Kurze Gedanken auf einer Zugfahrt

Geht ein Plan nicht auf, muss er neu justiert werden. Die Lebenskunst ist es wohl, darin nicht eine Ungerechtigkeit oder ein Ärgernis, sondern eine Chance zu sehen.

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Wie die Menschen in die Züge drängen, wie stumpfes, stieres Vieh, ist mir schon geradezu ekelhaft. Hier könnte, meine ich, die Zivilgesellschaft üben. Doch wie macht man das? Wo setzt man an?

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„Plötzlich war es so dunkel, dass ich im Norden kaum mehr den schwarzen Himmel und das schwarze Meer unterscheiden konnte. Nur die hellen Lichter der fernen Fischkutter zogen langsam am Horizont entlang; wie große Mähdrescher, die die Dunkelheit einfuhren, markierten sie die Trennlinie zwischen den beiden.“ (Robert Macfarlane, Karte der Wildnis)

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Der Punkt Baden-Württembergs, der am weitesten von einer Bahnlinie entfernt liegt, dürfte in Hohenlohe liegen, das legt die Streckenkarte nahe.

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Der Friede des Abends im letzten Licht. Die Menschen auf den Bahnsteigen, Massen untertags, Verlorene nachts, sind in dieser Stunde befreundeten Wesen gleich. Selbst der Güterzug fährt behutsamer durch den Bahnhof als gewohnt.

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„Wie gut: Zu gehen und zurückzukehren. / Man könnte Schlimmeres sein als Birkenschaukler.“ (Robert Frost, Birken)

Allgäu_Hoinzen

Sauber aufgereihte „Hoinzen“

Gemeinschaften

Trotzdem wäre der Bayer mit allen fertig geworden und hätte sie von sich geschubst und getreten wie Plunder, wenn sich nicht endlich auch der Allgäuer bequemt hätte, in den Kampf einzugreifen. Wie ein Mehlsack ließ er sich auf den Bayern fallen und schrie: „Ich blas‘ dir das Licht aus! Ich blas‘ dir das Licht aus, wenn du uns nicht auf der Stelle den Schimpf abbittest. Sieben ehrsame, wackere Männer aus dem Schwabenland mit Ungeziefer zu vergleichen! Bitte ab, Bayer, oder es ist um dich geschehen.“
(aus Den Sieben Schwaben, in der Stoffgestaltung von Barbara Bartos-Höppner)

Frühstück auf dem Wochenmarkt der Provinzstadt. Ans andere Ende der Bierbank setzt sich ein Klassenkamerad. Unsere Augen begegnen sich, aber er erkennt mich nicht. 20 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Die an mir bin ich mir nicht bewusst; die an ihm sind es mir umso mehr. Nichts weiß ich von seinem Erwachsenenleben, außer dass er Ingenieur ist für ein bekanntes deutsches Unternehmen und irgendwann in Asien drüben für seine Firma. Seine Kleidung ist ausgesucht, sie sticht ab von seinen Begleitern – den Eltern, den Freunden, vielleicht ist er auf Auslandsbesuch hier in der einstigen Heimat -, die Uhr teuer. Aber sein Gesicht ist Erschöpfung. Es geht ihm nicht gut. Das ist so offensichtlich, so stark, dass ich es nicht wage, ihn anzusprechen. Und so erhebe ich mich, ohne mich zu erkennen gegeben zu haben, und gehe weiter, verschwinde wie ein unbeflaggtes Schiff im Nebel der Geschichte.

Vor der Raiffeisenbank des Marktfleckens müht sich ein Paar vorbei. Ich erkenne etwas in ihnen. Aber ja doch, das müssen irgendwelche Verwandte eines Schulfreundes sein! Erst als sie verschwunden sind, begreife ich es: Es sind seine Eltern. Diese alte Frau da am Stock, das ist jene Mutter, die ich vor 25 Jahren erlebt habe. Regungslos sitze ich im Auto, wie gelähmt von der zweifachen Begegnung mit der gefräßigen Bestie der Vergänglichkeit an nur einem Tage.

