Friede den Hütten

Still ist es auf dem Berg. Unten im Tal läuten die Glocken zum Hochfest der Geburt des Herrn. Danach schlägt ein Hund an, irgendwo, dann legt sich wieder Stille über den Gipfel. Die Sonne scheint an diesem 25. Dezember, als würde sie den ganzen Winter über nichts anderes tun. Schneeschuhe haben wir nicht gebraucht für den Aufstieg.

Unter uns liegt Wertach, die höchstgelegene Marktgemeinde Deutschlands, aber warum fange ich jetzt damit an, da muss ich nur erklären, was das ist, eine Marktgemeinde, denn das hatte schon für Verwirrung gesorgt, als ich fürs Studium in ein anderes Bundesland gezogen war, Verwirrung auf beiden Seiten, weil die Dame auf dem Bürgeramt nicht wusste, was es mit diesem „Markt“ auf sich hat, und ich wiederum nicht wusste, dass es sich dabei in Deutschland um eine bayerische Eigenart handelt.

In Wertach also, und darum geht es mir, ist der Schriftsteller W. G. Sebald geboren und aufgewachsen. Dass ich seine „Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“ jetzt erst lese, erscheint mir im Nachhinein unglaublich, und je unglaublicher, je weiter ich in dem Buch komme und mich in immer größeren Maße begeistern lasse. Drei Menschen haben mich im letzten Jahr auf dieses Buch gebracht, das ich längst gekannt und geliebt haben sollte, zwei davon sind Blogger, und allen drei danke ich. Es ist ja, und das kann ich mit umso mehr Überzeugung von mir geben, als ich es heute im Zug zu Ende gelesen habe, nicht nur ein unerhörter Gewinn, sondern zugleich Verlust. Würden sich die Ringe des Saturn doch nur in die Unendlichkeit des Raums erstrecken, um ihnen ein Leben lang zu folgen!

Es bleibt nur ein Trost, nämlich das andere große Buch meines Jahres wieder aufzugreifen, in das sich der Sebald dazwischengeschoben hatte, nämlich Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“, ebenfalls ein Reisebuch und ebenso viel mehr als nur das. Zwei kluge und aufmerksame und sehr menschliche Beobachter, das eine Buch ein fast traumartiger Gesang des Verfalls, das andere ein immer wieder aufgreifendes Staunen der Menschlichkeit in unserer so flüchtigen Existenz. Beide Autoren sind mir zu literarischen Helden geworden, zu meinem Glück – und (hoffentlich) zum Stachel, der mich anspornt.

Wald_Wurzeln_Wertacher Hörnle_Voralpen_Allgäu

Wurzelwerk, Lebenswege

Brotzeit wird auf der Bank unterm Gipfelkreuz ausgebreitet. Earl Grey und heißer Ingwer, belegte Brote, liebevoll kleingeschnittenes Obst und Gemüse, ein Schälchen mit einem bunten Nuss-Beeren-Gemisch, ein gerecht in Stücke gebrochener Bioschokoladenriegel. Das ist die zivilisatorische Handschrift der Frauen, könnte man vermuten, denn ich hätte mich, wäre ich allein aufgestiegen, mit einer Flasche Wasser, einer Packung Cashews vielleicht und einer Banane begnügt. Aber so einfach ist es nicht, die Grenzen verlaufen anders. Das Essen jedenfalls ist ein von allen begrüßtes Fest und der Earl Grey schmeckt besser, als er es je an einem Schreibtisch tun könnte.

Hebe ich den Blick, liegt das Illertal ausgebreitet unter mir bis dorthin, wo sich im Unterland die Eiszeitmoränen im Dunst verlieren. Links ziehen sich Höhen ins westliche Allgäu hinüber, rechts reicht der Blick ins flacher werdende Ostallgäu, inmitten des Panoramas liegt die Stadt Kempten. Von all diesen Höfen, aus diesen Weilern und Dörfern, die ich da vor mir sehe, denke ich mir, waren 1525 Bauern und Handwerker zusammengeströmt, um gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die weltlich-geistlichen Herrschaften zu protestieren. Immer wieder hingehalten von den Mächtigen, setzten die Wortführer des Allgäuer Haufens gemeinsam mit denen der beiden anderen großen schwäbischen Bauernaufgebote in der Reichsstadt Memmingen – dort am Rande meiner Sicht – zwölf Artikel auf. Manche sehen in dieser Versammlung die erste verfassungsgebende Versammlung in Deutschland, und die „Zwölf Artikel“ sind so etwas wie die erste Aufzeichnung von Menschenrechten in Europa.

