Gold – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 1)

Dass ich meine Wanderung durch Oberschwaben in einem ICE beginnen würde, überraschte mich selbst. So viel also zum Thema Entschleunigung. Die Realität war aus dem Zug hinausklimatisiert, vom Land da draußen gab es nur verschwommene Fernsehbilder durch die Fensterscheiben. Etwa dort, wo ich im Juni meine Flucht über die Schwäbische Alb abgeschlossen hatte, knüpfte ich im August meine fünftägige Durchquerung des schwäbischen Oberlandes an. Es würden die heißesten Tage des Jahres werden. Davon ließ der wolkige Morgen noch wenig ahnen.

Zwiefaltendorf_Fest_Landleben

Sommer in Oberschwaben

Zwiefaltendorf, die „Idylle an Ach und Donau“. Ein Schloss steht an der Donaubrücke. Auf dem Turm des sehr aufgeräumten, hübschen Kirchareals nisten Störche, gegenüber „Im Gäßle“ plätschert ein Brunnen vor einem strahlend blau gestrichenen Häuschen. An der Front steht um das Gesicht unseres Gestirns geheimnisvoll die Parole „Die Wahrheit liegt im Sonnenaufgang“.

Die monströse Hupe eines Lastwagens reißt das Dorf aus seiner träumenden Beschaulichkeit. Der Transporter hat erschreckend große Schlachtschweine geladen, ein Pestschweif zieht sich hinterher. (Wer nur mag solche Tiere essen?) Als Motorengeräusch und Schweinegestank jenseits der Donau ersterben, setzt sich das Dorf wieder durch. Essensduft zieht vom Gasthaus – ist es das mit der Tropfsteinhöhle im Keller? – über die Straße, schon sitzen (anders als in den Albdörfern) Menschen auf der Terrasse in Vorfreude auf das Mittagsmahl. Die Bahnhofsstraße hinaus stehen schmucke, alte Häuser aus einer bürgerlichen, nicht bäuerlichen Welt. In den Getreidefeldern knackt es. Hinter dem schmalen, langen Gleis kommt Wind auf. Es raschelt im Gebüsch, in den jungen Kirschbäumen, im hohen Mais.

Über weite Schleifen führt der Weg zwischen Waldsaum und Getreidefelder hinein ins Oberland. Ein Vogel schlägt Alarm, ein Reh setzt in hohen Sprüngen aus dem Korn ins Unterholz. Einmal noch holt die Zivilisation den Wanderer auf rohe Weise ein. Die Lastwagen brausen über die Bundesstraße, die den Wald durchschneidet, oder sie reihen sich auf dem Parkplatz, wo Polizeibeamte eine Kontrolle durchführen. Dann hat einen der Wald wieder und wenn man schließlich heraustritt, dort den Bussen sieht – den heilige Berg Oberschwabens, auf weite Strecke gen Süden die markanteste Erhöhung –, da den flachen Schwung von Hügeln, das Blau der Wälder, das erdige Gold der Kornfelder, teils bereits geschnitten, warme Flächen, gänzlich reifer Sommer, hier Wiesen und grüner Mais, seine Spitzen hell, die Fäden rot, immer wieder Wegkreuze unter schattigen Bäumen … Dann hat man sich längst verliebt in diese Landschaft.

Oberhalb des Dorfes Möhringen mit seiner auffallenden St. Vitus-Kirche und dem Pfarrhaus mit seinen schön bemalten Fensterläden, deren Muster mich an antike Formen erinnern, geht es rückseitig über einen Schleichweg den Bussen hinauf. Die Fichten stehen hier locker genug, um grünwuchernden Untergrund zu erlauben, es ist keiner dieser leb- und klanglosen, dunklen Forste, wo du auf dem braunen Nadelteppich, karg bis vielleicht auf Knochen und kleine Schädelchen, die Luft anhalten möchtest, um kein namenloses Unheil zu wecken. Rasch wird der Wald noch lichter mit Eschen und anderen Laubbäumen, geradeaus zieht sich der Weg als herrlicher Trampelpfad, das Gras wächst teils schulterhoch, nur der Gedanke an Zecken trübt die unschuldige Freude ein wenig.

