Gottes kleine Krieger – Wojciech Jagielski, „Wanderer der Nacht. Eine Reportage“

Tagsüber, in der hellen Sonne, gehörte Gulu den Erwachsenen. Mit Einbruch der Nacht ging es, von Dämmerung umhüllt, in die Hände der Kinder über.

wandererdernachtSie kommen aus den umliegenden Dörfern und legen sich zum Schlafen in die Straßen der Stadt, im Wissen, dass die Partisanen sie hier, unter den Augen der Garnison, nicht behelligen werden. Draußen aber, in den Flüchtlingslagern des Acholilandes, zittern die Menschen vor Angst, denn nachts ist die Zeit der Partisanen – die Zeit, in der die Kindersoldaten des Rebellenführers Joseph Kony angreifen, um zu plündern und zu zerstören, bestialisch zu töten und die Kinder zu verschleppen: um sie für ihre Lord’s Resistance Army zwangszurekturieren, um die Mädchen den Offizieren zur Frau zu geben. So will es Lakwena, der Heilige Geist, der durch Joseph Kony spricht.

Uganda ist mehr als die Schreckensherrschaft Idi Amins. Das betont der polnische Auslandskorrespondent Wojciech Jagielski entschieden und trotzdem reichen die Wurzeln seiner Gegenwartsreportage „Wanderer der Nacht“ bis in die Zeit des ugandischen Tyrannen zurück. Regiert wird der afrikanische Staat längst von Yoweri Museveni, der – aus dem Exil heraus – am Sturz Idi Amins 1979 beteiligt war, anschließend erneut in den Untergrund ging und nach Jahren des Bürgerkriegs 1986 schließlich Präsident Ugandas wurde – geachtet für seine Erfolge wie die Zurückdrängung der einst katastrophalen HIV-Rate Ugandas, kritisiert für seine Bevormundung der Opposition und den Verwicklungen in den krisengeschüttelten Nachbarländern. Friede in Uganda war aber auch mit Musevenis Machtantritt nicht eingetreten: Im Acholiland im Norden des Staates erhob sich ein junger Widerstandskämpfer, Joseph Kony, gegen die Herrschaft Musevenis, mit dem vagen Ziel, nach seinem Sieg einen Gottesstaat nach den Zehn Geboten zu etablieren.

Während Museveni 2006 eigens die Verfassung ändern lässt, um sich zum dritten Mal als Präsidenschaftskandidat aufstellen zu lassen, dauert der Konflikt im Acholiland bereits 20 Jahre an und hat längst auf die Nachbarländer übergegriffen: auf den Süden Sudans (heute der unabhängige Staat Südsudan), den Kongo, die Zentralafrikanische Republik. Jagielski verfolgt auf seiner Reise die Wahlen, er spricht mit den gegängelten Journalisten und Oppositionspolitikern, mit den Menschen auf der Straße. Aber sein eigentliches Thema findet er in der Tragödie der Kindersoldaten: einer Geschichte von Missbrauch und Bürgerkrieg, in dem Kinder die Hauptleidenden sind – und unter dem Befehl ruchloser Anführer zugleich die Haupttäter stellen.

„Die Kriege auf diesem Kontinent sind in Wahrheit Kinderkriege“, so schrieb schon der große Ryszard Kapuściński (dem praktisch ganz naturgemäß die Rolle eines ‚Ahnherrn‘ seines jüngeren Landsmannes und Kollegen Jagielski zufällt).¹ In Regionen mit jahre- oder jahrezehntelangen Kämpfen suchen die entwurzelten, heimat- oder familienlosen Kinder dort Zuflucht, wo es etwas zu essen gibt, und das ist oft genug bei jenen, die über die Waffen verfügen – den Kriegsherren. Und so wachsen die Kinder selbst in die Rolle von Kämpfenden hinein, bis hin zu Präsidentengarden aus Kindersoldaten wie die des liberianischen Kriegsherrn und (in Den Haag verurteilten) Ex-Präsidenten Charles Taylor: „Lauter Vollwaisen, die ihn sich als ihr einziges Elternteil ausgesucht haben.“² Andere, wie die Opfer des selbsternannten Gottesgesandten Joseph Kony, werden verschleppt, vor die Wahl gestellt, ihre eigenen Angehörigen oder Leidensgenossen zu töten oder selbst zu sterben und so in einen Kreislauf aus Gewalt und Schuld hineingeworfen.