Zu(o)m dritten ist der brauch byßher gewesen, das man vns für jr aigen leüt gehalten haben, wo(e)lchs zu(o) erbarmen ist, angesehen, das vns Christus all mitt seynem kostparlichen plu(e)tvergu(e)ssen erlo(e)ßt vnnd erkaufft hat, Den || hyrtten gleych alls wol alls den ho(e)chsten, kain außgenommen. Darumb erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen vnd wo(e)llen sein.

Die Antwort der Mächtigen erfolgte mit dem Schwert.

Alpen_Allgäu_Winter

Die andere Seite

Die Eisplatten knacken unter den Schritten; wo die Sonne den gefrorenen Schnee erweicht, knirscht er wie fein geklopftes Crushed Ice in einem Glas. Schattseitig trägt die Schneeschicht (ein Einsinken bis zu den Knien bleibt die Ausnahme), die Sonnenhänge sind schneefrei: kurz das gelbbraune Wintergras, die Pfade von Silberdisteln gesäumt. Es sind die schönsten Wegstrecken. Nur am Aufstieg zum benachbarten Gipfel darf gelegentlich die Hand zuhilfe genommen werden. Der Geist ist ruhig, das Herz weit offen. Es ist die letzte Bergwanderung in diesem Jahr.

Die Weihnachtstage liegen zurück, der Jahreswechsel rückt näher. Vorher noch werde ich einer Einladung in den Nahen Osten folgen. Ich wünsche allen ein erfülltes, glückreiches neues Jahr! Und freue mich, uns in einigen Tagen wieder zu lesen, inschallah.

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Krokodile auf der Sandbank, Sonnenschein, kurz vor Weihnachten

Der Wolf Andreas ist schuld. Aber dazu später.

Eigentlich hatte ich eine Winterreise geplant, aber wenn ein Satz schon mit eigentlich beginnt. Eine winterliche Heimreise – entschleunigter als Heines Kutschfahrt (weniger politisch vermutlich, gewiss nicht in Reimform) und hoffentlich nicht so düster wie Schuberts Liederzyklus –, eine Wanderung nämlich, um im Morgengrauen aus der eigenen Haustür zu treten und ein paar Tage später in der Dämmerung des Heiligen Abends anzuklopfen bei meinen Vorfahren auf dem Hügel. Die Idee gefällt mir seit Jahren, heuer habe ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht, aber dann in der Detailplanung – auf den letzten Drücker natürlich – gemerkt, dass mir die fünf Tage nicht reichen für den Weg von Stuttgart ins Allgäu.

Stattdessen bleibt mir nun Zeit für ein paar andere Dinge, Grübeln über gesundheitliche Unpässlichkeiten etwa, die sich in letzter Zeit bemerkbar gemacht haben. (Sind sie ein Symptom des Älterwerdens? Ein Aufruf zur Umkehr, wohin auch immer?) Weihnachtspost ist eingetrudelt, die zwei schönsten – und überraschendsten – lustigerweise aus derselben Stadt von zwei Bloggerinnen, die einander, wenn ich mich nicht irre, nicht persönlich kennen. Herzlichen Dank, Lakritze und das A&O, für diese Freude! Gleichzeitig habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen; das Gefühl für ein Gebot der Reziprozität ist ja auch in unserer postmodernen Gesellschaft nicht gänzlich ausgestorben. (Am wenigsten übrigens in älteren schwäbischen Haushalten, wo für ein geborgtes Pfund Mehl aber auch wirklich die korrekte Menge zurückgebracht wird, als könne man nicht leben in dem Wissen, jemandem ein Gramm schuldig zu bleiben.) Ich nämlich habe dieses Jahr niemandem Weihnachtspost geschickt, wirklich niemandem außer ein paar Professoren beruflicherweise, was etwas ganz anderes ist. Tatsächlich ist es das erste Jahr, dass ich selbst den Vorsatz, Weihnachtsmails zu schreiben an Menschen, bei denen ich mich lange nicht gemeldet habe, erst gar nicht aufgegriffen habe. Eine Kapitulation?