Die Wallfahrtskirche auf dem Hügel steht im Gerüst, zwei Handwerker beschallen den Platz mit einem österreichischen Popsender. Von der Sakralität des Ortes ist da wenig zu spüren, doch der Blick nach Süden ist offen und weit und reicht an klaren Tagen – über den Federsee, über Felder und Wälder, über Ketten von Höhenzügen – bis zu den Alpen. Über eine Breite von über 300 Kilometern, das demonstriert eine gewaltige Panoramatafel, zeigen sich dann die Gipfel der Alpen, von tief im Bayerischen im Osten bis ins Berner Oberland im Westen. Kein Wunder, dass sich auf dem Bussen – heute noch vielbesuchter Wallfahrtsort – Hinweise auf eine Kultstätte schon in keltischer Zeit finden lassen.

Im Dorf unterhalb der Kirche setze ich mich in einen Biergarten mit Fernblick und freue mich, ein alkoholfreies Weizen einer Brauerei zu finden, die ich bisher nicht kannte. Alkoholfreie Weizenbiere überzeugen ja nur selten im Geschmack, dann aber sind sie mir – erst recht an einem heißen Tag auf Wanderung – mein größter Favorit. Das Bier der Brauerei Farny aus Kisslegg wird mir am heiligen Bussen zur Offenbarung: Mühelos schlägt es die bisherigen Favoriten, leicht und herrlich frisch ist es, süffig und rein im Geschmack ohne den kleinsten Anklang an Moder, wie es viel zu viele alkoholfreie Weißbiere haben. Ich habe mein neues Lieblingsbier gefunden.

Die Kellnerinnen sind freundlich und offen, nicht alle anwesenden Schwaben aber können aus ihrer Haut. Belustigt lausche ich den zahlenden Damen am Nebentisch: „Die Pommes zahle ich aber nur zur Hälfte, die andere zahlt sie“. Der Ort jedenfalls profitiert von den vielen Besuchern. Der Biergarten ist gut besucht, an der Straße gibt es einen Antik-Laden, den ein Herr mit wallend weißem Bart betreibt, auch ein Backhaus kennt das Dorf. Hier in Offingen ist Leben.

Unterhalb des Bussens geht es über kaum geschwungenes Land, abwechslungsreich und offen, weiter zum Federsee. Längst brennt die Sonne herab. Traktoren wirbeln Staub über den Äckern auf. Das Getreide, das sie schneiden, und das Stroh, das gefällt auf dem Felde bleibt, spielen in den verschiedensten Tönungen von Gold: Hellgold, Ockergold, Kupfergold zeigt sich mir an diesem Tage … Auf einem Waldweg steht ein Reh. Noch hat es mich nicht wahrgenommen, ich komme näher und warte jeden Augenblick auf das Heben des Kopfes, das kurze Erstarren, das Schnellen des Leibes. Da ist es endlich soweit. Ein kurzes Stück später mache ich eine Rast, einen Apfel und ein gekochtes Ei lang. Wieder taucht das Reh vor mir auf, quert, wechselt zurück, kommt nochmals ein Stückchen weiter unten aus dem Unterholz, trollt vor mir den Weg entlang, bis es schließlich endgültig im Wald verschwindet.

Als ich an einer Wegkreuzung nicht weiter weiß und die Karte studiere, hält ein Traktor mit beladenem Hänger neben mir und der Fahrer – golden das Haar, goldbraun seine Haut – fragt mich gutmütig nach meinem Ziel, erklärt mir ausführlich den Weg. Ich bedanke mich, mache einen Scherz, falle dabei wie von selbst in meinen eigenen Dialekt. Wir lachen. Ja, der Bussen mit seiner alten Tradition von Pilgern und Besuchern und seinem lieblichen Umland öffnet seine Menschen. Mir gefällt es.

Die Landschaft verändert sich. All dies hier war einst Teil eines nacheiszeitlichen Sees, dessen letzter Rest der Federsee bildet mit seinem weiten Speckgürtel aus Sümpfen, Mooren und Feuchtwiesen. An manchen Stellen ist das Gras am Waldrand verdorrt, regelrecht versengt von der Sommersonne. Überquere ich diese Flecken, spüre ich die Glut aufsteigen – und einen würzigen, heuartigen Geruch, der mich beinahe berauscht. Dann wieder duften die Feuchtwälder. Licht flimmert zwischen den hellen Stämmen, mannshohe Brennnesseln flankieren den Pfad.

