„Erzählte Stadt“ – Irene Ferchl versammelt Stuttgarts literarische Orte

Erzählte Stadt_Irene Ferchl_Silberburg-VerlagHeute rauscht der Verkehr ununterbrochen auf der Kirchheimer Straße vom Kesselrand nach Ostfildern. Als die Publizistin, Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin hier noch wohnte, waren sie und ihr damaliger Mann, der Maler Friedrich Zundel, die Ersten, die in dem Stuttgarter Vorort ein Auto besaßen. (Was nebenbei wohl auch belegt, dass sich sozialistische Gesinnung und materielle Privilegien nicht ausschließen.) Prominenter Besuch ging hier ein und aus. Rosa Luxemburg verbrachte hier gerne ihre Ferien, und von Lenin ist gar eine Wegskizze nach Sillenbuch erhalten.

Einen vielleicht nicht politischen, aber zumindest künstlerischen Bezug hat sich die Villa Zundel bewahrt. „Porzellanmalereien“ steht unter dem Klingelschild. Das Bauwerk hinter der hohen Hecke will nicht so recht in seine heutige Nachbarschaft passen. Mit der dunklen Holzfassade, den grünen Fensterläden und dem fast schon schwarz gestrichenen Holz des seitlich gelegenen Hausaufgangs zeigt das Gebäude den stillen Charme eines Forsthauses (ungeachtet seines Fundaments aus dem zeittypischen Stuttgarter Sandstein). Ich verlasse meinen Beobachterposten bald wieder, denn die wenigsten freuen sich über einen Menschen vor ihrem Haus, der sich zwischen prüfenden Blicken Notizen macht.

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Die Kirchheimer Straße in Stuttgart-Sillenbuch. Die „Villa Zundel“ zur Rechten wollte ich, ungeachtet der Panoramafreiheit, dann doch nicht einstellen.

Clara Zetkin ist eines von 75 literarischen Porträts, die die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl in ihrem Band „Erzählte Stadt“ in kurzen Kapiteln zeichnet und in der städtischen Landschaft verortet (mehrere Karten sind beigegeben). Es sind Berühmtheiten darunter wie Schiller, der unter einer Eiche am Stadtrand Freunden aus seinen „Räubern“ vorlas, oder Casanova, wie er sich mit einem Sprung aus einem Gasthaus elegant seinen Schulden entzog, und weniger Bekannte. Es sind Frauen und Männer, die das literarische Leben Stuttgarts über viele Jahre maßgeblich geprägt haben (durch ihre Schriften, Redaktionen oder Salons: Mörike, Therese Huber, Familie Reinbeck …) ebenso wie Autorinnen und Autoren, die Stuttgart eher streiften, für eine kurze Zeit hier lebten, vielleicht nur durchreisten (Stendhal auf seiner Mission in Napoleons Auftrag etwa oder W. G. Sebald auf Lesereise kurz vor seinem tödlichen Unfall). Man kann Wolfgang Köppen bei seiner Arbeit im fensterlosen Bunkerhotel ebenso über die Schulter schauen, wie mit Samuel Beckett nach getaner Arbeit im Süddeutschen Rundfunk durch den Park spazieren oder amüsiert vergleichen, welche höchst unterschiedliche Reaktionen die Stadt Stuttgart durch die Jahrhunderte bei zugereisten Literaten hervorgerufen haben.

Enstanden waren diese Streifzüge in Vorbereitung und begleitend zum Projekt „Erzählte Stadt“, das während des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2015 in Stuttgart stattfand. Bei dieser Gelegenheit hatten namhafte Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger auf literarischen Führungen von ‚ihren‘ Dichtern und deren Häusern erzählt. Was so die Literaturstadt Stuttgart sehr lebendig macht, funktioniert als Buch allerdings doch nur bedingt. Zu unterschiedlich sind die vielen knappen Porträts, um einen wirklich runden Wurf abzugeben. Was ins Positive gewendet vielseitig oder bunt zu nennen wäre, wirkt in dieser kleinen Literaturgeschichte (auf der Lesung lehnt Ferchl diese Charakterisierung allerdings ab) disparat. Dass sowohl vereinzelte Kapitel wie auch die Präsentation des Buches am 20. Mai 2015 in der Stadtbibliothek Stuttgart eine gewisse Betulichkeit nicht leugnen können, mag dann vielleicht doch an der Stadt selbst liegen.

