Calderón geht auf Reisen (3)

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Mitten in der Schorfheide wird Hochzeit gefeiert am Forsthaus der Familie, die – durch bloßen Zufall –  den gleichen Namen trägt wie der Vorbesitzer des Calderóns. (Die einen Brandenburger, fröhlich und preußisch-kurzentschlossen, der andere ein immer zweifelnder Übersetzer, Schriftsteller und für kurze Zeit Kollege aus deutschlitauischer Familie.) Das Feld, das als Parkplatz dient, ist von Wildschweinen aufgewühlt, eines davon wird, wunderbar zart und aromatisch, am Abend aufgetischt und die Grillen zirpen, als wüssten sie nichts von Herbst.

Gleich in der Nachbarschaft, drüben in Polen, steigt derweil Rosaura in Männerkleidern eine wilde Schlucht hinab. Es ist eine düstere Stimmung, die Verse sind schicksalsverhangen und unsere Heldin Rosaura – ich hatte mich sofort in sie verliebt – stößt in einem Turm (ein „Schloss des Schweigens“, wie die Perser es einst genannt hätten) auf ein furchtbares Geheimnis. Hier haust Sigismund, als Tier unter Tieren erzogen, doch in Wahrheit Erbprinz Polens. Sein eigener Vater hatte ihn, von den Sternen vor dem ganz grenzenlosen Machtbewusstseins seines künftigen Nachfolgers gewarnt, eingekerkert. Doch der König wird alt und er lässt seinen Sohn prüfen: Den Betäubten lässt er an den Hof holen und als Prinz, als König gar, erwachen. Zeigt er sich reif, wird er den Thron erben. War das Menschenexperiment gescheitert, weil Sigismund genau jener Mensch mit dem Willen zur Macht ist, vor dem das Orakel einst gewarnt hatte, wird er erneut betäubt und in sein Gefängnis zurückgebracht werden – und, da er die Episode am Hof, als Mensch, als Herrscher nur als Traum deuten wird, seinen erneuten Sturz nicht in ganzem Schmerz empfinden.

Der Plan scheitert fatal – und bringt am Ende doch die Lösung: Erst dadurch, dass der tätige Mensch sein Leben als Traum erlebt, aus dem er jederzeit und schmerzhaft gerissen werden kann, vermag er in seinem Handeln wirkliche Verantwortung zu zeigen. Das Leben ist nichts als ein flüchtiger Traum – das ist die bittere und zugleich heilsame, weil disziplinierende Lehre Calderóns.

Dich, Schauspiel, lasse ich nicht zurück – ich möchte dich noch einmal lesen.  Aber nun erst einmal hinein ins Wasser. Manchmal ist das Leben auch ein Traum im schönsten Sinne.

Calderón geht auf Reisen (2)

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Auf dieser erst kürzlich mit einem bundesweiten Preis ausgezeichneten Bühne wurde Calderón vielleicht nicht aufgeführt, aber gelesen als Vorbereitung für eine Inszenierung von Christian Dietrich Grabbe, der den spanischen Barockdramatiker verehrte.
20 Jahre lang hatte ich den Freund nicht gesehen, der mir das erzählte. 20 Jahre seit unserer ersten und einzigen Begegnung auf einem Zivildienstlehrgang. Es waren drei prägende Wochen gewesen, drei vielleicht sogar Biographie bestimmende Wochen, und möglicherweise verdanken wir dem, dass wir uns nun wiedertrafen und uns immer noch etwas zu sagen hatten. Dass die Tonkassette mit Pan Ra und Hoelderlin (zwei deutschen Krautrockbands der Siebzigerjahre), die ich ihm damals geliehen hatte, längst verschollen ist, ist da nur eine kleine nostalgische Fußnote. Sie hatte mir nämlich ein Jugendfreund aufgenommen, der ein paar Jahre später Suizid beging.

Calderóns Drama vom wundertätigen Magier im römischen Antiochien hat eine sehr eigene Einstellung zum Tod. Die beiden Liebenden Cyprian und Justina finden sich erst in ihrer völligen Verneinung ihrer menschlich-irdischen Existenz. Erst dann gehen sie, ganz Geist schon, Arm in Arm bereitwillig in den christlichen Märtyrertod. Natürlich, wir sind letztlich (vom Grabe aus gesehen) tatsächlich nichts als Gerippe. Aber deswegen alles Leben davor nichtig? Nein, diese Lebensverleugnung des schweren, düsteren spanischen Barocks will ich nicht. (Man nehme die Mezquita in Córdoba: Die unermessliche, farbenfrohe, kalligraphische Schönheit der Gebetswand der einstigen Moschee – ich stand in Tränen vor ihr, denn es war vielleicht das Schönste von Menschenhand geschaffene, das ich je gesehen hatte – war umzingelt von dunklen Altären, blutigen Kruzifixen und düsteren Königsporträts späterer spanisch-katholischer Jahrhunderte.) Also geh, du wundertätiger Magier, geh mit Gott.

Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 3)

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Wie schamlos junge Männer sein können. Laut sind die deutschen Jungs, als sie spät nachts in den Schlafsaal kommen, laut sind sie morgens, laut und ungehemmt. Und dann erzählen sie noch, dass sie nachts ins Waschbecken des Zimmers gepinkelt haben, um nicht die zehn Schritt über den Flur aufs Klo zu müssen. Mir tun die zwei englischsprachigen, flüsternden Mädchen leid, die noch mit im Zimmer sind und all das ertragen müssen. Ich frage die beiden schließlich, ob sie es aushalten unter all den lauten Deutschen. Es beeindruckt mich, als das kleingewachsene Mädchen zu einer Beschwerde anhebt. Die anderen werden sich später über es lustig machen. Ich schäme mich.

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Der Himmel hängt tief. Nur ein paar Schritte von meiner Unterkunft entfernt betrete ich fürs Frühstück das „Moreish Café Deli“ an der Ecke Marchmont Street. Spanisch-englische Speisen und Feinkostwaren, andalusische Kachelwände, ansprechende Holztische, ein wunderbar robuster, thekenartiger Tisch entlang der Fensterwand. Das rissige, verfärbte Holz erinnert mich an den großen Küchentisch meiner Kindheit, der Ausblick durch die Glasfront aufs Straßenleben gefällt. Eine hübsche Spanierin erklärt mir die ganze Auswahl an Frühstücksmöglichkeiten. Was da nicht alles lockt: verschiedene Tortillas, Membrillo aus Quittenmus, Serranoschinken … Ich entscheide mich dann doch für einen englischen Pudding mit Creme anglaise zum Café con leche. Es scheint mir, es ist mein erster süßer englischer Pudding: ein köstlicher, saftiger Auflauf mit Trockenfrüchten. Während ich Gabel für Gabel dieser kulinarischen Sünde absteche und den Kaffee genieße, bedaure ich, dass sich das Frühstück nicht beliebig in die Länge ziehen lässt. Und dann bin ich auf einmal genervt und froh, das Café zu verlassen, als ich zum dritten Mal den Satz der Spanierin gegenüber Kunden höre: „Then you pay first, please.“

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Und weiter geht es

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Ein Schwarzer, das Smartphone am Ohr, eine Mütze kühn auf dem Kopf, schwarze Jogginghose und einen Bundeswehrparka mit der deutschen Nationalflagge. Ich hatte genau einen solchen Parka einmal in einem Kanadaurlaub getragen, ausgeliehen von einem Kroaten. Die Flagge am Ärmel war mir, typisch deutsch, peinlich gewesen.

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Ein gestählter Grauhaariger in schlichten Alltagsklamotten − dunkle Hose, blaues T-Shirt, Beutel am Gürtel − quert die Straße. Die muskulösen, tätowierten Unterarme sind nackt. Man ahnt das Spiel der Muskelstränge im Rhythmus, in dem sein Daumen über das Display tanzt.

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BT Tower

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Neonweste, Neonjacke, Neonrucksack, Neonhelm − allgegenwärtige Utensilien der Radfahrer in einem Land des Dämmerlichts.

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Eine ruhige Straße mit identisch aussehenden Häusern auf beiden Seiten: die kurzen Treppenaufgänge alle mit schwarzem Geländer, oben Holztüren, alles weiß und schwarz, keine Farbe, die das Muster durchbricht. Auf den ersten Blick wirkt das Sträßchen schmuck, auf den zweiten schäbig. Manchen Häusern mangelt es an Pflege und Instandhaltung, einige stehen leer und zum Verkauf, an allen anderen stehen und hängen Plastiktüten voller Müll. Ein paar der Tüten sind aufgeplatzt oder womöglich auch mutwillig ausgeschüttet. Abfall fließt dann über die Treppenaufgänge hinab. Nur ein einziges Haus hat kleine Mülltonnen am Gitter der Treppe hängen − eine beinahe spießig wirkende, jedenfalls hoffnungslose Insel in dem Straßenzug. Der Weg entpuppt sich als Sackgasse. Ich mache kehrt. Trostlosigkeit schleicht sich hinter mir auf die Straße, um das winzige Vakuum zu füllen, das ich hinterlassen habe.