Hinter Moosburg beginnt der lange Steg durch das Banngebiet Staudacher hinüber nach Bad Buchau, jener einstigen winzigen, ja kleinsten Reichsstadt überhaupt, die im Alten Reich von ihrem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil profitiert hatte. Das Wurzelwerk eines gestürzten Baumes ragt in die Höhe, Schlick und Brackwasser sind zwischen dem Pflanzendickicht unter den Planken zu ahnen. Ein Kanal zieht sich durch das Schilfmeer, das in seinem Herzen den Rest des Federsees verbirgt, der mit knapp anderthalb Quadratkilometern nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Größe darstellt (und trotzdem noch der zweitgrößte See in Baden-Württemberg ist).

Am Ortseingang biege ich ab zum Federseemuseum, wo schon steinzeitliche Menschen gesiedelt hatten, später Kelten sesshaft wurden. Zwischen den Hütten aus Neolithikum und Bronzezeit suche ich sie: teure Freunde aus Studienzeiten, durch Beruf und Familienleben in München und Ravensburg meinem Alltag entrückt, die als Archäologinnen und Archäologen im Augenblick aber hier im Museum arbeiten. Herzliche Umarmungen sind die Belohnung für die Wanderung, ich erhalte eine Vesper aus Ziegenkäse, Brot und Heidelbeeren – fast schon ein authentisches Mahl, scherze ich –, ich wiege Bronzeäxte, vergleiche an aufgereihter Wolle die Färbungen von Lindenblättern und Birkenrinde, trage abends tönerne Webgewichte in die Hütten und höre das Schmatzen der Holzwürmer im Gebälk der bronzezeitlichen Häuser. Der Zahn der Zeit, er nagt. Er frisst und frisst ohne Unterlass – an diesen Bauten, an unseren sozialen Beziehungen, an uns selbst. Doch heute ist alles Gold, Bronze, Licht.

Gold das Getreide, das gereihte Stroh auf den Äckern.
Bronze die Äxte am Federsee, die nackten Arme.
Licht der Himmel, der Blick übers Land, zu den Freunden.

Federsee_Oberschwaben

Zum Federsee

 

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Ludwigsburg Museum − Von der barocken Idealstadt zum freien Raum schlechthin

ludwigsburg museum_9783899862003Über dem kleinen Städtchen Murrhardt − etwa 40 Kilometer von Stuttgart entfernt zwischen den Hügeln des Schwäbisch-Fränkischen Waldes − thront eine der schönsten und besterhaltensten Jugendstilvillen Deutschlands. Die Villa Franck, benannt nach dem einstigen Ludwigsburger Kaffeefabrikanten Robert Franck, wird dem unbedarften Wanderer zur Epiphanie: der in der ländlichen Idylle unerwarteten Erscheinung eines hochherrschaftlichen Ausdrucks wilhelminischen Großbürgertums.

Die Industriellenfamilie Franck hat nicht nur im beschaulichen Murrhardt bis heute wahrnehmbare Spuren hinterlassen, sondern war an ihrem wirtschaftlichen Wirkungsort Ludwigsburg geradezu sprichwörtlich geworden mit dem „Ludwigsburger Gschmäckle“ − dem Röstaroma der Zichorienfabrik, das bis heute (der Caro-Kaffee ist längst Teil des Nestlé-Konzerns) bei Westwind in Ludwigsburg zu erschnuppern ist. Der Ersatzkaffee steht für eine württembergische Erfolgsgeschichte der Industrialisierung. 1868 in Ludwigsburg angesiedelt, machte Franck den Ersatzkaffee zu einem Massenprodukt mit internationalem Vertrieb und schuf mit seiner Handmühle für den ‚kleinen Mann‘ die erste Schutzmarke der Welt. Als einer der wichtigsten Arbeitgeber vor Ort formte die paternalistische Kaffeemittelfabrik aber auch das neue Gesicht der ehemaligen württembergischen Residenzstadt: Das Stadtbild sollte ‚arbeiterfrei‘ sein, Arbeiterfamilien daher im ländlichen Umland siedeln und als mit „Fersengeld“ ausgestattete Fußpendler täglich in die Fabriken ein- und ausziehen.