Erzählte Stadt. Stuttgarts literarische Orte. Vorgestellt von Irene Ferchl. 128 Seiten mit 80 meist farbigen Abbildungen. Gebunden.  2015, Silberburg-Verlag, Tübingen.

(Hinweis in eigener Sache: Etwaige Kommentare werde ich erst ab dem 21.9. beantworten können.)

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Joburger Ufergänge – Ivan Vladislavić, „Johannesburg. Insel aus Zufall“

„Wir Joburger bevölkern eine Insel. Mir geht es ganz gut so am Rande der Stadt, wo ich die langen Strände meiner Insel abwandere, während das Wetter durch das Veld dünt. Der englische Anteil in meinem Blut treibt mich im Uhrzeigersinn um die Stadt, der Rest drängt mich in die entgegengesetzte Richtung.“ (S. 55)

Vadislavic_Johannesburg_A1 VerlagAls urbaner Jäger und Sammler zieht der südafrikanische Schriftsteller Ivan Vladislavić (Jahrgang 1957) durch sein geliebtes Johannesburg. Aus den Beobachtungen, Begegnungen und Funden zahlloser Spaziergänge und Fahrten formt er das Porträt einer Stadt und einer Gesellschaft. Er sammelt Orte, Fassaden, Gartenmauern. Seine Wege kreuzen Nachbarn, Künstler, Straßenverkäufer, Diebe und das in Südafrika allgegenwärtige Wachpersonal. Er geht zu Fuß die Route eines Romanhelden nach oder perfektioniert die Methode des absichtsvollen Verirrens.

Die Meditation über die Hände eines Bettlers gehört ebenso zu dem Strandgut seiner Insel aus Zufall wie die an Absurdität kaum zu überbietende Szene, als er bei der Heimkehr einen Einbrecher überrascht, der sich mit einem Messer auf ihn stürzt, sich dann entwindet, auf halbem Wege nochmals innehält und Vladislavić zuruft „Wie spät ist es?“, um nach der Antwort (die ihm der perplexe Autor tatsächlich gibt) befriedigt zu grunzen und über die Gartenmauer zu verschwinden.

Sicherheit (bzw. Unsicherheit) ist ein immer wiederkehrendes Thema, ein roter Faden in dem Wandel aus der Apartheid in das neue Südafrika bis in die Nullerjahre des 21. Jahrhunderts. Vladislavić wandert durch eine Gesellschaft, in der die Wohlhabenderen (wozu angesichts der allgegenwärtigen Armut unter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit bis auf die Stadtstreicher beinahe alle weißen Südafrikaner gehören) darauf aus ist, „einen beliebigen Ort erreichen zu können, ohne ihren Fuß auf die Straße setzen zu müssen“. Immer wieder verlassen (weiße) Freunde oder Nachbarn das Land; eine Party im heimischen Wohnzimmer ist mit so viel logistischem Aufwand für die Gäste verbunden, dass Vladislavić es irgendwann aufgibt, seinen Geburtstag zu feiern; und eine Schlüsselszene (im ganz wortwörtlichen Sinne) ist, als ihn in einem Interview eine schwedische Journalistin fragt, ob sie seinen dicken Schlüsselbund  fotografieren dürfe – so fremd und monströs erscheint ihr, der Fremden aus dem beschaulichen Nordeuropa, diese Ansammlung von Schlüsseln.