Wir sind, was wir essen. Wölfe zumindest sind es, führt Shaun Ellis aus. Erlegt ein Rudel ein Tier, bestimmt die Rangordnung darüber, welche Teile des Wilds sie fressen. Dabei spiegelt dieser feste Speiseplan nicht nur die Hierarchie an sich wider, sondern erfüllt auch eine Funktion. Was braucht jeder Rang seiner Aufgabe nach? Das Alpha-Paar ernährt sich vorwiegend von Innereien und Muskelfleisch von Läufen und Rumpf. Die „Vollstrecker“, die eigentlichen Jäger und Töter, fressen fast ausschließlich vom Fleisch von Läufen und Rumpf. Die „Tester“, die weniger kämpferische als gewisse soziale Fähigkeiten benötigen, erhalten neben Fleisch vom Hals und Rücken mehr Anteile vom Magen mit seinen pflanzlichen Inhalten usw. Mehr noch, sagt Ellis, denn das Alpha-Weibchen beeinflusst mit der Auswahl des Wilds die Qualitäten und das Verhalten des Rudels: Sollen die Tiere vor der Brunft angestachelt werden, sucht sie ein anderes, individuelles Ziel als Jagdbeute aus, als wenn sie das Rudel kurz vor der Niederkunft ‚runterfahren‘ will.

Wir haben kein Tier erlegt. Auf dem Tisch steht eine große Schüssel Kässpatzen mit gerösteten Zwiebeln und Schnittlauch, daneben eine zweite mit grünem Salat aus Großmutters Garten. Ein Gemälde, das nur darauf wartet, für den Blog fotografiert zu werden. Ich lasse es. Wer aber sind wir?

Nachmittags treffe ich …, wir teilen einen gemeinsamen Urgroßvater, seine Frau ist auch Lektorin. Später noch weitere Verwandtschaft, vielleicht zwei- oder dreimal im Leben gesehen, die Zuordnung fällt mir schwer. Wundern, dass wir an einem gemeinsamen Tisch sitzen. Dann setze ich mich unter die Linden und beginne zu schreiben.


Barbara Bartos-Höppner, Die Schildbürger und Die Sieben Schwaben, Würzburg: Arena 1991, S. 141.

Shaun Ellis mit Penny Junor, Der mit den Wölfen lebt. Aus dem Englischen von Gisela Kretzschmar, München: Random House 2010.

Hohenlohisches Itinerar

Flimmern über den Gleisen. Reicher Sommer, und sei’s nur heute.

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LIMES steht auf dem Stein. Ich quere die unsichtbar gewordene Linie und betrete Barbarenlande. Über mir glüht die Sonne.

Die Stadtrandsiedlung ist neu, die zwei Reihen von Erdschüttungen an ihrem vorläufigen Ende schiere Blumenpracht: ein Paradies auf modernen Wällen.

An der baumbeschatteten Kreuzung eine Unsicherheit. Hunde bellen mich an. Ich schlage den falschen Weg ein, korrigiere mich nach einem Blick auf die Karte und mache kehrt. Die dicke Frau auf der Bank, an der ich eben noch fremd und schweigend vorüber bin, spreche ich nun an. „Da habe ich doch den falschen Weg genommen.“ Sie greift den Ball fröhlich auf: „Und das bei diesem Wetter!“ Große Traktoren, Mähmaschinen.

Unter der Autobahn hindurch. Das letzte Mal auf ihrer Fahrbahn über mir dürfte um 4 Uhr morgens nach einem langen Konzertabend in Nürnberg gewesen sein. Eine Band kündigte auf dem kleinen Progrockfestival einen Coversong von Kansas an und ich brüllte meine Begeisterung hinaus, als einziger im Saal. Die Rückfahrt eine Qual aus Müdigkeit und Winterregen, ich war sterbensmüde und wagte nur deswegen nicht, auf dem Beifahrersitz einzuschlafen, weil ich spürte, wie der Fahrer selbst mit seiner Müdigkeit kämpfte und kämpfte. Gemeinsam haben wir es geschafft.

Hinter der Unterführung Weinsbach, hübsch und beschaulich wie sein Name. Am Dorfende zwei Jungs vor mir, sie biegen ab zu einem Trampolin, werfen mir nur einen Seitenblick zu. Ich hätte sie gerne gegrüßt, aber zu rasch drehen sie dem Fremden wieder den Rücken zu. Auch der Mann an dem beschatteten Fischteich misst mich mit misstrauischem Blick. „Grüß Gott, falsch abgebogen“, sage ich und seine Hab-acht-Stellung wird zum Gönnertum: „Ja, das kommt vor.“

Nicht in die Allee mit den silbrighohen Bäumen hinein, sondern in einem Bogen den Hügel hinauf. Ein Moped überholt mich. Als ich die Kuppe erreiche, hat es bereits die folgende Höhe erklommen.

