Der Tempel unter dem Schutz des Präsidenten

Ein paar Stunden vor Reiseantritt heute ein etwas längerer Eintrag – in Erinnerung an ein Land am Vorabend des Bürgerkriegs (Syrien, 23. März 2011).

Ein Galaplatz im Mikrobus

In einem arabischen Mikrobus („Service“ in Syrien) kann man aus den verschiedensten Gründen ins Schwitzen geraten. Weil das Wetter warm ist. Weil man eingezwängt dasitzt, möglicherweise vorne zwischen dem Fahrer, der einem immer wieder den Schaltknüppel gegen das Knie drückt, und einem zweiten Fahrgast auf dem Vordersitz, am besten, wenn man auf den Knien noch einen kleinen Rucksack balancieren muss. Vielleicht auch, wenn man zu den empfindsameren Gemütern gehört, die Tatsache schwieriger Kommunikation, wenn man die Fragen des Fahrers nicht versteht – oder aber gerade kapiert, dass sich das Gespräch zwischen dem Fahrer zur Linken und dem Nebenmann zur Rechten um einen selbst dreht, man aber eben nur das und leider nicht mehr versteht. Und natürlich der Fahrstil des Kleinunternehmers.

Bei mir trafen alle Gründe zusammen, als ich die einstündige Fahrt von Damaskus aus nach Dumair unternahm. Ich war der erste Fahrgast – und der einzige, der in der Garage Abbassiyin einstieg – und setzte mich neben den Fahrer (ich sollte es noch bereuen). Er hatte hellen Teint und einen rötlichen Bart, ein volles Gesicht mit melancholischer Augenpartie und einem aufbrausendem, wenngleich nicht unfreundlichen Wesen. Wären seine Augen nur eine Spur heller gewesen, hätte man ihn ohne Weiteres in „Braveheart“ unterbringen können.

Interessanterweise war er angeschnallt – das war mir in diesen Tagen bereits mehrmals aufgefallen, in einem Land, in dem Taxifahrer vor wenigen Jahren noch in ihrem männlichen Stolz verletzt waren, wenn der Fahrgast sich den Sicherheitsgurt umlegen wollte. Sollte sich hier doch etwas ändern im syrischen Straßendschungel? Was für den Fahrer zutraf, galt leider nicht für mich (es gab keinen Gurt) und ich litt Qualen und sah mich schon durch die Windschutzscheibe fliegen.

Denn wie fast alle Syrer, die ich erlebt hatte, fuhr der Fahrer rasant und aggressiv, nutzte jede noch so kleine Lücke, drängte sich mit Hupen, Gesten, Flüchen und dem reinen Willen vor, nur um gleich darauf wieder überholt zu werden, wenn ein Fahrgast aus- oder einstieg. (Wer bisher nur in der westlichen Hemisphäre Bus gefahren ist: Ein Mikrobus hat eine Route, mehr nicht, und hält dort, wo ihm jemand auf der Straße zuwinkt bzw. auf Zuruf eines Fahrgastes – „al-yamin, ya mu‘allim“.)

Die Straße nach Dumair war uneben, teils löchrig oder rissig. Alte Schienen liefen quer. Bodenwellen nahmen glücklicherweise immer wieder das Tempo heraus. Wo die Straße hingegen frei war, jagte der Fahrer den alten Motor hoch, hinter uralten Mercedes-Benz-Lastwagen her, die schon zu Zeiten von „Lohn der Angst“ in einem ehrwürdigen Alter gewesen sein mussten und weit über die Ladekante hinaus mit Schrott beladen waren. Wenn da etwas ins Rutschen käme … Aber es war nur eine plattgedrückte Büchse, die vor uns auf die Straße fiel, als wir zum Überholen ansetzten. Der Fahrer lachte. (Auf dem Rückweg krachte einem kleinen Lieferwagen, kaum dass er vor uns auf einen holprigen Hof eingebogen war, die Ladeklappe herunter. Ich konnte nicht sehen, ob der Fahrer des Wagens überhaupt nach hinten blickte.)

All das sieht das entsetzte westliche Auge ganz ungeschminkt vorne neben dem Fahrer und ich verstand nicht, wieso ich auf diesem Platz gelandet war, nachdem ich erst am Vortag bei einer Fahrt im Mikrobus geschworen hatte, mich nie mehr nach vorne zu setzen, sollte ich die Fahrt unbeschadet überleben (Erinnerungen an frühere Fahrten ganz zu verschweigen). Ich erneuerte meinen Schwur.

Geraucht wird, wenn der Muezzin schweigt

Der Kleinbus füllte sich schnell. Mein Sitznachbar stieg aus, ein junger Mann rückte nach, ein ganz anderer Typus als der Fahrer: braun wie ein Beduine, eine schnittige Nase im schmalen Gesicht, dunkler Schnurrbart, grünbraune Augen, eine Haartolle und eine Outdoor-Jacke in der Art eines leichten Parkas, ein eher ländliches Kleidungsstück. Der Mann trug einen Papierumschlag bei sich, vielleicht hatte er in der Hauptstadt irgendwelche Dokumente abgeholt.