Vielleicht keine Kapitulation, aber jedenfalls eine Unterlassung ist die zweite Neuerung, eine Übereinkunft mit den Brüdern: Wir Erwachsene werden uns dieses Jahr nichts schenken. Aber den Nichten und Neffen natürlich, das lässt sich ein Onkel nicht gern nehmen. Am liebsten kaufe ich Weihnachtsgeschenke in einer Buchhandlung, immer schon. Und da die Aststifte in dem Kinderladen nicht mehr zu bekommen sind, rutscht ein Posten mehr auf die Buch- und Hörspielliste. Hängengeblieben bin ich dann bei Ausgaben von Latte Igel. Kein Vergleich zu dem Taschenbüchlein von Ravensburger oder so, das ich aus meiner Kindheit kenne, sondern großzügig bebilderte, hübsche Halbleinenbände. Da müssen Latte Igel und seine Freunde zum Beispiel den Wasserstein suchen gegen die anhaltende Trockenheit in ihrem Wald – doch der Stein wird vom grimmen Bärenkönig und seinen Kriegern, kühn gezeichneten Luchsen, besser lässt sich eine wilde Waldkriegerschar gar nicht darstellen, bewacht. Nach allerhand Abenteuern finden sie den Wasserstein schließlich im Hort des Diebes Fjodor. Fast hätte ich mir das Buch selbst gekauft.

Dann wurde es doch ein anderes (für mich) und jetzt kommt der Wolf Andreas ins Spiel. Denn er hatte im Frühjahr auf seinem Blog von seinen Leseeindrücken von Karl Bruckmaiers „The Story of Pop“ berichtet (1, 2 und 3). Ich hatte mir das Buch notiert und natürlich wieder vergessen und dann gehe ich in der Buchhandlung aus einem Impuls zurück in die Musikabteilung, weil ich mir gerade vorstellen könnte, über Musik zu lesen, ich da, wenn man so will, plötzlich einen gewissen musikalischen Bildungshunger verspüre, und da sehe ich den Bruckmaier liegen und erinnere mich. Und weiß wieder, das will ich, schon alleine deswegen, weil Bruckmaier seine Geschichte des Pops mit dem frühmittelalterlichen al-Andalus beginnt. Es gibt in der Auslage eine Broschurausgabe (Heyne) und eine schwarze Leinenausgabe (Murmann) und ich greife zu Letzterer, da kann ich gar nicht anders, auch wenn ein empfindungsloser Finanzberater mir vielleicht auf die Finger klopfen würde: „Brauchen Sie‘s?“ Also, ich finde, schon.

Ich freue mich darauf, es gleich aufzuschlagen und hineinzulesen, suche mir am Marienplatz ein sonniges Plätzchen. Die Weihnachtsgrüße im Ratzer ums Eck lasse ich lieber, sonst höre ich dort doch noch in die neue Platte von Hellmut Hattler hinein und finde am Ende noch Gefallen daran und dann klopft mir der Bankberater nochmals auf die Finger. Ich schlage also den Bruckmaier auf, schon das Leinen zu berühren ist schön, und habe, als ich auf der ersten Seite des Vorworts bin, bereits eine fünffache Gänsehaut von dem Buch bekommen.

„Gibt es einen Schöpfer, der an uns Interesse hat?“, bauen zwei vertrocknete Frauen einen Stand mit Broschüren auf. Nein und nein, meine Damen. Den Geist des Weihnachten schätze ich trotzdem. Nicht den des Kommerzes, der Blinklichter, der Schmalzbeschallungen, dieser gefräßigen Maschinerie, die mir in diesem Jahr mächtiger denn je erscheint. Sondern den eines Charles Dickens, den, der uns innehalten, uns für Feineres aufmerken, uns zusammenfinden lässt, durchaus auch den von Kerzen hinter Fenstern und gemeinsamem Geschichtenlesen und Lebkuchengewürzen. Aber ich verstehe, dass Weihnachten für manche eine Qual, für andere die Hölle ist: Einsamkeit, Armut, Verlogenheit und Missbrauch.