Gelbes Getreide (ich möchte gilbend schreiben, wie Lakritze es tut), goldenes Stroh, Baumreihen in den Tälern, im Blau des Himmels ein Raubvogel. Von den Kirschen am Wegesrand nasche ich eine, dann eine zweite nur und bete, der Besitzer möge die Früchte mit allem Ernst und aller Hingabe ernten und sie nicht etwa verkommen lassen, denn köstlicher als diese können Kirschen nicht sein.

Gehöfte, groß und steinern und einsam. So stehen ihre Namen auf der Karte: Haberhof, Göltenhof, Orbachshof. Dazwischen immer wieder ein Hungerberg. Gewellt ist das Land, ohne weite Sicht, hell und trocken und still. Provinz, ganz warm.

In der Senke eine Furt, klares Wasser strömt, erst auf den zweiten Blick sehe ich das Brücklein für Fußgänger zwischen den Büschen. Heu ausgestreut auf dem Weg hinauf auf den nächsten Hügel, der goldene Schnitt des Ackers führt direkt in den Himmel. An der Wegkreuzung ein Baum, eine Bank. Ein Auto irgendwo, kein Mensch zu sehen. Erhabenheit in kleinen Dimensionen, dem Menschen gerecht.

Die Mittagsstube des Hirschen ist voll besetzt. Der Duft von Sonntagsbraten und neugierige Blicke auf den schweißglänzenden Wanderer. An der Theke warte ich geduldig, ich zahle das alkoholfreie Weizen gleich, das Herbsthäuser schmeckt köstlich. Der Neunfingerwirt kommt aus der Küche, begrüßt Stammgäste, knüpft dann ein Gespräch mit mir an. Wenige gehen diesen Wanderweg, erzählt er in seinem westfränkischen Dialekt. Es ist halt doch nicht der, der … Er stockt, sucht nach einem Namen, als er nicht weiterkommt, helfe ich aus: „Der Jakobsweg.“ „Genau“, ruft der Wirt. „Und ich wollte schon sagen: Johannesweg! Das eine wie das andere.“

Im Tal dann eine neue Seite: Pfade durch den Auenwald. Fröhliches Kindergeschrei, ein Flüsschen, plantschende Menschen zwischen Bäumen.

Die Kupfer mündet in die Kocher, auch hier schwimmen Kinder im Gewässer. Eine Blaskapelle spielt auf der Uferwiese. Forchtenberg selbst, Geburtsort von Sophie Scholl, liegt im Mittagsschlaf, die Weinstube Winkler ist noch zu. Ich werde für sie einmal wiederkehren mit einem Freund aus der Region oder für den Freund wiederkehren zu ihr, irgendwann einmal.

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Diese Dorfbahnhöfe zwischen Einsamkeit, Flucht und Heimat. „Schön, dass du da warst.“ Und ein junger Mensch nickt unter seiner Sonnenbrille, packt seinen Rucksack und zieht wieder hinaus in die große Welt.

HohenloheHohenlohe_AckerHohenlohe_WaldHohenlohe_Forchtenberg

Tiroler Flaschenglas

Am Abend sind wir noch ins Tirol hinübergefahren. Am Ufer ist das Wasser des Plansees überwältigend klar, in der Tiefe wird es zu Flaschengrün, von der Sonne zu gletscherkaltem Smaragd veredelt. Auf den Campingplätzen am Nordufer wollte ich nicht Urlaub machen. Etwas eng ist es mir hier, auch weil die Berge bis hoch hinauf bewaldet sind. Es fehlen mir die offenen Grashänge der Allgäuer Alpen.

Zwischen Fichten und Kiefern umrunden wir den See. Muren ziehen sich die Berghänge herab, Steinwüsten für ein paar Dutzend Schritt. Die Wege müssen nach jedem Abgang neu gespurt werden. Am Hotel Forelle wirft der See seine Enge ab, nach drei Richtungen weitet sich die Sicht. Der kahle Rücken der Hochplatte lockt im Norden, gen Osten reicht der Blick ins Garmische hinüber und nach Südwest öffnet sich das Tal für den benachbarten Heitterwanger See.