Der junge Mann war aus Dumair, wie sich heraustellte, und kannte den antiken Tempel, den ich dort besuchen wollte, anders als der Fahrer. Der Tempel befinde sich in einer Burg, erzählte der junge Mann, und ich hatte gute Hoffnung, dass er mir vor Ort zeigen würde, wohin ich musste.

Dumair sollte laut Karte etwa 40 Kilometer von Damaskus entfernt an der Straße nach Tadmur (Palmyra) liegen. Es war nicht leicht zu sehen, wo Damaskus überhaupt endete. Kilometer an Kilometer reihten sich ohne Unterbrechung Vororte, triste Bilder aus Staub, Höfen, Werkstätten, Industrieanlagen und schmucklosen Wohnhäusern. Trostlosigkeit in Grau und Braun, diesen typischen Farben Syriens, dagegen konnten auch die gelegentlichen Baumreihen nichts ausrichten.

Irgendwann drehte der Fahrer die Kassette mit religiösen Gesänge aus – Zeit für eine Zigarette! Mein Sitznachbar fühlte sich dadurch ermutigt und holte selbst eine Schachtel hervor. Allein, sein Feuerzeug rieb ein ums andere Mal ohne Funkenschlag. Irgendwann reichte ihm der Fahrer seines, der junge Mann schleuderte sein nutzloses Feuerzeug durch das offene Fenster hinaus und hatte seine Zigarette nach dem ersten Versuch an. „Besser so?“, grinste ich und der junge Mann hob den Daumen. Ich war froh, dass der Rauch der Zigaretten aus den geöffneten Fenstern zog.

Schlüsselsuche in Ad-Dumair

Von einer altertümlichen Anlage vor dem Ort war, anders als der Reiseführer beschrieben hatte, nichts zu sehen. Auch war das „Dorf“ nicht gerade klein.

„Wohin willst du nun“, fragte mich der Fahrer.

„Als erstes Wasser kaufen“, antwortete ich und mein Sitznachbar bekundete dem Fahrer, er werde sich um alles kümmern.

Staubig die Hauptstraße, ein reizloser Ort, an dem wir ausstiegen. Immerhin, durch eine Seitenstraße war nun das antike Gemäuer zu sehen. Erst aber brachte mich der junge Mann zu einem Laden, vorbei an einem Metzger, der ein frisch geschlachtetes Schaf ausgehängt hatte. Die abgezogene Haut lag im Rinnstein der Straße, zwischen anderem Müll. Ein zweiter Metzger hatte auf dem Schaufenster das Bild eines glücklichen Kamels mit Jungtier. Dahinter sah ich einen gewaltigen Brocken relativ dunklen Fleisches, die größte Masse Fleisch, die ich je gesehen hatte.

Nach dem Kauf der Wasserflasche brachte mich der junge Mann zur Ruine. Französisch könne er etwas, erklärte er mir, aber kein Englisch. Da mein Französisch noch schlechter ist als mein Arabisch, blieben wir dabei. Das kleine Areal war von einem Zaun umgeben. In einer Grube – einem erstaunlich tiefen Aushub – stand ein viereckiges Gebäude: der Tempel des Zeus Hypsistos. Eindeutig waren die antiken Stilelemente zu erkennen. Doch das Tor war – wie erwartet – verschlossen.

Der junge Mann erklärte, dass wir nach dem Schlüsselträger suchen müssten. Er klopfte an irgendein Haus in der Nachbarschaft, eine schrille Frauenstimme antwortete, durch die Haustür hindurch unterhielten sich die beiden. Ohne Ergebnis.

Der junge Mann war für einen Moment ratlos. Mir tat es schon leid für den Aufwand, den er betrieb, um einem völlig Fremden bei seinem Spleen, irgendwelche unbedeutenden Mauern aus längst vergangener Zeit zu besichtigen. Ich erklärte ihm, es sei gar kein Problem, wenn sich der Schlüssel nicht fände. Stattdessen winkte mich der Mann mit: Im „Stadtzentrum“, so verstand ich, würden wir schon fündig werden.

Eine Besichtigung unter dem Segen des Regimes

Fünf Minuten später betraten wir ein Amtsgebäude – das Rathaus. Der junge Mann hieß mich  mit einer Geste – aneinandergelegte Fingerspitzen der nach oben gehaltenen Hand, wie die klassische italienische Geste, nur mit anderer Bedeutung – warten und betrat einen offenen Nebenraum. Während er dort ein Gespräch führte, schaute ich im Flur auf die doppelflügelige Holztür vor mir, über der gewaltig groß ein Bildnis des alten Präsidenten hing, links und rechts jeweils ein kleineres Bild seines Sohnes Baschar al-Asad, des gegenwärtigen Präsidenten. Ich hielt mich aufrecht unter dem Blick des großen Bruders, aber mein Gesicht war ausdruckslos, ein glatter Spiegel wie bei vielen Syrern in der Öffentlichkeit. Niemals hatte ich ausdruckslosere Gesichter gesehen als in einem überfüllten Teehaus in Aleppo, wo alle auf den Bildschirm starrten und einer mit Spannung erwarteten Parlamentsrede Baschar al-Asads zuhörten.

