Die Jagd am Stromberg

Weil „Zeilentiger liest Kesselleben“ ursprünglich als eine Stadterschließung erdacht war, haben in die Rubrik „Ausgekostet“ bisher nur Cafés und Restaurants in Stuttgart gefunden. Der „Ochsen“ in Diefenbach am Rande des Strombergs rechtfertig eine Ausnahme von dieser Regel. Der Landgasthof im Dreieck zwischen Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn lohnt einen Ausflug.

Unterhalb der Dorfkirche steht am Eck einer wunderschönen Fachwerkstraße der „Ochsen“. Am Treppenaufgang, von Auszeichnungen flankiert, verweist ein Schild Besucher auf den Hintereingang. Ich zögere dort, muss mir meinen Weg suchen, bis ich in der Stube lande. „Hallo“, grüßt mich Koch und Betreiber Georg Barta aus der Küche heraus und schiebt ein „Grüß Gottle“ hinterher, sicher ist sicher.

Die Stube hat ihren Namen wirklich verdient, der überschaubare Raum atmet einen bodenständigen Geist. Die Gaststube stammt aus dem 18. Jahrhundert, das Gebäude selbst geht auf das 12. Jahrhundert zurück. (Nach dem Brandloch auf einem der Tische aus der Zeit, als der Ochsen französische Kommandantur war, habe ich nicht gesucht.) Im Eck steht am zweiten Advent schon ein geschmückter Christbaum, vor der Tür auf den Vorplatz brennt eine gewaltige Adventskerze und erklärt, warum Gäste die Hintertür zu nehmen haben. Die alte Pendeluhr schlägt zur vollen Stunde die Töne an.

An einem Tisch sitzen zwei ältere Paare, ich habe von meinem Platz aus nur die Herren im Blick, ergraute Vollbärte, die Gesicher sprechen von einer gewissen Privilegiertheit, ohne den Bodenkontakt je verloren zu haben. Ich muss an den ehemaligen Leiter des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart denken. Der Kellner ist ein aufgewecktes Bürschchen: ein hübscher Dunkeläugiger, reinstes Hochdeutsch, eine theatralische Note in den Gesten und die Angewohnheit, auf Eingangsfragen von Gästen ironisch zu antworten, anschließend von heiterer Liebenswürdigkeit. Auf meine Bestellung eines „Schneewittchens“ hin ist er irritiert, aber so steht es eben auf der Karte, so nennt sich dieser Apfelzwetschgensaft (oder besser sein Erzeuger, die Streuobstinitiative Enzkreis-Freudenstadt-Calw).

Die Speisekarte ist überschaubar, nämlich genau eine Doppelseite lang – für mich ein sehr ermutigendes Zeichen. Zwei der Hauptgerichte sind vegetarisch (Veganer dürften es hingegen schwer haben), die anderen mit Fleisch – ausgesucht und wie die allermeisten Zutaten im „Ochsen“ aus regionaler Produktion. Als Gewohnheitsvegetarier – heutzutage elegant mit Flexitarier umschrieben – weiche ich hier gerne von meiner Gewohnheit ab und fröne der Fleischeslust.

EC-Karten werden im Ochsen nicht angenommen. Ich muss mich nach Blick in die Tasche zurückhalten, koste weder die Gänsebrühe mit Maronen, noch gönne ich mir zum Nachtisch ein Zimtflädle mit hausgemachtem Eis. Aber die Maultaschen vom Wild aus dem hiesigen Naturpark tun es auch – mit in Butter angebratenen Kräuterpilzen auf Rahmwirsing mit bunten Karotten und überbacken mit Allgäuer Käse. Köstlich sieht der Teller aus, köstlich duftet er und der Geschmack steht dem in nichts nach. Alles daran schmeckt echt – das Gemüse wie „dahoim“ bei Mutter oder Großmutter, der herzhafte Sud der Maultaschen frei von verfälschenden Zusatzstoffen, selbst das „Gsälz“ (Marmelade) obenauf könnte man getrost für sich löffeln, so schön unaufdringlich rund ist es. Eine zweite Schorle – Quitte darf es dieses Mal sein – und Hunger wie Durst sind gestillt, der Appetit ist befriedigt und ich setze zufrieden den Wanderrucksack wieder auf. Die Stube hat sich gefüllt. Draußen ist die Wolkendecke aufgebrochen, die Sonne scheint über Weinberge und Waldeshöhen.

