Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (4)

24. Der Tag der Soledad

Einen Sack Reis gibt es unter anderem, ganze 25 Kilogramm Reis. Was für eine Pracht! Was als Witz über glückliche einstige Inkarnationen als Aufseher von Getreidespeichern begonnen hatte, endete in diesem leibhaftigen Sack Reiskörner. Vollgefressen, gemästet ergötze ich mich an dem Anblick, kann mich immer noch an dem Bild von Essen erfreuen, obwohl ich mich jetzt schon selbst schlachtreif fühle. Irgendwann wird das Essen zum Selbstläufer, zum sinnentleerten Automatismus, der einen durch die Feiertage steuert und jegliche Anflüge von Selbstzweifel oder Unruhe unterdrückt. Ja, das Fressen, das ist wie Computerspielen oder Wichsen aus Langeweile. Wie aber soll man sich in der Weihnachtszeit diesem Strom an Leckereien auch erwehren? Jede Verteidigungsstrategie scheitert gegen dieses Große Fressen. Da bleibt, wie ein Schulfreund an diesem Tag noch sagen wird, nur noch der Weg in die Bulimie.

Der Abend findet mich in einer Kneipe wieder. Viele Gesichter, die man vielleicht schon ein Jahr lang nicht mehr gesehen hat. Es ist berauschend. Jeder freut sich selbst über bloße Bekannte aus früheren Zeiten. Ein vergessen geglaubtes Gefühl kommt auf und wir schwingen alle in Glückseligkeit. Was ist es, was uns in schiere Euphorie versetzt? Sind es wirklich all diese Menschen? Der gemeinsame Background, das ist es, was uns zusammenschmiedet und glücklich macht, erklärt mir ein Freund, Mensch Nummer 500, mit dem ich an dem heutigen Abend Worte wechsel. Wir sitzen an der Theke und dann beginnt er vom „Fest der Liebe“ zu sprechen. Da sitzen wir also, ohne Frauen, und es soll das Fest der Liebe sein. Sie blickt mich an – könnte es doch heißen, aber nein: Es ist der Tag der Soledad. Eine Parabel wird nachgeliefert. „Ich erzähle euch eine Geschichte“, beginnt mein Freund neben mir an der Theke. „Stellt euch eine hohe Mauer vor, einen Hof dahinter und darin die Frauen, auf die wir unser Leben lang gewartet haben, von Aliens dorthin entführt. Und ich sage euch, Brasilien ist auf dieser Welt der Ort, der diesem Platz am nächsten kommt.“ Ja, Brasilien, schön und gut, denke ich, aber wir sitzen hier in Deutschland.

Irgendwann wird es schließlich zu viel: zu viele Sinnesreize, zu viele Menschen, zu viele Freunde sogar, man ist gesättigt. Ein Schiffbrüchiger in einem Meer aus Leibern, Wellen aus Lärm schlagen über dem Kopf zusammen, man ertrinkt fast, Atemnot stellt sich ein in den Nebelschwaden aus Rauch, die über diesen Wassern hängen und die Sicht verhüllen; ein gespenstischer, hoffnungsloser Ozean. Auf einmal ist man einsam. Einsam in der Menge und es bleibt nur die Flucht hinaus in die Nacht, in die kühle, leere Nacht. Der neblige Burgberg ragt empor und die Füße nehmen die niedrigen Stufen hoch, weg von den Menschen, hinauf, hinaus aus dem Meer der Geselligkeit. Der Blick fällt zwischen feuchten Buchen hinab auf den Friedhof. Rote Kerzen brennen auf den Gräbern und ich erinnere mich, dass ich in all den Jahren seit seinem Selbstmord immer noch nicht an P.s Grab dort unten gewesen bin.

Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (2)

22. Der gewaltigste aller Filme

Die Begrüßung hatte eine gewisse Befangenheit. Wir hatten uns lange nicht gesehen und ich war das erste Mal in seiner neuen Wohnung. Sie war größer als die vorherige; noch mehr Raum, der mit Computern, CDs, Zeitschriften, Postern, Büchern und ein paar Überbleibseln aus seiner Kindheit, gleich bizarren Inseln in diesem Meer, gefüllt war.

Er freute sich und ich freute mich auch und wir lächelten ein geheimnisvolles Lächeln und sahen doch in den Augen des anderen ein wenig Verlegenheit. Wie so oft lief Filmmusik. Schwere Musik, schwer und groß wie der Mann vor mir: ein langsamer Hüne, und diese Schwere fand sich in allem – in seinen Gebärden, in diesem Zimmer, in den Farben.