„1966 eröffnete Takis Xenopoulos im High Point Centre in Hillbrow Fontana Foods, die erste Bäckerei des Landes mit Schnellimbiss, die 24 Stunden geöffnet hatte. Während der feierlichen Eröffnung demonstrierte der Besitzer öffentlich sein Vertrauen in diese Idee: Er warf den Ladenschlüssel in die Menge. Das war eine der großartigsten Gesten, die ein Joburger je gemacht hat.“ (S. 199)

Es ist natürlich kein Zufall, dass das Buch, das mit einem Satz über Alarmanlagen beginnt, mit einer – eindrücklich ausgearbeiteten – Szenerie um Gewalt und Sicherheit endet und trotzdem eine vorurteilsfreie Liebeserklärung an eine Stadt ist. Auf dem Weg in die Stadtbibliothek, der Vladislavić sich wie „ein normaler Bürger, der Schritte von der Gesellschaft der Menschen in die Gesellschaft der Bücher macht“, nähern will (und nicht wie die schrumpfende Zahl weißer Bibliotheksbenutzer heimlich über eine Hintertreppe aus der Tiefgarage), gerät der Erzähler in einen Streik ausgerechnet des Johannesburger Sicherheitspersonals. Die Neugier des Stadtspaziergängers hält ihn am Ort und plötzlich fliegen Tränengasbehälter und Gummigeschosse und Vladislavić rennt und flüchtet zwischen seinen schwarzen Mitbürgern, er duckt sich hinter Mauern, stolpert über Orangenstände, springt hinter Autos in Deckung. Es gelingt ihm, sich in die Bibliothek zu retten. Die Kultur wird zum Ankerplatz in dieser stürmischen See: „Ich kann doch lesen, bis sich alles beruhigt hat.“ Es mag ein sehr trügerischer Trost sein, aber vielleicht ist es in einem solchen Alltag der Unsicherheit tatsächlich das Vernünftigste, was bleibt, will man weder die Bankrotterklärung der Emigration noch die des völligen Rückzugs in die gated communities unterzeichnen, diesen Festungen einer zumindest partiell gescheiterten Gesellschaft. Vladislavić weiß selbst um das Trügerische seines Trostes und doch ist das, was ihn im letzten Satz des Buches an die Gesellschaft bindet, so sinnlich wie heiter: „Als ich meinen Finger anfeuchte, um umzublättern, schmeckt er nach Apfelsinensaft.“

Wie konsequent Vladislavić den Inhalt in die Form überträgt, gehört mit zum Reizvollsten an seinem Buch. Denn sein Porträt setzt sich aus 138 nummerierten Textbausteinen zusammen, die immer wieder neu angeordnet werden können. Im Anhang bietet der Autor (neben Anmerkungen und Quellen) ein faszinierendes Itinerarium, Vorschläge nämlich, die Streifzüge über die Insel aus Zufall ganz anders zu gehen. Es sind Themenwege unterschiedlicher Länge (sie gehen teilweise zurück auf bereits früher veröffentlichte Zyklen), etwa die Route „Bemalte Wände“ mit den Etappen „10, 21, 22, 40, 43, 66, 106, 120, 128, 132, 136“. Zu den längsten Routen gehören „Sicherheit“, „Gegenstände“, „Geheimnisse des Handelns“ oder „Anschriften Johannesburg“, zu den skurrilsten „Geisterwesen“ oder die Episoden um den Gorilla Max.

Seine Form gefunden hat die „Insel aus Zufall“ übrigens in Stuttgart, als der Autor ein Stipendium der Akademie Schloss Solitüde wahrgenommen hatte, und angeregt auch von den Stuttgarter Stadtspaziergängen des österreichischen Architekten Klaus Metzler, wie das Nachwort informiert.

So mündet jeder Kreis in einen anderen und die Liebe und Offenheit zum Schauen und Horchen verbindet Wanderer auf aller Welt.

