Ein lettisches Käsebrötchen fährt durch die Nacht

Mit weichem Ghee eingerieben und mit Kreuzkümmel, Kardamom und Kurkuma bestreut, wäre durchaus eine erotische Alternative zu irgendwelchen Schokoladenspielchen.

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Ein lettisches Käsebrötchen fährt dreimal durch die Nacht. So unterschiedlich können Übersetzungen sein, erklärt das Radio. Habe ich wirklich einen Unterschied zwischen erster und dritter Übertragung gehört? Auf dem Papier ein Knall, die Peitsche des Puppenspielers ein schwarzer Blitz. Und der Wagen, el carro del titiritero, rumpelt durch den Regen. Meine Reise heute: nur noch Träume. Woanders Trauer um Hund, Katze, Kindheitsheld. Das Haus ist still.

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Weichenstörung ist ein Wort, das die Gesichter beschattet. Das Phlegma wird zur Unruhe eines orientierungslosen Schwarms. Steige ich hier aus oder nicht? Was machen die anderen? Jemand löst sich, seine Tat reißt weitere mit, andere zögern länger, wieder stürzt jemand hinaus, eine Person aber herein, alle auf der Suche nach dem Glück der schnellsten Weiterfahrt. Ein Handy schlägt an, es klingt wie an der Rezeption des Krankenhauses in „Bloodlines“, regnerische Nacht über Santa Monica und du das Vampirküken auf deiner ersten oder zweiten Mission, gestern noch Mensch, heute ein Raubtier in einer plötzlich ganz anders gewordenen Welt.

Tiroler Flaschenglas

Am Abend sind wir noch ins Tirol hinübergefahren. Am Ufer ist das Wasser des Plansees überwältigend klar, in der Tiefe wird es zu Flaschengrün, von der Sonne zu gletscherkaltem Smaragd veredelt. Auf den Campingplätzen am Nordufer wollte ich nicht Urlaub machen. Etwas eng ist es mir hier, auch weil die Berge bis hoch hinauf bewaldet sind. Es fehlen mir die offenen Grashänge der Allgäuer Alpen.

Zwischen Fichten und Kiefern umrunden wir den See. Muren ziehen sich die Berghänge herab, Steinwüsten für ein paar Dutzend Schritt. Die Wege müssen nach jedem Abgang neu gespurt werden. Am Hotel Forelle wirft der See seine Enge ab, nach drei Richtungen weitet sich die Sicht. Der kahle Rücken der Hochplatte lockt im Norden, gen Osten reicht der Blick ins Garmische hinüber und nach Südwest öffnet sich das Tal für den benachbarten Heitterwanger See.

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Das Wasser ist still. Der Kenner erzählt, dass es am frühen Abend immer so ruhig und glatt werde. An seinem geheimen Liegeplatz machen wir Rast. Einen Privatstrand durch Landgewinnung hat er hier geschaffen, vom Weg aus nicht einsehbar, eine Mauer aus Steinen geschichtet und das Neuland mit Strandkies aufgefüllt. Die Mauer hat den Winter überstanden, freut sich der Kenner und holt für jeden einen Rindslandjäger und eine Scheibe Brot heraus. Manchmal sind die Dinge so gut wie einfach.

Wie kalt das Wasser wohl ist? 17 Grad, ruft es vom Ufer. „Bei 17 Grad habe ich mein Freischwimmerabzeichen gemacht“, sagt jemand. Ich lege die Kleidung ab. 14 Grad, kommt eine Korrektur. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich vielleicht nicht hinein. Das Smaragdwasser hat inzwischen seinen Glanz verloren. Nur eine Lichtschneise zieht sich hinüber zum Taleinschnitt, wo die Sonne an diesem zweitlängsten Tag des Jahres noch immer am Himmel steht. Dorthin schwimme ich ein Stück, es ist frisch, aber machbar, merkwürdigerweise am schlimmsten für die eigentlich doch abgehärteten Hände, sie werden als Erstes klamm. Ich wende. Gewässer, in denen nur ich alleine schwimme, sind mir nie ganz geheuer.

