Der Schweigsame

Seine beiden Brüder arbeiten im Ausland. Er pendelt sechs Tage die Woche über die vom steten Infarkt bedrohten Straßen in die Hauptstadt oder vielleicht hat er dort auch ein Zimmer, das weiß ich nicht mehr. Er ist Elektroingenieur, arbeitet mit Systemen aus Deutschland, aus Frankreich. Im Ausland war er noch nie, außer in der Türkei auf einer Geschäftsreise. Sein Jahresurlaub beträgt 15 Tage, in diesem noch jungen Jahr hofft er, seinen Bruder in Deutschland besuchen zu können. Im Sommer ist er an den freien Tagen im elterlichen Haus in den Bergen. Alle gehen im Sommer, wann immer es möglich ist, in die Berge, zurück zu ihren Wurzeln, dorthin, wo sie einst herkamen und noch immer Grund und Boden besitzen und Olivenhaine verpachten und ihr eigenes Öl produzieren.

Dort geht er auch auf die Jagd. Die Jagd auf Vögel hat Tradition im Libanon; stapft man über Felsen zu den Katakomben aus antiker Zeit, stoßen die Stiefel gegen leere Patronenhülsen. Die Zahl der Zugvögel nimmt stark ab. Er zeigt mir Fotos von Kühlerhauben voller erlegter Vogeltiere. Manche kennen keine Grenze, sagt er. Manche jagen unfair, erklärt er. Die Jagd ist seine Leidenschaft, vielleicht seine einzige. (Wochenends dann Parties: harmlose Geselligkeit, ein Tisch voller Vorspeisen, Musik, Wodka. Er ist maronitischer Christ.) Hobbies kennen viele nicht in den arabischen Ländern, unseren Zwang zur unentwegten individuellen Perfektionierung noch weniger. Es ist eine Wir-Gesellschaft, keine Ich-Gesellschaft wie die unsrige. Wer jung ist, lernt oder eher noch: lernt und arbeitet. Später schuftet er, wenn er das Glück hat, eine feste Arbeit zu haben, und in der restlichen Zeit sitzt man mit der Familie zusammen (Zigarette, Essen, Kaffee, und immer noch mehr Essen und dazwischen Blicke auf den Fernseher, der immer läuft), und wenn man das nicht tut, dann hängt man mit Freunden ab.

Er ist schweigsam. Er raucht, wie viele, vielleicht raucht er sogar noch mehr, vielleicht fällt es auch nur auf, weil er sich wenig an den Gesprächen, am Schwatzen beteiligt. Manchmal steht er auf und geht unruhig ein paar Schritte hin und her, bleibt – die Jacke übergezogen – im Raum stehen, zündet sich dann eine neue Zigarette an. Er ist schweigsam und manchmal wenig greifbar, aber unfreundlich ist er nicht. Voller Loyalität holt er, als sein Bruder keine Zeit hat, den Gast ab, führt ihn aus in ein Café, bezahlt (selbstverständlich) die Getränke. Raucht, schweigt bis zu meiner nächsten Frage. Und dann, unerwartet, ein Ausbruch trockenen Humors.

Das Sitzen ist nicht sein Ding, das stundenlange Sitzen bei seiner Arbeit ist ihm zuwider. Trotzdem hat er sich mit mir an dem Tisch eines Cafés niedergelassen. Wir können auch ein bisschen herumlaufen, schlage ich ihm vor. Wohin denn?, gibt er bitter zurück. Es gibt hier nichts. Er hat recht. Es gibt hier nichts. Das ist das, was mich vielleicht am unmittelbarsten abstößt im Nahen Osten: die Reizlosigkeit des äußeren Raums – die Kargheit der Landschaft, die nichts von der Würde einer fernen Sandwüste – diesem törichten Klischee der arabischen Welt – hat; die Rohheit vieler Bauten, die keineswegs nur durch Armut oder gar Schlendrian bedingt ist, sondern einer inneren Logik gehorcht, Ausdruck einer immanenten dauerhaften Unfertigkeit ist, wenn etwa Generationen ein Haus aufstocken – auf das Betonflachdach mit seinem rostigen Gestänge eine weitere Mauer hochziehen; der Müll und der Staub und die Abgase und ein Verkehr, der so anders funktioniert und mir bei meiner ersten Begegnung erschien, als wäre ich in einen mörderischen Dschungel ausgesetzt …

Noch schlimmer ist in Ländern wie Syrien oder dem Libanon das Fehlen von Ruhepunkten im öffentlichen Raum, vielleicht überhaupt von öffentlichem Raum an sich. Die wenigen Parks – vertrocknet und oft vermüllt; die Cafés – im Winter zu kalt und oft genug sowieso ganz und gar nicht zu vergleichen mit einem Café aus der romanischen Welt (diesen wunderbaren Häfen) oder aber wie hier im Libanon Filialen einer westlichen Kette. Wie oft habe ich mir einen einladenden Platz gewünscht, eine Bank neben der Kirche oder der Moschee, unter einem Baum, vor dem Dorfbrunnen. Überhaupt eine Bank. Alles scheint hier nach innen gerichtet, ins Häusliche, in den Schutz der eigenen vier Wände. (Und dann diese Momente, wenn man durch all das hindurch eine ganz neue Gelassenheit findet und so viel abfällt von unserem westlichen Ballast und man einfach nur ist, dann verfällt man der Liebe zum ‚Orient‘.)

