Terminus Britanniae

„Möcht’ durchaus nicht Kaiser heißen,
nicht Britannien durchwandern, …
Skythenwinter nicht erdulden.“

Diese Verse gibt ein Dichter Kaiser Hadrian mit auf den Weg nach Britannien. Anders als sein Vorgänger Trajan – unter ihm hatte das Imperium seine größte Ausdehnung erhalten – setzt Hadrian nicht auf Eroberungspolitik, sondern auf Konsolidierung. Und Konsolidierung bedeutet im äußersten Norden des Reiches, dort, wohin Händler und Soldaten, nicht aber die villae rusticae der verfeinerten römischen Lebenswelt gefunden haben, eine Linie zu ziehen hin gegen das Ende der Welt. Und so errichten 15 000 Mann eine Mauer zwischen Küste und Küste, von der Mündung des Tyne im Osten hinüber an die Salzmarschen an der Irischen See. „Die Römer haben nun den besten Teil von Britannien“, schreibt der Historiker Appian. „Um den Rest kümmern sie sich nicht, denn auch das Gebiet, das sie innehaben, ist nicht eben ertragreich.“ Regen peitscht über das Land, im Winter liegt Schnee.

In Manchester herrscht Sommer. „Yes, darling, yes“, antwortet die Zugbegleiterin. Schöner könnte eine Begrüßung kaum ausfallen. Die Sonne scheint auf Gleise, Hecken, rote Backsteinhäuschen mit Miniaturgärten. Ortsnamen wie Gatley, Burnage oder Ardwick ziehen am Fenster vorbei, die Geschäftsleute neben mir sprechen Dänisch. Ich bin viel zu warm angezogen, denke ich mir.

Als ich in York umsteige, fröstel ich. Vor gut zwanzig Jahren stand ich schon einmal hier unter den Bogendächern aus Stahl und Licht. Ich erinnere mich nicht daran. Eine Festgesellschaft strömt in die Bahnhofshalle. Die Damen bevorzugen Creme- und Pastelltöne, dazu einen Strohhut. Gibt es auf dem Kontinent ein Land, in dem so viel Farbe gezeigt und zugleich so deutlich Zurückhaltung demonstriert wird? Auf einer anderen Ebene haben die Damen ihre englische Reserviertheit aber bereits unterlaufen. Sie sind betrunken, sie lachen und kreischen auf den Bahnsteigen.

Der Schriftzug des Unternehmens Virgin Trains ist mir von den Schallplatten her bekannt. Auch in diesem Zug stecken die bedruckten Reservierungskärtchen auf den Kopfpolstern der Sitze, er fährt aber flotter als die Bummelbahn des Transpennine Express‘. Die roten Bezüge vermitteln das Flair einer Theaterloge. Das ist sehr schick und sehr elegant und kein Vergleich zur Deutschen Bahn. Vorbei die Zeiten, in denen ich englische Züge mit Verspätungen, Müll und Vernachlässigung verbunden habe? Irritierend bleiben die Durchsagen eines demokratischen Überwachungsstaates – die Angst vor Terrorismus ist allgegenwärtig. Wie harmlos gibt sich im Vergleich das öffentliche Leben in Deutschland. Wie schnell aber würde sich das wohl ändern nach einem Anschlag islamistischer Attentäter hierzulande? Es dämmert. Die Wolken hängen tief, Regen liegt in der Luft. Das Land entlang der Trasse ist sehr flach. Hier bloß nicht wandern, denke ich mir. Doch im Osten, zur Küste hin, kauern die Schemen von Hügeln. Die kleinste Erhebung reicht, um das Land gefällig zu machen. Viel Wald ist da draußen, die Felder erscheinen mir weitläufiger als im Süden Englands, die Hecken höher. Es ist Bauernland hier, wo nicht grün, dort gelb von der Rapsblüte. Eine Müdigkeit drückt sich auf meine Schultern und ich komme mir, während der Zug weiter nach Norden rauscht, in die Nacht hinein, vor wie auf einer hoffnungslosen Flucht.

Die Mauer war in vier Jahren errichtet und wurde immer weiter verändert. Sie blieb nicht dauerhaft die Grenze. Mehrmals versuchten die Kaiser, wie auch schon vor Hadrian, den römischen Herrschaftsbereich nach Schottland hinein zu verlegen. Von Dauer waren diese Versuche nicht, und im Großen und Ganzen blieb der Hadrianswall für knapp 300 Jahre die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Bewacht wurde sie nicht von den Legionen, sondern von Hilfstruppen aus allen Teilen des Reiches: Menschen aus wortwörtlich halb Europa, aus Nordafrika und dem Nahen Osten bis hin zu einigen Bootsleuten aus dem Irak waren hier an der Mauer oder in ihrem Umfeld stationiert. Welche Mobilität, welche Logistik und ja, auch welche Möglichkeiten kultureller Horizonterweiterung das Römische Reich eröffnet hatte! Der Weg dorthin war natürlich eine Geschichte der Gewalt und Unterdrückung. Das kann uns kein Vorbild sein. Und trotzdem wünsche ich mir dort vor den Altären antiker Götter, die Europäische Union möge sich aller Herausforderungen zum Trotz – in Frieden und Vielfalt – lebendig erhalten.