Ein ergrautes Ehepaar tastet sich von seinem Auto in das Dorf vor. „Kennen Sie sich aus?“, ruft mich die Dame an. „Wenn Sie den Ochsen suchen, dann ja, ansonsten nein.“ „Ah! Und können Sie ihn empfehlen?“ „Unbedingt!“ „Da haben wir den Richtigen gefragt!“, frohlockt die Dame. Und ihr Mann ergänzt: „Wissen Sie, wir bilden uns ein, hier vor 48 Jahren schon einmal gewesen zu sein. Wir waren uns nur nicht mehr ganz sicher über den Weg.“

Da kann ich nur sagen: guten Appetit!

Der „Ochsen“ in Diefenbach ist auch mit dem Bus (zum Beispiel vom Bahnhof Mühlacker aus) erreichbar. So darf es dann auch gerne ein Achtele aus den hiesigen Reben zum Essen sein. Reservieren empfiehlt sich!

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Auf dem Stromberg

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Frechdachs mit U-Boot – Das argentinische Caféhaus Chiquilín

Kaum habe ich meine Kaffeetasse abgestellt, fallen schwer zwei Hände auf meine Schultern. Sie haben mich.

An einer ruhigen Kreuzung des Stuttgarter Westens liegt das Restaurant und Café Chiquilín. Dort, wo sich die Gutenberg- und die Rötestraße schneiden, ziehen sich in alle vier Himmelsrichtungen die geliebten Gründerzeithäuser hin. Eines der Eckhäuser, die Regenbogenfahne über der Tür, beherbergt etwas geheimnisvoll das GOK (ein privater Schwulenclub in einer ehemaligen Metzgerei), im Uhrzeigersinn folgen ein Brautstudio, eine Arztpraxis und das Chiquilín.

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Vegetarische Empanada de acelga

Bei gutem Wetter stehen ein paar Holztische vor dem „Frechdachs“ (so der Name auf Deutsch), ein Aushang kündet von gelegentlicher Livemusik (nicht nur argentinischer Tango, auch brasilianischer Choro wird geboten), die Karte verspricht wochenends reichhaltige Frühstücksvarianten bis 17 Uhr – ein Paradies für Spätaufsteher.

„Weiß gar nicht, was man so in Argentinien isst, außer argentinisches Rind“, meint ein Freund, als ich das Chiquilín erwähne. Weit mehr als Steaks, wie das Caféhaus beweist. Die Einwanderer haben Einflüsse aus zahlreichen Ländern eingebracht, ein wichtiger Impuls kommt aus der italienischen Küche.

Der klassischen Vorstellungen recht nahe kommen dürfte die Milanesa, ein dünnes Schnitzel nach argentinischer Art aus der Rinderhüfte (auf Wunsch auch mit Süßkartoffelbrei statt Pommes als Beilage). Rustikal der Guiso de Quinoa, ein Eintopf mit Hühnchen, grünen Bohnen, Mais, Kartoffeln, Karotten und Tomaten, verfeinert mit frischer Minze und Koriander – genau das Richtige nach einem kalten, windigen Tag in der Pampa oder den Bergen. Ganz ‚südländisches‘ Flair hingegen haben die Albóndegas en salsa de tomate, kräftig gewürzte Hackfleischbällchen in Tomatensoße. Und darf es ein Callia Alta Chardonnay mit einer Note nach reifen Bananen, gerösteten Mandeln, Pfirsich und Honig dazu sein? Oder lieber ein tiefroter Calderón Merlot mit kirschroten Reflexen und einer Ahnung von Kirsche und Pflaume? Weine aus Argentinien, Chile, Spanien und Italien stehen auf der Karte.