Die Bedeutung der Familie Franck für Ludwigsburg ist nur eine von vielen Facetten der noch jungen Stadtgeschichte, die seit 2013 im völlig neu konzipierten Stadtmuseum bzw. seit diesem März in der begleitenden Buchpublikation „Ludwigsburg Museum“ des Verlags avedition nachvollziehbar wird.

Während Stuttgart noch auf sein Stadtmuseum wartet (der Umbau ist in Gange), hatte das benachbarte Ludwigsburg mit dem MIK (Museum Information Kunst) bereits sein modernes Museum innerhalb barocker Mauern erhalten. Ein Grundanliegen ist, dass das MIK mehr als nur ein Museum darstellt. Das städtische Kultur- und Informationszentrum beherbergt neben dem Ludwigsburg Museum den Kunstverein, die Touristinformation der Stadt und ein Café „Zichorie“. Damit holt das Museum die Stadt der Gegenwart in die eigenen Mauern und wird wie diese zum Raum, „in dem Ereignisse und Haltungen aufeinander treffen dürfen“. Es erhebt damit den Anspruch, Stadt und Museum wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verschränken, also die Trennung von Innen und Außen, letztlich von Subjekt und Objekt (dafür sprechen auch die ausgestellten Porträtfotografien von Bewohnern Ludwigsburgs) aufzuheben.

Rund 25 000 Sammlungsstücke zur Kulturgeschichte Baden-Württembergs umfassen die Bestände, davon zeigt die Dauerausstellung 500 Stücke aus der 300-jährigen Geschichte der Planstadt Ludwigsburg. Kernstück der Ausstellung sind sechs thematisch konzipierte Räume: „Guter Fürst“ (über die Erbauung von Schloss Ludwigsburg als Keimzelle der Stadt), „Idealstadt“ (die Gründung einer ‚idealen‘ Stadt in der Nähe des Schlosses ab 1709 durch die württembergischen Landesherren), „Musensitz“ (der großen Geister der Stadt wie Friedrich Schiller, Eduard Mörike, Justinus Kerner oder David Friedrich Strauß), „Neuerfindung“ (im Zuge der Industrialisierung und dank vieler mit Ludwigsburg verbundener Erfindungen, die zu Klassikern der Moderne wurden, darunter Aspirin, Botox oder die Handbohrmaschine), „Soldatenstadt“ (von 1737 bis 1994 war der Ort Garnisonsstadt) und „Bürgerstadt“ (in dem das Selbstverständnis der Bewohner von der Zeit des Nationalsozialismus bis heute hinterfragt wird). Die Exponate stehen für sich, Erläuterungen sind von den Ausstellungsstücken räumlich getrennt: Anregung zur Eigeninterpretation − das fordert bereits das „Stadtbild“ im Eingangsbereich des MIK. Das Museum versteht sich damit nicht länger als ein Raum, der dem Bürger als Adressaten Modellentwürfe von Geschichte und Gesellschaft anbietet, sondern den Besucher einbindet und zu eigener Sinngebung anregt.

Die Wahl der avedition, des Verlags für Architektur, Design und Ausstellungsgestaltung, bis vor Kurzem in Ludwigsburg sesshaft, war für die begleitende Publikation naheliegend. Das Buch „Ludwigsburg Museum“ übernimmt im Wesentlichen die konzeptionelle Gliederung des Museums − inklusive des unterhaltsamen „Anekdoten-ABCs“, das über das Haus bzw. das Buch verteilt mit alphabetisch geordneten Schlagwörtern eine andere Möglichkeit des Erzählens von bzw. der Stadtgeschichte anbietet −, angereichert um Texte u.a. von Arno Lederer (stellvertretend für die sanierenden Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei), dem Museumsgestalter HG Merz und der Museumsleitung Alke Hollwedel. Wie im Museum sind alle Texte konsequent zweisprachig (deutsch und englisch) wiedergegeben. Naturgemäß fordert das Medium Buch dabei eine größere Nähe zwischen Text und Bild als Stellvertreter der Exponate bzw. des Raums selbst. (Das Werk zeigt über 150 hochwertige Aufnahmen von Roland Halbe − Architekturfotografien − bzw. kienzle|oberhammer, verantwortlich für die Objektfotografien).

