Willkommen im Düsterwald

Münsingen bei Nacht begrüßt den Wanderer nicht, der nach zwölf Stunden Marsch in der Dämmerung einläuft.

Doch, die Verwalterin des Gästehauses ist freundlich. Als sie nach ein paar Minuten Plausch den Ort wieder verlässt, ist der Wanderer allein in dem mehrflügeligen Bauwerk am Rande des Waldes. Kein Geräusch in dem langen Korridor, in dem er sein Zimmer hat; kein Licht aus den Fenstern des gegenüberliegenden Flügels, schwarz starren sie herüber.

Die Gassen liegen dunkel da unter einem hinter Wolken halb verborgenen Vollmond. Es ist, kaum Abend, schon Nacht, nur vereinzelt brennen Straßenlaternen, die wenigen Menschen schneiden den Fremden, er ist Eindringling. Nur die jungen Leute in der Fahrschule und der Yogakurs im Stadthaus zeugen von so etwas wie einem zivilisierten öffentlichen Leben nach Sonnenuntergang.

Ein Wirtshaus zu finden, ist nicht so leicht. Ich habe die Wahl zwischen zwei, drei armseligen Kaschemmen mit traurig blinkenden Lichterketten; einer verlassenen Dönerbude (ich sehe nicht mal den Verkäufer); und einem teuren Restaurant, bio und regional, alles super, aber in Attitüde und Preisklasse jenseits meiner Welt. Ich gehe trotzdem hinein. Alles andere wäre zu deprimierend. Irgendwie erinnert mich diese Stadt an dieses Werwolfspiel.

Ich bestelle Kässpatzen und werde korrigiert: „Kässpätzle“. Weinkarte, Gruß aus der Küche, das Essen wird mir am Tisch aus der Pfanne serviert, die Kellnerin schöpft mit Löffel und Gabel in einer Hand, die andere vornehm auf dem Rücken. Was für ein Getue. Mir stellen sich die Haare auf.

Vielleicht bin ich ja der Werwolf.

*

Zehnstündiges Delirium, alle Traumfiguren reduzieren ihre Eindrücke und Aussagen immer wieder auf ein einziges, oft aber absurdes, weil die Sache ganz verfehlendes Wort.

*

Münsingen bei Tag, das sind diese typischen Gespräche an der Ladentheke – „So isches halt im Läba“ oder „Gflickt isch gflickt. Isch halt wia beim Auto“ über die Gesundheit.

Es ist der Mann mit Wuschelkopf und schwarzer Lederhose, der auf dem Gehsteig das Gesicht ganz tief in ein Taschenbuch beugt, über der Brust, nein, unter dem Bauchnabel ein Kreuz an einer langen Kette.

Es ist das Haus „Germania“, ausgerechnet und nicht unsympathisch, das das Asylcafé beherbergt und eine offene Bibliothek, 5000 Medien zum kostenlosen Mitnehmen – „ohne Formalitäten“.

Es ist das Lädchen für Munition und Waffen mit der niedrigen Tür und dem Foto einer israelischen Soldatin im Schaufenster.

Münsingen, das ist auch der fremde Wanderer, der die Stadt gen Südosten verlässt.

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Werkstatt

„Eine Bäuerin erzählte mir vom Schneesturm und ich schwieg dazu.“
(Werner Herzog, Vom Gehen im Eis)

Als ich im letzten Sommer über die Schwäbische Alb wanderte, fiel mir in der Auslage einer Buchhandlung (ja, an ein paar Orten gibt es auch auf der Alb Buchhandlungen) ein Bändchen auf. Eine neu erschienene Reisereportage, auf dem Titelbild schreitet einer über einen Feldweg aus, drüber steht „Allein über die Alb“. Welch kühne Tat. Was für ein lächerlicher Titel.

Nun habe ich mir das Buch trotzdem ausgeliehen, um zu schauen, wie andere das so machen. Worüber schreiben sie, wie schreiben sie. In einem Punkt überraschte mich das Buch, denn anders als das Umschlagbild suggeriert, ist Wandern darin nicht angesagt. Bertram Schwarz, Radioreporter vom SWR 4, besucht mit dem Linienbus, als Anhalter, auf dem Rad oder zur Not halt auch mal zu Fuß Orte über die ganze Länge der Schwäbischen Alb hin, um die Menschen zu porträtieren. Das Ergebnis ist manchmal ganz nett, bisweilen peinlich, jedenfalls bieder und gar nicht literarisch. Lernen konnte ich trotzdem was davon, wie man es meistens im Leben kann, wenn man nur will: Schwätzen musst du mit den Leuten! Nicht nur lauschen – „immer horsche, immer gugge“, wie der gute Herr Ärmel sagen würde, oder in meinem Idiom: allat losa, allat luaga –, sondern reden! (Der Herr Ärmel kann das übrigens.)

Parallel lese ich in einem anderen Reisebuch, das zwar auch sehr dünn und ebenfalls süddeutsch geprägt ist (ja sogar eine Albüberquerung im Schneetreiben beschreibt), aber ansonsten ziemlich eine Antipode zu Schwarzens Schrift darstellt. Als 1974 die Filmhistorikerin Lotte Eisner in Paris im Sterben lag, wanderte der Regisseur Werner Herzog von München aus zu ihr, um durch seinen Gang, sein Gehen, sie am Leben zu erhalten. Was – je nach Standpunkt – von einem tiefen magischen oder kindlichen Denken zeugt. „Vom Gehen im Eis“ ist zweifellos literarisch. Es ist sprachgewaltig mit einem starken bayerischen Dreh, von scharfer Beobachtungsgabe dem Außen wie dem Innen gegenüber, und zwingt mit seinem Rhythmus und seinem Gedankenfluss zu aufmerksamer Begleitung.

Auch bieder ist es nicht, im Gegenteil, der Herzog, etwas merkwürdig und selbstherrlich, wie er halt so ist, irgendwie ein Aufschneider letzten Endes und Narzisst, berichtet vier Jahre nach seinem „Gehen im Eis“ öffentlich, wie er wiederholt in Hütten und Ferienhäuser einbricht zum Übernachten und nachts in einen Gummistiefel bieselt, warum auch immer. Na ja, weil er hat zu faul war, bei der Kälte durch den Türrahmen hinauszupinkeln, der Dreckskerl.

Sympathisch ist der Herzog nicht, sein Buch aber eine Lust.

Bertram Schwarz, Allein über die Alb. Eine Reisereportage. Tübingen: Silberburg 2015.

Werner Herzog, Vom Gehen im Eis. München – Paris. München: Hanser 1978. Neuauflage 2012.

Novemberklein, erstes Drittel

Sie hat ein Tattoo hinterm Ohr und ich denke mir nur: Vampirbesitz.

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Wunderbarste Novemberstimmung. Das Licht der Laternen und Scheinwerfer von einem weichen, lockenden Gelb dank der Teppiche aus Laub und Nebelschwaden, die Luft tatenlustig frisch. Was fehlt, ist nur noch, in ein von tausend Kerzen erleuchtetes Herrenhaus am Hang geladen zu werden.

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Ein Stapel Amtsblätter vor der Tür (niemand liest sie), die Straße gesperrt für eine Baustelle, deren Niederkunft naht, Lockern des Schals im Ahnen von Sonne. Erste Schritte am Tag.

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Mittags Kaffeegespräch mit einem älteren griechischen Herrn. Nach 45 Jahren in Deutschland spricht er immer noch ein fürchterliches Deutsch, und in seiner gebrochenen Sprache erklärt er mir, weshalb die Griechen an ihrer Wirtschaftskrise voll und ganz selbst schuld seien und sich an Deutschland ein Vorbild nehmen sollten. Und ich frage mich: Ist der Mann nun integriert oder nicht?

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Hinter der Trikolore aus Blättern – Gelb, Grün, Rot in drei warmen Streifen – Menschen in Klettergurten. Baumbürger jenes Herbstlandes?