Er war vom Filmgeschäft enttäuscht. Hoffnungen waren geplatzt, Verträge waren zurückgezogen, Versprechen gebrochen, Ideen für eigene Projekte abgewiesen worden. Zu originell, lautete die Begründung. Niemand wolle so etwas sehen, und folglich wollte niemand so etwas produzieren. Bloß keine Experimente auf dem deutschen Filmmarkt!

Das war vielleicht das Schlimmste: der Tod der Kreativität. Was blieb, war die Möglichkeit, die eigene Haut zu Markte zu tragen. Sich zu verkaufen, das widerstrebte ihm aber; etwas zu schaffen, an das er nicht glaubte, tat ihm weh.

Und nun sah er seine neue Hoffnung im Glauben, der zu seiner wichtigsten Stütze geworden war. Er überlegte, nochmals zu studieren, vielleicht einen internationalen Studiengang Theologie, berufsbegleitend. Und danach – womöglich Pastor?

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll und höre nur zu, ich registriere, lächle vage, aber nicke nicht.

CD-Wechsel: Der Herr der Ringe 2.

„Der gewaltigste Film aller Zeiten“, sagt er. Die Musik ist dunkel und heroisch und das Ende
schwer und gewaltig, gigantisch, düster, wie schwarze Klippen der Nacht, die majestätisch
emporragen. Einsam.

Das war es: Sie drückte aus, was ich sah, was ich fühlte, als ich ihm zum Abschied die Hand reichte. Ein einsamer, großer, schwerer Mann, der da dunkel im Zimmer stand.

Calderón geht auf Reisen (2)

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Auf dieser erst kürzlich mit einem bundesweiten Preis ausgezeichneten Bühne wurde Calderón vielleicht nicht aufgeführt, aber gelesen als Vorbereitung für eine Inszenierung von Christian Dietrich Grabbe, der den spanischen Barockdramatiker verehrte.
20 Jahre lang hatte ich den Freund nicht gesehen, der mir das erzählte. 20 Jahre seit unserer ersten und einzigen Begegnung auf einem Zivildienstlehrgang. Es waren drei prägende Wochen gewesen, drei vielleicht sogar Biographie bestimmende Wochen, und möglicherweise verdanken wir dem, dass wir uns nun wiedertrafen und uns immer noch etwas zu sagen hatten. Dass die Tonkassette mit Pan Ra und Hoelderlin (zwei deutschen Krautrockbands der Siebzigerjahre), die ich ihm damals geliehen hatte, längst verschollen ist, ist da nur eine kleine nostalgische Fußnote. Sie hatte mir nämlich ein Jugendfreund aufgenommen, der ein paar Jahre später Suizid beging.

Calderóns Drama vom wundertätigen Magier im römischen Antiochien hat eine sehr eigene Einstellung zum Tod. Die beiden Liebenden Cyprian und Justina finden sich erst in ihrer völligen Verneinung ihrer menschlich-irdischen Existenz. Erst dann gehen sie, ganz Geist schon, Arm in Arm bereitwillig in den christlichen Märtyrertod. Natürlich, wir sind letztlich (vom Grabe aus gesehen) tatsächlich nichts als Gerippe. Aber deswegen alles Leben davor nichtig? Nein, diese Lebensverleugnung des schweren, düsteren spanischen Barocks will ich nicht. (Man nehme die Mezquita in Córdoba: Die unermessliche, farbenfrohe, kalligraphische Schönheit der Gebetswand der einstigen Moschee – ich stand in Tränen vor ihr, denn es war vielleicht das Schönste von Menschenhand geschaffene, das ich je gesehen hatte – war umzingelt von dunklen Altären, blutigen Kruzifixen und düsteren Königsporträts späterer spanisch-katholischer Jahrhunderte.) Also geh, du wundertätiger Magier, geh mit Gott.

Freundschaft bei Leberpastete

Ich führte ihn zu einem meiner Lieblingsplätze in der Stadt, weil man dort sehr gut und angenehm sitzen kann, weniger des Essens wegen, am wenigsten des Services wegen. Der junge Kellner unterstrich diese Einschränkung ohne zu zögern: Er war bis zur blanken Unhöflichkeit desinteressiert. Ich schämte mich für ihn und ich schämte mich meinem Besucher gegenüber für meine Wahl des Lokals.