Stilistisch besticht die zurückhaltende Umschlaggestaltung − die hochauflösende Abbildung einer Grundmauer in Grautönen mit minimalistischer weißer Beschriftung. Inhaltlich transportiert sie gleichermaßen Beginn und Historizität, Fundament wie Herausforderung und schafft in Entsprechung zur Fassade, zu den Grundmauern des Museums den Rahmen für seinen reichhaltigen Inhalt. Den spiegelt gestalterisch der Goldton im Innenteil des Buches wider. Während der dezent schmückende Charakter im Textteil (in Titeln, Initialen usw.) elegant unterstreicht, wirkt der goldene Vorsatz (genauer: gold bedrucktes Bilderdruckpapier des Werkes) allerdings doch zu flächig und opulent. Nebenbei ist das Gold anfällig auf Fingerdruck und schlägt sich schnell auf den gegenüberliegenden Seiten nieder − so gesehen kein Buch für die intensive Benutzung.

Nichtsdestotrotz legt avedition mit der Ausgabe eine ansprechende Handreichung zum Ludwigsburg Museum vor. Für den erst im Februar nach Stuttgart umgesiedelten Verlag eine sehenswerte Neuerscheinung und ein viel versprechender Start am neuen Standort. Lassen wir uns also vom Ludwigsburg Museum zu unserer eigenen Deutung von Raum und Zeit verführen.

Ludwigsburg Museum. Herausgegeben von der Stadt Ludwigsburg und Alke Hollwedel. 238 Seiten mit 152 farbigen Abbildungen. Gebunden.  2014, Ludwigsburg Museum, avedition GmbH, Stuttgart.

Darüber hinaus auf zeilentiger liest kesselleben …

Einen Beitrag zu avindependent, des früheren Schwesterunternehmens von avedition, bietet diese Filmpremiere.

Auch das im Werden begriffene Stadtmuseum Stuttgart fand bereits Nennung.

0711 ausgeworfen und eingeholt

Das menschliche Antlitz der Institution

Es wird einmal ein Museum sein im Stuttgarter Wilhelmspalais, dort, wo noch an der Außenfront in großen Lettern die alte „Stadtbücherei“ prangt und zur Zwischennutzung ein beliebter Partytreff war. Das Stadtmuseum Stuttgart wird ein Museum des 21. Jahrhunderts sein, mit Betulichkeit oder Selbstbeweihräucherung hat so etwas schon lange nichts mehr zu tun. „Wie wurde aus Stuttgart, was es heute ist? Was waren wichtige Impulse für die Entwicklung der Stadt?“ sind Fragen, denen sich das Museum stellen wird, aber auch und ganz wichtig: „Wie könnte die Zukunft der Stadt aussehen?“ Das Stadtmuseum als einer der Ort also, an denen Zukunft ausdiskutiert und erprobt werden darf.

Fundstück

Stuttgarter Fundstück

Da es bis zur geplanten Eröffnung 2017 noch ein wenig hin ist, lädt das Museum dorthin ein, wo uns seine Räume jetzt bereits offenstehen: in den virtuellen Raum. Online-Projekte wie etwa „Meine Stadt − Meine Geschichte“, ein bundesweites Kooperationsprojekt zur Migrationsgeschichte, findet sich dort genauso wie ein museumseigener Blog unter Verantwortung von Markus Speidel, „wissenschaftlicher Mitarbeiter, Baureferent, Ausstellungskoordinator, Social Media-Fuzzi und sonstiges Mädchen für alles“, wie er sich selbst vorstellt. Über den Blog können wir dem Team bei seiner alltäglichen Arbeit über die Schulter schauen und den Entstehungsprozess eines neuen Museums fast hautnah mitverfolgen. Eine klasse Idee und so etwas wie ein langer Teaser für die Eröffnung des Museums − sympathisch und bestechend persönlich umgesetzt.

Nun hat Markus ein sogenanntes Blogstöckchen als Regionalstöckchen in der 0711-Version ausgeworfen: An 0 Blogs von außerhalb Stuttgarts und 7 Blogs aus Stuttgart werden 11 Fragen gestellt.

