Frechdachs mit U-Boot – Das argentinische Caféhaus Chiquilín

Kaum habe ich meine Kaffeetasse abgestellt, fallen schwer zwei Hände auf meine Schultern. Sie haben mich.

An einer ruhigen Kreuzung des Stuttgarter Westens liegt das Restaurant und Café Chiquilín. Dort, wo sich die Gutenberg- und die Rötestraße schneiden, ziehen sich in alle vier Himmelsrichtungen die geliebten Gründerzeithäuser hin. Eines der Eckhäuser, die Regenbogenfahne über der Tür, beherbergt etwas geheimnisvoll das GOK (ein privater Schwulenclub in einer ehemaligen Metzgerei), im Uhrzeigersinn folgen ein Brautstudio, eine Arztpraxis und das Chiquilín.

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Vegetarische Empanada de acelga

Bei gutem Wetter stehen ein paar Holztische vor dem „Frechdachs“ (so der Name auf Deutsch), ein Aushang kündet von gelegentlicher Livemusik (nicht nur argentinischer Tango, auch brasilianischer Choro wird geboten), die Karte verspricht wochenends reichhaltige Frühstücksvarianten bis 17 Uhr – ein Paradies für Spätaufsteher.

„Weiß gar nicht, was man so in Argentinien isst, außer argentinisches Rind“, meint ein Freund, als ich das Chiquilín erwähne. Weit mehr als Steaks, wie das Caféhaus beweist. Die Einwanderer haben Einflüsse aus zahlreichen Ländern eingebracht, ein wichtiger Impuls kommt aus der italienischen Küche.

Der klassischen Vorstellungen recht nahe kommen dürfte die Milanesa, ein dünnes Schnitzel nach argentinischer Art aus der Rinderhüfte (auf Wunsch auch mit Süßkartoffelbrei statt Pommes als Beilage). Rustikal der Guiso de Quinoa, ein Eintopf mit Hühnchen, grünen Bohnen, Mais, Kartoffeln, Karotten und Tomaten, verfeinert mit frischer Minze und Koriander – genau das Richtige nach einem kalten, windigen Tag in der Pampa oder den Bergen. Ganz ‚südländisches‘ Flair hingegen haben die Albóndegas en salsa de tomate, kräftig gewürzte Hackfleischbällchen in Tomatensoße. Und darf es ein Callia Alta Chardonnay mit einer Note nach reifen Bananen, gerösteten Mandeln, Pfirsich und Honig dazu sein? Oder lieber ein tiefroter Calderón Merlot mit kirschroten Reflexen und einer Ahnung von Kirsche und Pflaume? Weine aus Argentinien, Chile, Spanien und Italien stehen auf der Karte.

Nicht nur Mittagstisch oder deftiges Abendessen bietet das Chiquilín, auch für eine leichte Mahlzeit lohnt der Besuch: vielleicht einer Empanada (einer gefüllten Teigtasche) und einem anschließenden Submarino (das U-Boot ist ein Stückchen Schokolade in heißer Milch) oder einem Café con leche (überraschend groß, eher ein französischer Milchkaffee als ein spanischer) zu einem Stückchen aus der verlockenden Kuchentheke oder einem köstlichen Alfajor aus bröckeligem Maismehlteig und einer Füllung aus Milchkaramel.

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Ausklang mit Genuss

Mehr noch als durch das Essen (gut, wenn auch nicht immer bestechend) überzeugt das Chiquilín durch sein Ambiente. Es ist ein angenehmer Kontrast aus dem kompromisslosen schwarzweißen Fließenmuster des Bodens und den Monochromfotografien an den Wänden – Straßenszenen aus Buenos Aires – auf der einen Seite und dem warmen Terrakottarot der Wände, dem Holz der freistehenden Balken, den gestapelten Weinkisten hinter der Theke, die als Regal für die glitzernden Gläser dienen, den Zimmerpalmen auf den Fensterbrettern auf der anderen.

Es ist doch immer wieder beruhigend, nicht in einem totalitären Geheimdienststaat zu leben. Die Hände auf meinen Schultern gehören einem Freund, der mit seiner Frau (wir kennen uns alle aus der Verlagsbranche) im nahen Tarte & Törtchen essen war. Und während wir uns noch unterhalten, kommt ein Ex-Kollege aus einem anderen Verlag die Straße herunter. „Mensch, hier sieht man ja ein bekanntes Gesicht nach dem anderen“, rufe ich ihm zu. „Deshalb wohnt man ja auch im Westen“, gibt er zurück.

Es ist Abend. Canelones mit einer Spinat-Ricotta-Walnuss-Füllung, ein apulischer Primitivo (Vanille, Rosmarin) und zum Abschluss ein Cortado – ein kraftvoller, runder Geschmack. Fast möchte ich zu rauchen beginnen. Die Hesperidina, ein argentinischer Orangenlikör, wird auf das nächste Mal verschoben. Dämmerung senkt sich über die Stadt und der spanischsprachige Kellner hat Feierabend, er wird von Freunden abgeholt und dribbelt einen Fußball mit der Hand, Freude im Gesicht. Die steht auch in meinem Gesicht.

