Block 4 brennt

Ein schneeverkrustetes Auto fährt in den Stuttgarter Kessel, es ist Ende April und schon beginnt das Kopfschütteln über das Wetter. Dabei macht der April genau das, was er soll – nämlich das, was er will -, was man von vielen anderen Monaten inzwischen nicht mehr sagen kann.

Ein anderes Kaliber hatte der Spätwintereinbruch im April 1986. Am Sonntag, den 13. April, fielen 15 cm Neuschnee. Lange blieb er allerdings nicht liegen, denn bald darauf brachte eine Warmwetterfront milde Temperaturen – so mild, dass wir Kinder uns Ende April in den schon maienwarmen Regen stellten, ach was, unter die Trauf, wo ganze Sturzbäche auf uns niederprasselten. Klatschnass und glücklich kehrten wir nach Hause.

Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, es können allenfalls ein paar Tage gewesen sein, da verhielten sich unsere Eltern merkwürdig. Etwas stimmte nicht. Eine Unruhe lag über dem Haus, ein böses Geheimnis, in das uns unsere Mutter stockend einweihte. In einem von uns nie gehörten Ort namens Tschernobyl irgendwo hinter dem Eisernen Vorhang war etwas Schreckliches passiert. Genaueres wussten wir alle nicht, aber plötzlich durften wir nicht mehr in den Regen. Angst nistete sich bei uns ein.

Am 26. April war Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl explodiert. Die sowjetische Regierung versuchte den Vorfall – oder zumindest sein Ausmaß – zu vertuschen, erst am 29. April berichteten internationale Medien über den Unfall; da war es immer noch ein Ereignis weit weg, viele nahmen den Vorfall nicht ernst. Die Nuklearkatastrophe kam erst Tage später wirklich in der westlichen Welt an. Wann – an welchem Tag – uns unsere Elten von dem GAU erzählten, weiß ich nicht mehr.

Heute habe ich die Allgäuer Wetterdaten für den April 1986 geprüft: Temperaturen, Niederschläge. Und ich stelle fest: Unser Regenbad dürfte vermutlich am 29. April stattgefunden haben. Da waren in Schweden bereits erhöhte Strahlenwerte gemessen worden (ohne dass man sie da bereits mit Tschernobyl in Verbindung gebracht hätte). Süddeutschland erreichte die Wolke erst am 1. Mai.

Als ich diese Daten vor mir sehe, wird es mir trotzdem für einen Augenblick übel.

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Kant abgeworfen

„Unser dummer europäischer Kulturrelativismus ist eigentlich nur linksgewendeter Heidegger.“ Tischgespräche.

Da stehe ich beim Väterchen. Ein Reiterhelm treibt in den Wellen, kommt nicht voran, weil der Riemen in Geäst verhangen. Metallisch knarzt es, wo Kahne an Landungsbrücken liegen. Der Wind weht streng und frisch, als wäre es hier das Meer und nicht der Rhein. Wo ich stehe, hatten die Römer vor fast 2000 Jahren eine feste Brücke über den Fluss gebaut. Drüben leuchtet das Oktagon des „Pegelhauses“, einst das Fundament eines Tretradkrans, diesen Hamsterrädern bekannt von Abbildungen mittelalterlicher Großbaustellen. Wellen klatschen an das Ufer, flache Holländer schieben sich surrend stromaufwärts, stromabwärts. „Sulamaro“ – ist der Schiffsname ein Anklang an Indonesien, an die exotische Welt der niederländischen Kolonialvergangenheit? Somerset Maugham und Eric Ambler sehen mit mir dem Schiffe nach.

Nach zwei Tagen unter Kantianern ist mir nach Ausschreiten. Ich lasse den Uferstreifen mit seinen furchtbar schlechten Sprachwitzen hinter mir: „Schauen Sie mal R(h)ein“ oder „Koblenz & die Region Mittelrhein – immer ein guter ‚Diehl‘“ (wenn das Hotel wenigstens die Anführungszeichen weggelassen hätte). In Pfaffendorf überrascht mich die Bäckereiverkäuferin mit der Frage „Mögen Sie Zimt?“. Aber ja doch, und sie schiebt noch ein Zimtbrötchen in die Tüte. Eine Gasse führt auf ein Drehkreuz zu, dahinter wird der Weg zum Pfad, schlagartig ändert sich die Stimmung. Vom Rhein ist hier nichts mehr zu ahnen, ein Bach plätschert in einem lauschigen Tal, es fehlt nur noch das Mühlrad der Romantik. Doch der Straßenverkehr gleich hinter der Böschung beschwert den Flug der Fantasie.