Ivan Vladislavić, Johannesburg. Insel aus Zufall. (Originalausgabe 2006 unter dem Titel: Portrait with Keys. Joburg & what-what). Aus dem Englischen von Thomas Brückner. 269 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.  2008 A1 Verlag, München.

Filderstraße 75 – Architekturfotografie und die Häutungen des Lebens

Am Ende eines langgestreckten, hellen Raumes sitzt er an einem Schreibtisch, ein hochgewachsener Mann mit leichter Goldrandbrille und grauem Millimeterhaarschnitt. Ein Blick in das schmale Gesicht zeigt, der da muss ein kluger und gebildeter Mensch sein, doch zugleich ein Mann der Tat. Kein Professor der Philosophie, sagen wir einmal, eher noch Oberarzt in Freizeitklamotten. Ich grüße durch den lichten Raum, er kommt mir entgegen, die Finger an den Gläsern. „Ich habe die Lesebrille auf, da muss ich erst mal näher treten, um zu sehen, wer das ist“, erklärt er. Ich stelle mich vor, mein Name sagt ihm erst einmal nichts, obwohl er mir erst vor ein paar Tagen aus eigener Initiative geschrieben hat, bei meinem Blognamen weiß er mich dann einzuordnen. „Freut mich, dass du kommst. Und ein schönes Hemd, Mensch!“, sagt er und fasst den Saum meines roten Karohemdes.

Ich stehe in der Fotogalerie f75, nur ein paar Schritte weg vom zentralen Marienplatz – man sieht ihn sogar von der Tür der Galerie aus – und doch fast versteckt in einem Hinterhof. Nach links und rechts ziehen sich die Rückseiten der Gründerzeithäuser fünf Stockwerke oder so in den Himmel, die Galerie liegt hinter einer einladenden Glasfront gegenüber der Hofeinfahrt. Vor einigen Jahren war sie noch eine heruntergekommene Töpferei. Dann erwarb Wilfried Dechau den Raum. Zuerst hatte er nur an das Hinterzimmer (ein enger Doppelgang um deckenhohe Archivschränke, vorne eine winzige Küche, Dutzende Gläser für Vernissagen, hinten in Pappe die großformatigen Bildabzüge, Bücher, Zeitschriften, Lichtbilder) als trockenen Stauraum gedacht, am Ende hatte er eine Galerie. „Ein teures Hobby“, erläutert er.

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Revier im Untergrund – Johannes Marburg: BodenHaltung (zum Vergrößern bitte klicken)

Seit dem 13. März sind in der Galerie f75 Werke des Architekturfotografen Johannes Marburg zu sehen: Marburg hatte den Auftrag, die Mensa der Uni Würzburg – 1978 von Alexander von Branca errichtet und nun sanierungsbedürftig – vor dem Umbau fotografisch zu dokumentieren. Unter Fluchten von Rohrsystemen, zwischen labyrinthischen Abluftkanälen stieß Marburg auf kleine Rückzugsorte von Mitarbeitern der Mensa. Sie inspirierten den Fotografen am Rande seiner Auftragsarbeit zu seiner Serie „Das Würzburger Zimmer“: Inseln in einem lebensfeindlich wirkenden Areal, Unterweltaufnahmen, die an die Morlocks aus H.G. Wells „Zeitmaschine“ erinnern und auf den zweiten Blick neben Stereotypen mit unerwarteten Details aufwarten.

