Die hohe Kunst, Gastgeschenke zu machen

Die letzten Gäste tragen einen schwarzen Röhrenfernseher in den Flur. „Hier, bitte sehr, der stand auf der Straße, wir dachten, wir bringen ihn dir als Gastgeschenk mit, du hast ja keinen.“ Wir schauen auf den Fernseher herab wie auf ein erlegtes Tier, sein totes Auge glotzt zurück. „Wein kann ja schließlich jeder“, triumphieren die stolzen Jäger und setzen sich zu den anderen. Der Fernseher bleibt als Stolperfalle mitten im Flur stehen.

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„Einmal“, würdigt eine Besucherin gegenüber den Neuankömmlingen, „hatten wir vergessen, rechtzeitig ein Hochzeitsgeschenk zu besorgen. Also haben wir beschlossen, an jeder Tankstelle zwischen Freiburg und Tübingen anzuhalten und etwas mitzunehmen. Immer den größten Mist, den es in der jeweiligen Tankstelle gab. Ich glaube, wir sind auf zwölf Stopps gekommen, ein Haufen von Blödsinn. Das Hochzeitspaar war begeistert.“

Alle nicken: Ja, die hohe Kunst, Gastgeschenke zu machen. Der Fernseher wird am Ende trotzdem wieder mitgenommen – gemeinsam mit der letzten Flasche Wein, um die Party andernorts weiterzufeiern – und zurück zu seinem großen Bruder auf die Straße gestellt. Auch sie sind in der Nacht noch weitergewandert. Am nächsten Tag stehen an der Stelle zwei Plattenspieler.

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Einfach echt − La Bruschetta im Bohnenviertel

Auf den ersten Blick ist es nur ein winziger Imbiss: ein schmaler Tisch, ein Kühlschrank mit Getränken und direkt hinter der Theke die Küche − man könnte fast hinüberlangen. Und dort steht die Signora, nimmt Bestellungen auf, rührt nebenher in den Kochtöpfen, gießt Wein ein, kassiert, holt eine Pizza aus dem Ofen, füllt Pasta auf einen Teller − und verschwindet mit den dampfenden Gerichten einfach auf der Straße. Nanu?

Wer das erste Mal das winzige italienische Lokal im Stuttgarter Bohnenviertel besucht, registriert da vielleicht erst, dass das Bruschetta doch mehr ist als ein kleiner Bartisch mit offener Küche. Eine Haustür weiter gibt es La Bruschetta, Teil 2: ein kleiner, adretter Raum mit zwei Tischen. Und wer mag, kann in der Webergasse nochmals eine Tür weiter gehen und in den Schauraum der Designschreinerei Zwinz eintreten. Dort darf man wirklich hinein? In diesen hellen, minimalistischen Galerieraum mit dem Flair eines eben modernisierten Altbaus, um Pasta zu essen an den Holztischen mit den aufgeschlagenen Ausstellungskatalogen, mit den Büchern über Design und Wohnen hinter dem Rücken? Ja, das darf man. Hier haben zwei aufs Erste gar nicht zusammengehörige Bausteine unserer Gesellschaft (über die Schreinerei Zwinz − Konzeption für Raum + Möbel − war schon einmal hier die Rede) eine wunderbare Zusammenarbeit gefunden. Das ist kreative Vernetzung, wie wir sie auf mikrogesellschaftlicher Ebene viel mehr benötigten!

Die Signora kehrt zurück, sie wirkt ein wenig hektisch, womöglich überfordert. Kein Wunder angesichts ihrer One-woman-Show (erst später am Abend tauchen weitere Personen auf, die sich irgendwie in den Restaurantbetrieb einbringen). Getränke, außer Wein und Sekt, hole man sich bitte selbst aus dem Kühlschrank. Dass ein paar junge Leute einen Tisch in der Galerie verrücken, geht mal gar nicht, und nein, stehen Sie zum Rauchen doch nicht vor der Tür, da muss ich doch hindurch. Ja, sie ist hektisch, aber unangenehm wird sie dabei nicht. Wir grinsen.

Dann kommt endlich das Essen, in ganz unterschiedlichen Tellern, wie man sie als Alltagsgeschirr in einem Privathaushalt benutzen würde, die Ränder angeschlagen. Und dann senkt sich die Gabel und hebt sich wieder und die Augenlider schließen sich erst einmal und der Gaumen wird ganz zur Welt. Würzig, kraftvoll und vor allem ganz unverfälscht erfreuen die Gnocchi all’arrabbiata. Im farblichen Kontrapunkt dazu sehen die mit Kürbis gefüllten Canneloni in Käsesoße auf den ersten Blick aus, als wären sie unter eine tödliche Lawine aus Käse und Sahne geraten. Aber keine Sorge, hier hat nicht eine schlechte Küche den Nichtgeschmack faden Essens unter einem Berg Fett getarnt. Diese Canneloni schmelzen nur so auf der Zunge, Frühlingsgewässer Hilfsausdruck.

