Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 5)

81.

Ein Entschluss: Ich wende mich nach Süden. Nur ein paar Schritte abseits der High Street Kensington liegen betörend schöne, ruhige Wohnstraßen mit edlen kleinen Geschäften. Sie sind wie hingezaubert mit ihren hübschen Treppenaufgängen, viel hellem, sauberen Putz, immergrünen Laubbäumen, die sich im Wind sanft wiegen und glänzen vom Regen. Hinter jeder Tür liegt hier ein Zuhause, das ist unverrückbar, ein sicheres Versprechen, in das heimzukommen eine Freude ist, so muss das sein. An die Realität von Mietpreisen will ich nicht denken.

82.

Der Regen nimmt weiter zu und ich beginne zu ahnen, dass der Weg länger sein wird, als gedacht. Kein „Abstecher“, wird mir bewusst, als ich durchnässt an ein Kirchtor trete, um den Namen abzulesen und auf der Karte meinen Standort zu bestimmen. Ich lege mir ein System auf, um den Weg beherrschbar zu machen: Abwechselnd will ich rechts und links abbiegen. Ich halte mich streng an das Muster, lasse nur ein einziges mal eine schmale, dunkle Gasse aus, die mir nicht geheuer ist, die vielleicht in einen Hof enden wird. Rechts, links, rechts, links, rechts, links, rechts.

83.

In einer Straße mit zurückhaltendem Geschäftsaufkommen prunkt ohne jede Verlegenheit ein Schauraum mit Ferraris. Das also ist South Kensington.

84.

Oakley Street. Hausverschönerungen im schmucken Chelsea, die Eingangstür zu dem altehrwürdigen Haus − ein paar Treppenstufen erhöht − steht offen, im Hintergrund Handwerker, ein paar Mörtelsäcke. Ein Mann liegt auf dem Flurboden, einen Arm auf dem Boden aufgestützt, mit der anderen Hand schlägt er den Lack der Tür ab. Autos rollen durch die Straße, der Regen rauscht und die Luft strömt kühl, doch den Mann stört es nicht, dort auf der Schwelle zu liegen. Ganz sicher wird das Haus am Ende noch schmucker aussehen.

85.

Nach dem letzten Schwenk nach rechts strahlt vor mir die Albert Bridge über der Themse. Ein Lichterfest.

London_Themse_Albert Bridge_Battersea

Abendlicher Blick vom Battersea Park auf die Albert Bridge

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Sofort nach der Brücke schlage ich mich nach links und gehe die lange gerade Uferpromenade des Battersea Parks entlang. Zuerst wirkt der Park fast leer, beinahe nächtlich schon. Eine einzelne Spaziergängerin mit Schirm kommt mir entgegen, dann ein Jogger. Hinter einer Pagode mit Buddhastatue trainieren zwei Mädchen Kickboxen im trüben Licht einer Laterne. Die Kleinere klagt, sie ist müde, aber auf die Aufmunterung der anderen hin schlägt sie immer weiter. Klatschen von Leder mit jedem Schlag und Tritt in die Handschuhe. Die beiden lachen. Dann kommt mir eine ganze Gruppe entgegen, ihr Gang ist so merkwürdig, dass ich für einen kurzen Moment an eine Zombiemeute denken muss. Schon geht mein Blick instinktiv nach rechts, sucht nach Ausweichwegen in den Park. Der Realitätsfilter in meinem Kopf macht aus den Zombies im nächsten Augenblick eine Gang auf Drogen. Dann endlich entschlüsselt mein Hirn die Bewegungsabläufe: Es sind Sportler bei Aufwärmübungen. Sie tragen kurze Klamotten, der Dezemberregen rinnt ihnen übers Gesicht. An die Kaimauer schlagen Wellen, die ein schnelles Boot ausgelöst hat, für einige Sekunden lebt die Illusion einer Brandung mitten in London. Am Parkplatz leuchtet es, Weihnachtsbäume werden feilgeboten. So viel Leben, was zuerst verlassen wirkte.

87.

Über die Chelsea Bridge mache ich wieder auf das andere Ufer rüber. Auf den anderthalb Kilometern bis zur Vauxhall Bridge kommen mir Dutzende Jogger entgegen. Die harten Platten des Thames Path − hier nur ein Gehweg neben einer großstädtischen Hauptstraße − dürfte weder für Dauerlaufer noch für Fernwanderer attraktiv sein. Das tut der Zahl der Sportwilligen keinen Abbruch. Anpassung an ein Ökosystem.

