Der kurze Traum vom Stromer

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Am gestrigen Tag des Frühlingsbeginns an einem windstillen Plätzchen zu sitzen – wie hier an der Johanneskirche am Feuersee – und in die Sonne zu blinzeln: Da reduzieren sich die Bedürfnisse wie von Zauberhand auf ein Minimum. Und man träumt von einem verantwortungsfreien Leben als Herumtreiber (wie in einem Roman von Jack London oder John Steinbeck vielleicht). Zumindest bis zum nächsten Hunger lang.

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Frechdachs mit U-Boot – Das argentinische Caféhaus Chiquilín

Kaum habe ich meine Kaffeetasse abgestellt, fallen schwer zwei Hände auf meine Schultern. Sie haben mich.

An einer ruhigen Kreuzung des Stuttgarter Westens liegt das Restaurant und Café Chiquilín. Dort, wo sich die Gutenberg- und die Rötestraße schneiden, ziehen sich in alle vier Himmelsrichtungen die geliebten Gründerzeithäuser hin. Eines der Eckhäuser, die Regenbogenfahne über der Tür, beherbergt etwas geheimnisvoll das GOK (ein privater Schwulenclub in einer ehemaligen Metzgerei), im Uhrzeigersinn folgen ein Brautstudio, eine Arztpraxis und das Chiquilín.

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Vegetarische Empanada de acelga

Bei gutem Wetter stehen ein paar Holztische vor dem „Frechdachs“ (so der Name auf Deutsch), ein Aushang kündet von gelegentlicher Livemusik (nicht nur argentinischer Tango, auch brasilianischer Choro wird geboten), die Karte verspricht wochenends reichhaltige Frühstücksvarianten bis 17 Uhr – ein Paradies für Spätaufsteher.

„Weiß gar nicht, was man so in Argentinien isst, außer argentinisches Rind“, meint ein Freund, als ich das Chiquilín erwähne. Weit mehr als Steaks, wie das Caféhaus beweist. Die Einwanderer haben Einflüsse aus zahlreichen Ländern eingebracht, ein wichtiger Impuls kommt aus der italienischen Küche.

Der klassischen Vorstellungen recht nahe kommen dürfte die Milanesa, ein dünnes Schnitzel nach argentinischer Art aus der Rinderhüfte (auf Wunsch auch mit Süßkartoffelbrei statt Pommes als Beilage). Rustikal der Guiso de Quinoa, ein Eintopf mit Hühnchen, grünen Bohnen, Mais, Kartoffeln, Karotten und Tomaten, verfeinert mit frischer Minze und Koriander – genau das Richtige nach einem kalten, windigen Tag in der Pampa oder den Bergen. Ganz ‚südländisches‘ Flair hingegen haben die Albóndegas en salsa de tomate, kräftig gewürzte Hackfleischbällchen in Tomatensoße. Und darf es ein Callia Alta Chardonnay mit einer Note nach reifen Bananen, gerösteten Mandeln, Pfirsich und Honig dazu sein? Oder lieber ein tiefroter Calderón Merlot mit kirschroten Reflexen und einer Ahnung von Kirsche und Pflaume? Weine aus Argentinien, Chile, Spanien und Italien stehen auf der Karte.

Nicht nur Mittagstisch oder deftiges Abendessen bietet das Chiquilín, auch für eine leichte Mahlzeit lohnt der Besuch: vielleicht einer Empanada (einer gefüllten Teigtasche) und einem anschließenden Submarino (das U-Boot ist ein Stückchen Schokolade in heißer Milch) oder einem Café con leche (überraschend groß, eher ein französischer Milchkaffee als ein spanischer) zu einem Stückchen aus der verlockenden Kuchentheke oder einem köstlichen Alfajor aus bröckeligem Maismehlteig und einer Füllung aus Milchkaramel.