Wohin also gehen? Nirgendwohin. Später reden wir über die Angriffe des IS aus dem Nachbarland Syrien, über die Bedrohung durch den militanten sunnitischen Fundamentalismus, über die ungewisse Zukunft des Landes, die so vielen, mit denen ich gesprochen habe, Sorgen macht. Die libanesischen Christen (sie machen etwa 40 % der Bevölkerung aus) werden früher oder später das Land aufgeben und verlassen, sagt mir ein junger Arzt, sagt mir ein ehemaliger Botschafter. Der Libanon hat eine dreitausendjährige Geschichte als Fernhändler, immer schon sind seine Bewohner in andere Länder und Kontinente aufgebrochen, als Kaufleute, als Auswanderer.

Er aber, widerspricht der Elektroingenieur, er werde nicht gehen. Er werde seinen Boden mit der Waffe verteidigen. Und er fällt in sein Schweigen zurück, in diese angespannte Stille einer eingekerkerten Kreatur.

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Frechdachs mit U-Boot – Das argentinische Caféhaus Chiquilín

Kaum habe ich meine Kaffeetasse abgestellt, fallen schwer zwei Hände auf meine Schultern. Sie haben mich.

An einer ruhigen Kreuzung des Stuttgarter Westens liegt das Restaurant und Café Chiquilín. Dort, wo sich die Gutenberg- und die Rötestraße schneiden, ziehen sich in alle vier Himmelsrichtungen die geliebten Gründerzeithäuser hin. Eines der Eckhäuser, die Regenbogenfahne über der Tür, beherbergt etwas geheimnisvoll das GOK (ein privater Schwulenclub in einer ehemaligen Metzgerei), im Uhrzeigersinn folgen ein Brautstudio, eine Arztpraxis und das Chiquilín.

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Vegetarische Empanada de acelga

Bei gutem Wetter stehen ein paar Holztische vor dem „Frechdachs“ (so der Name auf Deutsch), ein Aushang kündet von gelegentlicher Livemusik (nicht nur argentinischer Tango, auch brasilianischer Choro wird geboten), die Karte verspricht wochenends reichhaltige Frühstücksvarianten bis 17 Uhr – ein Paradies für Spätaufsteher.

„Weiß gar nicht, was man so in Argentinien isst, außer argentinisches Rind“, meint ein Freund, als ich das Chiquilín erwähne. Weit mehr als Steaks, wie das Caféhaus beweist. Die Einwanderer haben Einflüsse aus zahlreichen Ländern eingebracht, ein wichtiger Impuls kommt aus der italienischen Küche.

Der klassischen Vorstellungen recht nahe kommen dürfte die Milanesa, ein dünnes Schnitzel nach argentinischer Art aus der Rinderhüfte (auf Wunsch auch mit Süßkartoffelbrei statt Pommes als Beilage). Rustikal der Guiso de Quinoa, ein Eintopf mit Hühnchen, grünen Bohnen, Mais, Kartoffeln, Karotten und Tomaten, verfeinert mit frischer Minze und Koriander – genau das Richtige nach einem kalten, windigen Tag in der Pampa oder den Bergen. Ganz ‚südländisches‘ Flair hingegen haben die Albóndegas en salsa de tomate, kräftig gewürzte Hackfleischbällchen in Tomatensoße. Und darf es ein Callia Alta Chardonnay mit einer Note nach reifen Bananen, gerösteten Mandeln, Pfirsich und Honig dazu sein? Oder lieber ein tiefroter Calderón Merlot mit kirschroten Reflexen und einer Ahnung von Kirsche und Pflaume? Weine aus Argentinien, Chile, Spanien und Italien stehen auf der Karte.

Nicht nur Mittagstisch oder deftiges Abendessen bietet das Chiquilín, auch für eine leichte Mahlzeit lohnt der Besuch: vielleicht einer Empanada (einer gefüllten Teigtasche) und einem anschließenden Submarino (das U-Boot ist ein Stückchen Schokolade in heißer Milch) oder einem Café con leche (überraschend groß, eher ein französischer Milchkaffee als ein spanischer) zu einem Stückchen aus der verlockenden Kuchentheke oder einem köstlichen Alfajor aus bröckeligem Maismehlteig und einer Füllung aus Milchkaramel.

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Ausklang mit Genuss

Mehr noch als durch das Essen (gut, wenn auch nicht immer bestechend) überzeugt das Chiquilín durch sein Ambiente. Es ist ein angenehmer Kontrast aus dem kompromisslosen schwarzweißen Fließenmuster des Bodens und den Monochromfotografien an den Wänden – Straßenszenen aus Buenos Aires – auf der einen Seite und dem warmen Terrakottarot der Wände, dem Holz der freistehenden Balken, den gestapelten Weinkisten hinter der Theke, die als Regal für die glitzernden Gläser dienen, den Zimmerpalmen auf den Fensterbrettern auf der anderen.