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Chiquilín: Gutenbergstraße 87 – 70197 Stuttgart (Haltestelle Schwabstraße)

 

 

 

 

Tanzen

„Wovor hast du Angst? Dass dir die Noten vom Papier ins Gesicht springen und dich auffressen?“, fragt der Trompetenlehrer und dreht sich erst einmal eine Kippe.

Unerwartet tun sich ein paar freie Stunden auf und ich stecke zwei Bücher ein. Zwei, das ist wichtig. Bei Büchern sollte man immer eine Wahl haben. Auf halbem Weg zur Abendsonne entscheide ich mich urplötzlich um. Ich wähle eine Telefonnummer ein Stück weiter unten in der Straße und habe Glück.

Fünf Minuten später betrete ich das Zauberreich. Ein vietnamesischer Kaffee wird mir zur Begrüßung gereicht, er duftet – frei von jedem Zusatz – ungeheuer aromatisch (nussig, Macadamia mit einem Hauch Vanille) und schmeckt kräftig und geradeheraus, weniger verspielt, als der Duft vermuten lässt. Dann greife ich nach Kachori, indischen Gewürzbällchen. Die Zähne brechen die dünne Hülle auf, zermalmen das weiche Innere, setzen den Geschmack der Gewürze frei, lösen eine Explosion an Geschmäckern aus, Gaumeneruptionen einer Tropensonne, und erst wenn die süßlichwürzige Masse geschluckt ist, erst dann flammt die Schärfe wirklich auf – die Glückseligkeit nach dem Liebesspiel. Ich sitze im Sessel in der Mitte des Raumes und lausche den Bässen der Musik und spüre das Koffein in den Adern pulsieren und auf der Zunge tanzen die Genüsse eines Kontinents und der Kopf kippt in Zeitlupenschritten nach hinten, als wäre ich bekifft, und mein Leib ist ein Kessel aus geschmolzenem Gold.

Wir teilen uns den Tsipouro Schluck für Schluck aus der grünen Flasche. Hinter dem Etikett mit den kyrillischen Lettern verbarg sich einmal irgendein zuckerhaltiges Erfrischungsgetränk, jetzt schwappt hausgemachter griechischer Schnaps in dem Behältnis. Wie ein Spürhund springt der Gastgeber immer wieder auf und folgt unsichtbaren Fährten, blättert in den Schallplatten oder leuchtet mit der Lampe ins CD-Regal, um das nächste Stück zu finden. Denn es wird immer nur ein ausgesuchtes Lied pro Album gespielt, das ist ihm Ehrensache.

Inzwischen setzt er sich schon gar nicht mehr in seinen Sessel. Und wieder hat er eine neue Scheibe aus seinen tausendfachen Beständen gezogen, zieht weißes Vinyl aus seiner glatten Hülle, er rückt auf und hält mir die Scheibe entgegen wie eine Offerte. „Du bist dir schon im Klaren, dass wir auf ein Tanz-Event zusteuern?“, sagt der Verführer. Ich lache und sage, ja, das wisse ich.

Gelb leuchtet das Schild des nahen Baukrans auf im dunkelnden Abend, Rauchschwaden flimmern in dem gebündelten Lichtstrahl, der sich an der Decke bricht und als tanzende Leopardenflecken über Wände und Boden wandert, leichtfüßigen Panthergeckos gleich. Die Limoflasche Tsipouro ist längst Bodenseewasser aus der Bierflasche gewichen, wie wir den Raum ausmessen mit unseren Schritten. Und dann der Höhepunkt mit Perennial Divide, den „göttlichen“, wie er sagt. Die Wilde Jagd ist los, eine Kreissäge angeworfen, Stukas im Sturzflug, Schläfenschweiß, Tanz der Wolfsschamanen.

Die Füße kommen nicht zur Ruhe, der Zauber ist ausgesprochen, 13 Minuten lang treibt sie „Voodoo“ von Indoor Life über den rauen Teppich, hypnotischer New Wave, die Gitarre schwingt, fliegt, schneidet, der Gesang steigert sich in Ausbrüche, man weiß nicht, ist es Leiden, ist es Lust.

Aber es ist erst Mitte der Woche und Eskalation unklug. In Martis „Unmade Beds“, Dark Rock aus Genua, ist der Sturm vorbei, das Bett zerwühlt, das Gefühl voll. Dann wird auch das Herz ruhiger zu Mr. Cloudy, „Night Shining Star“, ruhigem Dubtechno aus Russland, eine nächtliche Musik, es ist der Blick in den Sternenhimmel, zur reduzierten Bassdrum werden die Bewegungen sparsamer, minimalistisch, aber zehnminutenendlos und rein wie die keplerschen Sphärenbahnen. Der letzte Song, „Transitional Objects (No Gravity Version)“ von Davor Ostojic hat noch Beat, doch er treibt nicht mehr zu Tanzwut an, er ist ein strenges Stück Kammermusik, E-Musik jenseits der Klassik, und lädt den kühlen Intellekt wieder auf den Thron. Es ist vorbei.

