Avtar Singh, „Nekropolis“

Avtar Singh_Nekropolis_3293004954„Um auf Ihre Frage zu antworten, Kommissar: Ich weiß es nicht. Offensichtlich hat der junge Mann einen ungesunden Hang zu den Wesen der Nacht. Und zweifellos hält er mich auch für ein solches.“

Angulimala, der Fingerdieb, raubt seinen Opfern einen ihrer zehn Finger „in jenem endlosen Sommer“, und die nächtlichen Straßen Delhis werden zum Schauplatz von selbst ernannten Vampiren und Werwölfen, die sich über Chatrooms und Messengers zu ihren Bandenkämpfen verabreden – und die Polizei, ausgestattet mit alten Urdu-Versen und modernen Profilingprogrammen, hat in der indischen Hauptstadt alle Hände voll zu tun. Geschichte und Moderne, Mythologie und Cyberpunk treffen zusammen in Avtar Singhs „Nekropolis“, jener geschichtsgesättigten, brodelnden Megastadt voller Gerüche und Gerüchte, in der alle nach dem Außergewöhnlichen gieren und niemand sich um die Schreie der Hilfebedürftigen schert.

„Diese Stadt ist eine riesige Nekropole“, fasst Kommissar Dayal sein Revier zusammen. Der Polizist ist „ein Mann der alten Stadt“, ein philosophischer Hüter Delhis, elegant, schwermütig, kultiviert, der sich dem Wohl der Stadt verschrieben hat gemeinsam mit seinem Assistenten Kapoor (ein Gegenstück zu seinem Vorgesetzten: schwerleibig, bodenständig, vernetzt bis in die tiefsten Niederungen der Stadt) und der jungen, aufstrebenden Polizistin Smita, Repräsentantin einer neuen Generation in einer frauenfeindlichen Gesellschaft (ein Urteil, an dem auch nichts daran ändert, dass die beiden großen Strippenzieherinnen von Avtar Singhs Delhi weiblich sind: die Ministerin und die rätselhafte Razia).

Quer durch alle Schichten führen die Ermittlungen das Team – gegen Gewaltverbrechen und Vergewaltigung, Menschenschmuggel und Drogenhandel, finstere Geheimnisse und eine alles verschlingende Korruption. Die episodenartigen Kriminalfälle als solche sind nicht sehr raffiniert; darum geht es Avtar Singh in seinem zweiten Roman nicht. Seine Fälle sind Sittengemälde einer Gesellschaft, sie sind ein gleichermaßen liebevolles wie schonungsloses Porträt einer Stadt. Bedächtig ist Singhs Erzählstimme, fast einfach, und gleichzeitig stimmungsvoll. Wie er moralische Dilemmas mit poetisch-schlichter Eindringlichkeit und einer alles durchziehenden noblen Schwermut verbindet, erinnert – der Brückenschlag in ein anderes Genre sei erlaubt – vage an die „Hexer“-Erzählungen von Andrzej Sapkowski („Der letzte Wunsch“).

Ein literarischer Kriminalroman vom Feinsten. Und am Ende möchte man mit den Polizisten zusammen schweigen, wenn sie, eine Zigarette oder eine Tasse Tee in der Hand, vom Balkon herab auf ihre gierige, undankbare, so kostbare Stadt hinabschauen.

Avtar Singh, Nekropolis. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Lutz Kliche. Zürich: Unionsverlag 2015.