Nicht nur Mittagstisch oder deftiges Abendessen bietet das Chiquilín, auch für eine leichte Mahlzeit lohnt der Besuch: vielleicht einer Empanada (einer gefüllten Teigtasche) und einem anschließenden Submarino (das U-Boot ist ein Stückchen Schokolade in heißer Milch) oder einem Café con leche (überraschend groß, eher ein französischer Milchkaffee als ein spanischer) zu einem Stückchen aus der verlockenden Kuchentheke oder einem köstlichen Alfajor aus bröckeligem Maismehlteig und einer Füllung aus Milchkaramel.

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Ausklang mit Genuss

Mehr noch als durch das Essen (gut, wenn auch nicht immer bestechend) überzeugt das Chiquilín durch sein Ambiente. Es ist ein angenehmer Kontrast aus dem kompromisslosen schwarzweißen Fließenmuster des Bodens und den Monochromfotografien an den Wänden – Straßenszenen aus Buenos Aires – auf der einen Seite und dem warmen Terrakottarot der Wände, dem Holz der freistehenden Balken, den gestapelten Weinkisten hinter der Theke, die als Regal für die glitzernden Gläser dienen, den Zimmerpalmen auf den Fensterbrettern auf der anderen.

Es ist doch immer wieder beruhigend, nicht in einem totalitären Geheimdienststaat zu leben. Die Hände auf meinen Schultern gehören einem Freund, der mit seiner Frau (wir kennen uns alle aus der Verlagsbranche) im nahen Tarte & Törtchen essen war. Und während wir uns noch unterhalten, kommt ein Ex-Kollege aus einem anderen Verlag die Straße herunter. „Mensch, hier sieht man ja ein bekanntes Gesicht nach dem anderen“, rufe ich ihm zu. „Deshalb wohnt man ja auch im Westen“, gibt er zurück.

Es ist Abend. Canelones mit einer Spinat-Ricotta-Walnuss-Füllung, ein apulischer Primitivo (Vanille, Rosmarin) und zum Abschluss ein Cortado – ein kraftvoller, runder Geschmack. Fast möchte ich zu rauchen beginnen. Die Hesperidina, ein argentinischer Orangenlikör, wird auf das nächste Mal verschoben. Dämmerung senkt sich über die Stadt und der spanischsprachige Kellner hat Feierabend, er wird von Freunden abgeholt und dribbelt einen Fußball mit der Hand, Freude im Gesicht. Die steht auch in meinem Gesicht.

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Chiquilín: Gutenbergstraße 87 – 70197 Stuttgart (Haltestelle Schwabstraße)

 

 

 

 

Chinkali mit drei Bratschistinnen

Es ist einer jenen schlichten Gaststätten, an denen früher oft ein Schild „Deutsche und jugoslawische Küche“ hing. Zwischen den beiden uniformierten Puppen mit Fellmützen und Dolchen im Gürtel beschallt ein Alleinunterhalter das Lokal mit osteuropäischen Schlagern. Manchmal singt er zu seinem Konservensound, zu anderen bläst er das Saxophon, immer ist er zu laut. Die Menschen an den Tischen scheint es nicht zu stören. Englisch, Russisch, Deutsch und ja, auch mal Georgisch ist zu hören: Das Tshito-Gwrito ist Stuttgarts einziges georgisches Lokal.

Gegen den ersten Hunger teilen wir uns Chatschapuri, mit Käse und Ei gebackenes Fladenbrot, und einen kleinen Berg Chinkali. Wer diese Teigtaschen an ihrem „Hut“ greift, tut gut, erst einmal nur eine Ecke anzubeißen. Sie sind mit Hackfleisch und mit Brühe gefüllt, und die will schließlich geschlürft und nicht über die Kleidung verteilt sein. Den teigigen „Hut“ lassen Kenner liegen. An ihrer Zahl lässt sich am Ende der Appetit aller Speisenden ablesen.

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Die zweite Runde wird geschmacklich raffinierter, und nicht umsonst galt die georgische Küche in der Sowjetunion als die feinste. Walnuss ist fast allgegenwärtig, auch Granatapfel und grüner Koriander werden gerne verwendet. Die Spinatbällchen Pchali sind großzügig mit Knoblauch gewürzt, in ihrer Variante aus Weißkohl dominiert der fruchtige Geschmack des Granatapfels. Das Lobio aus roten Bohnen ist ein wenig zu salzig geraten; die Auberginenscheiben mit Walnusssoße sind wunderbar zart; geschnetzelte Geflügelinnereien köcheln in einer dunklen, würzigen Soße. Und zu Kababi, Hackfleischrollen mit einer kalten Tomatensoße, wird aus Neugierde noch eine zweite Tunke bestellt: Tkemali, eine säuerliche Soße aus grünen Pflaumen.

