Die verborgene Seite der Literatur

Der Ansturm hielt sich in Grenzen. Nicht jeder ist eben empfänglich für den eigenwilligen Charme der Verlierer. Denn heute Abend ging es im Literaturhaus Stuttgart um Bücher, die nie entstanden sind, genauer um verworfene Buchtitel. „Gescheiterte Titel – die verborgene Seite der Literatur“, unter diesem Motto waren die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Annette Pehnt, die Stuttgarter Suhrkamp-Autorin Anna Katharina Hahn und Hanser-Verleger Jo Lendle zur Diskussion eingeladen. Der Mann, der auf dem Podium Platz nahm, war aber nicht Jo Lendle. Der war krank und Tom Kraushaar, Geschäftsführer von Klett-Cotta, sprang kurzfristig für ein Heimspiel ein.

„Titel sind eine Verlockung“, ist sich Annette Pehnt gewiss, weshalb sie 200 Autorinnen und Autoren angeschrieben hatte, einen verworfenen Titel für eine Anthologie beizusteuern. 70 (darunter Anna Katharina Hahn) folgten dem Ruf, verfassten einen erklärenden Text zu ihrem Titel und erhielten von jungen Grafikern eine richtige Titelgestaltung. Das Ergebnis: eine reizvolle und hübsche „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“, da stimmte auch Tom Kraushaar zu: „Ich habe das Buch vor fünf Minuten zum ersten Mal gesehen, werde es aber unbedingt lesen. Ich gehöre ja gewissermaßen zur Kernzielgruppe.“

„Wie grausam ist die Suche nach dem Titel“, versuchte die Moderatorin eine Diskussion über das Ringen um den richtigen Buchtitel zwischen Autorinnen und Verleger in Gang zu bringen. Der Erkenntnisgewinn blieb allerdings überschaubar (Feuerwanzen gehen gar nicht auf dem deutschen Buchmarkt, gleich zwei Autoren fanden für ihre verschmähten Titeltiere Zuflucht in der „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“) und der Unterhaltungswert beschränkte sich auf „Döner Hawaii“. (Wer mehr wissen will, besuche die Website des Klett-Cotta Verlags.) Vollends in Allgemeinplätzen versackte das Gespräch in seinem „Wurmfortsatz“ der einschlägigen und offenbar unvermeidbaren Themen E-Book, Selfpublishing, Amazon.

Schade: ein müder Auftakt zur vermutlich wichtigsten Kalenderwoche für das antiquarische und schöne Buch in Deutschland. Am Donnerstag eröffnet die Antiquaria in Ludwigsburg ihre Messepforten, am Freitag die Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein. Auf der hatte ich selbst ein paar Jahre lang verkauft, unter anderem für ein Antiquariat, das besonders Hermann Hesse-Fans bekannt sein könnte. Ich erinnere mich, wie ich noch während meines Studiums Kurierdienste für das Antiquariat erledigte und zum Beispiel den Berg hochstrampelte, um Walter Jens eines seiner Bücher zum Signieren vorzulegen, oder wie ich mich einmal an einem Samstag im Ladengeschäft ärgerte, weil ich in dem Besucher nicht den Anglisten und Schriftsteller Elmar Schenkel erkannte, dem ich gerne für seine H.G. Wells-Biographie gedankt hätte. (Wer weiß, wie viele literarische Besucher ich sonst nicht erkannt habe.) Später entdeckte ich, dass wir in der Kundendatenbank Rafik Schami führten, und erfuhr, dass er mit dem Vater des Eigentümers befreundet war. Ich habe Rafik Schami noch nie im Leben leibhaftig gesehen. In Damaskus aber hatte ich einmal seinen Bruder kennengelernt.

Vom Bab Tuma, dem Thomas-Tor, führte vor dem Bürgerkrieg (wie es nun aussieht und inwiefern es vom Krieg betroffen ist, weiß ich nicht) eine gleichnamige Straße durch das Christenviertel der Damaszener Altstadt. Beiderseits der Kopfsteinpflasterstraße reihten sich zahllose kleine Geschäfte. Manche von ihnen erfüllten jeden westlichen Anspruch an Modernität. Ein Blick nach oben, zu den oberen Stockwerken der Häuser aber zeigte unmissverständlich, dass die Straße Bestandteil der Altstadt war: graue, unstrukturierte Altbauten, schäbig und mit einem schmutzigen Charme aus Alter und bloßen Stromkabeln. Auf den Gehwegen hockten tagsüber wild aussehende Männer oder Bäuerinnen wie aus einer anderen Welt vor einer Auslage an Gemüse, an Küchenkräutern, Oliven oder Walnüssen. Mittags strömten Horden von Kindern in blauer Schuluniform durch die Straße. Zu den Stoßzeiten brach der Verkehr praktisch völlig zusammen. Dann lagen auf voller Länge der Straße Autos, Taxis und Busse regungslos und mit laufendem Motor da und raubten einem die Luft zum Atmen. Schwer hingen die Smogwolken über Damaskus. Abends kamen dann die Eckensteher, gelangweilte junge Männer, die in kleinen Grüppchen dastanden und vielleicht rauchten und manchmal kein Wort sagten. Manche orderten eine Schawirma oder einen frisch gepressten Fruchtsaft oder Bananenmilch (die nicht unsympathische syrische Alternative zu alkoholischen Getränken) beim kurdischen Angestellten eines der vielen Imbissstände. Hauptsächlich aber schauten sie nur auf die Straße, musterten die Frauen (Kopftücher gab es hier im Viertel kaum) oder folgten mit ihren Blicken den Autos der Privilegierten, die mit heulenden Motoren durch die enge Straße rasten.

Es gab verschiedene Bäckereien in der Straße, jede hatte ihre Spezialität. Eine schlichte Backstube am Anfang der Straße verkaufte zum Beispiel Fata’ir, diese kleinen herzhaft belegten Fladenbrote, sowie syrische Hostien: dicke, runde, leicht süßliche Fladenbrote mit einem Stempelaufdruck. Ich wusste nicht, was es damit auf sich hatte, und der grauhaarige Verkäufer mit den auffallenden Koteletten erklärte es mir mit lispelndem Zungenschlag, als ich der Neugierde wegen eines dieser Brote kaufte. „Bei euch sind die Hostien ja wie Papier“, nuschelte er und riss zur Bekräftigung seiner Worte das Eck einer Zeitung ab und tat so, als würde er den Papierfetzen in den Mund schieben, zwischen den braunen Zahnstümpfen hindurch, und darauf kauen. Ich lachte. Beim christlichen Abendmahl, erklärte der freundliche Bäcker weiter, wurden die Brotbrocken in Wein (dem säuerlichen Wein aus den christlichen Bergdörfern Syriens) getunkt und verteilt. Wir unterhielten uns ein bisschen über Deutschland und der Bäcker erzählte, dass er schon mehrmals dort gewesen sei, vor allem in Heidelberg, das er gut kannte und schätzte. Dann zog er eine Mappe mit Zeitungsartikeln heraus, aus deutschen und anderen Zeitungen. Er tippte mit dem Finger auf ein Foto und fragte: „Kennst du den? Das ist mein Bruder.“ Ich beugte mich über das Bild: Es war Rafik Schami.

Irgendwann fasste ich den Mut und schrieb Rafik Schami aus dem Antiquariat eine E-Mail. Ich erklärte, wer ich war, und berichtete von der Begegnung mit seinem Bruder zwei Jahre zuvor. Und eines Tages war die Antwort da. Liebenswürdig bedankte sich der Schriftsteller für die Nachricht und berichtete, sein Bruder habe die Bäckerei inzwischen in ein Café umgewandelt. Post von Rafik Schami habe ich trotzdem nie bekommen, denn offenbar hatte er meine Nachricht nicht allzu aufmerksam gelesen: Namentlich angesprochen war in der E-Mail mein Chef.

„Verlosung“: Ich habe Eintrittskarten für die Stuttgarter Antiquariatsmesse übrig!

Antiquaria Ludwigsburg, 22.-24. Januar

Stuttgarter Antiquariatsmesse, 23.-25. Januar

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Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher.
Zusammengetragen von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger. Piper 2014. 224 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.

Der Dichter und die Massen

Zum Welttag des Buches hatte ich über eine Dichterlesung in Syrien berichten wollen. Die war auf den Monat genau zehn Jahre zuvor von einem der berühmtesten arabischen Gegenwartsdichter begangen worden. Ich hatte es sogar im Kalender stehen: „23. April: Welttag des Buches – Maḥmūd Darwīš“. Warum kam es nicht dazu? An dem Tag hatte ich einfach keine Lust, etwas zu bloggen. So schlicht sind manchmal die Motivationen. Nun reiche ich den Text nach. Es war damals ein Bericht an die Daheimgebliebenen. Ich gebe zu, manches würde ich inzwischen, zehn Jahre später, anders schreiben. Sollte ich es nachbearbeiten? Ich habe mich dagegen entschieden.