Der junge Mann kam zurück, klopfte munter an die Flügeltür und betrat den Raum. Es dauerte ein paar Minuten. Andere Männer kamen, klopften, gingen ebenfalls hinein. Dann winkte mich der junge Mann durch die Tür herein. Ich betrat das Büro des Bürgermeisters. Rechts thronte er hinter einem Schreibtisch, ringsum standen grüne Sessel, in zwei, drei saßen gelassen Männer, es mussten Vertrauensleute des Bürgermeisters sein, Parteigenossen, auserwählte Handlanger, jedenfalls hatten sie nicht die Haltung von Untertänigkeit, die andere Bittsteller zur Schau trugen.

Der junge Mann stellte mich dem Bürgermeister vor, der hieß mich auf Englisch willkommen und wies mir einen Platz zu seiner Linken. Er fragte mich, ob ich Arabisch könne, ich sagte, ein wenig, dann legte er los in seinem Dialekt und ich verstand nichts. Vielleicht doch auf Englisch, schlug ich vor, aber das überstieg wiederum sein Vermögen.

Der Amtsträger grunzte und redeschwallte stattdessen mit den anderen weiter, streute hin und wieder ein „welcome“ oder „ahlan“ mir gegenüber ein und stempelte zwischendurch ein Dokument für einen Bittsteller ab. Offenbar entwickelte sich die Suche nach dem Schlüssel zu einer mittleren Staats- respektive Verwaltungsaffäre.

Ich fragte mich bereits, ob ich allen und vor allem dem Bürgermeister die Ratlosigkeit ersparen und taktvoll einen Rückzieher machen sollte, aber andererseits war es einfach zu faszinierend, was sich hier abspielte. Einem Faktotum in mittlerem Alter mit Pausbäckchen, Chaplinbart und lustigen Augen wurde aufgetragen, mir einen Kaffee auszuschenken. Er hatte ein Tässchen und eine Henkelkanne in der Hand, fand in der Tiefe der Tasse noch etwas Kaffee und trank diesen Rest aus, bevor er mir in diese Tasse einschenkte. Eine zweite Tasse lehnte ich mit einem „bass“ und Schwenken der Tasse ab, wie es mir Saudis in der Jugendherberge von Dubai einmal beigebracht hatten. Einer der gelassenen Männer auf den Stühlen lachte und erhielt selbst einen Kaffee aus der Tasse.

Vielleicht um zu demonstrieren, dass er Herr der Lage sei, setzte der Bürgermeister nun dem jungen Mann, der mich hergebracht hatte und sich eigentlich zurückziehen wollte, mit Fragen zu. Es war ganz offensichtlich, dass der junge Mann sich nicht wohlfühlte in seiner Haut. Ich verstand nicht, worum es ging, aber es kam mir unfair vor: ein ungerechtfertigtes Machtspielchen auf Kosten des hilfreichen jungen Mannes. Als das Verhör abebbte, fragte der junge Mann den Bürgermeister, ob er gehen dürfe, und schlich rückwärts aus dem Raum, ohne dass ich noch die Gelegenheit bekommen hätte, mich bei ihm zu bedanken oder ihn zu verabschieden. Vielleicht bereute es der junge Mann schon, den Fremden so bereitwillig unterstützt zu haben. Mein Bedauern war jedenfalls fraglos vorhanden. So hatte ich ihn nicht gehen sehen wollen.

Dann kam ein Neuer, ein kleiner, jüngerer Mann, ein hübscher Schnurrbartträger mit sensiblen Gesichtszügen. Er trug Hemd, Bügelfaltenhose und Plastikschlappen und eine schwarze Lederjacke genau der Art, wie man sie sich von gewissen Mitarbeitern des syrischen Geheimdienstes vorstellt. Es war ein merkwürdiger Kontrast: Das Kleidungssymbol des gefürchteten Muchabarats passte nicht zu seinem empfindsamen Gesicht. Dieser Mann würde mir also weiterhelfen …

Doch erst brachte sich der Bürgermeister nochmals ins Spiel, plötzlich wollte er meinen Pass sehen – eine Passkontrolle durch den vielleicht ranghöchsten Repräsentanten des Städtchens für eine archäologische Besichtigung. Der Bürgermeister tat, als wäre es eine glückliche Bestätigung seiner heimlichen Hoffnung, das Visum vorzufinden (als wenn ich ohne in das Land gekommen wäre), er erhob sich, reichte mir zu seinem wiederholten „ahlan wa-sahlan“ nun sogar die Hand. Ich war mit dem Segen der Staatsmacht entlassen.

Tourismus leicht gemacht

Der Sensible führte mich hinaus. Wir könnten das Moped nehmen oder zu Fuß gehen, sagte er. Zu Fuß, antwortete ich und dachte mir insgeheim, was für eine dumme Frage, für diese paar Schritte. Und dann, mich verbessernd, seine Höflichkeit aufgreifend: Wie er möchte, meinetwegen aber gerne zu Fuß. Dabei blieb es.