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Marylebone, die Kirche im Rücken

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Ein kalter, feuchter Vormittag eine Woche vor Weihnachten. Ich zittere unter meiner Regenjacke. In einem Park machen zwei junge Frauen in billigen Kunstfaserklamotten Gymnastik. Sie versuchen sich an Gleichgewichtsübungen, sie hüpfen auf einem Bein herum. Eine Weile schaue ich zu, dann drehe ich plötzlich den Kopf, als wäre mir bewusst geworden, dass ich sie bei etwas Unanständigem beobachten würde.

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London ist fabelhaft mit Orientierungshilfen gepflastert. An jeder Bushaltestelle hängen Karten von ganz vorbildlicher Natur: der eigene Standort ist zentriert, zwei Kreise zeigen einen Umkreis von fünf bzw. 15 Gehminuten an. Nur eines ist verwirrend: Die Karten sind nicht genordet, ihre Ausrichtung wechselt von Haltestelle zu Haltestelle, von einer Karte zur nächsten. Manchmal möchte man sich auf den Kopf stellen, um seine Richtung wiederzufinden.

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Die Kuppeln der London Business School

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Hinter den Bäumen des Regent‘s Park schimmern fast rosa verzierte Kuppeln. Ein indischer Moghulnpalast? Es fehlen nur noch die Tiger im Unterholz des Parkes. Aber die gibt es am anderen Ende des Parks im Zoo of London. Hier, an den Wasserläufen der Südseite, kreischen, krächzen, jaulen, schnalzen, grunzen, gurren nur die Vögel. Unterbrochen von dem harten, konzentrierten Schlagen Aberdutzender Flügel, wenn eine ruckartige Bewegung am Ufer das Federvieh aufschreckt.

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Nur einer aus der Vögel Schar

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An einem kleinen, blattlosen Baum, er besteht fast nur aus einem Gewirr allerkleinster Ästchen, knarzig, hart, verdreht und abweisend, einem einsamen Guerillakämpfer in rauen Landen, leuchten rote Beeren. Die einzige satte, kräftige Farbe hier im Park. Die frohe Botschaft des krummbeinigen Rebellen.

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Und hinter der nächsten Wende Palmen in London. Eine Amsel pickt an den mickrigen Fruchtständen. Subtropisches Weihnachtsmahl.

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Queen Mary’s Garden im Rgent’s Park

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„Hello Sir, what do you have spotted?“ Der Mann mit der Kappe, der mit einem Begleiter mit Rasenstecher die Pflanzungen inspiziert, wechselt die Straße, um den still dastehenden Herrn mit Brille, Schnurrbart und Fernglas auf der Brust anzusprechen. „Oh, well …“, braucht der Angesprochene erst einige Momente, sich in der Menschenwelt zu orientieren. Dann entspinnt sich ein kleiner Schwatz über den Wiesenzaun hinweg, wie zwischen zwei Nachbarn.

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Immer wieder Frauen mit drei oder vier Hunden an der Leine. Der Radrennfahrer zieht derweil mit verzerrtem Gesicht seine Bahnen auf dem asphaltierten Inner Circle rund um Queen Mary‘s Garden − seine beinahe private Rennbahn, immerzu im Kreis herum. 85 Sekunden benötigt er für eine Umdrehung. Wie viele Runden er wohl macht?

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Jenseits der weiten Grünfläche, die sich endlich auftut, ragen, irgendwo beim Zoo, große, massive, verwinkelte Bauten in verwaschenen Sandfarben empor. Die Monströsität der Bauten erinnern an eine Festung, ein bisschen an die Flaktürme in Wien. Ihr Zweck, so rätselhaft er auf die Ferne ist, dürfte allerdings viel friedlicher sein diese Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg, Kletterareale etwa für Bergziegen im Zoo. Beim Näherkommen geht es mir dann wie Jim Knopf mit dem Riesen: immer kleiner wirken die Berge, immer weniger monströs, je näher ich komme.

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Mit wiegenden Schritten stolziert die Giraffe vorüber, graziles Gleichgewicht von vier Schritt Höhe.

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21 britische Pfund Sterling trennen mich vom „Tiger Territory“. Ich entscheide mich gegen einen spontanen Besuch im Zoo. Ein solcher Eintrittspreis löst selbst den Bann der Giraffenschritte.

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Alles Tiger Territory?

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Das helle Blau fesselt meinen Blick zuerst: ein dreistöckiges Gebäude, Ziergiebel über den geviertelten Fenstern, leichte Formen, passend dazu die Farbe. Und es ist nicht allein. Ein Haus an das andere reiht sich in schmucken, sauberen Pastellfarben. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Farbton. Nirgendwo habe ich bisher London so leicht und heiter erlebt, ohne dabei in Übermut zu verfallen, wie hier, wo die Albert Terrace in die Regent‘s Park Road einmündet.

