Heldenstücke

Stammkunden

„Aber artig sein heute Abend, gell“, reicht der fesche junge Polizist – Öl im Haar, blütenweißes Funkkabel hinterm Ohr – dem Penner, den er eben aus dem Supermarkt eskortiert hat, eine Zigarette. Das Brummeln aus dem Bart ist nicht zu verstehen. Muss es auch nicht, die Sache ist geklärt. „Also dann einen schönen Abend. Ciao!“, verabschieden sich die Polizisten jovial von dem Tattergreis. Es klingt, als würde man sich kennen. „Der kommt wieder“, bestätigt die Bäckereiverkäuferin.

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Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Meine Chefin nimmt mich zur Seite: „Zwei Dinge sind mir aufgefallen.“
Ich stutze und gehe sofort im Kopf durch, ob ich in letzter Zeit irgendetwas bei der Arbeit sträflich vernachlässigt habe.
„Kein Trompetenspiel mehr in letzter Zeit“, fährt sie fort. (Ich übe oft im Verlagskeller.) „Und kein Zeilentiger mehr. Was ist los?“
Chapeau!
„Hört sich eher nach deiner Managerin an“, meint ein Freund später, als ich davon erzähle.

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Erdbeerfalle

Sie geht clever vor. Ich gehe ihr meist aus dem Weg, weil ein Gespräch mit ihr immer – immer! – in hässlichen Lügengeschichten endet. Man könnte auch sagen: in gehässigen, in hassvollen Lügengeschichten. Ich will diese Geschichten nicht hören (und ich will auch nicht wissen, welche sie über mich erzählt). Manchmal aber, wenn meine Ausweichmanöver gar zu lange erfolgreich waren, klingelt es an der Tür und da steht sie mit einem Teller voll Kuchen. Den kann ich schlecht ablehnen. Die Kuchenstücke sind rasch verputzt, der Teller aber steht einige Tage bei mir, bevor ich den Mut fasse, ihn zurückzubringen. Da stehe ich bei ihr und halte ihr den sauberen Teller hin. Und die alte Frau sagt: „Ah, wollen Sie gleich einen neuen Kuchen?“ Und so schleiche ich nach einer Viertelstunde geschlagen und mit zwei neuen Kuchenstücken auf dem Teller zurück bis zur nächsten Übergabe.

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Holothurienpogo

WIZO ist eine Punkband aus Sindelfingen bei Stuttgart. An mir war die Band während ihres rund 20-jährigen Bestehens vorübergegangen, wie Punk meist an mir vorbeigegangen ist. (Blink-182, die genau heute in Stuttgart spielten, waren etwa eine Ausnahme. Der Surfpunk, den die jungen Leute auf dem Weg zum Strand hörten, als sie mich auf einem gottverlassenen kanadischen Waldweg aufsammelten und ein paar Meilen später wieder absetzten, auch.) Seit ein paar Jahren ist WIZO wieder aktiv, diesen Juni hat die Band ein neues Studioalbum veröffentlicht: „Punk gibt′s nicht umsonst! (Teil III)“. Der große Protagonist des Albums: die Seegurke. Ja, wirklich. Die supertolle Seegurke, der cazzo di mare, Held des heutigen Abends. Seegurke!

„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart

a2256488481_2Das Cover kann man als Pose abtun, als billiges Spiel mit der Gewalt. Mir gefällt es, aber ich hatte auch auf einem Wanderurlaub in Norfolk eine ganze Fotoserie toter Tiere – Trail of Dead – gemacht.

„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – unter diesem Motto veröffentlichten 13, nein halt, 12 Bands aus dem Stuttgarter Raum einen Sampler. Exklusiv auf Vinyl (und als Download), in einer 500er-Auflage. Heute war die Release-Party mit Konzerten bei Ratzer Records und bei Second Hand Records. Wer nicht so lange warten wollte, konnte sich die Platte bereits vorab auf dem ESxSW-Festival in Esslingen (oder ganz einfach bei den genannten Plattenhandlungen) besorgen.

Punk, Postpunk, Noiserock, Psychedelic – zwischen diesen Genren wandern die musikalischen Grüße aus Stuttgart: Human Abfall, Levin Goes Lightly, Die Nerven, Karies, Blunt Knives, Melvin Raclette, All diese Gewalt, Wolf Mountains, JFR Moon, Mosquito Ego, Jamhed, Peter Muffin haben ein schwungvolles Repertoire musikalischen Schaffens abseits des wohlbekannten Stuttgarter Sprechgesangs zusammengetragen.

Leider ist ein Wort im vorigen Satz gelogen. Welches? Beginnen wir damit: Der Aufnahmesound ist sehr flach, die Spitzen nach oben und unten sind gekappt. Manchmal kann auch das Ausdrucksmittel sein. Hier korrespondiert die eindimensionale Aufnahme mit den Inhalten. Vieles dürfte ein jungwilder Sampler aus dem Stuttgarter Kessel: mitreißen, verzücken, rocken oder meinetwegen auch einfach schockieren, wie ein in ein Handtuch eingewickeltes Stück Seife dem Zuhörer links und rechts um den Kopf fliegen. Stattdessen legt sich das Handtuch einfach auf den Kopf, da liegt die Seife und tut recht wenig. Am ehesten noch einen Ausdruck zu transportieren scheint mir JFR Moon mit dem Song „Modern Ships“. Insgesamt gebricht es an der mangelnden Authentizität, der Scheibe fehlt es (ich gestehe, jetzt zitiere ich einen Mithörer) an Gesinnung.

Und was haben die Songs mit Stuttgart zu tun? Musikalisch nichts. Nicht mehr, als dass die Bands aus dieser Stadt stammen. Aber selbst das lässt sich nur mittelbar erschließen, denn auf der Plattenhülle fehlen über Band- und Songnamen hinaus Informationen – wer spielt was, wo wurde aufgenommen. Eine Platte wie hingeworfen, bezugslos oder um es anders zu sagen: heimatlos. „Von Heimat kann man nicht sprechen“ – sehr wahr, aber das ist kein konzeptionelles überzeugendes Gemeinsame. Das ist das Versagen des Samplers.

Von Heimat kann man nicht sprechen. 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart. Offizieller Vinyl-Release 20.12.2013