Baden Baden, „Coline“ – Leicht wie der erste Sommer und ein Hauch von Traurigkeit

Die drei Pariser singen teils englisch, teils französisch und nennen sich nach einer deutschen Stadt – außergewöhnlich genug. Ihr Debütalbum „Coline“ (zwölf Songs und 49:26 Minuten lang) ist seit April erhältlich.

Kritiker verorten den Sound dieser Balladen zwischen Alain Souchon und Sigur Ros, aber mit nicht weniger Recht lassen sich Traditionslinien zum Brit-Pop ziehen: zu Coldplay oder Travis etwa, aber auch zur schleifend-gezogenen Stimme von Thom Yorke oder zu den frühen Kashmir, denkt man diese sich befreit von ihrem skandinavischen Schwermut.

Der Sound von Baden Baden perlt: die dünne, etwas hohe Stimme des Sängers Eric Javelle, leichtes Gitarrenspiel, leichtes Schlagzeugspiel, alles eine Antithese körperlicher Kraftprotzerei, leicht wie die emsigen Insekten auf einer Blumenwiese, untermalt von ruhigen Orgeltönen, von verspieltem Xylophon und tragenden Trompetenklängen. Und manchmal, nur manchmal legt sich der Hall von Gitarren über alles.

Es ist geradezu unerhört, wie leicht diese Songs daherkommen: Frühsommerwiesen, die noch nichts von den Nebelbänken und Laubstürmen des Herbstes wissen, als stammten die Lieder von Musikern, die noch ungezeichnet sind von den Narben des Lebens, selbst dort, wo die Texte (Träumen und Eintauchen kehren als Motive immer wieder) von Trauer und Verlust künden. Da passt, dass Baden Baden selbst vor dem Aufgreifen französischer Kinderreime nicht zurückscheuen (wunderschön: „Chanmé“).

Aber natürlich ist all das nicht Unvermögen, nicht Unreife, sondern Kalkül, ein programmatisches Spiel einer immer wieder neu ausgeloteten Grenzziehung zwischen juvenilem Traumsein und der Erwachsenenwelt. Am stärksten ist das Trio dann aber doch dort, wo es die puerile Unbeschwertheit am weitesten aufgibt, im Song „78“, in dem der Schmerz am dichtesten ist, wo die Gitarren laut werden, sich kurz in einem beinahe schon punkigen Riff aufbäumen und dann die Klage einer fast flüsternden Orgel zu brüchigem Gesang zurücklassen, die von der plötzlichen Erkenntnis von Verwundbarkeit und Einsamkeit zeugen, und anschließend – nur wenig schwächer – „Je sais je vais“ mit seinem ergreifenden Refrain „Mais je suis bien tombé / Comme une pluie d’été“.

Ein Fest jugendlicher Leichtigkeit mit einem hauchdünnen, wunderschönen Firnis an Melancholie. Nicht seicht. Nur leicht.

CD/Vinyl LP

© 2012 Starlite Rec under exclusive license to Naive

http://www.badenbadenmusic.com/

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