Plissken meets Marlowe meets Monk – Nathan Larsons Future Noir-Roman „2/14“

Über Brians Gesicht huschte ein Lächeln. „Sie sind der geborene Killer. Also, das wird mir jetzt klar. Das ist sehr traurig. Geisteskrankheiten sind immer traurig.“

cover_978-3-03734-654-9In der dystopischen Zukunft überlebt auch der hardboiled detective nur mithilfe eines Sets an systemerhaltenden Neurosen, ganz davon abgesehen, dass er inzwischen ein Killer ist. New York ist nach den (nicht näher erläuterten) Ereignissen von 2/14 am Arsch, und zwar gründlich. Die Metropole ist zu weiten Teilen entvölkert, die Wirtschaft zusammengebrochen oder von mafiösen Strukturen durchsetzt, die öffentliche Hand praktisch auf Armeeeinsätze geschrumpft, der moderne Gesellschaftsvertrag aufgehoben. Zwischen Hunger, Krankheit und dem allgegenwärtigen Geruch von brennendem Müll und Plastik ist sich der Mensch wieder des Menschen Wolf.

Und Dewey Decimal ist einer der gefährlichsten Wölfe in diesem postapokalyptischen Dschungel. Wenn er nicht schmutzige Jobs für den Bezirksstaatsanwalt ausführt, haust er in der verlassenen New York Public Library und strukturiert die Überreste eines Wissensschatzes einer vergangenen Epoche nach der Dewey-Dezimalklassifikation, daher sein Name. Seinen echten kennt er nämlich nicht mehr. Er weiß nur, dass er einmal Soldat war. „Übrigens war ich auch Ehemann und Vater. Glaub ich.“ Denn nichts ist mehr sicher und gewiss in dieser Welt, nicht einmal die eigenen Erinnerungen (implantiert?). Kein Wunder, dass so jemand einen zwanghaften Charakter entwickelt, zu Migräneattacken und Gedächtnisproblemen neigt, hochgradig neurotisch ist und an dissoziativen Störungen leidet.

Aber das hindert Dewey Decimal nicht daran, als Geheimwaffe des Bezirksstaatsanwaltes eingesetzt zu werden, und als dieser ihn auf einen ukrainischen Gangster ansetzt, macht sich der Killer in einem zerknitterten Anzug und mit einem üppigen Vorrat an Pillen, Einweghandschuhen und seinem Reinigungsspray Purell bewaffnet (Requisiten wichtiger noch als Trinkwasser oder Feuerwaffen) auf zu einer Großstadtodyssee, in der sich die Fronten beständig verändern und – natürlich – nichts ist, wie es scheint …

In seinem Romandebüt „2/14“ entwirft Nathan Larson eine stimmungsvolle dystopische Welt. Vieles an dieser Welt ist nur angerissen; wichtig ist die Kulisse, nicht die Stringenz eines Weltenentwurfs, doch diese Kulisse ist dermaßen dicht und bildstark beschrieben, dass einem als Vergleich zum Buch eher Filme einfallen anstelle anderer Bücher – Filme wie „Die Klapperschlange“ etwa oder „Bladerunner“ oder „Soylent Green“. Manche Szenen bestechen durch eine geradezu fiebrige Intensität – ein beeindruckender Beleg für das stilistische Vermögen des Debütanten. Etwas, das Larson nicht nur in seinen Beschreibungen, sondern auch in seinen knackigen, pointierten Dialogen unter Beweis stellt, wie man es bei einem Schüler der hardboiled novels erwarten darf.

Allerdings scheitert Larson daran, den Zug der Geschichte bis zum Ende durchzuhalten. Das Erstaunliche ist, dass der Autor den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte selbst ganz offen thematisiert: „Dieses dumme alte Pulp-Klischee, das müdeste aller müden Klischees, kommt mir in den Sinn. […] Wenn man nicht weiterweiß, dann sucht man die Frau. Cherchez la femme.“ Versucht Larson hier seinen Plot durch Ironisierung zu retten? Besagte Entwicklung (und die dazu gehörige viel zu holzschnittartige Frauenfigur) bleibt nicht die einzige Schwäche. Was als stimmungsvolle, knallharte Geschichte mit Suchtpotential („2/14“ ist der erste Teil einer Trilogie um Dewey Decimal) beginnt, erschöpft sich in der zweiten Hälfte zu oft in Klischees: der hartgesottene Kämpfer, der sich auch frisch von der Kniescheiben-OP weiter durch die Stadt kämpft; der getriebene Ermittler, der im Laufe der Geschichte ungefähr so oft bewusstlos zusammenbricht wie die Figuren in Raymond Chandlers frühen Schreibversuchen; eine Story, die mehrmals auf einen Deus ex Machina-Effekt zurückgreifen muss; Handlungen, für die der Autor keine überzeugende Motivation liefern kann; und ein müder, unglaubwürdiger Moralkodex des Killers (S. 181, wer‘s genau wissen will). Aus dem Rückblick bleibt der Roman (wie so viele Versuche im Kielwasser eines Dashiell Hammetts oder Raymond Chandlers) doch nur wieder einmal zu sehr Geste und Topos.

