Meta mit Frühling

Beim Abstieg zur U-Bahn flackern die Lichter, sie ersterben, springen dann zitternd wieder an. Sofort sind sie da, die Bilder von der Zombie-Apokalypse.

Nach einer berauschenden Woche, in der alles möglich schien, folgen ein paar Tage der Stasis und der Erschöpfung und nachts träumen sich Glassplitter in den Mund. Erst war alles ganz viel, dann kommt das Wellental. Die Geschichten zu fassen – das Horchen und das Schauen – kam dabei etwas kurz. Daher heute ausnahmsweise nur ein paar knappe Hinweise.

Menschen aus dem Süden – unter dieser Rubrik wurde ich mit meinem Blog am letzten Freitag in der Stuttgarter Zeitung vorgestellt. Danke an Ina Schäfer für das Interview.

Am Abend des gleichen Tages hatte ich gemeinsam mit Stephan Trinkl die angekündigte Lesung in Ratzer Records Schallplattencafé. Es wurde eine gemütliche, unterhaltsame Veranstaltung. Das Mikrofon vermisste ich erst am Folgeabend, als ich an einem ganz anderen Ort auf einer Bühne stand und merkte, wie viel Kraft ein Mikro doch aufsparen kann für andere Aspekte des Ausdrucks. Für die Lesung danke an Brigitte und Karl-Heinz Ratzer, Stephan (mit Verspätung und direkt aus dem Feierabendstau in die Lesung zu starten und trotzdem gelassen zu lächeln ist eine respektable Leistung) und allen, die kamen, um uns zuzuhören! Dem Hund inklusive.

Heute (also Freitag) wird auf der Leipziger Buchmesse um 18 Uhr aus „Tausend Tode schreiben“ gelesen – einem Projekt der Verlegerin Christine Frohmann, von tausend Menschen kurze Texte über den Tod zusammenzutragen. #1000Tode (so der Hashtag des Projekts) bietet ebenso viele Perspektiven auf die große Unvermeidlichkeit unserer Existenz wie Stimmen. Mein Blogbeitrag „Requiem für eine Fremde“ ist (minimal bearbeitet) als Text 307 vertreten. Übrigens sind die 1000 Texte noch nicht vollständig – die Gelegenheit, sich für dieses Projekt noch einzubringen! Die Erlöse aus dem E-Book-Verkauf gehen als Spende an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow.

Und der Frühling tänzelt …

Geht man in der Straße der Sonne entgegen, ist es, als würden die Kastanien bereits knospen. Man reckt die Nase, man streckt den Hals. Unversehens kommt hinter dem Eck dann die Ohrfeige des Windes, dafür, dass man dem Frühling schon zu tief ins Mieder blicken wollte. Man fährt zusammen, senkt den Kopf, verlegen nestelt die Hand am Schal.

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Und was ist das da bitte?

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Twitterrausch bei Adrienne Braun. Eine Lesung

Und das ist erst die eine Hälfte.

Freitagabend Literaturverkehr. Ich wollte wieder einmal zur zwischen/miete – der Lesung junger Literatur in Stuttgarter WGs. Jens Eisel war aus Hamburg angereist, um aus seinen Erzählungen „Hafenlichter“ zu lesen. In der „Leuchtenden WG“ in der Böheimstraße. Daher habe ich auch (gleich mehrmals) bedauernd abgelehnt, mit auf die Eröffnung der Sammlung Lucius „Buch – Kunst – Objekt“ im Kunstmuseum Stuttgart zu gehen. Nur um am Ende auf einer Lesung in der Schiller Buchhandlung in Vaihingen zu landen. (Die „Leuchtende WG“ würde ich übrigens trotzdem gerne mal sehen. Wer öffnet Zeilentiger die Türen?)

Schuld war das A&O. Das war gerade auf Besuch in der zeitweiligen Wahlheimat Stuttgart und zum Buchbistro Extra in die Schiller Buchhandlung auf dem Kesselrand angereist, um bei Häppchen und Getränken Adrienne Braun zu hören. Unvergessen zwar deren Urteil über das „IKEA-Buffet“, wurde die Journalistin und Kolumnistin (besonders bekannt für ihre Kolumne in der Stuttgarter Zeitung) trotzdem gerne wieder in der Schiller Buchhandlung willkommen geheißen.

