Das Sehnen der Welt – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 6)

Gewitter unser im Himmel, erlöse uns von der Schwüle.

Markdorf, eine Merkwürdigkeit. Die Bedienung im Gasthof, redselig, munter, ironisch, macht ihren eigenen Betrieb schlecht. Das Zimmer hat seine Eigenheiten, aber es hat auch Charakter, und das macht vieles wett: die merkwürdige Dusche mit Pumpe im Zimmer etwa, der furchtbar lange Weg über den Korridor zur Toilette, die verwinkelten Aufgänge, um das Zimmer überhaupt zu erreichen, das Knarzen von Jahrhunderten in den Dielen. Der Betreiber des Gasthofs ist nicht nur zugleich der Koch, sondern auch Romanautor, wie der Speisekarte zu entnehmen ist, den Titel finde ich aber nicht im Verzeichnis Lieferbarer Bücher. Auf den Platz zwischen Turm und Gasthof dreht alle paar Minuten ein Verrückter und schreit seine Verfolgungsfantasien hinaus ins Nichts. Die Nacht eine Qual, ein Sichwälzen im niedersinkenden Bett, Brunnenplätschern, Kirchturmschlagen, Nachtschwärmerrufe durch das offene Fenster, die schwüle Hitze mildert es nicht. Am nächsten Morgen erster im Frühstücksraum, eine offensichtlich etwas beschränkte Frau scheint von meinem pünktlichen Auftreten völlig überfordert, sie schiebt mit jedem Satz, bei jedem Handgriff schnaufend, klagend, eine Bugwelle aus Selbstmitleid vor sich her. Ich demonstriere Geduld und Gelassenheit und gewinne damit die Frau. Gleich mehrfach möchte sie mir vor Erleichterung den Orangensaft wieder aufgießen.

Mittags stehe ich am See. Eine frische Brise weht über das Wasser. Es fehlt nur das Salz für den Geschmack von Meer, aber auch so schenkt der Wind eine belebende Frische, trägt ein Versprechen von Ferne mit sich. Der Brunnen draußen in der Bucht stößt weite Fontänen aus, ein feiner Gischtschleier wird von der Brise bis ans Ufer getragen. Am Gerüst dieses Brunnens hängt eine Wassernixe, eine junge Frau mit hochgestecktem Haar, eine Verlockung in den Wellen. Gerne wäre ich auch dort drüben, bei der Nixe oder meinetwegen auch ohne sie, möchte dort hinausschwimmen, unter der weißen Gischt der Fontänen hindurch. Und so stehe ich an meinem Ziel und will doch weiter, immer weiter, ich schaue hinaus, auf der Suche nach dem Glück, und ich sehe, wie sich die Nixe löst und mir entgegenschwimmt, ich rieche den Wind und die Ferne, die Lockung des gegenüberliegenden Ufers und das Land dahinter und die Pässe weit in den Süden, und die Nixe kommt näher und näher und erhebt sich vor mir aus dem Wasser und schreitet langsam Stufe um Stufe empor.

Bodensee_HW7_Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Der seit Tagen versprochene Sturm kommt, als ich später, im Bayerischen schon, endlich im Wasser bin. Die Sonne steht über einem bleiernen, alles verschluckenden Himmel. Das Wasser ist von der Farbe stumpfen, abgeschliffenen Flaschenglases, am Ufer brechen die Wellen weiß. Drehe ich mich aber der Sonne zu, ist da nur noch ein Keil aus blendendem Licht vor einer Wand aus Blei. Ich schwimme in diesen Keil, schwimme gegen die Wellen, hinaus, dem Licht entgegen, immer weiter in das Licht hinein. Ins Licht.

Dann bin ich plötzlich Angst und ich drehe bei. Welle auf Welle rollt unter mir hindurch und eilt mir davon und der Strand kommt nicht näher.

Grizzly Adams – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 5)

Gestern Abend: das Gefühl umfassender Sinnlosigkeit. Heute Morgen: heitere Aufbruchsstimmung. Dazwischen: nicht zu stillender Durst.

Die Schlange vorm Bäcker ist mir zu lang, um mir eine Brotzeit und eine Reservewasserflasche zu kaufen, also verlasse ich Ilmensee nach Westen. Über goldstoppelige Äcker mit gerollten Strohballen geht es auf den Höhenzug, dort einen buschumwachsenen Pfad entlang, an einem Feld vorüber, in den Wald hinein. Das Album „Songs from the Wood“ von Jethro Tull wäre, denke ich mir, die ideale musikalische Entsprechung zu dieser Wegstrecke. Aber ich habe keine Musik bei mir. So unverzichtbar, ja lebensnotwendig Musik für mich im Alltag ist, habe ich sie kaum auf Reisen dabei und gewiss nicht beim Wandern, sicherlich auch deshalb nicht, weil ich Kopfhörer noch nie gemocht habe. Meine Ohren mögen das nicht.

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Songs from the Wood

Im Buchenwald ist es ruhig und dämmerig, fast noch verschlafen. Die Sonne fällt flach auf das Blätterdach, manchmal, wenn der Hang zur Linken besonders steil aufragt, verschwindet sie ganz. Die Vögel sind zurückhaltend, gelegentlich gluckert ein Bächlein, ein Reh scheut. Sehr still und sehr flott geht es voran auf diesem Weg auf halber Höhe. Um nicht eintönig zu werden, fällt er gelegentlich über eine Abzweigung ab und steigt wieder empor, wo man vermutlich auch einfach hätte geradeaus gehen können. An den Bäumen hängen Waldreben, die wir als Kinder unter dem Einfluss der Tarzan-Romane von Edgar Rice Burroughs, die der Vater der Familie vorgelesen hatte, Lianen nannten, die aber ansonsten ganz allgemein und wie selbstverständlich „Judenstrick“ hießen. Irgendwann war mir der geläufige Name in seinem Wortsinne gegenübergetreten und schlagartig fürchtete ich eine nicht bösartige, aber in größter Gedankenlosigkeit tradierte antisemitische Bezeichnung und legte mir selbst Etymologien zurecht, schloss auf die einst zahlreichen jüdischen Viehhändler, denen womöglich aus reiner Gehässigkeit unterstellt worden war, die Clematis aus dem Wald zu verwenden statt ordentlicher Kälberstricke. Erst viele, viele Jahre später, tatsächlich erst, als ich nach meiner Wanderung dem Wort nachging, erfuhr ich, dass die Wahrheit eine ganz harmlose ist, der volkstümliche Judenstrick sich vom Jutenstrick nämlich ableitet. War ich hier ein Fall dieser typischen deutschen Selbstvorverurteilung geworden? Keineswegs. In den 80er-Jahren noch gang und gäbe und vermutlich bis heute nicht verschwunden ist in Süddeutschland der „Judenfurz“ als Bezeichnung für den Chinakracher, diesen kleinsten der Sprengkörper für Silvester.

Gleich nachdem mir die ersten Wanderer an diesem – oder gar der ganzen letzten? – Tage entgegenkommen, zeigen sich zum ersten Mal durch den unentwegten Dunst hindurch die Alpen. Dann biegt der Weg scharf ab ins Tal, mitten durch den Hof einer Einöde. An solchen Orten ist mit Hunden zu rechnen – und ich meide Hofhunde, wo es geht, aber was hilft es, ich muss da hinunter –, und tatsächlich, da ist ein freilaufender Hund, der gerade im Stall oder der Melkkammer verschwindet. Erleichtert bin ich, gleich Menschen zu sehen, denn wann immer auf Wanderungen Hunde ernsthaft aufdringlich geworden waren, waren Menschen in der Nähe, die sie zurückpfiffen. Eine krumme, alte Bäuerin muss mich gesehen haben, sie geht zur Tür, hinter der der Hund eben verschwunden ist, und schließt sie mit einer ganz beiläufigen Bewegung. Danke, gute Frau, wir verstehen uns. Ein Traktor versperrt mir die Sicht auf den Weg, bevor ich suchen kann, wie herum ich mich wende, weist mir die Bäuerin die Richtung. Ihr rotbärtiger Sohn schaut grimmig, aber er erwidert meinen Gruß.

Unten im Weiler Ellenfurt rauscht der Bach, die wenigen parkenden Autos haben fremde Kennzeichen, eines ist bis aus Berlin gekommen. Nach Überquerung der Talstraße geht es sofort wieder hoch auf den nächsten Höhenzug. Was bis eben ein milder Sommermorgen war, ist nun drückend und heiß. Ich keuche den gewundenen Weg empor, ein dünner Schweißfilm steht mir auf den Armen, der Gaumen zieht sich vor Durst zusammen. Tränke ich nun, würde sich der Wasserfilm auf meiner Haut binnen Augenblicken vervielfachen. Schön ist der Weg aber, das wissen auch andere, wie die Sprungschanzen von Mountainbikern zeigen, auch Pferdeäpfel liegen da. Oben dann, auf der Ebene, knallt die Sonne auf die Rodung, ein Hase hoppelt, der Geschmack im Mund wird metallisch und ich habe, als ich aus dem Wald trete, zum ersten Mal Sicht auf den Bodensee, seinen nördlichen Ausläufer.

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Hinter der Höhe der See

Fast hätte ich eine kleine Abkürzung genommen, um das, was auf der Karte ein paar hundert Meter über die Kuppe führt und dann im spitzen Winkel zurück zum Wald, zu schneiden. Ich hätte einen der lauschigsten Flecken überhaupt verpasst. Erst geht es über das Feld; dann eine Hohlgasse hinab – einen schmalen Pfad für Mensch und Tier, die steilen Böschungen von Haselsträuchern gesäumt, das Licht gedämpft, schöner kann ein Weg kaum sein; und schließlich das Dörfchen Betenbrunn, beherrscht von seiner barocken Wallfahrtskirche, die einen Kreuzweg mit fünfzehn Stationen auf allerengstem Raum unterbringt (ob die Gläubigen auf Knien rutschen, damit er nicht gar zu schnell zu Ende ist?); die Häuser hübsches Fachwerk mit Vorgarten; ein Dorfbrunnen plätschert unter einer ausladenden Baumkrone, eine Frau füllt die Gießkannen für ihren Garten auf; sogar ein Gasthaus hat das Dörfchen und nur die Fahne der Brauerei hält mich davon ab, hier einen Halt für ein alkoholfreies Weizen einzulegen.

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Wallfahrtskirche Betenbrunn

Bald geht es steil hinab, sehr, sehr steil, vorbei an einem Alpaka-Paradies mit seinen nervösen Langhälsern, vorbei an einem wachsam-braven Hund, ganz pflichtvergessen und gutmütig zugleich, ein zweiter, kleiner, alter Hund nimmt all seinen Mut zusammen und übernimmt kühn die Aufgabe, mir bellend Geleit zu geben. Durch Lellwangen, irgendetwas erinnert vage an Bilder aus Mexiko, vielleicht nur der Schwung dieser Bögen dort oder die Farbe des Anstrichs, zwischen flimmernden Äckern hindurch zum Pfad mit seinen schwärmerisch-esoterischen, dem „Sonnengesang“ Franz von Assisis nachgeformten Bildstöcken, auf denen der Herrgott und die vier Elemente ihre Verehrung finden.

In der Mittagsglut irre ich durch Untersiggingen, passiere den kleinen Markt in der Hoffnung auf einen Biergarten oder eine Terrasse vor einem Gasthof. Die Gaststätten haben alle zu, ich kehre um, suche den Markt nochmals auf, auch er hat inzwischen geschlossen, nur Autos durchfahren den Ort auf der Suche nach Irgendwo. Am Ende eines Doppelkreisverkehrs finde ich eine Tankstelle, greife gierig nach zwei Flaschen aus dem Kühlregal. Die junge Verkäuferin mit den langen Fingernägeln schaut, als würde sie nicht oft einen Menschen wie mich sehen, ihr Make-up wirkt deplatziert, falscher Glanz auf verlorenem Posten, ich habe Mitleid mit ihr, es muss die Hölle sein hier. Ich fliehe aus dem Ort, keuche einen Berg empor, wie sich das zieht, lasse mich auf der ersten Bank auf dem Höhenzug nieder, wo ich Party mache, ich und die beiden Flaschen und die gierigen Wespen im Fallobst. Eine Flasche leere ich auf einen Zug, die zweite in kleinen Schlucken. Eine halbe Stunde später, als ich durch eine Armee von Apfelbäumen schleiche, habe ich schon wieder Durst.