Es ist doch immer wieder beruhigend, nicht in einem totalitären Geheimdienststaat zu leben. Die Hände auf meinen Schultern gehören einem Freund, der mit seiner Frau (wir kennen uns alle aus der Verlagsbranche) im nahen Tarte & Törtchen essen war. Und während wir uns noch unterhalten, kommt ein Ex-Kollege aus einem anderen Verlag die Straße herunter. „Mensch, hier sieht man ja ein bekanntes Gesicht nach dem anderen“, rufe ich ihm zu. „Deshalb wohnt man ja auch im Westen“, gibt er zurück.

Es ist Abend. Canelones mit einer Spinat-Ricotta-Walnuss-Füllung, ein apulischer Primitivo (Vanille, Rosmarin) und zum Abschluss ein Cortado – ein kraftvoller, runder Geschmack. Fast möchte ich zu rauchen beginnen. Die Hesperidina, ein argentinischer Orangenlikör, wird auf das nächste Mal verschoben. Dämmerung senkt sich über die Stadt und der spanischsprachige Kellner hat Feierabend, er wird von Freunden abgeholt und dribbelt einen Fußball mit der Hand, Freude im Gesicht. Die steht auch in meinem Gesicht.

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Chiquilín: Gutenbergstraße 87 – 70197 Stuttgart (Haltestelle Schwabstraße)

 

 

 

 

Flat White am Marienplatz

Wenn man in den Armen der nächsten Sommergrippe aufwacht, bekommt der Tag etwas Zweifelhaftes. Ist man dabei noch munter genug, zu einem sonnigen Café zu stolpern, um dort einen erstklassigen Kaffee zu genießen, vielleicht einen hausgemachten Brownie dazu, sieht das schon wieder etwas anders aus.

Der August, dieser kühle, nasse, wolkige Irrtum, der nachts Zehen Trost an Wärmflaschen suchen ließ, dieser Herbst von einem August hatte der Wohlfühlzone am Marienplatz neue Räume eröffnet. Zwei Türen neben dem wohlvertrauten Café Kaiserbau hatte das Condesa, Café & Bar, eröffnet. Als Zwischennutzung vorerst, wo im letzten Jahr noch eine Bierkaschemme ihre Heimat hatte. Auch das ist wohl Gentrifizierung.

Es ist alles sehr schlicht, sehr einfach im Selbstbedienungscafé Condesa. Natürlich, schon die ungewisse Zukunft legt den zweideutigen Charme des Verzichts nahe. Drinnen kahle Holzplatten und Lampenschirme aus angeschlagenem Metall, rissige Brettertische und wippende Holzbänke draußen. Und eine Karte, die so überschaubar wie exklusiv ist. Modegetränke wie ein Flat White (ein Cappuccino mit weniger stark aufgeschäumter Milch) allein definieren nicht Güte, aber die Bohne tut‘s: Die sizilianische Röstung Ionia aus der kleinen La Marzocco-Maschine ergibt einen hervorragenden Espresso.

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Zwischennutzung mit Vogeldreck, Koffeinspiegelerhöhung und Retrolektüre.

Das ist dann doch ein Argument, sich mitten in diese Hipsterzone zu setzen. An manchen Tagen kann man es spüren wie eine unsichtbare Wand und diese Nichtblicke: Du bist uncool, du gehörst nicht dazu. Das kann man getrost ignorieren, denn Hipster beißen nicht und das Team ist meistens frisch und motiviert genug, eine Antwort mit einem Lächeln zu verzieren  − und verzichtet auf die Ich-habe-keinen-Schimmer-und-es-interessiert-mich-auch-nicht-Haltung, die zumindest manche im Café Kaiserbau gegenüber den Gästen zur Schau stellen.

Und nur kurz nach dem Condesa hatte − endlich − auch die Pizzeria L.A. Signorina eröffnet. Damit hat das expandierende Café Kaiserbau Flankenunterstützung gleich von beiden Seiten: auf der einen mit der Gelateria, die (bis zur Erbringung des Gegenbeweises) eine der beiden besten und zugleich teuersten Eisdielen Stuttgarts ist, auf der anderen die neue Pizzeria. Bierbänke und -tische in Gelb, Orange und Hellgrün sprenkeln den Vorplatz bunt, ein Maler streicht noch den Türrahmen, während der Steinofen längst in Betrieb ist, das Interieur ist einfach gehalten.

Die Pizza hat einen unfassbar luftigen, leichten und zugleich knusprigen Teig, ganz phänomenal − und schmeckt ansonsten sehr langweilig. Die Verwendung von Salz scheint strengstens verboten zu sein, die Mozzarellascheiben bilden verwaschene Ovale auf der Pizza, der Belag der Margherita (die doch eigentlich allen Pizzagenuss im Kern bereits beinhalten sollte) ist ein geschmackliches Nichts. Vorschnell geurteilt? Andere loben die Pizza in den Himmel? (Ja, tun sie wirklich.) Von wegen, ein zweiter Versuch bestätigt das erste Urteil. Dieses Mal eine Pizza aus der Familie bianca, die Zutaten der „Rodeo“ klingen nach Geschmack, nach frischer Würze, nach Genuss. Und ist dann ungefähr so aufregend wie ein Ritt auf einem toten Esel.