Diesem Konflikt geht Jagielski nach, er besucht Flüchtlingslager im Acholiland, er spricht mit ehemaligen Kindersoldaten in einem Rehabilitierungszentrum, interviewt unter Hausarrest stehende einstige Partisanenführer, nimmt an traditionellen Reinigungsritualen zur Beendigung der übermächtigen Kette aus Gewalt teil – immer dicht an den Menschen, anteilnehmend und verunsichert zugleich. Und manchmal verloren. Und so wirft ihm ein einheimischer Gewährsmann vor: „Du glaubst, du verstehst und weißt alles. Aber eigentlich siehst du nur ein bisschen und auch nur das, was alle sehen. […] Aber das, was wirklich wichtig ist, ohne das man das Ganze nicht verstehen kann, das siehst du nicht.“

Der erste Teil des Buches darf getrost als Meisterwerk einer literarischen Reportage bezeichnet werden: vollendet durchgearbeitet, stilistisch auf einem Niveau, das auch eines erfahrenen Romanciers würdig wäre, und bis zur Besinnungslosigkeit packend. Das einzige, was man dem Autor hier möglicherweise vorwerfen könnte, ist, ob er mit seiner literarischen (auch vor Fiktion nicht scheuenden) Form seiner Reportage nicht zu sehr stilisiert.

Leider lässt „Wanderer der Nacht“ nach seinem fulminanten Start bald nach. Wo Jagielski die Rolle des Erzählers hinter sich lässt und zum reinen Berichterstatter wird, verliert der Text seine eigene Note, seinen Reiz, kleine Inkonsistenzen in den Gedankengängen stören plötzlich. Zwar beeindrucken seine wohltuend uneitlen Einblicke in das Geschäft eines Auslandskorrespondenten – seine Zweifel, seine Unsicherheiten, die augenfälligen Grenzen seiner Macht und seines Wissens inbegriffen –, aber der Text wirkt zusammengestückelt – eine Stoffsammlung, in der sich der Autor immer mehr auf die hastige Wiedergabe fremder Meinungen beschränkt, sich manches im Kreis dreht, einzelne Beschreibungen nichts mehr zum Ganzen beizutragen haben, ein zunehmend uninspirierter, schludriger Text also, kurz Rohmaterial.

Ein unfertiges Buch. Absolut bedauerlich, denn hier wurde etwas verschenkt, was auch über den ersten Teil hinaus hätte großartig sein können. Aber nun, auch der verstorbene Großmeister Kapuściński hat nicht nur Goldeier gelegt.

Museveni hat inzwischen eine weitere Wahl gewonnen und ist bis heute Präsident Ugandas. Und Joseph Kony führt noch immer seine Partisanen durch die Wälder Afrikas. Im April 2013 haben die USA ein Kopfgeld von 5 Millionen US-Dollar auf ihn ausgesetzt.

Wojciech Jagielski: Wanderer der Nacht. Eine Reportage. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. (Originaltitel: Nocni wędrowcy, 2009). 269 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. © Transit Buchverlag, Berlin 2010.

¹ Ryszard Kapuściński, Afrikanisches Fieber. München: Piper, 2001, S. 148.

² Denis Johnson, In der Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt. Berlin: Tropen, 2006, S. 150.

