Pausenfüller mit Gauck und Katze

Von wegen 6 km. Ich komme mit der letzten Bahn aus der Stadt von der Rede des Bundespräsidenten und guten Gesprächen auf dem Empfang und schlage die zweite Weghälfte zu Fuß ein, weil dorthin um diese Zeit kein Zug mehr fährt. Nach 2 km trunkenen Marsches rufe ich mit dem allerletzten Restchen Akkuladung ein Taxi − und dann sind es, wie sich herausstellt, immer noch 8 km. Kluge Entscheidung. Wann, grübele ich trotzdem, hatte mein Arbeitgeber eigentlich das letzte Mal von mir eine Taxirechnung erhalten? Ich erinnere mich nicht daran. Endlich bin ich im Dorf, jetzt heißt es nur noch im Finstern die Stufen zur Burg empor. Unter den Bäumen sehe ich nichts, ohne Handlauf wäre es eine furchtbar blutige Sache geworden, aber auch so dauert es eine halbe Ewigkeit. Als ich oben die romanische Kirche passiere, schlägt es unter weitem Sternenhimmel halb 1 Uhr und an den Stufen zur Hoteltür empfängt mich eine nachtwachende Katze. Sie reckt sich, sie streckt sich unter meiner Hand und schnurrt begierig. Es ist irgendwie wie nach Hause kommen. Das Leben ist wunderbar. Heute zumindest − über morgen Früh können wir dann noch reden.

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Blick in den kostenlosen Bücherfundus – geöffnet nur sonntags nach dem Gottesdienst

 

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Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 4)

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Ein Verkehrsschild an der Wellington Road verkündet eine einfache Botschaft: THE NORTH (M1). Solche Angaben gefallen mir. Der Norden. Der Süden. Ein ganzes, weites Land steht offen.

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Die Post wird ausgefahren.

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An der langen Mauer des Lord’s Cricket Ground, der Adresse schlechthin für Cricket auf diesem Planeten, vorbei. Nur am Bicentenary Gate erlaubt die hohe Wand einen winzigen Blick hinein − und damit hinaus aufs Spielfeld der vielleicht merkwürdigsten aller britischen Sportarten.

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Aus Lord’s Tavern − The Home of Cricket − dringt der bestechende Geruch von Knoblauch. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen wie beim pawlowschen Hund nach Ertönen des Glockentons. Auch die englische Küche hat die Knolle längst erobert.

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Blick in eine Seitenstraße.

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In der St. John’s Wood Road steht ein Umzugslaster. Der Stoffbezug des Sofas auf dem Bürgersteig ist ungeheuer britisch. Ich will es fotografieren und traue mich vor den Augen der Möbelpacker nicht. Also lungere ich ein bisschen herum und warte eine Zigarettenpause der Möbelpacker ab. Wie ein Dieb nutze ich den Augenblick und knipse das Sofa.

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Die Wächter sind kurz ausgetreten.

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Und dann am Clifton Court keine Ziegelsteine mehr, sondern ohne Vorwarnung Fachwerkfassade, einen Block lang. Ein ganz neuer Blick auf die Stadt.

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Dort, wo die Maida Vale in die Edgware Road mündet, beginnt wieder ein neues London. Die Straße zeigt sich breit und amerikanisch, wie die Achse einer Pionierstadt. Die eigentlichen Häuser sind zurückversetzt hinter einstöckigen Ladenräumen mit Flachdach. Überall werben Aushänge, ein Wald an Reklametafeln säumt die Straße. Ein großer Teil der Aufschriften sind in arabischen Lettern. Nicht umsonst gilt die Edgware Road als das arabische Viertel Londons. In den Seitenstraßen sind Marktstände aufgebaut: Kleidung, Elektrowaren, Fisch, Grillhähnchen. Ein libanesisches Restaurant neben dem Malergeschäft, eine Buchhandlung mit goldgeprägten Koranexemplaren zwischen dem Frisör und der „Herbal Acupuncture“. Arabisches Viertel ist allerdings zu knapp gefasst. Auch türkische, kurdische, iranische und andere, weiter östlich gelegene Regionen sind an der Edgware Road vertreten: Eine Chinesin verkauft Falafel, ein Inder Fernseher.