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Erntezeit

Den Gehrenberger Aussichtsturm muss man übrigens nicht im ersten Anlauf schaffen. Man wendet der luftigen Stahlfachwerkkonstruktion einfach für ein paar Minuten den Rücken zu, wartet, bis die lärmende Besuchergruppe abgezogen ist, isst einen Fruchtriegel und nimmt dann einen zweiten Anlauf, beide Hände immer schön am Geländer und den Blick nie nach unten gerichtet. Die Belohnung ist ein fantastischer Ausblick – über die Baumwipfel hinweg – über fast den gesamten Bodensee. Das Land unter mir aber ist ein ganz anderes als in den letzten Tagen, es ist eine Ferienlandschaft, das sieht man schon vom Turm aus. Spaziergänger kommen gruppenweise den Berg empor, die Menschen stören mich. Ich spüre, wie ich die einsamen Stunden genossen hatte; und die einzelne Begegnung hatte mehr Gewicht. Hier sind wir alle nur noch anonyme Masse. Mir ist es zuwider. Und ich steige weiter hinab und will doch zurück, dorthin, wo die Menschen rar waren und die Landschaft weit, steige grimmig ab und ein bisschen verwundbar, gerade so, als wäre ich ein Mann aus den Bergen.

Plutarch am Ilmensee – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 4)

Die Wirtin lässt Grüße ausrichten an die Wirtsleute meiner nächsten Station. Das gefällt mir, das würde ich gerne öfter machen: den Tag lang durch die Gegend wandern, um Grüße auszurichten.

„Die Porträtmaler suchen die Ähnlichkeit aus dem Gesicht und den Zügen um die Augen zu gewinnen, in denen sich der Charakter darstellt, und schenken den übrigen Körperteilen weniger Aufmerksamkeit. In entsprechender Weise muß man es auch mir gestatten, daß ich mich mehr mit den kennzeichnenden seelischen Zügen befasse und daraus das Lebensbild eines jeden zeichne. Die großen Heldentaten und die Schlachten aber überlasse ich anderen.“ (1)

Zwischen zwei bewaldeten Höhenzügen liegt der Ilmensee, ein Relikt der Eiszeit mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von etwa einem Kilometer. Steinzeitmenschen hatten an seinem Ufer Pfahlbauten errichtet, im 20. Jahrhundert war er vor Renaturierungsmaßnahmen ein Sammelbecken für Phosphor und andere Rückstände aus Landwirtschaft und Abwässer. Auf seinem Grund liegt eine Kirchglocke aus dem Dreißigjährigen Krieg, versenkt vor den anrückenden Schweden.

An seinem nördlichen Ende liegt das Dorf Ilmensee, dazwischen Uferbäume, ein Schilfgürtel und ein Freibad, dessen Wiese sich am Ostufer weit nach Süden erstreckt und in Bootsanlegestellen übergeht. Auf dieser Wiese liege ich auf meinem Allzweckschal, ein gelbes Reclambändchen des antiken Biographen Plutarch neben mir, und schaue auf den Ilmensee. Sein Wasser gleicht einer flirrenden Fläche in steter Bewegung – ein Spiel aus Licht und Schatten, dort dunkler, wo Bäume ihr Spiegelbild auf den See hinauswerfen. Wo Menschen schwimmen, entzündet sich das Wasser in weißem Licht. Noch die kleinste Bewegung zaubert Licht, der Glanz umgibt die Menschen, als wären sie, vom See reich beschenkt, höhere Wesen. Bewegt sich der Körper, folgt ihm ein Schweif aus Licht. Es ist eine vollkommen gewöhnliche Angelegenheit und trotzdem, versenkt man sich in diesen Anblick, eine Erscheinung von äußerster Schönheit.

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Landschaftlich ist die Etappe von Altshausen nach Ilmensee die vielleicht schönste auf meinem Weg durch Oberschwaben. Die Hügel recken sich höher, die Häuser tragen bunte Farben, alles wagt hier ein wenig mehr. Ein Weiler wie Mauren stellt die perfektionierte Werbung für ein idyllisches Landleben, ohne das zu wollen, denn wer verirrt sich schon dorthin, um den man werben wollte. Einmal auf einer Landstraße ein paar Radfahrer, sonst bin ich allein unterwegs. In Unterwaldhausen stehen drei Männer um eine Landmaschine auf dem Feld. Der mir Nächste, den Oberkörper frei in der Augustsonne, blickt den Fremden unsicher an – unsicher immerhin, nicht misstrauisch wie schon so oft auf dieser Wanderung beschrieben. Ich grüße ihn, mache eine scherzhafte Bemerkung und schon bin ich im Gespräch. Ganz von selbst bin ich in meinen Dialekt gefallen, es fällt mir leichter, je weiter ich nach Süden komme. Zu den Menschen ist er eine Brücke.

Trotzdem bin ich nicht ganz hier. Mein Körper geht, er findet inzwischen von selbst sein Tempo, seinen Rhythmus. Die Gedanken aber schweifen ab, sie sind fahrig, die Sinne richten sich nach innen. An diesem Tag schreibe ich kein einziges Wort auf meinem Weg ins Notizbuch. Verfalle stattdessen in Fantasien, während ich zwischen einsamen Kornfeldern von Hügel zu Hügel wandere, in Endzeitbilder. Monströsitäten aus einer Serie, die ich während einer Erkältung in der dunklen Jahreszeit in mich aufgesogen habe, erheben sich aus ihren Gräbern und Zombies treten aus den Wäldern, um mich zu jagen. Die Apokalypse der Untoten hat sich offenbar ins Bild des Wanderers im 21. Jahrhundert eingeschrieben. Wer sonst sollte allein über menschenleere Straßen ziehen als der Überlebende des zivilisatorischen Zusammenbruchs?

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Als ich ins Wasser steige, wird das Licht zu moorigem Grün. Das Wasser ist angenehm warm und es ist eine Lust, sich dem Nass hinzugeben, sich tragen zu lassen, hinauszuschwimmen. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich in einem See (und nicht einem Freibad oder immerhin einem Weiher) schwimme. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wann ich das zuletzt gemacht habe. (Und im Meer? Wann bin ich das letzte Mal im Meer geschwommen?) Es verstört mich. So sollte das Leben nicht sein. Warum tue ich nicht mehr, warum tue ich nicht alles, um das zu ändern?

Zwei überdrehte junge Lesben, jede ihrer Gesten hat etwas Überzeichnetes, küssen sich auf halbem Weg ins Wasser. Eine Junge mit Windpockennarben an den Armen ist ganz aufgeregt: zwei Frauen, die sich küssen! Ach, Junge, du wirst noch viel lernen müssen. Unterschiedlich die Reaktion seiner Großeltern. Für ihn hat die Beobachtung nicht mehr Relevanz, als dass sich eben zwei Menschen küssen. Sie ist aufgestört. „Etwas ungewöhnlich ist das doch!“, sagt sie, in genau diesen Worten. Die Stadt ist fern. Für einen Augenblick vermisse ich sie.

Im Norden ziehen reinweiße Wolken vorüber, aufgebauscht, wie aufgesprüht am Himmel, man möchte hineinbeißen in diese Köstlichkeiten. Morgen würde es gewittern, heißt es seit Tagen. Heute aber heißt es erst einmal, den restlichen Tag zu genießen. Und den Beinen Ruhe zu gönnen. Sie schlagen sich gut: Füße, Beine, Gelenke, ich bin erleichtert, wie wenig sie schmerzen. Aber wie sie nur aussehen! Voller Macken aus den letzten Monaten, dort die Striemen der Brombeerranken im Pfälzer Wald immer noch zu sehen, hier die dunklen Scharten im Schienbein, als ich nächtens, den Blick aufs Smartphone geheftet, gegen einen Betonpoller gelaufen bin, rote Schwellungen, wo mich Bremsen gestochen haben, ein Hitzeausschlag, wo Stoff und Schweiß zusammenkommen, und eine Wolf vom ersten Wandertag, der mich jeden Abend zwingt, das Blut aus der Hose auszuwaschen. Immerhin, sie haben ein Leben, meine Beine.

Am späten Nachmittag liegt die Gluthitze schwer auf dem Dorf. Es ist der heißeste Tag in 2015. Die Messinggriffe der Kirchtür sind sengend heiß. Über dem Garagentor des Pfarrhauses hängt groß der Gekreuzigte. Gegenüber spielt jemand auf der E-Gitarre, langsam und träge fließen die psychedelischen Wiederholungen über die Straße. Gerne würde ich mich mit einem kühlen Bier auf die Terrasse des Hauses setzen und mich treiben lassen von den Klängen. Am Eck ein Kaugummiautomat mit vier befüllten Behältern, einem Relikt aus den 80er-Jahren gleich, aber der Einwurf ist sauber auf Cent und Euro beschriftet. Hier lebt eine Vergangenheit weiter und ohne dem Fremdenverkehr wäre dieses Dorf zwischen den beiden Höhenzügen längst tot, wäre da kein Blumenladen, in den eben die Auslagen aus Blütenpflanzen und Kirschfrüchten ins Haus geräumt werden, wäre da keine Dorfbäckerei mehr, hinter deren Scheiben Licht brennt, ohne die Feriengäste stünden da an der Hauptstraße nicht gleich drei Gaststätten, würde es kein Dorfcafé geben und keine Saufhalle mit Chicken Wings aus Geflügelmassenvernichtungsfabriken, keinen Allgäuer Beef-Abend, der wenig mit dem Allgäu zu tun haben dürfte, nicht den Pizzaservice mit den indischen und thailändischen Gerichten versteckt hinter der Bankfiliale. Vielleicht nicht einmal das Bett, in dem ich heute Nacht schlafen werde.

In der Abenddämmerung folge ich dem Lehrpfad rund um den See. Ich lese alle Tafeln. Den Hinweis auf einen Haifischzahn, mit dem ein Schild vor dem Freibad wirbt, finde ich nicht.

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(1) Plutarch: Alexander. Caesar. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel. Stuttgart 1980. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 1990, S. 3.

Lob des Altshauser Weihers – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 3)

„Der Herrgott muss ein Mann sein, dass er Wespen geschaffen hat, denn eine Frau würde so etwas nicht erfinden“, sagt die Wirtin in ihrer Mundart. Dass das logisch betrachtet noch ein paar andere Schlüsse zuließe, spreche ich lieber nicht aus.

Reden wir nicht über Verkehrsführung, beispielsweise. Nicht über die lärmende Bundesstraße, deren Streckenführung auf meterhohem Beton einer Vergewaltigung des Ortes gleichkommt. Nicht über die Rohheit des Stammtisches (in einem Ort, in dem übrigens die ÖDP bei der letzten Kommunalwahl wenigstens einen Sitz erhalten hat, Grüne und SPD im Gemeinderat aber gar nicht vertreten sind). Nicht über die Einsamkeit des arabischen Flüchtlings auf der Bank. Nicht über die brabbelnden Alkoholiker auf der Grünfläche. Im Übrigen auch nicht über das Schloss, in dem der Herzog von Württemberg residiert. Reden wir über den Weiher der Gemeinde Altshausen.

Der „Alte Weiher“ bildet, um im Erfahrungsmuster des katholischen Oberschwabens zu bleiben, den Höhepunkt eines Kreuzweges, den Kalvarienberg meiner Wallfahrt freudiger Weltbejahung. Erreicht man gegen Ende eines langen Wandertages nach Hirschegg das lieblichste Wegstück der Etappe – über Hügel so sanft geschwungen, dass sie das Auge erfreuen, die Beine aber nicht ermüden, auf Kiespfaden an die Hecken gelockt mit ihren prallen, dunkelblauen Schlehen, dem saftigen, schwarzviolettem Holunder, rot leuchtenden Vogelbeeren –, zeigt sich der Weiher zum ersten Mal, entlarvt sich seiner Glätte wegen, einer Fläche viel zu eben für festes Terrain. Die Fläche glitzert und der Schritt beschleunigt sich noch einmal.

Über eine lange, sehr lange Birkenallee ist es mittags aus Bad Saulgau hinausgegangen zur St. Wendelinskapelle und weiter zum Dorf Sießen mit seiner imposanten Klosteranlage samt Barockkirche. Das müsste man sich eigentlich ansehen, aber ich bin ja gerade erst von der Mittagsrast aufgebrochen und habe noch reichlich Wegstrecke vor mir, da fehlt mir die rechte Muße zur Besichtigung. In Waldfluren führt mich der Nachmittag, durch eine Wiederaufforstung, schließlich an einem Golfplatz ohne einer Menschenseele vorbei geht es hinauf nach Heratskirch, wo hinter dem Pferdehof die Rhein-Donau-Wasserscheide verläuft. (Einer Wasserscheide entlang zu wandern, das wäre auch einmal ein Projekt.) Auf der Bomser Höhe öffnet sich die Landschaft weit nach Süden. Die Alpen sind auch heute im Dunst verborgen. Das Dörfchen Boms ist unerwartet rege, viele Menschen sind an diesem Spätnachmittag zu sehen, sie werkeln, organisieren, schwatzen, ja sie grüßen auch den fremden Wanderer und einer von ihnen spricht Bairisch. Wie sehr sich Boms von Bondorf unterscheidet, und beide sind sie Bad Saulgau so nah.