Noch ein Cortado am Condesa. Der Morgen sinkt dahin, der Marienplatz füllt sich. Ein Schlacks in hautenger schwarzer Lederhose und Blümchenweste über dem nackten tätowierten Oberkörper eilt vorüber. Mit einer effiminierten Handbewegung wischt er sich über den kahlgeschorenen Kopf. Mich wundert, dass er nicht barfuß läuft. Hinter ihm passieren zwei muskelbepackte Radfahrer mit schweren amerikanischen Zungen die Glascontainer und bremsen vor dem Bike Sport, einem soliden Fahrradladen, der die Genusszeile am Marienplatz zur stetig rauschenden Hauptstätter Straße (einst der Weg zum Richtplatz) abschließt, so wie es die Filiale der BW Bank auf der anderen Seite zur Tübinger Straße hin tut, dort wo ich den ersten Notruf meines Lebens abgegeben hatte, merkwürdigerweise nur wenige Tage nach meinem ersten Anruf bei der Polizei wegen dieser Koffersache da.

Gegenüber, an der niedrigen Steinmauer zum eigentlichen Marienplatz, sitzen wie immer die Verlorenen, nein, es sind keine Penner, es hat keine zerschlissenen Klamotten, aber die Bierflasche schon morgens am gezeichneten Gesicht und immer den obligatorischen schwarzen Hund zu Füßen. Hinter ihnen ruckelt der gelbe Wagen der Zacke an, die Zahnradbahn arbeitet sich den Berg nach Degerloch empor, die Wolken fressen die Sonne und spucken sie wieder aus.

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Die hausgemachte Limonade ist ausgetrunken.

Die beiden Studentinnen neben mir unterhalten sich mit erstaunlichen Nichtigkeiten auf beste Weise. Auf den Hinweis ihres Begleiters, der Tee sei aus, antwortet eine Frau „Wie kann das bitte sein, der Tee ist aus. Kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn?“ und ich verkneife mir eine dumme Bemerkung. Ein Ball trifft ein Rad, das an das Eisenrund um eine sich schon bräunende Kastanie gebunden ist. Er bringt das Fahrrad in Bewegung, es weicht zurück, legt sich schief, soviel Spielraum lässt die Absperrkette zu. Ich fürchte einen Sturz, aber der Lenker auf dem Eisenrund fängt es ab. Und ein Junge kommt grinsend dem Ball hinterher, der es irgendwie über das viele Meter hohe Metallgitter des harten, kleinen Sportplatzes geschafft hatte.

Ich fühle mich besser und will verharren, um den Körper weiter träumen zu lassen, aber es zieht mich weiter. Und so gehe ich über den Platz, an den Seelenfängern und Unterschriftenschindern vorbei, dorthin wo die Treppen hinabführen zur Stadtbahn, das, was sich in der Kesselstadt großspurig U-Bahn nennt − zu stark für eine Straßenbahn, zu schwach für eine Metro, hier unter die Erde gelegt, dort auf offener Straße, ein Wechselspiel zwischen Licht und Dunkel, wie der Himmel, wie mein Kopf.

Nachtrag November: Manchmal sollte man eine dritte Chance einräumen. Und siehe da, die Pizza mit Süßkartoffeln, Chorizos und Orangenöl war schlicht fantastisch und nicht einmal das Salz hat gefehlt. Was soll ich sagen: Ich freue mich auf den nächsten Besuch.

Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 3)

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Wie schamlos junge Männer sein können. Laut sind die deutschen Jungs, als sie spät nachts in den Schlafsaal kommen, laut sind sie morgens, laut und ungehemmt. Und dann erzählen sie noch, dass sie nachts ins Waschbecken des Zimmers gepinkelt haben, um nicht die zehn Schritt über den Flur aufs Klo zu müssen. Mir tun die zwei englischsprachigen, flüsternden Mädchen leid, die noch mit im Zimmer sind und all das ertragen müssen. Ich frage die beiden schließlich, ob sie es aushalten unter all den lauten Deutschen. Es beeindruckt mich, als das kleingewachsene Mädchen zu einer Beschwerde anhebt. Die anderen werden sich später über es lustig machen. Ich schäme mich.

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Der Himmel hängt tief. Nur ein paar Schritte von meiner Unterkunft entfernt betrete ich fürs Frühstück das „Moreish Café Deli“ an der Ecke Marchmont Street. Spanisch-englische Speisen und Feinkostwaren, andalusische Kachelwände, ansprechende Holztische, ein wunderbar robuster, thekenartiger Tisch entlang der Fensterwand. Das rissige, verfärbte Holz erinnert mich an den großen Küchentisch meiner Kindheit, der Ausblick durch die Glasfront aufs Straßenleben gefällt. Eine hübsche Spanierin erklärt mir die ganze Auswahl an Frühstücksmöglichkeiten. Was da nicht alles lockt: verschiedene Tortillas, Membrillo aus Quittenmus, Serranoschinken … Ich entscheide mich dann doch für einen englischen Pudding mit Creme anglaise zum Café con leche. Es scheint mir, es ist mein erster süßer englischer Pudding: ein köstlicher, saftiger Auflauf mit Trockenfrüchten. Während ich Gabel für Gabel dieser kulinarischen Sünde absteche und den Kaffee genieße, bedaure ich, dass sich das Frühstück nicht beliebig in die Länge ziehen lässt. Und dann bin ich auf einmal genervt und froh, das Café zu verlassen, als ich zum dritten Mal den Satz der Spanierin gegenüber Kunden höre: „Then you pay first, please.“

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Und weiter geht es

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Ein Schwarzer, das Smartphone am Ohr, eine Mütze kühn auf dem Kopf, schwarze Jogginghose und einen Bundeswehrparka mit der deutschen Nationalflagge. Ich hatte genau einen solchen Parka einmal in einem Kanadaurlaub getragen, ausgeliehen von einem Kroaten. Die Flagge am Ärmel war mir, typisch deutsch, peinlich gewesen.