Chiquilin_Stuttgart

Ausklang mit Genuss

Mehr noch als durch das Essen (gut, wenn auch nicht immer bestechend) überzeugt das Chiquilín durch sein Ambiente. Es ist ein angenehmer Kontrast aus dem kompromisslosen schwarzweißen Fließenmuster des Bodens und den Monochromfotografien an den Wänden – Straßenszenen aus Buenos Aires – auf der einen Seite und dem warmen Terrakottarot der Wände, dem Holz der freistehenden Balken, den gestapelten Weinkisten hinter der Theke, die als Regal für die glitzernden Gläser dienen, den Zimmerpalmen auf den Fensterbrettern auf der anderen.

Es ist doch immer wieder beruhigend, nicht in einem totalitären Geheimdienststaat zu leben. Die Hände auf meinen Schultern gehören einem Freund, der mit seiner Frau (wir kennen uns alle aus der Verlagsbranche) im nahen Tarte & Törtchen essen war. Und während wir uns noch unterhalten, kommt ein Ex-Kollege aus einem anderen Verlag die Straße herunter. „Mensch, hier sieht man ja ein bekanntes Gesicht nach dem anderen“, rufe ich ihm zu. „Deshalb wohnt man ja auch im Westen“, gibt er zurück.

Es ist Abend. Canelones mit einer Spinat-Ricotta-Walnuss-Füllung, ein apulischer Primitivo (Vanille, Rosmarin) und zum Abschluss ein Cortado – ein kraftvoller, runder Geschmack. Fast möchte ich zu rauchen beginnen. Die Hesperidina, ein argentinischer Orangenlikör, wird auf das nächste Mal verschoben. Dämmerung senkt sich über die Stadt und der spanischsprachige Kellner hat Feierabend, er wird von Freunden abgeholt und dribbelt einen Fußball mit der Hand, Freude im Gesicht. Die steht auch in meinem Gesicht.

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Chiquilín: Gutenbergstraße 87 – 70197 Stuttgart (Haltestelle Schwabstraße)

 

 

 

 

Endlich Hitze

Ein Sommerspiel am Pfingstmontag

Vanitas

Ein Schwall Säure lässt mich jäh aus dem Schlaf hochfahren. Es ist wie ein Schock. Was zu viel Essen, zu viel Wein war, ist plötzlich ein Wissen um Verletzbarkeit, um Endlichkeit. Ich spüle den Mund aus und ziehe die dünne Decke zum ersten Mal in dieser Nacht über die Schultern.

Kalenderfragen

„Entschuldigung“, rufen die beiden pubertierenden Jungs am Pfingstmontagmorgen vor dem Supermarkt. „Ist heute Feiertag? Haben die Geschäfte denn alle zu? Gibt‘s hier einen offenen Kiosk? Oder einen Araberladen? Aber morgen ist kein Feiertag mehr?“ Nein, morgen ist kein Feiertag mehr, bestätige ich den verdrießlichen Gesichtern.

Aus dem Kessel steigen

Meine Beine wissen nichts von Kopfschmerz und Müdigkeit und tragen mich die Windungen hoch nach Vaihingen überm Kesselrand. Das Rad schnurrt über den Asphalt, Autos brausen vorbei, der Schatten eines Raubvogels kreuzt meine Bahn. Den Radweg habe ich für mich allein, kein Sonntagsfahrer, den ich überhole, kein Rennradler, der gewichtslos an mir vorüberzieht. Ich liebe diese Steigung bei 30° Celsius. Denn dann ist wirklich Sommer. Glücklich komme ich oben an und verzage. Monströs ist schon vormittags die Schlange vor dem Freibad. Wider Überzeugung schaue ich in die Ritzen meines Geldbeutels und tatsächlich, da ist noch eine letzte zerknitterte Marke vom Vorjahr. Ich gehe an der Schlange vorüber, kein Mensch ist zwischen mir und der Frau, die die Marken am Eingang entwertet. Fünf Minuten später tanzt das Licht auf dem nackten Körper. Die Saison ist eröffnet.

Backsteine

Gegenüber der Tankstelle düst ein Auto bei Rot zwischen dem Fußgänger und mir über die Ampel, ein weißer Wagen mit Spoilern biegt zur Buddha Lounge ein, irgendwo vom Gelände dringen elektronische Beats. Kesseleinwärts wirken die Straßen zwischen den Backsteinhäusern des alten Arbeiterviertels – Heimat der Fantastischen Vier – fast frei von Verkehr in der Mittagshitze. Das Hotel Hottmann, ein trauriger Ort für Monteure, leuchtet wie neugestrichen, ein paar Häuser weiter hat jemand seine Wäsche zum Trocknen auf den Gehweg gestellt. Im zweiten Stock sitzt eine hübsche junge Frau auf dem Fensterbrett und liest im Licht. An der Wohnung, in der ich am Vorabend zu einem Geburtstag war, sind die Jalousien gegen die Hitze herabgelassen, an der, in der ich selbst einmal gewohnt hatte, lassen die Rollläden einen schmalen Spalt frei. Hinter dem Schaufenster der „Kichererbse – vegane Alternativen“ sitzt eine Frau und tippt in ihr Smartphone, und dann liegt Heslach hinter mir.

Definitionen

Sommerglück: Shirt runter, Balkontür auf. Zu Chet Baker mit einem scharfen Chutney beginnen. Dann Kyuss, „Blues for the Red Sun“, gerösteter Kreuzkümmel im Mörser. „Bei dir kann man immer von allem nehmen, weil eh alles schmeckt.“

IMAG1144 „Gewitterwürmer? Das sind diese kleinen, schwarzen Würmer, die vom Himmel fallen, kurz bevor es zu gewittern beginnt.“ Wir schauen uns ratlos an. Wir kennen sie nicht, weder den Begriff noch das Phänomen.

Am Freitag, erfahre ich, war mein kleiner Text im Magazin +3 erschienen. Gesehen habe ich die Beilage der Süddeutschen Zeitung noch nicht. Als Reiseautor firmiere ich da. Das ist wohl eine Definitionssache.

Am Platz

Der Kessel liegt bereits im Abendschatten, nur auf der Höhe noch kratzt das Licht. Die Schlange vor der Gelateria reicht noch immer bis auf die Straße. Ein paar Buben haben einen Einkaufswagen mit bunter „Fahrerkabine“ für Kleinkinder erobert. Lärmend, schreiend, lachend, zankend rattern sie immer wieder den Weg herab, drehen Pirouetten wie auf Glatteis, bremsen kühn vor dem ersten Tisch des Cafés. Es ist 9 Uhr abends, die Schlange vor der Eisdiele ist nochmals länger geworden, am Kaiserbau sind alle Außentische besetzt und kein einziger Gast im Inneren, auf dem Platz – heute Mittag noch wie ausgestorben – sitzen wieder Menschen auf den Treppen, den Mauern, auf dem Plattenboden. Ich lehne mich zurück an die Steinwand, sie strahlt noch die Hitze des Tages ab, schließe die Augen und schwimme in einem Meer aus Stimmen und Sommerwärme. Alles ist gut.

Und es ist noch nicht zu Ende

Ein Stückchen meine Straße hoch blickt man ganz genau in die Schneise einer Verkehrsader drüben im Stuttgarter Westen. Mir war das nie vorher aufgefallen. Die Scheinwerfer der Autos flimmern dort geheimnisvoll in der Dämmerung, gleich Versprechungen einer Fata Morgana. Vögel singen wie irre geworden in den Abendhimmel, der Wind streicht über nackte Haut, wirbelt eine Strähne umher, die Schultern glühen sanft. Verheißung, Verheißung überall.

Nachts auf der Karlshöhe

Wir waren essen, zwei Besucherinnen von auswärts und ich, und auf dem Rückweg vom Stuttgarter Westen in den Süden. Um meinen Gästen etwas von der Stadt zu zeigen, waren wir zuvor über den Schwabtunnel spaziert, einen der wenigen Verbindungswege zwischen den beiden Stadtteilen. Für den Rückweg vom Restaurant dachte ich, die Karlshöhe nun auf der anderen Seite zu umgehen. Wir hatten gut gegessen, der Abend war mild, nichts sprach gegen einen kleinen Umweg.

Also schreiten wir die Straße hinab und ich erzähle von der Karlshöhe zu unserer Rechten: ein steiler Hügel, an den Flanken Villen, Weinberge und Grünflächen, auf der Kuppe ein Biergarten und ein nicht unbedingt weitläufiger, aber unerwartet wilder Parkwald, der im 19. Jahrhundert angelegt worden war.

„Entschuldigung!“, ruft da auf Höhe des Gänsepeterbrunnens ein Mädchen über die Straße. „Sie haben gerade was von der Karlshöhe gesagt. Ich suche dort jemanden und kenne den Weg nicht!“

„Mal sehen, ob wir helfen können“, antworten wir und wechseln die Straßenseite. „Welche Adresse ist es denn?“

„Es ist auf der Karlshöhe.“

„Und wie heißt die Straße?“

„Weiß ich nicht.“

„Hm. Können Sie dort jemanden anrufen?“

„Nein, leider, der Akku von deren Handy ist leer.“

„Oha. Und wie wollen Sie hinfinden?“

„Na ja, es ist so eine Art Party, man hört es. Als ich vorhin, als das Handy noch ging, angerufen hatte, war da laute Musik im Hintergrund.“

„Aha. Ein bisschen vage ist das schon, oder?“

„Halt auf der Karlshöhe. Das ist doch der Weg dorthin, oder?“

„Ja, genau.“

„Also, ich war schon ein Stückchen oben, aber da wurde es dann dunkel …“

„Klar, weiter oben ist es jetzt zappenduster.“

Verloren steht das Mädchen vor uns, das nutzlose Handy in der einen Hand, über dem anderen Arm eine Handtasche, ein Drängen im Gesicht.

„Wir könnten ja bis dahin mitgehen …“

„Sie hat Gott geschickt!“, bricht es aus dem Mädchen hervor.

„Nein, nur das nächste Restaurant.“

So biegen wir in die Hasenbergsteige, schlagen uns auf die Treppe hoch zum Park und lauschen nach Partylärm. Nirgendwo ist Musik zu hören, wir gehen immer weiter. Das Mädchen läuft stumm neben mir, meine Gäste folgen scherzend. Dann bleiben auch die letzten Häuser zurück. Bäume rahmen den schmalen Weg ein, die belaubten Äste schirmen den Himmel völlig ab. Es ist nicht mehr dunkel, es ist finster.

„Siehst du noch was?“, rufen meine Besucherinnen von hinten.

„Nicht wirklich“, antworte ich und schreite weiter und hoffe einfach, nicht vom Weg abzukommen.

„Haben Sie denn kein Licht?“, fragt das Mädchen neben mir etwas pikiert.

Ich hole mein Telefon aus der Tasche und leuchte uns mit dem Display den Weg aus. Kaltes Licht entreißt den Boden unter unseren Füßen der Dunkelheit. Um uns herum nur Bäume und Nacht. Meine beiden Gäste rücken enger zusammen, sie haken sich unter, in ihre Scherze mischt sich ein Hauch von Unsicherheit. Vielleicht sind sie nicht mehr ganz so glücklich über ihren eigenen Vorschlag, das Mädchen bis zur Party zu begleiten. Ich lache. „Hier kann uns nichts passieren.“

„Meinst du?“, kommt die zweifelnde Antwort. Das Mädchen schweigt noch immer.

Dann sind wir oben auf der Kuppe, höher geht es nicht mehr, und da ist keine Musik, kein Licht, kein Gelächter ausgelassener junger Menschen.

„Haben Sie denn irgendeinen Anhaltspunkt, wo die Party ist?“, frage ich das Mädchen nochmals.