Elf Fragen sollt ihr sein

1. Warum gibt es Deinen Blog? Ich schreibe gerne. Besonders gerne, wenn damit kein beruflicher Druck verbunden ist. Für einen solchen spielerischen Umgang kommt mir das Bloggen sehr entgegen. Der Weg zum eigenen Blog war allerdings ein langer. Vor zehn Jahren etwa, als ich ins Ausland ging, wusste ich noch nichts von der Existenz von Blogs und informierte Verwandte, Freunde und Bekannte über Rund-E-Mails mit Berichten aus meinem Gastland. Später, als ich Facebook nutzte, veröffentlichte ich dort unter anderem regelmäßig Rezensionen zu Büchern, Filmen, Cafés, Kulturveranstaltungen usw. Bis mir eines Tages jemand sagte: Schreib doch einen Blog, da ist das alles doch besser aufgehoben! Dazu kommt, dass ich noch nicht so sehr lange in Stuttgart wohne und mir mein Blog auch als Instrument zur Stadterschließung dient. „Zeilentiger liest Kesselleben“ gibt es nun ein knappes Jahr.

2. Welcher Deiner Blogbeiträge war am erfolgreichsten und was glaubst Du, woran das lag? Am erfolgreichsten im Sinne der Aufrufzahlen war Fitness first!, eine Sammlung alltäglicher Absurditäten, Beobachtungen also, die jeder Besucher eines Fitnessclubs machen kann. Das fand entsprechend Leser und ‚Aggregatoren‘ zur Weitergabe. Ein wirklicher Dauerbrenner hingegen ist Ein Stern im Süden – Zacke: „Das Bier aus Stuttgarts schönstem Flecken“ − einfach eine tolle Aktion von ein paar Leuten aus dem Lehen und ein Ergebnis, das schmeckt. Ein bisschen Kult. Die meisten Kommentare gab es zu Schmollmund und Tattoo im Markt am Vogelsang, wofür auch eine sprachliche Eigenheit verantwortlich sein mag, auf die die Gemütlichen Sitzsätze in ihrem 0711-Beitrag hinweisen.

3. Über was würdest Du nie schreiben? Fastfoodketten, Technik-Gimmicks, Verbrennungsmotoren? Aber man weiß ja nie …

4. Was wäre die bessere Bezeichnung für „Blogstöckchen“? Denkt man bei Blogstöckchen an den Staffelstab, der immer weitergegeben wird, kommt für 0711 doch eigentlich nur ein Wort in Frage: „Stäffele“. (Leser ohne Stuttgartkenntnisse könnten dazu das hier hilfreich finden.)

5. Was bedeutet Heimat für Dich? Die Frage kommt mir doch sehr bekannt vor. Richtig, in In einen Buchenstab geritzt, irgendetwas über Heimat habe ich erst kürzlich darauf Antwort gegeben.

6. Was hast Du, was das Stadtmuseum Stuttgart nicht hat und was es dringend bräuchte? Die Einladung zu meiner letzten „Fenster zum Hof“-Party? Meinen Blog als Beitrag zu den Stadtgeschichten? Nein, nein, an Stuttgart muss ich erst noch wachsen, bevor ich etwas Dringliches beisteuern kann. Womöglich könnte ich ja wenigstens meinen Arbeitgeber überzeugen, etwas aus unserem Verlagsarchiv beizusteuern.

7. Was muss ein Museum haben, damit Du reingehst? Interaktivität. Es muss im wörtlichen Sinne „begreifbar“ sein, möglichst viele Sinne ansprechen und den Besucher aktiv miteinbeziehen und zum Tun herausfordern − also als ein handelndes (und − homo ludens lässt grüßen − verspieltes) Subjekt ernst nehmen.

8. Welche Speise ist für Dich untrennbar mit Stuttgart verbunden? Die Semmeln pardon Weckle der Bäckerei Metzger in Heslach. Eine große Auswahl an Sorten und eine jede hat ihren eigenen und guten Geschmack. Das ist in Zeiten von Einheitsware und Backfabriken etwas Kostbares geworden.

9. Welcher Sound ist für Dich typisch Stuttgart? Lange überlegt und „im Ohr“ durch Stuttgart gewandert: kein spezieller Sound der Stadt. Also Musik. Das könnten die Tiger Shower Caps sein: eine Stuttgarter Band, die gar nicht nach Stuttgart klingt. Und trotzdem für mich sehr Stuttgart ist.

Liebeserklärung an Stuttgart?