Und ich trage, ein Thymian-Bonbon im Mund, die beiden Bücher wieder nach Hause.

Flat White am Marienplatz

Wenn man in den Armen der nächsten Sommergrippe aufwacht, bekommt der Tag etwas Zweifelhaftes. Ist man dabei noch munter genug, zu einem sonnigen Café zu stolpern, um dort einen erstklassigen Kaffee zu genießen, vielleicht einen hausgemachten Brownie dazu, sieht das schon wieder etwas anders aus.

Der August, dieser kühle, nasse, wolkige Irrtum, der nachts Zehen Trost an Wärmflaschen suchen ließ, dieser Herbst von einem August hatte der Wohlfühlzone am Marienplatz neue Räume eröffnet. Zwei Türen neben dem wohlvertrauten Café Kaiserbau hatte das Condesa, Café & Bar, eröffnet. Als Zwischennutzung vorerst, wo im letzten Jahr noch eine Bierkaschemme ihre Heimat hatte. Auch das ist wohl Gentrifizierung.

Es ist alles sehr schlicht, sehr einfach im Selbstbedienungscafé Condesa. Natürlich, schon die ungewisse Zukunft legt den zweideutigen Charme des Verzichts nahe. Drinnen kahle Holzplatten und Lampenschirme aus angeschlagenem Metall, rissige Brettertische und wippende Holzbänke draußen. Und eine Karte, die so überschaubar wie exklusiv ist. Modegetränke wie ein Flat White (ein Cappuccino mit weniger stark aufgeschäumter Milch) allein definieren nicht Güte, aber die Bohne tut‘s: Die sizilianische Röstung Ionia aus der kleinen La Marzocco-Maschine ergibt einen hervorragenden Espresso.

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Zwischennutzung mit Vogeldreck, Koffeinspiegelerhöhung und Retrolektüre.

Das ist dann doch ein Argument, sich mitten in diese Hipsterzone zu setzen. An manchen Tagen kann man es spüren wie eine unsichtbare Wand und diese Nichtblicke: Du bist uncool, du gehörst nicht dazu. Das kann man getrost ignorieren, denn Hipster beißen nicht und das Team ist meistens frisch und motiviert genug, eine Antwort mit einem Lächeln zu verzieren  − und verzichtet auf die Ich-habe-keinen-Schimmer-und-es-interessiert-mich-auch-nicht-Haltung, die zumindest manche im Café Kaiserbau gegenüber den Gästen zur Schau stellen.

Und nur kurz nach dem Condesa hatte − endlich − auch die Pizzeria L.A. Signorina eröffnet. Damit hat das expandierende Café Kaiserbau Flankenunterstützung gleich von beiden Seiten: auf der einen mit der Gelateria, die (bis zur Erbringung des Gegenbeweises) eine der beiden besten und zugleich teuersten Eisdielen Stuttgarts ist, auf der anderen die neue Pizzeria. Bierbänke und -tische in Gelb, Orange und Hellgrün sprenkeln den Vorplatz bunt, ein Maler streicht noch den Türrahmen, während der Steinofen längst in Betrieb ist, das Interieur ist einfach gehalten.

Die Pizza hat einen unfassbar luftigen, leichten und zugleich knusprigen Teig, ganz phänomenal − und schmeckt ansonsten sehr langweilig. Die Verwendung von Salz scheint strengstens verboten zu sein, die Mozzarellascheiben bilden verwaschene Ovale auf der Pizza, der Belag der Margherita (die doch eigentlich allen Pizzagenuss im Kern bereits beinhalten sollte) ist ein geschmackliches Nichts. Vorschnell geurteilt? Andere loben die Pizza in den Himmel? (Ja, tun sie wirklich.) Von wegen, ein zweiter Versuch bestätigt das erste Urteil. Dieses Mal eine Pizza aus der Familie bianca, die Zutaten der „Rodeo“ klingen nach Geschmack, nach frischer Würze, nach Genuss. Und ist dann ungefähr so aufregend wie ein Ritt auf einem toten Esel.

Noch ein Cortado am Condesa. Der Morgen sinkt dahin, der Marienplatz füllt sich. Ein Schlacks in hautenger schwarzer Lederhose und Blümchenweste über dem nackten tätowierten Oberkörper eilt vorüber. Mit einer effiminierten Handbewegung wischt er sich über den kahlgeschorenen Kopf. Mich wundert, dass er nicht barfuß läuft. Hinter ihm passieren zwei muskelbepackte Radfahrer mit schweren amerikanischen Zungen die Glascontainer und bremsen vor dem Bike Sport, einem soliden Fahrradladen, der die Genusszeile am Marienplatz zur stetig rauschenden Hauptstätter Straße (einst der Weg zum Richtplatz) abschließt, so wie es die Filiale der BW Bank auf der anderen Seite zur Tübinger Straße hin tut, dort wo ich den ersten Notruf meines Lebens abgegeben hatte, merkwürdigerweise nur wenige Tage nach meinem ersten Anruf bei der Polizei wegen dieser Koffersache da.