Auf die georgische Sitte der Trinksprüche verzichten wir und am guten Wein halten wir uns zurück. Der kaukasische Tropfen ist nicht günstig, unsere Börsen hingegen sind nur mager befüllt und Kartenzahlung nicht möglich im Tshito-Gwrito. Das bremst das Gespräch nicht, auch bei Wasser und Bier kommen wir in Schwung, lachen über den Versprecher Nekrolepsie, lernen, dass Fruchtfliegen kein Rapid Eye Movement haben, legen die Stirn in Falten zu einer Coverversion von „Hotel California“ und stellen fest, alle drei Frauen am Tisch haben einmal Bratsche gespielt.

Der Alleinunterhalter ist längst verschwunden, die Tische sind geleert, außer uns ist nur noch die georgisch-amerikanische Gruppe am Nebentisch. Sie lässt sich eine weitere Flasche Wein bringen, eine Diskussion über den dunklen Tropfen entbrennt mit der jungen Bedienung, die so munter ist wie ihre Lippen rot und ihre Augen dunkel. Wir lassen sie allein mit ihrem Rebensaft und treten hinaus in den Stuttgarter Osten. Drüben, überm Fluss, heißt es, soll es ein russisches Lokal geben. Das ist doch ein Ausblick.

Tshito-Gwrito: Heinrich-Baumann-Straße 23 − 70190 Stuttgart
(Haltestelle Stöckach)

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Mittagspause in Südtirol − Das Meran in Bad Cannstatt

Griaß di Gott. Hat‘s also ein paar Monate verspätet doch noch geklappt mit einem Geburtstagsessen mit den Kolleginnen.

„Darf es schon was zu trinken sein?“, fragt schwungvoll die Kellnerin des Meran am Marktplatz von Bad Cannstatt. Wir sind alle zum ersten Mal hier, die Sonne scheint aufs Kopfsteinpflaster.

Ich hätte jetzt gerne nach der Karte gefragt, aber die Kolleginnen sind schneller.

„Johannisbeerschorle!“

„Mangosaft!“

Mir war gar nicht klar gewesen, dass das Getränke sind, die man in jedem Restaurant als selbstverständlich voraussetzen darf.

„Haben Sie denn etwas Besonderes zu trinken?“, wage ich einen Vorstoß.

„Einen Hugo vielleicht oder einen Aperol Spritz?“ Der heißt, wie ich später erfahre, auf der Karte Veneziano, aber er ist trotzdem nicht das, was ich unter „besonders“ erwarte. Gibt‘s ja mindestens so häufig wie Mangosaft.

„Nein, danke.“ Bleibt nur, auf bewährtes Gutes zurückzugreifen. „Ich frage einfach mal: Haben Sie das Spicy Ginger von Thomas Henry?“

„Nein.“ Wäre auch eine tolle Überraschung gewesen.

„Crodino?“

„Nein.“

„San Bitter?“ Das ist eigentlich schon nicht mehr ganz Kategorie „bewährt und gut“, aber egal.

„Einen kleinen Moment …“ Sie eilt tatsächlich nach innen. „Nein, führen wir leider noch nicht.“

„Dann nehme ich einfach ein Wasser, danke.“ Habe ich mich schon unbeliebt gemacht?

Als die Kellnerin weg ist, greifen wir uns doch noch die Karte. Und siehe da: VIP Lady Pils vom Fass im Champagnerglas aus der Brauerei Forst in Meran! Wenn das nicht …

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt!?“ Nein, das habe ich die Kellnerin nicht gefragt. Stattdessen: „Was ist denn ein Sportwasser?“

Es folgt eine längere Erklärung, die irgendetwas wie Mineralwasser vermuten lässt oder treffender noch, wie man hier im Schwäbischen sagt, saurer Sprudel.