Bomser Höhe_Boms_Oberschwaben_Wanderung_HW 7_Sommer

Blick nach Süden.

Freundliche Bäume, verspieltes Schilf begrüßen mich in der Senke. Einst zog sich der Alte Weiher, 1276 vom Deutschen Orden angelegt, noch tiefer in das Tal hinein. Heute beträgt er nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Größe und nur der südöstliche Teil ist freie Wasserfläche, der Rest von Pflanzen bewachsen. Parallel zum Ufer verläuft ein Grasweg – die reinste Wohltat für die Füße nach 30 Kilometern Marsch –, an Grauweiden, Schwarzerlen und Birken vorbei, entlang der ehrwürdigsten Eschen, die man sich nur ausmalen kann, der Stamm so dick, dass es zwei, gar drei Erwachsene bräuchte, den Baum zu umfassen. Als sich die Wasserfläche öffnet, dringt von drüben das ausgelassene Geschrei von Kindern herüber. Die ersten Häuser stehen direkt am Wasser, auf dem Rasen dazwischen sitzt eine Bewohnerin in einem Liegestuhl, ein Buch in der Hand. Sommerleben in Altshausen.

Mein Gasthaus ist rasch gefunden, das Fenster des Zimmers lässt einen Blick auf den Weiher zu und fünf Minuten später bin ich im Freibad und tauche ins Wasser ein. Es ist eine Erlösung nach dem Marsch in Gluthitze. Gerade recht ist die Temperatur des moorigen Wassers. Man darf sich nur nicht daran stören, dass bisweilen Pflanzen an den Beinen kitzeln – ich zucke dabei immer zusammen, habe das nie gemocht, obwohl ich es aus Kinderjahren her kenne – , auch daran nicht, dass irgendwo unter einem Hechte schwimmen und der Weiher vermutlich eine Legion von Blutegeln beheimatet. Gesehen habe ich keinen.

Ländlichkeit und Moderne begegnen sich im Strandbad von Altshausen. Ein richtiger Sandstrand ist angelegt mit Rutsche, Spielplatz, Schwimminsel, Kiosk … Apfelbäume bieten Schatten auf der Liegewiese. Wer hier ruht, kann Newtons Schlüsselerlebnis nacherleben. Auf dem Rasen liegen ein paar Äpfel verstreut, neben dem Eingang, wo es sich der Kassierer und Bademeister – braungebrannt in Badehose – in einem Strandstuhl bequem gemacht hat, steht ein Eimer, halb gefüllt mit Äpfeln. Eine Gelassenheit liegt über allem, hat man erst einmal das Schild am Eingang passiert, das dem Bademeister das alleinige Recht zur schlechten Laune zuspricht. Die Kinder ziehen sich im Kreis ihrer Familien ganz ohne Scham auf der Wiese um – hier ist die überbordende Angst des 21. Jahrhunderts noch nicht angekommen, die Eltern ihre Kinder nicht mehr im eigenen Garten nackt spielen lässt. Die Menschen kennen sich, ihr Gang ist entschleunigt, einer fragt: „Und muasch hoit wieder nach Stuagatt hoim?“ „Noi, noi“, antwortet der Befragte. Die Landeshauptstadt ist weit weg. Noi, noi, spreche ich stille nach und lächle in den Sommerhimmel.

Altshausen_Alter Weiher_Wanderung_Oberschwaben_HW 7

Abend überm Alten Weiher

„Das tat ich für dich!“ – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 2)

In der Morgensonne machen sich bereits Besucher auf den Steg ins Herz des Federsees auf oder warten vor dem Museum, radeln dahin oder sitzen vor dem Eiscafé. Wandert man aus Bad Buchau hinaus, wird es aber sehr schnell ruhig. Auf Stunden werde ich auf den Wanderwegen niemandem begegnen. Stille liegt über den Wegkreuzen, nur ein Raubvogel zirkelt über dem Mais, weißer Kopf, roter Schwanz, ein Rotmilan, vermute ich, ohne es wirklich zu wissen. Das erste Waldstück zeigt sich licht, sein Untergrund besteht aus grünem Gras, büschelweise legt es sich auf die eine oder andere Seite. Diese Wegstrecken sind heiter wie die Wälder von Asterix und Obelix, nur dass hier statt endloser gallischer Eichen ein paar Buchen und Pappeln stehen. Am Waldrand zittern Espen.

Oberschwaben_Sommer_Wald

Weggefährten

Was für eine Gnade, an einem Donnerstagvormittag über menschenleere Waldwege gehen zu dürfen! Aber recht bald wird es mir doch langweilig. Die Waldflecken sind hier nie sehr groß, aber solange man sich auf Forstwegen bewegt, schweift das Auge nicht weit. Nicht jeder Wald hält den Reiz des Schauens lange aufrecht. Muss man diesen hier gesehen haben? Nein, muss man nicht. Dafür gibt es interessantere Regionen.

Die Landschaft ist wie gesiegelt von Kruzifixen; wo sie nicht stehen, ist nicht menschengestaltete Flur, sondern das Land der Füchse, der Wildnis, sofern dieses Wort hier überhaupt noch irgendeine Bedeutung hat. Manchmal ist das Wegkreuz zu wenig, dann strukturiert eine Kapelle den Horizont vor dem nächsten Waldsaum. Die winzige Bruckhofkapelle am Grundstück „Mördergässle“ ist kaum mehr als eine überdachte, offene Nische, ein Kniebrett fürs Gebet vor dem vergitterten Votivrelief, links und rechts geben Tafeln Erläuterungen. Gestiftet wurde die Kapelle für zwei Schwestern, die ins Kloster gingen und beide noch in jungen Jahren an einer Lungenkrankheit siechten. Das Leben von Maria Xaveria und Maria Nepomuciama, so die Ordensnamen der Frauen, rettete die fromme Stiftung nicht. Vielleicht, das mag von vornherein kalkuliert worden sein, wenigstens ihr Seelenheil.

Oberschwaben_Wandern_Landschaft_Bondorf

Schwung

Kurz hinter der keltischen Viereckschanze aus der La-Tène-Zeit – „vermutlich ein Kultplatz“, wie alles, was nicht gleich zuordenbar ist, gerne mal kultisch ist – liegt Bondorf ausgestreckt, lauschig und sehr verschlafen. Das Mädchen, das aus einem Haus tritt, weicht meinem zum Gruß bereiten Blick aus, die Katze rennt davon, der Bauer bleibt auf mein „Grüß Gott“ hin stumm. Das schöne Dorf mit seiner Bilderbuchkulisse – rätselhaft hängt das Schild einer Buchhandlung in Frakturschrift über einer Holztür mit einem aufgenagelten Schweinchen – wächst am Rand, zur Ebene gen Bad Saulgau hin, und verliert hier seinen ganzen Charme.

Es ist drückend heiß, über Kopf und Schultern habe ich meinen syrischen Schal – ein wirklicher Allzweckgegenstand – gebreitet und ich mache an einem schattigen Wegkreuz nochmals eine Rast für ein paar Schluck Wasser und einen Blick auf die Karte, obwohl die Silhouette von Bad Saulgau schon zum Greifen vor mir liegt. „Das tat ich für dich! Was tust du für mich?“, mahnt die Inschrift unter dem Gekreuzigten. Ja, das können sie gut, die Pfaffen und die ‚Bigotten‘, wie mein Großvater sie genannt hätte – den emotionalen Druck hochhalten! Und wie mir sofort alles wieder zuwider ist: die harten Kniebänke in den Kirchen, auf die sich die Kinder im Gottesdienst niederzulassen hatten, das Niederknien beim Betreten der Kirche und dem Kreuzeszeichen vor dem freudlosen Gesicht, überhaupt diese Leidensgesichter, nein, Freude war nicht gewollt, die derbe Lebensfreude feierte man außerhalb der Kirche, in ihr aber griesgrämige Gesichter, neidische Mienen, strafende Blicke, brüchiger Altweibergesang, salbungsvolles Schwadronieren, aber Lust und Freude, nein, nicht unter dem Zeichen des Gekreuzigten, und dann die Beichte, oh mein Gott, was für ein Unsinn, wenn Heranwachsende dazu verdammt werden, mit gebeugtem Haupt etwas gestehen zu müssen, leiden zu müssen für eine Schuld, obwohl es da vielleicht gar nichts gibt, wofür Schuld zu tragen gerechtfertigt wäre, welche Sünden denn, und überhaupt das Wort Sünde, da kommt es mir schon hoch, immerzu nur Schuld, Schuld, Schuld!

Grimmig setze ich mich auf die Bank auf der anderen Seite des Baumes, der das Kreuz beschirmt. Wer auch immer diesen Platz beehrt hat, er kümmerte sich nicht um feinere Dinge. Die Bank ist mutwillig beschädigt, verschmutzte Taschentücher liegen herum, Blätter von Maiskolben sind ringsum verstreut. Rebellion gegen diese Kultur der Schuld oder schlichte Ignoranz?

Oberschwaben_Bad Buchau_City of God_Graffiti

Fortführung des Barock mit anderen Mitteln?

Im Städtchen Bad Saulgau treffen sich die Oberschwäbische Barockstraße, die Deutsche Fachwerkstraße und die Schwäbische Bäderstraße. Um diese Kulturgüter zu würdigen, müsste ich länger verweilen, und wohl nicht zuletzt deshalb schlägt der Hauptwanderweg 7 den Ort als Etappenziel vor. Ich werde nur eine Rast machen und dann weiterziehen, denn es ist erst Mittagszeit und mir würde es langweilig werden den restlichen Tag, Kultur hin oder her. An der Straßenkreuzung zur Innenstadt – die Ampelmännchen sind aus Ostdeutschland aufgekauft – verkündet eine Steinstele stolz, dass Bad Saulgau 1299-1806 österreichisch war. Die Stadt gehörte zum Bund der fünf „Donaustädte“ (die keineswegs alle an der Donau lagen), die zusammen mit einigen weiteren oberschwäbischen Ortschaften über Jahrhunderte einen Teil Vorderösterreichs bildeten. Damit waren diese Städte sehr viel länger Teil Österreichs als sie seither württembergisch sind.

Ich bin unentschlossen, an welcher Gaststätte ich Mittagspause mache, kehre schlussendlich zur ersten zurück und ärgere mich sofort über die Wahl. Ich sitze nämlich noch nicht einmal, schon steht die Kellnerin neben mir und will, wenn nicht gleich das Essen, so doch wenigstens die Getränkebestellung aufnehmen. Ich lasse mich ungern drängen, erst recht nicht, weil ich immer gerne schaue, ob ein Gasthaus ein besonderes Getränk auf der Karte führt, mich zu überraschen weiß. Leider bin ich nicht geistesgegenwärtig genug, mir freundlich und bestimmt mein Recht (und also eine Atempause) zu verschaffen und so geht nach einem eher umständlichen, fast gereizten Austausch, den ich so nie beabsichtigt hatte (denn ich will ja kein schwieriger Gast sein), die resolute Frau mit meiner Getränkebestellung hinfort.

Das Bier, nein, es hat nicht geschmeckt und ich verlasse Österreich wieder gen Südwesten.

Oberschwaben_Wandern_Sommer_Himmel_Getreide

Unter dem Himmel Oberschwabens

Gold – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 1)

Dass ich meine Wanderung durch Oberschwaben in einem ICE beginnen würde, überraschte mich selbst. So viel also zum Thema Entschleunigung. Die Realität war aus dem Zug hinausklimatisiert, vom Land da draußen gab es nur verschwommene Fernsehbilder durch die Fensterscheiben. Etwa dort, wo ich im Juni meine Flucht über die Schwäbische Alb abgeschlossen hatte, knüpfte ich im August meine fünftägige Durchquerung des schwäbischen Oberlandes an. Es würden die heißesten Tage des Jahres werden. Davon ließ der wolkige Morgen noch wenig ahnen.

Zwiefaltendorf_Fest_Landleben

Sommer in Oberschwaben

Zwiefaltendorf, die „Idylle an Ach und Donau“. Ein Schloss steht an der Donaubrücke. Auf dem Turm des sehr aufgeräumten, hübschen Kirchareals nisten Störche, gegenüber „Im Gäßle“ plätschert ein Brunnen vor einem strahlend blau gestrichenen Häuschen. An der Front steht um das Gesicht unseres Gestirns geheimnisvoll die Parole „Die Wahrheit liegt im Sonnenaufgang“.