Es geht also ein wenig hinauf, immer am sandigen Bach entlang. Mauern aus Schieferplatten stützen die Hänge. Manche Bäume kenne ich nicht. Der immer noch ungelesene Baumführer fällt mir ein, den ich doch eigens im letzten Jahr für solche Fragen erworben habe. Er liegt wohl in dem Bücherberg auf dem krummen Stuhl, den ich keinem Gast mehr zumuten will, vielleicht auch in dem Stapel dort im Regal neben der russischen Puschkin-Ausgabe, die ich überhaupt nicht lesen kann und nur der archaischen Bilder wegen einmal in einem Antiquariat erworben hatte.

Das militärische Sperrgebiet oben auf der Rheinhöhe liegt ganz friedlich im Sonnenschein, dann geht es durch „das schlimmste Schlammloch von Koblenz“, wie mir ein Radfahrer bestätigt. Auf der Wiese knallt es dann doch, noch ein Schuss, der Himmel ist plötzlich zugezogen. In Schleifen und Winkeln zieht sich der nasse Weg über der Stadt hinweg. Jeden Kilometer ändert sich das Gesicht des Waldes, das hält ihn interessant. Wanderer – nicht Spaziergänger, sondern Wandersleute – kommen mir immer wieder entgegen. Wie einsam erscheinen mir, in dieser Hinsicht, die württembergischen Wege!

Vom Lichten Kopf geht es dann steil nach Lahnstein hinab. Was sich mir von dort unten zeigt – gereihte Würfel und ein Fluss in seinem Gefängnis aus Kanalmauern –, ist reizlos. Der Weg schweift auf halber Höhe in einem weiten Schwung die Lahn aufwärts und fällt nach einem Halbbogen erneut ab, noch steiler als zuvor. Mountainbiker rutschen mit durchgedrückten Bremsen den Grat hinab mit seinen senkrecht stehenden Platten, als wäre unter einer Erdschicht der Rücken eines Stegosauriers nur schlecht getarnt.

Und noch einmal schwenkt der Weg in einem Bogen zurück. Südhangig schichtet sich der Fels in einer Palette aus Grau und Rost und Umbra, gefleckt von dem Gelb, Grün, Weiß der Flechten. Es ist ein Eidechsenreich, wie die Pfalz, wie die Hänge um Toledo, auch wenn ich die Reptilien noch nicht sehe.

Der dritte Abstieg wird der schönste, hinein in die Ruppertsklamm. Matschig ist der Saumpfad am Bachlauf, dann verschwindet der Weg ganz. Die Füße suchen Halt auf glitschigen Steinen, ein paar Mal helfen Drahtseile beim Abstieg über den Fels. Es ist beinahe Wildnis hier, das Plätschern stimmt heiter, wer mir entgegenkommt, lacht. Und ich habe Kant abgeworfen und trage nur noch ein paar Bücher im Rucksack und folge dem Wasser hinab zwischen den Wänden aus Sandstein und Schiefer. Und fließe.

Das Entsetzen liegt auf beiden Seiten, als ich meinen reservierten Platz in einem Abteil mit feiernden Techno-Freunden auf der Reise zu einem Festival finde. Rückzug in den Gang? Flucht in den digitalen Raum, hinter die Seiten eines Buches? Erst zögerlich, dann immer neugieriger suche ich das Gespräch. Eine Stunde und manche Anekdote später trinke ich von den in Wodka aufgelösten Eisbonbons und klatsche unter Johlen Hände ab, als die Raver den Zug verlassen. Beinahe hätten sie mich noch mitgenommen auf ihr Time Warp. Und wir alle haben wieder einmal menschlich gelernt in unserer Begegnung. Vielleicht war Kant da ja doch wieder unter uns.