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Ein später Lunch, das Gespräch mit dem Kellner ein englisch-arabischer Mischmasch. Ich bestelle Mezze: hummus beiruti, muhammara, batata harra und dazu dschulab, ein süßes Getränk aus (in diesem Fall) Tamarinde und Rosenwasser und reichlich Pinienkerne, die − welch Verschwendung der teuren Kerne − teils im Glas zurückbleiben. Ich greife mit der Gabel aus drei Fingern und Fladenbrot in die Tellerchen und genieße den Klang der arabischen Sätze, die sich die Kellner zuwerfen. Zum Abschluss ein italienischer Espresso. Man muss sich das Beste aus allen Kulturen heraussuchen.

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Glaspaläste hinter der Baustelle Merchant Square Paddington. Als Kontrast dazu die linke Fahrspur: Sie ist randvoll mit Black Cabs − den Londoner Taxis, die einen Zeitsprung hinter sich haben zu scheinen.

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Aufzugtürme in Paddington.

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Jesus rettet auch hier. Das kleine Eckcafé Sao Vicente finde ich attraktiver als die Assembly of God Church im Stockwerk drüber.

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Jesus saves. Alternativ ein Galao.

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Im Kanal vor der Bahnstation Paddington sprudelt das Wasser in einer Sinuskurve. Warum? Vage ist unter der Oberfläche der Verlauf eines Schlauchs zu erkennen. Das Viertel um den Bahnhof bewahrt den rauen Charme eines alten Industrieviertels. Allerlei Health Care-Einrichtungen haben sich in den dunklen Ziegelbauten im Hinterhof des Bahnhofs niedergelassen. Darf daraus eine Aussage über das Gesundheitswesen in Großbritannien abgeleitet werden?

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Industriekanal hinterm Bahnhof.

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Die Gleise von Paddington sind vor dem Blick verborgen, abgeschirmt wie alle Bahnhöfe in diesem Land. Wunden von Nine-Eleven und den Anschlägen vom 7. Juli 2005. Die Erinnerungen in Schwarzweiß aus einer Agatha-Christie-Verfilmung zerschellen an den gesichtslosen Mauern postmoderner Sicherheitspolitik.

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Tore in der London Street.

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Nach traurigen Winterwegen zwischen Pferdeäpfeln und Nachmittagsdunst im Hyde Park  überrumpelt die Weltstadt mit dem Glanz von Kensington. Todschick die Adresse des Goethe-Instituts in der Exhibition Road gegenüber dem Imperial College. Fast benachbart ein mehr als repräsentativer Bau der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Eine Jesusstatue in klassizistischem Stil empfängt im Vorraum des Mormomengebäudes, die Botschaft des Herrn wird über einen Werbeflachbildschirm zur Straße hin ausgestrahlt. Es ist eine unverhohlene Prachtstraße und ich setze mich in der windigen Abenddämmerung auf eine Bank vor dem Science Museum, um die mondäne Atmosphäre aufzusaugen. Hierher würde ich gerne öfters kommen: um zu schlendern, zu sitzen, zu schauen. Auf der anderen Seite der Sitzbankreihe skypt ein Mädchen über das Smartphone mit einem Jungen. Andere sprechen mit Ohrstöpseln und Blick aufs iPad, während sie Einkaufstüten durch die Gegend tragen. Die Geisterkommunikation im Gehen ist allgegenwärtig.

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Mormonenglorie in London.

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„zeig den tommies wo der pimmel hängt!!!“, lese ich auf der Bank eine Nachricht aus Deutschland. Ich bin mir nicht ganz sicher, welche Handlung ich daraus ableiten soll.

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Royal Albert Hall

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High Street Kensington. Gen Westen ziehen sich teure Einkaufsstraßen. So chic. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben in diesem Viertel und wusste bis eben nicht einmal, dass hier überhaupt noch etwas ist, hatte naiv schon Vorstadt um Vorstadt erwartet. Der Weihnachtsrausch hat die Konsummeile im Griff. Zeitungsverteiler im Regen oder an den Eingängen der U-Bahn-Station bilden kleine Inseln in den Strömungen aus Kreditwürdigkeit und Stil. Der Blick in einen offenen Krankenwagen, der auf einen Patienten wartet, ist ein Bruch in dieser heilen Welt des Geldes. Die Menschen aber hasten so schnell vorüber, dass sie kaum die Gelegenheit haben, dieses Zeichen wahrzunehmen. Ich stelle mich in einer Passage unter, werde selbst zur Insel. Der „Evening Standard“ wechselt bergeweise die Hände am U-Bahn-Eingang. Gegenüber meiner Nische strahlt eine minimalistische Sushi-Bar mit verschwenderisch hohen Decken und Stühlen aus durchsichtigem Kunststoff. Ich stehe und schaue und die Augen der Überwachungskameras machen mich nervös. Also schiebe ich das Notizbuch wieder in die Seitentasche und übergebe mich wieder der Strömung, ein Fisch unter vielen.

