu geben. Schäuble gelingen immer wieder Begegnungen, die uns die Frage vor Augen führen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein und über die Gabe zu verfügen, miteinander kommunizieren zu können. Auch und gerade in einer Region, die wie kaum eine zweite als eine ununterbrochene Kette von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt wahrgenommen wird.

„Zwischen den Grenzen“ ein runder Wurf, ein Meisterwerk? Nein. Aber wer nicht frühzeitig das Handtuch wirft, wird mit kostbaren Einblicken und mit Gänsehaut belohnt. Und das macht, aller Kritik zum Trotz, das Buch ohne jede Frage lesenswert.

Martin Schäuble, Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser Verlag 2013. Pappband mit Schutzumschlag oder als E-Book, 224 Seiten.

Eine Kunstvermeidung

„Hab mir den einen Tag eingebildet, täte verrückt werden“
(Oskar Schlemmer)

Mal ehrlich, diese Ballettfiguren von Oskar Schlemmer waren mir noch nie geheuer. „Gleich kommt das Beste!“, rief die Einstige, als wir uns in der Staatsgalerie den Kostümen des Triadischen Balletts näherten, und ich dachte mir nur: „Gruselig.“ Und: „Als wir mit der Schule hier waren, war‘s schon langweilig, aber die Figuren vom Schlemmer waren toll, die waren halt auch was für Kinder“, weiß ich von mehreren Eingeborenen. „Aber doch gerade die nicht!“, will ich entgegnen. Ich weiß nicht, was mich da traumatisiert hat.

Heute Abend begegnete Oskar Schlemmer in der Staatsgalerie Stuttgart auf eine ganz neue Weise. Denn zum ersten Mal wurde der Große Staatspreis für Bildende Kunst des Landes Baden-Württemberg als Oskar-Schlemmer-Preis vergeben. Er versteht sich als wichtiger Baustein der Kunstförderung durch die grün-rote Landesregierung und ist zugleich Zäsur. Der bisherige Hans-Thoma-Preis – Staatspreis des Landes Baden-Württemberg –, hat es nämlich einfach nicht mehr gebracht. Zu betulich und altbacken wirken die Landschaftsmalereien des Schwarzwälder Künstlers inzwischen. Dass zudem die Nazis die Werke des 1924 verstorbenen Malers schätzten, wäre als Totschlagargument vielleicht ein wenig zu schlicht gestrickt (das räumte Staatssekretär Jürgen Walter auf seine Begründung hin selbst gleich ein). Zukunftsweisend jedenfalls gilt das Werk Thomas heute nicht.

Die Programmhefte dienten an diesem (fast) ersten sommerlichen, jedenfalls bisher heißesten Tag des Jahres eher zum Fächeln als zur Lektüre. Es folgten die üblichen Etappen einer Preisverleihung. Dank an die Honoratioren. Abgelesene Reden. Eine kulturpolitische Rahmenabsteckung.

Kurze lokale Irritation: Eine Frau hat eifrig mitgeschrieben, dann schiebt sie ihr Notizbuch über zwei leere Sitze ihrer Nachbarin hinüber. Diese betrachtet die Seite, liest wohl die Sätze und gibt das Buch regungslos zurück. Was war denn das?

Suggestive Politik auf der Bühne: ein Akt, den ein Außenstehender (ich) wohl als plumpe Nötigung verstehen muss, dessen Resultat dann aber das Publikum zu lautem Applaus veranlasste, schließlich erhielt die Stuttgarter Staatsgalerie die Zusicherung, zwei Kunstwerke der Preisträgerin finanziert zu bekommen.

Die mitschreibende Frau wird wieder aktiv, dieses Mal reicht sie ihr Handy einem Mann in der Reihe hinter ihr. Er liest die Worte auf dem Display, reicht das Telefon zurück, die Frau lächelt, der Mann sagt, zeigt, deutet nicht viel. Rätselhaft.

Anstelle eines musikalischen Rahmenprogramms wurde aus Tagebüchern und Briefen Oskar Schlemmers gelesen, eine bunt gefächerte, hübsch zusammengestellte Auswahl – leider mit den diversen Redebeiträgen zusammen zu viel Text.

Die Frau verlässt ihren Platz, kommt nach einer Vietelstunde mit ihrer Tochter zurück, setzt sich an einen anderen Platz, schreibt wieder emsig mit, zu Sätzen der Rede, die mir wenig substantiell erscheinen.

Dann die Würdigung von Katharina der Großen: der Preisträgerin Katharina Grosse, 1961 in Freiburg geboren, Berlin, Düsseldorf, und ihrer Technik: der Eroberung des dreidimensionalen Raums mit der Spritzpistole.

Ich beobachte die Schreiberin und bin hin und hergerissen zwischen präventiver Abwehr und der stillen Hoffnung, ich möge der nächste sein, dem sie etwas zuschiebt.

Dann wird endlich der Preis übergeben, die Künstlerin steht mit verschränkten Armen auf der Bühne, Direktorin Lange der Staatsgalerie schiebt sie nach vorne, Blumen, Händeschütteln des Staatssekretärs, Wangenküsschen des Kurators Kittelmann, ein Plädoyer der Preisträgerin, Dank an die Öffentlichkeit, ans Publikum, denn kein Werk ohne Betrachter – und kein Betrachter ohne Werk?

Und dann ist es vorbei. Die schreibende Frau ist vergessen, die Menge strömt hinüber in den Nachbartrakt, wo ein Kunstwerk von Katharina Grosse zu sehen ist, wir hingegen bleiben irgendwo hängen, dann das rettende Glas Wasser und feine Häppchen auf Zahnstochern, von denen man sich nur zwei zu nehmen traut, obwohl es mindestens fünf verschiedene Varianten gibt, schließlich eine Erklärung, warum ich über die Preisverleihung keinen Blogartikel schreiben werde, und dann …

„Wie, wollen wir uns nicht verabschieden?“, stutze ich, als wir uns heimlich aus dem Gespräch schleichen. „Nein, nein, nicht nötig. Ich sehe das als Zeichen der Bescheidenheit, es nicht zu tun.“

Und so lassen wir den guten Geist Oskar Schlemmers zurück. Der Staatssekretär war da schon längst gegangen.