„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart

a2256488481_2Das Cover kann man als Pose abtun, als billiges Spiel mit der Gewalt. Mir gefällt es, aber ich hatte auch auf einem Wanderurlaub in Norfolk eine ganze Fotoserie toter Tiere – Trail of Dead – gemacht.

„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – unter diesem Motto veröffentlichten 13, nein halt, 12 Bands aus dem Stuttgarter Raum einen Sampler. Exklusiv auf Vinyl (und als Download), in einer 500er-Auflage. Heute war die Release-Party mit Konzerten bei Ratzer Records und bei Second Hand Records. Wer nicht so lange warten wollte, konnte sich die Platte bereits vorab auf dem ESxSW-Festival in Esslingen (oder ganz einfach bei den genannten Plattenhandlungen) besorgen.

Punk, Postpunk, Noiserock, Psychedelic – zwischen diesen Genren wandern die musikalischen Grüße aus Stuttgart: Human Abfall, Levin Goes Lightly, Die Nerven, Karies, Blunt Knives, Melvin Raclette, All diese Gewalt, Wolf Mountains, JFR Moon, Mosquito Ego, Jamhed, Peter Muffin haben ein schwungvolles Repertoire musikalischen Schaffens abseits des wohlbekannten Stuttgarter Sprechgesangs zusammengetragen.

Leider ist ein Wort im vorigen Satz gelogen. Welches? Beginnen wir damit: Der Aufnahmesound ist sehr flach, die Spitzen nach oben und unten sind gekappt. Manchmal kann auch das Ausdrucksmittel sein. Hier korrespondiert die eindimensionale Aufnahme mit den Inhalten. Vieles dürfte ein jungwilder Sampler aus dem Stuttgarter Kessel: mitreißen, verzücken, rocken oder meinetwegen auch einfach schockieren, wie ein in ein Handtuch eingewickeltes Stück Seife dem Zuhörer links und rechts um den Kopf fliegen. Stattdessen legt sich das Handtuch einfach auf den Kopf, da liegt die Seife und tut recht wenig. Am ehesten noch einen Ausdruck zu transportieren scheint mir JFR Moon mit dem Song „Modern Ships“. Insgesamt gebricht es an der mangelnden Authentizität, der Scheibe fehlt es (ich gestehe, jetzt zitiere ich einen Mithörer) an Gesinnung.

Und was haben die Songs mit Stuttgart zu tun? Musikalisch nichts. Nicht mehr, als dass die Bands aus dieser Stadt stammen. Aber selbst das lässt sich nur mittelbar erschließen, denn auf der Plattenhülle fehlen über Band- und Songnamen hinaus Informationen – wer spielt was, wo wurde aufgenommen. Eine Platte wie hingeworfen, bezugslos oder um es anders zu sagen: heimatlos. „Von Heimat kann man nicht sprechen“ – sehr wahr, aber das ist kein konzeptionelles überzeugendes Gemeinsame. Das ist das Versagen des Samplers.

Von Heimat kann man nicht sprechen. 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart. Offizieller Vinyl-Release 20.12.2013

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4 Gedanken zu „„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart

  1. ich kann eure meinung insofern nachvollziehen, dass zu wenig kontext kommunziert wird. album bezüge, aufnahme ort, etc.
    finde es auch ein wenig schade. dass neben dem harten titel und der etwas wahllosen symbolik des toten vogels nicht mher erläuterung über das unbehagen in der wohnstadt Stuttgart kommuniziert wird.
    aber ist es nötig/möglich einen gemeinsamen nenner zwischen 13 acts auf der platte zu finde, die aus unterschiedlichsten hintegründen kommen? i dont think so. es ist eben eine bestandsaufnahme, wenn auch ein ticken zu exklusiv oder nerdy geraten.

    eine sache, die ihr richtig macht:
    zumindest wenn es darum geht, dem aktuellen trend im journalismus zu folgen;
    Ihr verliert genau einen halben, unpräszisen satz über das worum es eigentlich geht:
    die songs.

    im besten fall setzt man sich 20 minuten mit den leuten auseinander die diese sache an den start gebracht haben.
    ein review dass nicht einen act erläutert? und stolz, einen song als „am ehesten gelungen“ abrechnet?
    nix für ungut, aber minder rund
    trotzdem danke für die blumen,
    jfr

    • Vielen Dank für deine Rückmeldung und deine Anregungen!

      In zwei grundsätzlichen Punkten bin ich, denke ich, anderer Meinung als du. Bei einem Sampler halte ich es nicht für notwendig oder auch nur angebracht, auf einzelne Songs einzugehen, sondern ich will den Sampler als Ganzes anschauen. (Zumal wenn die Songs auf der einen Seite stilistisch recht unterschiedlich sind, sich auf der anderen Seite aber gleichzeitig in der wenig begeisternden Aufnahmeart und dem Mangel, etwas zu liefern, was wir als Neues, Überraschendes, Aha-Erlebnis bezeichnen könnten, so sehr ähnlich sind.)
      Der zweite Punkt betrifft die Infos zu den Machern hinter den Songs. Klar, ein Blick auf die Künstler hinter der Kunst bringt neue Facetten. Genauso gut kann aber man die Personen ganz beiseite lassen und sich nur dem Kunstwerk selbst zuwenden. Der eine Weg ist nicht schlechter als der andere, es sind einfach zwei verschiedene Zugänge zum Kunstwerk.

      Ich habe mich sehr gefreut, dass es dir wert war, einen Kommentar zu hinterlassen!

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