Die Göttin hat mir Tee gekocht
Und Rum hineingegossen;
Sie selber aber hat den Rum
Ganz ohne Tee genossen.

(Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen)

Jetzt muss ich nur noch überlegen, was ich mit dem Vorschlag von Danares und dem Kaffeehaussitzer mache. Ich glaube, denen war es ernst.

Ich wünsche allen das Beste, das Bestmögliche! Vielleicht ja sogar selige, liebevolle Feiertage.

Weihnachten reloaded – Ein paar Flocken im Schneetreiben

21.

Weihnachten liegt in der Luft. Ein Zauber, eine Besinnlichkeit verschönern den Tag, überall ist es plötzlich schön und ich weine vor Trauer über den menschlichen Hass. Mittags im Café lese ich die Kommentare, die Menschen im Internet über sich ergehen lassen müssen: eine Journalistin, die eine Morddrohung erhält; Hetze gegen Bloggerinnen wegen ihrer offenen Worte gegen PEGIDA; Musiker, die für ihre Musik widerwärtigste Häme ernten. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, sie erfolgt in den unterschiedlichsten Kontexten, aber sie eint eines: ein unaussprechlicher und ganz und gar unnachvollziehbarer Hass und eine abgrundtiefe Missachtung jeder menschlichen Würde. Ich sitze vor meinem Kaffee und Tränen treten mir in den Augen. Die Kellnerin tritt an den Tisch und fragt schwungvoll, ob ich noch etwas bestellen möchte. Ich drehe den Kopf und wimmel sie ab.

22.

Streit im Treppenhaus. Die balkandeutsche Nachbarin (70 Jahre Schwaben) wirft der ostdeutschen Nachbarin (20 Jahre Schwaben) vor, dass ihr Rezept mal echt nicht schwäbisch sei. Geht ja gar nicht! Seit zehn Minuten erbitterte Diskussion über Zwiebeln und Essigspritzer. Absurd. Vielleicht sollten wir mit „Stuttgart bleibt bunt“ hier im Haus beginnen.

23.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist der Vorabend des Heiligen Abends und auf dem Trottoir sitzt ein großer Plüschhase auf einem Stuhl. Der winzige Laden mit den Kleinantiquitäten und Weltkriegsdevotionalien, der immer verschlossen ist, hat geöffnet, heute, um diese Stunde. Ein Schwarzer, offenbar der Betreiber, tritt durch die Tür, mit ihm kommen die einleitenden Takte von Trios „Da da da“ aus den 80ern. Es ist ein Gefühl, als hätte dir das Universum mal geschwind das Gehirn herumgedreht, um einen Moment später wieder so zu tun, als wäre nichts geschehen.

24.

Und nun einmal „Stille Nacht“ trompeten auf der Karlshöhe. Die Dunkelheit schützt mich vor den schiefen Tönen.

25.

Eine Stunde lang höre ich nur Vögel zwitschern. Laute, die ich so nicht erwartet habe am Morgen des 25. Dezembers. Dann ruft ein Säugling, das erste menschliche Geräusch, und das scheint dem Anlass des Tages ja durchaus gerecht zu werden.

*

Dorfbahnhof an Weihnachten: Enkel, die dem Großvater in die Arme springen, junge Paare wie frisch verliebt. Schönes Menschsein. Dann Stille.

*

Schneefall! Und plötzlich ist man beinahe wieder Kind. Wenigstens ein paar Augenblicke lang.

26.

Die Fußsohlen brennen bereits vor Kälte, als der Fuß die Dicke des Eises testet und sie mühelos durchbricht. Drei Holzstiegen hinab, die Hand bricht die Ränder der Schollen weiter ab, dann taucht der erhitzte Körper ins schwarze Wasser ein. Weiße Flocken wirbeln über dem Teich. Ein paar Augenblicke später ist der Schmerz bereits Lebenslust und die nächsten steigen ins Loch.

27.

Winter_Raunacht_Allgäu

In den Raunächten

 

Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (7)

27. Abschied – Leben und Sterben heute

Die Feiertage sind vorüber. Ade, Weihnachten, es heißt Abschied nehmen, bis zum nächsten Jahr.