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„Das ist der Tigerpapa.“ Ich stutze über den unerwarteten Ehrentitel. Nachdem die Kinder bespaßt sind, überlasse ich sie wieder ihren Eltern und schreite in das Tal hinab, zwischen den Felsen hindurch, dem Gewässer nach. Forellen schwimmen in Licht. Die Klarheit der Ach ist – ach. Als sich die Türme des Zwiefaltener Münsters vor mir zeigen, biege ich links ab, die Serpentinen hoch, lasse Ziegen an meinen Händen schnuppern. Über Trampelpfade folge ich der Beschilderung, schließlich durch einen aufgelassen Garten hindurch, dann bin ich im Loretto. Für das Café am ökologischen Hofladen bin ich leider zu früh (verlockend reihen sich schon Brote und Gebäck), aber Moritz kann ich mich kurz in der Backstube vorstellen. Er bloggt in seiner Freizeit, fängt in Zweizeilern kraftvoll die Landschaft der Schwäbischen Alb ein. Moritz rollt Teig aus, ich störe, freue mich trotzdem, wieder einmal einen Menschen aus der Blogosphäre im leibhaftigen Leben getroffen zu haben.

Hinter dem Hof schlage ich einen Weg zwischen Buchen ein. Der Boden ist nichts als rotes Laub und Krähen krächzen laut, fordernd, gierig. Beinahe unheimlich ist dieser Novemberwald, träte ein Wesen fremder Art hinter einem Baum hervor, würde ich mich erschrecken, nicht wundern. Dann begreife ich das Kreischen der Vögel. Ein Luftkampf findet statt, Bussarde hart bedrängt von einem Krähenschwarm. Die Schlacht begleitet mich noch eine Weile.

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Pappardelle al filetto di manzo. Ein Traum in Nelke und Tomate.

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Gedicht, das ich im Vorbeigehen treffe, du gefällst mir. Ja doch, Walt Whitman würde sich freuen über diese Begegnung in der Straßenbahn.

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Das Fenster in Blau quert sie, dann hält sie unterm gelben Schein des nächsten, als wäre es hier wärmer für ihre dringlichen Worte am Ohr.

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Waldbier 2014: Schwarzkiefer. Eine leichte, grüne Flasche mit dem elegant schlichten Etikett eines Produkts, das weiß, was es wert ist. Die Flüssigkeit unter dem zarten Schaum in der Farbe von Bernstein und Baumpech, eine Note von Honig und Met in der Nase, von Harz auf der Zunge, bitter und süß umspült zugleich wie das wahre Leben. Ein kleines, starkes Bockbier aus „100% heimischen Rohstoffen“, gebraut in Österreich, weshalb das Bier Schwarzkieferzapfen aus den Bundesforsten des südlichen Wienerwaldes aufnehmen darf. Ein richtiges Genussbier, das seine Zeit verdient. Etwa zu einer Schallplattenseite von My Brightest Diamond.

Tigerfeld_Schwäbische Alb_Glastal_Tiger_Wegweiser

Bates Motel – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 3)

… und stehe, weil ich von dem Albtraum auf der Alb noch nichts weiß, von der Bank auf und mache mich weiter gen Süden. Die Schönheiten des Weges – goldenes Getreide auf den Feldern, reifer und die Landschaft bereits viel wärmer als an den letzten beiden Tagen; stille Tümpel im Schatten der Bäume; gurgelnde Bäche und das Ried und die Felsen im Brieltal – haben nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit. Die Füße schmerzen, die Knie ziehen, die Beine ächzen, ich bin hungrig und durstig. Das letzte Dörfchen vor meinem Ziel betrete ich über eine Seitenstraße, zwei Bauern machen sich auf ihrem Hof an einem Gerät zu schaffen, stumm stellt sich mir ihre Abneigung entgegen. Ich rufe ein kräftiges „Grüß Gott“ hinüber und zwinge so dieses verstockte Volk wenigstens zu einem murmelnden Gruß, der sich unter Mühen ihren verschlossenen, misstrauischen Gesichtern entwindet.

Schwäbische Alb_Wanderung_Brieltal

Im Brieltal

Dann bin ich am Ziel. Die Tür der Pension ist verschlossen, ich rufe übers Handy die Wirtin an, ach schon da, ja, sie wird vorbeikommen, es wird eine Dreiviertelstunde, nein, eine halbe Stunde dauern, verbessert sie sich rasch. Es tue ihr leid. Ich setze mich auf einen weißen Plastikstuhl vor der Pension – einer ehemaligen Gaststätte, man sieht noch verblichen den Namen des einstigen Wirtshauses -, über die Bundesstraße rauscht ein Strom an Blech an mir vobei. Nach einer Weile öffnet sich in meinem Rücken knarzend ein Fenster. Eine zerknautschte, alte Frau blickt auf mich herab, sie sagt etwas. Ich verstehe sie nicht, ahne nur, beruhige sie: Ja ja, sie wird kommen, ich habe sie angerufen, es kann nicht mehr lange dauern. Das hoffe sie aber, glaube ich die alte Frau sagen zu hören. Da ist wohl Spannung in der Luft zwischen den beiden Generationen.

Ein Auto mit Familie fährt schließlich auf den Hof, der Mann zwingt sich zu einem kleinen Smalltalk mit mir, erklärt, dass sie ja gar nicht hier wohnten, sondern seine Frau nur noch für seine Mutter diese Pension verwalte. Dann führt mich die Ehefrau, eine Russin, vermute ich, ins Haus, zeigt mir Bad und Zimmer, der Schlüssel wechselt gegen Bargeld den Besitzer, ich solle ihn morgen einfach stecken lassen, denn wir sehen uns nicht mehr, hier im Haus wird niemand ansprechbar sein, ein Frühstück ist sowieso nicht im Angebot eingeschlossen. Die Frau geht, das Auto fährt ab und ich bin allein in dem Haus mit der alten Frau im Stockwerk unter mir.

Das Zimmer ist sauber und günstig, immerhin, aber das ist auch alles, was sich Gutes sagen lässt. Das ganze Haus atmet etwas Überholtes, etwas, das nicht sein darf. Es ist ganz Lieblosigkeit. Ich betrete das hellere der beiden Gemeinschaftsbäder – ein funktionaler, unschöner Raum, seine einzige Einrichtung ist das Putzzeug zur Reinigung, das ganz offen, schamlos geradezu dasteht, um es möglichst rasch zur Hand zu haben. Ich setze mich aufs Klo und blicke den Autos entgegen, die über die Bundesstraße aus Oberschwaben heraufkommen, ein Wagen nach dem anderen. Frei ist mein Blick auf die Straße, der Blick von der Straße zu mir.

Zum Duschen wechsel ich in das andere Bad. Es ist düster, nur über der nicht bis zur Decke hochgezogenen Trennwand empfängt es Licht aus dem Nebenbad. Während das Wasser an mir herunterrinnt, höre ich Schritte. Ich bin also doch nicht allein in diesem Haus, auf diesem Stockwerk. Damit habe ich nicht gerechnet. Der Unbekannte kommt näher, betritt das andere Bad, ist nur noch eine Armlänge von mir entfernt. Er kümmert sich nicht darum, dass gleich hinter der oben offenenTrennmauer jemand duscht, und setzt sich ungeniert aufs Klo. Ich wische mich mit meinem T-Shirt trocken (Handtücher gibt es keine) und ziehe mich in mein Zimmer zurück, rette mich dann nach draußen auf die Straße. Jetzt ist endlich Zeit für eine vernünftige Mahlzeit!

Ich mache mich auf ans Dorfende zum Gasthaus (wo es ebenfalls Zimmer, allerdings deutlich weniger günstige, gibt) und mir wird bange beim Blick auf den leeren Hof. Tatsächlich, es ist geschlossen: Ruhetag. Meine Laune sinkt im Steilflug. Eine andere Möglichkeit, in diesem Ort Essen zu bekommen, gibt es nicht (außer an einer Tür zu klingeln und zu betteln). Die umliegenden Orte sind für meine geschundenen Füße gerade weit genug weg, um den Plan zu verwerfen, davon abgesehen, dass ich keine Garantie habe, dort ein offenes Gasthaus zu finden. Ich versuche über das Smartphone einen hilfreichen Hinweis zu finden, vergebens. Nur ganz am Rande des Dorfes habe ich einen minimalen, schlechten Empfang. Ich werde mich also nicht einmal damit ablenken können, auf meinem Zimmer durch die sozialen Medien zu stromern. Aber halt, eine Bushaltestelle! Ich suche den Plan, tatsächlich, es fährt auch abends noch ein Bus hinab ins Donautal zur nächsten Stadt, die nur einige Kilometer weit entfernt ist. Aber was besagt dieses Zeichen da hinter der Uhrzeit? Nur bei Anruf eine Stunde vor Fahrtbeginn … Zur Hölle nochmal.