Dann schultern wir unsere Rucksäcke, verlassen das Lager Segedunum und brechen auf gen Westen.

Newcastle, Hadrianswall, Wandern, Hadrian's Wall Path

Marschroute (Foto mit freundlicher Genehmigung von Stephan Scheiper)

Die Übersetzung des Dichters Florus (überliefert in der Historia Augusta, Hadrian 16, 2) ist Kai Brodersen, Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte, Darmstadt 1998, S. 166, entnommen. Das Zitat von Appian, Prooimion 5,18, ebd., S. 180.

Wer sich für Geschichte begeistern lassen kann, wird mit Segedunum in Newcastle upon Tyne eine gute Wahl treffen. Das wunderbar lebendige Museum ist auch für Kinder sehr geeignet.

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Grizzly Adams – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 5)

Gestern Abend: das Gefühl umfassender Sinnlosigkeit. Heute Morgen: heitere Aufbruchsstimmung. Dazwischen: nicht zu stillender Durst.

Die Schlange vorm Bäcker ist mir zu lang, um mir eine Brotzeit und eine Reservewasserflasche zu kaufen, also verlasse ich Ilmensee nach Westen. Über goldstoppelige Äcker mit gerollten Strohballen geht es auf den Höhenzug, dort einen buschumwachsenen Pfad entlang, an einem Feld vorüber, in den Wald hinein. Das Album „Songs from the Wood“ von Jethro Tull wäre, denke ich mir, die ideale musikalische Entsprechung zu dieser Wegstrecke. Aber ich habe keine Musik bei mir. So unverzichtbar, ja lebensnotwendig Musik für mich im Alltag ist, habe ich sie kaum auf Reisen dabei und gewiss nicht beim Wandern, sicherlich auch deshalb nicht, weil ich Kopfhörer noch nie gemocht habe. Meine Ohren mögen das nicht.

Wald_Ilmensee_Oberschwaben_Wandern

Songs from the Wood

Im Buchenwald ist es ruhig und dämmerig, fast noch verschlafen. Die Sonne fällt flach auf das Blätterdach, manchmal, wenn der Hang zur Linken besonders steil aufragt, verschwindet sie ganz. Die Vögel sind zurückhaltend, gelegentlich gluckert ein Bächlein, ein Reh scheut. Sehr still und sehr flott geht es voran auf diesem Weg auf halber Höhe. Um nicht eintönig zu werden, fällt er gelegentlich über eine Abzweigung ab und steigt wieder empor, wo man vermutlich auch einfach hätte geradeaus gehen können. An den Bäumen hängen Waldreben, die wir als Kinder unter dem Einfluss der Tarzan-Romane von Edgar Rice Burroughs, die der Vater der Familie vorgelesen hatte, Lianen nannten, die aber ansonsten ganz allgemein und wie selbstverständlich „Judenstrick“ hießen. Irgendwann war mir der geläufige Name in seinem Wortsinne gegenübergetreten und schlagartig fürchtete ich eine nicht bösartige, aber in größter Gedankenlosigkeit tradierte antisemitische Bezeichnung und legte mir selbst Etymologien zurecht, schloss auf die einst zahlreichen jüdischen Viehhändler, denen womöglich aus reiner Gehässigkeit unterstellt worden war, die Clematis aus dem Wald zu verwenden statt ordentlicher Kälberstricke. Erst viele, viele Jahre später, tatsächlich erst, als ich nach meiner Wanderung dem Wort nachging, erfuhr ich, dass die Wahrheit eine ganz harmlose ist, der volkstümliche Judenstrick sich vom Jutenstrick nämlich ableitet. War ich hier ein Fall dieser typischen deutschen Selbstvorverurteilung geworden? Keineswegs. In den 80er-Jahren noch gang und gäbe und vermutlich bis heute nicht verschwunden ist in Süddeutschland der „Judenfurz“ als Bezeichnung für den Chinakracher, diesen kleinsten der Sprengkörper für Silvester.