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Suchbild mit Tiger – Johannes Marburg: Gewusst wie (zum Vergrößern bitte klicken)

Galerist Wilfried Dechau ist selbst Architekturfotograf. Er hatte einst Architektur studiert, wechselte nach ein paar Jahren an einem Lehrstuhl für Baukonstruktion und Industriebau dann ins Verlagswesen und war lange Chefredakteur einer bekannten Architekturzeitschrift, die damals noch bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart zuhause war. Dann hatte ihm das Leben in die Hacken getreten, wie er es nennt, und er hatte sich selbständig gemacht in einem Alter, in dem manche im Geiste bereits in der nahen Rente dahindämmern. Aus seinen Fotografieprojekten sind zahlreiche Buchpublikationen entstanden, so zuletzt 2013 „Baakenhafenbrücke Hamburg – Fotografisches Tagebuch“ oder 2009 – und mit einer größeren Relevanz als je zuvor – der anregende Band „Moscheen in Deutschland“. In der Stuttgarter Weißenhofgalerie wird Wilfried Dechau demnächst mit Aufnahmen zu „So-da-Brücken“ zu sehen sein, Brücken, die (wegen eines zeitweiligen oder dauerhaften Baustopps) im Nichts enden – funktionslos einfach so da sind.

Betreten habe ich die Galerie f75 aus einer verhaltenen Neugier heraus. Und schließlich wird der Besuch viel mehr als eine Bildbetrachtung oder eine Ortsbesichtigung. Wilfried Dechau scheut das Gespräch nicht, er gibt spannende Einblicke in die Verlagswelt und in Zeitschriftenredaktionen, in Kunstausstellungen und Fotoprojekte und nicht zuletzt in das Leben selbst. Und fragt zurück. Am Ende tauschen wir uns über die Häutungen des Lebens aus. „Gut, in meinem Alter fängt man nichts völlig Neues mehr an“, meint Wilfried Dechau. Er ist 70 Jahre alt und doch: „nichts völlig Neues“, das zeigt doch zugleich den Mut, wäre es angebracht, etwas zumindest irgendwie Neues zu beginnen. Als ich gehe, nehme ich etwas mit aus der Galerie, im Herzen und im Kopf.

Die Eröffnung zu „Johannes Marburg | Das Würzburger Zimmer“ am 13. März hatte ich verpasst. Am 2. April geht die Ausstellung bereits wieder zu Ende – Baumaßnahmen an der Rückwand des Gebäudes machen es notwendig. Donnerstag diese Woche ist also die letzte Gelegenheit, die Fotografien von Johannes Marburg in der Galerie f75 zu sehen. Auf die nächste Ausstellungseröffnung in der f75 freue ich mich.

Heldenstücke

Stammkunden

„Aber artig sein heute Abend, gell“, reicht der fesche junge Polizist – Öl im Haar, blütenweißes Funkkabel hinterm Ohr – dem Penner, den er eben aus dem Supermarkt eskortiert hat, eine Zigarette. Das Brummeln aus dem Bart ist nicht zu verstehen. Muss es auch nicht, die Sache ist geklärt. „Also dann einen schönen Abend. Ciao!“, verabschieden sich die Polizisten jovial von dem Tattergreis. Es klingt, als würde man sich kennen. „Der kommt wieder“, bestätigt die Bäckereiverkäuferin.

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Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Meine Chefin nimmt mich zur Seite: „Zwei Dinge sind mir aufgefallen.“
Ich stutze und gehe sofort im Kopf durch, ob ich in letzter Zeit irgendetwas bei der Arbeit sträflich vernachlässigt habe.
„Kein Trompetenspiel mehr in letzter Zeit“, fährt sie fort. (Ich übe oft im Verlagskeller.) „Und kein Zeilentiger mehr. Was ist los?“
Chapeau!
„Hört sich eher nach deiner Managerin an“, meint ein Freund später, als ich davon erzähle.