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66,7 m über dem Meeresspiegel genügen. Auf dem Aussichtspunkt von Primrose Hill habe ich zum ersten Mal einen Blick über die Stadt, über die Bezirke, die ich bereits abgelaufen bin. In die steinerne Ummauerung des Aussichtspunktes ist ein Vers von William Blake eingemeißelt.

I have conversed with the spiritual sun.
I saw him in Primrose Hill.

Der Dichter also hatte etwas ganz anderes vor Augen als wir heute hier oben. Der Mann, der breitbeinig, die Arme konzentriert in zwei verschiedenen Winkeln vom Körper ausgestreckt, am Hang steht, ist vielleicht eher ein Erbe Blakes. Vielleicht sind es Chi-Übungen für den richtigen Fluss unsichtbarer Energien, bevor er seinen Fußmarsch fortsetzt, wieder hinein in die Stadt.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

WG gesucht – Junge Literatur zur zwischen/miete in Stuttgart

„Zur Lesung? Einfach links zum Aufzug und dann in den 9. Stock“, erklärt der nette junge Mann, der sich mit Krücken in einem Stuhl vor dem Eingang fläzt. Oben werden wir in Empfang genommen, für einen Fünfer gibt es einen roten Stempel auf die Hand, dann geht es hinein in die WG des Max-Kade-Hauses. In der Küche des Wohnheims bekommt man ein Rothaus Tannenzäpfle und eine Butterbrezel (schwarzer Stempel, im Eintrittspreis inbegriffen), im Wohnzimmer sitzen ringsum Leute auf Stühlen, Hockern oder Kissen, die Autorin hat bereits hinter einem niedrigen Tisch mit Mikrofonen Platz genommen. Die Fenster stehen weit offen, in den Zimmern dampft es noch, draußen hat der Gewitterregen die Luft abgekühlt. Wann war ich das letzte Mal in einem Studentenwohnheim?

Das klassische Publikum des Stuttgarter Literaturhauses trägt – ob gerechtfertigterweise oder nicht – den Ruf eines silberhaarigen, pietistisch eingefärbten Bildungsbürgertums. Der Kultureinrichtung und Literaturlesungen neues Publikum zu erschließen, kann jedenfalls so oder so nicht verkehrt sein. Die Leiterin des Literaturhauses Stefanie Stegmann, die im Januar Florian Höllerers Nachfolge angetreten hatte, brachte ein in ihrer früheren Wirkungsstätte Freiburg bereits erprobtes Format mit nach Stuttgart: die „zwischen/miete“ – Lesungen jüngerer Autorinnen und Autoren in WGs.

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Bunt unterm Fernsehturm: „zwischen/miete“ in Stuttgart

Die zwanglosen Wohnzimmerlesungen eröffnet hatte im Frühjahr „Wie ich mir das Glück vorstelle“ von Martin Kordić. Im Juni folgte Verena Roßbacher, 1979 im österreichischen Vorarlberg geboren und in Berlin wohnhaft, mit ihrem Werk „Schwätzen und Schlachten“. Das ist irgendetwas zwischen Kriminalgeschichte, Weltroman und griechischem Mythos mit österreichischem Einschlag. Seine Schauplätze sind unter anderem Berlin sowie Meck-Pomm, „das müssen Sie nicht kennen“, der Handlungsmotor ein Mord, der noch gar nicht begangen wurde, und am Ende gibt es drei Hochzeiten (hoffentlich ironisch genug, um nicht reaktionär zu wirken). Die drei Ermittler, Berlinbewohner selbstverständlich, erweisen sich als Detektive der hysterischen Sorte, sie sind Hipster ohne Coolness, „softe Jungs, die im Notfall sogar stricken können“, wie Verena Roßbacher sie charakterisiert. Man ahnt, solche Ermittler treiben die Handlung eher durch Gequatsche voran, überhaupt ist das Buch eine einzige große Plauderei. (Durchsetzt, nebenbei, von einer kulturellen Bestandsaufnahme in Gestalt eines Klopapiers des Wissens, das – Wandkacheln aus dem iranischen Isfahan gleich – ein schier unendliches Muster aus Information transportiert, in unserem Fall mit allem, was ein 30 Something als Teil seiner kulturellen Identität wiedererkennt: von der Musik Philipp Glass‘ bis zu Asterix, den guten alten Heften natürlich.)