Gleich nachdem mir die ersten Wanderer an diesem – oder gar der ganzen letzten? – Tage entgegenkommen, zeigen sich zum ersten Mal durch den unentwegten Dunst hindurch die Alpen. Dann biegt der Weg scharf ab ins Tal, mitten durch den Hof einer Einöde. An solchen Orten ist mit Hunden zu rechnen – und ich meide Hofhunde, wo es geht, aber was hilft es, ich muss da hinunter –, und tatsächlich, da ist ein freilaufender Hund, der gerade im Stall oder der Melkkammer verschwindet. Erleichtert bin ich, gleich Menschen zu sehen, denn wann immer auf Wanderungen Hunde ernsthaft aufdringlich geworden waren, waren Menschen in der Nähe, die sie zurückpfiffen. Eine krumme, alte Bäuerin muss mich gesehen haben, sie geht zur Tür, hinter der der Hund eben verschwunden ist, und schließt sie mit einer ganz beiläufigen Bewegung. Danke, gute Frau, wir verstehen uns. Ein Traktor versperrt mir die Sicht auf den Weg, bevor ich suchen kann, wie herum ich mich wende, weist mir die Bäuerin die Richtung. Ihr rotbärtiger Sohn schaut grimmig, aber er erwidert meinen Gruß.

Unten im Weiler Ellenfurt rauscht der Bach, die wenigen parkenden Autos haben fremde Kennzeichen, eines ist bis aus Berlin gekommen. Nach Überquerung der Talstraße geht es sofort wieder hoch auf den nächsten Höhenzug. Was bis eben ein milder Sommermorgen war, ist nun drückend und heiß. Ich keuche den gewundenen Weg empor, ein dünner Schweißfilm steht mir auf den Armen, der Gaumen zieht sich vor Durst zusammen. Tränke ich nun, würde sich der Wasserfilm auf meiner Haut binnen Augenblicken vervielfachen. Schön ist der Weg aber, das wissen auch andere, wie die Sprungschanzen von Mountainbikern zeigen, auch Pferdeäpfel liegen da. Oben dann, auf der Ebene, knallt die Sonne auf die Rodung, ein Hase hoppelt, der Geschmack im Mund wird metallisch und ich habe, als ich aus dem Wald trete, zum ersten Mal Sicht auf den Bodensee, seinen nördlichen Ausläufer.

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Hinter der Höhe der See

Fast hätte ich eine kleine Abkürzung genommen, um das, was auf der Karte ein paar hundert Meter über die Kuppe führt und dann im spitzen Winkel zurück zum Wald, zu schneiden. Ich hätte einen der lauschigsten Flecken überhaupt verpasst. Erst geht es über das Feld; dann eine Hohlgasse hinab – einen schmalen Pfad für Mensch und Tier, die steilen Böschungen von Haselsträuchern gesäumt, das Licht gedämpft, schöner kann ein Weg kaum sein; und schließlich das Dörfchen Betenbrunn, beherrscht von seiner barocken Wallfahrtskirche, die einen Kreuzweg mit fünfzehn Stationen auf allerengstem Raum unterbringt (ob die Gläubigen auf Knien rutschen, damit er nicht gar zu schnell zu Ende ist?); die Häuser hübsches Fachwerk mit Vorgarten; ein Dorfbrunnen plätschert unter einer ausladenden Baumkrone, eine Frau füllt die Gießkannen für ihren Garten auf; sogar ein Gasthaus hat das Dörfchen und nur die Fahne der Brauerei hält mich davon ab, hier einen Halt für ein alkoholfreies Weizen einzulegen.

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Wallfahrtskirche Betenbrunn

Bald geht es steil hinab, sehr, sehr steil, vorbei an einem Alpaka-Paradies mit seinen nervösen Langhälsern, vorbei an einem wachsam-braven Hund, ganz pflichtvergessen und gutmütig zugleich, ein zweiter, kleiner, alter Hund nimmt all seinen Mut zusammen und übernimmt kühn die Aufgabe, mir bellend Geleit zu geben. Durch Lellwangen, irgendetwas erinnert vage an Bilder aus Mexiko, vielleicht nur der Schwung dieser Bögen dort oder die Farbe des Anstrichs, zwischen flimmernden Äckern hindurch zum Pfad mit seinen schwärmerisch-esoterischen, dem „Sonnengesang“ Franz von Assisis nachgeformten Bildstöcken, auf denen der Herrgott und die vier Elemente ihre Verehrung finden.