Er nahm es sehr gelassen: „Deutschland halt.“ Er arbeitet in einem Land auf der anderen Seite des Globus, in dem Service großgeschrieben wird, sehr, sehr groß. Er war müde von einem Dreifachjetlag, von den durch die Zeitverschiebung unbarmherzigen Kindern, von der unweigerlich folgenden Erkältung, von dem Arbeitstag in der heimatlichen Zentrale seines Konzerns. Er weiß, was er will und wie man es fordert, und er ist auf seine Weise ein Genießer. All das aber legte er mit einem Achselzucken ab, ging, wie von dem Kellner in seinen schlampigen Klamotten herausgenuschelt, unter dem Schild „Vinothek“ nach drinnen, um an der Theke jemanden zu fragen, welcher der Weine von der Karte womöglich trocken sein könnte.

Der Abend war milde und der Platz gut besucht. „Gibt es überall in Stuttgart so viele junge Leute wie hier?“, fragte er, nahm sich bedächtig einen Bissen von seinem Antipastiteller, spülte mit einem Schluck Grauburgunder nach. Es war sein Vorabend eines einwöchigen Urlaubs in Europa, Urlaubstage, wie sie die einheimischen Kollegen seines Gastlandes üblicherweise nicht in Anspruch nehmen. Er erzählte mir von einem altgedienten Mitarbeiter, 20 Jahre älter als er, anspruchslos und aufopfernd, der ihn eines Tages wegen heftiger Bauchschmerzen ansprach: „…san, mir geht es nicht gut, ich bin krank, erlauben Sie mir, heute Nachmittag einen halben Urlaubstag zu nehmen?“ Ich hörte die Geschichte zum dritten Mal, und ich hörte sie noch immer gerne.

Er ließ den Weißwein über die Zunge fließen. „So viele Bärte … Ist das eigentlich überall in Deutschland inzwischen so?“ Er strich die Leberpastete, die ich übrig gelassen hatte, auf sein Brot. „Indien ist wirklich hardcore. Eine erschreckende Zeitreise, kaum auszuhalten, du musst dir vorstellen, dass …“, erzählte er nachdenklich. „Letztes Weihnachten waren wir in Australien, Freunde besuchen, und ich war sehr erstaunt …“ Es dunkelte. „Auf einigen Pazifikinseln boomt die Wirtschaft, sie suchen händeringend nach Fachkräften aus dem Westen. Das hätte ich nicht gedacht …“ Der Teller war leer. „Was macht eigentlich dein Arabisch? Der Nahe Osten würde mich auch interessieren, aber das macht meine Frau nicht mit …“ Er rief den Kellner. „Ich hätte gerne das Gleiche nochmals.“ Und zu mir: „Das ist genau das, was ich brauche.“ Und er, schlank wie immer, freute sich auf seinen zweiten Teller Antipasti und sein zweites Glas Grauburgunder.

Zuhause tranken wir Tee. Er hatte immer schon Tee getrunken, zum Genuss und manchmal zur Heilung mit einem dicken Schal um den Hals, denn Erkältungen waren sein Markenzeichen. Er mit Tee und Schal, das war schon sprichwörtlich geworden damals. Wir saßen nun, Jahre später, auf den Sofas und an einem Tisch, die ich einst von ihm übernommen hatte, damals zusammen mit seinem WG-Zimmer. Aber was heißt übernommen. Es war ein fließender Übergang gewesen. Für etwa zwei Monate teilten wir uns das Zimmer, was machbar war, da er (allenfalls) am Wochenende zuhause war – ein wahrhaft großzügiges Entgegenkommen, denn ich hatte damals ein paar schwierige Monate, wohnte zwei Wochen bei einem befreundeten Paar (zwei so wohltuende Wochen in einer wurzellosen Zeit), kam dann drei Monate illegal in einem vergessenen Zimmerchen eines Schwesternwohnheims unter, dann schließlich in dem WG-Zimmer. Ein Glück, Freunde zu haben. Was hätte ich ohne gemacht?

Ich war jedenfalls froh damals über das Dach über dem Kopf und den sommerlichen Geräuschen von der Straße, und die paar Tage, die wir beide in dem Zimmer waren, kamen wir zurecht – manchmal bereitete ich etwas zu essen vor, wenn ich wusste, dass er kam – oder, wenn man sich doch einmal in die Quere kam oder wir uns zofften, wich ich für eine Nacht irgendwohin aus. Und als er bald darauf endgültig die Stadt verließ, blieb ich in dem Zimmer mit einem Teil seiner Möbel, von denen ich manche bis heute habe, ein Jahrzehnt später.