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Motorräder dröhnen auf der Straße am anderen Ufer, legen sich in die Kurven zwischen Reutte und Oberammergau, schnittige Wagen lassen die Motoren aufheulen. „Da schaut her, wie blöd die tun.“ „Die gehören eigentlich ausgesperrt.“ Friede kehrt erst mit der Stille wieder. Eine Nachbarin aus Kinderzeiten reicht mir einen Fruchtriegel und nennt mich spontan bei meinem einstigen Spitznamen. Ein warmes Gefühl steigt in mir auf.

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Dort, im Schatten des Tauern, zwischen Föhren und Sumpfgras, begegneten sich einmal zufällig zwei meiner Verwandten. Der eine war auf dem Heimweg von seinem Badeplatz am Plansee. „Und wohin gehst du?“, fragte er den anderen. „Nach Japan“, antwortete der. Ganz so weit kam er nicht. Als er zu Fuß in Istanbul eintraf, beschloss er, erst einmal genug gewandert zu sein.

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Nach Anpfiff

5 Minuten nach Anpfiff – Unfassbar. Es stehen tatsächlich Menschen in aller Seelenruhe auf der Straße und interessieren sich einen Dreck für das Spiel.

8 Minuten nach Anpfiff – Die Verzweiflung wächst. „Ist der Stuhl hier noch frei?“, frage ich. „Eh, we are eight“, hält der Mann die Finger hoch.

10 Minuten nach Anpfiff – Endlich ein Platz. In einem schummerigen Hinterzimmer einer Kneipe. Draußen ist es hell.

11 Minuten nach Anpfiff – Zu wenig Geld in der Tasche für ein Weizenbier. Oh mein Gott.

14 Minuten nach Anpfiff – „Es ist riskant“, dann bricht der Kommentator ab. Ja was denn jetzt?

16 Minuten nach Anpfiff – „Höwedes und Mertesacker stehen sich da gegenseitig auf den Füßen rum.“ Moment: Mertesacker? Ach ja, richtig, das war ja alles beim letzten Mal.

Dieses Mal ist mir der Trubel völlig gleichgültig. Als lebten wir inzwischen in einem anderen Zeitalter, in einem neuen Yuga. Kali tanzt lauter.

Terminus Britanniae

„Möcht’ durchaus nicht Kaiser heißen,
nicht Britannien durchwandern, …
Skythenwinter nicht erdulden.“

Diese Verse gibt ein Dichter Kaiser Hadrian mit auf den Weg nach Britannien. Anders als sein Vorgänger Trajan – unter ihm hatte das Imperium seine größte Ausdehnung erhalten – setzt Hadrian nicht auf Eroberungspolitik, sondern auf Konsolidierung. Und Konsolidierung bedeutet im äußersten Norden des Reiches, dort, wohin Händler und Soldaten, nicht aber die villae rusticae der verfeinerten römischen Lebenswelt gefunden haben, eine Linie zu ziehen hin gegen das Ende der Welt. Und so errichten 15 000 Mann eine Mauer zwischen Küste und Küste, von der Mündung des Tyne im Osten hinüber an die Salzmarschen an der Irischen See. „Die Römer haben nun den besten Teil von Britannien“, schreibt der Historiker Appian. „Um den Rest kümmern sie sich nicht, denn auch das Gebiet, das sie innehaben, ist nicht eben ertragreich.“ Regen peitscht über das Land, im Winter liegt Schnee.

In Manchester herrscht Sommer. „Yes, darling, yes“, antwortet die Zugbegleiterin. Schöner könnte eine Begrüßung kaum ausfallen. Die Sonne scheint auf Gleise, Hecken, rote Backsteinhäuschen mit Miniaturgärten. Ortsnamen wie Gatley, Burnage oder Ardwick ziehen am Fenster vorbei, die Geschäftsleute neben mir sprechen Dänisch. Ich bin viel zu warm angezogen, denke ich mir.