Was tun, was tun? Ich drehe mich um und strecke den Daumen raus. Habe ich das schon lange nicht mehr gemacht. Sieht man ja auch kaum mehr heutzutage. Ich kneife die Augen gegen das abendliche Sonnenlicht zusammen, halte die Hand mit dem gestreckten Daumen raus. Fahrzeug an Fahrzeug fährt ungerührt an mir vorbei. Ich bin zu alt, ach nein, diese gesamte Anhaltersache ist zu alt, für jemanden wie mich jedenfalls hält heutztage niemand mehr an.

Geschlagen mache ich mich auf ins Zimmer. Ich höre Schritte des Anderen im Nebenzimmer. Ich kaue den allerletzten Rest Walnüsse – kein Esslöffel voll ist es – und trinke einen Kamillentee, das einzige, was diese Pension anbietet, alte Teebeutel, eine nicht ganz sauber aussehende Tasse, ein Wasserkocher im Flur. Ich beschließe, bis morgen Früh meine Zimmertür nicht mehr zu öffnen. Wie mich ablenken bis dahin? Ein Fernseher, ja es gibt einen Fernseher. Er wird mich (ich habe zuhause keinen) ganz dümmlich machen, einer Gehirnwäsche gleich, wird mich entsetzt und verständnislos zurücklassen, aber immerhin – Ablenkung den restlichen Abend hindurch!

Ich scheitere daran, das Gerät zum Laufen zu bringen.

In Ordnung, irgendwo im Rucksack ist ein Büchlein, das tut es doch, besser sogar. Ich lese, bis es dämmert, schließe dann die Augen.

Es ist stickig heiß im Zimmer. Ich öffne die Fenster und werde von dem Lärm der Fahrzeuge ins Kissen gedrückt. Hoffnungslos. Ich schließe das Fenster wieder und liege wie ein Sack in der drückenden Hitze. Die Füße schmerzen, noch mehr schmerzen die Knie, sie werden die ganze Nacht hindurch schmerzen, mich immer wieder wachhalten, bis in die Hüften hinein schmerzt es.

Die Nacht ist ein Dahindämmern zwischen Unruhe und Erschöpfung. Das Bild des Rehkadavers drängt sich mir immer wieder auf, ich höre Schritte des Unbekannten nebenan, ich höre etwas von unten aus der Wohnung der alten Frau, ich höre die Autos erbarmungslos rauschen, die Scheinwerfer blitzen durch die dünnen Jalousien, der Magen knurrt, ich wälze mich in der Hitze hin und her, Schritte vor meiner Tür, die leeren Augenhöhlen des Rehs, die Schmerzen, Schritte …

*

Der Rest ist schnell erzählt. Irgendwie überlebe ich die Nacht, diese Nacht in Bates Motel, diesen Tag wie aus einem Film von David Lynch. Es ist 6.15 Uhr, als ich aus dem Haus flüchte, die letzte Angst, die Haustüre wäre verschlossen und ich gefangen, verflüchtigt sich und ich bin draußen, unterwegs. Die Sonne steht bereits am Himmel. Sieben Kilometer sind es bis zum nächsten Dorf, vielleicht werde ich dort einen Bäcker finden. Einen Kaffee und etwas zu essen, das treibt mich trotz der Schmerzen an. Den Blick der Autofahrer, die mir auf den Landsträßchen entgegenkommen, entnehme ich, dass sie Wanderer um diese Uhrzeit nicht gewohnt sind. Schön ist der Weg auch dort nicht, wo ich die Fahrzeuge zurücklasse: auf einem kilometerlangen, beinahe schnurgeraden Waldweg über den Höhenzug. Solche langen Achsen haben immer etwas Bedrohliches für den Fußgänger, selbst noch für den Radfahrer.

Ich erreiche das nächste Dorf und finde nichts. Also weiter, die nächsten sieben Kilometer. Der Abstieg ins sonnenverzauberte Tiefental (schon wieder eines!) – mir gleichgültig. Die gewundenen Wege durch das wirklich sehenswerte, verschlungene, tiefe, grüne Wolfstal – nebensächlich. Kein Blick für die reizende Lauter, deren Wasser ich quere. Ich will weiter, ich will weg, ich will etwas zu essen, ich steige keuchend den Hochberg empor, mache dort eine kurze Rast.

Schwäbische Alb_Wandern_Wolfstal

Das einsame Wolfstal

Zum ersten Mal komme ich mit einem Wanderer in ein längeres Gespräch. Eine Tagestour macht der freundliche, bärtige Mann, der sich neben mir auf einer Bank niederlässt, eine seiner geliebten Erkundungstouren durch sein Schwabenland. Wir reden über Gott und die Welt oder genauer: über Deutschland früher und heute. Nie hatten wir es so gut wie heute, meint er, und trotzdem, wir haben so viel Unzufriedenheit, so viel Unruhe, so viel Depression und so viel Hass in uns. Wir, die Heutigen, stehen am Abstieg eines Gipfels, einer historischen Ausnahme, die wir undankbar zu schätzen verlernt haben. Die Zeiten werden härter werden.

Das Thema ist ernst, aber der Mann lacht viel, er spricht milde, er freut sich über einen Plausch mit Blick über Oberschwaben, hinüber zum Bussen dort drüben, der letzten markanten Höhe bis zum Voralpenland. Doch der Hunger treibt mich weiter. Ich wünsche dem Mann einen schönen Tag, steige hinab, durch ein Dörfchen, von dem nichts zu erwarten ist, schreite über halb überwucherte Wege. Endlich stehe ich in Rechtenstein, dem nächsten Hoffnungsort. Kraftwerk, Burg, Bahnhof – alles vorhanden! Aber kein Bäcker. Kein Laden. Das Gasthaus um diese Zeit natürlich noch geschlossen.

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Die südlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb

Ich tobe innerlich, nehme den nächsten Ort ins Visier. Den wunderschönen Pfad entlang der braunen Donau, schmal hier noch und trotzdem schon ehrfurchtgebietend mit ihren geheimnisvollen Strudeln, dem rätselhaften Platschen, kann ich nicht mehr würdigen. Auch Emeringen: Fehlanzeige. Mein Blick verengt sich, ich habe längst zu schielen begonnen, habe einen Tunnelblick, lege immer öfter kurze Pausen ein, die Füße brennen.

Zwiefaltendorf, das offizielle Etappenziel, lasse ich links liegen und mache mich auf der Halbhöhe ins Tal der Ach hinein, dorthin, wo bereits die Kuppeln des Münsters von Zwiefalten über die Hänge ragen. Mittags bin ich endlich dort, nach 25 Kilometern Marsch seit der Flucht aus der Pension. Ein Café vor dem Münster ist geöffnet, endlich, ich esse und trinke, ich bin so berauscht, dass ich mir nochmals etwas bestelle und übertreibe. Das Essen tut mir nicht gut, es war die falsche Wahl, mir wird übel von der Schlagsahne, ich könnte wüten darüber, dass ich mir meinen heiß ersehnten Genuss so leichtfertig wieder zunichte gemacht habe. Das ist Hass auf mich selbst.

Als ich mich in einen Sitz des leeren Busses fallen lasse, der mich über die Schwäbische Alb bringen wird, kehrt Ruhe ein. Für die nächste Stunde muss ich nichts mehr tun, nichts mehr wollen. Ich bin Glück.

(In Oberschwaben wird die Reise weitergehen.)

Der Kadaver – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 2)

Auf dem Land kannst du morgens nicht mal deinen Kaffee in Ruhe trinken, ohne über den Grexit diskutieren zu müssen. Manchmal ist die Anonymität der großen Stadt eben doch praktisch. Für den ersten Kaffee in Ruhe zumindest.