Wir gingen dieses Mal um die andere Seite des Rathauses herum zurück zur Ruine. Der Mann vergewisserte sich, dass das Tor tatsächlich verschlossen war. Er erklärte mir, dass der Tempel während der Regierungszeit des römischen Kaisers Philipp Arabs erbaut worden war – historisch interessierte Syrer sind stolz darauf, dass ein Mann aus ihrem Landes einmal über das römische Imperium geherrscht hatte –, und konnte mir ein paar andere archäologische Überreste in der weiteren Umgebung aufzählen. Ich glaubte fast, der Sensible war so etwas wie ein Intellektueller.

Dann ging es darum, an den Schlüssel zu kommen – auch er hatte ihn nicht! Ob ich warten wolle … Natürlich ging ich mit. Zwei Ecken weiter rief er einem alten, hochgewachsenen Mann in schwarzer Dschalabiya zu, der missmutig eine Gebetskette in Händen hielt. Von seiner Aufgabe, das Tor aufzusperren, war er ganz offensichtlich nicht begeistert. „Woher“, frage er. „Nur einer?“, knurrte er. Grimmig schaute er auf mich herab, sagte „aber gerne“ („tikram“) zum Sensiblen – es klang nach beißender Ironie – und hinkte los. Seine Lunge röchelte.

Der Sensible schien inzwischen ein bisschen geknickt, der Alte war offenbar zuviel für sein sanftes Gemüt. Der Hüter der Pforte holte die Schlüssel aus dem Haus, dann schloss er umständlich das Tor zum Tempel auf. Wir drei stiegen die Stufen hinab und schritten in der Grube um das antike Gebäude herum.

Der Sensible zeigte mir die Inschriften und erklärte, was an Bausubstanz römischer Tempel und was islamischer Überbau war. Es war ein kleiner Tempel, ein quadratischer Hauptraum mit drei Nischen gegenüber dem Eingang, vermutlich für die Götterstatuen in antiker Zeit. In einem kleinen, dunklen Nebenraum stand ein alter Opferstein und darin lag – warum und wofür auch immer – ein Schlüsselbund mit sicherlich 20 Schlüsseln.

Der Sensible wies auf vier Figuren auf jeder Seite des Opfersteins. Merkwürdig gedrehte Gegenstände waren neben den Gestalten abgebildet, vom Zahn der Zeit abgeschliffen. Ich fragte, ob sie Hörner darstellten. Erst beim zweiten Mal verstand ich die Antwort: „Weintrauben“. Ich machte ein paar Fotos vom Tempel, eine reine Alibihandlung, dann hatte ich genug und wir verließen die Ausgrabungsstätte. Der Alte schloss ab, der Sensible schlurfte bereits wieder zurück und ich stand unbeholfen da, einige Münzen in der Hand.

Glücklicherweise hatte mich mein Reiseführer bereits darauf hingewiesen, dass ein Trinkgeld angebracht sei. Der strenge Alte wollte mich schon im rauen Tonfall fortschicken, als ich mich fast stammelnd bedankte (ich hasse es, mich mit dieser Art von alten arabischen Patriarchen abgeben zu müssen, sie lassen mich immer fürchterlich klein fühlen) und ihm die Münzen in die Hand drückte. Der Alte ließ sich zu einem gnädigen Nicken herab, die Summe zumindest schien in Ordnung zu sein.

Der Sensible war schon auf halbem Wege ins Rathaus zurück, ich rief ihm einen Dank hinterher, er winkte nur und ich knippste noch zwei letzte Fotos von dem alten Tempel (sie waren falsch belichtet, stellte ich später fest, aber das machte nichts, es war sowieso nur ein Ritual, um irgendwie einen Abschluss zu finden). So viel Aufwand für das bisschen Archäologie … Die Stätte war mir das Aufheben jedenfalls nicht wert – und interessant andererseits, wie hier potentielle touristische Magnete regelrecht abgeschirmt wurden vor einem Besuch.

Mehr schien mir der Ort nicht zu bieten und ich beschloss, nach Damaskus zurückzukehren. Ich hatte Glück. Ein „Service“ stand abfahrbereit auf der Hauptstraße. Die Fahrgäste trugen alle die ländliche Kufiya, das Kopftuch der Männer, das mit einer Kordel oder einem Gummiring festgehalten wird. Immerhin, zum Abschied schenkte mir das trostlose Dumair ein herzliches Lächeln: Einer der Alten – eine jener traurigen Figuren, die an den Bürgersteigen manchmal Kleinigkeiten zum Verkauf anbieten – strahlte mich aus seinem Faltengesicht an.

„Britani?“

„Almani“, lachte ich zurück.

„Ahlan wa-sahlan!“

Dieses Mal setzte ich mich nach hinten, in die letzte Reihe.

Eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur? – Wsewolod Petrow, „Die Manon Lescaut von Turdej“

„Aber mein Gott, was ist denn so schlimm daran. Ich sage Ihnen doch: Sie interessiert mich rein literarisch“, sagte ich.