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Kensington, auch für Reiter.

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In der Auslage eines Geschäftes hängt ein großformatiger „Family Organizer“ für die Küchenwand, ein Stundenplan für die gesamte Familie. Ja, in Zeiten des Fort- und Weiterbildungsterrors unserer Kinder ist so etwas dringend geboten …

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Kensington, Ecke Holland Street. Weiter westlich will ich nicht mehr. Eigentlich hatte ich vor, noch bis Notting Hill nördlich meines Standpunkts zu kommen, dann aber über Chelsea genau entgegengesetzt im Süden zurückzukehren. Es ist dunkel, nass, die Akkus von Fotoapparat und Smartphone sind leer und ein langer Rückweg liegt vor mir. Was tun? Links oder rechts? Augenblicke der Verlorenheit, während der Regen über die Umgebungskarte der Haltestelle strömt und die Straßennamen verwischt, als wären sie nie dagewesen.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

Hotline

„Hier ist der Anschluss von … Falls Sie eine Voltaikfirma sprechen wollen: Diese Firma existiert nicht mehr, die Telefonnummer wurde bereits vor Jahren für einen Privatanschluss neu vergeben. Nochmals: Wenn Sie eine Voltaikfirma erreichen wollten, sprechen Sie bitte nicht auf den Anrufbeantworter.“

Zwei Uhr nachts klingelt das Telefon. Es klingelt lange und ausdauernd, aber es klingelt nicht bei mir. Es klingelt so lange, dass ich trotzdem aufstehe und mich zu orientieren versuche. Welche Tragödie ereignet sich da vielleicht gerade? Dann verstehe ich: Es ist bei den Nachbarn nebenan. Und der Anrufer ist die alte Frau ein Stockwerk höher. Das Telefon läutet weiter. Irgendwann hält es der Nachbar nicht mehr aus und nimmt den Anruf an und spricht mit der müden Stimme eines Menschen, der diese Situation schon viele Male erlebt hat, ins Telefon. Ich höre seine Stimme durch die Wand und ich höre die Stimme der alten Frau durch die Decke. Die Diskussion ist rasch beendet und schon klingelt das Telefon wieder, ausdauernd, endlos schier. Alle im Haus sind wach und lauschen und warten. Ganz still ist es dann, als die alte Frau aufgibt, sich über etwas beschweren zu wollen, das nie existiert hat.

„Holger, du musst ein sehr glücklicher Mensch sein.“ Nachricht auf meinem Anrufbeantworter.

Wenn man vor dem Grauen des Universums steht und nur das Tanzen bleibt – Die Space Opera „Guardians of the Galaxy“

Die Reise in ein anderes Universum beginnt circa eine Viertelstunde vor Filmstart an der Kasse. Upps – solche Halsabschneiderpreise bin ich im Kino nicht gewohnt. War ich wohl gar zu lange nur werktags im Arthauskino. Ja, man ahnt es schon, wenn ich so anfange, ist die Kollision mit der real existierenden Gesellschaft mit dem Kinopreis noch nicht abgegolten. Es kommt im Vorprogramm, wie es kommen muss: die Werbung (dumm), die Filmvorschau (dümmer), die Bildgestaltung (überbordend), der Sound (noch überbordender), da rutscht das dämliche Klischee vom Untergang des Abendlandes wie von selbst aus der Westentasche. Und während die dumpfe Masse der Zuschauer zu grauenhaft billigen Witzen hemmungslos kichert und gackert, sitzt da einer mit versteinerter Miene in seinem Sessel, ziemlich am Rande, versteht sich. Ein hoffnungsloser Fall. Oder doch nicht?

Bis zuletzt war ich skeptisch, als mir Freunde das SF-Abenteuer „Guardians of the Galaxy“  wärmstens empfohlen hatten. Und natürlich fängt die Verfilmung des Marvel-Comics zum Augenrollen an, Variante triefend herzschmerzmäßig: Bub, Abschiedsrede der krebskranken Mutter, Tod und Tränen, der aus amerikanischen Filmen wohlbekannte Neeeeeeeeein-Schrei und bestürzte Gesichter überall, das alles gleich mal in den ersten fünf Minuten vor den Latz geknallt. Prima, überzeugt fast immer.