Gegenüber, an der niedrigen Steinmauer zum eigentlichen Marienplatz, sitzen wie immer die Verlorenen, nein, es sind keine Penner, es hat keine zerschlissenen Klamotten, aber die Bierflasche schon morgens am gezeichneten Gesicht und immer den obligatorischen schwarzen Hund zu Füßen. Hinter ihnen ruckelt der gelbe Wagen der Zacke an, die Zahnradbahn arbeitet sich den Berg nach Degerloch empor, die Wolken fressen die Sonne und spucken sie wieder aus.

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Die hausgemachte Limonade ist ausgetrunken.

Die beiden Studentinnen neben mir unterhalten sich mit erstaunlichen Nichtigkeiten auf beste Weise. Auf den Hinweis ihres Begleiters, der Tee sei aus, antwortet eine Frau „Wie kann das bitte sein, der Tee ist aus. Kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn?“ und ich verkneife mir eine dumme Bemerkung. Ein Ball trifft ein Rad, das an das Eisenrund um eine sich schon bräunende Kastanie gebunden ist. Er bringt das Fahrrad in Bewegung, es weicht zurück, legt sich schief, soviel Spielraum lässt die Absperrkette zu. Ich fürchte einen Sturz, aber der Lenker auf dem Eisenrund fängt es ab. Und ein Junge kommt grinsend dem Ball hinterher, der es irgendwie über das viele Meter hohe Metallgitter des harten, kleinen Sportplatzes geschafft hatte.

Ich fühle mich besser und will verharren, um den Körper weiter träumen zu lassen, aber es zieht mich weiter. Und so gehe ich über den Platz, an den Seelenfängern und Unterschriftenschindern vorbei, dorthin wo die Treppen hinabführen zur Stadtbahn, das, was sich in der Kesselstadt großspurig U-Bahn nennt − zu stark für eine Straßenbahn, zu schwach für eine Metro, hier unter die Erde gelegt, dort auf offener Straße, ein Wechselspiel zwischen Licht und Dunkel, wie der Himmel, wie mein Kopf.

Nachtrag November: Manchmal sollte man eine dritte Chance einräumen. Und siehe da, die Pizza mit Süßkartoffeln, Chorizos und Orangenöl war schlicht fantastisch und nicht einmal das Salz hat gefehlt. Was soll ich sagen: Ich freue mich auf den nächsten Besuch.

Ludwigsburg Museum − Von der barocken Idealstadt zum freien Raum schlechthin

ludwigsburg museum_9783899862003Über dem kleinen Städtchen Murrhardt − etwa 40 Kilometer von Stuttgart entfernt zwischen den Hügeln des Schwäbisch-Fränkischen Waldes − thront eine der schönsten und besterhaltensten Jugendstilvillen Deutschlands. Die Villa Franck, benannt nach dem einstigen Ludwigsburger Kaffeefabrikanten Robert Franck, wird dem unbedarften Wanderer zur Epiphanie: der in der ländlichen Idylle unerwarteten Erscheinung eines hochherrschaftlichen Ausdrucks wilhelminischen Großbürgertums.

Die Industriellenfamilie Franck hat nicht nur im beschaulichen Murrhardt bis heute wahrnehmbare Spuren hinterlassen, sondern war an ihrem wirtschaftlichen Wirkungsort Ludwigsburg geradezu sprichwörtlich geworden mit dem „Ludwigsburger Gschmäckle“ − dem Röstaroma der Zichorienfabrik, das bis heute (der Caro-Kaffee ist längst Teil des Nestlé-Konzerns) bei Westwind in Ludwigsburg zu erschnuppern ist. Der Ersatzkaffee steht für eine württembergische Erfolgsgeschichte der Industrialisierung. 1868 in Ludwigsburg angesiedelt, machte Franck den Ersatzkaffee zu einem Massenprodukt mit internationalem Vertrieb und schuf mit seiner Handmühle für den ‚kleinen Mann‘ die erste Schutzmarke der Welt. Als einer der wichtigsten Arbeitgeber vor Ort formte die paternalistische Kaffeemittelfabrik aber auch das neue Gesicht der ehemaligen württembergischen Residenzstadt: Das Stadtbild sollte ‚arbeiterfrei‘ sein, Arbeiterfamilien daher im ländlichen Umland siedeln und als mit „Fersengeld“ ausgestattete Fußpendler täglich in die Fabriken ein- und ausziehen.

Die Bedeutung der Familie Franck für Ludwigsburg ist nur eine von vielen Facetten der noch jungen Stadtgeschichte, die seit 2013 im völlig neu konzipierten Stadtmuseum bzw. seit diesem März in der begleitenden Buchpublikation „Ludwigsburg Museum“ des Verlags avedition nachvollziehbar wird.

Während Stuttgart noch auf sein Stadtmuseum wartet (der Umbau ist in Gange), hatte das benachbarte Ludwigsburg mit dem MIK (Museum Information Kunst) bereits sein modernes Museum innerhalb barocker Mauern erhalten. Ein Grundanliegen ist, dass das MIK mehr als nur ein Museum darstellt. Das städtische Kultur- und Informationszentrum beherbergt neben dem Ludwigsburg Museum den Kunstverein, die Touristinformation der Stadt und ein Café „Zichorie“. Damit holt das Museum die Stadt der Gegenwart in die eigenen Mauern und wird wie diese zum Raum, „in dem Ereignisse und Haltungen aufeinander treffen dürfen“. Es erhebt damit den Anspruch, Stadt und Museum wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verschränken, also die Trennung von Innen und Außen, letztlich von Subjekt und Objekt (dafür sprechen auch die ausgestellten Porträtfotografien von Bewohnern Ludwigsburgs) aufzuheben.