Am interessantesten an der Plauderei ist die Metaebene des Romans, auf der sich die Autorin und ihr Lektor Olaf über das Buch unterhalten: ein gewitzter Schlagabtausch, eines Waldorfs und Statlers würdig, und eine erzählerische Finesse, die an „Das Wetter vor 15 Jahren“ ihres Landsmannes Wolf Haas erinnert und mit knisternden Reminiszenzen an die Gegenwartskultur angereichert ist: Etwa bei dem Kaffeehaustreffen zwischen Autorin und Lektor, bei dem er einen Apfelstrudel bestellt und sich mit entschlossenen Gesten Strudelstücke mit Schlagsahne in den Mund schiebt, und man unweigerlich in diesem Augenblick das Gesicht von Christoph Waltz aus „Inglorious Basterds“ vor sich sieht.

Auf 630 Seiten läuft sich das Gequatsche allerdings doch irgendwann tot. Da helfen dann auch eingängige Parolen wie „Österreich ist eine Krise“ oder „Das Plumplori schläft nie“ nicht. Immerhin, so muss man doch sagen, tut Verena Roßbachers Lust am Schwätzen dem Abend gut. Die Moderation ist zögerlich, die Autorin aber zur Stelle und sie wickelt die Lesung souverän im Alleingang ab, beantwortet dankenswerterweise Fragen, die gar nicht gestellt wurden, und drängt, bevor ein peinliches Stocken aufkommen könnte, zum nächsten Kapitel, das sie mit sexy rauer Stimme vorträgt. Interessant war der Abend allemal.

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Hinterhoflesung im Osten

Und so geht es am 2. Juli zur nächsten „zwischen/miete“ in einer 2er-WG im Stuttgarter Osten. Eine doppelflügelige Holztür öffnet die Wohnung zum schmalen Hinterhof hin. Kleine Lampions hängen über dem Eingang, Kästen mit Tannenzäpfle stapeln sich neben der Tür, ein einladender Ort. Das Wohnzimmer – Halbparterre zur Straße hin – ist bereits besetzt von jungen Menschen, auch in der Küche stehen sie, doch draußen gibt es nach einem Gang zur WG-Toilette (spätestens jetzt als Fremder an dem intimen Ort fühlt es sich irritierend mehr nach Party als nach einer Lesung aus dem Literaturhausprogramm an) noch ein paar Stühle. Dort sitzt schon P., bereits zufälliger Sitznachbar auf der zweiten „zwischen/miete“ und erprobter Lesungsbesucher. Ein paar Leute teilen sich Pizza aus einer Familienschachtel und „hoppla“ sagt der stämmige weißhaarige Mann aus dem Nachbarhaus, als er ums Eck biegt und unvermutet zwischen unsere Klappstühle gerät.

Die Stimmung ist eine ganz andere als bei der vorherigen Lesung. Dorothee Elmiger ist mit ihrem Roman „Schlafgänger“ aus der Schweiz angereist. Das Buch erweist sich als ein Kaleidoskop flüchtiger Existenzen und Momente, der Tonfall ist lakonisch und entrückt wie ein Traum, das Erlebte entgleitet seinen Erzählern. Die sanfte Stimme Dorothee Elmigers mit dem Schweizer Anklang in ihrem Lesehochdeutsch trägt den Text perfekt. „Und ich hob, heiter fast“ und das ist ganz wichtig, dieses „fast“, denn die Dinge sind wie weggerückt, schlafwandlerisch.

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Das Sofa schon besetzt? Kein Problem, ein Lautsprecher ist zur Stelle.

Der sommerliche Wind umweht einen draußen auf den Hofstühlen, er raschelt durchs Gebüsch, gedämpft brummen die Autos hinter den hohen Ziegelwänden, eine Kirchglocke schlägt an, ein einzelner Schlag nur, gegenüber das Klackern eines Topfdeckels durch eine offene Balkontür herab, Murmeln irgendwo, Gläserklingen und diese behutsame Stimme aus dem Wohnzimmer und sie trägt einen fort und fort … Und doch ist „Schlafgänger“, das darf auf keinen Fall unterschlagen werden, ganz und gar kein eskapistisches Traummärchen, sondern ein Roman über Migration, Verortung und Verteilung.