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Erdbeerfalle

Sie geht clever vor. Ich gehe ihr meist aus dem Weg, weil ein Gespräch mit ihr immer – immer! – in hässlichen Lügengeschichten endet. Man könnte auch sagen: in gehässigen, in hassvollen Lügengeschichten. Ich will diese Geschichten nicht hören (und ich will auch nicht wissen, welche sie über mich erzählt). Manchmal aber, wenn meine Ausweichmanöver gar zu lange erfolgreich waren, klingelt es an der Tür und da steht sie mit einem Teller voll Kuchen. Den kann ich schlecht ablehnen. Die Kuchenstücke sind rasch verputzt, der Teller aber steht einige Tage bei mir, bevor ich den Mut fasse, ihn zurückzubringen. Da stehe ich bei ihr und halte ihr den sauberen Teller hin. Und die alte Frau sagt: „Ah, wollen Sie gleich einen neuen Kuchen?“ Und so schleiche ich nach einer Viertelstunde geschlagen und mit zwei neuen Kuchenstücken auf dem Teller zurück bis zur nächsten Übergabe.

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Holothurienpogo

WIZO ist eine Punkband aus Sindelfingen bei Stuttgart. An mir war die Band während ihres rund 20-jährigen Bestehens vorübergegangen, wie Punk meist an mir vorbeigegangen ist. (Blink-182, die genau heute in Stuttgart spielten, waren etwa eine Ausnahme. Der Surfpunk, den die jungen Leute auf dem Weg zum Strand hörten, als sie mich auf einem gottverlassenen kanadischen Waldweg aufsammelten und ein paar Meilen später wieder absetzten, auch.) Seit ein paar Jahren ist WIZO wieder aktiv, diesen Juni hat die Band ein neues Studioalbum veröffentlicht: „Punk gibt′s nicht umsonst! (Teil III)“. Der große Protagonist des Albums: die Seegurke. Ja, wirklich. Die supertolle Seegurke, der cazzo di mare, Held des heutigen Abends. Seegurke!

Von Fernmagistralen, Weißwein und dem realen Prinzip – eine Reise an die Mosel

Quint, Bullay, Cochem – ginge ich nur nach den Namen der Haltestellen, wüsste ich nicht, noch in Deutschland zu sein. Als ich vom Zug in den Bus wechsle, verstärkt sich der Eindruck: Auf einer abgesteckten Grünfläche erspähe ich ein Schild „te koop“ (zu verkaufen) – und erst darunter die Botschaft auf Deutsch und Englisch.

Die Mosel scheint hier quasi in holländischer Hand. Auf den grünen Uferwiesen reihen sich die Campingplätze und darauf eine Legion an Fahrzeugen mit gelbschwarzen Kennzeichen. Tagsüber sitzen die Urlauber gerne in Liegestühlen vor ihren Wagen und trinken Bier („selbstmitgebrachtes“, beteuert ein Gewährsmann), abends dringt der flackernde blaue Schein der Fernsehapparate aus den Campingbussen und Wohnwagen. So kann man die Abende im idyllischen Moseltal auch verbringen.

Eine Geschäftsreise führt mich hierher an den Geburtsort eines berühmten spätmittelalterlichen Theologen, Philosophen und Gelehrten. Das Städtchen ist bis heute geprägt von dem berühmten Kirchenmann. Noch immer besteht die Stiftung, die aus seinen Weingärten hervorging, man kann ihre Trauben bis heute genießen – eine über 500 Jahre alte Institution.

Noch andere Schätze beherbergt das Doppelstädtchen. Der mittelalterliche Gelehrte verstarb auf einer Reise in päpstlicher Mission in Mittelitalien. Sein Leichnam wurde in Rom bestattet, aber seine Wagenladung voll Bücher (und sein Herz) haben seine treuen Diener bis an die Moselstadt zurückgebracht, wo die Handschriften bis heute ruhen und eine der kostbarsten noch erhaltenen mittelalterlichen Privatbibliotheken der Welt bilden.

Ein paar Stunden vor Beginn der Veranstaltung begegne ich auf der Burg über dem Fluss einigen unserer Herausgebern. Nicht gerade ein Wunder, solch eine Begegnung, erst recht nicht angesichts der Größe der Stadt. Aber es reicht für Witze wie „Herr E., Sie tauchen immer so überraschend auf!“ oder „der omnipräsente Verlag“. Ich denke, das kann dem Ruf nicht schaden.