Und schon, kaum ist der fromme Gruß ausgesprochen, die Feierzeit entlassen, laufen die Katastrophenmeldungen ein. Der Großvater, Vater der Mutter dieses Mal, ist niedergestürzt und nun im Krankenhaus. Als hätte er sich eben noch durchs Weihnachtsfest schleppen wollen, geschafft und jetzt – gleichfalls Abschied nehmen. Wird es für ihn ein nächstes Jahr geben? Wasser in der Lunge, Schwäche, allgemeine Kraftlosigkeit werden erst einmal diagnostiziert. Doch halt, da wird noch ein Milzriss entdeckt, Unmengen von Blut in der Bauchhöhle, Notoperation, man hätte den Befund keine Stunde später stellen dürfen. Gerettet? Keinesweg; aus der Narkose wird ein Koma.

War es das?

Und haben wir da nicht noch einen Abschied? Die liebe Verwandte hat sich vor den Feiertagen von ihrem Freund getrennt und er taumelt nun im Trennungsschmerz durch die Tage und Nächte. So ist das für manche: Da offenbart man sich als Einzelgänger einem Menschen, vertraut ihm – und nur ihm – alles an, macht diesen Menschen zum besten Freund und zur Geliebten zugleich und dann so was. Die Nabelschnur gekappt, der Astronaut treibt plötzlich allein durch ein leeres, kaltes, dunkles Universum. Wieso den Abschied nicht gleich perfekt machen und sich in den Tod stürzen? Zwei Tage und Nächte also stützen ihn seine Verflossene und ihr Bruder, Betreuung rund um die Uhr, bis es ihnen langt: Genug ist genug, wenn du nicht leben willst, wird’s zu einem klinischen Fall. Und da haben wir also schon wieder das Krankenhaus und die Drohung von Tod.

Abschied, Abschied, Abschied.Die Erde dreht sich weiter. Und wir schweben immer noch in unseren Anzügen durch das All.

Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (6)

26. Großvater und Enkel – ein Gespräch

Verwandtschaftstreffen sind ja so eine Sache: Sie bieten je nach Familienverhältnisse alles zwischen Himmel und Hölle. Stellen wir uns nun einfach einen Fall vor, in dem man sich in Solidarität mit einem Verwandtschaftszweig übt, weil es die Tradition erfordert, nicht, weil das Herz ruft. Steckt man einmal mitten drin, spürt man doch, dass ein wenig Zuneigung da ist und sei es nur aus der Gewohnheit früherer Tage. Am interessantesten – so spinnen wir unser Gedankenspiel einfach mal weiter – ist der Großvater, Vater des Vaters. Bedauerlicherweise ist er zugleich der Zurückhaltendste: Er hat es schon seit langem gelernt, sich in sich zurückzuziehen, in seine eigene, wissensreiche Innenwelt. Ein Kriegsinvalide, nur kurzfristig arbeitstätig, einäugig und seit dem Alter nicht mehr allzuweit vom Blindsein entfernt. Und weiter: Eine Ehefrau, bestimmend, überstimmend, zu oft klagend – „aber man kann ja nichts machen.“

Stellen wir uns weiter drei Enkel, Söhne eines Vaters, vor, die um diesen Mann herum sitzen und ihn irgendwann zu seinen Kriegserfahrungen befragen. Es ist ein unweigerliches Thema, mehr von der Seite der Enkelgeneration aus, aber sie greift nur etwas auf, was unausgesprochen im Raum steht. Es ist soviel Schreckensfaszination an dem Erlebnis „Krieg“, dass es auch jetzt nach über einem halben Jahrhundert für den Betroffenen noch immer ein Thema ist. Erfahrungen, die das ganze Leben prägen und immer wieder nagen, immer wieder die Bearbeitung suchen, Seelenarbeit verlangen. Und für die Spätgeborenen: Eine Möglichkeit, etwas Fremdem und so ungeheuer Gewaltigem wenigstens in den Erzählungen eines Zeitzeugen nachzuspüren. Dabei drängt der Großvater dieses Thema nicht auf; wie gesagt, oft suchen die Enkel es. Bösartige Zungen könnten sagen, der Krieg wird nur ins Spiel gebracht, um Gesprächsstoff zu finden; ein Thema, zu dem es immer etwas zu sagen gibt und man bequem eine gemeinsame Kommunikationsebene findet. Doch das wäre verfehlt, es ist mehr: ein Bedürfnis auf beiden Seiten.