Irgendjemand macht aus Versehen eines der Lichter aus und die angerückte Chefin erklärt atemlos, dass man es − aus ihr technisch ganz und gar unverständlichen Gründen − ein paar Minuten auslassen müsse, bevor es sich wieder anschalten lässt. Die raue Oberfläche des Holztisches färbt auf der Handfläche ab (wie bekommt man hier eigentlich Tomatensoße weg?), direkt neben dem Tisch klappert jemand mit einem großen Schlüssel, den man an der Theke holen muss, um in die (einzige) Toilette des Bruschetta zu gelangen, die Chefin hektikt weiter und alles ist einfach nur wunderbar echt.

Ja: einfach echt. Ich freue mich auf den nächsten Besuch. So oft, bis die ganze Karte durch ist. Oder öfters.

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La Bruschetta: Weberstr. 108 − 70182 Stuttgart

(Haltestelle Charlottenplatz)

Öffnungszeiten: Mo.−Sa. 12−22 Uhr

Newton in Sibirien

„Ah, Physik!“, schüttelt der alte Mann mit den dunklen Augen seinen Kopf, als er beim Anfahren der Stadtbahn fast auf mich stürzt. Er schafft es, sich auf dem Platz gegenüber niederzulassen, rückt seinen Stock und sein Wägelchen zurecht, dann schaut er mich an. „Njuten.“

Ich schaue verdutzt. Der alte Mann klopft sich mit der Rechten aufs Haupt. „Apfel auf Kopf.“

„Ach so, Newton!“, lache ich.

Das Eis ist gebrochen und der Mann beginnt zu erzählen, in kurzen Sätzen, mit starkem Akzent. Er komme aus dem Leuze: „Schwimmen.“ Und rudert mit den Armen. Dann: „Sauna.“

Als er merkt, dass ich nicht peinlich berührt das Gesicht abwende, beugt er sich vor und holt weiter aus. „Aber Sauna im Leuze primitiv“. Vielleicht spricht er es auch primitivo aus. „Ba-sic“, ergänzt er jedenfalls, weil er Zweifel in meinem Gesicht erkennt.

Ich verstehe wohl die Worte, aber nicht den Sinn. Das Mineralbad Leuze am Neckarufer, gleich neben dem ehrwürdigen Mineralbad Berg, wo die wahren Stuttgarter an eisigen Wintermorgen ihre Freiluftbahnen ziehen und wo aus Rohren aus dem städtischen Untergrund das Mineralwasser so rein ins Becken sprudelt, dass man getrost daraus trinken kann (aus dem Rohr jedenfalls, nicht unbedingt aus dem Becken), hat einen guten Ruf. Primitiv?

Und dann erfahre ich warum. Weil es dort keine Reisigbündel gibt, mit denen man sich den Rücken auspeitschen könnte. „Gibt es das denn überhaupt irgendwo in Stuttgart?“, wage ich einen Zweifel einzuwerfen. Oh ja, aber sicher! Zumindest im Umland und der alte Mann zählt auf: Ludwigsburg, Fellbach … Und Berlin. Gleich viermal in Berlin. Ich lächle.

„52 Jahre gehe ich in Sauna“, meint der alte Mann zufrieden. Die Sauna stamme ursprünglich aus Sibirien und sei von dort nach Finnland gekommen, doziert er. Er selbst war schon saunieren in Estland, Litauen, Ungarn, auf Kreta, in Spanien, sogar in der Dominikanischen Republik und in ein paar anderen Ländern, die ich vergessen habe. Am besten sei aber die in Sibirien gewesen.

Die Sauna halte ihn am Leben, erklärt mir der Mann. Der Schock zwischen der Hitze und der Kälte des Wassers halte sein Herz am Laufen. Zum Doktor gehe er nicht, Pillen schlucke er keine, die Pharmaindustrie bekäme nichts von ihm. „Der Mensch hat im Grunde alle Kraft in sich, um gesund zu werden, da braucht man nicht für jeden Mist Pillen schlucken, Tabletten hier, Tabletten dort“, so führt er, nur in weniger Worten, aus. Ich widerspreche nicht. Bei Kopfschmerzen oder Migräne habe ich schon lange keine Tabletten mehr genommen.

Und dann steht der alte Mann auf, Stock, Wägelchen, gebeugter Rücken.

„Seien Sie gesund!“, wünscht er mir zum Abschied und meint natürlich, bleiben Sie gesund.

„Sie auch!“, winke ich ihm nach. „Und gehen Sie noch viele Jahre lang in die Sauna.“

Strandgut, gebunden und geleimt

Eine Stöckchengeschichte, zugeschoben von Danares

Welches Buch liest Du momentan?

Ich bin ein miserabler Leser. Ich fange ein Buch an, lasse es liegen, beginne das nächste, vergesse es, greife nach dem dritten, lege es nach ein paar Seiten auf den Stapel, ziehe das erste unten wieder hervor, nur um dann doch ein viertes in die Hand zu nehmen. Im Grunde geht das endlos so weiter. Habe ich sechs oder zwölf Monate gar nicht in einem Buch gelesen, wandert es wieder ins Regal, bis zum nächsten Versuch. Das ist der einzige Grund, weshalb die Stapel nicht irgendwann umfallen.

Innerhalb der letzten vier Wochen habe ich, so scheint mir, in acht Büchern gelesen, die ich noch nicht zu Ende gebracht oder aber aussortiert habe. (Bücher oder Manuskripte, die ich aus rein beruflichen Gründen lese, sind ausgenommen.) Einige davon sind schon seit Jahren in meinem Besitz, nur zwei der acht habe ich mir selbst innerhalb des letzten Quartals gekauft. Wer sich je gefragt haben sollte, weshalb zeilentiger liest kesselleben niemals ein Literaturblog sein könnte, hat hier ein paar Gründe parat.

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?

Ivan Vladislavić, „Johannesburg. Insel aus Zufall“ (A1 Verlag 2008). Keine Neuerscheinung mehr, trotzdem eine Bestellung von der letzten Frankfurter Buchmesse. Ein Stadt- und Alltagsporträt, was ich als Genre gerne mag, wenn die Ausführung stimmt. Die von Vladislavić tut es.

Ariel Dorfman, „La muerte y la doncella“ aus Reclams roter Reihe Fremdsprachentexte mit Worterklärungen unter jeder Seite. Die benötige ich auch. Und nein, bislang haut mich das Bühnenstück nicht von den Socken. Weil ich zu wenig von dem Spanisch verstehe? Die Verfilmung von Roman Polanski habe ich übrigens noch nicht gesehen. Ich hatte mir irgendwann einmal vorgenommen, zuerst das Buch zu lesen.

Franz Innerhofer, „Schattseite“ (Suhrkamp 1979), der Nachfolgeroman des Erstlings „Schöne Tage“, die kompromisslose Aufarbeitung einer Kindheit auf einem Salzburger Bauernhof – in einem vollkommen rohen Milieu, an dem der junge Innerhofer in den 50er Jahren schier zugrundegegangen wäre. Ein sehr beeindruckender literarischer Befreiungsakt. Dass Innerhofer später trotzdem dem Suff und schlussendlich dem Suizid erlegen ist, verwundert nach der Lektüre trotzdem nicht.

Rabindranath Tagore, „Der Gärtner“ (Kurt Wolff Verlag 1921). Irgendwie ist mir der alte Tagore ja sympathisch, aber mal ehrlich, seine „Liebes- und Lebensgedichte“ treffen dann doch einfach keinen elementaren Nerv. Nicht hier, nicht heute. Am besten gefällt mir an der Ausgabe der Geruch des alten Papiers – wie ein Hauch von Bourbonvanille.

Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“ (Hanser 2013). Ein Spontankauf im Stuttgarter Literaturhaus. Ich liebe Reisebücher, ich interessiere mich für den Nahen Osten, ich schätze schön gestaltete Hardcover. All das rettet das Buch trotzdem nicht. Schäuble kommt mir bisher als ziemlich fader Möchtegern-Büscher vor, eine Hohlmenschreportage. Eigentlich würde ich ja gerne mal wieder eine Neuerscheinung auf dem Blog über den grünen Klee loben, aber mit diesem Buch wird das nichts, fürchte ich.

Peter Fleming, „Brasilianische Abenteuer“ (Rowohlt 1958). Ein Weihnachtsgeschenk von unerwarteter Seite. Wieder ein Reise-, genauer ein Expeditionsbericht – in dem es im Übrigen um das Schicksal genau jenes Colonel Fawcetts geht, dem der Berenberg Verlag 2013 eine Neuerscheinung widmete – aus der Feder eines echten Briten. „Es gibt, nehme ich an, solche Expeditionen und solche. Ich muß sagen, daß es während dieser sechs Wochen in London so aussah, als würde sich die unsere in keine der beiden Kategorien einordnen lassen.“

Anita Moorjani, „Heilung im Licht. Wie ich durch eine Nahtoderfahrung den Krebs besiegte und neu geboren wurde“ (Arkana 2012) ist, wie soll ich sagen, eines jener gewissen Weihnachtsgeschenke eines Menschen, der es nur ganz und gar gut mit einem meint. Immerhin muss ich zur Rettung des Buches anführen, dass ich gestern einen Satz darin gefunden hatte, der mir wichtig genug erschien, aufzustehen und ihn mehrmals laut aufzusagen. Und bin ansonsten nur aus tiefstem Herzen dankbar, dass es keinen aktuellen biographischen Anlass gibt, mich derzeit an dem Thema Krebs abzuarbeiten.

Reza Haidari Kahkesh und Babak Haidari Kahkesh, „Gaumenfreuden aus Persien“ (Regura Verlag 2004), ein sehr hübsches, sehr sympathisches und sehr brauchbares persisches Kochbuch. Die einzige Zweitlektüre unter den genannten Büchern, da ich demnächst wieder einmal Gäste persisch bekochen möchte. Erst recht nach einem Besuch vor ein paar Tagen in einem entsprechenden Restaurant vor Ort, der uns alle überaus unbefriedigt gelassen hat. Da kann man unter der Anleitung der beiden Haidari-Brüder selber wirklich Besseres leisten.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?

Ja. In bester, wenn auch sehr, sehr verschwommener Erinnerung ist mir, wie unser Vater der ganzen Familie die Tarzan-Romane von Edgar Rice Burroughs vorgelesen hatte. Aus Ausgaben, die er von seinem Vater hatte, noch in Frakturschrift. – Weil ehrlichgesagt auf diese Frage den „Kleinen Hobbit“ genannt hatte: Das ist das Buch, das ich selbst bereits am häufigsten vorgelesen habe, das mein Bruder gerade eben seinen Kindern vorgelesen hat und das selbst nochmals vorzulesen ich hoffentlich noch Gelegenheiten in meinem Leben bekommen werde.

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?

Ich würde gerne Jorkens für seine Lügengeschichten im Club einen Drink spendieren (Lord Dunsany, „Jorkens borgt sich einen Whisky“), mit munteren Freunden die Themse hinabrudern (Jerome K. Jerome, „Drei Mann in einem Boot“), John Steinbeck auf seiner „Reise mit Charley“ quer durchs Land begleiten, mit Ray Bradbury, Tom Drury („Die Traumjäger“) oder Dan Simmons („Monde“) durch eine sommerglühende abendliche Kleinstadt spazieren und überhaupt gerne jeden Sommer genießen, dort wo sich an mehr oder weniger sorgenfreien Tagen die Schultern bronzen färben. Und ich wäre gerne H.G. Wells gewesen, wenn das als Antwort gilt.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den/die Du mal regelrecht verliebt warst?

Juna im Netz und Danares haben recht, das ist eine Mädchenfrage. Ich würde jetzt trotzdem gerne einen Namen nennen. Aber es fällt mir leider keiner ein. Zumindest eine platonische Männerfreundschaft kann ich nennen: Ich beneide Calvin glühend um seinen Hobbes.

Welche drei Bücher würdest Du nicht mehr hergeben wollen?

Das „Handbuch für den gewitzten Stadtkrieger“ vom Barfußdoktor, um nur eines zu nennen. Obwohl, eigentlich würde ich das Buch sogar gerne und immer wieder hergeben (wenn auch nicht unbedingt mit dem blöden Cover der derzeitigen Taschenbuchausgabe, daher setze ich hier auch keinen Link). Solange ich irgendwoher ein anderes Exemplar auftreiben kann.

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Es gibt ja so Bücher, die einen immer wieder regelrecht aufschreien lassen, weil da Sätze drin stehen, die … einfach zum Schreien gut sind. Leider fällt mir jetzt partout keines ein. (Da fragt man sich jetzt wahrscheinlich schon, wofür ich eigentlich lese, nicht wahr?) Also suche ich nach einem guten letzten Satz und finde das: „Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.“ (Christian Kracht, „1979“).

Wer Spaß daran hat, darf das Stöckchen gerne aufgreifen und dabei Fragen weglassen oder hinzufügen, doch besonders neugierig wäre ich auf die Antworten von Mikkoon und Zonenmädchen. Und nein, keiner meiner Vorsätze fürs neue Jahr hat irgendetwas mit Büchern zu tun. Strandgut, Stapelbauen, Zitatevergessen – das alles wird einfach so weitergehen wie bisher.