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Ein gestählter Grauhaariger in schlichten Alltagsklamotten − dunkle Hose, blaues T-Shirt, Beutel am Gürtel − quert die Straße. Die muskulösen, tätowierten Unterarme sind nackt. Man ahnt das Spiel der Muskelstränge im Rhythmus, in dem sein Daumen über das Display tanzt.

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BT Tower

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Neonweste, Neonjacke, Neonrucksack, Neonhelm − allgegenwärtige Utensilien der Radfahrer in einem Land des Dämmerlichts.

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Eine ruhige Straße mit identisch aussehenden Häusern auf beiden Seiten: die kurzen Treppenaufgänge alle mit schwarzem Geländer, oben Holztüren, alles weiß und schwarz, keine Farbe, die das Muster durchbricht. Auf den ersten Blick wirkt das Sträßchen schmuck, auf den zweiten schäbig. Manchen Häusern mangelt es an Pflege und Instandhaltung, einige stehen leer und zum Verkauf, an allen anderen stehen und hängen Plastiktüten voller Müll. Ein paar der Tüten sind aufgeplatzt oder womöglich auch mutwillig ausgeschüttet. Abfall fließt dann über die Treppenaufgänge hinab. Nur ein einziges Haus hat kleine Mülltonnen am Gitter der Treppe hängen − eine beinahe spießig wirkende, jedenfalls hoffnungslose Insel in dem Straßenzug. Der Weg entpuppt sich als Sackgasse. Ich mache kehrt. Trostlosigkeit schleicht sich hinter mir auf die Straße, um das winzige Vakuum zu füllen, das ich hinterlassen habe.

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Marylebone, die Kirche im Rücken

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Ein kalter, feuchter Vormittag eine Woche vor Weihnachten. Ich zittere unter meiner Regenjacke. In einem Park machen zwei junge Frauen in billigen Kunstfaserklamotten Gymnastik. Sie versuchen sich an Gleichgewichtsübungen, sie hüpfen auf einem Bein herum. Eine Weile schaue ich zu, dann drehe ich plötzlich den Kopf, als wäre mir bewusst geworden, dass ich sie bei etwas Unanständigem beobachten würde.

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London ist fabelhaft mit Orientierungshilfen gepflastert. An jeder Bushaltestelle hängen Karten von ganz vorbildlicher Natur: der eigene Standort ist zentriert, zwei Kreise zeigen einen Umkreis von fünf bzw. 15 Gehminuten an. Nur eines ist verwirrend: Die Karten sind nicht genordet, ihre Ausrichtung wechselt von Haltestelle zu Haltestelle, von einer Karte zur nächsten. Manchmal möchte man sich auf den Kopf stellen, um seine Richtung wiederzufinden.

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Die Kuppeln der London Business School

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Hinter den Bäumen des Regent‘s Park schimmern fast rosa verzierte Kuppeln. Ein indischer Moghulnpalast? Es fehlen nur noch die Tiger im Unterholz des Parkes. Aber die gibt es am anderen Ende des Parks im Zoo of London. Hier, an den Wasserläufen der Südseite, kreischen, krächzen, jaulen, schnalzen, grunzen, gurren nur die Vögel. Unterbrochen von dem harten, konzentrierten Schlagen Aberdutzender Flügel, wenn eine ruckartige Bewegung am Ufer das Federvieh aufschreckt.

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Nur einer aus der Vögel Schar

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An einem kleinen, blattlosen Baum, er besteht fast nur aus einem Gewirr allerkleinster Ästchen, knarzig, hart, verdreht und abweisend, einem einsamen Guerillakämpfer in rauen Landen, leuchten rote Beeren. Die einzige satte, kräftige Farbe hier im Park. Die frohe Botschaft des krummbeinigen Rebellen.

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Und hinter der nächsten Wende Palmen in London. Eine Amsel pickt an den mickrigen Fruchtständen. Subtropisches Weihnachtsmahl.

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Queen Mary’s Garden im Rgent’s Park

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„Hello Sir, what do you have spotted?“ Der Mann mit der Kappe, der mit einem Begleiter mit Rasenstecher die Pflanzungen inspiziert, wechselt die Straße, um den still dastehenden Herrn mit Brille, Schnurrbart und Fernglas auf der Brust anzusprechen. „Oh, well …“, braucht der Angesprochene erst einige Momente, sich in der Menschenwelt zu orientieren. Dann entspinnt sich ein kleiner Schwatz über den Wiesenzaun hinweg, wie zwischen zwei Nachbarn.