„Erstaunlich, dass es kaum eine Überschneidung gibt zwischen dem Publikum im Literaturhaus und dem der zwischen/miete“, konstatiert P., der bisher alle drei Veranstaltungen aus der Reihe besucht hat. Und es ist wahr: Mit wem man hier (außer P.) ins Gespräch kommt, ist vielleicht ein junger Mann, der frisch vom Studium entlassen, etwas „mit Medien“ in Hamburg macht und zu seiner Freundin in Stuttgart pendelt, oder ein Mädchen, das bald in Tübingen ihr Studium beginnen wird, Volkswirtschaft und Kulturwissenschaften, versteht sich. Ob sie alle der Literatur wegen kommen – oder nicht doch eher, weil hier etwas geht, weil da was los ist nebenan mit Menschen und einer Flasche Bier? Vielleicht ist das ja auch ganz egal!

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Buch und Bier – die zwischen/miete für junge Literatur

Im Oktober geht es jedenfalls weiter mit der vierten Stuttgarter „zwischen/miete“. Vanessa F. Fogel wird aus „Hertzmann’s Coffee“ lesen. Und ich wünsche mir fast, noch in einer WG zu leben.

Hier gibt es mehr zur zwischen/miete in Stuttgart.

Und diese Romane wurden gelesen:

Verena Roßbacher, Schwätzen und Schlachten. Roman. Kiepenheuer & Witsch. Gebunden, 640 Seiten. Köln 2014.

Dorothee Elmiger, Schlafgänger. Roman. Dumont. Gebunden, 142 Seiten. Köln 2014.

Heldenstücke

Stammkunden

„Aber artig sein heute Abend, gell“, reicht der fesche junge Polizist – Öl im Haar, blütenweißes Funkkabel hinterm Ohr – dem Penner, den er eben aus dem Supermarkt eskortiert hat, eine Zigarette. Das Brummeln aus dem Bart ist nicht zu verstehen. Muss es auch nicht, die Sache ist geklärt. „Also dann einen schönen Abend. Ciao!“, verabschieden sich die Polizisten jovial von dem Tattergreis. Es klingt, als würde man sich kennen. „Der kommt wieder“, bestätigt die Bäckereiverkäuferin.

*

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Meine Chefin nimmt mich zur Seite: „Zwei Dinge sind mir aufgefallen.“
Ich stutze und gehe sofort im Kopf durch, ob ich in letzter Zeit irgendetwas bei der Arbeit sträflich vernachlässigt habe.
„Kein Trompetenspiel mehr in letzter Zeit“, fährt sie fort. (Ich übe oft im Verlagskeller.) „Und kein Zeilentiger mehr. Was ist los?“
Chapeau!
„Hört sich eher nach deiner Managerin an“, meint ein Freund später, als ich davon erzähle.

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Erdbeerfalle

Sie geht clever vor. Ich gehe ihr meist aus dem Weg, weil ein Gespräch mit ihr immer – immer! – in hässlichen Lügengeschichten endet. Man könnte auch sagen: in gehässigen, in hassvollen Lügengeschichten. Ich will diese Geschichten nicht hören (und ich will auch nicht wissen, welche sie über mich erzählt). Manchmal aber, wenn meine Ausweichmanöver gar zu lange erfolgreich waren, klingelt es an der Tür und da steht sie mit einem Teller voll Kuchen. Den kann ich schlecht ablehnen. Die Kuchenstücke sind rasch verputzt, der Teller aber steht einige Tage bei mir, bevor ich den Mut fasse, ihn zurückzubringen. Da stehe ich bei ihr und halte ihr den sauberen Teller hin. Und die alte Frau sagt: „Ah, wollen Sie gleich einen neuen Kuchen?“ Und so schleiche ich nach einer Viertelstunde geschlagen und mit zwei neuen Kuchenstücken auf dem Teller zurück bis zur nächsten Übergabe.

*

Holothurienpogo

WIZO ist eine Punkband aus Sindelfingen bei Stuttgart. An mir war die Band während ihres rund 20-jährigen Bestehens vorübergegangen, wie Punk meist an mir vorbeigegangen ist. (Blink-182, die genau heute in Stuttgart spielten, waren etwa eine Ausnahme. Der Surfpunk, den die jungen Leute auf dem Weg zum Strand hörten, als sie mich auf einem gottverlassenen kanadischen Waldweg aufsammelten und ein paar Meilen später wieder absetzten, auch.) Seit ein paar Jahren ist WIZO wieder aktiv, diesen Juni hat die Band ein neues Studioalbum veröffentlicht: „Punk gibt′s nicht umsonst! (Teil III)“. Der große Protagonist des Albums: die Seegurke. Ja, wirklich. Die supertolle Seegurke, der cazzo di mare, Held des heutigen Abends. Seegurke!

„Hey Mark“

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Wenn sich die Definitionskraft eines Namens umdreht.