Ganz ungerecht wäre es aber, über diese einzelnen Kritikpunkte hin zu vergessen, dass „2/14“ über weite Strecken ein verflucht packender, dichter, stilistisch hochsouveräner Zukunftsthriller ist. Freunde des Genres dürfen sich auf die Fortsetzung freuen.

Nathan Larson, 2/14. Ein Dewey-Decimal-Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche. (Originaltitel: The Dewey Decimal System, 2011.) 255 Seiten, Broschur oder als E-Book.  Diaphanes, Zürich-Berlin 2014.

Mit einem Dank an crimenoir, dessen Buchbesprechung von „2/14“ mich auf den Roman aufmerksam gemacht hat.

Ode an den Penis – Jude Law in der Gaunerkomödie „Dom Hemingway“

Da steht der nackte Jude Law in Halbnahaufnahme, die muskulösen Arme gegen die Zellenwände gestemmt, das aufgeschwemmte Gesicht von einem Bart in einer seiner stillosesten Variation geziert, plumpes Gold blitzt im Mund auf, aus dem er – verzerrt, heiser – den Zuschauern eine Eloge auf den eigenen Schwanz entgegenschleudert, während er offensichtlich von einem Mithäftling oral befriedigt wird. Zeile um Zeile einer genitalen Selbstverherrlichung spuckt unser Knastbruder aus, halb primitiver Männerwahn, halb shakespearescher Monolog.

So führt die britische Gaunerkomödie „Dom Hemingway“ ihren Protagonisten ein, einen Safeknacker mit Triebproblemen: Dom ist versoffen, gewaltbereit, impulsiv und seine Zunge geht regelmäßig mit ihm durch wie ein bösartiger Gaul mit Dichterader, der zu viel Hafer gefressen hat. Als Dom Hemingway nach 12 Jahren aus dem Knast entlassen wird, verprügelt er als allererstes denjenigen Mann, der während seiner Abwesenheit seine Ehefrau gevögelt hat. Dass der die Frau zuerst geheiratet und bis zu ihrem Krebstod gepflegt hat, übersieht unser Cockney-Held großzügig.

Abrechnung Nr. 2 führt Dom mit seinem leidensfähigen Komplizen Dickie (Richard E. Grant) zum ehemaligen Auftraggeber Mr. Fontaine (Demian Bichir) in Frankreich, einem steinreichen, gemeingefährlichen Gangster. Dass Dom den nicht verpiffen hatte, will er sich nun in barer Münze auszahlen lassen. Dumm nur, dass Dom sich und seine Zunge wieder einmal nicht im Griff hat und die Geschichte einen Rattenschwanz an Problemen nach sich führt. Und dann gibt es da noch eine heikle Baustelle, Posten Nr. 3 auf Doms Rechnungsliste: Die Versöhnung mit seiner zwölf Jahre nicht gesehenen Tochter Evelyne (Emilia Clarke), die ihren Vater – ganz nachvollziehbar – für ein Arschloch hält.