In der Mittagsglut irre ich durch Untersiggingen, passiere den kleinen Markt in der Hoffnung auf einen Biergarten oder eine Terrasse vor einem Gasthof. Die Gaststätten haben alle zu, ich kehre um, suche den Markt nochmals auf, auch er hat inzwischen geschlossen, nur Autos durchfahren den Ort auf der Suche nach Irgendwo. Am Ende eines Doppelkreisverkehrs finde ich eine Tankstelle, greife gierig nach zwei Flaschen aus dem Kühlregal. Die junge Verkäuferin mit den langen Fingernägeln schaut, als würde sie nicht oft einen Menschen wie mich sehen, ihr Make-up wirkt deplatziert, falscher Glanz auf verlorenem Posten, ich habe Mitleid mit ihr, es muss die Hölle sein hier. Ich fliehe aus dem Ort, keuche einen Berg empor, wie sich das zieht, lasse mich auf der ersten Bank auf dem Höhenzug nieder, wo ich Party mache, ich und die beiden Flaschen und die gierigen Wespen im Fallobst. Eine Flasche leere ich auf einen Zug, die zweite in kleinen Schlucken. Eine halbe Stunde später, als ich durch eine Armee von Apfelbäumen schleiche, habe ich schon wieder Durst.

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Erntezeit

Den Gehrenberger Aussichtsturm muss man übrigens nicht im ersten Anlauf schaffen. Man wendet der luftigen Stahlfachwerkkonstruktion einfach für ein paar Minuten den Rücken zu, wartet, bis die lärmende Besuchergruppe abgezogen ist, isst einen Fruchtriegel und nimmt dann einen zweiten Anlauf, beide Hände immer schön am Geländer und den Blick nie nach unten gerichtet. Die Belohnung ist ein fantastischer Ausblick – über die Baumwipfel hinweg – über fast den gesamten Bodensee. Das Land unter mir aber ist ein ganz anderes als in den letzten Tagen, es ist eine Ferienlandschaft, das sieht man schon vom Turm aus. Spaziergänger kommen gruppenweise den Berg empor, die Menschen stören mich. Ich spüre, wie ich die einsamen Stunden genossen hatte; und die einzelne Begegnung hatte mehr Gewicht. Hier sind wir alle nur noch anonyme Masse. Mir ist es zuwider. Und ich steige weiter hinab und will doch zurück, dorthin, wo die Menschen rar waren und die Landschaft weit, steige grimmig ab und ein bisschen verwundbar, gerade so, als wäre ich ein Mann aus den Bergen.

Eine Nordlandfahrt

Aufbruch. Ich weiß nicht, ob ich die Stadt je so ruhig erlebt habe. Das letzte Mal ist zumindest zu lange her, um mich zu erinnern. Ein großes, ein sehr, sehr großes Dorf im Schlaf.

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Eis auf Wasser, Frost auf Halmen, Schnee an Flanken. Der Norden weiß noch Winter.

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Uelzen. Fremde. Ich weiß nicht einmal, spricht man es Ulzen oder Ülzen. Die Sonne färbt das Land rot.

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Irgendwo in der Lüneburger Heide komme ich mit meinem Abteilnachbarn – Liege oben – ins Gespräch. Er ist hörbar Allgäuer. Wir sind überall.

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Ein Kran schwenkt über der Stadt, Dämmerblau verschluckt die Möwen und @GerardOtremba erzählt von Sounds & Books.

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Die Flucht der Holzbohlen beginnt eine Nasenlänge entfernt. In Armreichweite der schwungvolle Korpus der Framus-E-Gitarre. In den 60ern war sie auf kleinen Bühnen des Alpenvorlandes zu sehen, heute leuchtet ihr Rot im trüben Morgenlicht der Hansestadt immer noch wie Rock’n’Roll. Geträumt von der Flucht aus dem syrischen Bürgerkrieg und einem bis dahin von mir übersehenen 5000er-Berg im Garten meiner Mutter.

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Auf weißschwarzer Mission

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Ich schaute dem Teufel auf die Hörner, sie aber waren abgestoßen. – Mein Gastgeber hatte mich zu treuen Händen am Landungssteg übergeben. Ich freute mich, sie endlich einmal persönlich kennenzulernen. Auf einem Fährboot schoben wir uns die Elbe hinab, vorbei an Batterien von Containerkränen unter grauem, feuchtem Himmel, spazierten dann an den Kapitänshäuschen weiter stromabwärts, tauschten uns über konkrete Projekte und bekloppte Ideen aus, schwatzten weiter bei einem Kaffee auf einem schaukelnden Anlegerboot hinter der Teufelsbrück. Ob ich es aushalten würde?, fragte sie besorgt. Ich wusste es nicht und horchte in mich. Der Magen hielt dem Schwanken stand, nichts stand dem Stück Kuchen und der Unterhaltung im Wege. Ich genoss das Gespräch. Ihre offene, anregende, humorvolle und zuspitzende Art gefiel mir; gleichzeitig spürte ich, ich war in einer anderen Kultur. Norddeutsch, ja das war es wohl: sehr norddeutsch und ich – ich süddeutscher Binnenländer, der es nach Genua weniger weit hat als zur Nordsee – spürte eine Verunsicherung in mir. Und verlas mich in meiner kulturellen Dekodierung gründlich. Am besten gebe ich ihr, dachte ich, als wir zurück waren und meine S-Bahn einfuhr, die mich zu einem Jugendfreund bringen würde, am besten gebe ich ihr wohl höflich die Hand. Die Umarmung kam dann von ihr.