Aber dann, aber dann … Geht ein Kinofestschmaus los, stimmungsvoll, bunt, anarchisch und fürchterlich komisch und alles mit so leichter Hand und verschmitzter Freude dargeboten, dass der George Lucas der späten 70er einfach nur neidisch geworden wäre. Über die Handlung muss man eigentlich gar kein Wort verlieren: Fünf intergalaktische Halunken und Glücksritter raufen sich mühsam zusammen, um – aha, Überraschung – das Universum vor einem Bösewicht zu retten. Das Besondere an James Gunns (Regie und Drehbuch) Umsetzung dieser nur zu vertrauten Rahmenhandlung ist ihr Witz, ihre Verspieltheit, aber auch eine gewisse Verletzlichkeit, die zumindest manchen der Charakteren mehr Tiefe gibt, als es zu erwarten gewesen wäre. (Meine größten Bedenken hatte ich gegenüber dem humanoiden Waschbären Rocket. Und dann? Hatte der meine inneren Abwehrstellungen binnen Kürzestem überrannt und mich völlig überzeugt.) Ein hübsches Stilmittel von „Guardians of the Galaxy“ ist auch der wirkungsvolle Einsatz gutgelaunter 70er-Jahre-Songs. Und dann gibt es irgendwo in der Mitte des Filmes ein oder zwei Szenen, die einfach nur wunderschön sind. Da ist Kino wahre Magie.

Am Ende – Stichwort „Endschlacht“ – verliert der Film leider seine leichte, anarchische Hand und setzt auf die altbewährte Überwältungsstrategie aus KRAWUM und EFFEKTEN!!!, garniert mit rührseligem Kitsch. Das ist natürlich irgendwann zum Gähnen, entwertet den Film aber als Ganzes nicht. „Guardians of the Galaxy“ dürfte der bunteste, witzigste und lebensbejahendste Science Fiction-Film seit Luc Bessons „Das fünfte Element“ von 1997 sein. (Gegenbeweise? Dann bitte schnellstens her damit: Ich freue mich schon auf schöne Filmstunden!)

Und ansonsten bleibt nur noch eines zu sagen: Tanzt, Leute, solange euch eure Beine noch tragen! Tanzt!

„Guardians of the Galaxy“. Regie: James Gunn. Mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista. 121 min. 2014. Deutscher Kinostart: 28. August 2014.

Flat White am Marienplatz

Wenn man in den Armen der nächsten Sommergrippe aufwacht, bekommt der Tag etwas Zweifelhaftes. Ist man dabei noch munter genug, zu einem sonnigen Café zu stolpern, um dort einen erstklassigen Kaffee zu genießen, vielleicht einen hausgemachten Brownie dazu, sieht das schon wieder etwas anders aus.

Der August, dieser kühle, nasse, wolkige Irrtum, der nachts Zehen Trost an Wärmflaschen suchen ließ, dieser Herbst von einem August hatte der Wohlfühlzone am Marienplatz neue Räume eröffnet. Zwei Türen neben dem wohlvertrauten Café Kaiserbau hatte das Condesa, Café & Bar, eröffnet. Als Zwischennutzung vorerst, wo im letzten Jahr noch eine Bierkaschemme ihre Heimat hatte. Auch das ist wohl Gentrifizierung.

Es ist alles sehr schlicht, sehr einfach im Selbstbedienungscafé Condesa. Natürlich, schon die ungewisse Zukunft legt den zweideutigen Charme des Verzichts nahe. Drinnen kahle Holzplatten und Lampenschirme aus angeschlagenem Metall, rissige Brettertische und wippende Holzbänke draußen. Und eine Karte, die so überschaubar wie exklusiv ist. Modegetränke wie ein Flat White (ein Cappuccino mit weniger stark aufgeschäumter Milch) allein definieren nicht Güte, aber die Bohne tut‘s: Die sizilianische Röstung Ionia aus der kleinen La Marzocco-Maschine ergibt einen hervorragenden Espresso.

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Zwischennutzung mit Vogeldreck, Koffeinspiegelerhöhung und Retrolektüre.

Das ist dann doch ein Argument, sich mitten in diese Hipsterzone zu setzen. An manchen Tagen kann man es spüren wie eine unsichtbare Wand und diese Nichtblicke: Du bist uncool, du gehörst nicht dazu. Das kann man getrost ignorieren, denn Hipster beißen nicht und das Team ist meistens frisch und motiviert genug, eine Antwort mit einem Lächeln zu verzieren  − und verzichtet auf die Ich-habe-keinen-Schimmer-und-es-interessiert-mich-auch-nicht-Haltung, die zumindest manche im Café Kaiserbau gegenüber den Gästen zur Schau stellen.