Es fängt harmlos an. Dänemark als Annäherung an das Thema, Stationierung vor dem ernsthaften Kriegseinsatz. Es ist so etwas wie die heile Zeit des Großvaters in dem Mahlstrom des Krieges. Seine Erinnerungen an diese kurze Zeit sind nur gut und es gehört zu den wenigen wirklichen Wünschen, die er noch für sein Leben hat, nach Dänemark zu reisen, als Tourist, als braver Reisender, Jahrzehnte nach der deutschen Besetzung. Und unvorstellbar eigentlich, dass dieser Wunsch nicht erfüllt wird. Allein zu reisen ist nicht mehr möglich und die Großmutter sperrt sich, schiebt scheinbar vernünftige Bedenken vor. Zu alt, zu weit, zu schwierig, ach könnte man noch, aber wir sind dann doch besser vernünftig und bleiben zu Haus. Bis es eben wirklich zu spät wurde für solch eine Reise.

Nach Dänemark kommt dann Frankreich. Manchmal zumindest. Frankreich – das ist offener Krieg. Selbst hier ist noch Raum, ‚Lebensraum‘ gewissermaßen, für eine Anekdote, wie den französischen Wein, der den Großvater den Abzug verschlafen und der Truppe katerköpfig hinterhereilen ließ. Doch Frankreich ist auch mehr: die Front, der Kampfeinsatz, die Verwundung. Eigentlich alles, nur nicht Ostfront. Davor blieb der Großvater verschont. Wer aus dieser Verwandtschaft an die Ostfront gekommen war, kehrte nicht zurück.

Enkel #2: Du Opa, wie war das eigentlich mit deiner Verwundung?

Großvater: In den Vogesen war das gewesen, im Herbst, als ich das erste Mal wirklich an der Front war.

Enkel #1: Wie ist das eigentlich mit der Angst dort an der Front? Verliert die sich bald, weil so sie alltäglich geworden ist?

Großvater: Ja, die Angst … (Zögern) Die fängt an, wenn man das erste Mal die Artillerie hört. Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl, das sag ich euch.

Enkel #3: Wie hört sich das denn an?

Großvater: Zuerst ist es nicht mehr als ferner Donner. Da fängt es an, im Bauch mulmig zu werden. Und dann hört man irgendwann das Pfeifen, das immer lauter wird, bis es über dir ist.

Enkel #3: Dann ist es wohl am gefährlichsten …

Großvater: Nein, nein! Solange du die Geschosse noch hörst, ist alles in Ordnung. Dann fliegen sie nämlich über dich drüber. Wenn es dich dagegen erwischt, hörst du kein Pfeifen und nichts – dann ist es einfach da und aus.

Enkel #2: Und so eine Granate hat auch dich erwischt?

Großvater: Ja, aber ich hab‘ ja noch Glück gehabt.

Enkel #1: Wann war denn deine Verwundung?

Großvater: 17.11.44, am Morgen. (Ein Glasauge starrt ins Leere, die Hände zittern.)

Enkel #1: Was war euer Auftrag gewesen?

Großvater: Ein Stellungswechsel.

Enkel #2: Und wie lief das ab? Seid ihr da in der Gruppe losmarschiert? In Formation?

Großvater: Nein, man ist eben los. Wir sind zu zweit gegangen mit dem Funkgerät und dann war es halt plötzlich passiert. Der andere ist heil davon gekommen, aber ich lag am Boden. Und dann erinnere ich mich nur noch an das Gesicht meines Kameraden, wie er entsetzt auf mich herabschaut und dann davonläuft. Soldaten aus einem anderen Zug haben mich dann aufgesammelt und ins Krankenlager gebracht.

Enkel #3: Hast du Morphium bekommen oder so?

Großvater: Ach von wegen, nichts!

Enkel #2: Aber man sieht doch immer, wie die Verwundeten gleich eine Morphiumspritze bekommen, in den amerikanischen Filmen sieht man das.