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Wein kann Himmel wie Hölle sein. Mein Himmel ist tief und dunkel und fruchtig, eine lichtschluckende, opale See aus verdichtetem Geschmack, gezogen aus der Erde Kataloniens oder Lusitaniens: Les Sorts Jove, Cume tinto, Monte das Promessas.

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Eine gewisse Munterkeit ist schwer erträglich. Ein Trupp großer, schlichter Männer fährt im ICE von der Hansestadt auf Schicht in Kassel. „Een“, „ooch“, „ich nich, Junge“, „oder wat“ am laufenden Band. Mein Ohr, viel zu sehr an andere Muster gewohnt, ist unvorbereitet auf diese Wirklichkeit. Könnte ich doch nur Tempo und Ausdruck drosseln! Ich fühle mich ertrinken in dieser Flut.

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Beute aus der Hansestadt. Der Plattentitel eine Ahnung hinter Gelb

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Die Metropole habe ich erst jetzt verlassen, als ich im Fränkischen in einen Regionalexpress wechsle. Nach Süden hin nur noch Provinz.

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Ich mag die Lichter auf den Hügeln, die Gliederung der Landschaft. Ich mag die sauberen Straßen. Ich liebe die hellen Sandsteinfassaden aus der Gründerzeit. Und sogar das kühle Wasser aus dem Hahn sagt willkommen zurück. Andere Städte sind schön. Diese hier ist auch nicht schlecht.

(Wer mag, kann den Blogbeitrag auch auf Storify anschauen: https://storify.com/Zeilentiger/nordlandfahrt. Dort habe ich ihn – als Spielerei, um mich mit der Plattform auch einmal vertraut gemacht zu haben – zuerst veröffentlicht.)

Fluchtgeschichten

Die Lichter im Flugzeug waren auf die Notbeleuchtung herabgedimmt und ich sah durch das Fenster die Welt in ihrer unbegreiflichen Schönheit. Die undurchdringliche Schwärze des Erdengrundes wurde durchzogen von beinahe fossil anmutenden Mustern aus Licht. Dieses Netz aus Licht und Dunkel erstreckte sich bis zum Horizont. Sein Gleichgewicht war das eigentliche Wunder. Manche der Verbindungslinien waren in Bewegung, Lichtpunkte in Fahrt, wo Straßen dicht befahren waren. Andernorts war der Punkt einsam, wie er vorwitzig das Schwarz der Nacht durchmaß. Mir schien, als habe ich nie die Welt von oben so schön erlebt. Dann flackerte die Innenbeleuchtung auf und entriss mir diese Zauberwelt.

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Als wir auf Höhe des steigenden Mondes sind, wird aufgetischt. „Asian vegetarian“ entpuppt sich als belegtes Gurkenbrötchen. Der Mond sieht aus, als wäre ihm schlecht. Kaum „doviđenja“ gelernt, schon umstellen auf Arabisch.

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Wir nähern uns über Ungarn der serbischen Grenze und der Kapitän spricht so stolz von „frontier“, als müsse sich Serbien mit aller Macht gegen die überbordende EU abgrenzen. Der kranke Mond ist längst weiß und über uns und beleuchtet gespenstisch die Wolkendecke unter dem Flieger – ein leeres, kaltes, melancholisches Reich. Täler und Schluchten ziehen sich durch diese Wolkendecke, aber nirgends reichen sie tief genug hinab, um den Widerschein irdischer Lichter zu entlassen. Für einen kurzen Moment gebe ich mich der Frage hin, ob es dort unten womöglich einfach leer und dunkel ist – eine menschenfreie Steppe. Aber ein Stück Europa liegt unter uns, nicht die Äußere Mongolei, und schon senkt sich das Flugzeug, dem bleichen Mondreich zu entkommen.

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Die Flugbegleiterin im Anschlussflug ist umwerfend wie ein Wunder aus der Wüste. Die gestrenge ‚Mutter‘ des Teams hingegen erinnert an ein Wüstenwunder nach 100 Jahren Wüstensonne. Aus der Wüste sind sie beide nicht. Wenn die arabischen Gäste um die Sitzplätze schachern und tauschen, versuchen sie sich in Englisch einzubringen. Eine dritte Stewardess verteilt lachend Kissen, wirft sie nach links und rechts. Als sie mir strahlend mein vegetarisches Essen reicht, als wäre sie nur zu diesem einzigen Zweck ins Flugzeug gestiegen – bin ich eigentlich wieder der einzige mit Sonderwunsch? –, habe ich alle Wüstenwunder vergessen.

