Der Ministerialbeamte

Syrien, zehn Jahre früher …

Ziellos war ich mit einem syrischen Freund abends in Damaskus unterwegs – es war längst dunkel und wir saßen in irgendeinem Mikrobus nach Nirgendwo –, als ihm einfiel, wir könnten einen Bekannten von der Arbeit abholen. Einen seiner Sprachschüler, um genau zu sein. Mein Begleiter, Rundfunktechniker und zu dieser Zeit in Ausübung seines Wehrdienstes, war ein Liebhaber der Sprachen; er beherrschte mehr oder weniger gut Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch und wenn ich eine Frage zum Hocharabischen hatte, konnte ich mich guten Gewissens an ihn wenden. In seiner Freizeit unterrichtete er Englisch.

„Mein Schüler“, so warnte er mich vor, „ist schon ein bisschen älter. Aber das braucht dich nicht zu verunsichern.“

Wir spazierten an einem bewaffneten Posten vorbei in eine ruhige Straße, auf ein bewachtes Hochhaus zu. In jeder Himmelsrichtung waren Uniformierte auf Wachdienst zu sehen. Unbekümmert trat mein Freund an das Außenfenster der Pforte, stellte sich, nachdem ein Mann geöffnet hatte, vor und fragte nach seinem Schüler.

Wir warteten eine Weile vor dem Gebäude. „Er ist Beamter in diesem Ministerium hier“, rückte mein Freund nach einigen Minuten heraus. „In dem Gebäude arbeitet auch der Premierminister.“

Irgendwann rief einer der Männer aus dem Fenster heraus nach meinem Gefährten: „Mein Herzchen, mein Lieber, wie war nochmals dein Name?“ Arabischer Umgangston kann ein wenig anders sein.

Endlich verließ der Ministerialbeamte das Gebäude. Ich sah mich einem kleinen Mann in einem altmodischen grünen Sakko gegenüber, er wirkte etwas ältlich, vielleicht nicht an Jahren, aber doch an Haltung, eine große Brille saß in dem verkniffenen Gesicht, das Haar überraschend blond, ein Schnurrbart. Wir wurden einander vorgestellt und ohne weitere Diskussion stiegen wir in das Auto des Beamten, einen weißen, gealterten Wagen, ehemals einmal obere Mittelklasse nach deutschem Standard.

Ich wusste nicht, wohin wir fuhren. Während der Ministerialbeamte ungeschickt den Wagen durch die abendlichen Straßen steuerte, hatte ich mit ihm auf Englisch Konversation zu führen – zu seiner Übung. Ein Mobiltelefon unterbrach uns ein- oder zweimal und bald hatten wir auch seinen Besitzer aufgelesen, einen Freund des Beamten. Ein großer, kräftiger Mann, grauhaarig und mit einem gefühlsbetonten Gesicht und einem leichten Anflug von Traurigkeit in der Augenpartie, stieg zu – ein ganz anderer Typ als der Beamte.

In perfektem Englisch und mit einer vollen, wohltönenden Stimme erklärte er mir, dass er Musiker sei. In wenigen Tagen führe er ein Konzert auf, ein Zusammenspiel aus musikalischem und poetischem Vortrag. Und im nächsten Monat werde er an der Uni Damaskus Vorlesungen über arabische Poesie halten. Er spielte Trompete, früher aber war er in erster Linie Sänger gewesen. Fünfzehn Jahre hatte er in den USA, eine Zeit lang in Dänemark gelebt, dort war er mit einer norwegischen Frau verheiratet gewesen, dazu waren Auftritte und Aufenthalte in einer Reihe anderer europäischer Länder gekommen. Ein gutes halbes Dutzend Fremdsprachen könne er. „Es sieht einfach zu idiotisch aus“, scherzte er, „wenn man einen traurigen Text singt und dabei grinst, nur weil man die Sprache nicht versteht.“

Wir verließen die Stadt und hielten auf einen Vorort zu. Als wir irgendwo anhielten und ausstiegen, wandte ich mich fragend an meinen Freund, doch er kam meiner Frage zuvor: Er habe auch nicht die leiseste Vorstellung, wo wir genau seien. Erklärungen gab es wieder einmal keine, also folgten wir den beiden Männern in ein Haus. Die Uhr zeigte 22 Uhr an, als wir in eine Zahnarztpraxis traten.