Die monströse Hupe eines Lastwagens reißt das Dorf aus seiner träumenden Beschaulichkeit. Der Transporter hat erschreckend große Schlachtschweine geladen, ein Pestschweif zieht sich hinterher. (Wer nur mag solche Tiere essen?) Als Motorengeräusch und Schweinegestank jenseits der Donau ersterben, setzt sich das Dorf wieder durch. Essensduft zieht vom Gasthaus – ist es das mit der Tropfsteinhöhle im Keller? – über die Straße, schon sitzen (anders als in den Albdörfern) Menschen auf der Terrasse in Vorfreude auf das Mittagsmahl. Die Bahnhofsstraße hinaus stehen schmucke, alte Häuser aus einer bürgerlichen, nicht bäuerlichen Welt. In den Getreidefeldern knackt es. Hinter dem schmalen, langen Gleis kommt Wind auf. Es raschelt im Gebüsch, in den jungen Kirschbäumen, im hohen Mais.

Über weite Schleifen führt der Weg zwischen Waldsaum und Getreidefelder hinein ins Oberland. Ein Vogel schlägt Alarm, ein Reh setzt in hohen Sprüngen aus dem Korn ins Unterholz. Einmal noch holt die Zivilisation den Wanderer auf rohe Weise ein. Die Lastwagen brausen über die Bundesstraße, die den Wald durchschneidet, oder sie reihen sich auf dem Parkplatz, wo Polizeibeamte eine Kontrolle durchführen. Dann hat einen der Wald wieder und wenn man schließlich heraustritt, dort den Bussen sieht – den heilige Berg Oberschwabens, auf weite Strecke gen Süden die markanteste Erhöhung –, da den flachen Schwung von Hügeln, das Blau der Wälder, das erdige Gold der Kornfelder, teils bereits geschnitten, warme Flächen, gänzlich reifer Sommer, hier Wiesen und grüner Mais, seine Spitzen hell, die Fäden rot, immer wieder Wegkreuze unter schattigen Bäumen … Dann hat man sich längst verliebt in diese Landschaft.

Oberhalb des Dorfes Möhringen mit seiner auffallenden St. Vitus-Kirche und dem Pfarrhaus mit seinen schön bemalten Fensterläden, deren Muster mich an antike Formen erinnern, geht es rückseitig über einen Schleichweg den Bussen hinauf. Die Fichten stehen hier locker genug, um grünwuchernden Untergrund zu erlauben, es ist keiner dieser leb- und klanglosen, dunklen Forste, wo du auf dem braunen Nadelteppich, karg bis vielleicht auf Knochen und kleine Schädelchen, die Luft anhalten möchtest, um kein namenloses Unheil zu wecken. Rasch wird der Wald noch lichter mit Eschen und anderen Laubbäumen, geradeaus zieht sich der Weg als herrlicher Trampelpfad, das Gras wächst teils schulterhoch, nur der Gedanke an Zecken trübt die unschuldige Freude ein wenig.

Die Wallfahrtskirche auf dem Hügel steht im Gerüst, zwei Handwerker beschallen den Platz mit einem österreichischen Popsender. Von der Sakralität des Ortes ist da wenig zu spüren, doch der Blick nach Süden ist offen und weit und reicht an klaren Tagen – über den Federsee, über Felder und Wälder, über Ketten von Höhenzügen – bis zu den Alpen. Über eine Breite von über 300 Kilometern, das demonstriert eine gewaltige Panoramatafel, zeigen sich dann die Gipfel der Alpen, von tief im Bayerischen im Osten bis ins Berner Oberland im Westen. Kein Wunder, dass sich auf dem Bussen – heute noch vielbesuchter Wallfahrtsort – Hinweise auf eine Kultstätte schon in keltischer Zeit finden lassen.

Im Dorf unterhalb der Kirche setze ich mich in einen Biergarten mit Fernblick und freue mich, ein alkoholfreies Weizen einer Brauerei zu finden, die ich bisher nicht kannte. Alkoholfreie Weizenbiere überzeugen ja nur selten im Geschmack, dann aber sind sie mir – erst recht an einem heißen Tag auf Wanderung – mein größter Favorit. Das Bier der Brauerei Farny aus Kisslegg wird mir am heiligen Bussen zur Offenbarung: Mühelos schlägt es die bisherigen Favoriten, leicht und herrlich frisch ist es, süffig und rein im Geschmack ohne den kleinsten Anklang an Moder, wie es viel zu viele alkoholfreie Weißbiere haben. Ich habe mein neues Lieblingsbier gefunden.

Die Kellnerinnen sind freundlich und offen, nicht alle anwesenden Schwaben aber können aus ihrer Haut. Belustigt lausche ich den zahlenden Damen am Nebentisch: „Die Pommes zahle ich aber nur zur Hälfte, die andere zahlt sie“. Der Ort jedenfalls profitiert von den vielen Besuchern. Der Biergarten ist gut besucht, an der Straße gibt es einen Antik-Laden, den ein Herr mit wallend weißem Bart betreibt, auch ein Backhaus kennt das Dorf. Hier in Offingen ist Leben.

Unterhalb des Bussens geht es über kaum geschwungenes Land, abwechslungsreich und offen, weiter zum Federsee. Längst brennt die Sonne herab. Traktoren wirbeln Staub über den Äckern auf. Das Getreide, das sie schneiden, und das Stroh, das gefällt auf dem Felde bleibt, spielen in den verschiedensten Tönungen von Gold: Hellgold, Ockergold, Kupfergold zeigt sich mir an diesem Tage … Auf einem Waldweg steht ein Reh. Noch hat es mich nicht wahrgenommen, ich komme näher und warte jeden Augenblick auf das Heben des Kopfes, das kurze Erstarren, das Schnellen des Leibes. Da ist es endlich soweit. Ein kurzes Stück später mache ich eine Rast, einen Apfel und ein gekochtes Ei lang. Wieder taucht das Reh vor mir auf, quert, wechselt zurück, kommt nochmals ein Stückchen weiter unten aus dem Unterholz, trollt vor mir den Weg entlang, bis es schließlich endgültig im Wald verschwindet.

Als ich an einer Wegkreuzung nicht weiter weiß und die Karte studiere, hält ein Traktor mit beladenem Hänger neben mir und der Fahrer – golden das Haar, goldbraun seine Haut – fragt mich gutmütig nach meinem Ziel, erklärt mir ausführlich den Weg. Ich bedanke mich, mache einen Scherz, falle dabei wie von selbst in meinen eigenen Dialekt. Wir lachen. Ja, der Bussen mit seiner alten Tradition von Pilgern und Besuchern und seinem lieblichen Umland öffnet seine Menschen. Mir gefällt es.

Die Landschaft verändert sich. All dies hier war einst Teil eines nacheiszeitlichen Sees, dessen letzter Rest der Federsee bildet mit seinem weiten Speckgürtel aus Sümpfen, Mooren und Feuchtwiesen. An manchen Stellen ist das Gras am Waldrand verdorrt, regelrecht versengt von der Sommersonne. Überquere ich diese Flecken, spüre ich die Glut aufsteigen – und einen würzigen, heuartigen Geruch, der mich beinahe berauscht. Dann wieder duften die Feuchtwälder. Licht flimmert zwischen den hellen Stämmen, mannshohe Brennnesseln flankieren den Pfad.

Hinter Moosburg beginnt der lange Steg durch das Banngebiet Staudacher hinüber nach Bad Buchau, jener einstigen winzigen, ja kleinsten Reichsstadt überhaupt, die im Alten Reich von ihrem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil profitiert hatte. Das Wurzelwerk eines gestürzten Baumes ragt in die Höhe, Schlick und Brackwasser sind zwischen dem Pflanzendickicht unter den Planken zu ahnen. Ein Kanal zieht sich durch das Schilfmeer, das in seinem Herzen den Rest des Federsees verbirgt, der mit knapp anderthalb Quadratkilometern nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Größe darstellt (und trotzdem noch der zweitgrößte See in Baden-Württemberg ist).

Am Ortseingang biege ich ab zum Federseemuseum, wo schon steinzeitliche Menschen gesiedelt hatten, später Kelten sesshaft wurden. Zwischen den Hütten aus Neolithikum und Bronzezeit suche ich sie: teure Freunde aus Studienzeiten, durch Beruf und Familienleben in München und Ravensburg meinem Alltag entrückt, die als Archäologinnen und Archäologen im Augenblick aber hier im Museum arbeiten. Herzliche Umarmungen sind die Belohnung für die Wanderung, ich erhalte eine Vesper aus Ziegenkäse, Brot und Heidelbeeren – fast schon ein authentisches Mahl, scherze ich –, ich wiege Bronzeäxte, vergleiche an aufgereihter Wolle die Färbungen von Lindenblättern und Birkenrinde, trage abends tönerne Webgewichte in die Hütten und höre das Schmatzen der Holzwürmer im Gebälk der bronzezeitlichen Häuser. Der Zahn der Zeit, er nagt. Er frisst und frisst ohne Unterlass – an diesen Bauten, an unseren sozialen Beziehungen, an uns selbst. Doch heute ist alles Gold, Bronze, Licht.

Gold das Getreide, das gereihte Stroh auf den Äckern.
Bronze die Äxte am Federsee, die nackten Arme.
Licht der Himmel, der Blick übers Land, zu den Freunden.

Federsee_Oberschwaben

Zum Federsee

 

Bates Motel – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 3)

… und stehe, weil ich von dem Albtraum auf der Alb noch nichts weiß, von der Bank auf und mache mich weiter gen Süden. Die Schönheiten des Weges – goldenes Getreide auf den Feldern, reifer und die Landschaft bereits viel wärmer als an den letzten beiden Tagen; stille Tümpel im Schatten der Bäume; gurgelnde Bäche und das Ried und die Felsen im Brieltal – haben nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit. Die Füße schmerzen, die Knie ziehen, die Beine ächzen, ich bin hungrig und durstig. Das letzte Dörfchen vor meinem Ziel betrete ich über eine Seitenstraße, zwei Bauern machen sich auf ihrem Hof an einem Gerät zu schaffen, stumm stellt sich mir ihre Abneigung entgegen. Ich rufe ein kräftiges „Grüß Gott“ hinüber und zwinge so dieses verstockte Volk wenigstens zu einem murmelnden Gruß, der sich unter Mühen ihren verschlossenen, misstrauischen Gesichtern entwindet.

Schwäbische Alb_Wanderung_Brieltal

Im Brieltal

Dann bin ich am Ziel. Die Tür der Pension ist verschlossen, ich rufe übers Handy die Wirtin an, ach schon da, ja, sie wird vorbeikommen, es wird eine Dreiviertelstunde, nein, eine halbe Stunde dauern, verbessert sie sich rasch. Es tue ihr leid. Ich setze mich auf einen weißen Plastikstuhl vor der Pension – einer ehemaligen Gaststätte, man sieht noch verblichen den Namen des einstigen Wirtshauses -, über die Bundesstraße rauscht ein Strom an Blech an mir vobei. Nach einer Weile öffnet sich in meinem Rücken knarzend ein Fenster. Eine zerknautschte, alte Frau blickt auf mich herab, sie sagt etwas. Ich verstehe sie nicht, ahne nur, beruhige sie: Ja ja, sie wird kommen, ich habe sie angerufen, es kann nicht mehr lange dauern. Das hoffe sie aber, glaube ich die alte Frau sagen zu hören. Da ist wohl Spannung in der Luft zwischen den beiden Generationen.

Ein Auto mit Familie fährt schließlich auf den Hof, der Mann zwingt sich zu einem kleinen Smalltalk mit mir, erklärt, dass sie ja gar nicht hier wohnten, sondern seine Frau nur noch für seine Mutter diese Pension verwalte. Dann führt mich die Ehefrau, eine Russin, vermute ich, ins Haus, zeigt mir Bad und Zimmer, der Schlüssel wechselt gegen Bargeld den Besitzer, ich solle ihn morgen einfach stecken lassen, denn wir sehen uns nicht mehr, hier im Haus wird niemand ansprechbar sein, ein Frühstück ist sowieso nicht im Angebot eingeschlossen. Die Frau geht, das Auto fährt ab und ich bin allein in dem Haus mit der alten Frau im Stockwerk unter mir.