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Vor mir in der Schlange ein Beduine, ein dunkler, derber Mann in traditioneller Kleidung und mit Plastiktüten in der Hand; hinter mir eine Kopftuchträgerin mit zwei kleinen Kindern. Es ist sehr spät in der Nacht und die Schlange wandert nur langsam voran. Die junge Mutter schert aus und fragt den Mann vor mir, ob sie mit den Kindern vorbeidürfe. Er ist grob, abweisend. „Tafaddali“, deute ich ihr zwischen ihm und mir. „Schukran“, bedankt sie sich und reiht sich ein. Nur für einen winzigsten Augenblick haben sich unsere Augen getroffen.

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Ich habe die langsamste Schlange gewählt. Die Beamtin lässt sich quälend lange Zeit, die Pässe der Südasiaten vor mir zu prüfen. Dann donnert sie ihren Stempel so angekotzt auf den Pass, dass irgendetwas weit über die Abschirmung hinwegfliegt. Endlich bin ich an der Reihe. Ein angepisst dreinblickendes, grell geschminktes Gesicht schaut irgendwohin, aber gewiss nicht auf mich oder meinen Pass. Es vergehen furchtbar lange Augenblicke, bis die verlängerten Fingernägel nach dem Pass greifen. Dann dauert es nicht mehr ganz so lange, bis der Stempel sein Werk tut. Immerhin ist es (so deute ich ihre Handlung) ein deutscher Pass und nicht der eines dunkelhäutigen Sklavenvolkes irgendwo vom asiatischen Rand. Yallah bye, Beirut.

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Vor dem Start blockiert ein Gepäckstück das Schließen der Klappe. Die schöne Partisanin drückt fester, aber es hilft nichts. Sie beginnt, das Handgepäck der Fluggäste umzuräumen. Eine Kollegin sieht es, will ihr zur Hilfe kommen, da schiebt sie der Flugbegleiter, ein großer, fast Kahlrasierter, männlich entschlossen zur Seite. Er lässt seine Muskeln spielen und stemmt sich gegen die Klappe. Hämisch beobachte ich das Scheitern seines Eingreifens. Ich hoffe, auch die schöne Partisan grinst schadenfroh, innerlich zumindest.

*

Auf der Flughafentoilette ziehe ich mir eine zweite Kleidungsschicht über, dann trete ich in das Weiß hinaus. Bald verschwindet der Flughafen hinter mir im Schneetreiben. Die Sicht ist so kurz, dass mir die Karte, die ich mir eigens für diesen Spaziergang besorgt habe, nichts nützt. Schneewehen bilden sich am Straßenrand. Wo der scharfe Wind mein Gesicht erreicht, klebt Eis mir das Augenlid zu. Nach einer Viertelstunde sehe ich meine Torheit ein und drehe um. Meine Fußstapfen sind nur noch zu ahnen im endlosen, alles bedeckenden Weiß.

Beiruter Passage

Die Scheibenwischer arbeiten gegen den Regen an. Fontänen spritzen hoch, wo das Fahrzeug tiefe Lachen durchpflügt. Die Autobahn schneidet sich durch das nächtliche Beirut gen Norden. Links und rechts der Hochstraße ziehen sich hässliche, reduzierte Hochhäuser entlang, roher Beton, manche leer und ausgehöhlt. Vielleicht gehören diese Häuser zur Vorstadt Burdsch al-Baradschne, einer Hochburg der Hisbollah und Rückzugsgebiet für Flüchtlinge aller Couleur der Levante – dort, wo der IS ein paar Tage vor den Pariser Attentaten einen furchtbaren Anschlag verübt hatte. „Wird es schlimmer werden?“, frage ich den Fahrer. Er zögert, denn er will mir ein paar Tage lang beweisen, dass der Libanon sehr viel mehr ist als politische Instabilität und Beiruter Partyszene, diesen beiden Extremen, die es oft als einziges in unsere westlichen Medien schaffen. „Wenn ich ehrlich sein soll: Ja, es wird schlimmer werden.“

Das Regierungsviertel ähnelt einer Stadt im Belagerungszustand. Panzerblockaden engen die Straßen ein, Stacheldraht schirmt die monumentalen Bauten ab, bewaffnete Posten an jedem Eck. Es ist kalt. Das liegt nicht an den Temperaturen an diesem Januarabend.