Dom Hemingway ist ein Antiheld, ein wahrer Unsympath, der seine charmantesten Augenblicke dann hat, wenn er seinen Niederlagen ins Auge blicken muss. Denn natürlich wendet sich in seinem Leben jeder Triumph in eine neue Katastrophe. Dass das filmische Konzept aufgeht und einen Heidenspaß bereitet, liegt nicht nur an der frech-frischen Inszenierung, sondern ganz besonders an Jude Laws Schauspiel. Man kann sich gut vorstellen, wie er sich für diese Rolle abseits seines etablierten Images erst überwinden musste und dann aber loslegt, ein Spiel wie im Rausch, wie von der Kette gelassen: „Gellend heult Garm von Gnippahellir: es reißt die Fessel, es rennt der Wolf.“* Selten hat es solch hemmungslose Freude gemacht, einem derartigen Unsympathen zuzuschauen.

Viel mehr muss über „Dom Hemingway“ gar nicht gesagt werden. Die Story: episodenhaft und durchaus löchrig. Die Stimmung: ein paar Mal brutal, wie man es von britischen Gaunerkomödien der letzten Jahrzehnte so kennt, zum Schluss plötzlich etwas gefühlsdusselig, meistens aber einfach saukomisch. Die tiefere Ebene … Ach, lassen wir das. Wer glaubt, an „Dom Hemingway“ Freude haben zu können, weiß es wohl längst, wie umgekehrt. Und für die wenigen Unentschlossenen hier noch ein letzter Köder: „Dom Hemingway“ zeigt den vielleicht schönsten Autounfall der Filmgeschichte. Klingt paradox, ist aber wahr.

„Dom Heminway“. Regie: Richard Shepard. Mit Jude Law, Richard E. Grant, Demian Bichir, Emilia Clarke. 93 min. 2013. Deutscher Kinostart: 17. April 2014.

* Aus der Lieder-Edda („Der Seherin Gesicht“), zitiert nach der „Germanischen Götterlehre“, hrsg. von Ulf Diederichs, Eugen Diederichs Verlag.

Inspektor gibt’s kaan? Doch! − Gary Victor, „Schweinezeiten“

schweinezeiten„Ihr Gejammer interessiert mich nicht, Colin. Ich will verstehen.“

Dieuswalwe Azémar stolpert durch den Vorhof der Hölle. Die Tropensonne Haitis brennt ihm das Hirn heraus, den von Hunden und Schweinen freigelegten Gräbern entströmt Leichengeruch und unentwegt ruft der Geist des Zuckerrohrschnapses, den der Inspektor in rauen Mengen in sich hineinschüttet. So taumelt also der Polizist, munter wie ein frisch erweckter Zombie, hinter einer Frau her, die von einem Voodoomeister für 15 000 haitianische Gourdes die Seele ihrer Tochter zurückkaufen will. Wie zu erwarten, laufen die Verhandlungen in der Sumpfhütte aus dem Ruder, der Inspektor zieht seine Waffe und schießt die ganze Bande kurzerhand nieder. Nur einer entkommt, ein „Wesen, halb Spinne, halb Mensch“, zurück bleiben drei Leichen und der Ekel des Inspektors. Ekel vor seinem Leben aus Alkohol und gelegentlichen Nutten und Ekel vor diesem Land, das vor Korruption, Gier und Angst in die Knie, vor die Hunde geht. Ja, Inspektor Dieuswalwe Azémar, Alkoholiker und einer aus der einsamen Zahl der Unbestechlichen, ist es zum Kotzen, aber er bekommt nichts heraus und so knallt er eben Gauner ab.