Zu finden in Stuttgart-Steinhaldenfeld, einem jener „Was, das hier gehört noch zu Stuttgart?“-Stadtteile, in die man sich als Nichtanlieger eher selten verirrt. Es kann – um noch einmal die Tücken der Namensprägung aufzugreifen – nichts als eine schäbige Koinzidenz sein, dass einer der Betreibernamen der Website http://www.steinhaldenfeld.de ausgerechnet Morlock heißt. Nein, wir denken nicht an H.G. Wells „Zeitmaschine“.

Prominentere Zuckerberge als hier gibt es in Trier und in Braunschweig. In welchen Städten noch?

Kleinkönigreiche

„Er stand auf seines Daches Zinnen / Er schaute mit vergnügten Sinnen / Auf das beherrschte Samos hin“, zitiert der Fastachtzigjährige von meinem schmalen Balkon herab. Dann lacht er auf. „Das da ist Samos“, sagt er und deutet auf den abgewrackten Reisebus meiner Nachbarin unter dem Balkon. Der grüne Lack weist handtellergroße Lücken auf, die Kuppel vor dem Oberlicht ist von einer Unterführung halb herabgerissen, die dunklen Flecken wirken beinahe moosig.

Was sie dazu sagen würde, die scheidende Intendantin in der Ruhestandskrise? „Der Bus ist meine Freiheit, meine Heimat, mein alles“, würde sie sagen zu ihrem Königreich. Der innere Friede Samos’ aber ist in steter Gefahr, die gute Policey von Mäusen bedroht. Sie nisten sich ein in dem Bus und treiben die Herrscherin zur Verzweiflung. „Wie wäre es mit einer Katze?“, schlug ich einmal vor. Die Nachbarin war begeistert, doch eine Gestreifte ernannte sie trotzdem nicht zur Statthalterin ihres Reiches. Schade eigentlich. Gerne hätte ich diese von meinem Balkon herab gelockt − „whwhwhwh, tststststs“ − und wenn sie sich gezeigt hätte, wäre ich von meinem eigenen Kleinkönigreich hinabgestiegen zu einem Staatsbesuch. Und Friede würde blühen, bis der Scharfmacher des westlichen Reiches (ein paar Olivenhaine kleiner als meines), Nachbars Pudel also, zum Angriff bliese oder ein Keifen von ganz oben die Eintracht störte und all die Taifas wieder in Aufruhr brächte.

„Gestehe, dass ich glücklich bin“, hebt der Fastachtzigjährige noch einmal an. Er kippt den letzten Schluck aus dem Whiskeyglas hinab − die Flasche auf dem Regal ist inzwischen seine −, verstaut zwei weitere Romane von Graham Greene, die er in ein paar Wochen (inschallah) zurückbringen wird, und macht sich auf zu seinem Fahrrad, Samos im Rücken.

Freundschaft bei Leberpastete

Ich führte ihn zu einem meiner Lieblingsplätze in der Stadt, weil man dort sehr gut und angenehm sitzen kann, weniger des Essens wegen, am wenigsten des Services wegen. Der junge Kellner unterstrich diese Einschränkung ohne zu zögern: Er war bis zur blanken Unhöflichkeit desinteressiert. Ich schämte mich für ihn und ich schämte mich meinem Besucher gegenüber für meine Wahl des Lokals.

Er nahm es sehr gelassen: „Deutschland halt.“ Er arbeitet in einem Land auf der anderen Seite des Globus, in dem Service großgeschrieben wird, sehr, sehr groß. Er war müde von einem Dreifachjetlag, von den durch die Zeitverschiebung unbarmherzigen Kindern, von der unweigerlich folgenden Erkältung, von dem Arbeitstag in der heimatlichen Zentrale seines Konzerns. Er weiß, was er will und wie man es fordert, und er ist auf seine Weise ein Genießer. All das aber legte er mit einem Achselzucken ab, ging, wie von dem Kellner in seinen schlampigen Klamotten herausgenuschelt, unter dem Schild „Vinothek“ nach drinnen, um an der Theke jemanden zu fragen, welcher der Weine von der Karte womöglich trocken sein könnte.

Der Abend war milde und der Platz gut besucht. „Gibt es überall in Stuttgart so viele junge Leute wie hier?“, fragte er, nahm sich bedächtig einen Bissen von seinem Antipastiteller, spülte mit einem Schluck Grauburgunder nach. Es war sein Vorabend eines einwöchigen Urlaubs in Europa, Urlaubstage, wie sie die einheimischen Kollegen seines Gastlandes üblicherweise nicht in Anspruch nehmen. Er erzählte mir von einem altgedienten Mitarbeiter, 20 Jahre älter als er, anspruchslos und aufopfernd, der ihn eines Tages wegen heftiger Bauchschmerzen ansprach: „…san, mir geht es nicht gut, ich bin krank, erlauben Sie mir, heute Nachmittag einen halben Urlaubstag zu nehmen?“ Ich hörte die Geschichte zum dritten Mal, und ich hörte sie noch immer gerne.