Technobässe wummern durch die Gassen. Auch im Winter sitzen Menschen auf den Terrassen der Clubs und Restaurants, durch Plastikbahnen vor der kühlen Luft geschützt. Schönheiten, von plastischer Chirurgie getuned, stolzieren über das Pflaster, junge Männer mit akkuratem Kurzhaarschnitt lassen neben ihrem SUV ein Feuerzeug schnappen. Ein Modegeschäft wirbt mit einem riesenhaften schwarzsilbernen Totenschädel in der Auslage. Die fellbesetzten Stiefel kosten läppische 10 000 Dollar.

Wir irren durch Beirut auf der Suche nach der Rausche, dem „Taubenfelsen“. An einer roten Ampel kurbelt mein Gastgeber das Fenster herunter und winkt dem Fahrer des Smarts auf der Nebenspur. Als der Mann seine Scheibe herablässt, entspinnt sich ein Dialog. Blitzschnell fliegen die Sätze hin und her, die Ampel schaltet auf Grün, wir wechseln die Fahrspur und hängen uns an den Smart. „Fahren wir ihm etwa hinterher?“, frage ich. „Ja, er sagte, der übliche Weg sei gesperrt, aber er führt uns über eine andere Route hin. Nette Menschen hier, nicht wahr?“ Zehn Minuten später sind wir an unserem Ziel. Syrische Flüchtlinge verkaufen an mobilen Garküchen Maiskolben und Maronen. Aus der Schwärze des Meeres unter uns erhebt sich turmhoch die Felsformation. An der Steilküste geistert irgendwo das Licht einer Taschenlampe.

2015 fiel der Geburtstag des Propheten Muhammad – ein Feiertag in vielen (nicht allen) islamischen Ländern – auf den 23. Dezember. Auf dem Platz der Märtyrer in Downtown steht ein großer Weihnachtsbaum mit dem Stern der Verkündung auf seiner Spitze. Die Spruchbänder am Baum wünschen einen gesegneten Geburtstag des Propheten und frohe Weihnachten. Auch manche muslimischen Familien, erfahre ich, stellen sich einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer. Auch das ist Normalität im Libanon.

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Der bedeutende und mutige Publizist und Historiker Samir Kassir, 2005 in Beirut ermordet, mit einem entschieden weniger bedeutenden und mutigen, immerhin noch lebenden Kollegen.

 

 

In den libanesischen Bergen

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und ich sehe hier zum ersten Mal einen traditionellen Raum und nicht den bürgerlichen Salon der Küstenstädte. Dort wird jeder Gast in einem ganz der Repräsentation verschriebenen Wohnzimmer empfangen: schwere Möbel, gediegene Sofabezüge einer vergangenen Zeit, kitschige Gemälde, ein Glastisch mit einer Schale Süßigkeiten. Hier nimmt ein Ofen das Zentrum des Raumes ein, an den Wänden ziehen sich niedrige Bänke entlang wie einst für Jahrhunderte, für Jahrtausende um die Feuerstelle herum. Ein Großbildschirm prangt allerdings auch hier. Er rauscht und knackt, ich frage mich, wie es Menschen überhaupt aushalten mit diesem Störgeräusch, erst recht, wenn er nur als ‚Hintergrundmusik‘ läuft und niemand wirklich an der Sendung interessiert ist. Ein Wunder geschieht: Als der Raum sich füllt mit zwölf, dreizehn Menschen, schaltet jemand den Fernseher aus.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und die Hausherrin trägt, so wie sie es immer tun, wenn Gäste kommen, ein Tablett herein. Auf ihm stehen Gläschen mit Likör (manchmal eine Sorte, manchmal zwei verschiedene) und eine Schale mit in Schokolade gehüllten Nüssen. Ich bin mir unsicher, ob ich frei zwischen den beiden Likören wählen darf oder ob sich hinter den beiden Farben ein Code verbirgt, den ich nicht kenne. Ich zögere, greife dann doch zum Helleren und bereue meine Wahl nicht.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und die Hälfte der Dutzend Personen spricht Deutsch. Es wird mir bei jedem weiteren Familientreffen wieder so gehen: der Libanese, der in Deutschland seinen Facharzt macht; die arabischstämmige Berlinerin, die einen Libanesen geheiratet hat und in den Emiraten wohnt; der ehemalige Botschaftsangehörige, der immer noch seiner Zeit in Wien nachtrauert; Araberinnen und Araber, die in Deutschland ein Geschäft oder ein Lokal eröffnet haben; ihre Kinder, die nach ihrem Medizinstudium in Bahrain oder Berlin praktizieren; die deutsche Sozialpädagogin, die in ihrem Auslandssemester in Kanada einen Libanesen kennen- und liebengelernt hat; derer beider Tochter, die gerade erst schulreif ist und bereits fünf Sprachen spricht … Dass es ausgerechnet Deutsch ist, was mir so oft begegnete, mag Zufall gewesen sein. Aber es zeigt, dass die Menschen aus dem Libanon es gewohnt sind, über Grenzen – in Kultur, Sprache, Land – hinweg zu agieren. Die meisten jüngeren Libanesen, denen ich begegnet bin, sprechen mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit Englisch als ich, und auch Französisch ist Pflichtfach an den Schulen. Auf der anderen Seite stehen die Älteren ohne tiefergehende Schulbildung. Sie sprechen oft nur den arabischen Dialekt des Libanons und verstehen bisweilen nicht einmal, wenn ich Hocharabisch zu ihnen spreche.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und ein libanesischer Frankokanadier erklärt mir auf Englisch Fußball. Das WM-Spiel 2014 zwischen Deutschland und Algerien, das für so viele bei uns – den Zuschauern, den Reportern und den Spielern selbst (man denke an Mertesackers wütende „Eistonnen“-Rede im Interview) – als überaus zähes, glanzloses Spiel wahrgenommen wurde (ich hatte es nicht gesehen), war für ihn einer der Höhepunkte der WM: nämlich der Triumph einer überlegenen Strategie gegenüber Motivation und individuellem Können. Schau es dir an, es lohnt sich, man kann aus diesem Spiel so viel über Fußball lernen, schwärmt der Fußballstratege. Ob deutsche Fans seiner Analyse zustimmen würden? Ich jedenfalls bin beinahe versucht, mir ein anderthalb Jahre altes WM-Achtelfinal-Spiel anzuschauen.