Nach getaner Arbeit steigt die Gesellschaft abends hinab in die historischen Gemäuer der Mosel Vinothek. Sie gehört dem Deutschen Roten Kreuz, hier gibt es auch den Rebensaft vom weltweit einzigen DRK-Weingut. Das Angebot unterschiedlicher Themenweinproben ist faszinierend. Bei der klassischen Variante erhält man für 15 Euro in den Kellergewölben ausführliche Erläuterungen – und freien Genuss von 10 bis 17 Uhr. Einzige Auflage: Man muss in der Lage sein, auf eigenen Beinen die Treppe wieder emporzusteigen.

Heute bleibt, wir sind sowieso zu spät dran, nur eine Stunde Zeit, die Erläuterungen zu den einzelnen Weinen müssen wir selbst den Tafeln entnehmen. Nummern verweisen auf die Flaschen in den Kühlboxen. Selbst wenn man sich auf, sagen wir, den lieblichen Riesling beschränkt (dank der warmen Schieferhänge auch bei Zungen, die sonst gerne beim trockenen Wein bleiben, beliebt), kann man nur einen winzigen Ausschnitt kosten, bevor es weitergeht über die Moselbrücke in ein, versteht sich, Weinlokal.

Es ist fünf nach zehn Uhr abends in der Saison und die Küche weigert sich, für die Gruppe aus 30 Leuten noch etwas, und sei es noch so Kleines und Einfaches, aufzutischen. Dem maghrebinischen Kellner tut es sichtlich leid, hilflos lächelnd zieht er bei den Forderungen, dann doch wenigstens eine Pizza liefern zu lassen, die Schultern nach oben. Beim Abrechnen kann er wieder scherzen: Er hakt die Getränke von der Rechnung ab – und ergänzt: „und die Pizza natürlich“.

Ein Politikum war am Tischrund schnell gefunden: Auch das Moseltal hat sein Skandalbauwerk, den geplanten Hochmoselübergang, der die Bundesautobahnen A 60 und A 1 verbinden soll und seine Wurzeln noch in einem Vertrag aus dem Kalten Krieg hat. Damals sollte sichergestellt werden, dass über eine direkte Achse Brüssel – Frankfurt am Main NATO-Panzer zügig nach Osten verschoben werden konnten. Inzwischen zielt der Hochmoselübergang natürlich in eine andere Richtung, etwa auf eine Rettung des fragwürdigen Flughafens Frankfurt-Hahn. Man spürt sofort, hier zeigt sich ein regionales Reizthema: Kostenexplosion und Verschleuderung von Steuergeldern (von 600 Millionen Euro Kosten ist die Rede), untragbare Verschandelung des Landschaftsbilds, nicht kalkulierbare tektonische Risiken (Hangrutsche, Wasserhaushalt), Größenwahn der Politik bei letztlich unnötiger verkehrstechnischer Funktion – manches davon klingt bekannt von anderen aktuellen Bauprojekten der Republik.

Ein auswärtiger Besucher scherzt vom Widerstand gegen das Bauvorhaben, von Sabotage der Einheimischen und aufrechten Moselsoldaten – „das reale Prinzip bricht aus dem Ungrund hervor“, um es mit einem Philosophen des Deutschen Idealismus zu sagen. Meine Fantasie spinnt die Fäden weiter und ich male mir in Gedanken ehrwürdige Professoren aus mit Dynamit in den Sakkotaschen und hehrer Stirn. Was wäre das für eine Schlagzeile in der FAZ: „Vizepräsident einer internationalen philosophisch-wissenschaftlichen Gesellschaft plant Sprengung der umstrittenen Moselhochbrücke“! Das Fach wäre sich einer ganz neuen Aufmerksamkeit sicher.