Rund 25 000 Sammlungsstücke zur Kulturgeschichte Baden-Württembergs umfassen die Bestände, davon zeigt die Dauerausstellung 500 Stücke aus der 300-jährigen Geschichte der Planstadt Ludwigsburg. Kernstück der Ausstellung sind sechs thematisch konzipierte Räume: „Guter Fürst“ (über die Erbauung von Schloss Ludwigsburg als Keimzelle der Stadt), „Idealstadt“ (die Gründung einer ‚idealen‘ Stadt in der Nähe des Schlosses ab 1709 durch die württembergischen Landesherren), „Musensitz“ (der großen Geister der Stadt wie Friedrich Schiller, Eduard Mörike, Justinus Kerner oder David Friedrich Strauß), „Neuerfindung“ (im Zuge der Industrialisierung und dank vieler mit Ludwigsburg verbundener Erfindungen, die zu Klassikern der Moderne wurden, darunter Aspirin, Botox oder die Handbohrmaschine), „Soldatenstadt“ (von 1737 bis 1994 war der Ort Garnisonsstadt) und „Bürgerstadt“ (in dem das Selbstverständnis der Bewohner von der Zeit des Nationalsozialismus bis heute hinterfragt wird). Die Exponate stehen für sich, Erläuterungen sind von den Ausstellungsstücken räumlich getrennt: Anregung zur Eigeninterpretation − das fordert bereits das „Stadtbild“ im Eingangsbereich des MIK. Das Museum versteht sich damit nicht länger als ein Raum, der dem Bürger als Adressaten Modellentwürfe von Geschichte und Gesellschaft anbietet, sondern den Besucher einbindet und zu eigener Sinngebung anregt.

Die Wahl der avedition, des Verlags für Architektur, Design und Ausstellungsgestaltung, bis vor Kurzem in Ludwigsburg sesshaft, war für die begleitende Publikation naheliegend. Das Buch „Ludwigsburg Museum“ übernimmt im Wesentlichen die konzeptionelle Gliederung des Museums − inklusive des unterhaltsamen „Anekdoten-ABCs“, das über das Haus bzw. das Buch verteilt mit alphabetisch geordneten Schlagwörtern eine andere Möglichkeit des Erzählens von bzw. der Stadtgeschichte anbietet −, angereichert um Texte u.a. von Arno Lederer (stellvertretend für die sanierenden Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei), dem Museumsgestalter HG Merz und der Museumsleitung Alke Hollwedel. Wie im Museum sind alle Texte konsequent zweisprachig (deutsch und englisch) wiedergegeben. Naturgemäß fordert das Medium Buch dabei eine größere Nähe zwischen Text und Bild als Stellvertreter der Exponate bzw. des Raums selbst. (Das Werk zeigt über 150 hochwertige Aufnahmen von Roland Halbe − Architekturfotografien − bzw. kienzle|oberhammer, verantwortlich für die Objektfotografien).

Stilistisch besticht die zurückhaltende Umschlaggestaltung − die hochauflösende Abbildung einer Grundmauer in Grautönen mit minimalistischer weißer Beschriftung. Inhaltlich transportiert sie gleichermaßen Beginn und Historizität, Fundament wie Herausforderung und schafft in Entsprechung zur Fassade, zu den Grundmauern des Museums den Rahmen für seinen reichhaltigen Inhalt. Den spiegelt gestalterisch der Goldton im Innenteil des Buches wider. Während der dezent schmückende Charakter im Textteil (in Titeln, Initialen usw.) elegant unterstreicht, wirkt der goldene Vorsatz (genauer: gold bedrucktes Bilderdruckpapier des Werkes) allerdings doch zu flächig und opulent. Nebenbei ist das Gold anfällig auf Fingerdruck und schlägt sich schnell auf den gegenüberliegenden Seiten nieder − so gesehen kein Buch für die intensive Benutzung.

Nichtsdestotrotz legt avedition mit der Ausgabe eine ansprechende Handreichung zum Ludwigsburg Museum vor. Für den erst im Februar nach Stuttgart umgesiedelten Verlag eine sehenswerte Neuerscheinung und ein viel versprechender Start am neuen Standort. Lassen wir uns also vom Ludwigsburg Museum zu unserer eigenen Deutung von Raum und Zeit verführen.

Ludwigsburg Museum. Herausgegeben von der Stadt Ludwigsburg und Alke Hollwedel. 238 Seiten mit 152 farbigen Abbildungen. Gebunden.  2014, Ludwigsburg Museum, avedition GmbH, Stuttgart.

Darüber hinaus auf zeilentiger liest kesselleben …

Einen Beitrag zu avindependent, des früheren Schwesterunternehmens von avedition, bietet diese Filmpremiere.