In den libanesischen Bergen sitzen wir in einem Wohnzimmer und ich bin so willkommen wie bei jedem anderen der Familienzusammenkünfte und Feiern, die ich an diesen Tagen erleben werde. Der Empfang ist immer herzlich, und mehr noch, meine Anwesenheit völlig unhinterfragt. Dieser Selbstverständlichkeit, mit der ich in den Kreis aufgenommen werde, ist eine außerordentliche Schönheit zu eigen. Von ihr wünsche ich mir mehr in unseren Landen. Wir würden dadurch gewinnen.

Fußnote: Emphase suche ich, zu Schwärmerei will ich nicht verführen. Diese wundervolle, menschliche Gastfreundschaft (die bis zur Aufopferung gehen kann) ist zugleich unsentimental. Ein paar Tage als willkommener Gast im Familienkreis bedeutet nicht, danach beste Freunde zu sein. Das mag ein Unterschied zu Deutschland sein, wo sich die Türen oft so viel zögerlicher und später öffnen, sich dann aber, meine ich, die Deutschen im internationalen Vergleich als treue Freunde erweisen, so pauschal eine solche Aussage natürlich auch ist.

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Zedern vor Klostermauern

Eine erste Orientierung

Der deutsche Besucher und sein libanesischer Gastgeber warten in einer Mall, bis dessen Verlobte ihr Shopping beendet hat. „Es macht mich glücklich“, wird sie später sagen. Vor Stunden ist bereits die Nacht hereingebrochen, noch immer strömen die Menschen aus den abgasgeschwängerten, von Autohupen hallenden Tiefgaragen herauf in die Geschäfte und Balustraden. Die Produkte internationaler Ketten – Kleidung und Fastfood führen – sind weltweit austauschbar. Wo sind die Bücher, wo ist Musik, frage ich mich. Wo ist Kultur? Ich sehe sie hier so wenig wie in einem deutschen Einkaufszentrum. Der Strom lachender Menschen auf Beutezug, auf der Suche nach Zerstreuung, mir zuerst zuwider, lullt mich allmählich ein. Es wird mir warm und milde.

„Ich habe mich gefragt, ob Beirut die nördlichste arabische Hauptstadt ist“, sage ich.
„Du stellst vielleicht komische Fragen …“
„Beirut liegt etwas nördlicher als Damaskus. Bagdad ist ungefähr auf gleicher Höhe wie Damaskus.“
„Wie, Bagdad ist nicht nördlicher als Damaskus?“
„Nein, das habe ich geprüft. Aber bei einer anderen Sache bin ich ganz unsicher. Was ist mit Tunis, mit Algier? Liegen die vielleicht nördlicher als Beirut?“
„Aber nein. Die sind doch am südlichen Rand des Mittelmeers, Beirut aber am östlichen, also muss Beirut nördlicher liegen.“
„In Ordnung, in Libyen geht die Küste weit nach Süden, aber dann ja mit Tunesien wieder direkt nach Norden. Deswegen bin ich mir unsicher.“
„Ich glaube nicht, sicher nicht weit genug. Das ist bestimmt alles südlicher.“

Heute habe ich es nachgeprüft: Tunis, Algier und sogar Rabat liegen (in dieser Reihenfolge) alle nördlicher als Beirut.

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Das Meer donnert an die phönizische Küste