Wir tranken also Tee wie früher und wir hörten Jan Garbarek, „All Those Born With Wings“, und sprachen über die Vergangenheit (ihren Schönheiten), die Gegenwart (ihren Aufgaben), die Zukunft (ihren Herausforderungen). Früher einmal, erinnerten wir uns, hatten wir ein paar Mal ein internationales Abendessen ausgerichtet. Ich war fürs Kochen zuständig, er fürs Reden. Wir waren beide sehr zufrieden mit der Aufgabenteilung und es waren schöne Abende mit Menschen aus verschiedensten Ländern. So etwas würde mir auch heute noch gefallen.

Die Schallplatte war längst aus. Müde und triefnasig und ein klein wenig ironisch blickte er mich an, wenn ich schwieg. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, später, da hatte ich seine Arroganz gefürchtet. Er hat sie nicht mehr. Seine Verantwortung, beruflich wie privat, hatte ihr nicht etwa Brennstoff gegeben, sondern sie aufgelöst. Ich brachte ihm eine Decke für die Nacht und lachte: Auch sie hatte einmal ihm gehört.

Es ist ein Tag später, der Gast ist längst in der nächsten Stadt beim nächsten Besuch, und ich räume auf, stelle die Teetassen weg, falte die Decke, sortiere ein paar Bücher aus. Lou Pride singt „Ain‘t no More Love in This House“. Und ich frage mich: Wo in dieser weiten Welt stehe ich?

Secuestro virtual oder: Wie entführe ich mich selbst

Das Telefon klingelte um 3 Uhr nachmittags, eine ungewöhnliche Zeit.
„Hallo?“
„Guten Tag, ist da das Hotel …, Zimmer 202?“
„Ja, wer spricht?“
„Zimmer 202, richtig?“
„Ja ja …“
„Hör mir gut zu, du verdammtes Arschloch. Wir wissen genau, was läuft, aber damit du kommst du nicht durch.“
„Äh …“
„Du bist am Ende, wir machen dich so was von fertig!“
„Warten Sie, warten Sie, da muss es sich um ein Missverständnis handeln!“
„Glaubst du etwa, du kannst die Zetas verarschen? Wir wissen genau, dass du Waffen für die Sinaloa in dem Zimmer versteckst. Wir holen uns dich, du Arschloch, und dann ist Schluss!“

J. war eben erst angekommen in der mexikanischen Stadt. Er war aus dem Süden Lateinamerikas angereist, um auf einer wissenschaftlichen Tagung einen Vortrag zu halten. Er hatte sich darauf vorbereitet, etwas über Bildhermeneutik zu vermitteln − nicht, in eine Auseinandersetzung zwischen den mexikanischen Drogenkartellen verwickelt zu werden.

„Nein, nein, hören Sie, das ist wirklich ein Missverständnis! Ich bin Professor, ich bin gerade aus dem Ausland angereist, um hier einen Vortrag zu halten, das ist alles!“
„Dann beweis es, was du sagst. Los, beweis es! Gib uns eine Telefonnummer von jemanden, der deine Geschichte bestätigen kann. Sag uns, wer dort ans Telefon gehen wird, mach schon. Und wenn nur eine Sache nicht stimmt an deiner Geschichte, dann TÖTEN wir dich!“

Später verfluchte sich J. dafür, was er nun tat. Er nannte die Nummer seines Zuhauses ein paar Tausend Kilometer entfernt. Er hörte, wie die Nummer angewählt wurde, wie sich seine Frau meldete. Dann brach die Verbindung ab und eine andere Stimme war in der Leitung.

„Okay, vielleicht war das ja wirklich ein Missverständnis. Professor bist du also? Zwei Kinder hast du?“ Es kam J. vor, als wüssten sie bereits alles über sein Leben. „Hör zu, wenn es stimmt, was du sagst, wird niemandem etwas passieren. Tu einfach genau das, was wir dir sagen, und alles wird gut, verstanden?“

Sie schickten ihn in einen Laden, um dort ein Handy zu kaufen und aufzuladen. Er tat es. Sie wechselten über zum Handy. Dann forderten sie ihn auf, ein Taxi zu nehmen. Er würde telefonisch Anweisungen für den Weg erhalten. J. verließ erneut das Hotel und hielt nach einem Taxi Ausschau. Blickt man von außen auf die Situation, erscheint es irrational. Aber J. war da schon zu tief in die Spirale aus Furcht gerutscht.