Großvater: Ja, die Amerikaner vielleicht … Wäre ich von den Amerikanern gefangen genommen worden, wäre ich medizinisch wahrscheinlich besser versorgt worden.

Enkel #2: Ja, haben die Gefangene denn so gründlich versorgt?

Großvater: Ja sicher! Bei uns war da nicht mehr viel zu machen, nicht mehr zu dieser Zeit. Ins Sterbezelt hatte man mich gelegt, das war alles. Und dann bin ich halt doch noch wieder aufgewacht. Die einzigen, die es etwas besser hatten, waren die von der SS. Die bekam immer das Beste. Wenn ich euch so ansehe – ihr wärt, wären die Zustände immer noch so, bei der SS. Alle drei. (Gerunzelte Stirn, ein seltsames Gefühl im Bauch, im Brustkorb. Kurze Blicke, verwirrt, zeigen, dass alle Enkel das gleiche denken: Wie war das denn bitte gemeint?) Ich war damals zu klein geraten dafür. Gott sei Dank.

Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (5)

25. Solsfest

Weihnachten ist ein heidnisches Fest. Unser christliches Fest ist eingehüllt in ein Bett nichtchristlicher Religionen und wenn man dieses Schicht um Schicht ablöst, bleibt am Ende  fast nichts.

Die Weihnachtsgeschichte der Evangelien, das wundert nur noch wenige, ist dem Neuen Testament spät hinzugefügt. Die drei Weisen aus dem Morgenland sind natürlich nichts anderes als persische Magier. Aber wie kommen diese in die christliche  Weihnachtsgeschichte? Folgen wir den Spuren der persischen Priester zurück in ihre Heimat und wir werden den Ursprung dieser evangelischen Tradition dort finden. Die iranischen Religionen, namentlich der Zoroastrismus und der Mithrakult, haben das Christentum  maßgeblich beeinflusst. Wo haben wir zuerst die Apokalypse, das Weltengericht am Jüngsten Tag mit der Wiederauferstehung der Toten und der Scheidung der Seelen in  Sünder und Rechtschaffene, in Höllensturz und Eingang ins Paradies? Aus der iranischen Geisteswelt kommt es und Eingang fand es in die Bibel über das babylonische Exil der Juden und ihre Freilassung und Förderung durch die neuen Eroberer Babylons und des ganzen Nahen Ostens: den Persern.

Dabei bleibt es nicht. Die Magier, also die Mitglieder einer iranischen Priesterkaste, trafen sich jährlich auf einem Berggipfel, um Ausschau zu halten nach dem Stern, der die Geburt des Erlösers, des Weltenheilands ankündigt. Ja, hier haben wir ihn, den Stern von Bethlehem und die Inkarnation des Messias.

Als sich das noch recht junge Christentum daran machte, Fuß zu fassen in den Provinzen des Römischen Reiches, war es nicht frei von Konkurrenz. Mit ihm waren andere Erlösungsreligionen aus dem Osten über die Mittelmeerwelt gekommen. Strahlende Gottheiten, die ihren Anhängern ein besseres Leben nach dem Tode versprachen, eine Existenz im Lichtglanz statt seufzendes Verblassen in den schattigen Regionen der antiken Unterwelt. Einer der schärfsten, weil erfolgversprechendsten Konkurrenten des Christentums war der sonnenschimmernde Mithras, ein Abkömmling des iranischen Heilands Mithra. Ein anderer war ein syrischer Sonnengott, der als SolInvictus, der unbesiegte Sonnengott, zum Übergott über alle Kulte und Gottheiten des Römischen Reiches erhoben werden sollte, aber wegen seiner Radikalität und Fremdartigkeit an der römischen Widerspenstigkeit scheiterte. Doch er war nicht tot. Man holte den unbesiegten Sonnengott wieder an den Himmel empor, verband ihn mit anderen Sonnenkulten, identifzierte ihn mit Mithras, gab ihm mit der Neuplatonischen Schule philosophische Tiefe, machte ihn zum allumfassenden Hochgott, der alle anderen Gottheiten in sich barg und doch nicht den letzten Schritt zur ungnädigen Intoleranz des allein und einzigen Christengottes machte und stützte Reich und Herrschaft des Imperium Romanum auf diesen Sol Invictus. Der Sonnengott lag gut im Rennen; letztlich setzte sich dann doch das Christentum durch. Wie stark die Konkurrenz aber war, zeigt, dass das christliche Weihnachtsfest flugs verlagert wurde auf den 25. Dezember – den reichsweit populären Feiertag des Sol Invictus –, und christliche Denker in ihren Streitschriften verkündeten: „Christus verus sol“ – Christus ist der wahre Sonnengott.