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Die Erzählung mit dem schwergängigen Titel „Die Manon Lescaut von Turdej“ kann auf eine ungewöhnliche Lebensgeschichte zurückschauen: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst, blieb sie 60 Jahre lang unveröffentlicht und kursierte nur in der intellektuellen Szene Sankt Petersburgs (der Autor las jahrelang zu seinem Geburtstag den illustren Gästen daraus vor). Erst 2006 wurde der Text abgedruckt, in der Zeitschrift „Nowyj mir“, und offenbar in der russischen Literaturszene als eine kleine Sensation gefeiert. 2012 folgte eine deutsche Ausgabe – und, so muss man es wohl verstehen, die erste Buchausgabe dieser Novelle überhaupt.

Auf dieses Wagnis hat sich der kleine Bonner Verlag Weidle für Literatur und Kunst eingelassen und inzwischen bereits die dritte (gar vierte?) Auflage der „Manon Lescaut“  vorgelegt: Den Umschlag der dünnen, hübschen Broschur dominiert eine vage beunruhigende Schwarzweißfotografie: ein Paar, mehrere Generationen vor unserer Zeit abgelichtet, das fast vollständig in Schwarz- und Grautönen versinkt und nur im oberen Drittel der Umschlagseite überhaupt zu erkennen ist. Es lacht und trotzdem liegt über der Szenerie eine Aura von Entschwinden, von verletzlicher Vergänglichkeit, von Bedrohtheit, wenn nicht Bedrohlichkeit.

Als „hinreißende […] Liebesgeschichte“ und eine „der schönsten Prosatexte der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ preisen die Herausgeber die Erzählung über diese russische Manon Lescaut (nach einer verführerischen Frauenfigur aus einem Roman Abbé Prévosts im 18. Jahrhundert, die mehrere Opern – darunter von Puccini – anregte). Mit einer Mischung aus Neugier und Verhaltenheit schlägt der Leser das Büchlein auf …

Es ist Krieg. Ein Spitalzug mit Offizieren und Ärztinnen, Krankenschwestern und Apothekern rollt durch die Weiten Russlands, irrt von Bahnhof zu Bahnhof. Der Krieg selbst (unausgesprochen der Zweite Weltkrieg) bleibt undeutlich, eine kaum greifbare Kulisse, die vom namenlosen „Feind“ zerstörten Bahnhöfe sind kaum mehr als ein Teil der leeren, öden Landschaft. Das Augenmerk liegt auf den Zugreisenden, die auf Pritschen in den Eisenbahnwaggons zusammengepfercht sind und ein kleines Panorama der sowjetischen Gesellschaft abbilden. (Aber auch hier hält sich die Geschichte zurück, sie reduziert die Wirklichkeit und verweigert sich gleichzeitig dem – auf seine Weise ja ebenfalls reduzierten – idealtypischen „sozialistischen Realismus“).

Der Protagonist, ein Ich-Erzähler, erweist sich als ein feinsinniger Offizier und ein Überbleibsel der vorsowjetischen Kultur. Vor der Hässlichkeit der Gegenwart zieht er sich in die Lektüre von Goethes „Werther“ zurück (natürlich im Original und damit pikanterweise in der Sprache des faschistischen Erzfeindes, der das Land verheert) oder flüchtet sich in Anfälle von Atemnot. Lässt dieser Beobachter sich auf Menschen ein, so sind es Gespräche mit seinen Nachbarn aus der oberen Pritschenetage, der klugen Ärztin Nina oder dem ritterlichen Kollegen Aslamasjan, während unten die Krankenschwestern toben, „einfache Mädchen“, lautstark, spottlustig, lebensfroh.

Und dann verliebt sich der Erzähler in Vera, die flatterhafteste der jungen Frauen, die lieber Schauspielerin geworden wäre. Unrast ist ihr Wesensmerkmal, von leichter Hand gibt sie sich einer Liebschaft nach der anderen hin. Der Offizier verehrt sie zuerst aus der Ferne, er stilisiert sie zu seiner Manon Lescaut, zu einer Kunstfigur, „aus dem Stamm der flammenden Menschen, die außerhalb der Form leben“. Vera ist fasziniert von seiner Verehrung, ohne vom Schmetterlingsflug ihres Lebens zu lassen. Und doch reift zwischen beiden, die jeweils auf ihre Weise unfähig scheinen zu einer tieferen Bindung, eine Liebe heran. Es muss kaum noch erwähnt werden, dass diese leidenschaftliche Hingabe zum Scheitern verurteilt ist und ein tragisches Ende finden wird …

Nein, als Liebesgeschichte ist Petrows „Manon Lescaut“ nicht wunderschön, sondern irritierend gekünstelt. Sie hat etwas von Anfang an Unwirkliches, Unwahrscheinliches und der Leser leidet weniger mit dem unglücklichen Liebespaar als an der Tatsache, dass der Erzähler absolut konsequent jede Annäherung an die Ärztin Nina, die ihm in jeglicher Hinsicht ein ebenbürtiger Partner sein könnte, verweigert. Reizvoll wird die Novelle (neben den psychologischen Momenten der Angst) just dort, wo der Erzähler im Dialog mit der Ärztin zur Reflexion, zur Stellungnahme geradezu gezwungen wird. Das sind die einprägsamen Momente dieser unmöglichen Liebesgeschichte in einer unmöglichen Zeit.