Crema für Frühaufsteher – Das Café Lilly’s

Der Milchschaum ist perfekt, der Kaffee darunter stark, stark wie die Gerade eines Boxers und im Abgang rauchig wie ein Zigarettenzug. Manche halten den Kaffee im Café Lilly’s (die Bohnen stammen aus der stadtbekannten kleinen Rösterei Fröhlich) für den besten in Stuttgart. Wer sich nach dem ersten Schluck hingegen fühlt, als wäre eben eine fremde Armee über die Zunge einmarschiert, findet in einem Glas Tee aus frischer, aufgebrühter Minze eine dankbare Alternative.

Das Lilly’s ist eines der wenigen Stuttgarter Cafés, das um 7 Uhr morgens bereits geöffnet hat. Die Einrichtung zeigt sich eher bodenständig und geradlinig: ein kleines, absolut sauberes Café mit altmodisch anmutendem Tapetenmuster, einem üppigen Glaslüster an der Decke und hohen Tischen mit Hockern. Die Glasfront geht hinaus auf die verkehrsreiche Rotebühlstraße, nicht gerade ein Schmuckstück des Stuttgarter Westens, eine S-Bahn-Haltestelle liegt gleich ums Eck. Der Aussicht auf das quadratische Nachkriegsgrau wegen kommt man nicht ins Lilly’s.

Was das Ambiente missen lässt, macht der Betreiber des Cafés wieder wett. Markus, kurzärmelig im grauen Polohemd oder Johnny Cash-T-Shirt, die Arme hoch bis zum Saum tätowiert, gehört zu jenen bewundernswerten Zeitgenossen, denen gute Laune und Freundlichkeit zu jeder Tageszeit leicht fallen – nicht die Sorte überbordender Frohnatur wohlgemerkt, die mancher Morgenmuffel gerne erschießen würde, sondern unaufdringlich und aufmerksam.

Es ist Samstagmittag und dunkel wie vor einem stillen Weltuntergang, der Himmel eine graue Wand, gegen die man zu stoßen droht, der erste Schnee der Saison liegt in der Luft. Schwer, erwartungsvoll und leise ist die Welt da draußen, nur die Automotoren dröhnen auf der Rotebühlstraße. Drinnen im Lilly’s läuft gedämpft Blues. Auch um diese Tageszeit ist das Café nicht überfüllt. Markus bereitet hinter der Theke eine Mahlzeit vor: Leckere, würzige Panini und Sandwiches bietet das Lilly’s, dazu Wraps, Rühreier, Salate und verschiedene Croissants.

Ich blicke mich um und suche nach den letzten Zeilen. Das Lilly`s – kein Café für die Generation der Latte-Macchiato-Mütter, kein studentisches Flair, eher ein Männercafé, wo sich die Vierzigjährigen auf eine Zigarette mit dem Chef vor der Tür treffen, wo Geschäftsleute einen Coffee to go holen oder vielleicht auch mal ein junges Mädchen seinen Frust beim freundlichen Chef abzuladen versucht.

Geschneit hat es dann übrigens doch nicht mehr.

Café Lilly`s: Rotebühlstraße 44 – 70178 Stuttgart-West

Das Lilly’s kann auch privat angemietet werden.

Junges Blut, reifer Tag

Der Abend taucht, scheint es, selbst die Blutspendezentrale in Milde. Draußen dunkelt der Herbst, drinnen ist nichts zu spüren von der Hektik, die hier morgens herrscht, nichts von der Unrast des jungen Tages, der noch so viel will, so viel muss, nichts von der unterschwelligen Aggressivität einer Schwester, die aus der Nachtschicht noch übrig geblieben ist. Noch sind die Warteplätze im Gang belegt, aber die Schwestern wissen, der Spenderstrom wird für heute bald versiegen. Eine Gelassenheit liegt in ihren Gesichtern, ein letzter Lichtschimmer glüht am wolkigen Horizont. Und die jungen Männer auf den Liegen scherzen mit den nicht mehr ganz so jungen Schwestern.

