Chorprobe im Regionalexpress

Der Zug zuckelt über das Mittelgebirge, als sich in der Schar der Senioren, die fast alle Plätze im Waggon eingenommen haben, ein neuer Ton erhebt. Eine Dame am Ende des Wagens steht auf und ruft „jetzt singen wir“. Ein Einwand, man könnte die drei, vier anderen Mitreisenden etwa stören, wird von der Dirigentin munter abgeschmettert. Als der Gesang anhebt, bin ich erleichtert: kein angetrunkener Wanderausflug, der sich noch eine schiefe Peinlichkeit leistet, sondern tatsächlich so etwas wie ein Chor.

„Wenn mein Liebchen Hochzeit hat / Ist für mich ein Trauertag“, geht es rund um mich herum los und fröhlich singt der Wagen von Grab und Leichenstein. Ein Lied folgt dem nächsten, der Lenz wird besungen, als wären die Singenden noch einmal halb so alt an diesem verregneten Maientag.

Irgendwann werden die Stimmen dann doch weniger und es wird beinahe still: Der eine oder andere Senior ist einfach eingeschlafen.

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Bockshornkraut trifft Kichererbse

Kürzlich waren hinter den Fenstern noch japanisches Teegeschirr und Kräuterdosen zu sehen – eines dieser kleinen Geschäfte, die mit viel Herzblut und wenig Laufkundschaft betrieben werden. Jetzt reihen sich in den Regalen Sojaprodukte an Fritz-Kola und Olivenöl: Vor vier Wochen hat die „Kichererbse“, Stuttgarts erster rein veganer Laden, in der leicht verlebten Wohnstraße Heslachs eröffnet. Sogar rein vegane Kondome (von der Vegan Society zertifiziert) und – hier stockt die Tastatur dann doch – veganes Hundefutter bietet der Laden. Auf facebook hat das frische, junge Unternehmen in der kurzen Zeit bereits über 1000 „Likes“ gesammelt und in Kürze geht ein Lieferservice an den Start. Vegan ist auf dem Vormarsch.

KichererbseDie Kichererbse in der Möhringer Straße

Und dann treffe ich keine zwei Stunden später am ganz anderen Ende von Heslach tatsächlich einen Menschen, der genau wie ich heute von dem Ladenwechsel überrascht wurde – aber im Gegensatz zu mir eigens aus einem ländlichen Vorort Tübingens angereist war, um hier seine Teevorräte aufzufüllen. Wer Tübingen kennt (eine touristisch erschlossene Studentenstadt mit grünem Oberbürgermeister), weiß, dass es an Tees dort wirklich nicht mangelt. „Aber den gibt’s nicht“, erklärt der Mann entschieden – Aufguss aus Bockshornkraut. Ich kenne Bockshornkleesamen als Gewürz in der indischen und jemenitischen Küche, aber dass das Kraut der Pflanze als Tee genutzt wird, habe ich so neu gelernt. Ich zeige dem Teeliebhaber die Stadtbahn ins Zentrum und wünsche ihm insgeheim viel Glück bei der Suche nach dem Bockshornkraut.

Und die Kichererbse? Dort habe ich zum Einstand einen Veggie-Leberkäse gekauft. Ich bin gespannt, ob er genauso wohlig-zweifelhaft schmeckt wie ‚echter’ Leberkäse.

Die Kichererbse: Möhringer Straße 44 b – 70199 Stuttgart – auch auf facebook

il pomodoro im Lehen – der sympathische Italiener für den kleinen Geldbeutel

Sein größtes Kapital ist seine Einrichtung. Das Restaurant il pomodoro an der Filderstraße schräg gegenüber der markanten Markuskirche besticht durch ein sehr ansprechendes, bodenständiges Interieur. Ohne die Geschichte des Gebäudes näher zu kennen, lässt sich vermuten, dass die Räumlichkeiten einst eine bessere schwäbisch-gutbürgerliche Gaststätte beherbergten: viel Holz, halbhohe Wandtäfelungen, echtes Parkett, dazu hübsche Kronleuchter im 50er-Jahre-Stil und Bleiglasfenster. Die Bar im Eingangsbereich gewinnt sofort und den Pizzabäckern kann man bei der Arbeit am Holzofen über die Schulter schauen.

In den beiden Gasträumen geht es lebendig her, in dem stets gut gefüllten Ristorante herrscht eine gut gelaunte Atmosphäre. Die Bedienung bleibt auch in der – sich schnell mal einstellenden – Hektik immer herzlich, nicht die geringste Spur also von der Arroganz, die von den Kellnern gewisser italienischer Restaurants so perfektioniert wird. Man fühlt sich gleich wohl hier – ein Eindruck, der auch bei wiederholten Besuchen nicht verloren geht.

Neben der Karte (praktisch übersichtlich: vegetarische Pizzen bilden eine eigene Rubrik) bietet das il pomodoro eine Wochenkarte und wechselnde Tagesangebote mit Fisch und Meeresfrüchten. Das Essen wird trotz der vielen Besucher recht flott serviert, was angenehm, aber nicht zwingend nur ein gutes Zeichen ist. So zeigen sich die Grenzen des il pomodoro recht bald, nachdem man zu Messer und Gabel gegriffen hat: Das Antipastigemüse ist keiner besonderen Rede wert, der Weißebohnensalat am besten als schlicht zu bezeichnen, die Pizza immerhin kross und groß.