Und nur kurz nach dem Condesa hatte − endlich − auch die Pizzeria L.A. Signorina eröffnet. Damit hat das expandierende Café Kaiserbau Flankenunterstützung gleich von beiden Seiten: auf der einen mit der Gelateria, die (bis zur Erbringung des Gegenbeweises) eine der beiden besten und zugleich teuersten Eisdielen Stuttgarts ist, auf der anderen die neue Pizzeria. Bierbänke und -tische in Gelb, Orange und Hellgrün sprenkeln den Vorplatz bunt, ein Maler streicht noch den Türrahmen, während der Steinofen längst in Betrieb ist, das Interieur ist einfach gehalten.

Die Pizza hat einen unfassbar luftigen, leichten und zugleich knusprigen Teig, ganz phänomenal − und schmeckt ansonsten sehr langweilig. Die Verwendung von Salz scheint strengstens verboten zu sein, die Mozzarellascheiben bilden verwaschene Ovale auf der Pizza, der Belag der Margherita (die doch eigentlich allen Pizzagenuss im Kern bereits beinhalten sollte) ist ein geschmackliches Nichts. Vorschnell geurteilt? Andere loben die Pizza in den Himmel? (Ja, tun sie wirklich.) Von wegen, ein zweiter Versuch bestätigt das erste Urteil. Dieses Mal eine Pizza aus der Familie bianca, die Zutaten der „Rodeo“ klingen nach Geschmack, nach frischer Würze, nach Genuss. Und ist dann ungefähr so aufregend wie ein Ritt auf einem toten Esel.

Noch ein Cortado am Condesa. Der Morgen sinkt dahin, der Marienplatz füllt sich. Ein Schlacks in hautenger schwarzer Lederhose und Blümchenweste über dem nackten tätowierten Oberkörper eilt vorüber. Mit einer effiminierten Handbewegung wischt er sich über den kahlgeschorenen Kopf. Mich wundert, dass er nicht barfuß läuft. Hinter ihm passieren zwei muskelbepackte Radfahrer mit schweren amerikanischen Zungen die Glascontainer und bremsen vor dem Bike Sport, einem soliden Fahrradladen, der die Genusszeile am Marienplatz zur stetig rauschenden Hauptstätter Straße (einst der Weg zum Richtplatz) abschließt, so wie es die Filiale der BW Bank auf der anderen Seite zur Tübinger Straße hin tut, dort wo ich den ersten Notruf meines Lebens abgegeben hatte, merkwürdigerweise nur wenige Tage nach meinem ersten Anruf bei der Polizei wegen dieser Koffersache da.

Gegenüber, an der niedrigen Steinmauer zum eigentlichen Marienplatz, sitzen wie immer die Verlorenen, nein, es sind keine Penner, es hat keine zerschlissenen Klamotten, aber die Bierflasche schon morgens am gezeichneten Gesicht und immer den obligatorischen schwarzen Hund zu Füßen. Hinter ihnen ruckelt der gelbe Wagen der Zacke an, die Zahnradbahn arbeitet sich den Berg nach Degerloch empor, die Wolken fressen die Sonne und spucken sie wieder aus.

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Die hausgemachte Limonade ist ausgetrunken.

Die beiden Studentinnen neben mir unterhalten sich mit erstaunlichen Nichtigkeiten auf beste Weise. Auf den Hinweis ihres Begleiters, der Tee sei aus, antwortet eine Frau „Wie kann das bitte sein, der Tee ist aus. Kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn?“ und ich verkneife mir eine dumme Bemerkung. Ein Ball trifft ein Rad, das an das Eisenrund um eine sich schon bräunende Kastanie gebunden ist. Er bringt das Fahrrad in Bewegung, es weicht zurück, legt sich schief, soviel Spielraum lässt die Absperrkette zu. Ich fürchte einen Sturz, aber der Lenker auf dem Eisenrund fängt es ab. Und ein Junge kommt grinsend dem Ball hinterher, der es irgendwie über das viele Meter hohe Metallgitter des harten, kleinen Sportplatzes geschafft hatte.

Ich fühle mich besser und will verharren, um den Körper weiter träumen zu lassen, aber es zieht mich weiter. Und so gehe ich über den Platz, an den Seelenfängern und Unterschriftenschindern vorbei, dorthin wo die Treppen hinabführen zur Stadtbahn, das, was sich in der Kesselstadt großspurig U-Bahn nennt − zu stark für eine Straßenbahn, zu schwach für eine Metro, hier unter die Erde gelegt, dort auf offener Straße, ein Wechselspiel zwischen Licht und Dunkel, wie der Himmel, wie mein Kopf.