Der Zahnarzt war allein in seiner Praxis. Er wirkte überhaupt nicht wie ein solcher, was aber vielleicht schlicht daran liegen mochte, dass er keinen weißen Kittel trug. Unser Künstler war der Patient, das klärte sich nun auf, und der Beamte hatte ihm einfach als Chauffeur einen Freundschaftsdienst erwiesen. Der Musiker setzte sich also auf den Behandlungsstuhl, der etwas verloren inmitten des Raums stand. Eine Schrankablage stand auf der einen Seite des Zimmers, ein Arztschreibtisch auf der anderen. Der Tisch erweckte den Eindruck, als wären hier zwei Zimmer der Praxis in eines gefasst, und trotzdem wirkte der Raum irritierend leer.

Der Ministerialbeamte bestand darauf, dass ich als ausländischer Gast den Arztsessel hinter dem Schreibtisch erhielt und mein Freund einen Hocker, während er selbst mit verschränkten Armen stehen blieb. Alle drei beoachteten wir, wie der Zahnarzt sich an die Untersuchung machte, klopfte und schraubte und Spritzen verpasste, aber nicht bohrte, zum Glück nicht, denn ich hätte mit dem Patienten gelitten. Der einzige im Raum, der mehr als nur ein paar Worte sprach, war der Patient selbst: Immer wenn er seinen Mund gerade frei hatte, unterhielt er uns munter mit Scherzen.

Dann erklärte der Zahnarzt etwas anhand einer Wandtafel und ich begriff, dass es sich um ein Zahnwurzelproblem handeln musste. Es war eine seltsame Szenerie: Spätabends sitzt da ein Mann in zahnärztlicher Behandlung, im gleichen Raum befinden sich einige andere Menschen, darunter zwei, die der Patient vor diesem Abend gar nicht gekannt hatte.

Nach 20 oder 30 Minuten verließen wir die Praxis wieder, gemeinsam mit dem Arzt, der seine Praxis abschloss – und sich dann zu uns ins Auto setzte. Nun waren wir also schon zu fünf in dem Gefährt …

Der Zahnarzt erzählte mir, dass er in Belgrad studiert, danach in Deutschland, Russland, Thailand und Malaysia gearbeitet habe, bevor er hier in seiner Heimat eine Praxis eröffnet hatte. Wir lieferten den Zahnarzt zu Hause ab, danach den Künstler und dann bestand der Beamte darauf, uns beide noch zu einem späten Abendessen bei sich zu Hause im Zentrum von Damaskus einzuladen.

Der Ministerialbeamte verschwand in seiner Wohnung und wir warteten vor der Tür. „Die Familie kommt aus dem Osten Syriens“, erklärte mir mein Freund. „Dort sind die Menschen noch richtige Araber. Das bedeutet zum Beispiel, dass Gäste vor der Türe stehen bleiben, bis der Gastgeber zurückkommt und sie hereinruft.“

Als es ein paar Augenblicke später so weit war, wurden wir ins Wohnzimmer geführt. Während der Beamte das Essen vorbereitete, erhielten wir beide Gesellschaft des jungen Sohns der Familie. Ich verstand fast gar nichts von seinem Dialekt, was aber nicht schlimm war. Denn auch mein Freund verstand nur einen Teil von der Kindersprache, so behauptete er zumindest lachend, und trotzdem hatten wir drei eine Menge Spaß. Dann war aufgedeckt: Tellerchen mit Tomaten, Schafskäse, Hummus, gefüllten jungen Auberginen, Honig, Halwa und ein halbes Dutzend anderer Dinge und natürlich das dünne Fladenbrot, mit dem man die Speisen greift und isst.

Nebenan, hinter einem zugezogenen Raumteiler, saß derweil die Ehefrau des Beamten vor dem Fernseher. Nun begriff ich auch, warum wir vor der Tür zu warten hatten, bis wir vom Gastgeber gerufen werden: Kein Fremder soll einen Blick auf die Frauen des Hauses erhaschen. Später erfuhr ich, dass diese Frau Ärztin war; und trotzdem wurden diese alten Sitten eingehalten.