Fels_Rheinsteig_Lahnstein

Rheinsteig

11:51

Rotierende Alarmlichter fluten das Labor mit rotem Licht. Unerbittlich zählt der Bildschirm die Zeit herab. Steht die Digitalanzeige auf 00:00, wird das abgeriegelte Hochsicherheitslabor durch eine Thermalexplosion dekontaminiert werden. Rettung gibt es für das eingeschlossene Team nur eine: den Antivirus rechtzeitig zu entschlüsseln. Also fokussieren, fokussieren! Beinahe entfleucht den Fingern ein Reagenzglas mit einem unbekannten Erregerstamm. Meine Ohren sind heiß.

Es klingt erst einmal nicht nach einem Freizeitspaß: Menschen lassen sich in einen Raum einschließen, um unter Zeitdruck Aufgaben zu bewältigen, die sie dem rettenden Schlüssel näherbringen. Gut, deutsche Verordnungslust lässt es aus Brandschutzgründen – anders als etwa in Ungarn, wo die Escape Rooms vor zwei Jahren ihren Start in Europa genommen haben – sowieso nicht zu, Menschen einzuschließen. Also geht es in den Räumen von Exit Games darum, in einem Raum binnen 60 Minuten eine Mission zu erfüllen: Hinweise zu finden, logisch zu kombinieren, vielleicht auch einmal ein wenig Geschicklichkeit zu beweisen. Fünf Räume mit unterschiedlichen Szenarien bietet das Unternehmen in Stuttgart an – vom Wohnzimmerkrimi (wo hat die Tante nur ihr Testament versteckt?) bis zum Splatter-Horror. Von außen kann die Spielleitung – über Kamera immer den Raum im Blick – Hilfestellungen geben, wenn die Gruppe sich verrennt oder ideenlos ist. (Klar, das Unternehmen will ja schließlich auch glückliche Kunden haben: gefordert, aber erfolgreich.) Teamarbeit ist verlangt. Und es funktioniert: Jeder bringt irgendwann einen rettenden Gedanken ein.

Dann haben wir das Antivirus aktiviert. Die Alarmlichter erlöschen (nein, sie trieben uns nicht über die ganzen 50 Minuten hinweg in die Epilepsie), die Welt ist gerettet. Mit einem zufriedenen Lachen schälen wir uns aus unseren Laborkitteln. Die Uhr zeigt 11:51.

Mehr Infos unter http://exitgames-stuttgart.de/de/.
Erfahrungsberichte zu Escape Rooms deutschlandweit gibt es unter www.Escape-Game.org.

Wanderer in der Nacht

Zum Abschied leuchten mir Geißhorn, Hochvogel, Großer Daumen, Widderstein noch einmal schneeweiß auf. Das Massiv der Zugspitze im Osten entflammt im Licht der untergehenden Sonne orangefarben, die Nagelfluhkette gen Bregenzer Wald beschattet sich bereits. Mir ist eigenartig traurig und mutlos zumute. Im Norden, wohin der Zug sich wendet, dunkle Wolkenbänke.

*

Es lacht die Gesellschaft am großen Tisch. Weingläser heben sich blitzend ins Licht, Worte wie „Klappentext“ oder „Verlagskanäle“ retten sich aus dem Stimmengewirr. Am kleinen Tisch, einen halben Raum entfernt, sitzt der einzige andere Gast, ein Lektor, hungrig vom langen, späten Treffen mit dem Herausgeber, dem Büro entronnen, und lächelt milde in seinen Primitivo.

*

Güterzüge schneiden sich durch die Nacht, eine junge Frau kotzt, locker sitzt die Aggression der Männer, ein altes Wesen irrt von Bahnsteig zu Bahnsteig auf der Suche nach Pfandflaschen oder ein bisschen Linderung des Schmerzes längst verlorener Hoffnungen.

Und du lässt dir ein Fell wachsen, als wärst du ein Tier.

Tiger_Bar_Nacht

ایها المسافرون في الیل