Und in einem zweiten Punkt muss dem Nachwortschreiber widersprochen werden, wenn er nämlich sagt, um diese Novelle „mit Vergnügen und Mitgefühl zu lesen, braucht man so gut wie keine Vorkenntnisse in der Geschichte russischen und der Weltliteratur.“ Im Gegenteil: Erst die Handreichung im Nachwort macht die „Manon Lescaut von Turdej“ wirklich interessant.

Und der Erzähler? Er empfindet mitten im Schrecken ein eigentümliches tiefes Glück, als er für einen Moment zu einem klassischen, formvollendeten Ideal findet: „Die Sonne – höchste Entfaltung und höchster Triumph der Form. Vom hohen Ufer des Sosna-Flusses sah ich die Pfade, Felder und Senken, über die ich in der Nacht geirrt war.“ Wer weiß, vielleicht spricht hier der Autor, Spross einer früheren Adelsfamilie und angesehener Kunsthistoriker, der mit der „Manon Lescaut“ sein einziges erzählerisches Werk vorgelegt hatte.

Wsewolod Petrow, Die Manon Lescaut von Turdej. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Stellenkommentar von Olga Martynova. Nachwort von Oleg Jurjew. Broschur, 124 Seiten. © 2012 Weidle Verlag Bonn.

Autostadt Stuttgart

Ein völlig überforderter Hongkong-Chinese bittet mich an einer Stadtbahn-Haltestelle um Hilfe. Fast eine Viertelstunde lang erkläre ich die Tücken des Fahrkartenautomaten, lese ihm die Abfahrtszeiten vor und beschreibe die Verkehrslinien. Am liebsten, habe ich den Eindruck, würde mich der Chinese als Wegführer und Dolmetscher mitnehmen. Sein Ziel sind das Mercedes-Benz Museum und das Porsche Museum. Sie sind ihm so wichtig, dass er sich morgens übermüdet und verkatert auf den Weg macht, während sein Gastgeber noch den Partyrausch ausschläft. Ich schiebe den Besucher schließlich in seine Bahn und blicke ihm nach. Kraftfahrzeuge: auch das ist Kultur in Stuttgart.

Erstveröffentlicht im „Extrablatt“ von Sibylle Berg und Henning Wagenbreth in der Stuttgarter Zeitung vom 21.2.2013.

Nachts auf der Karlshöhe

Wir waren essen, zwei Besucherinnen von auswärts und ich, und auf dem Rückweg vom Stuttgarter Westen in den Süden. Um meinen Gästen etwas von der Stadt zu zeigen, waren wir zuvor über den Schwabtunnel spaziert, einen der wenigen Verbindungswege zwischen den beiden Stadtteilen. Für den Rückweg vom Restaurant dachte ich, die Karlshöhe nun auf der anderen Seite zu umgehen. Wir hatten gut gegessen, der Abend war mild, nichts sprach gegen einen kleinen Umweg.

Also schreiten wir die Straße hinab und ich erzähle von der Karlshöhe zu unserer Rechten: ein steiler Hügel, an den Flanken Villen, Weinberge und Grünflächen, auf der Kuppe ein Biergarten und ein nicht unbedingt weitläufiger, aber unerwartet wilder Parkwald, der im 19. Jahrhundert angelegt worden war.

„Entschuldigung!“, ruft da auf Höhe des Gänsepeterbrunnens ein Mädchen über die Straße. „Sie haben gerade was von der Karlshöhe gesagt. Ich suche dort jemanden und kenne den Weg nicht!“

„Mal sehen, ob wir helfen können“, antworten wir und wechseln die Straßenseite. „Welche Adresse ist es denn?“

„Es ist auf der Karlshöhe.“

„Und wie heißt die Straße?“

„Weiß ich nicht.“

„Hm. Können Sie dort jemanden anrufen?“

„Nein, leider, der Akku von deren Handy ist leer.“

„Oha. Und wie wollen Sie hinfinden?“

„Na ja, es ist so eine Art Party, man hört es. Als ich vorhin, als das Handy noch ging, angerufen hatte, war da laute Musik im Hintergrund.“

„Aha. Ein bisschen vage ist das schon, oder?“

„Halt auf der Karlshöhe. Das ist doch der Weg dorthin, oder?“

„Ja, genau.“

„Also, ich war schon ein Stückchen oben, aber da wurde es dann dunkel …“

„Klar, weiter oben ist es jetzt zappenduster.“

Verloren steht das Mädchen vor uns, das nutzlose Handy in der einen Hand, über dem anderen Arm eine Handtasche, ein Drängen im Gesicht.

„Wir könnten ja bis dahin mitgehen …“

„Sie hat Gott geschickt!“, bricht es aus dem Mädchen hervor.

„Nein, nur das nächste Restaurant.“

So biegen wir in die Hasenbergsteige, schlagen uns auf die Treppe hoch zum Park und lauschen nach Partylärm. Nirgendwo ist Musik zu hören, wir gehen immer weiter. Das Mädchen läuft stumm neben mir, meine Gäste folgen scherzend. Dann bleiben auch die letzten Häuser zurück. Bäume rahmen den schmalen Weg ein, die belaubten Äste schirmen den Himmel völlig ab. Es ist nicht mehr dunkel, es ist finster.