Ich war unsicher, wann ich das Mahl zu beenden hatte. Wenn ich vor dem Gastgeber aufhörte zu essen, zwang ich ihn dann dazu, aus Höflichkeit ebenfalls aufzuhören? Aber wann war umgekehrt die Grenze der Höflichkeit erreicht, denn natürlich war es nicht gedacht, dass wir alles, was auf dem Tisch stand, aufaßen? Ich dachte zu viel. Als wir das Mahl beendet hatten, verließen wir ohne viel Worte oder großen Austausch von Höflichkeiten das Haus: ein kurzer, unkomplizierter Abschied. Es war Mitternacht, als wir wieder auf die Straße unter die Palmen traten.

Ich hatte meinen ersten Besuch bei einem arabischen Ministerialbeamten hinter mir.

Stadtkrieger

Er stieg eine Haltestelle nach mir ein. Seine Handrücken waren bis zu den Knöcheln tätowiert, sein Hals einschließlich des Bogens der Ohrmuscheln, dazwischen Leder und Tarnfarben. Bluterguss, Vollbart, Lippenpiercings prägten das asketische Gesicht, der Schädel war fast kahl bis auf einen verfilzten Streifen in der Mitte. In dem Dickicht der Stammestätowierungen erspähte ich zwei arabische Wörter. ملك, König, glaubte ich zu erkennen, aber ich konnte mich geirrt haben. Die Worte, durch den Jackenkragen verdeckt, waren nur sichtbar, wenn er den Kopf in eine bestimmte Richtung legte und schließlich war es unhöflich, jemanden lange anzustarren. Die Hände des Mannes gingen nach oben, als Fäuste schlossen sie sich um die Rucksackträger. Sein Blick war wachsam.

An der nächsten Station trat eine Mutter mit zwei Kindern ein, es wurde eng. Die Mutter hielt den Kinderwagen, die ältere Tochter Eiswaffel und Luftballon. Beim Anfahren der Bahn verlor das Mädchen sein Gleichgewicht. Die Hände des Mannes, eben noch an den Trägern seines Rucksacks, waren plötzlich an den Schultern des Kindes. Er hielt es fest: stark, nicht grob. Ich konnte nicht erkennen, ob die Mutter ihm dafür einen auch nur kurzen Dank schenkte. Vielleicht hätte er sich über eine menschliche Regung gefreut, vielleicht ging er den Weg des Tao und es war ihm einerlei. Als das Mädchen sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, wanderten die Hände des Mannes wieder an den Rucksack. Er war wieder ganz für sich.

0711 ausgeworfen und eingeholt

Das menschliche Antlitz der Institution

Es wird einmal ein Museum sein im Stuttgarter Wilhelmspalais, dort, wo noch an der Außenfront in großen Lettern die alte „Stadtbücherei“ prangt und zur Zwischennutzung ein beliebter Partytreff war. Das Stadtmuseum Stuttgart wird ein Museum des 21. Jahrhunderts sein, mit Betulichkeit oder Selbstbeweihräucherung hat so etwas schon lange nichts mehr zu tun. „Wie wurde aus Stuttgart, was es heute ist? Was waren wichtige Impulse für die Entwicklung der Stadt?“ sind Fragen, denen sich das Museum stellen wird, aber auch und ganz wichtig: „Wie könnte die Zukunft der Stadt aussehen?“ Das Stadtmuseum als einer der Ort also, an denen Zukunft ausdiskutiert und erprobt werden darf.