Als klassischer Prüfstein der italienischen Küche zeigen sich die Penne all’arrabbiata. Sofort erschnuppert die Nase köstlichen Knoblauchgeruch, die Schärfe treibt angenehm den Schweiß auf die Stirn, die Tomatensoße ist etwas dünn – und alles in allem zwar solide, aber letztlich doch etwas nichtssagend wie die halbgetrocknete Petersilie aus Streudosen (offensichtlich die Lieblingsgarnitur im il pomodoro).

Wahrscheinlich am deutlichsten sind die kulinarischen Defizite an den Desserts zu spüren – denn mit dem Wiedererkennungswert der süßen Gerichte hapert es. Sei es beim Tiramisu, das nach allem schmeckt, nur nicht satt nach Mascarpone, und mit zuckerhaltigem Kakaogetränkepulver bestreut ist (eine Sünde), oder sei es bei der geschmacksbefreiten und körnigen Panna cotta, die erstickt unter einer penetranten Schicht klebrigsüßer Johannisbeermarmelade mit einer Krone billiger Schlagsahne aus der Sprühdose.

(Um die letzten beiden Absätze ins Positive zu wenden: Die Gerichte sind entsprechend günstig. Ein vegetarisches Drei-Gänge-Menü mit einem Viertel Wein kostet unter 20 Euro.)

Prinz vergibt ganze fünf Punkte auf der Bewertungsskala. Das ist gut gemeint, viel zu gut. Seien wir ehrlich: Wenn das Essen im Mittelpunkt stehen soll (und darf!), sind in Stuttgart definitiv andere italienische Restaurants vorzuziehen. Für den ganz spontanen Besuch in herzlich-familiärer Atmosphäre oder auch für den schmalen Geldbeutel ist das il pomodoro aber immer wieder eine sympathische Wahl.

il pomodoro: Filderstraße 25 – 70180 Stuttgart-Süd

„Ich habe doch Demenz“

In der Samstagvormittagshektik hastet ein Paar an mir vorbei. Ich verstehe nur das letzte Wort seines Satzes, im vorwurfsvollen Ton: „… vergessen.“ Sie antwortet abwehrend. „Ich habe doch Demenz.“

Es klingt nicht nach einem Witz, nicht nach Ironie, nicht nach hämischer Revanche auf eine frühere Bemerkung des Mannes. Die Frau ist jung, 30 vielleicht, kaum älter. Sie wirkt nicht wie eine Alkoholikerin, sie mag ein schlichter Mensch sein, aber sie macht nicht den Eindruck, geistig minderbemittelt zu sein.

War der Satz wirklich ihr Ernst?

Und wenn ja, was bedeutet das?

Gehört sie zu einer bedauernswerten, verschwindend kleinen Minderheit, deren Hirn in jungen Jahren bereits so zerfällt, um „Demenz“ zu diagnostizieren? Oder erhält hier etwas anderes – eine harmlose Gedächtnisschwäche, Unkonzentriertheit, Schusseligkeit, eine gewisse Ferne von der eigenen Lebensmitte – einen klinischen Namen, sauber etikettiert, zweifelsfrei klassifiziert und ist damit – was? Vorwand, eine Entbindung von Selbstverantwortung? Ist es dermaßen verlockend in unserer verwirrenden Gesellschaft, Verantwortung abzulegen, um sich bereits mit 30, 35 Jahren hinter „Demenz“ verschanzen zu müssen?

Als ich weitergehe, habe ich keine Ohren mehr für die Worte um mich herum.

Kalkutta – Ilija Trojanow und Anja Bohnhof, „Stadt der Bücher“

Aus europäischen und insbesondere verwöhnten deutschen Augen betrachtet, sind Bücher aus dem (und für den) indischen Markt von bescheidener materieller Qualität. Und mit Kalkutta verbinden unsere Vorurteile oft schlimmste Armut, einen Sumpf, der alles verschlingt und verdirbt. Und doch blüht in dieser indischen Metropole eine außergewöhnliche Buchkultur: „Rings um die College Street gibt es mehr als fünftausend Buchläden, ein Labyrinth aus Millionen von Büchern; die kleinen, bunten Kioske der Straßenhändler neben riesigen Gewölben mit Druckereien und Verlagshäusern“ (Klappentext).

Ilija Trojanow folgt in kurzen Texten Bücherboten und Papierschneidern, besucht Traditionsverlage der aufklärerischen „Bengal Renaissance“ und hochmoderne Druckereien mit Heidelberger Maschinen, berichtet von literarischen Cafés, in denen die Korrekturleser ihrer Arbeit nachgehen, und dem – nach den USA – zweitgrößten Markt englischsprachiger Literatur und staunt, als auf Anfrage ein Straßenbuchhändler binnen Minuten aus unüberschaubaren Stapeln von bedrucktem Papier eines seiner eigenen Bücher hervorzieht. Begleitet werden diese Streifzüge von den kräftigen, farbenfrohen Fotografien der kleinen Buchläden (leider nicht auch der anderen genannten Orte) der Fotografin Anja Bohnhof.

Ein sehr hübsches Büchlein über eine ganz andere, pulsierende Welt der Bücher.

Ilija Trojanow und Anja Bohnhof, Stadt der Bücher.
© 2012 LangenMüller

http://www.herbig.net/gesamtverzeichnis/bildbaende/einzelansicht/product//stadt-der-buecher.html