Das Zimmer ist sauber und günstig, immerhin, aber das ist auch alles, was sich Gutes sagen lässt. Das ganze Haus atmet etwas Überholtes, etwas, das nicht sein darf. Es ist ganz Lieblosigkeit. Ich betrete das hellere der beiden Gemeinschaftsbäder – ein funktionaler, unschöner Raum, seine einzige Einrichtung ist das Putzzeug zur Reinigung, das ganz offen, schamlos geradezu dasteht, um es möglichst rasch zur Hand zu haben. Ich setze mich aufs Klo und blicke den Autos entgegen, die über die Bundesstraße aus Oberschwaben heraufkommen, ein Wagen nach dem anderen. Frei ist mein Blick auf die Straße, der Blick von der Straße zu mir.

Zum Duschen wechsel ich in das andere Bad. Es ist düster, nur über der nicht bis zur Decke hochgezogenen Trennwand empfängt es Licht aus dem Nebenbad. Während das Wasser an mir herunterrinnt, höre ich Schritte. Ich bin also doch nicht allein in diesem Haus, auf diesem Stockwerk. Damit habe ich nicht gerechnet. Der Unbekannte kommt näher, betritt das andere Bad, ist nur noch eine Armlänge von mir entfernt. Er kümmert sich nicht darum, dass gleich hinter der oben offenenTrennmauer jemand duscht, und setzt sich ungeniert aufs Klo. Ich wische mich mit meinem T-Shirt trocken (Handtücher gibt es keine) und ziehe mich in mein Zimmer zurück, rette mich dann nach draußen auf die Straße. Jetzt ist endlich Zeit für eine vernünftige Mahlzeit!

Ich mache mich auf ans Dorfende zum Gasthaus (wo es ebenfalls Zimmer, allerdings deutlich weniger günstige, gibt) und mir wird bange beim Blick auf den leeren Hof. Tatsächlich, es ist geschlossen: Ruhetag. Meine Laune sinkt im Steilflug. Eine andere Möglichkeit, in diesem Ort Essen zu bekommen, gibt es nicht (außer an einer Tür zu klingeln und zu betteln). Die umliegenden Orte sind für meine geschundenen Füße gerade weit genug weg, um den Plan zu verwerfen, davon abgesehen, dass ich keine Garantie habe, dort ein offenes Gasthaus zu finden. Ich versuche über das Smartphone einen hilfreichen Hinweis zu finden, vergebens. Nur ganz am Rande des Dorfes habe ich einen minimalen, schlechten Empfang. Ich werde mich also nicht einmal damit ablenken können, auf meinem Zimmer durch die sozialen Medien zu stromern. Aber halt, eine Bushaltestelle! Ich suche den Plan, tatsächlich, es fährt auch abends noch ein Bus hinab ins Donautal zur nächsten Stadt, die nur einige Kilometer weit entfernt ist. Aber was besagt dieses Zeichen da hinter der Uhrzeit? Nur bei Anruf eine Stunde vor Fahrtbeginn … Zur Hölle nochmal.

Was tun, was tun? Ich drehe mich um und strecke den Daumen raus. Habe ich das schon lange nicht mehr gemacht. Sieht man ja auch kaum mehr heutzutage. Ich kneife die Augen gegen das abendliche Sonnenlicht zusammen, halte die Hand mit dem gestreckten Daumen raus. Fahrzeug an Fahrzeug fährt ungerührt an mir vorbei. Ich bin zu alt, ach nein, diese gesamte Anhaltersache ist zu alt, für jemanden wie mich jedenfalls hält heutztage niemand mehr an.

Geschlagen mache ich mich auf ins Zimmer. Ich höre Schritte des Anderen im Nebenzimmer. Ich kaue den allerletzten Rest Walnüsse – kein Esslöffel voll ist es – und trinke einen Kamillentee, das einzige, was diese Pension anbietet, alte Teebeutel, eine nicht ganz sauber aussehende Tasse, ein Wasserkocher im Flur. Ich beschließe, bis morgen Früh meine Zimmertür nicht mehr zu öffnen. Wie mich ablenken bis dahin? Ein Fernseher, ja es gibt einen Fernseher. Er wird mich (ich habe zuhause keinen) ganz dümmlich machen, einer Gehirnwäsche gleich, wird mich entsetzt und verständnislos zurücklassen, aber immerhin – Ablenkung den restlichen Abend hindurch!

Ich scheitere daran, das Gerät zum Laufen zu bringen.

In Ordnung, irgendwo im Rucksack ist ein Büchlein, das tut es doch, besser sogar. Ich lese, bis es dämmert, schließe dann die Augen.

Es ist stickig heiß im Zimmer. Ich öffne die Fenster und werde von dem Lärm der Fahrzeuge ins Kissen gedrückt. Hoffnungslos. Ich schließe das Fenster wieder und liege wie ein Sack in der drückenden Hitze. Die Füße schmerzen, noch mehr schmerzen die Knie, sie werden die ganze Nacht hindurch schmerzen, mich immer wieder wachhalten, bis in die Hüften hinein schmerzt es.

Die Nacht ist ein Dahindämmern zwischen Unruhe und Erschöpfung. Das Bild des Rehkadavers drängt sich mir immer wieder auf, ich höre Schritte des Unbekannten nebenan, ich höre etwas von unten aus der Wohnung der alten Frau, ich höre die Autos erbarmungslos rauschen, die Scheinwerfer blitzen durch die dünnen Jalousien, der Magen knurrt, ich wälze mich in der Hitze hin und her, Schritte vor meiner Tür, die leeren Augenhöhlen des Rehs, die Schmerzen, Schritte …

*

Der Rest ist schnell erzählt. Irgendwie überlebe ich die Nacht, diese Nacht in Bates Motel, diesen Tag wie aus einem Film von David Lynch. Es ist 6.15 Uhr, als ich aus dem Haus flüchte, die letzte Angst, die Haustüre wäre verschlossen und ich gefangen, verflüchtigt sich und ich bin draußen, unterwegs. Die Sonne steht bereits am Himmel. Sieben Kilometer sind es bis zum nächsten Dorf, vielleicht werde ich dort einen Bäcker finden. Einen Kaffee und etwas zu essen, das treibt mich trotz der Schmerzen an. Den Blick der Autofahrer, die mir auf den Landsträßchen entgegenkommen, entnehme ich, dass sie Wanderer um diese Uhrzeit nicht gewohnt sind. Schön ist der Weg auch dort nicht, wo ich die Fahrzeuge zurücklasse: auf einem kilometerlangen, beinahe schnurgeraden Waldweg über den Höhenzug. Solche langen Achsen haben immer etwas Bedrohliches für den Fußgänger, selbst noch für den Radfahrer.

Ich erreiche das nächste Dorf und finde nichts. Also weiter, die nächsten sieben Kilometer. Der Abstieg ins sonnenverzauberte Tiefental (schon wieder eines!) – mir gleichgültig. Die gewundenen Wege durch das wirklich sehenswerte, verschlungene, tiefe, grüne Wolfstal – nebensächlich. Kein Blick für die reizende Lauter, deren Wasser ich quere. Ich will weiter, ich will weg, ich will etwas zu essen, ich steige keuchend den Hochberg empor, mache dort eine kurze Rast.

Schwäbische Alb_Wandern_Wolfstal

Das einsame Wolfstal

Zum ersten Mal komme ich mit einem Wanderer in ein längeres Gespräch. Eine Tagestour macht der freundliche, bärtige Mann, der sich neben mir auf einer Bank niederlässt, eine seiner geliebten Erkundungstouren durch sein Schwabenland. Wir reden über Gott und die Welt oder genauer: über Deutschland früher und heute. Nie hatten wir es so gut wie heute, meint er, und trotzdem, wir haben so viel Unzufriedenheit, so viel Unruhe, so viel Depression und so viel Hass in uns. Wir, die Heutigen, stehen am Abstieg eines Gipfels, einer historischen Ausnahme, die wir undankbar zu schätzen verlernt haben. Die Zeiten werden härter werden.

Das Thema ist ernst, aber der Mann lacht viel, er spricht milde, er freut sich über einen Plausch mit Blick über Oberschwaben, hinüber zum Bussen dort drüben, der letzten markanten Höhe bis zum Voralpenland. Doch der Hunger treibt mich weiter. Ich wünsche dem Mann einen schönen Tag, steige hinab, durch ein Dörfchen, von dem nichts zu erwarten ist, schreite über halb überwucherte Wege. Endlich stehe ich in Rechtenstein, dem nächsten Hoffnungsort. Kraftwerk, Burg, Bahnhof – alles vorhanden! Aber kein Bäcker. Kein Laden. Das Gasthaus um diese Zeit natürlich noch geschlossen.

Schwäbische Alb_Oberschwaben_Donau_Wandern

Die südlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb

Ich tobe innerlich, nehme den nächsten Ort ins Visier. Den wunderschönen Pfad entlang der braunen Donau, schmal hier noch und trotzdem schon ehrfurchtgebietend mit ihren geheimnisvollen Strudeln, dem rätselhaften Platschen, kann ich nicht mehr würdigen. Auch Emeringen: Fehlanzeige. Mein Blick verengt sich, ich habe längst zu schielen begonnen, habe einen Tunnelblick, lege immer öfter kurze Pausen ein, die Füße brennen.

Zwiefaltendorf, das offizielle Etappenziel, lasse ich links liegen und mache mich auf der Halbhöhe ins Tal der Ach hinein, dorthin, wo bereits die Kuppeln des Münsters von Zwiefalten über die Hänge ragen. Mittags bin ich endlich dort, nach 25 Kilometern Marsch seit der Flucht aus der Pension. Ein Café vor dem Münster ist geöffnet, endlich, ich esse und trinke, ich bin so berauscht, dass ich mir nochmals etwas bestelle und übertreibe. Das Essen tut mir nicht gut, es war die falsche Wahl, mir wird übel von der Schlagsahne, ich könnte wüten darüber, dass ich mir meinen heiß ersehnten Genuss so leichtfertig wieder zunichte gemacht habe. Das ist Hass auf mich selbst.

Als ich mich in einen Sitz des leeren Busses fallen lasse, der mich über die Schwäbische Alb bringen wird, kehrt Ruhe ein. Für die nächste Stunde muss ich nichts mehr tun, nichts mehr wollen. Ich bin Glück.

(In Oberschwaben wird die Reise weitergehen.)

Der Kadaver – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 2)

Auf dem Land kannst du morgens nicht mal deinen Kaffee in Ruhe trinken, ohne über den Grexit diskutieren zu müssen. Manchmal ist die Anonymität der großen Stadt eben doch praktisch. Für den ersten Kaffee in Ruhe zumindest.

Am Stadtrand werden die Trampeltiere des Cirkus Kaiser gefüttert. Ein Mann kippt eine Schubkarre voll Heu auf die Wiese. Eine Frau öffnet die Heckklappe eines Autos. Sonst ist es still. Die Wohnwagen der Zirkustruppe liegen noch schläfrig in der Morgensonne. Ein paar Hundert Meter weiter führt an der Laichinger Tiefenhöhle und dem Kletterwald vorbei ein Trampelpfad durch Brennnesseln und Unterholz. Der Tau auf den Zweigen netzt Schienbeine und T-Shirt. Wälder wechseln hier oben auf der Alb mit Ackerland und hohen Wiesen, der Horizont ist abgesteckt von Strommasten der Überlandleitungen oder fernen Baukränen. Kirchtürme hingegen haben als Landmarken ausgesorgt. In der Horizontalen zerschneiden Bundesstraßen das Land.

Laichingen_Schwäbische Alb_Wandern_HW 7

Auf der Hochebene

Hinter dem Albhof, einem Reiterstall und Flachdachrestaurant, versteckt sich in der Eichhalde eine Kolonie von Hütten und Häuschen, als wüssten sie, wie wenig sie hierher passen. Es geht tiefer in den Wald. Die Straßengeräusche werden, endlich, zur bloßen Ahnung, verlieren sich schließlich ganz. Nur eine Schafsherde blökt unsichtbar vom Waldsaum her oder ein Flugzeug brummt im Blau, sonst nichts als Vogelsang. Als der Weg wieder auf die Felder führt, übernehmen die Insekten das Konzert: Grillen, Schwebfliegen, Hummeln. Die Schwäbische Alb verändert hier ihr Gesicht, wird zumindest ein kurzes Stück des Weges zu der Parklandschaft, als die sie bekannt ist und durch die Schafzucht einst geworden war. Vereinzelte krüppelige Kiefern, hohes bräunliches Gras, vielleicht ein paar Steine oder Felsen, die aus den zergliederten Hängen schauen. War der Morgen noch ganz sonnig, bringt der Westwind Wattebäusche.