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Das Wasser ist still. Der Kenner erzählt, dass es am frühen Abend immer so ruhig und glatt werde. An seinem geheimen Liegeplatz machen wir Rast. Einen Privatstrand durch Landgewinnung hat er hier geschaffen, vom Weg aus nicht einsehbar, eine Mauer aus Steinen geschichtet und das Neuland mit Strandkies aufgefüllt. Die Mauer hat den Winter überstanden, freut sich der Kenner und holt für jeden einen Rindslandjäger und eine Scheibe Brot heraus. Manchmal sind die Dinge so gut wie einfach.

Wie kalt das Wasser wohl ist? 17 Grad, ruft es vom Ufer. „Bei 17 Grad habe ich mein Freischwimmerabzeichen gemacht“, sagt jemand. Ich lege die Kleidung ab. 14 Grad, kommt eine Korrektur. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich vielleicht nicht hinein. Das Smaragdwasser hat inzwischen seinen Glanz verloren. Nur eine Lichtschneise zieht sich hinüber zum Taleinschnitt, wo die Sonne an diesem zweitlängsten Tag des Jahres noch immer am Himmel steht. Dorthin schwimme ich ein Stück, es ist frisch, aber machbar, merkwürdigerweise am schlimmsten für die eigentlich doch abgehärteten Hände, sie werden als Erstes klamm. Ich wende. Gewässer, in denen nur ich alleine schwimme, sind mir nie ganz geheuer.

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Motorräder dröhnen auf der Straße am anderen Ufer, legen sich in die Kurven zwischen Reutte und Oberammergau, schnittige Wagen lassen die Motoren aufheulen. „Da schaut her, wie blöd die tun.“ „Die gehören eigentlich ausgesperrt.“ Friede kehrt erst mit der Stille wieder. Eine Nachbarin aus Kinderzeiten reicht mir einen Fruchtriegel und nennt mich spontan bei meinem einstigen Spitznamen. Ein warmes Gefühl steigt in mir auf.

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Dort, im Schatten des Tauern, zwischen Föhren und Sumpfgras, begegneten sich einmal zufällig zwei meiner Verwandten. Der eine war auf dem Heimweg von seinem Badeplatz am Plansee. „Und wohin gehst du?“, fragte er den anderen. „Nach Japan“, antwortete der. Ganz so weit kam er nicht. Als er zu Fuß in Istanbul eintraf, beschloss er, erst einmal genug gewandert zu sein.

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Terminus Britanniae

„Möcht’ durchaus nicht Kaiser heißen,
nicht Britannien durchwandern, …
Skythenwinter nicht erdulden.“

Diese Verse gibt ein Dichter Kaiser Hadrian mit auf den Weg nach Britannien. Anders als sein Vorgänger Trajan – unter ihm hatte das Imperium seine größte Ausdehnung erhalten – setzt Hadrian nicht auf Eroberungspolitik, sondern auf Konsolidierung. Und Konsolidierung bedeutet im äußersten Norden des Reiches, dort, wohin Händler und Soldaten, nicht aber die villae rusticae der verfeinerten römischen Lebenswelt gefunden haben, eine Linie zu ziehen hin gegen das Ende der Welt. Und so errichten 15 000 Mann eine Mauer zwischen Küste und Küste, von der Mündung des Tyne im Osten hinüber an die Salzmarschen an der Irischen See. „Die Römer haben nun den besten Teil von Britannien“, schreibt der Historiker Appian. „Um den Rest kümmern sie sich nicht, denn auch das Gebiet, das sie innehaben, ist nicht eben ertragreich.“ Regen peitscht über das Land, im Winter liegt Schnee.

In Manchester herrscht Sommer. „Yes, darling, yes“, antwortet die Zugbegleiterin. Schöner könnte eine Begrüßung kaum ausfallen. Die Sonne scheint auf Gleise, Hecken, rote Backsteinhäuschen mit Miniaturgärten. Ortsnamen wie Gatley, Burnage oder Ardwick ziehen am Fenster vorbei, die Geschäftsleute neben mir sprechen Dänisch. Ich bin viel zu warm angezogen, denke ich mir.