Und in diesem Augenblick kam ein mexikanischer Kollege die Straße herunter.
„Was ist los? Wo willst du hin? Du warst nicht zu deinem Vortrag da. Ich wollte nach dir schauen!“
„Tut mir leid, ich muss weg, meiner Frau geht es nicht gut, ich muss zum Flughafen …“
Der Mexikaner stutzte. Er spürte, dass irgendetwas nicht stimmte, er sah das Handy in J.s Hand.
„Sag mal, wirst du etwa gerade entführt?“
J. war nicht in der Lage, darauf in Worten zu antworten. Die Anrufer waren noch immer auf Leitung. Er nickte nur.
„Leg auf. Los, leg auf!“
J. konnte nicht. Sein Kollege entwand ihm das Telefon und drückte aus. Und plötzlich fiel ein Gewicht von J. Er konnte wieder frei atmen, er konnte wieder frei denken. Der Kreislauf der Angst und Manipulation war durchbrochen. Sie hatten keine Macht mehr über ihn.
„Du musst da einfach auflegen, wenn solche Typen dich entführen wollen. Das ist normal bei uns. Einfach sofort auflegen“, sagte der mexikanische Kollege.

Auch die Polizei nahm es gelassen. Für sie ist das Tagesgeschäft. Sie hat sogar eigens eine Hotline für solche Fälle einer virtuellen Entführung (secuestro virtual) oder ‚Selbstentführung‘ (autosecuestro) eingerichtet. Der Anruf wurde übrigens in ein Gefängnis in einer anderen Stadt zurückverfolgt. Von dort wurden solche Entführungen und Erpressungen eingeleitet − eine Art Callcenter der Kriminalität. Wäre J. den Anweisungen der Anrufer gefolgt, wäre er irgendwo in Empfang genommen worden. Und erst dann wäre die virtuelle Entführung körperlich manifest gewesen. (So musste er ‚nur‘ einen Freund in der Heimat anrufen, der sich aufmachte zu seinem Haus, um J.s Frau zu informieren, dass es ihm gut gehe − denn die Telefonleitung war dauerbesetzt von den Anrufern, die ihr weismachten, dass sie ihren Mann längst in ihrer Gewalt hätten, und Lösegeld forderten.)

Die Macht der mexikanischen Kartelle ist aber alles andere als virtuell. Der Drogenkrieg in Mexiko fordert Jahr für Jahr so viele Todesopfer, dass der Konflikt seine Bezeichnung als Krieg längst verdient hat.

Wir schauten J. an. Längst war es dunkel draußen. Ganz friedlich lag die Killesberghöhe da, so unerwartet friedlich nach dieser Erzählung. Noch immer sind nicht alle Wohnungen und Geschäfte in dem neuen Quartier bezogen, wo sich vor ein paar Jahren noch das alte Messegelände ausgebreitet hatte. Aber langsam füllen sich die hellen, rechteckigen Gebäude mit Leben.

F. stellte vier neue Gläser auf den Tisch und der Abend wandte sich neuen Geschichten, neuen Getränken zu. Er würde noch ein Weilchen gehen. Schließlich sahen wir unseren Freund aus Studienzeiten nur alle paar Jahre einmal.

Vom Winde verweht, irgendwann

Es gibt so wunderbare Momente: Etwa an einem Spätsommerabend in Madrid die innige Umarmung einer Freundin, die ich über acht Jahre lang nicht gesehen habe. Und der Austausch von Erinnerungen an die gemeinsame Studienzeit in Damaskus, die für viele von uns, die dort waren, zu den herausragendsten, kostbarsten unserer Lebensjahre zählt (auch wenn sie eine nicht minder mächtige Kehrseite haben konnte: Verunsicherung, Einsamkeit, Isolation). Und an unser Wiedertreffen vor eben acht Jahren in Madrid und einen Abend in einer Bar, in der unser Gespräch auf Spanisch begonnen hatte und immer mehr ins Arabische übergegangen war, sehr zur Verwirrung des Barkellners.