Fundstück

Stuttgarter Fundstück

Da es bis zur geplanten Eröffnung 2017 noch ein wenig hin ist, lädt das Museum dorthin ein, wo uns seine Räume jetzt bereits offenstehen: in den virtuellen Raum. Online-Projekte wie etwa „Meine Stadt − Meine Geschichte“, ein bundesweites Kooperationsprojekt zur Migrationsgeschichte, findet sich dort genauso wie ein museumseigener Blog unter Verantwortung von Markus Speidel, „wissenschaftlicher Mitarbeiter, Baureferent, Ausstellungskoordinator, Social Media-Fuzzi und sonstiges Mädchen für alles“, wie er sich selbst vorstellt. Über den Blog können wir dem Team bei seiner alltäglichen Arbeit über die Schulter schauen und den Entstehungsprozess eines neuen Museums fast hautnah mitverfolgen. Eine klasse Idee und so etwas wie ein langer Teaser für die Eröffnung des Museums − sympathisch und bestechend persönlich umgesetzt.

Nun hat Markus ein sogenanntes Blogstöckchen als Regionalstöckchen in der 0711-Version ausgeworfen: An 0 Blogs von außerhalb Stuttgarts und 7 Blogs aus Stuttgart werden 11 Fragen gestellt.

Elf Fragen sollt ihr sein

1. Warum gibt es Deinen Blog? Ich schreibe gerne. Besonders gerne, wenn damit kein beruflicher Druck verbunden ist. Für einen solchen spielerischen Umgang kommt mir das Bloggen sehr entgegen. Der Weg zum eigenen Blog war allerdings ein langer. Vor zehn Jahren etwa, als ich ins Ausland ging, wusste ich noch nichts von der Existenz von Blogs und informierte Verwandte, Freunde und Bekannte über Rund-E-Mails mit Berichten aus meinem Gastland. Später, als ich Facebook nutzte, veröffentlichte ich dort unter anderem regelmäßig Rezensionen zu Büchern, Filmen, Cafés, Kulturveranstaltungen usw. Bis mir eines Tages jemand sagte: Schreib doch einen Blog, da ist das alles doch besser aufgehoben! Dazu kommt, dass ich noch nicht so sehr lange in Stuttgart wohne und mir mein Blog auch als Instrument zur Stadterschließung dient. „Zeilentiger liest Kesselleben“ gibt es nun ein knappes Jahr.

2. Welcher Deiner Blogbeiträge war am erfolgreichsten und was glaubst Du, woran das lag? Am erfolgreichsten im Sinne der Aufrufzahlen war Fitness first!, eine Sammlung alltäglicher Absurditäten, Beobachtungen also, die jeder Besucher eines Fitnessclubs machen kann. Das fand entsprechend Leser und ‚Aggregatoren‘ zur Weitergabe. Ein wirklicher Dauerbrenner hingegen ist Ein Stern im Süden – Zacke: „Das Bier aus Stuttgarts schönstem Flecken“ − einfach eine tolle Aktion von ein paar Leuten aus dem Lehen und ein Ergebnis, das schmeckt. Ein bisschen Kult. Die meisten Kommentare gab es zu Schmollmund und Tattoo im Markt am Vogelsang, wofür auch eine sprachliche Eigenheit verantwortlich sein mag, auf die die Gemütlichen Sitzsätze in ihrem 0711-Beitrag hinweisen.

3. Über was würdest Du nie schreiben? Fastfoodketten, Technik-Gimmicks, Verbrennungsmotoren? Aber man weiß ja nie …

4. Was wäre die bessere Bezeichnung für „Blogstöckchen“? Denkt man bei Blogstöckchen an den Staffelstab, der immer weitergegeben wird, kommt für 0711 doch eigentlich nur ein Wort in Frage: „Stäffele“. (Leser ohne Stuttgartkenntnisse könnten dazu das hier hilfreich finden.)

5. Was bedeutet Heimat für Dich? Die Frage kommt mir doch sehr bekannt vor. Richtig, in In einen Buchenstab geritzt, irgendetwas über Heimat habe ich erst kürzlich darauf Antwort gegeben.

6. Was hast Du, was das Stadtmuseum Stuttgart nicht hat und was es dringend bräuchte? Die Einladung zu meiner letzten „Fenster zum Hof“-Party? Meinen Blog als Beitrag zu den Stadtgeschichten? Nein, nein, an Stuttgart muss ich erst noch wachsen, bevor ich etwas Dringliches beisteuern kann. Womöglich könnte ich ja wenigstens meinen Arbeitgeber überzeugen, etwas aus unserem Verlagsarchiv beizusteuern.