Auch das im Werden begriffene Stadtmuseum Stuttgart fand bereits Nennung.

Mittagspause in Südtirol − Das Meran in Bad Cannstatt

Griaß di Gott. Hat‘s also ein paar Monate verspätet doch noch geklappt mit einem Geburtstagsessen mit den Kolleginnen.

„Darf es schon was zu trinken sein?“, fragt schwungvoll die Kellnerin des Meran am Marktplatz von Bad Cannstatt. Wir sind alle zum ersten Mal hier, die Sonne scheint aufs Kopfsteinpflaster.

Ich hätte jetzt gerne nach der Karte gefragt, aber die Kolleginnen sind schneller.

„Johannisbeerschorle!“

„Mangosaft!“

Mir war gar nicht klar gewesen, dass das Getränke sind, die man in jedem Restaurant als selbstverständlich voraussetzen darf.

„Haben Sie denn etwas Besonderes zu trinken?“, wage ich einen Vorstoß.

„Einen Hugo vielleicht oder einen Aperol Spritz?“ Der heißt, wie ich später erfahre, auf der Karte Veneziano, aber er ist trotzdem nicht das, was ich unter „besonders“ erwarte. Gibt‘s ja mindestens so häufig wie Mangosaft.

„Nein, danke.“ Bleibt nur, auf bewährtes Gutes zurückzugreifen. „Ich frage einfach mal: Haben Sie das Spicy Ginger von Thomas Henry?“

„Nein.“ Wäre auch eine tolle Überraschung gewesen.

„Crodino?“

„Nein.“

„San Bitter?“ Das ist eigentlich schon nicht mehr ganz Kategorie „bewährt und gut“, aber egal.

„Einen kleinen Moment …“ Sie eilt tatsächlich nach innen. „Nein, führen wir leider noch nicht.“

„Dann nehme ich einfach ein Wasser, danke.“ Habe ich mich schon unbeliebt gemacht?

Als die Kellnerin weg ist, greifen wir uns doch noch die Karte. Und siehe da: VIP Lady Pils vom Fass im Champagnerglas aus der Brauerei Forst in Meran! Wenn das nicht …

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt!?“ Nein, das habe ich die Kellnerin nicht gefragt. Stattdessen: „Was ist denn ein Sportwasser?“

Es folgt eine längere Erklärung, die irgendetwas wie Mineralwasser vermuten lässt oder treffender noch, wie man hier im Schwäbischen sagt, saurer Sprudel.

Und sonst? Das alkoholfreie Hefeweizen ist von Erdinger, ein ganz großes Plus, denn das ist eines der ganz wenigen alkoholfreien Weißbiere, das schmeckt, und das ganz besonders gut. Affogato, eine mit heißem Espresso übergossene Eiskugel. Vinschgauer Marillenbrand. Der erhält auch spontan das Gütesiegel „besonders“.

Aber da kommt schon das Essen. Die Mehrheit wählt den Mittagstisch für 8 Euro (merke: Verlagsmitarbeiter zählen nicht zur Kernzielgruppe des Merans), heute ein köstlich angebratener Seelachs, ein paar eher anonym daherkommende Butterkartoffeln, ein Türmchen Spinatgemüse mit einem Karottenstift als, nein, nicht phallischer Dekoration, sagen wir eher als schmückender Antenne. Das Geburtstagskind erfreut sich augenscheinlich sehr an seinem Knödeltris aus − der Name sagt es − drei verschiedenen Knödeln. Schwieriger wird es für Vegetarier, da locken immerhin die Schlutzkrapfen: von der Stilnote eher Ravioli als Maultaschen und ohne wenn und aber lecker. Das kann das Meran.

Ein paar Tage später kehre ich zurück, denn ich habe noch eine Rechnung offen: Apfelstrudel und Marillenbrand und ein Blick ins Innere des Meran. Quadratische, etwas gar zu ordentlich aufgereihte Tische (intim ist kein Wort, das der Stimmung gerecht würde), rechts Regale mit Wein und Marmeladen zum Verkauf, links der mächtige Kopf eines Steinbocks an der Wand. Keine Gäste, die sitzen draußen an den Tischen mit den schwarzen Kunststoffplatten als Gesteinsimitat, es ist − typisch April, nicht wahr − schon wieder eitel Sonnenschein. Da eine Besprechung mit einem Londoner Besucher, dort ein österreichischer Zungenschlag. Für Geschäftsessen scheint das Meran keine unwillkommene Anlaufstelle zu sein.

Die Bedienung, eine andere als das letzte Mal, stellt mir den Apfelstrudel mit Kaffee und einen Marillenbrand aus dem Weingut Köfelgut hin. „Bitte sehr, das Schnäpsle.“ Hat sie da gerade wirklich verschwörerisch gelächelt zu diesen Worten? Geht ja gar nicht. Ich schieße ihr entrüstete Blicke hinterher.