Nachtrag November: Manchmal sollte man eine dritte Chance einräumen. Und siehe da, die Pizza mit Süßkartoffeln, Chorizos und Orangenöl war schlicht fantastisch und nicht einmal das Salz hat gefehlt. Was soll ich sagen: Ich freue mich auf den nächsten Besuch.

Am Katzenbach liegt der Hund begraben – Von Tierfriedhöfen und anderen Todesfällen

„Mein Wotan“

Spaziert man von Heumaden nach Hedelfingen hinunter (zwei Vororte im südöstlichen Stuttgart), stößt man in einem idyllischen, waldigen Tal recht unerwartet auf einen kleinen Friedhof. Hinter einer Hecke zeigen sich die üblichen Verdächtigen: eine Rasenfläche, Grabsteine, rote Sitzbänke, die spitze Thuja. Doch dann irritiert etwas: Die Grabstellen sind merkwürdig klein und auf den Steinen steht oft nicht mehr als ein einzelner Name: „Michel“, „Bissy“ oder gerade noch „Mein Wotan“. Hier am Katzenbach liegt tatsächlich der Hund begraben – es ist Stuttgarts ältester Tierfriedhof. Auf ihm können Mitglieder des bmt e.V. Tierschutzzentrums Pfullingen seit über 40 Jahren ihr verstorbenes Haustier (Hunde und Katzen) bestatten belassen. Die Grablaufzeit beträgt 5 bis 7 Jahre und kann verlängert werden. Manche der Gräber werden schon weit länger liebevoll gepflegt.

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Am Katzenbach

Die Kadaverkiste

„D‘Katz isch vermäht“, das ist so ein Satz, den ich mit meiner Kindheit und Jugend verbinde, wenn das im hohen Gras mausende Tier – ein Katzentier, das nur zur Mäusejagd ins Haus gelassen wurde – vom Mähwerk eines Bauern erwischt worden war. Das war traurig, aber nicht mehr. Tränen wurden da nicht vergossen und eine solch enge emotionale Beziehung zu einem Tier, wie sie sich im Heumadener Tierfriedhof ausdrückt, ist mir fremd.

Was geschah damals mit unseren toten Tieren? Todkranke oder schwerverletzte Katzen verkrochen sich oft zum Sterben irgendwohin, ins Gebüsch, unter eine Scheune, und waren fortan nicht mehr gesehen. Einmal hatte sich ein Huhn am Gartenzaun erhängt (ein unglücklicher Unfall), es wurde dem Fuchs an den Waldrand gelegt – solche Gaben waren sofort weg. (Man darf vermuten, dass Fleischkonsum in unserer Familie keine große Tradition hatte.) Was sonst an Kleintieren anfiel – eine getötete Katze, Kanarienvögel oder die Hasen –, wurde irgendwo in der Wiese verbuddelt, unter einer Schicht von Kalk, damit die Hunde sie nicht wieder ausgruben.

Starb ein größeres Tier – ein Kalb oder eine Kuh beim Nachbarn, ein Pferd, ein Hund oder eine Ziege bei uns – war alles anders. Man klemmte sich ans Telefon, drehte (damals noch) die Wählscheibe und rief bei der Tierkörperbeseitungsanlage an. Die schickten dann einen Lastwagen vorbei mit einem Kran. Dieses hässliche Drachenmaul mit seinen drei oder vier Zähnen (ich erinnere mich nicht genau) hub den Kadaver über die hohe Außenwand des Aufbaus und überließ es der Fantasie des Zuschauers, wie es dort auf der Ladefläche aussehen mochte.

War es kein zu großes Tier, konnte man es alternativ auch erst einmal in einer großen, metallenen Kiste am Straßenrand zwischenlagern. Diese Kisten gibt es wohl schon lange nicht mehr. Als Jugendlicher aber, wenn ich wochenends mit dem letzten Zug (oder noch später in der Nacht per Anhalter) aus der Stadt kam und dann die letzten vier Kilometer nach Hause durch die Pampa wandern musste, kam ich – ausgerechnet am dunkelsten und steilsten Teil des Weges – an solch einer Kadaverkiste vorbei. Es war mir nie geheuer. Obwohl es bergauf ging, beschleunigte ich jedesmal meinen Schritt und bemühte mich gleichzeitig, meinen Atem flach und meine Schritte leise zu halten. Und jedes Mal, wenn ich das mattmetallene Rechteck passierte, stellte ich mir die Frage: Verwest da drinnen gerade etwas, das tote Auge glotzend aufgerissen und womöglich auf mich, den nächtlichen Wanderer gerichtet?