Am Stadtrand werden die Trampeltiere des Cirkus Kaiser gefüttert. Ein Mann kippt eine Schubkarre voll Heu auf die Wiese. Eine Frau öffnet die Heckklappe eines Autos. Sonst ist es still. Die Wohnwagen der Zirkustruppe liegen noch schläfrig in der Morgensonne. Ein paar Hundert Meter weiter führt an der Laichinger Tiefenhöhle und dem Kletterwald vorbei ein Trampelpfad durch Brennnesseln und Unterholz. Der Tau auf den Zweigen netzt Schienbeine und T-Shirt. Wälder wechseln hier oben auf der Alb mit Ackerland und hohen Wiesen, der Horizont ist abgesteckt von Strommasten der Überlandleitungen oder fernen Baukränen. Kirchtürme hingegen haben als Landmarken ausgesorgt. In der Horizontalen zerschneiden Bundesstraßen das Land.

Laichingen_Schwäbische Alb_Wandern_HW 7

Auf der Hochebene

Hinter dem Albhof, einem Reiterstall und Flachdachrestaurant, versteckt sich in der Eichhalde eine Kolonie von Hütten und Häuschen, als wüssten sie, wie wenig sie hierher passen. Es geht tiefer in den Wald. Die Straßengeräusche werden, endlich, zur bloßen Ahnung, verlieren sich schließlich ganz. Nur eine Schafsherde blökt unsichtbar vom Waldsaum her oder ein Flugzeug brummt im Blau, sonst nichts als Vogelsang. Als der Weg wieder auf die Felder führt, übernehmen die Insekten das Konzert: Grillen, Schwebfliegen, Hummeln. Die Schwäbische Alb verändert hier ihr Gesicht, wird zumindest ein kurzes Stück des Weges zu der Parklandschaft, als die sie bekannt ist und durch die Schafzucht einst geworden war. Vereinzelte krüppelige Kiefern, hohes bräunliches Gras, vielleicht ein paar Steine oder Felsen, die aus den zergliederten Hängen schauen. War der Morgen noch ganz sonnig, bringt der Westwind Wattebäusche.

Gleich hinter der Sontheimer Höhle, der dritten begehbaren Höhle, die ich seit dem Albaufstieg passiere (und alle ein paar Wochen später besichtigen werde), geht es in ein tief eingeschnittenes Tal hinab. Sehr einsam wirkt es, ein Eichelhäher fliegt über Felsen auf, doch der gut ausgebaute Untergrund und die Pferdeäpfel strafen der Entrücktheit Lüge. Schon nach ein paar Hundert Metern verlässt der HW 7 wieder das Tal, in einem spitzen Winkel führt ein Waldweg wieder auf die Höhe (geradeaus ginge es nach Blaubeuren mit seiner einstigen Klosterschule, durch die so viele Dichter und Denker Altwürttembergs gegangen waren). Der Aufstieg ist in erster Linie eine Vermeidung, auf die zahllosen orangebraunen Nacktschnecken zu treten. Der Himmel über den Feldern ist bereits grau.

Schwäbische Alb_Schnecke_Tod

Kreisläufe

Als ich die offene Hochfläche fast durchquert habe, schlägt irgendwo ein Hund an. Ich blicke zurück über die einsamen Äcker hinüber zum Wald, aus dem ich gekommen war. Eine infantile Fantasie bemächtigt sich meiner. Einmal angenommen, der Hund wäre auf meine Fährte angesetzt, würde ich es rennend, stolpernd, taumelnd bis zum nächsten Waldrand schaffen, bevor mich die Bestie erreichte? Es ist ein bisschen ein Bild aus „Der Hund von Baskerville“, auch wenn das nächtliche Dartmoor zugegebenermaßen eine überzeugendere Kulisse abgibt für eine solche Geschichte als diese Landschaft der Schwäbischen Alb an einem Sommervormittag. Ins Dartmoor habe ich es ja bisher nie geschafft, einmal vor vielen Jahren – ich erschrecke, wie lange das her ist – standen wir in Ivybridge, dem Tor zum Dartmoor in strömendem Regen. An dem winzigen Bahnhof, nicht größer als das dreiwändige Häuschen einer Bushaltestelle, rollten wir unsere Schlafsäcke aus. Als es am nächsten Morgen immer noch goss, machten wir mit dem nächsten Zug kehrt: eine Kapitulation vor der Witterung. (So ganz anders mein Besuch des Exmoors viele Jahre später, der zu meinen schönsten Wanderungen überhaupt wurde.)

Kein Hund war hinter mir her, ich erreichte den nächsten Waldrand sicher. Die Spuren der Menschen sind in dieser Landschaft allgegenwärtig. Bienenkästen am Wegesrand; detaillierte Ausschilderungen an den Wegkreuzungen; dann ein Schuppen mit Bauholz und einem Lieferwagen ohne Kennzeichen. Eine kleine Lichtung mit Forsthaus öffnet sich, auf der Wiese zwei Holzgestelle, die ich im ersten Moment für Schaukelgerüste halte. Aber sie sind zu niedrig und Ringe und Haken für Schaukeln gibt es nicht, dafür große, rostige Nägel im Querholz. Ich vermute, es dient zum Aufhängen des erlegten Wildes. Durch die Scheiben des Forsthauses erspähe ich die Einrichtung, sein Inneres ist möbliert. Fenster zu unbewohnten, besser unbelebten Gebäuden haben oft etwas Trostloses, um nicht zu sagen Unheimliches. Eben will ich von einem Geisterwald – so viele menschliche Spuren, aber nirgendwo ein Mensch – denken, da sehe ich am Wegesrand zwei PKWs, die offene Heckklappe lässt den Blick frei auf Forstarbeiterhelme, in einem Holzwagen sitzen zwei Männer, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, sie besprechen den Tag. Ich rufe ein „Servus“ hinüber, wie zu erwarten kommt nichts zurück.

An einer Fünferkreuzung – welch verwirrende Vielfalt, aber auch welche Möglichkeiten – mache ich auf einem Holzstapel Rast für meine Notizen. Ein Hochsitz hat die lange, gemähte Lichtung im Blick, die Vögel schmettern von den Bäumen, Schwebfliegen observieren meine Knie, bevor sie mit ihren unmöglich eckigen Bewegungen abdrehen.

Schwäbische Alb_Wandern_Wald_Kreuzung

Welchen Weg wählen?

Und dann – ein Mensch. Ein Mensch mit Rucksack wie ich (wenn auch etwas größerem) vor mir auf dem Feldweg. Ein Mensch, den ich nie gesehen hätte, wäre ich nicht nach meiner Pause an jener Fünferkreuzung just den falschen Weg gegangen und nach zwei Kilometern wieder umgedreht, denn sonst wäre dieser Mensch immer hinter mir geblieben.
Ich hole auf. Der Mann, um einen wird es sich handeln, erkenne ich nun, hat breite Schultern, ein kräftiges Kreuz, aber keinen leichten Gang. Sein Schritt ist sperrig, vielleicht plagt ihn eine Blase an den Füßen, auch das Gepäck scheint zu zwicken. Immer wieder fummelt er an seinem Rucksack. Als ich noch 20 oder 30 Schritt entfernt bin und mir bereits Strategien überlege, wie ich am besten bemerkbar mache – durch ein lautes Auftreten, ein Räuspern, irgendein Geräusch – nimmt er mich wahr. Der Mann bleibt stehen, greift nach der Wasserflasche, trinkt halb abgewandt, als wolle er sich unsichtbar machen. Auf seiner Höhe angekommen, bleibe ich trotzdem stehen und grüße. Der Wanderer hat lichtes, kurz geschorenes Haar, seine Brille ist schwarz umrandet, der rostrote Kinnbart gezwirbelt, am Handgelenk prangt ein keltisches Tattoo, zwischen dem Gepäck erkenne ich den Horngriff eines Messers. Der Mann ist jung, wir sind beide auf der Piste, also duze ich ihn. Er siezt mich zurück. Offenbar habe ich ein Problem mit der Selbstwahrnehmung meines Alters. Der junge Mann hat denselben Weg wie ich, stellt sich heraus, er aber wird bis zum Bodensee wandern, was ich – bestenfalls – im Juli nachholen werde. Wie ist das, wenn zwei auf einem so einsamen Weg die gleiche Strecke gehen? Nein, dieser da würde nicht wollen, dass wir bis zum nächsten Dorf unser Tempo einander anpassen. Er hatte nur angehalten, um mich passieren zu lassen. Ich wünsche ihm viel Erfolg und schreite weiter aus.