Als ich in York umsteige, fröstel ich. Vor gut zwanzig Jahren stand ich schon einmal hier unter den Bogendächern aus Stahl und Licht. Ich erinnere mich nicht daran. Eine Festgesellschaft strömt in die Bahnhofshalle. Die Damen bevorzugen Creme- und Pastelltöne, dazu einen Strohhut. Gibt es auf dem Kontinent ein Land, in dem so viel Farbe gezeigt und zugleich so deutlich Zurückhaltung demonstriert wird? Auf einer anderen Ebene haben die Damen ihre englische Reserviertheit aber bereits unterlaufen. Sie sind betrunken, sie lachen und kreischen auf den Bahnsteigen.

Der Schriftzug des Unternehmens Virgin Trains ist mir von den Schallplatten her bekannt. Auch in diesem Zug stecken die bedruckten Reservierungskärtchen auf den Kopfpolstern der Sitze, er fährt aber flotter als die Bummelbahn des Transpennine Express‘. Die roten Bezüge vermitteln das Flair einer Theaterloge. Das ist sehr schick und sehr elegant und kein Vergleich zur Deutschen Bahn. Vorbei die Zeiten, in denen ich englische Züge mit Verspätungen, Müll und Vernachlässigung verbunden habe? Irritierend bleiben die Durchsagen eines demokratischen Überwachungsstaates – die Angst vor Terrorismus ist allgegenwärtig. Wie harmlos gibt sich im Vergleich das öffentliche Leben in Deutschland. Wie schnell aber würde sich das wohl ändern nach einem Anschlag islamistischer Attentäter hierzulande? Es dämmert. Die Wolken hängen tief, Regen liegt in der Luft. Das Land entlang der Trasse ist sehr flach. Hier bloß nicht wandern, denke ich mir. Doch im Osten, zur Küste hin, kauern die Schemen von Hügeln. Die kleinste Erhebung reicht, um das Land gefällig zu machen. Viel Wald ist da draußen, die Felder erscheinen mir weitläufiger als im Süden Englands, die Hecken höher. Es ist Bauernland hier, wo nicht grün, dort gelb von der Rapsblüte. Eine Müdigkeit drückt sich auf meine Schultern und ich komme mir, während der Zug weiter nach Norden rauscht, in die Nacht hinein, vor wie auf einer hoffnungslosen Flucht.

Die Mauer war in vier Jahren errichtet und wurde immer weiter verändert. Sie blieb nicht dauerhaft die Grenze. Mehrmals versuchten die Kaiser, wie auch schon vor Hadrian, den römischen Herrschaftsbereich nach Schottland hinein zu verlegen. Von Dauer waren diese Versuche nicht, und im Großen und Ganzen blieb der Hadrianswall für knapp 300 Jahre die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Bewacht wurde sie nicht von den Legionen, sondern von Hilfstruppen aus allen Teilen des Reiches: Menschen aus wortwörtlich halb Europa, aus Nordafrika und dem Nahen Osten bis hin zu einigen Bootsleuten aus dem Irak waren hier an der Mauer oder in ihrem Umfeld stationiert. Welche Mobilität, welche Logistik und ja, auch welche Möglichkeiten kultureller Horizonterweiterung das Römische Reich eröffnet hatte! Der Weg dorthin war natürlich eine Geschichte der Gewalt und Unterdrückung. Das kann uns kein Vorbild sein. Und trotzdem wünsche ich mir dort vor den Altären antiker Götter, die Europäische Union möge sich aller Herausforderungen zum Trotz – in Frieden und Vielfalt – lebendig erhalten.

Dann schultern wir unsere Rucksäcke, verlassen das Lager Segedunum und brechen auf gen Westen.

Newcastle, Hadrianswall, Wandern, Hadrian's Wall Path

Marschroute (Foto mit freundlicher Genehmigung von Stephan Scheiper)

Die Übersetzung des Dichters Florus (überliefert in der Historia Augusta, Hadrian 16, 2) ist Kai Brodersen, Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte, Darmstadt 1998, S. 166, entnommen. Das Zitat von Appian, Prooimion 5,18, ebd., S. 180.

Wer sich für Geschichte begeistern lassen kann, wird mit Segedunum in Newcastle upon Tyne eine gute Wahl treffen. Das wunderbar lebendige Museum ist auch für Kinder sehr geeignet.

Hanse ruft

In Flachdeutschland. Ich habe Angst, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt.

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Die oberschwäbische Reisegruppe, ganz im Saft ihres Dialektes, ist Staunen über die ungewohnten Klänge der norddeutschen Rentnerinnen vor ihnen. „Doa verstoasch alles. Aber dia it eis.“ (Übersetzungshilfe? Da verstehst du alles. Aber die nicht uns.)