„Heute hatte er die Leute in der Hütte nicht ertragen können. Diese Hütte war das Land im Kleinformat. Und er hatte geschossen. Das war eine Art, sich zu übergeben.“

Mit dieser Einleitung ist der Rahmen des Haitikrimis „Schweinezeiten“ − Gary Victor, einer der populärsten Schriftsteller der Insel, hatte ihn noch vor den katastrophalen Erdbeben 2010 verfasst − abgesteckt. Ein rasanter, schmaler Kriminalroman, von erfrischender Freiheit der Fantasie (später wird ein Werwolf in Schweinegestalt − ein Wereber, könnte man wohl sagen − eine zentrale Rolle spielen), der uns in halb verbittertem, halb komischem Tonfall in eines der ärmsten und zu oft vergessenen Länder der Welt führt. Erzählerisch und stilistisch mit ein wenig Luft nach oben, ist Gary Victors „Schweinezeiten“ ein schnelles, doch ungewöhnliches Leseabenteuer, in dem der moralische Zeigefinger gegenüber den gesellschaftlichen Gebrechen des Landes sich reibt mit der erstaunlich unreflektierten Ermächtigung des Protagonisten, alle, die ihm im Weg stehen, niederzuschießen. Vielleicht musste Gary Victor ja auch etwas auskotzen.

„Vergiss nicht: So etwas lebt von unserer Angst und unserer Unwissenheit.“

Und die Handlung? Kann man wunderbar knapp und bündig den Rezensionen von Danares.mag und KrimiLese entnehmen, denen ich für ihre Leseempfehlung herzlich danke.

Gary Victor, Schweinezeiten. Ein Voodoo-Krimi. Aus dem Französischen von Peter Trier. (Originaltitel: Saison de porcs, 2009.) Broschur, 130 Seiten.  litradukt: Trier 2013.

Sam Hawken, „Die toten Frauen von Juárez“

Hawken_9783608502121Kelly, ein heruntergekommener Boxer, flüchtet nach einem Fehltritt über die Grenze nach Mexiko, wo er sich in illegalen Arenen blutig prügeln lässt oder Kurierdienste für einen Kleindealer übernimmt. Kelly ist ein Verlorener in einer Stadt der Verlorenen – Ciudad Juárez, geprägt von Armut und Gringos auf Partygang, gebeutelt vom Drogenkrieg und den ‚feminicidios’, verschwundenen und ermordeten Frauen. Als schließlich auch Kellys mexikanische Freundin entführt und ermordet wird, bricht seine Welt völlig zusammen. Und der Einzige, der den Fall nicht mit Kellys Verhaftung ad acta legt, ist ein alter, einsamer Polizist: Sevilla, selbst Vater einer der „toten Frauen“, gräbt tiefer …

Ohne Frage ist dieses Erstlingswerk nicht frei von Schwächen: einzelne Sätze, die erklären statt zu erzählen; logische Fragwürdigkeiten in der Ermittlung; ein stellenweise schleppender Gang, wo Verdichtung angebracht wäre. Trotzdem gelingt Hawken über weite Strecken ein mit Herzblut geschriebener, intensiver und sinnenreicher Roman über Gerechtigkeit, der das Zeug dazu hat, verschlungen zu werden. Ein lesenswertes Debüt und weit mehr als ein Thriller.

Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Joachim Körber. (Originalausgabe 2011 unter dem Titel The Dead Women of Juárez). Gebunden mit Schutzumschlag. 316 Seiten. © Tropen-Verlag (Klett-Cotta), Stuttgart 2012.

„Jack Reacher“ – Ein Hauch von Hitchcock

Nein, ein Freund von Scientology bin ich auch nicht. Aber das Schauspieler-Tom Cruise-Bashing kann ich nicht teilen. Warum sollte jemand, nur weil er Vorzeige-Scientologe ist, nicht gleichzeitig ein guter Schauspieler sein, den man gerne spielen sieht – und das ist er unbestreitbar, denkt man an Filme wie „Magnolia“, „Collateral“ oder „Operation Walküre“. (Andererseits, wo sind die Grenzen? Nehmen wir einmal drastischere Beispiele: Darf man einen SS-Mann für sein feinfühliges Violinenspiel loben? An einem überführten Mörder die freundliche Zuvorkommenheit hervorheben? Da tun sich plötzlich Fallgruben auf …)

In „Jack Reacher“ mag Tom Cruise tatsächlich nicht die Idealbesetzung sein, kennt man die literarische Vorlage von Lee Child. Ob aber Werner Herzog als bizarrer Gulag-Überlebender und Erzbösewicht besser gewählt ist, sei dahingestellt. Ich teile in diesem Punkt nicht die Begeisterung der Feuilletons, aber nun ja, so bekommt dieser Krimi sogar noch einen Hauch Arthaus.