7. Was muss ein Museum haben, damit Du reingehst? Interaktivität. Es muss im wörtlichen Sinne „begreifbar“ sein, möglichst viele Sinne ansprechen und den Besucher aktiv miteinbeziehen und zum Tun herausfordern − also als ein handelndes (und − homo ludens lässt grüßen − verspieltes) Subjekt ernst nehmen.

8. Welche Speise ist für Dich untrennbar mit Stuttgart verbunden? Die Semmeln pardon Weckle der Bäckerei Metzger in Heslach. Eine große Auswahl an Sorten und eine jede hat ihren eigenen und guten Geschmack. Das ist in Zeiten von Einheitsware und Backfabriken etwas Kostbares geworden.

9. Welcher Sound ist für Dich typisch Stuttgart? Lange überlegt und „im Ohr“ durch Stuttgart gewandert: kein spezieller Sound der Stadt. Also Musik. Das könnten die Tiger Shower Caps sein: eine Stuttgarter Band, die gar nicht nach Stuttgart klingt. Und trotzdem für mich sehr Stuttgart ist.

Liebeserklärung an Stuttgart?

Liebeserklärung an Stuttgart?

10. Welches Vorurteil über Stuttgart ärgert Dich am meisten? „Stuttgart ist hässlich.“ Alter Schwede. Zugegeben, früher dachte ich das selbst einmal. Seit ich hier wohne, sehe ich die Stadt mit ganz anderen Augen. Seien wir ehrlich: Ja, es gibt genügend Hässlichkeit in Stuttgart. Aber es gibt auch eine ganze Menge ganz und gar nicht Hässliches. Kürzlich kam ich von einer kleinen Reise zurück und wanderte nachts auf dem Heimweg durch zwei Bezirke und hörte mich plötzlich zärtlich sagen: „Bist du schön, Stuttgart.“ Die Liebe, sie reift … Daher freue mich auch jedesmal, wenn Besucher, mit denen ich die Stadt zu Fuß oder mit dem Rad erkunde, am Ende sagen: „Du wohnst aber in einer schönen Stadt.“ Geht doch.

11. Du hast drei Wünsche frei, welche sind das? Meine privaten Wünsche erzähle ich besser bei einem Bier, zum Thema Weltfrieden hat André Dietenberger ja schon alles gesagt und den bezahlbaren Wohnraum haben die Gemütlichen Satzsitze schon angesprochen. Was bleibt?

1. Stuttgart als lebensfrohes Experimentierfeld der Zukunft und dazu gehören (vermutlich) auch noch mehr Spielräume gesellschaftlicher Vernetzung, die die Menschen zusammenbringt und Grenzen zu überwinden hilft.

2. Mehr sonnige Außenplätze an Cafés und grünschattige Sitzräume. Das macht eine Stadt erst so richtig lebendig.

3. Dass die Ratzers noch lange ihr Schallplattencafé führen. Zugegeben, das war jetzt doch schon ein recht privater Wunsch.

Und die Stafette geht weiter

Vielleicht wollen Black Dots White Spots, die Reisemeisterei, Mojo from the Blog, Patrick Schneider und womöglich als „Externe“ auch bittemito (Frau Knobloch verzeihe das folgende pragmatische „du“ und betrachte die Fragen in der Vergangenheitsform) das „Stäffele“ aufgreifen (der Taxiblog Stuttgart scheint ja leider nicht mehr aktiv zu sein). Es ist auch geschrumpft auf sieben Fragen.

Die Regeln sind denkbar einfach: Verlinkt euren Artikel mit demjenigen, von dem ihr das Blogstöckchen habt und gebt im Kommentar Bescheid, wenn ihr fertig seid. Und wenn ihr Spaß daran habt, verfasst eure eigenen 0711-Fragen und gebt sie an eine von euch bestimmte Zahl an Bloggern weiter.

Was wird die Stadt der Zukunft bringen?

Was wird die Stadt der Zukunft bringen?