Das TierKBG und ein neuer Trend

Das Tierkörperbeseitigungsgesetz regelt, dass Haustiere auf dem eigenen Grund begraben werden dürfen, wenn die Stelle weder an einem Weg noch in einem Wasserschutzgebiet liegt und der Leichnam von einer mindestens 50 Zentimeter tiefen Erdschicht bedeckt wird. In städtischen Ballungsräumen für viele Menschen allerdings keine Möglichkeit. Hier landen die meisten Haustierkadaver (zusammen mit Schlachtabfällen) in Tierkörperbeseitigungsanlagen, wo sie geschreddert und zu Dünger, Seife oder Schmiermittel verarbeitet werden.

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Anubis-Tierbestattungen in Fellbach

Wer das nicht will, hat die Möglichkeit, sein Haustier auf einem Tierfriedhof zu bestatten. Neben dem exklusiven Friedhof in Heumaden gibt es seit einigen Jahren einen größeren Tierfriedhof im Ortsteil Fasanenhof. Auch Nachbargemeinden (Kornwestheim, Fellbach) bieten Tierbestattungen an. Dabei treten allerlei Fragen auf. Darf ein Tier nach – beispielsweise – christlichem Ritus bestattet werden? Die Stadt Stuttgart jedenfalls verbietet sakrale Zeichen und Zeremonien auf Tierfriedhöfen.

Fasanenhof – Eine Ortsbesichtigung

Fasanenhof, das klingt nach Idylle. An Lustschloss und Fasanerie erinnert an dem Stuttgarter Außenbezirk allerdings nichts mehr. Am Europaplatz nahe der Stadtbahnhaltestelle (erst seit 2011 besteht Anschluss an die Straßenbahn) verkündet ein gewaltiges Schild ein Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“. Das hat der Stadtteil im Süden der Schwabenmetropole dringend nötig.

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Stadtentwicklung im Fasanenhof

In den 1960er-Jahren war auf den Feldern eine Wohnsiedlung für 10 000 Menschen hochgezogen worden. Wohnraum war die Maxime, und diese Seelenlosigkeit atmet die Siedlung: die militärisch angelegten Reihensiedlungen, die wuchtigen Wohnblöcke, die Hochhäuser, die Betonkirche am Europaplatz. Da versöhnt auch das viele Grün nicht. Und das Relief mit antiken Motiven aus den Trümmern der (1943 im Bombenhagel zerstörten) Landesbibliothek, das der Verschönerungsverein Stuttgart am Europaplatz aufgestellt hat, wirkt so verzweifelt wie die Schülerkunst („Amok“) entlang des Boulevards bezeichnend. Immerhin, die Verkehrsanbindung ist gut: an die Autobahn (ein Dauerrauschen), an den Flughafen Echterdingen (immer wieder das Dröhnen tieffliegender Maschinen), mit der Stadtbahn ist man in 20 Minuten im Zentrum Stuttgarts. Und die Autos vor den Wohnanlagen zeugen von Geld.

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Im Fasanenhof

Ich lasse die Gärtnerei hinter mir, passiere den Sportplatz und schlage den Feldweg ein, der schnurstracks an die Autobahn führt. Hier liegt der Tierfriedhof Fasanenhof. Sein Charakter ist ein ganz anderer als der in Heumaden: eine großzügige und frei begehbare Rasenfläche, geschichtes Holz, einladende Sitzbänke, Werkzeug am Gebäude. Und zwischen dem Grün Reihen niedriger Grabstätten, die oft erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind, verziert mit Natursteinen, Keramikfiguren, Glasschmetterlingen, Fotos und allerlei mehr – eine bunte, frei und ungezwungen gestaltete Welt der Erinnerung.

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Der weite Rasen des Tierfriedhofs

Kaum zu glauben, dass hier vor einigen Jahren nichts als ein wildes Gelände voller Steine war. „Aber es ist noch viel zu tun“, erklärt mir Betreiber und Totengräber Ralf Bohler, der vor drei Jahren den Tierfriedhof von seinem Vorgänger übernommen hat. Bohler ist stolz – und spürbar glücklich. „Man spürt die Dankbarkeit“, lächelt er. Die Menschen haben freie Hand bei der Gestaltung der Gräber. Manchmal kommen sie im Sommer, um ein Picknick auf dem Gelände zu machen, und Bohler setzt sich nach der Arbeit oft selbst auf eine Holzbank und genießt die Idylle.