„Siehst du noch was?“, rufen meine Besucherinnen von hinten.

„Nicht wirklich“, antworte ich und schreite weiter und hoffe einfach, nicht vom Weg abzukommen.

„Haben Sie denn kein Licht?“, fragt das Mädchen neben mir etwas pikiert.

Ich hole mein Telefon aus der Tasche und leuchte uns mit dem Display den Weg aus. Kaltes Licht entreißt den Boden unter unseren Füßen der Dunkelheit. Um uns herum nur Bäume und Nacht. Meine beiden Gäste rücken enger zusammen, sie haken sich unter, in ihre Scherze mischt sich ein Hauch von Unsicherheit. Vielleicht sind sie nicht mehr ganz so glücklich über ihren eigenen Vorschlag, das Mädchen bis zur Party zu begleiten. Ich lache. „Hier kann uns nichts passieren.“

„Meinst du?“, kommt die zweifelnde Antwort. Das Mädchen schweigt noch immer.

Dann sind wir oben auf der Kuppe, höher geht es nicht mehr, und da ist keine Musik, kein Licht, kein Gelächter ausgelassener junger Menschen.

„Haben Sie denn irgendeinen Anhaltspunkt, wo die Party ist?“, frage ich das Mädchen nochmals.

„An einem Spielplatz.“

„Ein Spielplatz? Tja, also, da stehen wir praktisch davor. Da, drei Schritte vor uns geht es steil hinab und drunten liegt der Spielplatz.“ Es ist die Senke auf der Karlshöhe, in der jahrhundertelang Schilfsandstein (die „Stuttgart-Formation“) abgebaut worden war, der manchen hiesigen Altbauten ihr charakteristisches Aussehen gibt. Kein Lichtschimmer, kein Laut dringt aus der Senke herauf. „Da ist definitiv niemand.“

Da stehen wir nachts auf der Karlshöhe und wissen nicht weiter. Das Mädchen weiß nicht, was es tun soll. Ich weiß nicht, welchen Weg wir nun einschlagen sollen. Meine Gäste wissen nicht, was sie von all dem halten sollen.

„Es sei denn“, überlege ich, „es ist der Spielplatz auf der anderen Seite des Hügels, unten an der Bushaltestelle.“ Es ist ein ganzes Stück entfernt und dafür hätten wir nicht über die dunkle Höhe gehen müssen.

Niemand widerspricht, also nehmen wir den Weg hinüber auf die andere Seite. Die Bäume weichen zurück, am Biergarten brennt noch Licht. Es ist still, aber im Schein der bunten Lampen tauchen zwei junge Leute auf, ein Pärchen.

Das Mädchen stoppt. „Habt ihr hier Leute gesehen, die Party machen?“

„Hier am Biergarten ist niemand, aber vorne im Park, am Spielplatz, da feiern welche.“

„Da ist niemand mehr.“

„Aha, vor einer Stunde oder so waren sie noch da.“

Die Party ist zu Ende, das Mädchen war umsonst den Berg hochgestiegen, umsonst hatte es die Fremden unten am Brunnen angesprochen. „Geht ihr dorthin?“, fragt es das Pärchen und deutet den Weg zurück, den wir gekommen sind. Die beiden nicken. „Dann komme ich mit euch.“

Das Mädchen dreht sich zu uns um und meint, beinahe schroff: „Also, ich gehe mit denen mit.“ Und dann, weil es selbst merkt, dass irgendetwas fehlt, mit viel Emphase und wenig Gefühl: „Vieeelen Dank!“

Das Mädchen eilt dem Pärchen nach, die jungen Leute verschwinden in der Dunkelheit.

„Mei, Mädel“, schüttelt eine meiner Besucherinnen den Kopf. Wir drehen ab, suchen die nächste Staffel und steigen die 407 Stufen hinab in den Süden.

Die Leichen der Seine – Richard Cobb: „Tod in Paris“

9783608946949_CobbWarum töteten sich Frauen im Paris der Revolutionsjahre am häufigsten an einem Sonntag (gefolgt von einem Mittwoch), Männer hingegen montags oder freitags?

Das ist nur eine von vielen Fragen, die der Historiker Richard Cobb (1917–1996) in seinem Buch „Death in Paris“ (1978), bei Klett-Cotta 2011 als erste deutsche Übersetzung eines Werkes von Cobb überhaupt erschienen, aufwirft.

Ausgangspunkt des fleißigen Archivarbeiters und Professors für Neuere Geschichte in Oxford für seine Studie über den Tod in Paris war ein einziger Aktenbehälter aus dem Archivbestand der Pariser Friedensgerichte mit dem Titel Basse-Geôle de la Seine, procès-verbaux de mort violente (ans III–IX) – „Leichenschauhaus der Seine, Untersuchungsberichte nicht natürlicher Todesfälle, Jahre III–IX“ des Französischen Revolutionskalenders, also 1795–1801 nach christlicher Zeitrechnung.