السلام هو الإنصراف إلى عمل في الحديقة:
ماذا سنزرع عما قليل؟

Frieden heißt den Garten pflegen und fragen:
Was pflanzen wir demnächst?

(Mahmud Darwisch)

Damaskus, April 2004

Araber lieben Poesie. Das ist uraltes arabisches Erbe. Vor dem Wirken des Propheten Mohammed, vor dem Auftreten des Islams also, oder – um es mit einem arabischen Wort zu bezeichnen – in der Zeit der „Dschahiliya“ (der Unwissenheit, Ignoranz) war die Kultur der Araber recht überschaubar. Nur in der Poesie, da waren sie groß gewesen, und was davon die islamische „Kulturrevolution“ überlebt hatte, gilt heute noch als eine der großen Epochen der Dichtkunst. Beduinen, die barfüßig durch die Dünen liefen und von Leidenschaft und Tod sangen und damit die Grundlage für das Hocharabische lieferten, einer Sprache so schwer, dass auch viele Araber an ihr verzweifeln. (Und bisweilen, wenn sie einer Fremdsprache mächtig sind, lieber in dieser mit einem Ausländer reden, als vom Dialekt auf das Hocharabische – da längst nur Schriftsprache – umzusteigen.) Bis heute erreichen arabische Dichter einen Ruhm, wie er für den europäischen Poeten – oft genug Sinnbild einer armen, wirkungsohnmächtigen Existenz – unvorstellbar ist. Einer von ihnen, der vielleicht größte und bekannteste dieser Zeit, sollte zu einer Lesung nach Damaskus kommen: Mahmud Darwisch.

In diesem Haus hatte ich zur Zeit der Dichterlesung gewohnt.

Nein, dieses Foto hat nur ganz am Rande etwas mit Mahmud Darwisch zu tun: In diesem Haus hatte ich zur Zeit der Dichterlesung gewohnt.

Mahmud Darwisch war Palästinenser und nicht zuletzt die Tatsache, dass er – auch – ein politischer Dichter war, eine Stimme Palästinas, machte ihn so ungeheuer populär in der arabischen Welt. In seinen jungen Jahren war der Dichter in der kommunistischen Partei tätig. 1970 ging er ins Exil und trat in die PLO ein, wo er schließlich eine wichtige Stellung einnahm. So war er unter anderem Mitglied der palästinensischen Gesandtschaft in Oslo, trat dann aber von seinem Posten zurück, weil ihm die palästinensischen Zugeständnisse gegenüber Israel in dem Oslo-Abkommen zu weit gingen. In den letzten Jahren galt er als innerpalästinensischer Oppositioneller – und ist ungebrochen populär sowohl als politischer Dichter wie auch als Denker und Poet, der die Verbindung zu den einfachen Dingen im Leben, den gewöhnlichen Menschen nicht verloren hat.

Wir waren eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die die Dichterlesung besuchte. Fast zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung betraten wir das unerwartet modern wirkende Sportareal. Schon jetzt standen die Menschen Schlange vor dem Eingang, an dem Taschen und Mäntel kontrolliert wurden. Die Lesung sollte in einer Turnhalle stattfinden – es gab keine Kultureinrichtung, welche die erwarteten Besuchermassen zu fassen imstande gewesen wäre. Die Sitzplätze waren bald belegt und eine harsche Lautsprecherstimme forderte die Stehenden auf, auf dem mit Tüchern ausgelegten Boden der Sporthalle Platz zu nehmen.

Schließlich war auch dieser belegt. Dichtgedrängt saß Reihe an Reihe. Viele Besucher waren junge Leute, wie sie auch in Europa nicht aufgefallen wären. Ein paar trugen Palästinaflaggen, schwarzweiße ‚Palästinensertücher‘ um den Hals oder ein Che Guevara-T-Shirt. Doch fanden sich letztlich ganz unterschiedliche Menschen unter den Zuhörern, die da in größter Disziplin und Geduld unten saßen, Ellbogen an Ellbogen (und ohne Zigaretten oder Alkohol): Jung neben Alt, Mann neben Frau, Reich neben Arm, Modernistisch neben Konservativ – Mensch an Mensch.

Ein Blick tiefer in die Gasse hinein. Hat der Krieg sie inzwischen verwüstet?

Ein Blick tiefer in die Gasse hinein. Hat der Krieg sie inzwischen verwüstet?

Es lag eine freudige Erwartung über der Menge. Einige Grüppchen junger Exil-Palästinenser klatschten im Chor und riefen die Freiheit Palästinas an. Dann endlich trat jemand ans Rednerpult der Tribüne und Tausende von Menschen erhoben sich, klatschten, riefen, jubelten. Kein Dichter, nur Rockstars werden bei uns so gefeiert. Doch zuerst gab es Vorreden, politische Phrasendrescherei vor allem und eine Schweigeminute für die „Märtyrer“ im Kampf um Palästina. (Als Märtyrer wird praktisch jeder vereinnahmt, der durch israelische Gewalt zu Tode kommt.) Ich war abgeschweift und reagierte zu langsam, als sich plötzlich alle in der Halle erhoben. Ein arabischer Freund stieß mich, auch wenn er persönlich wohl nicht so besonders viel von den arabischen Märtyrern hielt, in den Rücken und so zuckte auch ich hoch und erst nach und nach kamen einige Wortfetzen der vorigen Rede bei mir an und ich begriff. Jetzt sitzen zu bleiben wäre eine heftige Provokation gewesen.

Endlich kam der Dichter und wieder brandete Jubel auf. Mahmud Darwisch stand am Mikro, ein gepflegter, nicht besonders großgewachsener Intellektueller mit seiner großen Brille, und begann, seine Gedichte vorzutragen, selbstredend in Hocharabisch. Wie ich erwartet hatte, verstand ich nicht allzu viel von den Versen und nie den eigentlichen Sinn. Aber ich war sowieso nicht gekommen, um seine Gedichte zu erfassen. Die Lesung ging etwa anderthalb Stunden dahin und irgendwann ließ meine Konzentration spürbar nach, ich versuchte nicht einmal mehr, Worte und Halbsätze zu verstehen. Die Luft war schlecht, verbraucht und aufgeheizt von den vielen Menschen, und der Körper rebellierte gegen das stundenlange Sitzen auf einem zu kleinen Plastiksitz.

Und ums Eck mein Gemüsemarkt. Meist schätzten mich die Syrer gleich richtig als Deutschen ein. Dort hingegen wurde ich öfters für einen Russen gehalten.

Und ums Eck mein Gemüsemarkt. Meist schätzten mich die Syrer gleich richtig als Deutschen ein. Dort hingegen wurde ich öfters für einen Russen gehalten.

Ein paar wenige kleinere ungeplante Ereignisse unterbrachen die Lesung. Einmal trat ein Herr in Anzug an den Lesenden heran und küsste ihn auf die Stirn. Dann blieb der Strom kurze Zeit weg und gegen Ende hin ließen es sich die Zuschauer nicht nehmen, sich selbst zu Wort zu melden: Ein Mädchen rief dem Dichter ihre Liebe entgegen und einige äußerten einen Gedichtwunsch. Eine Art Dialog entspannte sich so zwischen dem Dichter und der Menge. Mahmud Darwisch ließ sich darauf ein, dass das Gegenüber von Lesendem und Zuhörer aufgehoben wurde. Natürlich sprach er mit den Zuhörern im Dialekt und es stellte sich das Gefühl ein, das auch in seinen Gedichten (liest man sie) zum Ausdruck kommt: Dass er einer von ihnen, den gewöhnlichen Menschen ist, aber dieses Leben in die Zaubersprache der Poesie zu bannen weiß.

Eine europäische Kommilitonin drückte sich am Folgetag so aus: „Ich hatte den Eindruck, dass dieser Mann in der Lage wäre, eine Revolution auszurufen.“

Mahmud Darwisch, die ‚poetische Stimme des palästinensischen Volkes‘, starb am 9. August 2008 mit 67 Jahren nach einer Herzoperation in Houston, Texas.

Wer den Dichter selbst in seiner Sprache hören will, findet hier ein Beispiel: Das Gedicht „Ich bin von dort, ich bin von hier. Und ich bin nicht hier und ich bin nicht dort“. Im Übrigen habe ich auf Youtube keine Rezitation von Mahmud Darwisch gefunden, die nicht musikalisch unterlegt wurde. Etwas ungewohnt für unsere Ohren – und vermutlich auch ein Ausdruck kultureller Disposition.

Mehrere Werke Mahmud Darwischs liegen in deutscher Übersetzung vor. Die Tücken der Umschrift bringen es mit sich, dass sein Name in den einschlägigen Datenbanken variiert: Machmud Darwisch, Mahmoud Darwisch, Mahmud Darwisch und Mahmoud Darwish habe ich als Schreibweise unter den lieferbaren Titeln gefunden.