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Immer wieder Frauen mit drei oder vier Hunden an der Leine. Der Radrennfahrer zieht derweil mit verzerrtem Gesicht seine Bahnen auf dem asphaltierten Inner Circle rund um Queen Mary‘s Garden − seine beinahe private Rennbahn, immerzu im Kreis herum. 85 Sekunden benötigt er für eine Umdrehung. Wie viele Runden er wohl macht?

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Jenseits der weiten Grünfläche, die sich endlich auftut, ragen, irgendwo beim Zoo, große, massive, verwinkelte Bauten in verwaschenen Sandfarben empor. Die Monströsität der Bauten erinnern an eine Festung, ein bisschen an die Flaktürme in Wien. Ihr Zweck, so rätselhaft er auf die Ferne ist, dürfte allerdings viel friedlicher sein diese Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg, Kletterareale etwa für Bergziegen im Zoo. Beim Näherkommen geht es mir dann wie Jim Knopf mit dem Riesen: immer kleiner wirken die Berge, immer weniger monströs, je näher ich komme.

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Mit wiegenden Schritten stolziert die Giraffe vorüber, graziles Gleichgewicht von vier Schritt Höhe.

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21 britische Pfund Sterling trennen mich vom „Tiger Territory“. Ich entscheide mich gegen einen spontanen Besuch im Zoo. Ein solcher Eintrittspreis löst selbst den Bann der Giraffenschritte.

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Alles Tiger Territory?

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Das helle Blau fesselt meinen Blick zuerst: ein dreistöckiges Gebäude, Ziergiebel über den geviertelten Fenstern, leichte Formen, passend dazu die Farbe. Und es ist nicht allein. Ein Haus an das andere reiht sich in schmucken, sauberen Pastellfarben. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Farbton. Nirgendwo habe ich bisher London so leicht und heiter erlebt, ohne dabei in Übermut zu verfallen, wie hier, wo die Albert Terrace in die Regent‘s Park Road einmündet.

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66,7 m über dem Meeresspiegel genügen. Auf dem Aussichtspunkt von Primrose Hill habe ich zum ersten Mal einen Blick über die Stadt, über die Bezirke, die ich bereits abgelaufen bin. In die steinerne Ummauerung des Aussichtspunktes ist ein Vers von William Blake eingemeißelt.

I have conversed with the spiritual sun.
I saw him in Primrose Hill.

Der Dichter also hatte etwas ganz anderes vor Augen als wir heute hier oben. Der Mann, der breitbeinig, die Arme konzentriert in zwei verschiedenen Winkeln vom Körper ausgestreckt, am Hang steht, ist vielleicht eher ein Erbe Blakes. Vielleicht sind es Chi-Übungen für den richtigen Fluss unsichtbarer Energien, bevor er seinen Fußmarsch fortsetzt, wieder hinein in die Stadt.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

Endlich Hitze

Ein Sommerspiel am Pfingstmontag

Vanitas

Ein Schwall Säure lässt mich jäh aus dem Schlaf hochfahren. Es ist wie ein Schock. Was zu viel Essen, zu viel Wein war, ist plötzlich ein Wissen um Verletzbarkeit, um Endlichkeit. Ich spüle den Mund aus und ziehe die dünne Decke zum ersten Mal in dieser Nacht über die Schultern.

Kalenderfragen

„Entschuldigung“, rufen die beiden pubertierenden Jungs am Pfingstmontagmorgen vor dem Supermarkt. „Ist heute Feiertag? Haben die Geschäfte denn alle zu? Gibt‘s hier einen offenen Kiosk? Oder einen Araberladen? Aber morgen ist kein Feiertag mehr?“ Nein, morgen ist kein Feiertag mehr, bestätige ich den verdrießlichen Gesichtern.

Aus dem Kessel steigen

Meine Beine wissen nichts von Kopfschmerz und Müdigkeit und tragen mich die Windungen hoch nach Vaihingen überm Kesselrand. Das Rad schnurrt über den Asphalt, Autos brausen vorbei, der Schatten eines Raubvogels kreuzt meine Bahn. Den Radweg habe ich für mich allein, kein Sonntagsfahrer, den ich überhole, kein Rennradler, der gewichtslos an mir vorüberzieht. Ich liebe diese Steigung bei 30° Celsius. Denn dann ist wirklich Sommer. Glücklich komme ich oben an und verzage. Monströs ist schon vormittags die Schlange vor dem Freibad. Wider Überzeugung schaue ich in die Ritzen meines Geldbeutels und tatsächlich, da ist noch eine letzte zerknitterte Marke vom Vorjahr. Ich gehe an der Schlange vorüber, kein Mensch ist zwischen mir und der Frau, die die Marken am Eingang entwertet. Fünf Minuten später tanzt das Licht auf dem nackten Körper. Die Saison ist eröffnet.