Liebeserklärung an Stuttgart?

10. Welches Vorurteil über Stuttgart ärgert Dich am meisten? „Stuttgart ist hässlich.“ Alter Schwede. Zugegeben, früher dachte ich das selbst einmal. Seit ich hier wohne, sehe ich die Stadt mit ganz anderen Augen. Seien wir ehrlich: Ja, es gibt genügend Hässlichkeit in Stuttgart. Aber es gibt auch eine ganze Menge ganz und gar nicht Hässliches. Kürzlich kam ich von einer kleinen Reise zurück und wanderte nachts auf dem Heimweg durch zwei Bezirke und hörte mich plötzlich zärtlich sagen: „Bist du schön, Stuttgart.“ Die Liebe, sie reift … Daher freue mich auch jedesmal, wenn Besucher, mit denen ich die Stadt zu Fuß oder mit dem Rad erkunde, am Ende sagen: „Du wohnst aber in einer schönen Stadt.“ Geht doch.

11. Du hast drei Wünsche frei, welche sind das? Meine privaten Wünsche erzähle ich besser bei einem Bier, zum Thema Weltfrieden hat André Dietenberger ja schon alles gesagt und den bezahlbaren Wohnraum haben die Gemütlichen Satzsitze schon angesprochen. Was bleibt?

1. Stuttgart als lebensfrohes Experimentierfeld der Zukunft und dazu gehören (vermutlich) auch noch mehr Spielräume gesellschaftlicher Vernetzung, die die Menschen zusammenbringt und Grenzen zu überwinden hilft.

2. Mehr sonnige Außenplätze an Cafés und grünschattige Sitzräume. Das macht eine Stadt erst so richtig lebendig.

3. Dass die Ratzers noch lange ihr Schallplattencafé führen. Zugegeben, das war jetzt doch schon ein recht privater Wunsch.

Und die Stafette geht weiter

Vielleicht wollen Black Dots White Spots, die Reisemeisterei, Mojo from the Blog, Patrick Schneider und womöglich als „Externe“ auch bittemito (Frau Knobloch verzeihe das folgende pragmatische „du“ und betrachte die Fragen in der Vergangenheitsform) das „Stäffele“ aufgreifen (der Taxiblog Stuttgart scheint ja leider nicht mehr aktiv zu sein). Es ist auch geschrumpft auf sieben Fragen.

Die Regeln sind denkbar einfach: Verlinkt euren Artikel mit demjenigen, von dem ihr das Blogstöckchen habt und gebt im Kommentar Bescheid, wenn ihr fertig seid. Und wenn ihr Spaß daran habt, verfasst eure eigenen 0711-Fragen und gebt sie an eine von euch bestimmte Zahl an Bloggern weiter.

Was wird die Stadt der Zukunft bringen?

Was wird die Stadt der Zukunft bringen?

1. Was macht dich glücklich in Stuttgart?

2. Was stört dich an an der Stadt am meisten?

3. Und was verzeihst du ihr am bereitwilligsten?

4. Welche Farbe hat für dich Stuttgart?

5. Das Stuttgart der Zukunft − was braucht es unbedingt?

6. Welche andere Stadt muss es noch sein für dich?

7. Dein Geheimtipp zu Stuttgart?

 

Autostadt Stuttgart

Ein völlig überforderter Hongkong-Chinese bittet mich an einer Stadtbahn-Haltestelle um Hilfe. Fast eine Viertelstunde lang erkläre ich die Tücken des Fahrkartenautomaten, lese ihm die Abfahrtszeiten vor und beschreibe die Verkehrslinien. Am liebsten, habe ich den Eindruck, würde mich der Chinese als Wegführer und Dolmetscher mitnehmen. Sein Ziel sind das Mercedes-Benz Museum und das Porsche Museum. Sie sind ihm so wichtig, dass er sich morgens übermüdet und verkatert auf den Weg macht, während sein Gastgeber noch den Partyrausch ausschläft. Ich schiebe den Besucher schließlich in seine Bahn und blicke ihm nach. Kraftfahrzeuge: auch das ist Kultur in Stuttgart.

Erstveröffentlicht im „Extrablatt“ von Sibylle Berg und Henning Wagenbreth in der Stuttgarter Zeitung vom 21.2.2013.