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Über die Lambeth Bridge wechsle ich erneut auf die südliche Uferseite über. Auf der Brücke kann ich das Riesenrad von The London Eye erspähen. Endlich wieder eine bekannte Landmarke. Ich passiere den Palace of Westminster und Big Ben schlägt auf der anderen Flussseite sieben Uhr. Ich erwarte die bekannte sonore Stimme: „BBC News“. Aber ich höre nur den Verkehr, Schritte, Autorauschen.

London_London Eye_Riesenrad

The London Eye

89.

An der Westminster Bridge verlasse ich den Uferweg und nehme eine Straße nach Waterloo hinein. Ich merke, dass ich nicht mehr die Aufmerksamkeit für die Wahrnehmung von Details habe. Mein Gang ist zum mechanischen Trott geworden, die feuchte Kleidung hängt am müden Leib. Das helle Gebäude des British Film Institutes, ein paar Schritte neben der Royal Festival Hall lockt mich nochmals aus meiner Innenwendung. Ich trete durch den Eingang und bin in einer anderen Welt, auf einer anderen Reise. Plakate von alten Filmklassikern  − Themenwochen „Gothic. The Dark Heart of Film“ − prangen an den Wänden, die offene Bar ist gut besucht von schwatzenden, fröhlichen, eleganten, ganz und gar nicht regennassen Menschen, links liegt ein Shop mit Filmdevotionalien. Ehrfürchtig wandere ich zwischen den DVD-Reihen hindurch: nicht nur Produkte einer Unterhaltungsindustrie, sondern irgendetwas Höheres. Eigentlich kaufe ich keine DVDs mehr und habe im Augenblick nicht einmal die technischen Voraussetzungen, mir zuhause Filme anzusehen, trotzdem bringe ich dem Gott des Kinos ein Opfer dar und bezahle bei einem liebenswerten Verkäufer für eine eklektische, aus dem Bauch heraus getroffene Auswahl: „The Claude Chabrol Collection, Volume 2″, „The Battle of Algiers“ von Gillo Pontecorvo und Abderrahmane Sissakos „Bamako“ aus Mali. Hellwach verlasse ich das Filminstitut und weiß, ich werde irgendwann wiederkommen, auf einer anderen Art der Londonreise.

90.

Ich stehe unter der Waterloo Bridge und weiß nicht genau, wohin weiter. Ein Passant fragt einen Mann in Trenchcoat nach dem Weg, also stelle ich mich an. „I am not a tourist guide“, erhalte ich zur Antwort. Ich finde den Weg auf die Brücke und überquere ein letztes Mal die Themse. Der Blick auf Downtown ist unverhüllt. Die kalte himmelstrebende Macht der Wolkenkratzer hat ihren eigenen Reiz und trotzdem begreife ich die Motivation nicht, diese Gebäude zu errichten. Sie werden nicht überdauern, dessen hin ich mir sicher. Stehen sie in 200 Jahren noch? Ich meine nein. Manch anderes hier in dieser Weltstadt ja, aber nicht diese Wolkenkratzer.

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„Hummus bros − give peas a chance“

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„Food and wine − open till late“. Was „spät“ auch immer genau bedeuten mag, die Leuchtreklame ist Trost in der abendlichen Dunkelheit.

93.

Als ich in meiner Unterkunft ankomme, glüht mein Gesicht, ich habe rote Wangen und fühle mich blendend − wie nach einem Tag in der Sonne. Sonne hatte ich heute nicht viel, nur zehn Stunden Fußmarsch und Wind und Wetter. Das wirkt offenbar ähnlich.

94.

Hostelgespräche. Dem Amerikaner unter meinem Bett war morgens in der Dusche der Geldbeutel gestohlen worden, das heißt vor der Dusche: nur einen Armgriff weit hinter dem Duschvorhang … Sein halber Tag hatte daher aus den leidigen Konsequenzen des Diebstahls bestanden. Immerhin war die Börse schlussendlich auf der Straße wiedergefunden worden − Bargeld weg, Papiere und Kreditkarte aber noch da. Ein Glück. Die beiden englischsprachigen Mädchen sind weitergereist, neu ins Zimmer kam dafür Ali, der Bengale aus Lincolnshire, ein sehr lustiger junger Bursche mit Schnurrbart. Er hatte den Raum gewechselt, weil ihm die Frauen in seinem ersten Zimmer zu schnatterhaft waren, behauptete er, doch der Münsteraner, der bereits betrunken und sehr laut hereinkommt, stört ihn angeblich nicht. Ali bietet uns allen von seinem indischen Essen an, es fallen viele Worte um die scharfe Soße. Der Amerikaner zeigt sich als schärfeempfindlich, es braucht viel Überredung, bis er sich bereit erklärt, ein bisschen von der Soße zu kosten. Der Münsteraner, der den Amerikaner schon die ganze Zeit so sehr provoziert, dass ich in Bereitschaft bin, einzuschreiten, sieht eine Möglichkeit, aufzutrumpfen. „Es ist kein bisschen scharf!“, tönt er laut, „kein bisschen!“ „He‘s got balls“, hatte Ali zuvor noch anerkennend genickt, als der Münsteraner beherzt zugegriffen hatte. Jetzt schaut er ihn an, sein Gesicht ist freundliche Ausdruckslosigkeit, und er sagt nur: „So so, gar nicht scharf.“ Zu viele Eier, dieser Münsteraner …

95.

Der nächste Morgen ist klar. In einem italienischen Café leuchten orangen Overalls und Jacken. Fast alle Gäste tragen diese Kleidung des städtischen Straßendienstes. Stammcafé oder morgendliche Betriebsfeier? Der Wirt, der mir in höflichster britischer Manier ein urenglisches Frühstück hinstellt − Toast, Spiegelei, Bohnen, eine große Tasse Tee („milk, no sugar“) − hat seinen südkontinentalen Akzent noch nicht verloren.

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Zum Abschied noch einmal ein indisches Essen, ein Lokal mit fünf Tischen und einem Mittagsbuffet. „Everything‘s vegetarian?“ „Yes of course, Sir.“ Chiliglut und Abschiedstrauer.

97.

Unter den Treppenaufgängen oder hinter den Liftschächten von St. Pancras Klaviere, in Pastellblau angestrichen und verstimmt. Es sitzen Menschen daran, eine Tasche umgehängt entlocken sie den Tasten Liedern. Ein Kunstprojekt? Am dritten und letzten steht ein Mann statt zu sitzen leicht versetzt zum Instrument, wie um zu demonstrieren, dass er nicht wirklich zum Klavier gehört − eine Unterstreichung einer Fremdheit −, mit nur einer Hand klimpert er behutsam auf den Tasten. Nein, die Spieler sind nicht Teil eines Projekts, die Klaviere stehen wirklich für alle Menschen einfach dort in der Bahnhofsvorhalle. Als ich die Reihe zurückgehe, hat an einem Klavier der Spieler gewechselt, ein Jugendlicher schlägt nun die Tasten an, drei Mädchen und Jungen stehen im Halbkreis drumherum, die Rücken schützend nach außen gewendet, und sie singen zur Melodie. Die Welt bräuchte öfters so etwas wie diese Klaviere in St. Pancras.

98.

Die letzte Stunde bricht an. Ich überbrücke mit einem Kaffee am Bahnhof, frage nach einer Möglichkeit, mein Smartphone aufzuladen. Es gibt keine Steckdose im Café, doch ein junger Kellner erklärt sich bereit, mein Smartphone hinten im Büro einzustecken. Zuerst will ich ablehnen, so viel Höflichkeit hatte ich nicht erwartet. Als der junge Mann versichert, dass es wirklich keine Mühe mache, drücke ich ihm Gerät und Adapter in die Hand. Als ich es nach dem Kaffee wieder abhole, reiche ich ihm mit Vergnügen Trinkgeld. Er strahlt.

99.

Die Schlangen zum Eurostar rücken langsam voran. Eine betagte britische Lady vor mir − rosa Jäckchen, rosa Passhülle − wird beim Durchtreten des Scanners zur Seite gewunken. Verschmitzt meint sie später zu mir: „I never had a body search before.“ „Congratulation“, lache ich.

100.

Der Zug rollt an. 50 Stunden London liegen hinter mir. Ich glaube, ich hatte so viel gesehen wie noch nie in einer Stadt in solcher Zeit. Und hatte kein einziges Mal ein anderes Verkehrsmittel als meine eigenen Füße benutzt.

Dezember 2013.

Euklids Degen

Diese merkwürdige Furcht, beim Öffnen einer Toilette im öffentlichen Raum eine Leiche vorzufinden …

Er liest vom Blatt über die phänomenologische Begründung der Geometrie, dieser überschlanke Mann mit den tiefen Geheimratsecken, das schüttere schwarze Haar schräg nach hinten gekämmt und zu einem Scheitel aufgeworfen. Im hageren Künstlergesicht suchen große dunkle Augen (umrandet), ein kurzer, angegrauter Vollbart bietet den asketischen Wangenknochen nur schwachen Schutz, die scharfe Nase springt weit nach vorn, der Mund eher Strich als Schwung.