Schwäbische Alb_Biosphärengebiet_Honig_Imker

Was Gutes

Das nächste Dörfchen Justingen zeigt exemplarisch die Schizophrenie der Albdörfer. Schmuck und zeitenthoben ländlich begrüßt es auf der einen Seite, wird dann zur toten Schlafsiedlung: alles sauber, alles ordentlich, sogar modern, aber kein Leben in den Neubauhäusern, keine Menschen, keine Tiere, selbst die Gartenpflanzen weichen immer mehr Säulen und Wänden aus in Metallgittern geschichteten Bruchsteinen.

Auf einem Feldweg hinter dem Sportplatz kommen mir zwei Füchse entgegen – Mutter und Kind, so nehme ich zumindest an. Denn ein Tier verschwindet sofort im Acker, das zweite erstarrt, schaut mir entgegen, gibt ein ängstliches Bellen von sich und taucht erst dann ebenfalls im Getreide unter. Als ich mich später umdrehe, kommt das Tier eben wieder auf den Weg zurück, sieht mich zurückblickend und ist schon wieder weg.

Der Waldweg führt nun recht bald hinab ins Tal der Schmiech. In einem feuchten Buchenwald biege ich ab auf einen schmalen Pfad und betrete, ohne es gleich zu bemerken, ein Zauberreich, die Anderswelt. Felsen und Bäume sind von Moos regelrecht überwuchert, die Hänge von grünem Kraut bewachsen. Der Weg, auf dem ich gehe, wird in der Regenzeit nichts als ein Bachbett sein. Es sieht aus, als wäre hier immer Regenzeit, als hätte ich ein winziges Zeitfenster erwischt, in dem ein Sterblicher es wagen darf, dieses Land zu passieren. Die Steine unter meinen Stiefeln schimmern nass. Dort, wo sie sich mir nicht scharfkantig entgegenstellen, sind sie glitschig. In dem grünen Dämmerlicht, begleitet von mir unbekannten Vogelrufen, steige ich immer tiefer hinab in die Felsenschlucht. Eine Kröte hüpft ins Gesträuch, vielleicht ist sie in Wahrheit die smaragdfarbene Königin dieses Reiches.

Der traumhafte Weg mündet – hinein in eine schlecht einsehbare Haarnadelkurve, über deren Asphalt sich der Fußgänger die letzten Meter ins Dorf hinab bewegen muss. Hütten gleicht einem verwunschenen Dorf von der lieblichen (nicht alptraumhaften) Sorte in einem geschwungenen Tal, in dem man unweigerlich einen Fluss erwartet und nur einen Bach findet. Über der Siedlung thront hell der Uhufelsen, darunter eine Barockkapelle und eine  Christusstatue. Der überlebensgroße Gute Hirte blickt auf seine Schützlinge im Tal hinab. Wahrscheinlich hat er sie alle im Blick. Nahe der Kreuzung liegen sich zwei Gaststätten fast gegenüber, beide haben – zur Mittagszeit – geschlossen. Ich muss mich mit einer schon verdächtig schmeckenden, gekochten Kartoffel und ein paar Nüssen aus meinem Rucksack begnügen, dazu ein paar Schluck Wasser aus der Flasche. Offizielles Etappenziel des HW 7, würde ich Hütten gleich wieder hinter mir lassen. 13 Kilometer sind es noch bis zu meinem Ziel, entnehme ich stirnrunzelnd einem Wegweiser.

Schwäbische Alb_Hütten_Schelklingen

Hütten unter Wolken

Also mache ich mich auf, über die Schmiech – sie fließt rasch und klar -, an einer frisch geschnittenen Hecke vorbei, vor der eine Katze geduldig auf der Straße sitzt und den beiden älteren Männern zu lauschen scheint. Ein Bummelzug pfeift beim Übergang über die Brücke. Hühner, Schafe, Katzen, Ziegen, Pferde, Gänse – allen begegne ich auf dem kurzen Stück an der Schmiech entlang, bevor es rechts hinein in ein langes, langes Tal (nicht umsonst heißt es Tiefental, allerdings ein häufiger Name in dieser Gegend) geht, auf einem Weg, der stetig und leicht ansteigt. Meine Mahlzeit war nicht üppig, merke ich, nach 20 Kilometern hinter mir und weiteren zehn vor mir. Im Trott beginnt sich meine Wahrnehmung zu verengen und der Körper sich auf das Wichtigste zu konzentrieren: gehen.

Den Kadaver bemerke ich daher erst, als ich neben ihm stehe. Ich sehe ihn nicht, ich rieche ihn nicht einmal als Erstes, sondern ich höre ihn: höre das Summen unzähliger aufgestörter Fliegen. Da liegt ein totes Reh am Wegrand. Seine Augen sind längst leere, dunkle Höhlen, der Mundbereich schwarz und eingefallen und gewiss schon angefressen. Nun erst rieche ich die Fäulnis, ich ziehe die Luft flach durch den Mund ein, um nicht würgen zu müssen. Es sieht aus, als wäre dem Tier die Decke abgezogen worden: an den Füßen hängt noch Fell, der Rest des Körpers aber ist eine haarlose, gedunsene Fläche in dieser Palette von Verwesungsfarben, für die ich keine Worte finde. Am hinteren Rücken hat das Tier eine Verletzung. Ich gehe nicht näher, um diese Wunde zu inspizieren, ich mache nur einen einzigen Schritt für ein besseres Foto. Dann spucke ich aus, um den Leichengeruch an meinem Gaumen loszuwerden und setze meinen Weg fort.

Zwischen Grötzingen und Ennahofen, mitten in den Lutherischen Bergen (die Region ist – wie so oft auf Geheiß eines einstigen Landesherrn – protestantisch zwischen katholischen Nachbarn), sehe ich das erste Mal Oberschwaben unter mir ausgebreitet. Die Ferne verschwimmt in Dunst. Bei klarem Wetter wird man von hier die Alpen sehen können. Auf einer Bank strecke ich die müde werdenden Beine für ein paar Minuten aus, bevor ich mich weiter auf den Weg mache, nach Süden ins Tal hinein, nach Weilersteußlingen hinauf, wieder hinab.

Schwäbische Alb_Wandern_HW 7_Getreide

Korn in den Lutherischen Bergen

Hier, auf dieser Bank in den Lutherischen Bergen, brechen meine Reisenotizen ab.

Die Geschichte aber geht weiter. Sie wird zu einem Traum, einem unangenehmen Traum, dem ich erst knapp 24 Stunden später entkommen sein werde.

(Fortsetzung folgt.)

„A Russ, a siaßa“ – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 1)

Aufbrechen, beginnen, angehen zum Wochenbeginn. Ich meine, es könne keinen besseren Zeitpunkt geben, um eine Wanderung – Welterschließung durch Gehen – zu starten.

Das Kruzifix am Fuß der Berge

Reist man filsaufwärts, fallen einem – ein gutes Stück hinter Geislingen, gleich nach Überkingen mit seinem Mineralwasser – die Brunnenfiguren auf. Die Muttergottes und Heilige bezeugen, dass das obere Filstal katholisch ist. Dann gesellen sich Nischenfiguren von Schutzheiligen an Brücken hinzu, Kruzifixe überschauen Wegkreuzungen und Dorfplätze, Kapellen wachen am Wegesrand. Der Unterschied zum protestantisch-pietistisch geprägten Großraum Stuttgart ist auffallend und man versteht plötzlich, wie der englische Schriftsteller D.H. Lawrence nach seiner Wanderung von Bayern nach Norditalien Kruzifixe zum Mittelpunkt seines Reiseberichts (Twilight in Italy, 1916) machen konnte. Als ich aus dem Bus heraus diese Kulturlandschaft in mich aufnehme, geschieht eine Wandlung mit mir, rätselhaft wie die Eucharistie. Es ist vielleicht das erste Mal, dass dieser Anblick sachte Wehmut auslöst in mir, ein Sehnen, verbunden mit einer Art archaischen Willkommensgruß. Dieses Empfinden geht ganz an der Ratio vorbei, es hat nichts mit Überzeugungen oder Glaubensinhalten zu tun, es ist nur ein Wiedererkennen der landschaftlichen Zeichensprache meiner Kindheit.