Und der Rest ist leider Enttäuschung. Aber das mag auch an mir liegen, an Erwartungshaltungen und Kurzschlusshandeln: Marillenknödel, Marillenlikör … Ich brauche nur das Wort Marille hören und schon ist alles beschlossen. Dass ich bis auf den einen oder anderen Obstlikör destillierten Getränken grundsätzlich nichts abgewinnen kann, ist da schon abgeklinkt. Vernunft adé. Also kann ich zu dem edlen Brand nicht mehr sagen als: riecht gut, brennt weniger gut. So viel zum Kurzschlusshandeln.

IMAG0886Der Apfelstrudel fällt unter die Rubrik „unerfüllte Erwartungen“. Das fängt bei der Dekoration an (unnötig zu Apfelstrudel). Geht über den Glasteller (nicht passend, spießig). Hin zur Schokoladensoße (will ich definitiv nicht an Apfelstrudel sehen). Gipfelt im mürben, matschigen Teig (bei Strudel denke ich an Strudelteig, weshalb sonst sollte er so heißen, aber gut, wer will, kann Pizza auch mit Quarkölteig machen, warum also Apfelstrudel nicht mit, Verzeihung, Südtirol … Matscheteig). Endet in der apfelfaden, nussschwachen, rosinenfreien, matschigen Füllung.

Der Kaffee? Der Espresso zu mild, es fehlt ihm an Charakter, an Tiefe, meinetwegen auch an Kanten.

Verdrossen sitze ich da. „Alles klar?“, kommt lachend ein Lockenkopf mit leger umfasster Kaffeetasse heraus und setzt sich zu einem Freund an den Nachbartisch. Der Koch? Die Chefin folgt wenig später, Einkaufstaschen in der Hand, sie winkt den beiden am Tisch zu und schreitet übers Kopfsteinpflaster aus. Nur noch die Kellnerin arbeitet, räumt Tische ab. Es ist Freitag Viertel nach 2 Uhr nachmittags. Ruhig liegt der Marktplatz da, fast ein bisschen verschlafen. Um diese Zeit könnte Bad Cannstatt auch ein Dorf sein, zumindest hier. Morgen Vormittag würde der Platz wieder leben. Dann bietet das Meran auch ein dazu passendes üppiges, verlockend klingendes Marktfrühstück. Ich werde trotzdem woanders frühstücken.

Café Meran: Marktstraße 46 − 70372 Stuttgart-Bad Cannstatt

Der Paarungsflug der Benztownwespen − Tiger Shower Caps

TigerShowerCapsDass eine Stuttgarter Band bei einem amerikanischen Label unterkommt, ist nicht selbstverständlich. In Achtspuraufnahme in Stuttgart eingespielt, erschien das titellose Album der Tiger Shower Caps bei Radio Is Down, einem kleinen Label im Bundesstaate Washington, das sich selbst inspiriert fühlt von Bands wie My Disco, Shellac oder The Jesus Lizard − beste Nachbarschaft für die Scheibe des Stuttgarter Quartetts.

Das Intro des Albums ist ironisch. Zu Takten aus dem 80er-Jahre Hit „Theme from S-Express“ kündigt eine werbeerprobte Stimme Duschhauben („Shower Caps“) an und ruft die Band damit on stage. Mit Acid House oder Disco haben die zehn Songs (inklusive eines Überraschungs-Bonus) allerdings nichts zu tun. Mit nervösen, treibenden Post-Punk- und Indie-Rock-Klängen legen die Tiger Shower Caps los und klingen sehr amerikanisch und überhaupt nicht nach Stuttgart. Die Gitarren sind scharf und kantig, der Sänger stößt seine Worte hervor (der Gesang erinnert vage an Mark Mothersbaugh von Devo), der Ausdruck ist kernig. Später erlaubt sich die Band auch andere Einflüsse, die Songs klingen „europäischer“, neben No Wave-, Noise- und Mathrock-Elementen − ganz besonders deutlich ist der rhythmisch abgehakte Sound der Gitarre à la My Disco im Song „Treasure Chest“ − nehmen die Tiger Shower Caps auch Anklänge an britische New Wave-Bands und melodische Elemente auf. Das Stück „Rocketnation“ gibt sogar Raum für einen elaborierteren Gesang und dem Sound damit eine überraschende, ganz andere Attitüde. Alles in allem werden die Songs tendenziell ruhiger, ohne aber den Hörer in die Komfortzone zu entlassen. Die Eindringlichkeit der Wespe − sie prangt groß und mit gelber Signalfarbe auf dem CD-Cover − zieht die Band durch.

Dabei gehören die Tiger Shower Caps gewiss nicht zu den „wütenden jungen Bands“. Dafür haben sie zu viel musikalische Erfahrung (das schwächste Glied des Quartetts: das Schlagzeug) aus früheren Bandprojekten, zu sehr Lust an Präzision und an ironischen Brüchen (vom Bandnamen über musikalische Anspielungen bis hin zu dem eingeblendeten Filmzitat der Log Lady aus Twin Peaks). Aber sie sind nervös, angriffslustig und glaubwürdig wie ausschwärmende Wespen.