404 Todesfälle finden in diesen Akten ihren Niederschlag: Selbstmorde, Unfälle, Morde (überraschend wenige, neun von 404), auch ein paar natürliche Todesfälle, die aus irgendeinem Grund ihren Platz unter den gewaltsamen Toden fanden. Die deutliche Mehrheit bildeten Ertrunkene – Suizide (für weite Bevölkerungsschichten war der qualvolle Ertrinkungstod tatsächlich der mit Abstand „einfachste“ und verbreitetste Freitod, lernt man aus Cobbs Untersuchung) und Unfälle (schließlich konnten viele Menschen nicht schwimmen): Ladearbeiter, die den Halt verloren; junge Burschen, die an den steilen Pferdetränken ausrutschten; Kinder, die sich im Sommer beim Planschen zu tief in den Fluss gewagt hatten.

Angelegt wurden die Akten von einem Friedensrichter und seinen zwei Gehilfen, den concierges:

„Eine der Aufgaben des Friedensrichters der Division du Muséum war die Protokollierung von Todesfällen durch Gewalteinwirkung in seinem Abschnitt der Seine und der angrenzenden Ufergebiete. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Identifizierung. Ein nicht identifizierter Toter […] war eine diffuse Bedrohung für die société policée, die polizeilich überwachte Gesellschaft, der sehr daran gelegen war, über alle lebenden und gerade verschiedenen Bürger genauestens Buch zu führen.“ (S. 57)

Die Aktenaufzeichnungen sind knapp und nüchtern gehalten. Auffällig dabei ist, wie penibel körperliche Merkmale und die Kleidung der Toten beschrieben werden. Diese Beschreibung erlaubte bzw. erleichterte oftmals die Identifizierung durch die Hinterbliebenen: Verwandte, Nachbarn, Kollegen, Zimmergenossen in den ärmlichen Logierhäusern und andere répondants. Die erstaunliche Menge an Kleidung, die bei vielen der ärmeren (aber nicht allerärmsten) Toten zusammenkam, erklärt sich aus einem heute fast unvorstellbaren Umstand: Viele trugen ihre gesamte Garderobe am Leib, Schicht über Schicht und Tag für Tag, bei der Arbeit, im Hochsommer, manchmal selbst im Schlaf – um sie so in den schrank- und schlosslosen Gemeinschaftszimmern vor dem Diebstahl durch Mitbewohner oder Eindringlinge zu schützen.

Über diese äußerlichen Merkmale sowie kurze Notizen zur Identität der Person und den Todesumständen hinaus (erstaunlich, die meisten Toten wurden identifiziert) bleiben die Berichte sehr sparsam. Die Motive bei Suizid (oder Mord) oder Tröstung der Hinterbliebenen kümmerte den Friedensrichter und seine Gehilfen offensichtlich nicht – sie waren weder Polizisten noch Seelsorger. Ihre Aufgabe war einzig die Identifizierung und „Abwicklung“ des Toten.

Trotz der knappen Angaben in den Akten gelingt es Cobb, den Toten ein Gesicht zu geben: sie zu Individuen zu machen mit einer eigenen Biographie, einer eigenen Tragik – und über diese Einzelschicksale ein Bild der Gesellschaft, aus der sie der Tod herausriss, zu entfalten. Für dieses Gesellschaftsgemälde greift der Historiker auch auf andere Quellen zurück, nicht zuletzt auf das voluminöse Werk des großen Pariser Voyeurs und Chronisten der Nacht Nicolas Edme Restif de la Bretonne.

Genau hier setzt allerdings auch der Kritikpunkt an „Tod in Paris“ an. Cobb interpretiert sehr frei, vieles ist aus seinen Quellen nicht zu belegen, er lässt der Vorstellungskraft weiten Raum – ja, er fabuliert. Und das leider nicht widerspruchsfrei, nicht überzeugend genug, um seine Imagination als Brückenschlag zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtserzählung würdigen zu wollen. (Vielleicht ist es gar nicht so erstaunlich, dass Cobb, der immerhin als einer der wichtigsten britischen Frankreichhistoriker gilt, nach diesem Buch keine weiteren historischen Arbeiten mehr schrieb, sondern sich ganz dem autobiographischen Schreiben zuwandte.)

Nichtsdestotrotz, „Tod in Paris“ ist eine faszinierende Spurensuche, bei der immer wieder erstaunliche Fragen und Antworten aufgedeckt werden. Schön, dass der Verlag Klett-Cotta – der sich in den letzten Jahren ja auch zunehmend der Tradierung der auch heute noch spannenden französischen Historikerschule der École des Annales verschreibt – das Wagnis einging, ein solches Werk eine Generation nach Erscheinen ins Deutsche zu übertragen. Auffallend im Übrigen die Ausstattung: in ein optisch wie haptisch ansprechendes grobes Leinen gebunden, mit Prägung und zusätzlich montierten Schildchen auf den beiden Umschlagseiten präsentiert sich das handliche Kleinformat als ein Schmuckstück.

Richard Cobb: Tod in Paris. Die Leichen der Seine 1975–1801. Übersetzt von Gabriele Gockel und Thomas Wollermann, Kollektiv Druck-Reif. Mit einem Vorwort von Patrick Bahners. (Originaltitel: Death in Paris, 1978). Leinen. 199 Seiten. © 2011 J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart.