Twin Eagle – Den Wüstenwind unter den Schwingen

Die Sommersonnwende steht kurz bevor, es ist kalt und Musik nie verkehrt, das soll genügen, um eine Kurzrezi zu einem Konzertbesuch im Frühjahr auszugraben. Und einzuheizen.

Twin Eagle, das Duo aus dem Mormonenstaat Utah, sieht aus, als wäre es eben aus der Meth-Hütte gekrochen: Graubart an der Gitarre und sein rothaariges Ogermonster am Schlagzeug. Mehr als zwei von der Sorte braucht es auch nicht, sie sind so schon wie ein alttestamentarisches Strafgericht auf Drogen. Mit Twin Eagle ist der Blues zum Metal geworden. Das ist sehr heiß und sehr kernig und authentisch. Und die Wälder brennen im Wüstenwind. Schon damit hat sich der Gang nach Karlsruhe gelohnt.

Beispiel gefällig? Einen heißen Sommerbeginn wünsche ich!

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„Jazz Baby“

Und Mani Neumeier, Schlagzeuger von Guru Guru, wird auch schon 75. Dass vor dem Pavillon der IG Kultur ein Konzertplakat dieser Kultband des Krautrocks hängt, sagt nicht alles, aber viel über den Veranstaltungsort aus. Für den Bahnreisenden am gefühlten zivilisatorischen Ende Sindelfingens, dort, wo die noch junge S-Bahn-Linie verschämt ein Gleis erhält vor den Schienensträngen des Güterverkehrs, vorbei am Westtor des Mercedes Benz-Werks, da tut sich rechts vom Kreisverkehr freundlich, linkisch, baumgesäumt der Pavillon der IG Kultur auf.

Ein paar Wochen vor dem Guru Guru-Doppelpack (freitags ein Dokumentarfilm zur Band, am Samstag dann das Altherrenkonzert), als noch nicht ein April Ahnungen eines Sommers verschenkte, spielte hier das Alexandra Lehmler Quintett. „Aber wieso liegen denn da Ohrstöpsel an der Kasse?“, fragen die Damen. „Ja, es ist halt Blasmusik, da kann es schon mal lauter werden“, entgegnet der Kassierer. Blasmusik, das ist ein gemütliches Understatement. Alexandra Lehmler war 2014 Jazz-Preisträgerin des Landes Baden-Württemberg, ihr jüngstes Album „Jazz Baby“ ist zwar „teilweise unterhaltsam“, so die Jury (offenbar darf das respektabler Jazz nicht), aber für ihren Ausdruck und die „interessanten“ Kompositionen doch eine Auszeichnung wert.

Eine altlinke Nonchalance regiert im Kulturpavillon. Das schwäbische Kulturbürgertum duzt sich, Cola ist vom Klassenfeind und der Mann hinter der Bar – das graue Haar schulterlang, er wird sie wohl bis zum Tod noch so tragen – sucht etwas hilflos nach den Bierpreisen und weiß nicht, wie viel „Erdnüssle“ kosten. An den Wänden des Foyers hängen farbintensive Fotos von Jazz- und Rockmusikern in Bühnenaction. Ein Althippie kommt aus der Hintertür, irgendwo klirrt ein Glas auf dem Boden, ein Vater ist mit seinen beiden noch vorpubertären Söhnen da. In diesem Alter war ich höchstens auf einem Barockkonzert, aber nicht bei Jazz. Die Jungs sind mindestens so heiter entspannt wie der ganze Rest.

„Sie wissen, wir haben ein geiles Jazzfestival zusammengestellt“, kündigt der Weißhaarige dann das Alexandra Lehmler Quintett an. Und das Konzert tut seinen Teil dazu, wie Alexandra Lehmler (in Schwangerschaftsklamotten) schnell zeigt. Ein Fehler, dass die meisten an Tischen sitzen. Was die Mannheimer Jazzerin (Klarinette, Saxophon) und ihre Band spielen, ist Musik, die bewegt, in Bewegung bringt. Die Songs von „Jazz Baby“ – spürbar gereifter gegenüber ihren früheren Alben (wenn auch mit irritierend im Ungefähren bleibenden Werbetext) – zeichnen sich als ganz warmer, sinnlicher Jazz aus (etwa „Snow in Summer“), ohne anbiedernd oder betulich zu werden. Andere sind rockig, wie das groovige „Unterirdisch“ mit seiner kaum in Zaum gehaltenen Kraft, einer der Höhepunkte des Albums. Bei einem Song reißt es den Tastenspieler bei seinem ekstatischen Synthiespiel vom Hocker, als würde an dem Abend doch eine psychedelische Krautrockband auf der Bühne stehen.

Dann rückt der Kontrabass mit seinem wunderbaren dunklen, gemaserten Braun in den Mittelpunkt. Matthias Debus‘ Solostück wird eine Egosache, fast eine öffentliche Masturbation, wie er seinen Bass klopft und streichelt und kost. Es ist aber auch ein bisschen gemein, dass der Pianospieler während des langen Solos seinen Kopf für ein Nickerchen auf die Arme legt. Dem Publikum gefällt es trotzdem und der anschließende Basslauf in „Superheld“ rechtfertigt jede Eitelkeit, zu der sich Matthias Debus hatte hinreißen lassen.

Später geht es zurück zwischen Asphalt und Gleisen, dann in einem Bus durch die Nacht. Er passiert ein weitläufiges chinesisches Restaurant, große Aquarien mit Goldfischen leuchten durch die Glasfront, keine Gäste vervollständigen die synthetische Szenerie, Geldwäschefantasien und ein Eindruck von Verlorenheit. Das Restaurant bleibt zurück, nur noch Finsternis hinter den Scheiben des Busses und tief drinnen der warme Ton des Saxophons.

Links? Bitte sehr:
Alexandra Lehmler Quintett, „Jazz Baby“
Pressemitteilung zur Preisverleihung 2014
Interessengemeinschaft Kultur Sindelfingen/Böblingen e.V.

Umanand*

* Umanand, in verschiedenen Dialekten des südlichen deutschsprachigen Raums „umher“, „herum“, auch im Sinne einer unspezifischen Ortsangabe, je nach Kontext von „in der Nähe“ bis „unterwegs“.

„Moggele ist tot! Wir waren krank, beide krank und so schwach, dass wir einfach nicht in der Lage waren, ihn zu beerdigen. Ich war so krank wie wahrscheinlich seit meinem zehnten Lebensjahr nicht mehr. Ich kam mir vor wie ein alter Mann, wenn ich mich kraftlos aufs Klo geschleppt habe. Da hat sich das Meerschweinchen den denkbar ungünstigsten Zeitpunk zum Sterben ausgesucht. Es lag dann erst einen Tag auf dem Balkon, in einer Mülltüte, weil wir dachten, vielleicht hätten wir abends genügend Kraft, ihn zu beerdigen. Aber es ging einfach nicht, zudem war der Boden gefroren, und so landete er schließlich in der Restmülltonne. Wir haben eine Müllverbrennungsanlage, immerhin also hatte er eine Feuerbestattung, zwar in Gesellschaft alter Schuhe und Essensreste, aber immerhin. Leid tut es uns aber trotzdem.“

(Wiedergabe mit dem Einverständnis des Urhebers)

*

Zufallsbegegnungen mit Uraltbekanntschaften auf dem Wochenmarkt, ein absolut perfekter Cappuccino zum läppischen Preis von 1,90 € (oder überhaupt ein Cappuccino auf dem Markt!), die besten Brezeln (Brezen oder Brezga bitteschön), Weißwurstfrühstück … Das bekomme ich nicht in Stuttgart auf dem Markt, dafür fahre ich nach Kempten ins Allgäu. Es ist eine Art Mischung aus Katholizismus und Toskanafraktion hier mit einem Dialekt schleppend wie das Wiederkäuen der hiesigen Rinder, zugleich eine Region, von Esoterik nur so gesättigt, von Gesundbetern und Masseurinnen mit Reinkarnationstherapie und Atlaskorrektur, von Propheten und Schamanen, einer ganzen Reihe buddhistischer Klöster und und und. Aber ich schweife ab, ich stehe ja nur in der Markthalle und überlege, das Frühstück nochmals von vorn zu beginnen. Vielleicht kommt ja auch gleich jemand ums Eck und ruft: „Ja grias di, Holle!“ Was machst du denn hier? Schauen und horchen. Luaga und losa. Und genießen.

*

Da sitzt die Oma und strickt an einem Strampelanzug für den jüngsten Zuwachs in der Verwandtschaft, meinen Neffen zweiten Grades. Für einen Augenblick stoppt sie den Lauf der Nadeln und sie sagt zu mir: „Nach diesem Muster habe ich dir deine ersten Hosen gestrickt.“ Und weiter eilen die Nadeln. Gepriesen seien die Großmütter (und Urgroßmütter).

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Wintermorgen, Allgäu

In einem Niedrigenergiehaus kochen wir unter kundiger Anleitung gemeinsam ein marokkanisches Mahl mit selbstgemachten eingelegten Zitronen und großzügigen Mengen an Safran. Danach gleich im Nachbarhaus ein Privatkonzert. 50 Menschen oder mehr drängen sich in dem Raum, zwei junge Frauen − Magdalena Fingerlos und Doro Heckelsmüller sind beide Musiktherapeutinnen − spielen als die Chromantischen „Volxmusik traditionell bis experimentell“ vom Alpenjodler bis zum afrikanischen Friedenslied „Ya salam a dunja“. Der Hausherr, ein in der Region allbekannter Musiker, trägt zwischendurch komische Texte in seinem Oberstdorfer Heimatdialekt vor. Am Lachen merkt man sofort, wer den Witz, das Wort verstanden hat und wer nicht. Die „Bergler“ sind ja berüchtigt für ihren harten Dialekt, der schon sehr alemannisch klingt und die restlichen Allgäuer (von den Berglern „Unterländer“ genannt, wobei das Unterland eigentlich immer hügelabwärts vom eigenen Standpunkt anfängt, das ist so wie mit dem Orient, der mal gleich hinter Wien, mal hinter Budapest oder Belgrad, Istanbul oder Ankara oder sonstwo beginnt) bereits an Grenzen bringt. (Ich habe nur die Hälfte verstanden, ich gebe es zu.) Ein Oberstdorfer Urgestein, dieser Hausherr, aus einer Sippe, die in Jahrhunderten kaum einmal aus ihrem Bergtal herabgekommen ist, so könnte man meinen, aber natürlich ist die Welt viel bunter. Seine Familie, erzählt er, war erst vor drei, vier Generationen als Holzer aus dem Bayerischen (Baierischen müsste ich schreiben, geht es doch um Sprach- und Mentalitäts- und nicht um Landesgrenzen) gekommen, und seine Mutter ist − aus Braunschweig.

*

Eine Senke in der Wiese, von Eismatsch gefüllt, eine einsame Krähe hat sich auf einer Schneebank zwischen den Lachen − einer Miniaturseenplatte − niedergelassen. Dann puschelige Schafe auf einer verschneiten Koppel, selbstzufriedene Wollknäuel, den Kopf gesenkt auf der Suche nach Wintergras. Wenig später sind die Wiesen schon wieder grün und die Äcker satt vor erdiger Dunkelheit. Statuettengleich stehen Reiher zwischen den Krumen, im Hintergrund die schorfigen Bäume an der Iller, der die Bahn flussabwärts folgt. Kurz bricht Licht durch den tiefen Himmel. „Wallah, ich sage dir, es gibt noch andere geile Typen“, tröstet eine Schülerin ihre Freundin am Nebentisch.

*

„Etwas, doch nur wenig, bin ich auch in der mir in den Dithmarsischen Schmach- und Pein-Verhältnissen verlorengegangenen Fertigkeit, mich, wenn ich Menschen gegenüberstehe, selbst für einen Menschen zu halten, weitergekommen.“

(Friedrich Hebbel, Tagebücher, Jahresbeginn 1837)

*

Gleich geht es auf eine Lesung in der Stuttgarter Innenstadt. „Lass Dich von dem Namen und dem etwas schäbigen Hinterhofeingang nicht täuschen …, einfach die Treppe runter und schon bist Du da. Ist ein bisschen versteckt, falls Du es nicht findest, einfach mich anklingeln.“ Das klingt interessant.

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Wegesrand, Schwäbische Alb

P.S. WordPress informiert mich, dass dies der 200. Beitrag auf Zeilentiger liest Kesselleben war. Na dann.

Wetterlage funky bis hypnotisch – Netzers Heimspiel in der Kiste

Einen Tag vor der Eröffnung der Fußball-WM tritt Netzer für ein Warm-up auf die Bühne. In der Kiste, Stuttgarts kleinstem Jazzclub mit fast täglicher Livemusik, prangt der allbekannte markante Scheitel an der Rückwand. Irgendwann nach 21 Uhr lösen sich drei Männer aus den Unterhaltungen vor der Kneipe, stellen Biergläser ab, drücken Kippen aus, stecken eine elektrische Zigarette weg und entern die Bühne: Das Stuttgarter Instrumentaltrio Netzer eröffnet den Abend mit einer Elektro-Jazz-Version von „Walking on the Moon“. Und hat den Mond bald hinter sich gelassen.

Denn die Schaltzentrale Oli Rubow, im Hattler-T-Shirt und nicht nur der dunklen, in die Stirn hängenden Haaren und der großen schwarzen Brille wegen eine Art Woody Allen der Percussion, eröffnet mit seinem gar nicht großen Schlagzeug ungeahnte Räume. Er wirft sich mit neurotisch suchenden, fast schon spastischen Angriffen gegen die Grenzen von Raum und Zeit, schiebt sie weit hinaus und erweist sich als ein irrwitzig guter Spieleröffner.

Markus Bodenseh reiht sich mit Bass und minimalistischem Moog-Synthesizer in den Rhythmus ein, eine gut gelaunte Kante in temperaturgerechten Shorts und Zehensandalen, und mischt – vom Trio vielleicht am wenigsten innovativ – der musikalischen Sprache animalisches Blut, die schwere Süße des Weines bei.

Und diesen weiten Raum nutzt Fanta-4-Gitarrist Markus Birkle, hager, uneitel und in Soccer-T-Shirt, für sein Gitarrenspiel, fängt die Stimmung auf und gestaltet sie neu, zieht wie ein von John Scofield geborener Adler hoch am Himmel seine Loops, scharfkrallig, aufmerksam und berauscht von Höhenluft.

Netzer sieht sich programmatisch als DJ. So fließt ein Song in den anderen, ohne Unterbrechungen, ohne Ansagen. Und als das Trio seinen musikalischen Parforceritt doch zu einem Abschluss gebracht hat, gesteht Bodenseh (nach einem Applaus so lang, wie ihn die Kiste nicht jeden Abend erlebt), wie es jetzt weitergeht, sei noch nicht ganz klar. Kein Problem, der Namensgeber hat es schließlich vorgemacht und Netzer wechselt sich selbst ein zur zweiten Spielzeit.

Und am Ende haben alle gewonnen.

Netzer spielte am 11.6. in der Kiste.

Halleluja

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Die Massen stürmen in das Gotteshaus, lange Schlangen bilden sich vor den Pforten. So viel Andrang hat die Marienkirche sicherlich schon lange nicht mehr gesehen. (Eine neugierige Frage an die Lokalhistoriker: Hat sie es jemals?) Nicht Tempeldienst lockt die jungen Menschen, versteht sich. Sondern das Duo „Me and My Drummer“ gibt hier und heute auf seiner Tournee ein Freikonzert: die Marienkirche als Eventlocation.

Im späteren 19. Jahrhundert als erste katholische Kirche Stuttgarts nach der Reformation errichtet, wurde sie wie viele andere Kirchen der Stadt im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und beherbergt heute mehrere gotische Kunstwerke als Leihgabe des Württembergischen Landesmuseums. So weit die Fakten.

Andere Dinge springen mehr ins Auge. Das Quartier um den ehrwürdigen Sandsteinbau hat es ein bisschen schwer. Das liegt nicht am Furtbachkrankenhaus − einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie − gleich nebenan. Es liegt schon eher an dem beliebten Drogentreff auf dem Platz vor der Kirche. Es liegt ganz entschieden an der scheußlichen Paulinenbrücke auf der anderen Seite des Vorplatzes: Teil der sogenannten Stadtautobahn, in ihrem „Totraum“ ein nicht minder scheußlicher und permanent nach Urin riechender Parkplatz.

Richten sollen es nun zwei Großbauten: auf der stadtmittigen Seite der Brücke das Gerber, eines von mehreren in Stuttgart derzeit entstehenden und − seien wir ehrlich − völlig überflüssigen Einkaufszentren, auf der anderen Seite das Caleido, ein Büro-, Wohn- und Geschäftshaus, neben dem die Marienkirche zusammenschrumpft. „Hier wächst Stuttgart zusammen“, Werbespruch an der Gerberbaustelle, klingt zumindest ironieverdächtig.

Ob durch das Konzert in der Marienkirche mehr zusammenwächst? An der Tür tut sich nichts mehr, ein Einlass in das Konzert erscheint hoffnungslos. Die jungen Leute auf dem Platz nehmen es gelassen, man hingegen tigert weiter.

Marienkirche, Fangelsbachstraße 20 (Stuttgart-Süd)

JazzJam und Stuttgarts erste Party

Die Fenster des Hinterzimmers sind mit Konzertplakaten abgeklebt, die Bar ist unbesetzt und tot wie ein aufgelassenes Spinnennetz, bedient wird man aus der Gaststube vorne. Einige Spanier, kein Gramm Fett unter den breiten Gürteln, drängen sich hinten um den Billardtisch, vorne auf der Bühne stehen ein paar junge − erschreckend junge − Musiker und spielen Jazz. Es ist wieder einmal JazzJam im Arigato und wir finden Platz gleich hinter der Zwischentür an dem Tisch mit der Spendenbox und dem Ofen im Rücken.

Die meisten Gäste sind deutlich jünger als wir, mittendrin aber sitzt ein älterer Mann − irgendetwas an ihm lässt mich vage an Michael Caine denken − mit Rotwein und Batatas bravas vor sich, die Aufmerksamkeit ganz auf die Bühne gerichtet, ein echter Jazzliebhaber, denke ich. (Aber nein, ein paar Wochen später sitzt er am Hard‘n‘Heavy-Abend an genau demselben Platz, Rotwein und wilde Kartoffeln mit Aioli vor sich und die Augen gen Bühne, als wäre nichts geschehen seither.)

„Probier mal, ist das wirklich ein Radler? Ich schmecke nur Bier“, zweifelt mein Cousin aus München. Ich nehme einen Schluck und schmecke Radler, kein Zweifel. „Wie ist das Radler in München denn?“, spotte ich und frage mich, ob sich unsere Geschmacksgewohnheiten − beide stammen wir aus einem Landstrich, der sich Schwaben nennt und (einst sehr wichtig) doch zu Bayern gehört − durch die Umsiedlung in verschiedene Landeshauptstädte unterschiedlich entwickelt haben.

Die Musik bricht ab, sofort nimmt das harte Klicken vom Billardtisch den Raum ein und das akzentuierte Spanisch der jungen Männer drum herum, eifrig diskutierend, ihre Sprache Tanzpartnerin der Billardklicks. Die Musiker gruppieren sich um, der Boden knarzt, neue Gesichter betreten die Bühne, alle jung, alle männlich. Vermutlich studiert der eine oder andere den Studiengang Jazz/Pop an der Musikhochschule Stuttgart − die Jazzabteilung der Stadt ist nach der Kölns immerhin die zweitälteste Deutschlands −, deren Ende 2013 von der Landesregierung beschlossen worden war, was von der Initiative „Stuttgart braucht Jazz“ vorerst erfolgreich abgewehrt wurde. Ein Glück für die Musikszene der Landeshauptstadt, ein Glück vielleicht auch für diese jungen Musiker dort vorne. Aber warum spielen eigentlich keine Frauen hier? Ja, warum eigentlich nicht?

Die Heizung holpert und wärmt uns an dem Tisch am Eingang und wir erinnern uns an unsere erste Begegnung mit Stuttgart. Damals, als wir noch fast Kinder waren, war die Stadt uns ein fremder Ort, mit dem wir nicht mehr verbanden als mit der Muttermilch aufgesaugte Vorurteile. Ein Onkel von uns wohnte damals hier, er war an den Theaterbühnen tätig, und einmal, zu einer WG-Party, lud er Verwandtschaft ein. Tatsächlich machte sich eine Tante auf den Weg nach Stuttgart, sie packte uns Buben ein und so kamen wir zum ersten mal in diese Stadt. Wo das Haus mit der Party genau lag, haben wir keine Ahnung, auch unser Onkel weiß es nicht mehr, „irgendwo am Hang“ blickte er ratlos umher, als er mich hier besuchte. Von der Party der Schauspieler jedenfalls waren wir Jungen noch überfordert − zu jung, um uns unter den ausgelassenen Erwachsenen zu bewegen, zu jung, um später mitzutanzen. Wir lagen irgendwann oben in einem der Zimmer und versuchten zu schlafen, halb sehnsüchtig lauschend, halb gepeinigt von dem Lärm. Noch heute, stellen wir fest, rufen unsere Erinnerungen an unseren ersten Besuch, unsere erste Party in Stuttgart die gleichen Gefühle wach.