Er ließ den Weißwein über die Zunge fließen. „So viele Bärte … Ist das eigentlich überall in Deutschland inzwischen so?“ Er strich die Leberpastete, die ich übrig gelassen hatte, auf sein Brot. „Indien ist wirklich hardcore. Eine erschreckende Zeitreise, kaum auszuhalten, du musst dir vorstellen, dass …“, erzählte er nachdenklich. „Letztes Weihnachten waren wir in Australien, Freunde besuchen, und ich war sehr erstaunt …“ Es dunkelte. „Auf einigen Pazifikinseln boomt die Wirtschaft, sie suchen händeringend nach Fachkräften aus dem Westen. Das hätte ich nicht gedacht …“ Der Teller war leer. „Was macht eigentlich dein Arabisch? Der Nahe Osten würde mich auch interessieren, aber das macht meine Frau nicht mit …“ Er rief den Kellner. „Ich hätte gerne das Gleiche nochmals.“ Und zu mir: „Das ist genau das, was ich brauche.“ Und er, schlank wie immer, freute sich auf seinen zweiten Teller Antipasti und sein zweites Glas Grauburgunder.

Zuhause tranken wir Tee. Er hatte immer schon Tee getrunken, zum Genuss und manchmal zur Heilung mit einem dicken Schal um den Hals, denn Erkältungen waren sein Markenzeichen. Er mit Tee und Schal, das war schon sprichwörtlich geworden damals. Wir saßen nun, Jahre später, auf den Sofas und an einem Tisch, die ich einst von ihm übernommen hatte, damals zusammen mit seinem WG-Zimmer. Aber was heißt übernommen. Es war ein fließender Übergang gewesen. Für etwa zwei Monate teilten wir uns das Zimmer, was machbar war, da er (allenfalls) am Wochenende zuhause war – ein wahrhaft großzügiges Entgegenkommen, denn ich hatte damals ein paar schwierige Monate, wohnte zwei Wochen bei einem befreundeten Paar (zwei so wohltuende Wochen in einer wurzellosen Zeit), kam dann drei Monate illegal in einem vergessenen Zimmerchen eines Schwesternwohnheims unter, dann schließlich in dem WG-Zimmer. Ein Glück, Freunde zu haben. Was hätte ich ohne gemacht?

Ich war jedenfalls froh damals über das Dach über dem Kopf und den sommerlichen Geräuschen von der Straße, und die paar Tage, die wir beide in dem Zimmer waren, kamen wir zurecht – manchmal bereitete ich etwas zu essen vor, wenn ich wusste, dass er kam – oder, wenn man sich doch einmal in die Quere kam oder wir uns zofften, wich ich für eine Nacht irgendwohin aus. Und als er bald darauf endgültig die Stadt verließ, blieb ich in dem Zimmer mit einem Teil seiner Möbel, von denen ich manche bis heute habe, ein Jahrzehnt später.

Wir tranken also Tee wie früher und wir hörten Jan Garbarek, „All Those Born With Wings“, und sprachen über die Vergangenheit (ihren Schönheiten), die Gegenwart (ihren Aufgaben), die Zukunft (ihren Herausforderungen). Früher einmal, erinnerten wir uns, hatten wir ein paar Mal ein internationales Abendessen ausgerichtet. Ich war fürs Kochen zuständig, er fürs Reden. Wir waren beide sehr zufrieden mit der Aufgabenteilung und es waren schöne Abende mit Menschen aus verschiedensten Ländern. So etwas würde mir auch heute noch gefallen.

Die Schallplatte war längst aus. Müde und triefnasig und ein klein wenig ironisch blickte er mich an, wenn ich schwieg. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, später, da hatte ich seine Arroganz gefürchtet. Er hat sie nicht mehr. Seine Verantwortung, beruflich wie privat, hatte ihr nicht etwa Brennstoff gegeben, sondern sie aufgelöst. Ich brachte ihm eine Decke für die Nacht und lachte: Auch sie hatte einmal ihm gehört.

Es ist ein Tag später, der Gast ist längst in der nächsten Stadt beim nächsten Besuch, und ich räume auf, stelle die Teetassen weg, falte die Decke, sortiere ein paar Bücher aus. Lou Pride singt „Ain‘t no More Love in This House“. Und ich frage mich: Wo in dieser weiten Welt stehe ich?