Gleich hinter der Sontheimer Höhle, der dritten begehbaren Höhle, die ich seit dem Albaufstieg passiere (und alle ein paar Wochen später besichtigen werde), geht es in ein tief eingeschnittenes Tal hinab. Sehr einsam wirkt es, ein Eichelhäher fliegt über Felsen auf, doch der gut ausgebaute Untergrund und die Pferdeäpfel strafen der Entrücktheit Lüge. Schon nach ein paar Hundert Metern verlässt der HW 7 wieder das Tal, in einem spitzen Winkel führt ein Waldweg wieder auf die Höhe (geradeaus ginge es nach Blaubeuren mit seiner einstigen Klosterschule, durch die so viele Dichter und Denker Altwürttembergs gegangen waren). Der Aufstieg ist in erster Linie eine Vermeidung, auf die zahllosen orangebraunen Nacktschnecken zu treten. Der Himmel über den Feldern ist bereits grau.

Schwäbische Alb_Schnecke_Tod

Kreisläufe

Als ich die offene Hochfläche fast durchquert habe, schlägt irgendwo ein Hund an. Ich blicke zurück über die einsamen Äcker hinüber zum Wald, aus dem ich gekommen war. Eine infantile Fantasie bemächtigt sich meiner. Einmal angenommen, der Hund wäre auf meine Fährte angesetzt, würde ich es rennend, stolpernd, taumelnd bis zum nächsten Waldrand schaffen, bevor mich die Bestie erreichte? Es ist ein bisschen ein Bild aus „Der Hund von Baskerville“, auch wenn das nächtliche Dartmoor zugegebenermaßen eine überzeugendere Kulisse abgibt für eine solche Geschichte als diese Landschaft der Schwäbischen Alb an einem Sommervormittag. Ins Dartmoor habe ich es ja bisher nie geschafft, einmal vor vielen Jahren – ich erschrecke, wie lange das her ist – standen wir in Ivybridge, dem Tor zum Dartmoor in strömendem Regen. An dem winzigen Bahnhof, nicht größer als das dreiwändige Häuschen einer Bushaltestelle, rollten wir unsere Schlafsäcke aus. Als es am nächsten Morgen immer noch goss, machten wir mit dem nächsten Zug kehrt: eine Kapitulation vor der Witterung. (So ganz anders mein Besuch des Exmoors viele Jahre später, der zu meinen schönsten Wanderungen überhaupt wurde.)

Kein Hund war hinter mir her, ich erreichte den nächsten Waldrand sicher. Die Spuren der Menschen sind in dieser Landschaft allgegenwärtig. Bienenkästen am Wegesrand; detaillierte Ausschilderungen an den Wegkreuzungen; dann ein Schuppen mit Bauholz und einem Lieferwagen ohne Kennzeichen. Eine kleine Lichtung mit Forsthaus öffnet sich, auf der Wiese zwei Holzgestelle, die ich im ersten Moment für Schaukelgerüste halte. Aber sie sind zu niedrig und Ringe und Haken für Schaukeln gibt es nicht, dafür große, rostige Nägel im Querholz. Ich vermute, es dient zum Aufhängen des erlegten Wildes. Durch die Scheiben des Forsthauses erspähe ich die Einrichtung, sein Inneres ist möbliert. Fenster zu unbewohnten, besser unbelebten Gebäuden haben oft etwas Trostloses, um nicht zu sagen Unheimliches. Eben will ich von einem Geisterwald – so viele menschliche Spuren, aber nirgendwo ein Mensch – denken, da sehe ich am Wegesrand zwei PKWs, die offene Heckklappe lässt den Blick frei auf Forstarbeiterhelme, in einem Holzwagen sitzen zwei Männer, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, sie besprechen den Tag. Ich rufe ein „Servus“ hinüber, wie zu erwarten kommt nichts zurück.

An einer Fünferkreuzung – welch verwirrende Vielfalt, aber auch welche Möglichkeiten – mache ich auf einem Holzstapel Rast für meine Notizen. Ein Hochsitz hat die lange, gemähte Lichtung im Blick, die Vögel schmettern von den Bäumen, Schwebfliegen observieren meine Knie, bevor sie mit ihren unmöglich eckigen Bewegungen abdrehen.

Schwäbische Alb_Wandern_Wald_Kreuzung

Welchen Weg wählen?

Und dann – ein Mensch. Ein Mensch mit Rucksack wie ich (wenn auch etwas größerem) vor mir auf dem Feldweg. Ein Mensch, den ich nie gesehen hätte, wäre ich nicht nach meiner Pause an jener Fünferkreuzung just den falschen Weg gegangen und nach zwei Kilometern wieder umgedreht, denn sonst wäre dieser Mensch immer hinter mir geblieben.
Ich hole auf. Der Mann, um einen wird es sich handeln, erkenne ich nun, hat breite Schultern, ein kräftiges Kreuz, aber keinen leichten Gang. Sein Schritt ist sperrig, vielleicht plagt ihn eine Blase an den Füßen, auch das Gepäck scheint zu zwicken. Immer wieder fummelt er an seinem Rucksack. Als ich noch 20 oder 30 Schritt entfernt bin und mir bereits Strategien überlege, wie ich am besten bemerkbar mache – durch ein lautes Auftreten, ein Räuspern, irgendein Geräusch – nimmt er mich wahr. Der Mann bleibt stehen, greift nach der Wasserflasche, trinkt halb abgewandt, als wolle er sich unsichtbar machen. Auf seiner Höhe angekommen, bleibe ich trotzdem stehen und grüße. Der Wanderer hat lichtes, kurz geschorenes Haar, seine Brille ist schwarz umrandet, der rostrote Kinnbart gezwirbelt, am Handgelenk prangt ein keltisches Tattoo, zwischen dem Gepäck erkenne ich den Horngriff eines Messers. Der Mann ist jung, wir sind beide auf der Piste, also duze ich ihn. Er siezt mich zurück. Offenbar habe ich ein Problem mit der Selbstwahrnehmung meines Alters. Der junge Mann hat denselben Weg wie ich, stellt sich heraus, er aber wird bis zum Bodensee wandern, was ich – bestenfalls – im Juli nachholen werde. Wie ist das, wenn zwei auf einem so einsamen Weg die gleiche Strecke gehen? Nein, dieser da würde nicht wollen, dass wir bis zum nächsten Dorf unser Tempo einander anpassen. Er hatte nur angehalten, um mich passieren zu lassen. Ich wünsche ihm viel Erfolg und schreite weiter aus.

Schwäbische Alb_Biosphärengebiet_Honig_Imker

Was Gutes

Das nächste Dörfchen Justingen zeigt exemplarisch die Schizophrenie der Albdörfer. Schmuck und zeitenthoben ländlich begrüßt es auf der einen Seite, wird dann zur toten Schlafsiedlung: alles sauber, alles ordentlich, sogar modern, aber kein Leben in den Neubauhäusern, keine Menschen, keine Tiere, selbst die Gartenpflanzen weichen immer mehr Säulen und Wänden aus in Metallgittern geschichteten Bruchsteinen.

Auf einem Feldweg hinter dem Sportplatz kommen mir zwei Füchse entgegen – Mutter und Kind, so nehme ich zumindest an. Denn ein Tier verschwindet sofort im Acker, das zweite erstarrt, schaut mir entgegen, gibt ein ängstliches Bellen von sich und taucht erst dann ebenfalls im Getreide unter. Als ich mich später umdrehe, kommt das Tier eben wieder auf den Weg zurück, sieht mich zurückblickend und ist schon wieder weg.

Der Waldweg führt nun recht bald hinab ins Tal der Schmiech. In einem feuchten Buchenwald biege ich ab auf einen schmalen Pfad und betrete, ohne es gleich zu bemerken, ein Zauberreich, die Anderswelt. Felsen und Bäume sind von Moos regelrecht überwuchert, die Hänge von grünem Kraut bewachsen. Der Weg, auf dem ich gehe, wird in der Regenzeit nichts als ein Bachbett sein. Es sieht aus, als wäre hier immer Regenzeit, als hätte ich ein winziges Zeitfenster erwischt, in dem ein Sterblicher es wagen darf, dieses Land zu passieren. Die Steine unter meinen Stiefeln schimmern nass. Dort, wo sie sich mir nicht scharfkantig entgegenstellen, sind sie glitschig. In dem grünen Dämmerlicht, begleitet von mir unbekannten Vogelrufen, steige ich immer tiefer hinab in die Felsenschlucht. Eine Kröte hüpft ins Gesträuch, vielleicht ist sie in Wahrheit die smaragdfarbene Königin dieses Reiches.

Der traumhafte Weg mündet – hinein in eine schlecht einsehbare Haarnadelkurve, über deren Asphalt sich der Fußgänger die letzten Meter ins Dorf hinab bewegen muss. Hütten gleicht einem verwunschenen Dorf von der lieblichen (nicht alptraumhaften) Sorte in einem geschwungenen Tal, in dem man unweigerlich einen Fluss erwartet und nur einen Bach findet. Über der Siedlung thront hell der Uhufelsen, darunter eine Barockkapelle und eine  Christusstatue. Der überlebensgroße Gute Hirte blickt auf seine Schützlinge im Tal hinab. Wahrscheinlich hat er sie alle im Blick. Nahe der Kreuzung liegen sich zwei Gaststätten fast gegenüber, beide haben – zur Mittagszeit – geschlossen. Ich muss mich mit einer schon verdächtig schmeckenden, gekochten Kartoffel und ein paar Nüssen aus meinem Rucksack begnügen, dazu ein paar Schluck Wasser aus der Flasche. Offizielles Etappenziel des HW 7, würde ich Hütten gleich wieder hinter mir lassen. 13 Kilometer sind es noch bis zu meinem Ziel, entnehme ich stirnrunzelnd einem Wegweiser.

Schwäbische Alb_Hütten_Schelklingen

Hütten unter Wolken

Also mache ich mich auf, über die Schmiech – sie fließt rasch und klar -, an einer frisch geschnittenen Hecke vorbei, vor der eine Katze geduldig auf der Straße sitzt und den beiden älteren Männern zu lauschen scheint. Ein Bummelzug pfeift beim Übergang über die Brücke. Hühner, Schafe, Katzen, Ziegen, Pferde, Gänse – allen begegne ich auf dem kurzen Stück an der Schmiech entlang, bevor es rechts hinein in ein langes, langes Tal (nicht umsonst heißt es Tiefental, allerdings ein häufiger Name in dieser Gegend) geht, auf einem Weg, der stetig und leicht ansteigt. Meine Mahlzeit war nicht üppig, merke ich, nach 20 Kilometern hinter mir und weiteren zehn vor mir. Im Trott beginnt sich meine Wahrnehmung zu verengen und der Körper sich auf das Wichtigste zu konzentrieren: gehen.

Den Kadaver bemerke ich daher erst, als ich neben ihm stehe. Ich sehe ihn nicht, ich rieche ihn nicht einmal als Erstes, sondern ich höre ihn: höre das Summen unzähliger aufgestörter Fliegen. Da liegt ein totes Reh am Wegrand. Seine Augen sind längst leere, dunkle Höhlen, der Mundbereich schwarz und eingefallen und gewiss schon angefressen. Nun erst rieche ich die Fäulnis, ich ziehe die Luft flach durch den Mund ein, um nicht würgen zu müssen. Es sieht aus, als wäre dem Tier die Decke abgezogen worden: an den Füßen hängt noch Fell, der Rest des Körpers aber ist eine haarlose, gedunsene Fläche in dieser Palette von Verwesungsfarben, für die ich keine Worte finde. Am hinteren Rücken hat das Tier eine Verletzung. Ich gehe nicht näher, um diese Wunde zu inspizieren, ich mache nur einen einzigen Schritt für ein besseres Foto. Dann spucke ich aus, um den Leichengeruch an meinem Gaumen loszuwerden und setze meinen Weg fort.

Zwischen Grötzingen und Ennahofen, mitten in den Lutherischen Bergen (die Region ist – wie so oft auf Geheiß eines einstigen Landesherrn – protestantisch zwischen katholischen Nachbarn), sehe ich das erste Mal Oberschwaben unter mir ausgebreitet. Die Ferne verschwimmt in Dunst. Bei klarem Wetter wird man von hier die Alpen sehen können. Auf einer Bank strecke ich die müde werdenden Beine für ein paar Minuten aus, bevor ich mich weiter auf den Weg mache, nach Süden ins Tal hinein, nach Weilersteußlingen hinauf, wieder hinab.

Schwäbische Alb_Wandern_HW 7_Getreide

Korn in den Lutherischen Bergen

Hier, auf dieser Bank in den Lutherischen Bergen, brechen meine Reisenotizen ab.

Die Geschichte aber geht weiter. Sie wird zu einem Traum, einem unangenehmen Traum, dem ich erst knapp 24 Stunden später entkommen sein werde.

(Fortsetzung folgt.)