Zu Käsebrötchen, Sekt und Wasser wurde schon gekichert, die Twittermaschine angeworfen, Buchtipps erteilt von der liebenswürdigen Kati Fraentzel (@catchkati) der Schiller Buchhandlung und bibliophile Eigenheiten ausverhandelt. In Bücher malen? Umstritten! Der Trend geht zum Zweitbuch …

Wahr. „@blauschrift: Der @zeilentiger mag auch signierte Bücher nicht. Das ist nur konsequent.“

Als sich das Buffet allmählich leerte, zeigte Adrienne Braun mit ihrem Buch „Mittendrin und außen vor“ Stuttgarts stille Ecken, bekannte und durchaus auch weniger bekannte Orte der Erholung und des Innehaltens im täglichen Kesseltreiben. Ein Seitenhieb auf Gerber und Milaneo durfte dabei, wie es sich für Stuttgarter Kulturbürger gehört, nicht fehlen. Und wir folgten der Autorin zu Proserpinas prallen Brüsten ins Lapidarium, die Trümmer dort „verströmen wohlige Ruhe, weil sie nichts mehr beweisen müssen“. Da erschreckt dann auch die Erkenntnis über dieses Freilichtmuseum zum Betatschen und Angrapschen nicht mehr: „Genau genommen lernt man hier gar nichts.“

Pragmatischer geht es an Adrienne Brauns Lieblingsort Tritschler am Marktplatz zu, der 3. Stock zwischen Eierteiler und Eierstückler ein herrlicher Ort, um stundenlang zu flanieren – das „vielleicht schönste Geschäft der Welt“. „Stuttgarts stille Ecken“ wollen keine topographische Beschreibung sein, sondern spiegeln den Menschen: Wie erlebe ich diese Orte. (Daher gibt es auch keine Routenbeschreibungen im Anhang. Wer einen der etwas versteckteren Orte nicht findet, darf getrost die Autorin fragen.)

Zum Schreiben aber, das verrät Adrienne Braun, reichen Stuttgarts stille Ecken doch nicht aus. Dazu müssen es dann noch ruhigere Orte sein. Zum Bücherschreiben kommt die Autorin nur im Urlaub – in der Berghütte oder in der Klause in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Noch heiterer wurde es mit den Texten aus Adrienne Brauns zweitem Buch, aus dem sie an diesem Abend las. „Von den Niederungen des Seins“ (2011 erschienen) verhandeln ganz alltägliche Probleme wie rutschende oder sich drehende Socken. An Absurditäten fehlt es dabei nicht, man denke an den Wettstreit der Faserbürsten, den die Kolumnistin mit den 35 Millionen Fasern ihres Nanohandschuhs gewinnt – die Freundin verstummt geschlagen. Fast unglaublich die Patenschaft über Hundekotbeutelbehälter, bitterkomisch die Verslein zu Adolf Hitlers Besuch im ungeliebten Stuttgart („Lieber Führer sei so nett / Zeig dich doch am Fensterbrett“) … Bedarf bietet das ganz normale Leben jedenfalls genug für Adrienne Brauns Kolumnen: „Wir sind halt alle Mängelwesen“, wie wir seit Arnold Gehlen wissen.

Und irgendwann eskalierte alles. Nicht in der Lesung, nicht in den anschließenden Gesprächen vorne mit der Autorin. Sondern in der letzten Reihe am Stehtischchen.

„Übrigens waren es 36 Leute, falls du nicht gezählt hast.“ Danke, @blauschrift, das hatte ich tatsächlich nicht.

Die Leseparty rockt. Jetzt schnüffeln wir an Büchern.

”…ich hab schon wieder einen Reflex, das zu twittern.” – ”Es hört erst auf, wenn der Akku leer ist.” Hab noch 13% und du, @zeilentiger?

Twittern bis zur Erschöpfung mit dem A&O.

Überhaupt, das A&O. Diese Tigerzeilen sind nur die eine Hälfte. Die andere gibt es auf dem  buchstabenbunten und lebenswortfrohen Satzsitz von A&O als schöne Fotostrecke zum Buchbistro Extra mit Adrienne Braun. Bitte sehr, hier entlang und gerne immer im Kreis herum.

Mehr! Links!

Jens Eisel, „Hafenlichter“

zwischen/miete – Lesung mit Jens Eisel

Buch – Kunst – Objekt. Sammlung Lucius in Text und in Bild und Wort

Website von Adrienne Braun

Adrienne Braun in der Stuttgarter Zeitung

Mittendrin und außen vor. Stuttgarts stille Ecken

Von den Niederungen des Seins

Und last not least die Schiller Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen

Autostadt Stuttgart

Ein völlig überforderter Hongkong-Chinese bittet mich an einer Stadtbahn-Haltestelle um Hilfe. Fast eine Viertelstunde lang erkläre ich die Tücken des Fahrkartenautomaten, lese ihm die Abfahrtszeiten vor und beschreibe die Verkehrslinien. Am liebsten, habe ich den Eindruck, würde mich der Chinese als Wegführer und Dolmetscher mitnehmen. Sein Ziel sind das Mercedes-Benz Museum und das Porsche Museum. Sie sind ihm so wichtig, dass er sich morgens übermüdet und verkatert auf den Weg macht, während sein Gastgeber noch den Partyrausch ausschläft. Ich schiebe den Besucher schließlich in seine Bahn und blicke ihm nach. Kraftfahrzeuge: auch das ist Kultur in Stuttgart.

Erstveröffentlicht im „Extrablatt“ von Sibylle Berg und Henning Wagenbreth in der Stuttgarter Zeitung vom 21.2.2013.