Der Ministerialbeamte

Syrien, zehn Jahre früher …

Ziellos war ich mit einem syrischen Freund abends in Damaskus unterwegs – es war längst dunkel und wir saßen in irgendeinem Mikrobus nach Nirgendwo –, als ihm einfiel, wir könnten einen Bekannten von der Arbeit abholen. Einen seiner Sprachschüler, um genau zu sein. Mein Begleiter, Rundfunktechniker und zu dieser Zeit in Ausübung seines Wehrdienstes, war ein Liebhaber der Sprachen; er beherrschte mehr oder weniger gut Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch und wenn ich eine Frage zum Hocharabischen hatte, konnte ich mich guten Gewissens an ihn wenden. In seiner Freizeit unterrichtete er Englisch.

„Mein Schüler“, so warnte er mich vor, „ist schon ein bisschen älter. Aber das braucht dich nicht zu verunsichern.“

Wir spazierten an einem bewaffneten Posten vorbei in eine ruhige Straße, auf ein bewachtes Hochhaus zu. In jeder Himmelsrichtung waren Uniformierte auf Wachdienst zu sehen. Unbekümmert trat mein Freund an das Außenfenster der Pforte, stellte sich, nachdem ein Mann geöffnet hatte, vor und fragte nach seinem Schüler.

Wir warteten eine Weile vor dem Gebäude. „Er ist Beamter in diesem Ministerium hier“, rückte mein Freund nach einigen Minuten heraus. „In dem Gebäude arbeitet auch der Premierminister.“

Irgendwann rief einer der Männer aus dem Fenster heraus nach meinem Gefährten: „Mein Herzchen, mein Lieber, wie war nochmals dein Name?“ Arabischer Umgangston kann ein wenig anders sein.

Endlich verließ der Ministerialbeamte das Gebäude. Ich sah mich einem kleinen Mann in einem altmodischen grünen Sakko gegenüber, er wirkte etwas ältlich, vielleicht nicht an Jahren, aber doch an Haltung, eine große Brille saß in dem verkniffenen Gesicht, das Haar überraschend blond, ein Schnurrbart. Wir wurden einander vorgestellt und ohne weitere Diskussion stiegen wir in das Auto des Beamten, einen weißen, gealterten Wagen, ehemals einmal obere Mittelklasse nach deutschem Standard.

Ich wusste nicht, wohin wir fuhren. Während der Ministerialbeamte ungeschickt den Wagen durch die abendlichen Straßen steuerte, hatte ich mit ihm auf Englisch Konversation zu führen – zu seiner Übung. Ein Mobiltelefon unterbrach uns ein- oder zweimal und bald hatten wir auch seinen Besitzer aufgelesen, einen Freund des Beamten. Ein großer, kräftiger Mann, grauhaarig und mit einem gefühlsbetonten Gesicht und einem leichten Anflug von Traurigkeit in der Augenpartie, stieg zu – ein ganz anderer Typ als der Beamte.

In perfektem Englisch und mit einer vollen, wohltönenden Stimme erklärte er mir, dass er Musiker sei. In wenigen Tagen führe er ein Konzert auf, ein Zusammenspiel aus musikalischem und poetischem Vortrag. Und im nächsten Monat werde er an der Uni Damaskus Vorlesungen über arabische Poesie halten. Er spielte Trompete, früher aber war er in erster Linie Sänger gewesen. Fünfzehn Jahre hatte er in den USA, eine Zeit lang in Dänemark gelebt, dort war er mit einer norwegischen Frau verheiratet gewesen, dazu waren Auftritte und Aufenthalte in einer Reihe anderer europäischer Länder gekommen. Ein gutes halbes Dutzend Fremdsprachen könne er. „Es sieht einfach zu idiotisch aus“, scherzte er, „wenn man einen traurigen Text singt und dabei grinst, nur weil man die Sprache nicht versteht.“

Wir verließen die Stadt und hielten auf einen Vorort zu. Als wir irgendwo anhielten und ausstiegen, wandte ich mich fragend an meinen Freund, doch er kam meiner Frage zuvor: Er habe auch nicht die leiseste Vorstellung, wo wir genau seien. Erklärungen gab es wieder einmal keine, also folgten wir den beiden Männern in ein Haus. Die Uhr zeigte 22 Uhr an, als wir in eine Zahnarztpraxis traten.

Der Zahnarzt war allein in seiner Praxis. Er wirkte überhaupt nicht wie ein solcher, was aber vielleicht schlicht daran liegen mochte, dass er keinen weißen Kittel trug. Unser Künstler war der Patient, das klärte sich nun auf, und der Beamte hatte ihm einfach als Chauffeur einen Freundschaftsdienst erwiesen. Der Musiker setzte sich also auf den Behandlungsstuhl, der etwas verloren inmitten des Raums stand. Eine Schrankablage stand auf der einen Seite des Zimmers, ein Arztschreibtisch auf der anderen. Der Tisch erweckte den Eindruck, als wären hier zwei Zimmer der Praxis in eines gefasst, und trotzdem wirkte der Raum irritierend leer.

Der Ministerialbeamte bestand darauf, dass ich als ausländischer Gast den Arztsessel hinter dem Schreibtisch erhielt und mein Freund einen Hocker, während er selbst mit verschränkten Armen stehen blieb. Alle drei beoachteten wir, wie der Zahnarzt sich an die Untersuchung machte, klopfte und schraubte und Spritzen verpasste, aber nicht bohrte, zum Glück nicht, denn ich hätte mit dem Patienten gelitten. Der einzige im Raum, der mehr als nur ein paar Worte sprach, war der Patient selbst: Immer wenn er seinen Mund gerade frei hatte, unterhielt er uns munter mit Scherzen.

Dann erklärte der Zahnarzt etwas anhand einer Wandtafel und ich begriff, dass es sich um ein Zahnwurzelproblem handeln musste. Es war eine seltsame Szenerie: Spätabends sitzt da ein Mann in zahnärztlicher Behandlung, im gleichen Raum befinden sich einige andere Menschen, darunter zwei, die der Patient vor diesem Abend gar nicht gekannt hatte.

Nach 20 oder 30 Minuten verließen wir die Praxis wieder, gemeinsam mit dem Arzt, der seine Praxis abschloss – und sich dann zu uns ins Auto setzte. Nun waren wir also schon zu fünf in dem Gefährt …

Der Zahnarzt erzählte mir, dass er in Belgrad studiert, danach in Deutschland, Russland, Thailand und Malaysia gearbeitet habe, bevor er hier in seiner Heimat eine Praxis eröffnet hatte. Wir lieferten den Zahnarzt zu Hause ab, danach den Künstler und dann bestand der Beamte darauf, uns beide noch zu einem späten Abendessen bei sich zu Hause im Zentrum von Damaskus einzuladen.

Der Ministerialbeamte verschwand in seiner Wohnung und wir warteten vor der Tür. „Die Familie kommt aus dem Osten Syriens“, erklärte mir mein Freund. „Dort sind die Menschen noch richtige Araber. Das bedeutet zum Beispiel, dass Gäste vor der Türe stehen bleiben, bis der Gastgeber zurückkommt und sie hereinruft.“

Als es ein paar Augenblicke später so weit war, wurden wir ins Wohnzimmer geführt. Während der Beamte das Essen vorbereitete, erhielten wir beide Gesellschaft des jungen Sohns der Familie. Ich verstand fast gar nichts von seinem Dialekt, was aber nicht schlimm war. Denn auch mein Freund verstand nur einen Teil von der Kindersprache, so behauptete er zumindest lachend, und trotzdem hatten wir drei eine Menge Spaß. Dann war aufgedeckt: Tellerchen mit Tomaten, Schafskäse, Hummus, gefüllten jungen Auberginen, Honig, Halwa und ein halbes Dutzend anderer Dinge und natürlich das dünne Fladenbrot, mit dem man die Speisen greift und isst.

Nebenan, hinter einem zugezogenen Raumteiler, saß derweil die Ehefrau des Beamten vor dem Fernseher. Nun begriff ich auch, warum wir vor der Tür zu warten hatten, bis wir vom Gastgeber gerufen werden: Kein Fremder soll einen Blick auf die Frauen des Hauses erhaschen. Später erfuhr ich, dass diese Frau Ärztin war; und trotzdem wurden diese alten Sitten eingehalten.

Ich war unsicher, wann ich das Mahl zu beenden hatte. Wenn ich vor dem Gastgeber aufhörte zu essen, zwang ich ihn dann dazu, aus Höflichkeit ebenfalls aufzuhören? Aber wann war umgekehrt die Grenze der Höflichkeit erreicht, denn natürlich war es nicht gedacht, dass wir alles, was auf dem Tisch stand, aufaßen? Ich dachte zu viel. Als wir das Mahl beendet hatten, verließen wir ohne viel Worte oder großen Austausch von Höflichkeiten das Haus: ein kurzer, unkomplizierter Abschied. Es war Mitternacht, als wir wieder auf die Straße unter die Palmen traten.

Ich hatte meinen ersten Besuch bei einem arabischen Ministerialbeamten hinter mir.

Damaszener Verbindlichkeiten

Da kaufte ich zwei Fata’irfladen für 20 Lira und stellte fest, dass ich nur einen Tausender bei mir hatte (der größte syrische Geldschein, damals etwa 17 Euro wert). Natürlich konnten die Bäcker nicht herausgeben. „Zahl das nächste Mal“, sagten sie mir. Ich war nicht gerade Stammkunde dort, nur alle ein oder zwei Wochen vielleicht. Das genügte als Vertrauensvorschuss.

Eine französische Freundin vor Ort erzählte mir daraufhin ihre Geschichte. Sie war drei Jahre früher schon einmal in Damaskus gewesen. Am letzten Urlaubstag wollte sie ein Geschenk für ihre Mutter besorgen. Sie fand etwas Passendes, für 1000 Lira – doch da hatte sie nur noch 500 im Geldbeutel. Was machen? „Kein Problem“, winkte der Verkäufer ab. „Nimm es für 500 und zahl die restlichen 500, wenn du irgendwann mal wieder in Damaskus bist.“

Nun, drei Jahre später, war sie in seinen Laden getreten und hatte die fehlenden 500 Lira auf den Tisch gelegt. Der erfreute Händler lud sie daraufhin auf die Hochzeitsfeier einer Verwandten ein.

Gibt es nicht wunderbare Menschen?

(Damaskus 2004)

Weihnachten und Neujahr in Damaskus

Ein Blick zehn Jahre zurück – Weihnachten und Neujahr in Damaskus. Ich wünsche allen ein glückliches, lebensfrohes neues Jahr und danke für die (wechselseitige) Lektüre, die Kommentare, den Austausch! Tanzen, immer weitertanzen … (Ja, Murakamis Schafsmann hatte ich auch in dem Monat gelesen, von dem die folgenden Zeilen erzählen.)

Was hatte man mir im Vorfeld nicht alles über Weihnachten in Damaskus erzählt. Wie der Hausherr, der alte Abu Georges, syrischer Christ, selbst zum Kochtopf greifen und die Tage vor dem Fest mit Küchenorgien füllen würde. Wie dann all diese Leckereien an Weihnachten genossen werden dürften. Wie ein Freund des Hausherrn zu Besuch kommen würde, ein ungewöhnlicher Besuch, wie jedes Jahr zu dieser Zeit: ein ehemaliger Offizier, dem Abu Georges viele Jahre beim Militär und zwei Kriege hindurch als Chauffeur gedient hatte; ein muslimischer Herr zudem aus den besseren, konservativen Kreisen der Stadt, gemeinsam mit Frau und Töchtern − zu einem christlichen Fest. Die Frauen mit Kopftuch, natürlich. Wann sieht man sonst im Hause Abu Georges’ schon ein Kopftuch?

Es kam alles anders. Zuerst fing sich Abu Georges eine Grippe ein. Der sonst so rüstige ältere Herr war nur noch ein Häufchen Elend. Als Medizin schlürfte er Arak, den hiesigen Trauben-Anis-Schnaps. Abu Georges trank sonst nie Alkohol. Insgeheim machten wir uns Sorgen, ob er überleben würde. Aber nach wenigen Tagen war er wieder auf den Beinen und erledigte mit seiner Frau Hausarbeiten. Mit noch zitternder Hand und vom Alter geschwächten Augen fädelte er Garn in das Nadelöhr ein und flickte Kissenbezüge.

Doch da stand dann Weihnachten schon unmittelbar vor der Tür. Ich wartete vergebens auf rege Geschäftigkeit in der Küche unten. Ich suchte umsonst nach Anzeichen für Weihnachtsvorbereitungen im Haus, Schmuck und dergleichen. Im ganzen Altstadtviertel von Bab Tuma und darüber hinaus, überall eben, wo arabische Christen wohnten, waren die Häuser mit Lichtern behangen: Lichterketten, Weihnachtsbäume, blinkende Muster und „Happy Christmas“-Spruchbänder. Manche Häuser verwandelten sich in wahre Leuchtgebilde. Zwischen den schmalen Gassen der Altstadt baumelte bunter Weihnachtsschmuck − moderner, amerikanischer Schmuck zwischen den schiefen Wänden einer syrischen Altstadt, Hausmauern, die teilweise älter sind als die amerikanische Unabhängigkeitserklärung in einem Viertel, das selbst Jahrtausende alt ist. (Nur ein paar Ecken weiter kann man das Haus besichtigen, in dem angeblich der Apostel Paulus geheilt worden war, und die Stadtmauer, über die er geflohen ist, liegt nur ein paar Schritte dahinter.) Manche Familien hatten in ihren Stuben einen Weihnachtsbaum mit Kugeln und elektrischen Kerzen aufgestellt. Häufig waren sie nicht. Andere Leute hatten Mistelzweige über ihre Eingangstür gehängt.

Natürlich blinkte und schimmerte es erst recht in den Geschäften. Straßenhändler verkauften Santa-Claus-Mützen. Einmal sah ich einen jungen Mann stundenlang an einer verkehrsreichen Straße stehen, eine solche Mütze mit blinkendem Lichtersaum auf dem Kopf, die Hand mit einem Stapel Mützen den Autofahrern entgegengestreckt. Ich wusste nicht, ob ich ihm ein gutes oder nicht eher ein schlechtes Geschäft wünschen sollte. Abends aus dem Mikrobus heraus entdeckte ich hier und da einen Weihnachtsmann. Einen amerikanischen natürlich, auch wenn er hier einen halbfranzösischen Namen trägt: Baba Noel.

Doch von all dem war nichts im Haus Abu Georges zu spüren. Nicht einmal Gäste waren da, nur eine Tochter mit der Enkelin, die aber beide sowieso hin und wieder hier im Haus waren. Wo blieben die Weihnachtsbesuche? Am Abend setzte ich mich zu dem Ehepaar in die Stube, wie immer mit dem Gefühl, eine lästige Pflichtübung zu erfüllen. „Willkommen, willkommen“, sagte Abu Georges immer wieder zu mir und klopfte mir mit seiner breiten Hand auf das Bein, die Schulter, die Hand. So viel Herzlichkeit war ich nicht von ihm gewohnt. War er etwa gar betrunken? Nein, war er nicht. Er freute sich nur und wollte mir den Weihnachtsabend fern der Heimat angenehm machen. „Du bist zwar weit weg von zu Hause, von deiner Familie“, erklärte er mir. „Aber dafür darfst du diese Weihnachten in der Region verbringen, aus der unser Herr Jesus stammt.“

Dann meldete Umm Georges, dass ein Freund von mir an der Tür stehe: I., ein Mitstudent aus Moldawien war es und ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ich hatte völlig vergessen, dass wir uns vor ein paar Tagen zu einem Weihnachtsessen verabredet hatten. Er wollte ein Grillhähnchen mitbringen, ich würde Salate dazu machen. Ich hatte immer an den 25. Dezember gedacht, merkwürdig vielleicht, aber am Institut war immer nur von diesem Tag als Weihnachten gesprochen worden. I. war selbstverständlich vom 24. ausgegangen. Da stand ich nun recht betreten da. Natürlich hatte ich nichts vorbereitet, keine Salate gemacht, und war zudem für den Abend noch mit anderen Freunden verabredet. Mir war es höchst peinlich, aber I. nahm es bewundernswert gelassen. „Macht nichts, macht nichts“, sagte er und ging einfach wieder, die Tüte mit dem Grillhähnchen in der Hand. Einem einsamen Weihnachtsabend entgegen, fürchtete ich und überlegte, ihn zurückzurufen, doch da war er schon weg.

Acht Uhr abends, Zeit, allmählich aufzubrechen. Ich ging in mein Zimmer hoch, um mich umziehen, öffnete die Tür und stand in einer Rauchwolke. Ich hatte nasse Socken auf den Dieselofen gelegt und dort vergessen. Es war nicht mehr von ihnen übrig als flockige Asche. Und beißender Rauch, der das ganze Zimmer ausfüllte. Ich ließ das Fenster zur Gasse offen und hoffte, dass der Rauch schnell abziehen würde, bevor ich den Hausbesitzern das Missgeschick erklären müsste. Es würde eine kalte Nacht in meinem Zimmer werden, dachte ich, als ich das Haus verließ.

Mit meinem Mitbewohner ging ich in ein Internet-Café. Es war eine bizarre Situation. Wir waren die einzigen Kunden. Auf den Bildschirmen der anderen Computer lief eine – wohl ungewollt – unheimliche Szenerie als Bildschirmschoner ab, ein winterliches Abendbild mit wandelndem Schneemann und Lichtern und Geschenken. Der Schneemann aber wirkte auf mich wie eine schreckliche Parodie, eine Horrorgestalt. Stephen King hätte ihn nicht schauriger gestalten können. Es lief alte amerikanische Weihnachtsmusik in dem Internetcafé, Frank Sinatra, ganz unpassend für diese Stadt und diesen Ort, aber irgendwie auch schön und ich geriet kurz in eine rührselige Stimmung. Meine ersten Weihnachten, die ich nicht in meiner Heimatregion verbringen würde.

Ich war anschließend mit zwei Freunden A. und D. verabredet, Kommilitonen aus der Türkei. Sie waren nicht die einzigen Muslime, die sich einmal Weihnachten anschauen wollten. Wir trafen unterwegs zufällig auf zwei syrische Freunde, die ebenfalls im Christenviertel flanieren waren. Es war ungeheuerlich viel los auf den Straßen. Die Geschäfte waren noch geöffnet, Santa Claus-Gestalten lockten Kinder und Kunden an (vor einem Geschäft spielten zwei von ihnen Trompetenstücke), die Gehwege waren von Straßenverkäufern (manche von ihnen russische Frauen) belegt, die Ramschware verkauften. Viele, viele Lichter brannten, manche Kinder und auch Erwachsene hatten rot-weiße Mützen auf. Ein Umzug zog vorüber, kostümierte Gestalten, der Tod, eine Art tanzende Hexe, ein Trommler, dahinter Halbstarke, die johlend dem Schauspiel hinterherzogen. Es war ein großer Trubel und einer meiner beiden türkischen Freunde stürzte sich wie ein Kind auf jedes Schauspiel, er lachte frei und unbeschwert, man merkte, alles war neu für ihn. Zu sehen gab es wirklich etwas, nicht zuletzt auch, weil viele Mädchen ihr „Festtagsgewand“ trugen, kurze Röcke und hohe Stiefel, die so gar nicht zum sonstigen Straßenbild von Damaskus passen wollten. In der deutschen Stadt, in der ich studiert hatte, sah man an einem Sommertag weniger kurze Röcke als hier an den kalten Weihnachtsfeiertagen. Ich wunderte mich, dass die sonst so sittenstrengen syrischen Eltern ihre Töchter gewähren ließen.

Vor einer Kirche, in der gerade die Weihnachtsmesse gefeiert wurde, machten wir halt und berieten, ob wir hineingehen sollten. D. war noch nie in einer Kirche gewesen und sehr aufgeregt und wiederholte später immer wieder: „Das ist das erste Mal, dass ich in einer Kirche bin!“ Ich konnte es ihm gut nachempfinden, wenn ich mich an meinen ersten Moscheebesuch wenige Wochen zuvor erinnerte und selbst hier in dieser fremden Kirche fühlte auch ich mich ein wenig unsicher. In einem Nebeneingang betrachteten wir zuerst eine Weihnachtskrippe und ich hatte meinen Begleitern ihre Bedeutung zu erklären. Eine hübsche junge Frau, auch sie mit kurzem Rock und in hohen Stiefeln, übernahm dann die Erklärung, weil mein Arabisch stockte. Wir unterhielten uns ein bisschen mit ihr und bekamen wie die Gottesdienstbesucher einen Aufkleber an die Jacken geheftet: Nun trugen wir also ein Emblem der syrisch-orthodoxen Kirche. Misstrauisch betrachtete D. den Aufkleber an seiner Jacke. Von einer Balustrade aus folgten wir einige Minuten der Weihnachtsmesse. Angenehm lag der Weihrauch in der Luft und der Kirchenchor sang schwere, ruhige, melodiearme, aber keineswegs eintönige Musik, die völlig anders war als alles, was ich bisher in Kirchen gehört hatte. Eine beinahe archaische, doch ansprechende Musik.

Wieder vor der Kirche unterhielt ich mich noch einmal mit der jungen Frau. Wir wechselten ins Englische, das sie überraschend gut sprach, sie genoss es ganz offensichtlich, ihre Sprachkenntnisse unter Beweis zu stellen und mit einem Ausländer zu plaudern, während die anderen unbeteiligt um uns standen. Etwas scheinheilig fragte ich sie, ob sie alle – ein Nicken mit dem Kopf um die ganzen jungen Leute herum, natürlich meinte ich nur sie selbst – aus diesem Viertel seien. Nein, nicht ganz, lachte das Mädchen und nannte ein Nachbarviertel, eine Straße, deren Namen ich, kaum vernommen, schon wieder vergessen hatte. Die jungen Burschen links und rechts hatten während des Gesprächs blanke Gesichter aufgesetzt, unbewegte Mienen, wie sie so typisch sind für diesen Überwachungsstaat, doch spürte ich regelrecht, wie sie ihre Ohren spitzten und die trägen Blicke in Wahrheit Beobachterblicke waren. Ich war mir sicher, dass alles, was hier geschah und gesprochen wurde, weitergegeben würde und ich vorsichtig sein musste, wollte ich das Mädchen nicht vor ihrer Familie, gar ihrer Gemeinde bloßstellen. Da trat A. an mich heran und meinte: „Komm jetzt, lass uns mal langsam weitergehen.“ Ich blickte das lachende Mädchen an, die stumme Aufmerksamkeit der Burschen rundherum und beugte mich achselzuckend.

Zuerst hatte ich vorgehabt, mit der Hausherrin in den Nachtgottesdienst der (mit Rom unierten) syrisch-katholischen Kirche zu gehen. Abu Georges − obgleich religiös − verweigerte hingegen dieses Jahr selbst den weihnachtlichen Kirchgang. Die Gründe waren mir nicht ganz klar: Von seiner Verachtung gegenüber den Pfaffen war die Rede, es sollte wohl aber auch ein noch ungelöster Rechtsstreit eine Rolle spielen – und die Furcht vor Einbrechern, die die Gunst der Stunde hätten nutzen können. Etwas verspätet kam ich in der Kirche an, verließ sie aber nach fünf Minuten schon wieder, weil es mir langweilig war. Ziellos streunte ich noch ein Weilchen durch die Straßen Bab Tumas und begegnete in dem Dreieck zwischen der römisch-katholischen, der armenischen und der syrisch-orthodoxen Kirche einigen polnischen Kommilitoninnen, die den griechisch-orthodoxen Gottesdienst besuchen wollten. Über mangelnde Auswahl kann mir hier also wirklich nicht klagen: Etwa zehn verschiedene christliche Konfessionen gibt es hier in Syrien. Jemandem, der aus seiner Heimat kaum mehr als Katholiken und (und auch das erst seit der Gymnasialzeit) Protestanten als etablierte Kirchen kennt, erscheint das zuerst verwunderlich.

Am nächsten Tag ging ich – ausnahmsweise einmal beschwingt – zu dem Ehepaar hinunter, um das Morgenritual durchzuführen und einen Kaffee, der mir nicht schmeckte, mit ihnen zu trinken. Kaum dass ich saß, kam ein Anruf: Abu Georges’ Schwester war in der Nacht gestorben. Sofort machte sich das Ehepaar ans Packen. Es bat meinen Mitbewohner und mich, für die Beerdigung gleich die nächste Miete vorzuschießen. Eine halbe Stunde später war das Paar weg und würde frühestens in einer Woche aus dem Dorf zurückkommen.

Am Vormittag zog ein Umzug durch das Viertel. Pfadfinder marschierten musizierend durch die Gassen. Mir missfiel das Paramilitärische an dem Umzug. Das Wetter war schön und so setzte ich mich auf eine der wenigen Bänke, die es im Viertel gibt und las. Abends erwartete ich I., doch er kam nicht. Mit meinem Mitbewohner ging ich schließlich ins Internet-Cafe, hinterließ aber sicherheitshalber einen Zettel, den ich unter den Türklopfer klemmte, dass ich bald zurück sei. So bald war es dann aber doch nicht und als wir zurückkamen, war der Zettel weg und ich fürchtete, I. bereits ein zweites Mal versetzt zu haben. Und möglicherweise hatte er nun ein zweites Mal ein Grillhähnchen gekauft. Ich kam mir mies vor. So aßen mein Mitbewohner und ich allein die Salate, die ich gemacht hatte. Es war ein leckeres und angenehmes Weihnachtsessen, nur zuviel für zwei Personen.

In der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr hatten wir Unterricht. Ich machte mich darauf gefasst, I. gegenüber eine dicke Entschuldigung anbringen zu müssen, aber als ich ihn erst in der Mitte der Woche wieder am Institut sah, meinte er lächelnd: „Du hattest Glück, dass es am 24. nicht geklappt hatte. Ich hatte das Hähnchen allein gegessen und war bis gestern krank davon, weil es wohl schlecht gewesen war.“ Deswegen war er auch am 25. nicht mehr aufgetaucht und den Zettel von der Tür hatte gewiss irgendein Neugieriger mitgehen lassen.

Am letzten Tag des Jahres sollte es nach der Pause ein kleines Fest am Sprachinstitut geben. Es wurde eine lächerliche Angelegenheit. Wir saßen auf billigen, weißen Plastikstühlen an billigen, weißen Plastiktischen und verzehrten die Speisen eines bescheidenen Büfetts. Kaum hatten wir gegessen, löste sich die ganze Versammlung auf.

Am frühen Abend besuchte ich spanische Freunde in einem anderen Stadtviertel. Es war noch mehr los auf den Straßen als sonst. Vor einer Wache wurden Polizisten „verladen“. Dicht gedrängt standen auf der Ladefläche eines Laster junge Polizisten in ihren braungrünen Uniformen und den breiten Mützen und dem Schnurrbart im Gesicht. Die Ladefläche war von einem Lattenaufbau umgeben und gerade schloss jemand die hinteren Planken. Es war ein befremdender Anblick: Vieh hätte man nicht anders verladen. Wurden die Polizisten alle wegen Silvester an Einsatzorte verfrachtet?

Gegen 22 Uhr verließ ich das spanische Pärchen. Ich schlotterte vor Kälte, als ich auf den Mikrobus hinab in die Stadt wartete. In meinem Viertel wimmelte es von Uniformierten. Überall waren Polizisten. Beinahe an jeder Ecke standen ein, zwei, drei Uniformierte. Wovor hatten sie Angst? Sollte diese starke Präsenz einfach schon vornherein auch nur jeden Ansatz von Randale vereiteln?

Trommeln waren in den Straßen zu hören und schließlich bekam ich auch die Urheber zu Gesicht: Ein paar verkleidete Kinder und Jugendliche, ein Weihnachtsmann, ein unheimlicher Trommler, die anderen hatten Masken vor den Gesichtern. Aus manchen Häusern kam laute Musik, Discolärm. Planlos lief ich ein bisschen umher. Ich hatte keinerlei Programm für den Abend. Es gab eine große Party von Mitstudenten, aber ich hatte nicht die geringste Lust, betrunkene, ausgelassene Ausländer zu sehen. Auch die Alternative, mit meinem Tunesier und seinen Freunden herumzulaufen, hatte sich zerschlagen, weil ich ihn an dem Tag nicht mehr erreicht hatte. (Auch viele Muslime feiern dieses Neujahrsfest, das sich ja nach dem christlichen Kalender richtet.)

Dann war es Mitternacht. Einige Kracher knallten in den engen Gassen. Alles in allem war aber erstaunlich wenig an Feuerwerk zu sehen und zu hören. Weil die Menschen kein Geld dafür haben? Später erfuhr ich den wahren Grund: Silvesterkracher und -raketen waren in Syrien verboten, so sagte man mir. Manche ließen es sich aber angeblich nicht nehmen, ein Gewehr unter dem Bett hervorzukramen und einige Schüsse in den Nachthimmel zu jagen, bevor sie die Waffe für ein Jahr wieder einwickelten. Wahrscheinlich war das eher eine Sitte auf den Dörfern. Hier im Viertel hatte ich jedenfalls keine Gewehrschüsse gehört.

Die Menge auf dem Platz verhielt sich zum Jahreswechsel ruhig. Die meisten standen einfach herum und schwatzten, ohne Feuerwerk, ohne Alkohol, ohne hysterischer Ausgelassenheit. Die einzigen, die sich zum neuen Jahr umarmten, waren ein paar Europäer. Mir waren diese erzwungenen, kollektiven Silvesterumarmungen schon immer zuwider gewesen und ich war froh, ihnen dieses Jahr entkommen zu sein. Araber tauschen stattdessen Wangenküsschen aus und ich hatte zu Weihnachten und Neujahr zum ersten Mal selbst an diesem Ritual teilgenommen, als Mann mit Männern natürlich, nicht mit den arabisch-muslimischen Frauen (mit meinen türkischen Kommilitoninnen hingegen durchaus).

Es war kalt und viel zu sehen gab es nicht. Ich ging in das dunkle, leere Haus zurück und war ganz allein, erleichtert, aber auch unzufrieden. Ich hasste Silvester. Ich hatte es schon immer gehasst. Das Jahr 2004 war angebrochen.

P.S. Heute las ich auf facebook von einem syrischen Freund, der mich damals am Euphrat großherzig als Gast aufgenommen hatte, später in die Golfstaaten zog und im immer noch so hoffnungslos andauernden syrischen Bürgerkrieg Familienangehörige durch die Truppen Asads verloren hatte, dass er in Syrien sei. Ich wünsche ihm, dass er möglichst viele seiner Verwandten lebend antrifft, selbst heil wieder zu seiner eigenen Familie an den Golf zurückkehrt und das ganze Land bald Frieden finden wird. Wie das, das Letzte, allerdings geschehen soll, weiß ich selbst nicht. Haben wir es hier in Mitteleuropa gut …

Vom Winde verweht, irgendwann

Es gibt so wunderbare Momente: Etwa an einem Spätsommerabend in Madrid die innige Umarmung einer Freundin, die ich über acht Jahre lang nicht gesehen habe. Und der Austausch von Erinnerungen an die gemeinsame Studienzeit in Damaskus, die für viele von uns, die dort waren, zu den herausragendsten, kostbarsten unserer Lebensjahre zählt (auch wenn sie eine nicht minder mächtige Kehrseite haben konnte: Verunsicherung, Einsamkeit, Isolation). Und an unser Wiedertreffen vor eben acht Jahren in Madrid und einen Abend in einer Bar, in der unser Gespräch auf Spanisch begonnen hatte und immer mehr ins Arabische übergegangen war, sehr zur Verwirrung des Barkellners.

Solche Gespräche können wir nicht mehr führen, unser Arabisch ist leider dahin. ‚Mit dem Wind gegangen‘, wie nicht nur Margaret Mitchell schreibt, sondern schon die klassischen Araber sagen. Aber schön, dass wir uns nach so vielen Jahren überhaupt wiedergesehen haben. Und noch irgendeine Ebene der Verständigung finden. Noch hat der Wind, der unbarmherzige, stetig wehende, nicht alles hinfortgetragen.

Daran denke ich, als ich auf einem Voralpenhügel aus dem Fenster schaue und meine Großmutter beobachte. Sie trägt den Aschekasten ihres Küchenofens zum Komposthaufen, dick eingepackt, denn ein grimmer Ostwind zerrt an ihrem Schal, er wirbelt Asche empor und trägt sie mit den Nebelfetzen hinfort. Sie wird am nächsten Tag einen runden Geburtstag feiern, die Großmutter, nach und nach trudeln ihre Nachkommen ein. Wie oft wird sie den Aschekasten noch hinaustragen, bevor sie selbst verweht wird wie die Asche, wie Staub im Wind?

Später legt sich der Hochnebel schwer aufs Land, die Felder verschwinden. Der Wind weht weiter.

Der Tempel unter dem Schutz des Präsidenten

Ein paar Stunden vor Reiseantritt heute ein etwas längerer Eintrag – in Erinnerung an ein Land am Vorabend des Bürgerkriegs (Syrien, 23. März 2011).

Ein Galaplatz im Mikrobus

In einem arabischen Mikrobus („Service“ in Syrien) kann man aus den verschiedensten Gründen ins Schwitzen geraten. Weil das Wetter warm ist. Weil man eingezwängt dasitzt, möglicherweise vorne zwischen dem Fahrer, der einem immer wieder den Schaltknüppel gegen das Knie drückt, und einem zweiten Fahrgast auf dem Vordersitz, am besten, wenn man auf den Knien noch einen kleinen Rucksack balancieren muss. Vielleicht auch, wenn man zu den empfindsameren Gemütern gehört, die Tatsache schwieriger Kommunikation, wenn man die Fragen des Fahrers nicht versteht – oder aber gerade kapiert, dass sich das Gespräch zwischen dem Fahrer zur Linken und dem Nebenmann zur Rechten um einen selbst dreht, man aber eben nur das und leider nicht mehr versteht. Und natürlich der Fahrstil des Kleinunternehmers.

Bei mir trafen alle Gründe zusammen, als ich die einstündige Fahrt von Damaskus aus nach Dumair unternahm. Ich war der erste Fahrgast – und der einzige, der in der Garage Abbassiyin einstieg – und setzte mich neben den Fahrer (ich sollte es noch bereuen). Er hatte hellen Teint und einen rötlichen Bart, ein volles Gesicht mit melancholischer Augenpartie und einem aufbrausendem, wenngleich nicht unfreundlichen Wesen. Wären seine Augen nur eine Spur heller gewesen, hätte man ihn ohne Weiteres in „Braveheart“ unterbringen können.