In Vielem hingegen überzeugt „Jack Reacher“ auf eine angenehm überraschende Weise. Statt Technikspektakel setzt der Film auf eine ausgefeilte Geschichte und eine erstaunlich liebevolle Inszenierung, die mehr mit einem Hitchcock oder einem der ganz großen Kultwestern gemein hat (Oldschool im allerbesten Sinne also) als mit den digitalen Materialschlachten Hollywoods – wie etwa in der Vorschau zu „Stirb langsam 5“, wo zu „Freude schöner Götterfunken“ die Autos höher in die Luft geschleudert werden denn je … In einer minutenlangen Verfolgungsjagd in „Jack Reacher“ überschlägt sich kein einziges Auto – man stelle sich das vor! –, aber man glaubt im Kinositz sehr wohl, selbst den Asphalt unter den Pedalen zu spüren.

Und natürlich ist der Film nicht perfekt, natürlich lässt das eine oder andere eher unfreiwillig lachen. Trotzdem: Ein Kinostreifen, der sehr viel Spaß macht und seine Stimmung noch eine ganze Weile mit aus dem Kinosaal hinausträgt. Weil er Magie hat – die Magie des Erzählens, nicht die der bloßen Technik.

Regie: Christopher McQuarrie. Mit Tom Cruise, Rosamund Pike, Richard Jenkins. USA 2012.

http://www.jackreacher.de/

„Killing Them Softly“

Sie reden viel in diesem Film, die schäbigen Ganoven und kleinen Gangster, und handeln wenig, es ist fast schon ein Kammerstück, das sich in alten Straßenkreuzern und auf tristen Städtebrachen, an Hoteltischen und Theken abspielt, während aus den Radios und Fernsehgeräten die hehren Versprechungen des amerikanischen Wahlkampfs von 2008 tönen.

Langweilig wird es keinen Augenblick, dafür sorgen die geschliffenen Dialoge und die ungeheure Aufmerksamkeit, die die Charaktere erhalten mit all ihrer Schäbigkeit, ihren Hoffnungen und ihrem Elend, ihrem Eheproblem oder der Angst des Killers vor Emotionen (daher tötet er lieber „weich“ aus der Entfernung), dafür sorgen auch die wunderbar unbedarft ausgelebte Ästhetik der Kamera, die immer wieder die Szenerien in Spiegelungen einfängt, Personen im gleißenden Gegenlicht verliert oder Farben und Konturen im tristen Regen aufgehen lässt, und die Musik, Songs, die ins Schwarze treffen, die so gute Laune machen könnten, ginge es nicht um Verbrechen und Wirtschaftskrise, um gesellschaftliche Lügen und ums Sterben.

Denn ja, zwischendurch müssen sie auch sterben, diese erbarmungswürdigen Kleinkriminellen. Und während Obama am Ende im Bildschirm über dem Tresen seinen Sieg feiert, leistet der Killer Cogan eine ganz andere Bestandsaufnahme: „America Isn’t a Country; It’s a Business. So Pay Me, Motherfucker.“ Schnitt und Ende.

Eine schmutzige kostbare Perle und einer der interessantesten Kinofilme des Jahres 2012.

Regie: Andrew Dominik. Mit Brad Pitt, Scoot McNairy, Richard Jenkins, Ray Liotta. USA 2012.

http://www.killing-them-softly.de/