Ein Mann hat seine kleine Tochter dabei. Während das Blut aus seiner Vene pumpt, kuschelt sie sich, einen Plüschhund in den Armen, zwischen den Beinen ihres Vaters. Sein linkes Knie ist etwas angezogen, zu einer Bucht geformt, das Kind schmiegt seinen Rücken in die Beuge des Beins. Eine Schwester setzt sich neben die beiden, die Erwachsenen beginnen eine Unterhaltung, über den Familienalltag, über das geduldige Mädchen. Sie lachen, der Mann zieht seine Linke hinter dem Kopf hervor und streicht dem Mädchen zärtlich übers Haar.

Als der Blutbeutel gefüllt ist, dreht sich die Tochter herum und beugt sich nach vorne. Ganz genau mustert sie, was da mit dem Arm ihres Vaters passiert: Schlauch abgeklemmt, Nadel herausgezogen, Pflaster aufgedrückt. Scheu zeigt sie keine, nicht die Nadel, noch das Blut machen sie nervös. Sie beugt sich noch weiter vor, ihre Hose rutscht ihr halb übers bloße Gesäß herab, sie merkt es nicht einmal vor Neugier.

Der Mann lässt sich Zeit. In aller Ruhe presst er das Pflaster in seine Ellbeuge, er spricht mit der Tochter, er spricht mit der Schwester. Den Bon für die Aufwandsentschädigung darf die Kleine in Gewahrsam nehmen. „Aber nicht knicken!“, ruft der Vater, als sie nach dem Zettel schnappt. Sie mustert die ihr unverständlichen Zeichen auf dem Stück Papier und fragt ihren Vater nach deren Sinn. Er liest ihr laut vor. Das Mädchen, aufgerichtet, eine Hand auf den Hund, die andere auf das Bein des Mannes gestützt, lauscht hellwach. Märchenstunde in der Blutspendezentrale. Die Schwestern sind entzückt.

Meine Nummer wird aufgerufen. Als ich mich auf meiner Liege ausstrecke und den Hemdsärmel hochkremple, fühle ich mich zum ersten Mal an diesem Tag entspannt. Für einen Augenblick schließe ich die Augen. Ich höre die Stimmen des Vaters und seiner Tochter gegenüber, warte auf die Nadel und lächle.

„Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt!“ – „Gravity“ versus Bradbury: zwei Entwürfe der ultimativen menschlichen Ausgeliefertheit

„Der erste Stoß schnitt die Seite des Raumschiffs wie mit einem riesigen Büchsenöffner auf.“ Das ist die Urkatastrophe in Ray Bradburys Kurzgeschichte „Kaleidoskop“ (Teil seines „Illustrierten Mannes“) und sie wird nicht weiter erläutert, nicht erklärt, sie ist einfach geschehen. Und nun treiben die Astronauten in ihren Raumanzügen hilflos durchs All, jeder von der Schubkraft der Explosion in eine andere Richtung hinein in das dunkle Meer geschleudert. Der Funk ist das einzige, was diese Schiffbrüchigen in ihrem endlosen Fall noch miteinander verbindet – der letzte Beweis ihrer Existenz, ihres Menschseins. Und aus diesem Funkverkehr spinnt sich ein Faden aus Angst, Wut, Gemeinheit und Vergebung, bis auch er schließlich zusammenbricht und jeder allein ist mit der Unendlichkeit des Weltalls.

Recht ähnlich ist die Ausgangssituation im neuesten Kinofilm von Alfonso Cuarón, Schöpfer der Gänsehaut erregenden Dystopie „Children of Men“. Ein Space Shuttle wird in der Erdumlaufbahn vom Weltraumschrott zerfetzt. Zwei Besatzungsmitglieder – gespielt von Sandra Bullock und George Clooney – überleben und trudeln in ihren Anzügen durch den kalten Weltraum. Ihre einzige Hoffnung ist, eine nahe Raumstation im Orbit zu erreichen und mit einer Raumkapsel zur Mutter Erde zurückzukehren – bevor der Sauerstoff des Anzugs ausgeht, die Energie der Schubdüsen erlischt, ihnen die Satellitentrümmer auf ihrer Umlaufbahn erneut begegnen, sie schlicht Todesangst überwältigt oder ganz banal ein falscher Schubvektor sie rettungslos tiefer ins All stürzt. Ein Wettlauf voller Katastrophen beginnt, ein Überlebenskampf gegen den einsamsten aller Tode, während unter ihnen die heimatliche Erde in all ihrer Pracht prangt – so schön, so unerreichbar.