Interessanterweise war er angeschnallt – das war mir in diesen Tagen bereits mehrmals aufgefallen, in einem Land, in dem Taxifahrer vor wenigen Jahren noch in ihrem männlichen Stolz verletzt waren, wenn der Fahrgast sich den Sicherheitsgurt umlegen wollte. Sollte sich hier doch etwas ändern im syrischen Straßendschungel? Was für den Fahrer zutraf, galt leider nicht für mich (es gab keinen Gurt) und ich litt Qualen und sah mich schon durch die Windschutzscheibe fliegen.

Denn wie fast alle Syrer, die ich erlebt hatte, fuhr der Fahrer rasant und aggressiv, nutzte jede noch so kleine Lücke, drängte sich mit Hupen, Gesten, Flüchen und dem reinen Willen vor, nur um gleich darauf wieder überholt zu werden, wenn ein Fahrgast aus- oder einstieg. (Wer bisher nur in der westlichen Hemisphäre Bus gefahren ist: Ein Mikrobus hat eine Route, mehr nicht, und hält dort, wo ihm jemand auf der Straße zuwinkt bzw. auf Zuruf eines Fahrgastes – „al-yamin, ya mu‘allim“.)

Die Straße nach Dumair war uneben, teils löchrig oder rissig. Alte Schienen liefen quer. Bodenwellen nahmen glücklicherweise immer wieder das Tempo heraus. Wo die Straße hingegen frei war, jagte der Fahrer den alten Motor hoch, hinter uralten Mercedes-Benz-Lastwagen her, die schon zu Zeiten von „Lohn der Angst“ in einem ehrwürdigen Alter gewesen sein mussten und weit über die Ladekante hinaus mit Schrott beladen waren. Wenn da etwas ins Rutschen käme … Aber es war nur eine plattgedrückte Büchse, die vor uns auf die Straße fiel, als wir zum Überholen ansetzten. Der Fahrer lachte. (Auf dem Rückweg krachte einem kleinen Lieferwagen, kaum dass er vor uns auf einen holprigen Hof eingebogen war, die Ladeklappe herunter. Ich konnte nicht sehen, ob der Fahrer des Wagens überhaupt nach hinten blickte.)

All das sieht das entsetzte westliche Auge ganz ungeschminkt vorne neben dem Fahrer und ich verstand nicht, wieso ich auf diesem Platz gelandet war, nachdem ich erst am Vortag bei einer Fahrt im Mikrobus geschworen hatte, mich nie mehr nach vorne zu setzen, sollte ich die Fahrt unbeschadet überleben (Erinnerungen an frühere Fahrten ganz zu verschweigen). Ich erneuerte meinen Schwur.

Geraucht wird, wenn der Muezzin schweigt

Der Kleinbus füllte sich schnell. Mein Sitznachbar stieg aus, ein junger Mann rückte nach, ein ganz anderer Typus als der Fahrer: braun wie ein Beduine, eine schnittige Nase im schmalen Gesicht, dunkler Schnurrbart, grünbraune Augen, eine Haartolle und eine Outdoor-Jacke in der Art eines leichten Parkas, ein eher ländliches Kleidungsstück. Der Mann trug einen Papierumschlag bei sich, vielleicht hatte er in der Hauptstadt irgendwelche Dokumente abgeholt.

Der junge Mann war aus Dumair, wie sich heraustellte, und kannte den antiken Tempel, den ich dort besuchen wollte, anders als der Fahrer. Der Tempel befinde sich in einer Burg, erzählte der junge Mann, und ich hatte gute Hoffnung, dass er mir vor Ort zeigen würde, wohin ich musste.

Dumair sollte laut Karte etwa 40 Kilometer von Damaskus entfernt an der Straße nach Tadmur (Palmyra) liegen. Es war nicht leicht zu sehen, wo Damaskus überhaupt endete. Kilometer an Kilometer reihten sich ohne Unterbrechung Vororte, triste Bilder aus Staub, Höfen, Werkstätten, Industrieanlagen und schmucklosen Wohnhäusern. Trostlosigkeit in Grau und Braun, diesen typischen Farben Syriens, dagegen konnten auch die gelegentlichen Baumreihen nichts ausrichten.

Irgendwann drehte der Fahrer die Kassette mit religiösen Gesänge aus – Zeit für eine Zigarette! Mein Sitznachbar fühlte sich dadurch ermutigt und holte selbst eine Schachtel hervor. Allein, sein Feuerzeug rieb ein ums andere Mal ohne Funkenschlag. Irgendwann reichte ihm der Fahrer seines, der junge Mann schleuderte sein nutzloses Feuerzeug durch das offene Fenster hinaus und hatte seine Zigarette nach dem ersten Versuch an. „Besser so?“, grinste ich und der junge Mann hob den Daumen. Ich war froh, dass der Rauch der Zigaretten aus den geöffneten Fenstern zog.

Schlüsselsuche in Ad-Dumair

Von einer altertümlichen Anlage vor dem Ort war, anders als der Reiseführer beschrieben hatte, nichts zu sehen. Auch war das „Dorf“ nicht gerade klein.

„Wohin willst du nun“, fragte mich der Fahrer.

„Als erstes Wasser kaufen“, antwortete ich und mein Sitznachbar bekundete dem Fahrer, er werde sich um alles kümmern.

Staubig die Hauptstraße, ein reizloser Ort, an dem wir ausstiegen. Immerhin, durch eine Seitenstraße war nun das antike Gemäuer zu sehen. Erst aber brachte mich der junge Mann zu einem Laden, vorbei an einem Metzger, der ein frisch geschlachtetes Schaf ausgehängt hatte. Die abgezogene Haut lag im Rinnstein der Straße, zwischen anderem Müll. Ein zweiter Metzger hatte auf dem Schaufenster das Bild eines glücklichen Kamels mit Jungtier. Dahinter sah ich einen gewaltigen Brocken relativ dunklen Fleisches, die größte Masse Fleisch, die ich je gesehen hatte.

Nach dem Kauf der Wasserflasche brachte mich der junge Mann zur Ruine. Französisch könne er etwas, erklärte er mir, aber kein Englisch. Da mein Französisch noch schlechter ist als mein Arabisch, blieben wir dabei. Das kleine Areal war von einem Zaun umgeben. In einer Grube – einem erstaunlich tiefen Aushub – stand ein viereckiges Gebäude: der Tempel des Zeus Hypsistos. Eindeutig waren die antiken Stilelemente zu erkennen. Doch das Tor war – wie erwartet – verschlossen.

Der junge Mann erklärte, dass wir nach dem Schlüsselträger suchen müssten. Er klopfte an irgendein Haus in der Nachbarschaft, eine schrille Frauenstimme antwortete, durch die Haustür hindurch unterhielten sich die beiden. Ohne Ergebnis.

Der junge Mann war für einen Moment ratlos. Mir tat es schon leid für den Aufwand, den er betrieb, um einem völlig Fremden bei seinem Spleen, irgendwelche unbedeutenden Mauern aus längst vergangener Zeit zu besichtigen. Ich erklärte ihm, es sei gar kein Problem, wenn sich der Schlüssel nicht fände. Stattdessen winkte mich der Mann mit: Im „Stadtzentrum“, so verstand ich, würden wir schon fündig werden.

Eine Besichtigung unter dem Segen des Regimes

Fünf Minuten später betraten wir ein Amtsgebäude – das Rathaus. Der junge Mann hieß mich  mit einer Geste – aneinandergelegte Fingerspitzen der nach oben gehaltenen Hand, wie die klassische italienische Geste, nur mit anderer Bedeutung – warten und betrat einen offenen Nebenraum. Während er dort ein Gespräch führte, schaute ich im Flur auf die doppelflügelige Holztür vor mir, über der gewaltig groß ein Bildnis des alten Präsidenten hing, links und rechts jeweils ein kleineres Bild seines Sohnes Baschar al-Asad, des gegenwärtigen Präsidenten. Ich hielt mich aufrecht unter dem Blick des großen Bruders, aber mein Gesicht war ausdruckslos, ein glatter Spiegel wie bei vielen Syrern in der Öffentlichkeit. Niemals hatte ich ausdruckslosere Gesichter gesehen als in einem überfüllten Teehaus in Aleppo, wo alle auf den Bildschirm starrten und einer mit Spannung erwarteten Parlamentsrede Baschar al-Asads zuhörten.

Der junge Mann kam zurück, klopfte munter an die Flügeltür und betrat den Raum. Es dauerte ein paar Minuten. Andere Männer kamen, klopften, gingen ebenfalls hinein. Dann winkte mich der junge Mann durch die Tür herein. Ich betrat das Büro des Bürgermeisters. Rechts thronte er hinter einem Schreibtisch, ringsum standen grüne Sessel, in zwei, drei saßen gelassen Männer, es mussten Vertrauensleute des Bürgermeisters sein, Parteigenossen, auserwählte Handlanger, jedenfalls hatten sie nicht die Haltung von Untertänigkeit, die andere Bittsteller zur Schau trugen.