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Ich passiere das Logenhaus der Freimaurer und steige ein paar Stufen in eine Matroschka aus hellroten Ziegeln hinauf. Denn wer das Hotel betritt, sieht sich darin weiteren Hotels gegenüber. Das ist beim ersten Mal verwirrend.

Die losen Marmorplatten des Treppenhauses knirschen unter den Schuhsohlen. Im dritten Stock wende ich mich nach links, denn rechts liegt das falsche Hotel. Eine hohe Tür aus weiß lackiertem Holz und Messing, dahinter Teppiche und Stille. Mein Zimmer liegt der Rezeption genau gegenüber. Es ist tadellos, wenn auch das schmalste Hotelzimmer, das ich je gesehen habe. Ich höre das Papierrascheln der Rezeptionistin. Es gab, wenn ich mich recht erinnere, nie zuvor in meinem Leben einen Grund, weshalb eine Universität mir hätte ein Hotelzimmer bezahlen sollen. Jetzt weiß ich, wie das ist.

Morgen Früh darf ich nicht vergessen, der Frühstücksdame ins Gesicht zu sehen, wenn ich etwas sage, denn ansonsten kann sie mir nicht von den Lippen lesen.

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„They hired a guy called Mark.“

Das könnte der Anfang einer Geschichte sein.

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Seminar, Abendessen an der Sternschanze, Texte bearbeiten für den nächsten Tag, bis die Augen zufallen. Die Menschen sind dankbar.

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Diese furchtbare Betretenheit in Frühstücksräumen und anderen Fällen, wo fremde Menschen in einem Zimmer zusammenkommen: jedes Wort ein Flüstern, jede Bewegung ein Eiertanz, Blicke aus Augenwinkeln, steife Haltung.

Dann kommt endlich der Typ mit der Mark-Geschichte von gestern – T-Shirt, das weiße Haare schnittig, der Körper sportlich, die Arme sehnig – und mischt den Raum auf. Er könnte sich auch im Outback behaupten, hier unterhält er sich über religiöse Minderheiten im Irak oder Publikationsunterschiede zwischen Amsterdam, Kalifornien und Japan. Er ist die einzige authentische Person im Raum.

Fünf Minuten später reden die Menschen an allen Tischen, wie befreit von unsichtbaren Fesseln.

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Tage in Hamburg zwischen Sonne und Regen. Wirklich nass werde ich erst, als ich in Stuttgart aus dem Zug steige.

Grenzbegehung

Im Hochmoor steht ein kleiner Tempel, dem Lichtgott Mithras geweiht. Die Altäre sind noch zu erkennen; beim Kultdienst wurde ein Vorhang aufgezogen, um das Bild des Erlösers erstrahlen zu lassen, einen Pfeilschuss entfernt von der nördlichsten Grenze des Römischen Reichs. Über den Trümmern einer alten Welt schmücken Lerchen den Himmel.

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Es gibt wunderschöne, große Bäume hier, ihr Stamm ist auch von zwei Menschen nicht zu umfassen. Ihre Krone ist Fülle, wie sie allein stehen oder in einer Reihe auf dem Feld. So etwas kenne ich von uns nicht. Die Hecken werden immer weniger in England, aber sie sind trotzdem überall, so scheint es. So etwas kenne ich von uns nicht. Das Land ist ganz satt vor Grün, durchzogen von leuchtendem Gelb, heller der Raps, satter der Ginster in den Höhen. Die Bauern geben die Milchwirtschaft auf, weil die Preise fallen, züchten stattdessen Schlachtvieh, dazu ein paar Schafe, sie blöken überall. Und der Schnee, der in Northumbria winters fällt, ist nur noch nasser Schnee und niemals mehr Pulverschnee, wie ihn die Älteren noch kennen. Die Kinder tippen sich an die Stirn. Milecastle 30 liegt hinter uns im Wäldchen oder lag, denn von kaum einer der Befestigungen, von nur wenigen der je zwei steinernen Wachtürme dazwischen ist für den Wanderer heute noch etwas zu sehen. Die Hand lag in der Nachmittagssonne nur einmal auf der exakten Linie des Mauerwerks, das vor knapp 1900 Jahren hochgezogen worden war. Kalt weht der Abendwind, zwei Katzen springen sich an.