1. Was macht dich glücklich in Stuttgart?

2. Was stört dich an an der Stadt am meisten?

3. Und was verzeihst du ihr am bereitwilligsten?

4. Welche Farbe hat für dich Stuttgart?

5. Das Stuttgart der Zukunft − was braucht es unbedingt?

6. Welche andere Stadt muss es noch sein für dich?

7. Dein Geheimtipp zu Stuttgart?

 

Der Paarungsflug der Benztownwespen − Tiger Shower Caps

TigerShowerCapsDass eine Stuttgarter Band bei einem amerikanischen Label unterkommt, ist nicht selbstverständlich. In Achtspuraufnahme in Stuttgart eingespielt, erschien das titellose Album der Tiger Shower Caps bei Radio Is Down, einem kleinen Label im Bundesstaate Washington, das sich selbst inspiriert fühlt von Bands wie My Disco, Shellac oder The Jesus Lizard − beste Nachbarschaft für die Scheibe des Stuttgarter Quartetts.

Das Intro des Albums ist ironisch. Zu Takten aus dem 80er-Jahre Hit „Theme from S-Express“ kündigt eine werbeerprobte Stimme Duschhauben („Shower Caps“) an und ruft die Band damit on stage. Mit Acid House oder Disco haben die zehn Songs (inklusive eines Überraschungs-Bonus) allerdings nichts zu tun. Mit nervösen, treibenden Post-Punk- und Indie-Rock-Klängen legen die Tiger Shower Caps los und klingen sehr amerikanisch und überhaupt nicht nach Stuttgart. Die Gitarren sind scharf und kantig, der Sänger stößt seine Worte hervor (der Gesang erinnert vage an Mark Mothersbaugh von Devo), der Ausdruck ist kernig. Später erlaubt sich die Band auch andere Einflüsse, die Songs klingen „europäischer“, neben No Wave-, Noise- und Mathrock-Elementen − ganz besonders deutlich ist der rhythmisch abgehakte Sound der Gitarre à la My Disco im Song „Treasure Chest“ − nehmen die Tiger Shower Caps auch Anklänge an britische New Wave-Bands und melodische Elemente auf. Das Stück „Rocketnation“ gibt sogar Raum für einen elaborierteren Gesang und dem Sound damit eine überraschende, ganz andere Attitüde. Alles in allem werden die Songs tendenziell ruhiger, ohne aber den Hörer in die Komfortzone zu entlassen. Die Eindringlichkeit der Wespe − sie prangt groß und mit gelber Signalfarbe auf dem CD-Cover − zieht die Band durch.

Dabei gehören die Tiger Shower Caps gewiss nicht zu den „wütenden jungen Bands“. Dafür haben sie zu viel musikalische Erfahrung (das schwächste Glied des Quartetts: das Schlagzeug) aus früheren Bandprojekten, zu sehr Lust an Präzision und an ironischen Brüchen (vom Bandnamen über musikalische Anspielungen bis hin zu dem eingeblendeten Filmzitat der Log Lady aus Twin Peaks). Aber sie sind nervös, angriffslustig und glaubwürdig wie ausschwärmende Wespen.

Die Tiger Shower Caps gibt es nicht mehr. Nach ihrem Debüt von 2008 hatten sie noch eine zweite Scheibe eingespielt („High Octane“ − Benztown lässt grüßen?), danach löste sich die Band auf. Drei von ihnen haben sich anschließend mit dem Schlagzeuger von Krautheim zu den Fighting Ships zusammengeschlossen. Ende 2012 hatten sie ein Album angekündigt. Wenige Monate später fiel ein Konzert kurzfristig aus, seither herrscht Schweigen. Und Stuttgart wartet.