S‘alte Haus

Viel freundlicher zeigt sich Wiesensteig, der Ausgangspunkt meiner Wanderung, als noch im April, als ich von meiner letzten Etappe den Hügel herunterkam. Die grüne Fülle auf allen Hängen nimmt der Enge ein wenig an Druck, auch wenn der Horizont der Straßen, der Hügel abweisend bleibt. Diese wenig einladende Lage hatte trotzdem nicht verhindert, erfahre ich vor einem rotgestrichenen Fachwerkhaus (zu verkaufen ist das wunderschöne Bauwerk mit seinem Schild „S‘alte Haus“), dass das winzige Städtchen einst von den Schweden niedergebrannt worden war – im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, als alle Parteien längst schon am Verhandlungstisch saßen. Das ist wieder etwas, was aus den Tiefen heraus an meine alte Heimat anklingen lässt. Auch das Allgäu hatte – wie so viele Regionen Deutschlands – unter den schwedischen Truppen gelitten, auch hier wissen die Menschen immer noch von Schwedenschanzen (eine von Dutzenden über Deutschland und darüber hinaus bekannten und bisweilen vielleicht nur irrtümlich so bezeichneten Schutzwällen) wie vom Schwedentrunk – jene unter anderem bei Grimmelshausen überlieferte Foltermethode, bei der dem Opfer Jauche eingeflößt wurde.

Es sind Erfahrungen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis jener Region eingeschrieben haben. Merkwürdigerweise eigentlich, denn welcher furchtbare Ruf, welche Zerstörungen haben sich sonst so im Gedenken jener Landschaft verankert? Die Rote Armee kam nie so weit, von den Verwüstungen des Spanischen Erbfolgekrieges weiß kaum jemand mehr und die plündernden Magyarenreiter sind dann wirklich gar zu lange her. Nur der Bauernkrieg mag vielleicht eine ähnliche Erinnerungskraft besitzen, als Männer wie Jörg Schmid, der Knopf von Leubas, sich gegen die Unterdrückung erhoben und den Herren und ihren Ritterheeren die Stirn zu bieten versucht hatten und – auch wenn sie oft zugrunde gingen in der Schlacht, unter der Folter, am Galgenbaum – zumindest im Allgäu die rechtliche Stellung der Bauern langfristig verbessern konnten.

Aber ich schweife ab. Ich rücke den Rucksack zurecht und schreite hinaus aus dem Ort, an dem Kreuzweg vorbei, den ich das letzte Mal hinkend herabgekommen war, und tiefer hinein ins Tal.

Karstgewässer

Überall rauschen Bäche. Allein schon dieses Wasser ist der denkbarste Kontrast zur Wanderung in der roten Pfalz wenige Wochen zuvor. Am Lauf entlang stehen Eschen, Weiden, jetzt erst blühende Holderboschen – es ist üppig, grün, feucht, keineswegs heiß. Sachter Nieselregen fällt. Nicht mehr als eine Erfrischung, von niemandem bestellt.

Fils_Filstal_Wiesensteig

Im oberen Filstal

Nach dem Sägewerk hebt sich der Wanderweg empor, beinahe terrassenförmig fällt die Wiese zur Rechten steil ab zum Grund, der von der Fils durchschwungen wird. Das Rauschen ist nur noch ein gedämpftes Plätschern. Gegenüber, auf der anderen Seite des Baches, stehen Posten gleich ein paar Tannen dem Buchenmischwald vorgelagert. Jungvieh fehlt in diesem idyllischen Tal. Nur ein Reiher steht stille unten. Sind es hundert Schritt hinab zum ihm? Immer noch zu nah: Allein das Innehalten und langsame Greifen nach dem Fotoapparat ist dem scheuen Tier bereits zu viel, es erhebt sich, die ersten Flügelschläge schwerfällig, und flattert bachaufwärts.

Dort senkt sich der Weg wieder hinab, die Büsche rücken näher in dem sich verengenden Tal. Der Filsursprung, das sind eigentlich mehrere Quellen am Waldesrand, wo das Wasser aus den kalkigen Schotterflächen tritt. Das Hasental aber führt weiter. Ohne das einladende Plätschern verändert es sofort seinen Charakter, abgeschlossener wirkt der Wald mit seinen Fichtenreihen, verhaltener das Tal. Die Sinne werden in der Stille wacher, wachsamer. Unter der Hochsommerglut wird das Tal, so stelle ich mir vor, in der Hitze geheimnisvoll summen und surren.

Drohnenland

Der Albaufstieg könnte kaum sanfter sein auf diesen von Giersch flankierten Waldwegen. Ich passiere die Schertelshöhle, ich werde die Tropfsteinhöhle bei anderer Gelegenheit besuchen, das ist bereits beschlossene (und inzwischen umgesetzte) Sache. Als ich dann oben aus dem Wald trete, empfängt mich eine geschwungene Weite, ein Fächer aus Grüntönen spannt sich auf. Hecken und Haine sind über die Hügel verteilt, junges Getreide wechselt mit hohem Gras, ein Landsträßchen zieht sich über den nächsten Kamm. Für einen Augenblick glaube ich mich in England. Und hier begegnet mir, von einem Radfahrer abgesehen, seit Wiesensteig der erste Mensch.

Schon am Waldrand ist von fern ein stetes Motorengeräusch zu hören gewesen. Auf der nächsten Anhöhe sehe ich seinen Ursprung: Das Geräusch kommt von einem Werksgelände des Ortes Westerheim. Das ganze Dorf scheint unter dem Brummen dieses Motors zu liegen, einer akustischen Dunstglocke gleich. Vor der Kirche mit dem runden Dach steht sehr schmuck das restaurierte, bunt bemalte „Haus des Gastes“ mit Bücherei, gegenüber und zurückversetzt hinter der Bushaltestelle liegt die Dorfbäckerei. Sie ist eine jener Geschäfte, wo die Verkäuferinnen ungeachtet Wartender minutenlang mit den Einheimischen reden, aber vor dem Fremden plötzlich – eher unbeholfen denn grimmig – ihr Sprachvermögen verloren zu haben scheinen.

Ich verirre mich in ein Neubaugebiet, links und rechts gleiten flache Roboter über den Rasen, als würden sie mich bewachen. Im zweiten Industriegebiet des Dorfes weiß ich mich endgültig auf dem falsche Weg und mache kehrt. Die Drohnen sind verschwunden, dafür sehe ich jetzt erst über dem gestutzten Grün die Nationalflagge gehisst. Es fügt sich so gut ins Bild.

Mit den Römern zum Mond

Der Regen wird ein wenig stärker, aber nicht viel und so lohnt es nicht, die Regenjacke über das T-Shirt zu ziehen, ich wäre sonst von innen auch nicht weniger nass als von außen. Nach einigen Metern auf dem Seitenrand einer vielbefahrenen Landstraße biegt ein Weg ab zwischen grünes Getreide. Überlandtrassen ziehen sich durch das Tal, der Regen summt auf den Stromleitungen, so laut und aggressiv, dass ich meine, Kiefer und Ohren würden zu schmerzen beginnen. Ich verlaufe mich, mache vor der nächsten Überlandstraße kehrt, finde über nasse Graspfade wieder auf den eigentlichen Weg.