Backsteine

Gegenüber der Tankstelle düst ein Auto bei Rot zwischen dem Fußgänger und mir über die Ampel, ein weißer Wagen mit Spoilern biegt zur Buddha Lounge ein, irgendwo vom Gelände dringen elektronische Beats. Kesseleinwärts wirken die Straßen zwischen den Backsteinhäusern des alten Arbeiterviertels – Heimat der Fantastischen Vier – fast frei von Verkehr in der Mittagshitze. Das Hotel Hottmann, ein trauriger Ort für Monteure, leuchtet wie neugestrichen, ein paar Häuser weiter hat jemand seine Wäsche zum Trocknen auf den Gehweg gestellt. Im zweiten Stock sitzt eine hübsche junge Frau auf dem Fensterbrett und liest im Licht. An der Wohnung, in der ich am Vorabend zu einem Geburtstag war, sind die Jalousien gegen die Hitze herabgelassen, an der, in der ich selbst einmal gewohnt hatte, lassen die Rollläden einen schmalen Spalt frei. Hinter dem Schaufenster der „Kichererbse – vegane Alternativen“ sitzt eine Frau und tippt in ihr Smartphone, und dann liegt Heslach hinter mir.

Definitionen

Sommerglück: Shirt runter, Balkontür auf. Zu Chet Baker mit einem scharfen Chutney beginnen. Dann Kyuss, „Blues for the Red Sun“, gerösteter Kreuzkümmel im Mörser. „Bei dir kann man immer von allem nehmen, weil eh alles schmeckt.“

IMAG1144 „Gewitterwürmer? Das sind diese kleinen, schwarzen Würmer, die vom Himmel fallen, kurz bevor es zu gewittern beginnt.“ Wir schauen uns ratlos an. Wir kennen sie nicht, weder den Begriff noch das Phänomen.

Am Freitag, erfahre ich, war mein kleiner Text im Magazin +3 erschienen. Gesehen habe ich die Beilage der Süddeutschen Zeitung noch nicht. Als Reiseautor firmiere ich da. Das ist wohl eine Definitionssache.

Am Platz

Der Kessel liegt bereits im Abendschatten, nur auf der Höhe noch kratzt das Licht. Die Schlange vor der Gelateria reicht noch immer bis auf die Straße. Ein paar Buben haben einen Einkaufswagen mit bunter „Fahrerkabine“ für Kleinkinder erobert. Lärmend, schreiend, lachend, zankend rattern sie immer wieder den Weg herab, drehen Pirouetten wie auf Glatteis, bremsen kühn vor dem ersten Tisch des Cafés. Es ist 9 Uhr abends, die Schlange vor der Eisdiele ist nochmals länger geworden, am Kaiserbau sind alle Außentische besetzt und kein einziger Gast im Inneren, auf dem Platz – heute Mittag noch wie ausgestorben – sitzen wieder Menschen auf den Treppen, den Mauern, auf dem Plattenboden. Ich lehne mich zurück an die Steinwand, sie strahlt noch die Hitze des Tages ab, schließe die Augen und schwimme in einem Meer aus Stimmen und Sommerwärme. Alles ist gut.

Und es ist noch nicht zu Ende

Ein Stückchen meine Straße hoch blickt man ganz genau in die Schneise einer Verkehrsader drüben im Stuttgarter Westen. Mir war das nie vorher aufgefallen. Die Scheinwerfer der Autos flimmern dort geheimnisvoll in der Dämmerung, gleich Versprechungen einer Fata Morgana. Vögel singen wie irre geworden in den Abendhimmel, der Wind streicht über nackte Haut, wirbelt eine Strähne umher, die Schultern glühen sanft. Verheißung, Verheißung überall.

Mittagspause in Südtirol − Das Meran in Bad Cannstatt

Griaß di Gott. Hat‘s also ein paar Monate verspätet doch noch geklappt mit einem Geburtstagsessen mit den Kolleginnen.

„Darf es schon was zu trinken sein?“, fragt schwungvoll die Kellnerin des Meran am Marktplatz von Bad Cannstatt. Wir sind alle zum ersten Mal hier, die Sonne scheint aufs Kopfsteinpflaster.

Ich hätte jetzt gerne nach der Karte gefragt, aber die Kolleginnen sind schneller.

„Johannisbeerschorle!“

„Mangosaft!“

Mir war gar nicht klar gewesen, dass das Getränke sind, die man in jedem Restaurant als selbstverständlich voraussetzen darf.

„Haben Sie denn etwas Besonderes zu trinken?“, wage ich einen Vorstoß.

„Einen Hugo vielleicht oder einen Aperol Spritz?“ Der heißt, wie ich später erfahre, auf der Karte Veneziano, aber er ist trotzdem nicht das, was ich unter „besonders“ erwarte. Gibt‘s ja mindestens so häufig wie Mangosaft.

„Nein, danke.“ Bleibt nur, auf bewährtes Gutes zurückzugreifen. „Ich frage einfach mal: Haben Sie das Spicy Ginger von Thomas Henry?“

„Nein.“ Wäre auch eine tolle Überraschung gewesen.

„Crodino?“

„Nein.“

„San Bitter?“ Das ist eigentlich schon nicht mehr ganz Kategorie „bewährt und gut“, aber egal.

„Einen kleinen Moment …“ Sie eilt tatsächlich nach innen. „Nein, führen wir leider noch nicht.“

„Dann nehme ich einfach ein Wasser, danke.“ Habe ich mich schon unbeliebt gemacht?