Die Kritiker der großen Medien überschlagen sich vor Begeisterung, von neuen Maßstäben für das Kino des 21. Jahrhunderts ist die Rede, von einem möglichen Oscar für Sandra Bullock wird geschwärmt und der Film spielt – erstaunlich bei einem Kammerstück, das 90 Minuten im freien Weltraum spielt – Rekordsummen ein. Nachvollziehbar? Nein. Denn Cuarón, der „pures Kino“ schaffen wollte, wie er auf einem Interview von Spiegel Online gesteht, ist auf dem mühsamen, mehrjährigen Weg des Filmdrehs der Verlockung der Technik und damit einem Primat der Äußerlichkeit erlegen. Atemberaubende 3D-Aufnahmen in der beeindruckend simulierten Schwerelosigkeit machen das Herz des Filmes aus, nicht die Geschichte, und der Zuschauer wird von den Sinneseindrücken und ganz besonders einer überbordenden Tonkulisse aus Musik und Sound erschlagen. Die hohe Kunst des Erzählens, sie kommt dabei zu kurz. Und obwohl manche Momente wirklich tief berühren („Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt“ ist, weiß man um den Kontext der Handlung, einer davon) und obwohl lange Sequenzen schlicht fingernägelkauend aufreibend sind, bleibt der Film letztlich als Ganzes – hohl. Und damit lästig. Nach „Children of Men“ und den verheißungsvollen Kritiken eine Enttäuschung.

Ganz anders zeigt sich der Altmeister der SF-Erzählungen Ray Bradbury in seinem „Kaleidoskop“. Die unerträgliche Macht des Weltraums wird in nur wenigen, doch wirkungsvollen Sätzen skizziert, nicht mehr als ein paar knappe, unbarmherzige Federstriche. Nicht eine „Überwältigungskulisse“ für die Sinne (ich fürchte, der Filmkritiker meinte seine Worte positiv) macht die Geschichte aus. Sondern was in diesen Menschen vorgeht, was in ihnen bloßgelegt wird, während sie durchs Weltall in den Tod treiben, mit jedem Augenblick weiter voneinander getrennt; in ihrer Lebensrekapitulation, in den Funkgesprächen der Verlorenen, in all der Erbärmlichkeit und der Würde des Lebens. Auf nur 13 Seiten entwirft Bradbury sein „Kaleidospok“, so atemberaubend, todtraurig und wunderschön, dass einem die Tränen kommen könnten. Ja, weint, weint, während die Astronauten tiefer fallen, fallen, fallen!

„Gravity“. Regie: Alfonso Cuarón. Mit Sandra Bullock, George Clooney. 90 min. 2013.

Ray Bradbury, Kaleidoskop, in: ders., Der illustrierte Mann. Aus dem Amerikanischen von Peter Naujack. (Originaltitel: Kaleidoscope, in: The Illustrated Man 1951). Diogenes © 1962, 1973 Diogenes Verlag, Zürich.

Das Taufwasser der Korruption – Ivica Djikić, „Ich träumte von Elefanten“

9783888978807_DjikicSie haben es wieder einmal geschafft: die Kausalkette des perfekten Buchmarketings von der Covergestaltung (ein großartiger Blickfänger) hin zum Titel und über den Rückentext bis zum Kauf, unabwendbar wie eine einmal in Gang gesetzte atomare Kettenreaktion. Und, auch das gehört dazu, einem überzeugenden Inhalt, der ausreichend genug das hält, was die Verpackung verspricht, so viel bereits vorab. Glückwunsch, Antje Kunstmann Verlag für die deutschsprachige Ausgabe von „Ich träumte von Elefanten“.