Solche Gespräche können wir nicht mehr führen, unser Arabisch ist leider dahin. ‚Mit dem Wind gegangen‘, wie nicht nur Margaret Mitchell schreibt, sondern schon die klassischen Araber sagen. Aber schön, dass wir uns nach so vielen Jahren überhaupt wiedergesehen haben. Und noch irgendeine Ebene der Verständigung finden. Noch hat der Wind, der unbarmherzige, stetig wehende, nicht alles hinfortgetragen.

Daran denke ich, als ich auf einem Voralpenhügel aus dem Fenster schaue und meine Großmutter beobachte. Sie trägt den Aschekasten ihres Küchenofens zum Komposthaufen, dick eingepackt, denn ein grimmer Ostwind zerrt an ihrem Schal, er wirbelt Asche empor und trägt sie mit den Nebelfetzen hinfort. Sie wird am nächsten Tag einen runden Geburtstag feiern, die Großmutter, nach und nach trudeln ihre Nachkommen ein. Wie oft wird sie den Aschekasten noch hinaustragen, bevor sie selbst verweht wird wie die Asche, wie Staub im Wind?

Später legt sich der Hochnebel schwer aufs Land, die Felder verschwinden. Der Wind weht weiter.

Freundschaft ohne Worte

Sie standen vor mir, ihre Rücken sperrten mich aus und ich begann vor Ungeduld, mit den Zähnen zu mahlen. Es war auf dem Konzert einer jener Bands, die man ihrer Frühsiebzigerjahremusik wegen schätzt und 40 Jahre später zumindest einmal gesehen haben will, bevor der Tod sie frisst.

Die beiden Männer vor mir, Endvierziger in Jeans- und Lederjacke, brauchten Minuten für die bescheidene Auslage: einige Alben auf CD, zwei oder drei gebrauchte Schallplatten aus dem Sortiment eines angesehenen (und innerhalb weniger Jahre fast zur Nichtexistenz geschrumpften) Fachhändlers. Der Mann in Lederjacke war fast zittrig vor Erregung – scharf wie ein Spürhund und zugleich unschlüssig angesichts der Größe seiner Leidenschaft. Seine Finger fuhren hin und her, zögernd nahm er eine Schallplatte auf, legte sie wieder zurück, ordnete die CDs neu an – „Die Reihenfolge stimmt nicht!“ –, geradezu vorwurfsvoll, denn der Fachhändler hatte in seinen Augen versagt: Chicago hatten ihre Alben meist nur nach Nummern betitelt, ohne diese auf der Covervorderseite immer abdrucken zu lassen.

Es war offensichtlich: Der Mann in Lederjacke war ein alter Fan, sicherlich nicht alt genug, um ein Getreuer der ersten Stunde zu sein, vermutlich auch noch nicht, als sich der Gitarrist Terry Kath in völliger Dummheit versehentlich selbst erschossen hatte, aber doch ein Liebhaber, den die Musik der Jazz- und Brassrockband über Jahrzehnte seines Lebens begleitet hatte. Mir machte es das Warten nicht leichter. Das Jagdfieber hatte auch mich – auch wenn ich nicht die Alben hätte chronologisch anordnen können – und ich begann, die beiden Männer dafür zu hassen, dass sie immer noch den Zugang zur Auslage versperrten.

Endlich fasste der Mann in Lederjacke einen Entschluss, er legte ein paar der Scheiben zur Seite und griff nach dem Geldbeutel. Da kam plötzlich Regung in seinen Begleiter, der die ganze Zeit über sehr aufmerksam, aber ruhig, geradezu geduldig daneben gestanden war. Er drückte dem Verkäufer einen 50 Euro-Schein in die Hand, bevor der andere seinen Geldbeutel geöffnet hatte. Alte Freunde, deren ökonomische Situation sich auseinanderentwickelt hat, dachte ich mir. Der Mann in Lederjacke stutzte. Für einen kleinen Augenblick schien die Zeit die Luft anzuhalten. Wie würde der Mann reagieren? Mit stolzer Zurückweisung? Mit einem Schauspiel des Sträubens und schlussendlichen Annehmens? Mit Beschämung oder mit haspelnden Dankesworten?

Nichts von alledem. Er breitete die Arme aus und die beiden Freunde umarmten sich. Alle Dankbarkeit lag in dieser Umarmung, eine Umarmung voller Kraft, Einvernehmen und gemeinsamer Geschichte, ohne dass einer von beiden ein einziges Wort ausgesprochen hätte. Meine Ungeduld war hinfort, meine Augen waren feucht. Keine Musikauslage konnte so kostbar sein wie dieser Moment alter Freundschaft ohne Worte.