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Fröhlich-buntes Gedenken

Idylle? Zuerst klingt es merkwürdig: Die Autobahn ist kaum mehr als einen Steinwurf entfernt und da ist immer noch etwas von meinem eigenen Befremden angesichts von Tierfriedhöfen. Als ich dann nochmals eine Runde über das Gelände mache, mir die geschmückten Grabstätten ansehe und mich auf einer Bank niederlasse, verstehe ich Ralf Bohler und seine Besucher. Es ist ein einladender Ort.

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Auf dem Friedhof

Das Kaninchen aus dem Zauberhut

„Weißt du das schon? Kürzlich hat der Hund ein totes Kaninchen im Maul nach Hause gebracht. Wir haben es sofort erkannt, es war von den Nachbarn. Ich sage dir, sind wir erschrocken: Jetzt hat unser Hund das Tier totgebissen! So ein Mist. Und dann? Haben wir dem Hund das Karnickel weggenommen, das Fell gesäubert und das tote Tier heimlich dem Nachbarn wieder in den Kaninchenstall gelegt. Damit es wenigstens nicht unser Hund war. Und jetzt pass auf: Am nächsten Tag kommt der Nachbar und erzählt uns: ‚Schon komisch, gestern ist unser Kaninchen gestorben, wir haben es im Garten beerdigt und jetzt liegt es wieder im Stall …’“

Der Schrecken unterm Salbeibusch

Der Tod von Tieren war auf dem Land allgegenwärtig. Gleichzeitig aber war er mir in seiner Konkretheit auch entrückt: Wir schlachteten zuhause nicht. Ich kümmerte mich nicht darum, wenn eines unserer Tiere starb. Es war einfach nicht meine Angelegenheit. Meine Scheu vor dem Leichnam war immer schon präsent. (Unvergessen allerdings sommers die verendeten Rinder auf dem Feld des Nachbarn, auf dem Rücken liegend, die Beine obszön in die Luft gestreckt, der Leib vollkommen aufgedunsen und schließlich geplatzt, ein bestialischer Geruch entströmte dem in Verwesung begriffenen Pansen.)

Nur einmal war ich, so weit ich mich erinnere, ganz unmittelbar in eine Kadaverbeseitigung einbezogen. Mein Bruder und ich saßen vor unserem Elternhaus, wir waren längst keine Kinder mehr. Ein penetranter Geruch hing in der Luft – ein stechender Geruch nach Verwesung, der sich unmöglich ausblenden ließ. Rund um die Terrasse aus gehobelten Brettern erstreckte sich ein Kräutergarten. Irgendwo dorther musste der Geruch kommen, genauer (wir folgten der Spur) aus einem weiten Salbei, einem niedrigen Gestrüpp – eine unverwüstliche Pflanze. Eine Tat war gefragt. Mein Bruder und ich beschlossen, die Gabel aus dem Stall zu holen. Doch dann zögerte ich und ich drückte die Gabel feige meinem jüngeren Bruder in die Hand. Die Vorstellung, aufs Blinde dort nach der Quelle des Verwesungsgestanks zu stochern, war unerträglich für mich.

Also machte sich mein Bruder ans Werk, drehte mit den Zinken die Salbeizweige. Bis er fündig wurde: eine tote Katze, der Körper verzogen, wohl ein verletzter Kater, der sich zum Sterben hier unter die Kräuter geschleppt hatte. Der Kadaver war in die Pflanzen verstrickt, er ließ sich nicht einfach so herausheben, es war, als zerrten die Pflanzen an dem in Auflösung begriffenen Katzenleib. Da wich mein Bruder zurück und wandte sich vor Ekel um, er schob den Griff der Mistgabel von sich.

Ich übernahm. Es war wie ein Rollentausch. Jetzt, wo die grauenvolle Andeutung des Todes beseitigt war und die Ursache konkret vor meinen Augen lag, war es nicht mehr schlimm für mich. Ich zerrte mit der Gabel an dem Kadaver und befreite ihn aus der Umklammerung des Salbeis, trat auf die Straße – ein paar Maden fielen herunter, aber nicht gar zu viele, der Kadaver war bereits halbwegs ausgetrocknet –, schritt mit meiner leichten Last über die Wiese zum nächsten Waldrand. Ich warf das verwesende Tier hinter einen Baum und schulterte die Gabel. Der Geruch des Todes war bald von der Terrasse verflogen.

Wer mehr über die Stuttgarter Tierfriedhöfe erfahren möchte:

Tierfriedhof Stuttgart (Fasanenhof)

Tierfriedhof Heumaden