Der junge Mann stellte mich dem Bürgermeister vor, der hieß mich auf Englisch willkommen und wies mir einen Platz zu seiner Linken. Er fragte mich, ob ich Arabisch könne, ich sagte, ein wenig, dann legte er los in seinem Dialekt und ich verstand nichts. Vielleicht doch auf Englisch, schlug ich vor, aber das überstieg wiederum sein Vermögen.

Der Amtsträger grunzte und redeschwallte stattdessen mit den anderen weiter, streute hin und wieder ein „welcome“ oder „ahlan“ mir gegenüber ein und stempelte zwischendurch ein Dokument für einen Bittsteller ab. Offenbar entwickelte sich die Suche nach dem Schlüssel zu einer mittleren Staats- respektive Verwaltungsaffäre.

Ich fragte mich bereits, ob ich allen und vor allem dem Bürgermeister die Ratlosigkeit ersparen und taktvoll einen Rückzieher machen sollte, aber andererseits war es einfach zu faszinierend, was sich hier abspielte. Einem Faktotum in mittlerem Alter mit Pausbäckchen, Chaplinbart und lustigen Augen wurde aufgetragen, mir einen Kaffee auszuschenken. Er hatte ein Tässchen und eine Henkelkanne in der Hand, fand in der Tiefe der Tasse noch etwas Kaffee und trank diesen Rest aus, bevor er mir in diese Tasse einschenkte. Eine zweite Tasse lehnte ich mit einem „bass“ und Schwenken der Tasse ab, wie es mir Saudis in der Jugendherberge von Dubai einmal beigebracht hatten. Einer der gelassenen Männer auf den Stühlen lachte und erhielt selbst einen Kaffee aus der Tasse.

Vielleicht um zu demonstrieren, dass er Herr der Lage sei, setzte der Bürgermeister nun dem jungen Mann, der mich hergebracht hatte und sich eigentlich zurückziehen wollte, mit Fragen zu. Es war ganz offensichtlich, dass der junge Mann sich nicht wohlfühlte in seiner Haut. Ich verstand nicht, worum es ging, aber es kam mir unfair vor: ein ungerechtfertigtes Machtspielchen auf Kosten des hilfreichen jungen Mannes. Als das Verhör abebbte, fragte der junge Mann den Bürgermeister, ob er gehen dürfe, und schlich rückwärts aus dem Raum, ohne dass ich noch die Gelegenheit bekommen hätte, mich bei ihm zu bedanken oder ihn zu verabschieden. Vielleicht bereute es der junge Mann schon, den Fremden so bereitwillig unterstützt zu haben. Mein Bedauern war jedenfalls fraglos vorhanden. So hatte ich ihn nicht gehen sehen wollen.

Dann kam ein Neuer, ein kleiner, jüngerer Mann, ein hübscher Schnurrbartträger mit sensiblen Gesichtszügen. Er trug Hemd, Bügelfaltenhose und Plastikschlappen und eine schwarze Lederjacke genau der Art, wie man sie sich von gewissen Mitarbeitern des syrischen Geheimdienstes vorstellt. Es war ein merkwürdiger Kontrast: Das Kleidungssymbol des gefürchteten Muchabarats passte nicht zu seinem empfindsamen Gesicht. Dieser Mann würde mir also weiterhelfen …

Doch erst brachte sich der Bürgermeister nochmals ins Spiel, plötzlich wollte er meinen Pass sehen – eine Passkontrolle durch den vielleicht ranghöchsten Repräsentanten des Städtchens für eine archäologische Besichtigung. Der Bürgermeister tat, als wäre es eine glückliche Bestätigung seiner heimlichen Hoffnung, das Visum vorzufinden (als wenn ich ohne in das Land gekommen wäre), er erhob sich, reichte mir zu seinem wiederholten „ahlan wa-sahlan“ nun sogar die Hand. Ich war mit dem Segen der Staatsmacht entlassen.

Tourismus leicht gemacht

Der Sensible führte mich hinaus. Wir könnten das Moped nehmen oder zu Fuß gehen, sagte er. Zu Fuß, antwortete ich und dachte mir insgeheim, was für eine dumme Frage, für diese paar Schritte. Und dann, mich verbessernd, seine Höflichkeit aufgreifend: Wie er möchte, meinetwegen aber gerne zu Fuß. Dabei blieb es.

Wir gingen dieses Mal um die andere Seite des Rathauses herum zurück zur Ruine. Der Mann vergewisserte sich, dass das Tor tatsächlich verschlossen war. Er erklärte mir, dass der Tempel während der Regierungszeit des römischen Kaisers Philipp Arabs erbaut worden war – historisch interessierte Syrer sind stolz darauf, dass ein Mann aus ihrem Landes einmal über das römische Imperium geherrscht hatte –, und konnte mir ein paar andere archäologische Überreste in der weiteren Umgebung aufzählen. Ich glaubte fast, der Sensible war so etwas wie ein Intellektueller.

Dann ging es darum, an den Schlüssel zu kommen – auch er hatte ihn nicht! Ob ich warten wolle … Natürlich ging ich mit. Zwei Ecken weiter rief er einem alten, hochgewachsenen Mann in schwarzer Dschalabiya zu, der missmutig eine Gebetskette in Händen hielt. Von seiner Aufgabe, das Tor aufzusperren, war er ganz offensichtlich nicht begeistert. „Woher“, frage er. „Nur einer?“, knurrte er. Grimmig schaute er auf mich herab, sagte „aber gerne“ („tikram“) zum Sensiblen – es klang nach beißender Ironie – und hinkte los. Seine Lunge röchelte.

Der Sensible schien inzwischen ein bisschen geknickt, der Alte war offenbar zuviel für sein sanftes Gemüt. Der Hüter der Pforte holte die Schlüssel aus dem Haus, dann schloss er umständlich das Tor zum Tempel auf. Wir drei stiegen die Stufen hinab und schritten in der Grube um das antike Gebäude herum.

Der Sensible zeigte mir die Inschriften und erklärte, was an Bausubstanz römischer Tempel und was islamischer Überbau war. Es war ein kleiner Tempel, ein quadratischer Hauptraum mit drei Nischen gegenüber dem Eingang, vermutlich für die Götterstatuen in antiker Zeit. In einem kleinen, dunklen Nebenraum stand ein alter Opferstein und darin lag – warum und wofür auch immer – ein Schlüsselbund mit sicherlich 20 Schlüsseln.

Der Sensible wies auf vier Figuren auf jeder Seite des Opfersteins. Merkwürdig gedrehte Gegenstände waren neben den Gestalten abgebildet, vom Zahn der Zeit abgeschliffen. Ich fragte, ob sie Hörner darstellten. Erst beim zweiten Mal verstand ich die Antwort: „Weintrauben“. Ich machte ein paar Fotos vom Tempel, eine reine Alibihandlung, dann hatte ich genug und wir verließen die Ausgrabungsstätte. Der Alte schloss ab, der Sensible schlurfte bereits wieder zurück und ich stand unbeholfen da, einige Münzen in der Hand.

Glücklicherweise hatte mich mein Reiseführer bereits darauf hingewiesen, dass ein Trinkgeld angebracht sei. Der strenge Alte wollte mich schon im rauen Tonfall fortschicken, als ich mich fast stammelnd bedankte (ich hasse es, mich mit dieser Art von alten arabischen Patriarchen abgeben zu müssen, sie lassen mich immer fürchterlich klein fühlen) und ihm die Münzen in die Hand drückte. Der Alte ließ sich zu einem gnädigen Nicken herab, die Summe zumindest schien in Ordnung zu sein.

Der Sensible war schon auf halbem Wege ins Rathaus zurück, ich rief ihm einen Dank hinterher, er winkte nur und ich knippste noch zwei letzte Fotos von dem alten Tempel (sie waren falsch belichtet, stellte ich später fest, aber das machte nichts, es war sowieso nur ein Ritual, um irgendwie einen Abschluss zu finden). So viel Aufwand für das bisschen Archäologie … Die Stätte war mir das Aufheben jedenfalls nicht wert – und interessant andererseits, wie hier potentielle touristische Magnete regelrecht abgeschirmt wurden vor einem Besuch.

Mehr schien mir der Ort nicht zu bieten und ich beschloss, nach Damaskus zurückzukehren. Ich hatte Glück. Ein „Service“ stand abfahrbereit auf der Hauptstraße. Die Fahrgäste trugen alle die ländliche Kufiya, das Kopftuch der Männer, das mit einer Kordel oder einem Gummiring festgehalten wird. Immerhin, zum Abschied schenkte mir das trostlose Dumair ein herzliches Lächeln: Einer der Alten – eine jener traurigen Figuren, die an den Bürgersteigen manchmal Kleinigkeiten zum Verkauf anbieten – strahlte mich aus seinem Faltengesicht an.

„Britani?“

„Almani“, lachte ich zurück.

„Ahlan wa-sahlan!“

Dieses Mal setzte ich mich nach hinten, in die letzte Reihe.