Als die Kellnerin weg ist, greifen wir uns doch noch die Karte. Und siehe da: VIP Lady Pils vom Fass im Champagnerglas aus der Brauerei Forst in Meran! Wenn das nicht …

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt!?“ Nein, das habe ich die Kellnerin nicht gefragt. Stattdessen: „Was ist denn ein Sportwasser?“

Es folgt eine längere Erklärung, die irgendetwas wie Mineralwasser vermuten lässt oder treffender noch, wie man hier im Schwäbischen sagt, saurer Sprudel.

Und sonst? Das alkoholfreie Hefeweizen ist von Erdinger, ein ganz großes Plus, denn das ist eines der ganz wenigen alkoholfreien Weißbiere, das schmeckt, und das ganz besonders gut. Affogato, eine mit heißem Espresso übergossene Eiskugel. Vinschgauer Marillenbrand. Der erhält auch spontan das Gütesiegel „besonders“.

Aber da kommt schon das Essen. Die Mehrheit wählt den Mittagstisch für 8 Euro (merke: Verlagsmitarbeiter zählen nicht zur Kernzielgruppe des Merans), heute ein köstlich angebratener Seelachs, ein paar eher anonym daherkommende Butterkartoffeln, ein Türmchen Spinatgemüse mit einem Karottenstift als, nein, nicht phallischer Dekoration, sagen wir eher als schmückender Antenne. Das Geburtstagskind erfreut sich augenscheinlich sehr an seinem Knödeltris aus − der Name sagt es − drei verschiedenen Knödeln. Schwieriger wird es für Vegetarier, da locken immerhin die Schlutzkrapfen: von der Stilnote eher Ravioli als Maultaschen und ohne wenn und aber lecker. Das kann das Meran.

Ein paar Tage später kehre ich zurück, denn ich habe noch eine Rechnung offen: Apfelstrudel und Marillenbrand und ein Blick ins Innere des Meran. Quadratische, etwas gar zu ordentlich aufgereihte Tische (intim ist kein Wort, das der Stimmung gerecht würde), rechts Regale mit Wein und Marmeladen zum Verkauf, links der mächtige Kopf eines Steinbocks an der Wand. Keine Gäste, die sitzen draußen an den Tischen mit den schwarzen Kunststoffplatten als Gesteinsimitat, es ist − typisch April, nicht wahr − schon wieder eitel Sonnenschein. Da eine Besprechung mit einem Londoner Besucher, dort ein österreichischer Zungenschlag. Für Geschäftsessen scheint das Meran keine unwillkommene Anlaufstelle zu sein.

Die Bedienung, eine andere als das letzte Mal, stellt mir den Apfelstrudel mit Kaffee und einen Marillenbrand aus dem Weingut Köfelgut hin. „Bitte sehr, das Schnäpsle.“ Hat sie da gerade wirklich verschwörerisch gelächelt zu diesen Worten? Geht ja gar nicht. Ich schieße ihr entrüstete Blicke hinterher.

Und der Rest ist leider Enttäuschung. Aber das mag auch an mir liegen, an Erwartungshaltungen und Kurzschlusshandeln: Marillenknödel, Marillenlikör … Ich brauche nur das Wort Marille hören und schon ist alles beschlossen. Dass ich bis auf den einen oder anderen Obstlikör destillierten Getränken grundsätzlich nichts abgewinnen kann, ist da schon abgeklinkt. Vernunft adé. Also kann ich zu dem edlen Brand nicht mehr sagen als: riecht gut, brennt weniger gut. So viel zum Kurzschlusshandeln.

IMAG0886Der Apfelstrudel fällt unter die Rubrik „unerfüllte Erwartungen“. Das fängt bei der Dekoration an (unnötig zu Apfelstrudel). Geht über den Glasteller (nicht passend, spießig). Hin zur Schokoladensoße (will ich definitiv nicht an Apfelstrudel sehen). Gipfelt im mürben, matschigen Teig (bei Strudel denke ich an Strudelteig, weshalb sonst sollte er so heißen, aber gut, wer will, kann Pizza auch mit Quarkölteig machen, warum also Apfelstrudel nicht mit, Verzeihung, Südtirol … Matscheteig). Endet in der apfelfaden, nussschwachen, rosinenfreien, matschigen Füllung.

Der Kaffee? Der Espresso zu mild, es fehlt ihm an Charakter, an Tiefe, meinetwegen auch an Kanten.

Verdrossen sitze ich da. „Alles klar?“, kommt lachend ein Lockenkopf mit leger umfasster Kaffeetasse heraus und setzt sich zu einem Freund an den Nachbartisch. Der Koch? Die Chefin folgt wenig später, Einkaufstaschen in der Hand, sie winkt den beiden am Tisch zu und schreitet übers Kopfsteinpflaster aus. Nur noch die Kellnerin arbeitet, räumt Tische ab. Es ist Freitag Viertel nach 2 Uhr nachmittags. Ruhig liegt der Marktplatz da, fast ein bisschen verschlafen. Um diese Zeit könnte Bad Cannstatt auch ein Dorf sein, zumindest hier. Morgen Vormittag würde der Platz wieder leben. Dann bietet das Meran auch ein dazu passendes üppiges, verlockend klingendes Marktfrühstück. Ich werde trotzdem woanders frühstücken.

Café Meran: Marktstraße 46 − 70372 Stuttgart-Bad Cannstatt