Übrigens kreuzt die Verkehrsachse des Hochmoselübergangs eine ganz andere Magistrale, die Schienen der einstigen „Kanonenbahn“. Nach dem militärischen Sieg über Frankreich und der anschließenden deutschen Reichsgründung 1871 war es Vorgabe der Politik, rasch eine Direktverbindung zwischen dem annektierten Metz in Lothringen und der Reichshauptstadt Berlin einzurichten. 1880 war es soweit: Wer um 5 Uhr morgens in Metz den Zug bestieg, konnte am späten Abend in Berlin dem Kaiser die Hand küssen. Große Bedeutung hatte die Gesamtstrecke allerdings nie, die einzelnen Etappen entwickelten sich daher recht unterschiedlich weiter; man mag in diesem Punkt gern Vergleiche ziehen zur geplanten Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnachse Paris – Bratislava …

Bis heute, so hat man den Eindruck, ist die Bahn im Moseltal jedenfalls nicht viel schneller geworden. Dafür ist sie brechend voll am Samstagvormittag: Drei Gruppen angetrunkener junger Männer mit Plastikbechern wetteifern um den Lärmpegel, ein untergeklemmtes Bierfass drückt mich an die Gangwand, vor den Toiletten reihen sich die Bierblasen. („Krempeln Sie besser Ihre Hose hoch“, rümpft eine Dame beim Geruch aus dem Klo die Nase.) Eine johlende Gruppe steigt aus und wird sofort von der nächsten ersetzt. „Hangover Frankfurt“ steht auf ihren T-Shirts – der Kompass ist eingestellt.

Kalkutta – Ilija Trojanow und Anja Bohnhof, „Stadt der Bücher“

Aus europäischen und insbesondere verwöhnten deutschen Augen betrachtet, sind Bücher aus dem (und für den) indischen Markt von bescheidener materieller Qualität. Und mit Kalkutta verbinden unsere Vorurteile oft schlimmste Armut, einen Sumpf, der alles verschlingt und verdirbt. Und doch blüht in dieser indischen Metropole eine außergewöhnliche Buchkultur: „Rings um die College Street gibt es mehr als fünftausend Buchläden, ein Labyrinth aus Millionen von Büchern; die kleinen, bunten Kioske der Straßenhändler neben riesigen Gewölben mit Druckereien und Verlagshäusern“ (Klappentext).

Ilija Trojanow folgt in kurzen Texten Bücherboten und Papierschneidern, besucht Traditionsverlage der aufklärerischen „Bengal Renaissance“ und hochmoderne Druckereien mit Heidelberger Maschinen, berichtet von literarischen Cafés, in denen die Korrekturleser ihrer Arbeit nachgehen, und dem – nach den USA – zweitgrößten Markt englischsprachiger Literatur und staunt, als auf Anfrage ein Straßenbuchhändler binnen Minuten aus unüberschaubaren Stapeln von bedrucktem Papier eines seiner eigenen Bücher hervorzieht. Begleitet werden diese Streifzüge von den kräftigen, farbenfrohen Fotografien der kleinen Buchläden (leider nicht auch der anderen genannten Orte) der Fotografin Anja Bohnhof.

Ein sehr hübsches Büchlein über eine ganz andere, pulsierende Welt der Bücher.

Ilija Trojanow und Anja Bohnhof, Stadt der Bücher.
© 2012 LangenMüller

http://www.herbig.net/gesamtverzeichnis/bildbaende/einzelansicht/product//stadt-der-buecher.html

Buch(messe)sorgen

Wenn ich frühmorgens im ICE zur Frankfurter Buchmesse über einem Manuskript zur Begriffsgeschichte der „Bestimmung des Menschen“ in der Aufklärung brüte und dann neben mir junge Kolleginnen aus einem anderen Verlag darüber diskutieren, dass ihr Verlagstext falsch sei, da das Pferdekinderbuch nicht in der Mongolei, sondern auf Island spiele, dann relativiert das Vieles.