„An einem Spielplatz.“

„Ein Spielplatz? Tja, also, da stehen wir praktisch davor. Da, drei Schritte vor uns geht es steil hinab und drunten liegt der Spielplatz.“ Es ist die Senke auf der Karlshöhe, in der jahrhundertelang Schilfsandstein (die „Stuttgart-Formation“) abgebaut worden war, der manchen hiesigen Altbauten ihr charakteristisches Aussehen gibt. Kein Lichtschimmer, kein Laut dringt aus der Senke herauf. „Da ist definitiv niemand.“

Da stehen wir nachts auf der Karlshöhe und wissen nicht weiter. Das Mädchen weiß nicht, was es tun soll. Ich weiß nicht, welchen Weg wir nun einschlagen sollen. Meine Gäste wissen nicht, was sie von all dem halten sollen.

„Es sei denn“, überlege ich, „es ist der Spielplatz auf der anderen Seite des Hügels, unten an der Bushaltestelle.“ Es ist ein ganzes Stück entfernt und dafür hätten wir nicht über die dunkle Höhe gehen müssen.

Niemand widerspricht, also nehmen wir den Weg hinüber auf die andere Seite. Die Bäume weichen zurück, am Biergarten brennt noch Licht. Es ist still, aber im Schein der bunten Lampen tauchen zwei junge Leute auf, ein Pärchen.

Das Mädchen stoppt. „Habt ihr hier Leute gesehen, die Party machen?“

„Hier am Biergarten ist niemand, aber vorne im Park, am Spielplatz, da feiern welche.“

„Da ist niemand mehr.“

„Aha, vor einer Stunde oder so waren sie noch da.“

Die Party ist zu Ende, das Mädchen war umsonst den Berg hochgestiegen, umsonst hatte es die Fremden unten am Brunnen angesprochen. „Geht ihr dorthin?“, fragt es das Pärchen und deutet den Weg zurück, den wir gekommen sind. Die beiden nicken. „Dann komme ich mit euch.“

Das Mädchen dreht sich zu uns um und meint, beinahe schroff: „Also, ich gehe mit denen mit.“ Und dann, weil es selbst merkt, dass irgendetwas fehlt, mit viel Emphase und wenig Gefühl: „Vieeelen Dank!“

Das Mädchen eilt dem Pärchen nach, die jungen Leute verschwinden in der Dunkelheit.

„Mei, Mädel“, schüttelt eine meiner Besucherinnen den Kopf. Wir drehen ab, suchen die nächste Staffel und steigen die 407 Stufen hinab in den Süden.

Koriandertee und starke Preise – das Café Heller in Stuttgart

Das Eckcafé, einst Teil eines Autohauses, ist hell: zwei Seiten Glasfront, auch der lange Korridor zu den Toiletten besteht rechts aus Glas, links ist eine Galeriewand. Die ausgestellten Bilder muss man nicht mögen, aber das Licht, die hellen Holztische mit den dunklen Stühlen und der Boden aus ockerfarbenen Bruchplatten laden zum Verweilen ein. Bei schönem Wetter lockt eine Terrasse, dann ist der Blick auf die steinerne Rückwand des Finanzamtes noch ein bisschen unverstellter.

Die Karte punktet mit einer reichen Auswahl an Frühstücksvarianten (bis 16 Uhr), flankiert von gefüllten Pfannkuchen und hausgemachten Kuchen. Auch mittags und abends werden alle kulinarischen Bedürfnisse gestillt mit warmen Gerichten und einer ansprechenden Auswahl an Weinen und Cocktails. Die warme Küche serviert vor allem typische Lifestylegerichte, etwa gegrillte Gambas auf Avocadospalten mit Salatbouquet und Balsamicodressing. Beinahe neugieriger, weil unerwartet bodenständig, machen auf der Karte die gebackenen Grießschnitten mit rotem Beerenmus. So weit die Theorie.