Als ich in York umsteige, fröstel ich. Vor gut zwanzig Jahren stand ich schon einmal hier unter den Bogendächern aus Stahl und Licht. Ich erinnere mich nicht daran. Eine Festgesellschaft strömt in die Bahnhofshalle. Die Damen bevorzugen Creme- und Pastelltöne, dazu einen Strohhut. Gibt es auf dem Kontinent ein Land, in dem so viel Farbe gezeigt und zugleich so deutlich Zurückhaltung demonstriert wird? Auf einer anderen Ebene haben die Damen ihre englische Reserviertheit aber bereits unterlaufen. Sie sind betrunken, sie lachen und kreischen auf den Bahnsteigen.

Der Schriftzug des Unternehmens Virgin Trains ist mir von den Schallplatten her bekannt. Auch in diesem Zug stecken die bedruckten Reservierungskärtchen auf den Kopfpolstern der Sitze, er fährt aber flotter als die Bummelbahn des Transpennine Express‘. Die roten Bezüge vermitteln das Flair einer Theaterloge. Das ist sehr schick und sehr elegant und kein Vergleich zur Deutschen Bahn. Vorbei die Zeiten, in denen ich englische Züge mit Verspätungen, Müll und Vernachlässigung verbunden habe? Irritierend bleiben die Durchsagen eines demokratischen Überwachungsstaates – die Angst vor Terrorismus ist allgegenwärtig. Wie harmlos gibt sich im Vergleich das öffentliche Leben in Deutschland. Wie schnell aber würde sich das wohl ändern nach einem Anschlag islamistischer Attentäter hierzulande? Es dämmert. Die Wolken hängen tief, Regen liegt in der Luft. Das Land entlang der Trasse ist sehr flach. Hier bloß nicht wandern, denke ich mir. Doch im Osten, zur Küste hin, kauern die Schemen von Hügeln. Die kleinste Erhebung reicht, um das Land gefällig zu machen. Viel Wald ist da draußen, die Felder erscheinen mir weitläufiger als im Süden Englands, die Hecken höher. Es ist Bauernland hier, wo nicht grün, dort gelb von der Rapsblüte. Eine Müdigkeit drückt sich auf meine Schultern und ich komme mir, während der Zug weiter nach Norden rauscht, in die Nacht hinein, vor wie auf einer hoffnungslosen Flucht.

Die Mauer war in vier Jahren errichtet und wurde immer weiter verändert. Sie blieb nicht dauerhaft die Grenze. Mehrmals versuchten die Kaiser, wie auch schon vor Hadrian, den römischen Herrschaftsbereich nach Schottland hinein zu verlegen. Von Dauer waren diese Versuche nicht, und im Großen und Ganzen blieb der Hadrianswall für knapp 300 Jahre die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Bewacht wurde sie nicht von den Legionen, sondern von Hilfstruppen aus allen Teilen des Reiches: Menschen aus wortwörtlich halb Europa, aus Nordafrika und dem Nahen Osten bis hin zu einigen Bootsleuten aus dem Irak waren hier an der Mauer oder in ihrem Umfeld stationiert. Welche Mobilität, welche Logistik und ja, auch welche Möglichkeiten kultureller Horizonterweiterung das Römische Reich eröffnet hatte! Der Weg dorthin war natürlich eine Geschichte der Gewalt und Unterdrückung. Das kann uns kein Vorbild sein. Und trotzdem wünsche ich mir dort vor den Altären antiker Götter, die Europäische Union möge sich aller Herausforderungen zum Trotz – in Frieden und Vielfalt – lebendig erhalten.

Dann schultern wir unsere Rucksäcke, verlassen das Lager Segedunum und brechen auf gen Westen.

Newcastle, Hadrianswall, Wandern, Hadrian's Wall Path

Marschroute (Foto mit freundlicher Genehmigung von Stephan Scheiper)

Die Übersetzung des Dichters Florus (überliefert in der Historia Augusta, Hadrian 16, 2) ist Kai Brodersen, Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte, Darmstadt 1998, S. 166, entnommen. Das Zitat von Appian, Prooimion 5,18, ebd., S. 180.

Wer sich für Geschichte begeistern lassen kann, wird mit Segedunum in Newcastle upon Tyne eine gute Wahl treffen. Das wunderbar lebendige Museum ist auch für Kinder sehr geeignet.