„In den Nachrichten erfuhr ich vom Tod meines heimlichen Vaters.“ Andrija Sučić, ehemaliger Elitesoldat des kroatischen Unabhängigkeitskrieges und Leibwächter des Präsidenten, wird vor seiner eigenen Haustür erschossen. Denn er hatte das Schweigen gebrochen, das kollektive Schweigen über die Verbrechen, welche Pate standen bei der Geburt des jungen Staates: ethnische Säuberungen, Hinrichtungen, Massengräber.

Sein unehelicher Sohn Boško Krstanović, Mitglied des nationalen Sicherheitsdienstes, beginnt auf eigene Faust nach den Tätern zu ermitteln und stößt zögerlich in ein Dickicht aus Korruption und Verstrickung vor. Ein Filz aus Politik, Justiz, Militär und organisierter Kriminalität durchdringt die Republik von den rauchigen Kellern der Halbwelt bis in höchste Regierungsämter: Staatsanwälte, die zu Beratern der Mafia mutieren; Verbrecher als Handlanger des präsidialen Büros; ein Geheimdienst, der Drogen verschiebt; ehemalige Unabhängigkeitskämpfer, die als Berufskiller ein neues Profil finden. Niemand in diesem Spiel der Macht bleibt sauber – das muss schließlich auch der verunsicherte Geheimdienstler Boško erfahren.

Der Journalist Djikić legt mit „Ich träumte von Elefanten“ einen recht packenden, stilistisch sicheren Roman vor, keinen Politthriller, sondern ein raffiniertes literarisches Arrangement vielfältig wechselnder Perspektiven und Zeitebenen (von den letzten Jahren Jugoslawiens bis zum Tode des ersten kroatischen Präsidenten Tudjmans 1999). Dass die Romanhandlung dabei manche Fragen offen lässt, ist angesichts des komplexen Themas nicht verwunderlich und jedenfalls zielführender als ein Versuch, dieses Geflecht in eine runde literarische Form zwingen zu wollen. Hilfreich erweist sich in diesem Labyrinth, dass der Autor über seine vielschichtigen, menschlichen Figuren den Leser immer wieder an den Puls der Geschichte zurückzubringt, die andernfalls als Thema vielleicht zu groß geraten wäre.

„Ich träumte von Elefanten“ wirft ein düsteres Licht auf die frühen Jahre der kroatischen Republik. Am Ende findet der Staatsgründer seine Grabstätte neben seinem ermordeten Leibwächter (und geständigen Kriegsverbrecher). Deutlicher kann das bittere Resümee Djikićs nicht ausfallen.

Ivica Djikić, Ich träumte von Elefanten. Aus dem Kroatischen von Patrik Alac. (Originaltitel: Sanjao sam slonove, 2011). 236 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag oder als E-Book. © Verlag Antje Kunstmann, München 2013.

Ländliche Reize

Ein Traktor mit Anhänger brettert mit voller Kraft auf das Gelände der BayWa, am Steuer hoch oben eine hübsche Pferdeschwanzträgerin mit Tätowierung auf dem trotz Oktoberluft nackten Schulterblatt. Die Feel* bringt das Fahrzeug vor dem Laden der landwirtschaftlichen Genossenschaft mühelos zum Stehen und steigt mit der leichtfüßigen Eleganz eines jungen Revolverhelden ab. Welch Schwung, welche Entschlossenheit!

Augenblicklich überfällt mich das Bedürfnis, bei meinem nächsten Heimataufenthalt wieder bei der BayWa nach irgendeinem Werkzeug zu fragen. Nach Äxten und karierten Hemden vielleicht. Davon kann ein Mann ja im Grunde nie zu viele haben.

* Feel, Föhl: Allgäurisch für „Mädchen“, vermutlich ein lateinisches Überbleibsel (filia = „Tochter“). Fast 500 Jahre römischer Herrschaft in Rätien haben eben doch ihre Spuren hinterlassen …