Erster Praxistest in einem Café muss immer der Kaffee sein: der Espresso und seine Geschwister. Wider Erwarten, angesichts des Ambientes und der Karte, kann das Heller nicht mit einer richtigen Espressomaschine aufwarten. Statt aus einer guten Siebträgermaschine kommt der Espresso nur auf Knopfdruck aus einem Vollautomaten. Damit ist Kaffeegenuss also schon einmal gestorben.

Zum Glück verlockt da ein breites, bunt beschriebenes Angebot an offenen Tees (aus kontrolliert biologischem Anbau). Die Kännchen sind etwas klein geraten, die Farbzusammenstellung von dünnwandiger Tasse und Unterteller beißt sich bisweilen, der „Weite Blick“ mit Koriandersamen und anderen Gewürzen schmeckt angenehm frisch und scharf, der Earl Grey hingegen ist nicht spritzig, ihm fehlt – das scheint bei den Biovarianten öfters zu passieren – an Bergamotte.

Auch das Frühstück überzeugt nicht völlig. Geschmacklich gibt es nichts zu mäkeln, das kräftige Baguette ist sogar außerordentlich gut. Allein, das bayerische Weißwurstfrühstück wird sofort als zu teuer aussortiert, das Verhältnis aus Preis und Menge anderer Frühstücksvarianten fällt etwas ungünstig aus. Ein bisschen Hunger bleibt, und so gönnt man sich eben doch noch ein Stückchen hausgemachten Kuchens (er sieht aus, wie er heißt) oder ein Croissant und ist dann trotzdem nicht restlos glücklich.

Ein angenehmer Ort, ein neues Lieblingscafé hingegen nicht.

P.S. Nicht jeden wird es stören: Die leicht und modern gestaltete Website wie auch die mit sinnreichen Zitaten verzierte Speisekarte ließen sich durch Korrekturlesen noch veredeln …

Café Heller: Herzogstraße 4 – 70176 Stuttgart-West (nahe Feuersee)

Endlich einmal Heizer auf der Titanic – Kunstverein Oberwelt e.V.

Wie verschafft man sich den witzigsten Ostermontagabend seines Lebens?

Das könnte etwa so aussehen: Man macht sich irgendwann im Vorfeld einen schönen Abend in Ratzers Schallplattencafé und steckt den Flyer einer abgefahrenen Kunstaktion ein, in diesem Fall: „Rillenrauschen“, einer multimedialen Ausstellung zum Thema Schallplattenläden, bei Oberwelt e.V.

Man versichert sich einer angenehmen Begleitung und spaziert bei endlich halbwegs linden Abendtemperaturen zur Öffnungszeit um 21 Uhr (!) zu Oberwelt in den Stuttgarter Westen, schaut sich alles mit einem Bier in der Hand an, plaudert mit dem einzigen anderen Besucher, einem nicht mehr jungen Urberliner (sein Eindruck von Stuttgart: „ick sach mal gruselich“), und lässt sich dann gemeinsam im herrlich chaotischen Vereinsraum (falsch, die von Oberwelt-Vorstand Jens Hermann als freiem Künstler zum öffentlichen Treff ausgebaute Abstellkammer) „Dein Klub“ im Hinterhof mit ein paar Vereinsmitgliedern nieder.

Dort spürt man dann nicht nur eine ganze Reihe von unerwarteten Querverbindungen auf (Stuttgart, du Dorf der Kunst), sondern übernimmt spontan für ein, zwei Szenen eine Rolle in einer lippensynchronen Nachverfilmung von „Titanic“ – abgedreht mit sechs, sieben Leuten und einem gerahmten Damenporträt als Kate Winslet (weil heute keine Frau anwesend) in den sechs Quadratmetern des Vereinsraums. Und bekommt dafür nicht nur einen kleinen Platz in der Ahnenreihe der Neuverfilmung, sondern auch noch die DVD des ersten Nachdrehs des Klubs, „Wotørwoerld“ zugesteckt.

Da bleibt nur eines zu sagen: Ich freue mich auf den nächsten Dreh.

http://www.oberwelt.de/