„A Russ, a siaßa“ – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 1)

Aufbrechen, beginnen, angehen zum Wochenbeginn. Ich meine, es könne keinen besseren Zeitpunkt geben, um eine Wanderung – Welterschließung durch Gehen – zu starten.

Das Kruzifix am Fuß der Berge

Reist man filsaufwärts, fallen einem – ein gutes Stück hinter Geislingen, gleich nach Überkingen mit seinem Mineralwasser – die Brunnenfiguren auf. Die Muttergottes und Heilige bezeugen, dass das obere Filstal katholisch ist. Dann gesellen sich Nischenfiguren von Schutzheiligen an Brücken hinzu, Kruzifixe überschauen Wegkreuzungen und Dorfplätze, Kapellen wachen am Wegesrand. Der Unterschied zum protestantisch-pietistisch geprägten Großraum Stuttgart ist auffallend und man versteht plötzlich, wie der englische Schriftsteller D.H. Lawrence nach seiner Wanderung von Bayern nach Norditalien Kruzifixe zum Mittelpunkt seines Reiseberichts (Twilight in Italy, 1916) machen konnte. Als ich aus dem Bus heraus diese Kulturlandschaft in mich aufnehme, geschieht eine Wandlung mit mir, rätselhaft wie die Eucharistie. Es ist vielleicht das erste Mal, dass dieser Anblick sachte Wehmut auslöst in mir, ein Sehnen, verbunden mit einer Art archaischen Willkommensgruß. Dieses Empfinden geht ganz an der Ratio vorbei, es hat nichts mit Überzeugungen oder Glaubensinhalten zu tun, es ist nur ein Wiedererkennen der landschaftlichen Zeichensprache meiner Kindheit.

S‘alte Haus

Viel freundlicher zeigt sich Wiesensteig, der Ausgangspunkt meiner Wanderung, als noch im April, als ich von meiner letzten Etappe den Hügel herunterkam. Die grüne Fülle auf allen Hängen nimmt der Enge ein wenig an Druck, auch wenn der Horizont der Straßen, der Hügel abweisend bleibt. Diese wenig einladende Lage hatte trotzdem nicht verhindert, erfahre ich vor einem rotgestrichenen Fachwerkhaus (zu verkaufen ist das wunderschöne Bauwerk mit seinem Schild „S‘alte Haus“), dass das winzige Städtchen einst von den Schweden niedergebrannt worden war – im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, als alle Parteien längst schon am Verhandlungstisch saßen. Das ist wieder etwas, was aus den Tiefen heraus an meine alte Heimat anklingen lässt. Auch das Allgäu hatte – wie so viele Regionen Deutschlands – unter den schwedischen Truppen gelitten, auch hier wissen die Menschen immer noch von Schwedenschanzen (eine von Dutzenden über Deutschland und darüber hinaus bekannten und bisweilen vielleicht nur irrtümlich so bezeichneten Schutzwällen) wie vom Schwedentrunk – jene unter anderem bei Grimmelshausen überlieferte Foltermethode, bei der dem Opfer Jauche eingeflößt wurde.

Es sind Erfahrungen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis jener Region eingeschrieben haben. Merkwürdigerweise eigentlich, denn welcher furchtbare Ruf, welche Zerstörungen haben sich sonst so im Gedenken jener Landschaft verankert? Die Rote Armee kam nie so weit, von den Verwüstungen des Spanischen Erbfolgekrieges weiß kaum jemand mehr und die plündernden Magyarenreiter sind dann wirklich gar zu lange her. Nur der Bauernkrieg mag vielleicht eine ähnliche Erinnerungskraft besitzen, als Männer wie Jörg Schmid, der Knopf von Leubas, sich gegen die Unterdrückung erhoben und den Herren und ihren Ritterheeren die Stirn zu bieten versucht hatten und – auch wenn sie oft zugrunde gingen in der Schlacht, unter der Folter, am Galgenbaum – zumindest im Allgäu die rechtliche Stellung der Bauern langfristig verbessern konnten.

Aber ich schweife ab. Ich rücke den Rucksack zurecht und schreite hinaus aus dem Ort, an dem Kreuzweg vorbei, den ich das letzte Mal hinkend herabgekommen war, und tiefer hinein ins Tal.

Karstgewässer

Überall rauschen Bäche. Allein schon dieses Wasser ist der denkbarste Kontrast zur Wanderung in der roten Pfalz wenige Wochen zuvor. Am Lauf entlang stehen Eschen, Weiden, jetzt erst blühende Holderboschen – es ist üppig, grün, feucht, keineswegs heiß. Sachter Nieselregen fällt. Nicht mehr als eine Erfrischung, von niemandem bestellt.

Fils_Filstal_Wiesensteig

Im oberen Filstal

Nach dem Sägewerk hebt sich der Wanderweg empor, beinahe terrassenförmig fällt die Wiese zur Rechten steil ab zum Grund, der von der Fils durchschwungen wird. Das Rauschen ist nur noch ein gedämpftes Plätschern. Gegenüber, auf der anderen Seite des Baches, stehen Posten gleich ein paar Tannen dem Buchenmischwald vorgelagert. Jungvieh fehlt in diesem idyllischen Tal. Nur ein Reiher steht stille unten. Sind es hundert Schritt hinab zum ihm? Immer noch zu nah: Allein das Innehalten und langsame Greifen nach dem Fotoapparat ist dem scheuen Tier bereits zu viel, es erhebt sich, die ersten Flügelschläge schwerfällig, und flattert bachaufwärts.

Dort senkt sich der Weg wieder hinab, die Büsche rücken näher in dem sich verengenden Tal. Der Filsursprung, das sind eigentlich mehrere Quellen am Waldesrand, wo das Wasser aus den kalkigen Schotterflächen tritt. Das Hasental aber führt weiter. Ohne das einladende Plätschern verändert es sofort seinen Charakter, abgeschlossener wirkt der Wald mit seinen Fichtenreihen, verhaltener das Tal. Die Sinne werden in der Stille wacher, wachsamer. Unter der Hochsommerglut wird das Tal, so stelle ich mir vor, in der Hitze geheimnisvoll summen und surren.

Drohnenland

Der Albaufstieg könnte kaum sanfter sein auf diesen von Giersch flankierten Waldwegen. Ich passiere die Schertelshöhle, ich werde die Tropfsteinhöhle bei anderer Gelegenheit besuchen, das ist bereits beschlossene (und inzwischen umgesetzte) Sache. Als ich dann oben aus dem Wald trete, empfängt mich eine geschwungene Weite, ein Fächer aus Grüntönen spannt sich auf. Hecken und Haine sind über die Hügel verteilt, junges Getreide wechselt mit hohem Gras, ein Landsträßchen zieht sich über den nächsten Kamm. Für einen Augenblick glaube ich mich in England. Und hier begegnet mir, von einem Radfahrer abgesehen, seit Wiesensteig der erste Mensch.

Schon am Waldrand ist von fern ein stetes Motorengeräusch zu hören gewesen. Auf der nächsten Anhöhe sehe ich seinen Ursprung: Das Geräusch kommt von einem Werksgelände des Ortes Westerheim. Das ganze Dorf scheint unter dem Brummen dieses Motors zu liegen, einer akustischen Dunstglocke gleich. Vor der Kirche mit dem runden Dach steht sehr schmuck das restaurierte, bunt bemalte „Haus des Gastes“ mit Bücherei, gegenüber und zurückversetzt hinter der Bushaltestelle liegt die Dorfbäckerei. Sie ist eine jener Geschäfte, wo die Verkäuferinnen ungeachtet Wartender minutenlang mit den Einheimischen reden, aber vor dem Fremden plötzlich – eher unbeholfen denn grimmig – ihr Sprachvermögen verloren zu haben scheinen.

Ich verirre mich in ein Neubaugebiet, links und rechts gleiten flache Roboter über den Rasen, als würden sie mich bewachen. Im zweiten Industriegebiet des Dorfes weiß ich mich endgültig auf dem falsche Weg und mache kehrt. Die Drohnen sind verschwunden, dafür sehe ich jetzt erst über dem gestutzten Grün die Nationalflagge gehisst. Es fügt sich so gut ins Bild.

Mit den Römern zum Mond

Der Regen wird ein wenig stärker, aber nicht viel und so lohnt es nicht, die Regenjacke über das T-Shirt zu ziehen, ich wäre sonst von innen auch nicht weniger nass als von außen. Nach einigen Metern auf dem Seitenrand einer vielbefahrenen Landstraße biegt ein Weg ab zwischen grünes Getreide. Überlandtrassen ziehen sich durch das Tal, der Regen summt auf den Stromleitungen, so laut und aggressiv, dass ich meine, Kiefer und Ohren würden zu schmerzen beginnen. Ich verlaufe mich, mache vor der nächsten Überlandstraße kehrt, finde über nasse Graspfade wieder auf den eigentlichen Weg.

Schwäbische Alb_Wandern

Frühsommer auf der Schwäbischen Alb

Ortschaften und ihr Umland sind meist ein Ärgernis für Wanderer und es dauert, bis sich die Laune wieder hebt. Dort drüben ziert eine Schafsherde den sanften Schwung der Landschaft, da recken sich ein paar Ziegen innerhalb einer umzäunten Hecke empor, um besser an die Zweige zu kommen, oder harmlos meckernd, als könnten sie kein Wässerchen trüben, dabei braucht es kaum mehr als eine Herde hungriger Ziegen, um aus eine Landschaft eine Wüstenei zu machen; zwischen zwei Baumhecken (wieder muss ich an England denken) stehen sehr helle Jungrinder auf dem Feld, sie haben mich, obgleich ich gegenüber im Schatten eines Baumes stehe, sofort im Blick.

Ein kurzes Stück führt die Wanderroute hier über die schnurgerade alte römische Heerstraße, die bis ‚zum Mond‘ reichte – Ad Lunam, einem Kastell auf der Schwäbischen Alb, das sogar auf der Tabula Peutingeriana eingezeichnet war, jener auf eine antike Vorlage zurückgehende Karte des Straßennetzes von den britischen Inseln bis nach Indien. Kaum ist das Herz wieder frei, ist Laichingen aber bereits in Sicht und überhaupt war fast der gesamte Weg vom Waldrand über der Schertelshöhle bis zum Etappenziel asphaltiert. So haben die Füße wenig Freude.

Grünkernmaultaschen

Laichingen, eine Kleinstadt von gut 10 000 Einwohnern, ist eine ganz andere Welt als das nahe Westerheim. Der Einstieg zeigt sich noch sehr ländlich auf der Seite, von der ich komme. Pferdegehöfte, schäbige Hausfassaden, wie man sie in Deutschland nicht so sehr häufig sieht, ein Misthaufen zur Dorfstraße hin, umringt von ganz gewöhnlichen Wohnhäusern (was schon wiederum großartig ist, denn wo sieht man so etwas schon noch in unseren Dörfern). Dann aber ein rühriges Zentrum, Supermärkte – vom türkischen Arzum über den ominösen H‘s Markt bis zum Drogeriemarkt Müller -, ein ganzer Haufen religiöser Infrastruktur, eine richtige Buchhandlung gegenüber der VHS und der Dorfbibliothek, Rap hörende, kurzgeschorene Jugendliche an einer Haltestelle, schlaksige, arabisch telefonierende Männer, eine italienische Eisdiele mit hübscher, wenn auch ihrer anwesenden Kinder wegen gestresster Bedienung, die einen kurzen prüfenden Blick wohlwollend aufnimmt, was das Eis leider auch nicht besser macht …

Im Gasthaus, in dem ich mein Quartier aufschlage, stärke ich mich. Ein Bio-Dreikornhefeweizen zu Grünkernmaultaschen, das muss man einfach beides probieren und dann nichts bereuen, auch wenn es geschmacklich weniger hält, als die Fantasie versprochen hat. Den Stammtisch habe ich mir gegenüber. Hier regiert noch der Dialekt. Die Männer sprechen ein kräftiges, hartes Schwäbisch ohne Nasale, eine Variante des Schwäbischen, das meinem Allgäuer Ohr naturgemäß entgegenkommt. „A Russ, a siaßa“, bestellt der Erste. Wann habe ich das zum letzten Mal gehört? Der nächste ruft „A siaßa Russ.“ Und auch der dritte will sein Weizenbierradler auf dem Tisch: „An Russ, siaß.“ Ich achte nicht auf die Inhalte, ich bin hingerissen, geradezu entzückt von dem dialektalen Klang und seiner Selbstverständlichkeit vor allem, denn eine solche hörst du nicht mehr unten in den großen Städten.

Das schwere Essen hat mich müde gemacht. Ich zahle, stehe auf und nicke den Männern am Stammtisch zu. Sie nicken zurück. Ich darf wiederkommen.