Schwäbische Alb_Wandern

Frühsommer auf der Schwäbischen Alb

Ortschaften und ihr Umland sind meist ein Ärgernis für Wanderer und es dauert, bis sich die Laune wieder hebt. Dort drüben ziert eine Schafsherde den sanften Schwung der Landschaft, da recken sich ein paar Ziegen innerhalb einer umzäunten Hecke empor, um besser an die Zweige zu kommen, oder harmlos meckernd, als könnten sie kein Wässerchen trüben, dabei braucht es kaum mehr als eine Herde hungriger Ziegen, um aus eine Landschaft eine Wüstenei zu machen; zwischen zwei Baumhecken (wieder muss ich an England denken) stehen sehr helle Jungrinder auf dem Feld, sie haben mich, obgleich ich gegenüber im Schatten eines Baumes stehe, sofort im Blick.

Ein kurzes Stück führt die Wanderroute hier über die schnurgerade alte römische Heerstraße, die bis ‚zum Mond‘ reichte – Ad Lunam, einem Kastell auf der Schwäbischen Alb, das sogar auf der Tabula Peutingeriana eingezeichnet war, jener auf eine antike Vorlage zurückgehende Karte des Straßennetzes von den britischen Inseln bis nach Indien. Kaum ist das Herz wieder frei, ist Laichingen aber bereits in Sicht und überhaupt war fast der gesamte Weg vom Waldrand über der Schertelshöhle bis zum Etappenziel asphaltiert. So haben die Füße wenig Freude.

Grünkernmaultaschen

Laichingen, eine Kleinstadt von gut 10 000 Einwohnern, ist eine ganz andere Welt als das nahe Westerheim. Der Einstieg zeigt sich noch sehr ländlich auf der Seite, von der ich komme. Pferdegehöfte, schäbige Hausfassaden, wie man sie in Deutschland nicht so sehr häufig sieht, ein Misthaufen zur Dorfstraße hin, umringt von ganz gewöhnlichen Wohnhäusern (was schon wiederum großartig ist, denn wo sieht man so etwas schon noch in unseren Dörfern). Dann aber ein rühriges Zentrum, Supermärkte – vom türkischen Arzum über den ominösen H‘s Markt bis zum Drogeriemarkt Müller -, ein ganzer Haufen religiöser Infrastruktur, eine richtige Buchhandlung gegenüber der VHS und der Dorfbibliothek, Rap hörende, kurzgeschorene Jugendliche an einer Haltestelle, schlaksige, arabisch telefonierende Männer, eine italienische Eisdiele mit hübscher, wenn auch ihrer anwesenden Kinder wegen gestresster Bedienung, die einen kurzen prüfenden Blick wohlwollend aufnimmt, was das Eis leider auch nicht besser macht …

Im Gasthaus, in dem ich mein Quartier aufschlage, stärke ich mich. Ein Bio-Dreikornhefeweizen zu Grünkernmaultaschen, das muss man einfach beides probieren und dann nichts bereuen, auch wenn es geschmacklich weniger hält, als die Fantasie versprochen hat. Den Stammtisch habe ich mir gegenüber. Hier regiert noch der Dialekt. Die Männer sprechen ein kräftiges, hartes Schwäbisch ohne Nasale, eine Variante des Schwäbischen, das meinem Allgäuer Ohr naturgemäß entgegenkommt. „A Russ, a siaßa“, bestellt der Erste. Wann habe ich das zum letzten Mal gehört? Der nächste ruft „A siaßa Russ.“ Und auch der dritte will sein Weizenbierradler auf dem Tisch: „An Russ, siaß.“ Ich achte nicht auf die Inhalte, ich bin hingerissen, geradezu entzückt von dem dialektalen Klang und seiner Selbstverständlichkeit vor allem, denn eine solche hörst du nicht mehr unten in den großen Städten.

Das schwere Essen hat mich müde gemacht. Ich zahle, stehe auf und nicke den Männern am Stammtisch zu. Sie nicken zurück. Ich darf wiederkommen.

Noch war‘s kein Maienregen – Auf dem Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg (2)

Zum ersten Mal reizvoll wird die Strecke, wenn, fast schon durch Jebenhausen hindurch, das Schloss vor einem liegt, sechs Kilometer vom Göppinger Bahnhof entfernt. Bis dahin ist es verschenkter Weg. Auch in Jebenhausen habe ich nicht innegehalten, nicht am Jüdischen Museum (geschlossen) noch am Schloss (in Privatbesitz). Ich wollte ausschreiten. Ich wollte Wegstrecke hinter mich bringen. Am Ende wurde mir diese Hast zum Verhängnis.

An jenem trüben Apriltag hatte ich mir die beiden kürzeren Etappen 2 und 3 des Schwäbische Alb-Oberschwaben-Wegs (= Hauptwanderweg 7 des Schwäbischen Albvereins) vorgenommen, von Göppingen im mittleren Filstal nach Wiesensteig kurz vor dem Filsursprung. Die erste Station Jebenhausen ist mehr wert als meines flüchtend-flüchtigen Satzes oben. Jahrhunderte waren die Freiherren von Liebenstein (einer Familie, die im Hochmittelalter aus dem Elsass ihren Stammsitz nach Schwaben verlegt hatte), als reichsunmittelbare Ritter die Dorfherren von Jebenhausen. Erst 1806, nachdem sich die Landkarte der deutschen Lande durch Säkularisation und Mediatisierung radikal verändert hatte, fiel die Herrschaft an Württemberg. 30 Jahre vorher hatten die Freiherren den Juden ein – unbefristetes – Schutzprivileg ausgestellt, das diese in dem Rittergut besser stellte als zum Beispiel im benachbarten Württemberg. Die Gemeinde blühte und Mitte des 19. Jahrhunderts waren die christliche und die jüdische Bevölkerungsgruppe Jebenhausens beinahe gleich groß. Recht bald aber löste sich die jüdische Gemeinde nahezu auf. Einige schlugen den – sehr kurzen – Weg ins benachbarte, sich industrialisierende Göppingen ein, viele andere den – sehr weiten – Weg nach Nordamerika. 1900 wurde die Jebenhausener Synagoge verkauft.

Bezgenriet_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Im Grünen

 

Ein paar Hundert Schritt hinter dem malerischen Schloss verliert sich der Weg im Grünen. So etwas ist ungewöhnlich in Deutschland: Dass eine ausgeschriebene Route – hier für ein ganz kurzes Stück zugleich ein Teil des Jakobswegs – ohne erkennbaren Pfad einfach mitten durch eine ungemähte Wiese verläuft. Passend ländlich-malerisch empfängt einen der nächste Ort Bezgenriet (der Name klingt so unerwartet nach Allgäu) mit seinen Scheunen am Feldrand, der ehrwürdigen Dorfschule gleich dahinter, gegenüber ein etwas heruntergekommener Bauernhof, vom üblichen Arsenal aus Maschinen, Materialien und einem vermutlich nicht mehr fahrtüchtigen PKW umlagert. Eine Brennerei und Hofläden versprechen kulinarische Genüsse.

Bad Boll_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Am Fuß der Schwäbischen Alb

 

Die Obstbäume erblühten, das erste Grün spross, viele Äste auf den Streuobstwiesen und oben auf den Hügeln ragten noch kahl empor. In wenigen Wochen würde die Landschaft wieder ganz anders und noch reizvoller aussehen als unter dem grauen Aprilhimmel. Es ist, das denke ich mir immer wieder, eine liebliche, einnehmende Landschaft am Fuß der Schwäbischen Alb: um die Dörfer liegen Äcker mit sanftem Schwung, hangaufwärts erstrecken sich die Streuobstwiesen, darüber die bewaldeten Hänge des Mittelgebirges. Ich werfe einen Blick zurück, hinüber zum Hohenstaufen und freue mich, diese Wegmarke meiner letzten Etappe zu sehen und den Raum dazwischen zu spüren, den ich mit meinen eigenen Schritten durchmessen habe. So etwas ist Welterschließung vom Innigsten.