Pause. Wieder erobern die spanischen Worte und das Klickklack den Raum. Ein paar Momente tuscheln die Musiker auf der Bühne, dann ertönt der Ruf „Schlagzeuger!“. Zögern, Zaudern, Füßescharren, dann erbarmt sich endlich ein junger Bursche, als seine Kumpels auf ihn zeigen. Und das nächste Set an Oldschool Jazz wird eröffnet. Der schlanke, empfindsame Tastenspieler hinter dem Yamaha-Keyboard rückt den Schal zurecht, der Besen streichelt das Schlagzeug, gekrümmte Finger tanzen über die Saiten des dunklen Kontrabasses wie die Beine einer balzenden Tarantel, Saxophon und Trompete liefern sich ein Duett aus Klage und Triumph. Alle Nervosität ist längst abgelegt, die Musiker vergessen sich, Solo um Solo rollt ab, die Zeit ist aufgehoben. Es fehlt nur noch der Rauch zur perfekten Illusion, wirbelnde Schwaden unter den stummen Ventilatoren. Und dann würde vielleicht Philip Marlowe dort stehen, in Hut und Anzug, an den Tresen oder an den Türrahmen gelehnt, die melancholischen Augen verschleiert hinter dem Zigarettendunst.

Aber nein, geraucht wird im Hinterzimmer nicht, geraucht wird vorne in der Gaststube. Dort, wo sich Herren mit schulterlangen weißen Haaren um den Kachelofen drängen, junge Leute über ihr Bier hinweg lachen und disputieren und wo an der Türe, eifrig in ein Gespräch vertieft, eine Muslima mit Kopftuch sitzt, Zigarette und Schnaps zur Hand. Das Arigato − ein bisschen Studententum, ein bisschen Nachbarschaft, leicht alternativ und ziemlich bodenständig.

Arigato Music-Club: Kolbstr.2 − 70178 Stuttgart (Haltestelle Marienplatz)

Der JazzJam findet einmal im Monat, üblicherweise am dritten Donnerstag, statt.

Die Initiative „Stuttgart braucht Jazz“ engagiert sich auch nach dem Erhalt des Studiengangs Jazz/Pop für den Jazz in der Landeshauptstadt Stuttgart.

Krzysztof Penderecki – Ein runder Geburtstag und Avantgarde bei „Musik am 13.“

Heute feiert der bedeutende polnische Komponist Krzysztof Penderecki seinen 80. Geburtstag. Gelegenheit für einen Rückblick auf eine Begegnung im Sommer 2012.

Nicht nur Liebhaber der postseriellen Avantgarde kennen ihn, sondern auch Kinogänger: „Der Exorzist“, „Shining“, „Children of Men“, „Shutter Island“ … Seit Jahrzehnten findet die Musik des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki auch den Weg in den Film. Zur Veranstaltung „Musik am 13.“ gab sich der Meister die Ehre zum Komponistengespräch in der Stadtkirche von Bad Cannstatt, umrahmt von einem musikalischen Querschnitt seines Schaffens. Für das Gespräch – Penderecki spricht hervorragend deutsch – wich die ehrwürdige Veranstaltungsreihe zum ersten Mal von ihrer ehernen Regel ab und verlegte den Termin auf den 12. des Monats.

Gänsehaut pur gleich bei seinem „Stabat Mater“ für gemischten Chor, der mit der Polyphonie des 16. Jahrhunderts spielt und dann – ausgerechnet in der einzigen in ihrer Bausubstanz erhaltenen gotischen Kirche Stuttgarts – in atonaler Schrille die alte Weltordnung zerbersten lässt und uns jämmerlich zitternd vor der Kälte des Alls zurücklässt – herrlich. Obwohl (ich bekenne) alle, die anders als ich Ahnung haben von der Sache, mir widersprechen würden: der Komponist, weil bekennender Katholik, und die Kritiker (wie im Komponistengespräch diskutiert wurde), weil der Chor auf einen Jahre lang heftig umstrittenen D-Dur-Dreiklang („Hoffnung, Hoffnung!“) endet …

Und nach einem Streichquartett spielt ein Tonband die „Brigade of Death“ ab, 30 lange Minuten dissonanter Töne aus dem Elektronikstudio zu Texten des Holocaust-Überlebenden Leon Weliczkers („Lemberger Enterdungskommando“), Zeitzeugen von Übelkeit erregender Grausamkeit (eine deutsche Übersetzung lag dem Programm zum Mitlesen bei). Die polnische Radioproduktion von 1963 war vom Sender nicht ausgestrahlt worden.

Wie ist man danach erleichtert über die Wende Pendereckis – von den Avantgardekollegen ausgebuht – hin zur Tradition, denn so kann der Abend friedlich in nur noch altersmilde atonale Chorgesänge münden.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Krzysztof Penderecki!