Was bleibt da anderes, als auf die Tiger Shower Caps zurückzugreifen. Ihr namenloses Album war für mich eine der großen musikalischen Entdeckungen von 2013 − Grund genug, nochmals an diese Scheibe zu erinnern, auch wenn sie bereits vor über fünf Jahren erschienen ist. Erhältlich ist das Album − in einer Auflage von 500 Exemplaren produziert in einer optisch wie haptisch ansprechend gestalteten Hülle aus Recyclingkarton − übrigens immer noch. Geheimtipp: Ratzers wunderbares Schallplattencafé in Stuttgart hat noch Exemplare. Hinten auf Ratzers Schreibtisch sticht das gelbe Cover zwischen anderen CDs hervor. Da liegt die Scheibe, seit Monaten und Monaten, eine kleine Perle und keine Sau kümmert es. Bitte bergen. Und dazu auf dem roten Sofa oder dem Zebraohrensessel eine Pause einlegen, trinken, lauschen, entspannen. Der Kaffee aus der treuen roten Espressomaschine gehört zum Besten in ganz Stuttgart und wer Koffein scheut, versuche den köstlichen Ingwer-Orangen-Bio-Tee. Aber halt, über Ratzer Records wollte ich gar nicht schreiben. Diese Oase verdient einen eigenen Beitrag.

Tiger Shower Caps, s/t. Recorded, mixed and mastered summer of 2007 by TSC in Stuttgart. Made in the USA.  2008 by Radio Is Down. Spieldauer: 30:20 Minuten.

https://myspace.com/tigershowercaps

P.S. Eine ganz andere Lieblingsscheibe aus 2013 ist hier besprochen. Der nächste Sommer kommt bestimmt!

Aprikosencroissant tief im Westen − Die Bar Vicino

Ein Wintermorgen, werktags, eben hell. Hangabwärts steht das Müllauto, den Blinker gesetzt, direkt in der Kurve aber parkt ein PKW und nichts geht weiter. Jemand hupt, keiner rührt sich. Der Fahrer drückt nochmals die Hupe und immer wieder, bis der junge Chef des Vicino − schwarzer Bart, schulterlange Locken, große Brille − vor die Tür tritt und mit seinem leichten Singsang ausruft: „Nur weil ich das Café hier betreibe, heißt das nicht, dass ich weiß, wem das Auto vor meiner Tür gehört.“ − „Nein, ich weiß es einfach nicht, was soll ich machen.“ − „Müsst ihr euch irgendwie einen Weg suchen, ist halt der Stuttgarter Westen.“ Kopfschüttelnd kehrt er in das Eckcafé zurück. „Prego“, lenkt sein Teilhaber ab und stellt einen Cappuccino und ein gefülltes Croissant (Aprikose, Schoko, Vanille und Schinken-Käse stehen zur Auswahl) ab. Das Müllauto schafft es dann doch noch um die Kurve.

Ein halbes Jahr früher, Samstagnachmittag, auf mit Kissen bedeckten Holzwürfeln sitzen die Gäste vor der Bar und trinken Cortado aus (ungewöhnlichen) eleganten hohen Gläsern. Jüngere Männer mit Sonnenbrille und Hut begrüßen sich mit klatschendem Handschlag und „Alles fit?“. Auf der anderen Straßenseite lockt ein Lifestyle-Zitat der Autorin Rosalie Tavernier an der Glasfront eines Friseursalons. Die Straße selbst ist ruhig. Eine Bekannte kommt zufällig vorbei, sie wohnt gleich ums Eck, erzählt sie. „Die beiden Jungs sind eine echt lustige, nette Truppe“, versichert sie.

IMAG0764

Alexandros Cardinale und Massimo Anedda führen die Bar in der Nähe des Hölderlinplatzes im Stuttgarter Westen. Um 7 Uhr tanken Frühaufsteher hier ihren Espresso im Stehen, auch werktagvormittags ist das Vicino gut besucht, es gibt einen Mittagstisch, um 18 Uhr schließt es seine Pforte: eine „Tagesbar“ ohne Alkohol, rote Backsteinmauern im Inneren, die Einrichtung einen Ticken zu kühl, die Stimmung entspannt, die Bedienung aufmerksam und herzlich. Eine Uhr sucht man übrigens vergeblich an den Wänden. Im Vicino ist Entschleunigung angesagt.

Das nächste Mal aber ein Panino, denke ich mir. Und beiße wieder einmal in ein Aprikosencroissant.

Bar Vicino: Traubenstraße 45 − 70176 Stuttgart
(Haltestelle Hölderlinplatz)
Öffnungszeiten: Mo.−Fr. 7.00−18.00 Uhr, Sa. 9.00−16.00 Uhr