Die Wanderroute schneidet den Kurort Bad Boll nur an, ein Umweg führt hinein ins Ortszentrum. Ich wollte eigentlich nur weiter, aber andererseits, wann würde ich schon wieder einmal hier sein in diesem kleinen Bäderort mit seiner Akademie (der ältesten nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Evangelischen Akademie in Deutschland und in den letzten Jahren mehrfach ausgezeichnet für die ökologische Ausrichtung ihrer Hauswirtschaft). Der Weg hinein in Bad Boll, nein, der lohnt sich nicht wirklich, das weiß ich nun, und innegehalten habe ich auch hier nicht, aber der Weg wieder hinaus aus dem Ortskern, der hat es in sich. Sehr lieblich zeigte sich hier der Ort. Kirschblüten prangten weiß vor einem dunklen Himmel, hinter den hohen Birken rollte Donner um Donner, dort das rote Haus vor dem Gewitterhimmel, das ich leider nicht fotografiert habe. Über mir und den Frühlingsblüten noch Sonnenschein, im Norden aber, wo ich vor zwei Stunden gestartet war, regnete es.

Als ich die Kurgebäude hinter mir ließ, erreichte der Regen auch mich. Im Teilort Eckwälden klappte eine Belegschaft auf Betriebsausflug, aus Brennereien und Stallbesichtigungen entströmend, ihre Regenschirme mit Firmenlogo auf. Obstler und Kühe, das schien ihnen gefallen zu haben, wie sie scherzend bergauf schlenderten, vielleicht einem gemeinsamen Mittagsmahl entgegen. Ich überholte die Anzughosen und Röcke über Büroschuhen und passierte, schon am Waldrand, die Firmengebäude von Wala, die ich ihrer anthroposophisch begründeten Naturkosmetik wegen (vielleicht zu Unrecht) als „kleine Schwester“ von Weleda – nur rund 30 km entfernt – wahrnehme.

Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Die Wahrheit in Bad Boll

 

Der Waldweg hob sich, der Regen rauschte, milchiglehmige Rinnsale kamen mir über den hellen Kalkmergel entgegen, das Nass färbte das Grau der Buchen dunkel. Als ich auf einen Trampelpfad, der die weiten Schleifen des Waldwegs abkürzte, einbog, donnerte es. Der Weg war steil und glitschig, immer wieder nach bangen Pausen erneuter Donner über mir und ich stieg immer höher, dem Gewitter entgegen. Es war mir mulmig zumute, beinahe gehetzt arbeitete ich mich den Schleichweg empor, aber irgendwo vor mir war eine Autobahnunterführung, dort wäre ich vor Blitz und Regen sicher.

Als ich die A8 erreichte, war das Gewitter bereits weitergezogen. Und nichts verlockte dazu, ausgerechnet hier einen Halt zu machen. Oben rauschte der Fernverkehr, ich stand allein auf unpassend breit gewordenen Waldwegen vor der asphaltierten Unterführung. Ein hässliches Wegstück. Wäre mir nun ein großer Wagen, brummend, die Scheiben spiegelnd, entgegengekommen, ich hätte mich sofort in innerlicher Alarmbereitschaft gefunden, hätte auf diesen Metern jedes Verbrechen für möglich gehalten. Merkwürdig, wie unsere seelenlose Autoarchitektur solche Fantasien von Gewalt und Ausgeliefertheit beflügelt.

Ich trat aus dem Wald und hatte das Deutsche Haus (Kaltenwang) vor mir. Ruheständler schauten mich aus ihrem Mercedes heraus an, ein Hund wütete hinter einem Gatter, es lockte auf einem Schild Steinofenbrot (aber was wollte ich mit einem Laib Brot im nassen Rucksack), köstlicher Duft drang aus der Gaststube. Menschen machen hier Mittagsrast und ließen es sich schmecken, es konnte gar nicht anders als schmecken bei diesen Gerüchen, aber ich wollte nicht einkehren, ich wollte erst hinauf auf den Gipfel gleich hinter dieser langgezogenen Lichtung, den Boßler hinauf, wo ich dann oben sein würde auf dem Albtrauf.

Der Aufstieg auf den Boßler ist steil und steinig und rutschig, ich war froh um mein gutes Schuhwerk und verstand zum ersten Mal annähernd, warum die Route als „schwierig“ ausgeschrieben ist. Wer alpines Terrain kennt, lacht natürlich, und kein geübter Wanderer wird diese Etappen als schwierig empfinden. Dieser Aufstieg aber ist jedenfalls nichts für ungeübte Sonntagsspazierer. Und vielleicht wird so etwas manchen ja erst klar, wenn ein Weg als „schwierig“ bezeichnet wird.

Boßler_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

„Symbolbild“ – recht verdüsterter Blick vom Boßler

 

Oben, am Gipfelkreuz mit Ausblick nach Westen, machte ich eine Rast, trank die ersten Schlucke, biss in ein Käsebrot. Ich war bis auf die Haut durchnässt. Es war kalt und ich konnte mich nicht lange aufhalten, zog nach dem zweiten Butterbrot wieder die Regenjacke über. Ich fror und da half nur eines. Schnell weiter, in Bewegung bleiben, um so wieder warm zu werden.

Die nächsten rund zehn Kilometer, gleich hinter dem Gedenkstein für die vielen Luftfahrzeuge, die schon in den Boßler gekracht sind, führen den Albtrauf entlang und teilen sich den Weg mit dem HW 1. Es ist der interessanteste Abschnitt dieser Etappe. Auf einem schmalen Streifen zwischen der Hochfläche zur Linken – einer keineswegs hässlichen, aber doch vergleichsweise reizlosen, wohlgeordneten Fläche aus Wiesen, steinigen Äckern, Hecken und Wäldern – und den von Mischwald bewachsenen Steilhängen zur Rechten führt ein malerischer Weg über Stock und Stein. Wie schön es sein muss, über Hunderte von Kilometern des Schwäbische Alb-Nordrand-Wegs solche Pfade zu gehen!

HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Albtrauf

Gleich zweimal warb ein Schild mit schwarzem Ross im Walde, lockte hinab in den Grund mit dem Versprechen einer warmen Mahlzeit. Man konnte durch den noch weitgehend unbelaubten Wald hinunter ins Dörfchen Häringen sehen, das Rössle, Landgasthof und Metzgerei, erkennen. Aber wer will da schon hinab, diesen Steilhang hinunter und dann mit gefülltem Magen wieder empor?

Niemand war auf den Wanderwegen unterwegs. Nach einem Sporn, auf dem einst gleich zwei Burgen standen, liegt traumhaft das Dorf Neidlingen in einem Tal, das nur nach Nordwesten hin geöffnet ist. Die übliche Szenerie aus Ackerlinien und Streuobstwiesen am Fuß der Hänge. Hier möchte man doch wohnen, überraschte ich mich selbst mit meinem Wunsch. Doch stünde man unten, wer weiß, ob der Zauber nicht verfliegen würde angesichts streng geordneter Neubauten. Man müsste es ausprobieren, vielleicht einmal mit dem Rad an einem Sommertag.

Bald nach dem Startplatz für Gleitschirmflieger fallen die Routen HW 1 und HW 7 wieder auseinander. Der eine schwenkt nach rechts weiter den Albtrauf entlang (ein paar Kilometer weiter liegt der Neidlinger Wasserfall), der andere nach links, kurz am pfadlosen Rand der Landstraße entlang, dann am Christlichen Jugenddorfwerk Bläsiberg vorbei und durch den lauschigen Weiler mit seinen auf Wanderungen leider unvermeidlichen übermotivierten Hofhunden bald schon wieder hinab nach Wiesensteig, dem Ziel der dritten Etappe. Schon? Die letzten zwei, drei Kilometer waren quälend geworden, ich spürte eine Blase in den eigentlich eingelaufenen Wanderstiefeln und die Gelenke ächzten. Passenderweise entpuppte sich der Weg hinab ins Dorf als Kreuzweg.

Gehen, das bedeutet eigentlich, sich frei zu machen, abzulegen, was nicht unmittelbar notwendig ist. Vielleicht hatte ich das an diesem Tag zu sehr gewollt (gewollt statt zuzulassen): das Voranschreiten, das Weg-Ablaufen, das Flüchten. Ich war, was selten geschieht nach einer Wanderung, unzufrieden, gereizt, rastlos. Und stand in den noch regenfeuchten, nun miefenden Klamotten in einem engen Tal und wartete – als der Fremde, der ich war, erkannt und geflissentlich ignoriert – mit einer Handvoll Schüler und älteren Personen auf den Bus, der mich aus dieser Enge im Tal hinausführen würde, vielleicht nicht aus der Enge in mir.