Ja, wir feiern ein Sonnenfest an den Weihnachtstagen.

Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (4)

24. Der Tag der Soledad

Einen Sack Reis gibt es unter anderem, ganze 25 Kilogramm Reis. Was für eine Pracht! Was als Witz über glückliche einstige Inkarnationen als Aufseher von Getreidespeichern begonnen hatte, endete in diesem leibhaftigen Sack Reiskörner. Vollgefressen, gemästet ergötze ich mich an dem Anblick, kann mich immer noch an dem Bild von Essen erfreuen, obwohl ich mich jetzt schon selbst schlachtreif fühle. Irgendwann wird das Essen zum Selbstläufer, zum sinnentleerten Automatismus, der einen durch die Feiertage steuert und jegliche Anflüge von Selbstzweifel oder Unruhe unterdrückt. Ja, das Fressen, das ist wie Computerspielen oder Wichsen aus Langeweile. Wie aber soll man sich in der Weihnachtszeit diesem Strom an Leckereien auch erwehren? Jede Verteidigungsstrategie scheitert gegen dieses Große Fressen. Da bleibt, wie ein Schulfreund an diesem Tag noch sagen wird, nur noch der Weg in die Bulimie.

Der Abend findet mich in einer Kneipe wieder. Viele Gesichter, die man vielleicht schon ein Jahr lang nicht mehr gesehen hat. Es ist berauschend. Jeder freut sich selbst über bloße Bekannte aus früheren Zeiten. Ein vergessen geglaubtes Gefühl kommt auf und wir schwingen alle in Glückseligkeit. Was ist es, was uns in schiere Euphorie versetzt? Sind es wirklich all diese Menschen? Der gemeinsame Background, das ist es, was uns zusammenschmiedet und glücklich macht, erklärt mir ein Freund, Mensch Nummer 500, mit dem ich an dem heutigen Abend Worte wechsel. Wir sitzen an der Theke und dann beginnt er vom „Fest der Liebe“ zu sprechen. Da sitzen wir also, ohne Frauen, und es soll das Fest der Liebe sein. Sie blickt mich an – könnte es doch heißen, aber nein: Es ist der Tag der Soledad. Eine Parabel wird nachgeliefert. „Ich erzähle euch eine Geschichte“, beginnt mein Freund neben mir an der Theke. „Stellt euch eine hohe Mauer vor, einen Hof dahinter und darin die Frauen, auf die wir unser Leben lang gewartet haben, von Aliens dorthin entführt. Und ich sage euch, Brasilien ist auf dieser Welt der Ort, der diesem Platz am nächsten kommt.“ Ja, Brasilien, schön und gut, denke ich, aber wir sitzen hier in Deutschland.

Irgendwann wird es schließlich zu viel: zu viele Sinnesreize, zu viele Menschen, zu viele Freunde sogar, man ist gesättigt. Ein Schiffbrüchiger in einem Meer aus Leibern, Wellen aus Lärm schlagen über dem Kopf zusammen, man ertrinkt fast, Atemnot stellt sich ein in den Nebelschwaden aus Rauch, die über diesen Wassern hängen und die Sicht verhüllen; ein gespenstischer, hoffnungsloser Ozean. Auf einmal ist man einsam. Einsam in der Menge und es bleibt nur die Flucht hinaus in die Nacht, in die kühle, leere Nacht. Der neblige Burgberg ragt empor und die Füße nehmen die niedrigen Stufen hoch, weg von den Menschen, hinauf, hinaus aus dem Meer der Geselligkeit. Der Blick fällt zwischen feuchten Buchen hinab auf den Friedhof. Rote Kerzen brennen auf den Gräbern und ich erinnere mich, dass ich in all den Jahren seit seinem Selbstmord immer noch nicht an P.s Grab dort unten gewesen bin.