Noch war‘s kein Maienregen – Auf dem Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg (2)

Zum ersten Mal reizvoll wird die Strecke, wenn, fast schon durch Jebenhausen hindurch, das Schloss vor einem liegt, sechs Kilometer vom Göppinger Bahnhof entfernt. Bis dahin ist es verschenkter Weg. Auch in Jebenhausen habe ich nicht innegehalten, nicht am Jüdischen Museum (geschlossen) noch am Schloss (in Privatbesitz). Ich wollte ausschreiten. Ich wollte Wegstrecke hinter mich bringen. Am Ende wurde mir diese Hast zum Verhängnis.

An jenem trüben Apriltag hatte ich mir die beiden kürzeren Etappen 2 und 3 des Schwäbische Alb-Oberschwaben-Wegs (= Hauptwanderweg 7 des Schwäbischen Albvereins) vorgenommen, von Göppingen im mittleren Filstal nach Wiesensteig kurz vor dem Filsursprung. Die erste Station Jebenhausen ist mehr wert als meines flüchtend-flüchtigen Satzes oben. Jahrhunderte waren die Freiherren von Liebenstein (einer Familie, die im Hochmittelalter aus dem Elsass ihren Stammsitz nach Schwaben verlegt hatte), als reichsunmittelbare Ritter die Dorfherren von Jebenhausen. Erst 1806, nachdem sich die Landkarte der deutschen Lande durch Säkularisation und Mediatisierung radikal verändert hatte, fiel die Herrschaft an Württemberg. 30 Jahre vorher hatten die Freiherren den Juden ein – unbefristetes – Schutzprivileg ausgestellt, das diese in dem Rittergut besser stellte als zum Beispiel im benachbarten Württemberg. Die Gemeinde blühte und Mitte des 19. Jahrhunderts waren die christliche und die jüdische Bevölkerungsgruppe Jebenhausens beinahe gleich groß. Recht bald aber löste sich die jüdische Gemeinde nahezu auf. Einige schlugen den – sehr kurzen – Weg ins benachbarte, sich industrialisierende Göppingen ein, viele andere den – sehr weiten – Weg nach Nordamerika. 1900 wurde die Jebenhausener Synagoge verkauft.

Bezgenriet_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Im Grünen

 

Ein paar Hundert Schritt hinter dem malerischen Schloss verliert sich der Weg im Grünen. So etwas ist ungewöhnlich in Deutschland: Dass eine ausgeschriebene Route – hier für ein ganz kurzes Stück zugleich ein Teil des Jakobswegs – ohne erkennbaren Pfad einfach mitten durch eine ungemähte Wiese verläuft. Passend ländlich-malerisch empfängt einen der nächste Ort Bezgenriet (der Name klingt so unerwartet nach Allgäu) mit seinen Scheunen am Feldrand, der ehrwürdigen Dorfschule gleich dahinter, gegenüber ein etwas heruntergekommener Bauernhof, vom üblichen Arsenal aus Maschinen, Materialien und einem vermutlich nicht mehr fahrtüchtigen PKW umlagert. Eine Brennerei und Hofläden versprechen kulinarische Genüsse.

Bad Boll_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Am Fuß der Schwäbischen Alb

 

Die Obstbäume erblühten, das erste Grün spross, viele Äste auf den Streuobstwiesen und oben auf den Hügeln ragten noch kahl empor. In wenigen Wochen würde die Landschaft wieder ganz anders und noch reizvoller aussehen als unter dem grauen Aprilhimmel. Es ist, das denke ich mir immer wieder, eine liebliche, einnehmende Landschaft am Fuß der Schwäbischen Alb: um die Dörfer liegen Äcker mit sanftem Schwung, hangaufwärts erstrecken sich die Streuobstwiesen, darüber die bewaldeten Hänge des Mittelgebirges. Ich werfe einen Blick zurück, hinüber zum Hohenstaufen und freue mich, diese Wegmarke meiner letzten Etappe zu sehen und den Raum dazwischen zu spüren, den ich mit meinen eigenen Schritten durchmessen habe. So etwas ist Welterschließung vom Innigsten.

Die Wanderroute schneidet den Kurort Bad Boll nur an, ein Umweg führt hinein ins Ortszentrum. Ich wollte eigentlich nur weiter, aber andererseits, wann würde ich schon wieder einmal hier sein in diesem kleinen Bäderort mit seiner Akademie (der ältesten nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Evangelischen Akademie in Deutschland und in den letzten Jahren mehrfach ausgezeichnet für die ökologische Ausrichtung ihrer Hauswirtschaft). Der Weg hinein in Bad Boll, nein, der lohnt sich nicht wirklich, das weiß ich nun, und innegehalten habe ich auch hier nicht, aber der Weg wieder hinaus aus dem Ortskern, der hat es in sich. Sehr lieblich zeigte sich hier der Ort. Kirschblüten prangten weiß vor einem dunklen Himmel, hinter den hohen Birken rollte Donner um Donner, dort das rote Haus vor dem Gewitterhimmel, das ich leider nicht fotografiert habe. Über mir und den Frühlingsblüten noch Sonnenschein, im Norden aber, wo ich vor zwei Stunden gestartet war, regnete es.

Als ich die Kurgebäude hinter mir ließ, erreichte der Regen auch mich. Im Teilort Eckwälden klappte eine Belegschaft auf Betriebsausflug, aus Brennereien und Stallbesichtigungen entströmend, ihre Regenschirme mit Firmenlogo auf. Obstler und Kühe, das schien ihnen gefallen zu haben, wie sie scherzend bergauf schlenderten, vielleicht einem gemeinsamen Mittagsmahl entgegen. Ich überholte die Anzughosen und Röcke über Büroschuhen und passierte, schon am Waldrand, die Firmengebäude von Wala, die ich ihrer anthroposophisch begründeten Naturkosmetik wegen (vielleicht zu Unrecht) als „kleine Schwester“ von Weleda – nur rund 30 km entfernt – wahrnehme.

Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Die Wahrheit in Bad Boll

 

Der Waldweg hob sich, der Regen rauschte, milchiglehmige Rinnsale kamen mir über den hellen Kalkmergel entgegen, das Nass färbte das Grau der Buchen dunkel. Als ich auf einen Trampelpfad, der die weiten Schleifen des Waldwegs abkürzte, einbog, donnerte es. Der Weg war steil und glitschig, immer wieder nach bangen Pausen erneuter Donner über mir und ich stieg immer höher, dem Gewitter entgegen. Es war mir mulmig zumute, beinahe gehetzt arbeitete ich mich den Schleichweg empor, aber irgendwo vor mir war eine Autobahnunterführung, dort wäre ich vor Blitz und Regen sicher.

Als ich die A8 erreichte, war das Gewitter bereits weitergezogen. Und nichts verlockte dazu, ausgerechnet hier einen Halt zu machen. Oben rauschte der Fernverkehr, ich stand allein auf unpassend breit gewordenen Waldwegen vor der asphaltierten Unterführung. Ein hässliches Wegstück. Wäre mir nun ein großer Wagen, brummend, die Scheiben spiegelnd, entgegengekommen, ich hätte mich sofort in innerlicher Alarmbereitschaft gefunden, hätte auf diesen Metern jedes Verbrechen für möglich gehalten. Merkwürdig, wie unsere seelenlose Autoarchitektur solche Fantasien von Gewalt und Ausgeliefertheit beflügelt.

Ich trat aus dem Wald und hatte das Deutsche Haus (Kaltenwang) vor mir. Ruheständler schauten mich aus ihrem Mercedes heraus an, ein Hund wütete hinter einem Gatter, es lockte auf einem Schild Steinofenbrot (aber was wollte ich mit einem Laib Brot im nassen Rucksack), köstlicher Duft drang aus der Gaststube. Menschen machen hier Mittagsrast und ließen es sich schmecken, es konnte gar nicht anders als schmecken bei diesen Gerüchen, aber ich wollte nicht einkehren, ich wollte erst hinauf auf den Gipfel gleich hinter dieser langgezogenen Lichtung, den Boßler hinauf, wo ich dann oben sein würde auf dem Albtrauf.

Der Aufstieg auf den Boßler ist steil und steinig und rutschig, ich war froh um mein gutes Schuhwerk und verstand zum ersten Mal annähernd, warum die Route als „schwierig“ ausgeschrieben ist. Wer alpines Terrain kennt, lacht natürlich, und kein geübter Wanderer wird diese Etappen als schwierig empfinden. Dieser Aufstieg aber ist jedenfalls nichts für ungeübte Sonntagsspazierer. Und vielleicht wird so etwas manchen ja erst klar, wenn ein Weg als „schwierig“ bezeichnet wird.

Boßler_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

„Symbolbild“ – recht verdüsterter Blick vom Boßler

 

Oben, am Gipfelkreuz mit Ausblick nach Westen, machte ich eine Rast, trank die ersten Schlucke, biss in ein Käsebrot. Ich war bis auf die Haut durchnässt. Es war kalt und ich konnte mich nicht lange aufhalten, zog nach dem zweiten Butterbrot wieder die Regenjacke über. Ich fror und da half nur eines. Schnell weiter, in Bewegung bleiben, um so wieder warm zu werden.

Die nächsten rund zehn Kilometer, gleich hinter dem Gedenkstein für die vielen Luftfahrzeuge, die schon in den Boßler gekracht sind, führen den Albtrauf entlang und teilen sich den Weg mit dem HW 1. Es ist der interessanteste Abschnitt dieser Etappe. Auf einem schmalen Streifen zwischen der Hochfläche zur Linken – einer keineswegs hässlichen, aber doch vergleichsweise reizlosen, wohlgeordneten Fläche aus Wiesen, steinigen Äckern, Hecken und Wäldern – und den von Mischwald bewachsenen Steilhängen zur Rechten führt ein malerischer Weg über Stock und Stein. Wie schön es sein muss, über Hunderte von Kilometern des Schwäbische Alb-Nordrand-Wegs solche Pfade zu gehen!

HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Albtrauf

Gleich zweimal warb ein Schild mit schwarzem Ross im Walde, lockte hinab in den Grund mit dem Versprechen einer warmen Mahlzeit. Man konnte durch den noch weitgehend unbelaubten Wald hinunter ins Dörfchen Häringen sehen, das Rössle, Landgasthof und Metzgerei, erkennen. Aber wer will da schon hinab, diesen Steilhang hinunter und dann mit gefülltem Magen wieder empor?

Niemand war auf den Wanderwegen unterwegs. Nach einem Sporn, auf dem einst gleich zwei Burgen standen, liegt traumhaft das Dorf Neidlingen in einem Tal, das nur nach Nordwesten hin geöffnet ist. Die übliche Szenerie aus Ackerlinien und Streuobstwiesen am Fuß der Hänge. Hier möchte man doch wohnen, überraschte ich mich selbst mit meinem Wunsch. Doch stünde man unten, wer weiß, ob der Zauber nicht verfliegen würde angesichts streng geordneter Neubauten. Man müsste es ausprobieren, vielleicht einmal mit dem Rad an einem Sommertag.

Bald nach dem Startplatz für Gleitschirmflieger fallen die Routen HW 1 und HW 7 wieder auseinander. Der eine schwenkt nach rechts weiter den Albtrauf entlang (ein paar Kilometer weiter liegt der Neidlinger Wasserfall), der andere nach links, kurz am pfadlosen Rand der Landstraße entlang, dann am Christlichen Jugenddorfwerk Bläsiberg vorbei und durch den lauschigen Weiler mit seinen auf Wanderungen leider unvermeidlichen übermotivierten Hofhunden bald schon wieder hinab nach Wiesensteig, dem Ziel der dritten Etappe. Schon? Die letzten zwei, drei Kilometer waren quälend geworden, ich spürte eine Blase in den eigentlich eingelaufenen Wanderstiefeln und die Gelenke ächzten. Passenderweise entpuppte sich der Weg hinab ins Dorf als Kreuzweg.

Gehen, das bedeutet eigentlich, sich frei zu machen, abzulegen, was nicht unmittelbar notwendig ist. Vielleicht hatte ich das an diesem Tag zu sehr gewollt (gewollt statt zuzulassen): das Voranschreiten, das Weg-Ablaufen, das Flüchten. Ich war, was selten geschieht nach einer Wanderung, unzufrieden, gereizt, rastlos. Und stand in den noch regenfeuchten, nun miefenden Klamotten in einem engen Tal und wartete – als der Fremde, der ich war, erkannt und geflissentlich ignoriert – mit einer Handvoll Schüler und älteren Personen auf den Bus, der mich aus dieser Enge im Tal hinausführen würde, vielleicht nicht aus der Enge in mir.