Die Tiger Shower Caps gibt es nicht mehr. Nach ihrem Debüt von 2008 hatten sie noch eine zweite Scheibe eingespielt („High Octane“ − Benztown lässt grüßen?), danach löste sich die Band auf. Drei von ihnen haben sich anschließend mit dem Schlagzeuger von Krautheim zu den Fighting Ships zusammengeschlossen. Ende 2012 hatten sie ein Album angekündigt. Wenige Monate später fiel ein Konzert kurzfristig aus, seither herrscht Schweigen. Und Stuttgart wartet.

Was bleibt da anderes, als auf die Tiger Shower Caps zurückzugreifen. Ihr namenloses Album war für mich eine der großen musikalischen Entdeckungen von 2013 − Grund genug, nochmals an diese Scheibe zu erinnern, auch wenn sie bereits vor über fünf Jahren erschienen ist. Erhältlich ist das Album − in einer Auflage von 500 Exemplaren produziert in einer optisch wie haptisch ansprechend gestalteten Hülle aus Recyclingkarton − übrigens immer noch. Geheimtipp: Ratzers wunderbares Schallplattencafé in Stuttgart hat noch Exemplare. Hinten auf Ratzers Schreibtisch sticht das gelbe Cover zwischen anderen CDs hervor. Da liegt die Scheibe, seit Monaten und Monaten, eine kleine Perle und keine Sau kümmert es. Bitte bergen. Und dazu auf dem roten Sofa oder dem Zebraohrensessel eine Pause einlegen, trinken, lauschen, entspannen. Der Kaffee aus der treuen roten Espressomaschine gehört zum Besten in ganz Stuttgart und wer Koffein scheut, versuche den köstlichen Ingwer-Orangen-Bio-Tee. Aber halt, über Ratzer Records wollte ich gar nicht schreiben. Diese Oase verdient einen eigenen Beitrag.

Tiger Shower Caps, s/t. Recorded, mixed and mastered summer of 2007 by TSC in Stuttgart. Made in the USA.  2008 by Radio Is Down. Spieldauer: 30:20 Minuten.

https://myspace.com/tigershowercaps

P.S. Eine ganz andere Lieblingsscheibe aus 2013 ist hier besprochen. Der nächste Sommer kommt bestimmt!

Aprikosencroissant tief im Westen − Die Bar Vicino

Ein Wintermorgen, werktags, eben hell. Hangabwärts steht das Müllauto, den Blinker gesetzt, direkt in der Kurve aber parkt ein PKW und nichts geht weiter. Jemand hupt, keiner rührt sich. Der Fahrer drückt nochmals die Hupe und immer wieder, bis der junge Chef des Vicino − schwarzer Bart, schulterlange Locken, große Brille − vor die Tür tritt und mit seinem leichten Singsang ausruft: „Nur weil ich das Café hier betreibe, heißt das nicht, dass ich weiß, wem das Auto vor meiner Tür gehört.“ − „Nein, ich weiß es einfach nicht, was soll ich machen.“ − „Müsst ihr euch irgendwie einen Weg suchen, ist halt der Stuttgarter Westen.“ Kopfschüttelnd kehrt er in das Eckcafé zurück. „Prego“, lenkt sein Teilhaber ab und stellt einen Cappuccino und ein gefülltes Croissant (Aprikose, Schoko, Vanille und Schinken-Käse stehen zur Auswahl) ab. Das Müllauto schafft es dann doch noch um die Kurve.

Ein halbes Jahr früher, Samstagnachmittag, auf mit Kissen bedeckten Holzwürfeln sitzen die Gäste vor der Bar und trinken Cortado aus (ungewöhnlichen) eleganten hohen Gläsern. Jüngere Männer mit Sonnenbrille und Hut begrüßen sich mit klatschendem Handschlag und „Alles fit?“. Auf der anderen Straßenseite lockt ein Lifestyle-Zitat der Autorin Rosalie Tavernier an der Glasfront eines Friseursalons. Die Straße selbst ist ruhig. Eine Bekannte kommt zufällig vorbei, sie wohnt gleich ums Eck, erzählt sie. „Die beiden Jungs sind eine echt lustige, nette Truppe“, versichert sie.

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Alexandros Cardinale und Massimo Anedda führen die Bar in der Nähe des Hölderlinplatzes im Stuttgarter Westen. Um 7 Uhr tanken Frühaufsteher hier ihren Espresso im Stehen, auch werktagvormittags ist das Vicino gut besucht, es gibt einen Mittagstisch, um 18 Uhr schließt es seine Pforte: eine „Tagesbar“ ohne Alkohol, rote Backsteinmauern im Inneren, die Einrichtung einen Ticken zu kühl, die Stimmung entspannt, die Bedienung aufmerksam und herzlich. Eine Uhr sucht man übrigens vergeblich an den Wänden. Im Vicino ist Entschleunigung angesagt.

Das nächste Mal aber ein Panino, denke ich mir. Und beiße wieder einmal in ein Aprikosencroissant.

Bar Vicino: Traubenstraße 45 − 70176 Stuttgart
(Haltestelle Hölderlinplatz)
Öffnungszeiten: Mo.−Fr. 7.00−18.00 Uhr, Sa. 9.00−16.00 Uhr