Weit offen steht der weiße Hemdkragen über dem dunklen Sweatshirt − ein Halstuch würde dem Manne stehen −, die dunkle, offene Jacke schmücken große Knöpfe, die schwarze Hose ist von einem lässig hängenden Gürtel mit übergroßer Schnalle gehalten und über den schwarzen Schuhen abgebunden, seine Rosinante ein Rad.

Er könnte ein verarmter spanischer hidalgo sein aus dem siglo del oro, den steifen Barockkragen abgeworfen, den Degen verkauft für die Feder, einen Hauch feminin und womöglich bereits auf die schiefe Bahn geraten. Auch ein dunkler van Gogh vor dem Schnitt des halben Ohres ginge an, vielleicht auch ein Hungerrabe zwischen Gedankenschwere und Lebenstanz.

Die Füße schlägt er im Stehen übereinander, dann zieht er die Hose hoch über die schmalen Hüften, er stützt den Ellbogen auf das Pult, reibt sich mit der beringten Hand über Kinn oder Brust und scheint, während er die Sätze abliest, sein Publikum vergessen zu haben. Draußen wird es hell, der Dämmerregen hat aufgehört, über dem Gehölz links und rechts des schmalen Tales hängen die Wolken tief bis fast auf die Wipfel herab. It never rains in Southern California, das tut es dafür hier am äußersten Rand einer weiteren deutschen Regenstadt umso mehr. Vor dem Fenster, hinter dem Parkplatz liegt nur noch Wald, hier nicht allzu fern von der Mitte Deutschlands und doch am Ende der Welt.

„Die Systembiologen sammeln riesige Datenmengen und wenden sich dann an die Philosophen und fragen, könnt ihr uns sagen, was wir da eigentlich tun? Das ist, finde ich, dann ein bisschen spät.“

„Wenn Siegen zu ist, ist Siegen zu“, ruft der Busfahrer vier Reihen nach hinten und niemand wagt den sophistischen Gegenbeweis. „Ich bin gelernter Speditionskaufmann und war 20 Jahr lange in der Disposition, ich bin Vollprofi. Aber so was wie hier habe ich nicht erlebt. Das ist die Hölle, sage ich Ihnen. Hätte ich Ihnen jetzt auch durchs Mikrofon sagen können, aber das ist kaputt. Aber ich nehme mal an, meine Stimme ist laut genug, ne?“ Ich hebe den Daumen und renne dann los. Ich habe ihn gerade noch erwischt, den Zug, der Hölle zum Trotz.

Letzter Aufruf für die Buchmesse

Kesselleben liest Zeilentiger zur Zeit nicht viel. Rastlos und reiselastig waren die letzten Wochen. Aber manchmal eröffnet das auch ganz neue Möglichkeiten. Zum Beispiel ein Treffen auf der Frankfurter Buchmesse.

Ich freue mich sehr auf den angekündigten Besuch von einigen geschätzten Bloggerinnen und Bloggern am Freitag um 10.30 Uhr in Halle 4.2, Stand C6/C8 (mit Büchern allerbester handwerklicher Machart übrigens, allein dafür lohnt ein kurzer Blick auch dann, wenn die Inhalte nur Spezialisten interessieren).

Vielleicht hat ja noch jemand Lust, sich dazuzugesellen? Herzlich willkommen!

In die Verlängerung

„Was macht das Wesen des Christentums denn aus? Als Jude beispielsweise sind Sie gerecht, wenn Sie sich an den moralischen Grundsätzen des Dekalogs orientieren. Obwohl, das gibt es natürlich auch im heutigen Protestantismus, wenn auf dem Weltkirchentag der Einbau eines Dreiwegekatalysators wichtiger ist als die Dreifaltigkeitslehre.“

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Jeden Abend steht sie vor dem Fenster im Treppenhaus. Ihr Tag war Pauken von Paragraphen, so wie es auch der nächste sein wird, Vergangenheit und Zukunft sind einander gleich. Ihre Gegenwart aber ist der Ausblick aufs Klofenster gegenüber, eine Zigarette und ein Glas roten Weins. So steht sie da, den Ellbogen in die Hand gestützt, und um ihre Augen liegt ein zarter Hauch von Traurigkeit. Ich weiß nicht, ob er immer dort ist.

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Vor den Ladengittern neben der Fressbude stehen die jungen Araber und Schwarzen. Nicht in Grüppchen, sondern eher in einer Reihe, ihre Haltung halb Langeweile, halb provizierende Erwartung. Fast ein Straßenstrich, vielleicht für Faustkämpfe statt sexueller Dienste.

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Fichte ist eine Stadt in Südspanien, bekannt für ihre Steinbrüche. − Träume auf dem Philosophenkongress.

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Regenschutz für Schlossbesucher.