Und sonst? Das alkoholfreie Hefeweizen ist von Erdinger, ein ganz großes Plus, denn das ist eines der ganz wenigen alkoholfreien Weißbiere, das schmeckt, und das ganz besonders gut. Affogato, eine mit heißem Espresso übergossene Eiskugel. Vinschgauer Marillenbrand. Der erhält auch spontan das Gütesiegel „besonders“.

Aber da kommt schon das Essen. Die Mehrheit wählt den Mittagstisch für 8 Euro (merke: Verlagsmitarbeiter zählen nicht zur Kernzielgruppe des Merans), heute ein köstlich angebratener Seelachs, ein paar eher anonym daherkommende Butterkartoffeln, ein Türmchen Spinatgemüse mit einem Karottenstift als, nein, nicht phallischer Dekoration, sagen wir eher als schmückender Antenne. Das Geburtstagskind erfreut sich augenscheinlich sehr an seinem Knödeltris aus − der Name sagt es − drei verschiedenen Knödeln. Schwieriger wird es für Vegetarier, da locken immerhin die Schlutzkrapfen: von der Stilnote eher Ravioli als Maultaschen und ohne wenn und aber lecker. Das kann das Meran.

Ein paar Tage später kehre ich zurück, denn ich habe noch eine Rechnung offen: Apfelstrudel und Marillenbrand und ein Blick ins Innere des Meran. Quadratische, etwas gar zu ordentlich aufgereihte Tische (intim ist kein Wort, das der Stimmung gerecht würde), rechts Regale mit Wein und Marmeladen zum Verkauf, links der mächtige Kopf eines Steinbocks an der Wand. Keine Gäste, die sitzen draußen an den Tischen mit den schwarzen Kunststoffplatten als Gesteinsimitat, es ist − typisch April, nicht wahr − schon wieder eitel Sonnenschein. Da eine Besprechung mit einem Londoner Besucher, dort ein österreichischer Zungenschlag. Für Geschäftsessen scheint das Meran keine unwillkommene Anlaufstelle zu sein.

Die Bedienung, eine andere als das letzte Mal, stellt mir den Apfelstrudel mit Kaffee und einen Marillenbrand aus dem Weingut Köfelgut hin. „Bitte sehr, das Schnäpsle.“ Hat sie da gerade wirklich verschwörerisch gelächelt zu diesen Worten? Geht ja gar nicht. Ich schieße ihr entrüstete Blicke hinterher.

Und der Rest ist leider Enttäuschung. Aber das mag auch an mir liegen, an Erwartungshaltungen und Kurzschlusshandeln: Marillenknödel, Marillenlikör … Ich brauche nur das Wort Marille hören und schon ist alles beschlossen. Dass ich bis auf den einen oder anderen Obstlikör destillierten Getränken grundsätzlich nichts abgewinnen kann, ist da schon abgeklinkt. Vernunft adé. Also kann ich zu dem edlen Brand nicht mehr sagen als: riecht gut, brennt weniger gut. So viel zum Kurzschlusshandeln.

IMAG0886Der Apfelstrudel fällt unter die Rubrik „unerfüllte Erwartungen“. Das fängt bei der Dekoration an (unnötig zu Apfelstrudel). Geht über den Glasteller (nicht passend, spießig). Hin zur Schokoladensoße (will ich definitiv nicht an Apfelstrudel sehen). Gipfelt im mürben, matschigen Teig (bei Strudel denke ich an Strudelteig, weshalb sonst sollte er so heißen, aber gut, wer will, kann Pizza auch mit Quarkölteig machen, warum also Apfelstrudel nicht mit, Verzeihung, Südtirol … Matscheteig). Endet in der apfelfaden, nussschwachen, rosinenfreien, matschigen Füllung.

Der Kaffee? Der Espresso zu mild, es fehlt ihm an Charakter, an Tiefe, meinetwegen auch an Kanten.

Verdrossen sitze ich da. „Alles klar?“, kommt lachend ein Lockenkopf mit leger umfasster Kaffeetasse heraus und setzt sich zu einem Freund an den Nachbartisch. Der Koch? Die Chefin folgt wenig später, Einkaufstaschen in der Hand, sie winkt den beiden am Tisch zu und schreitet übers Kopfsteinpflaster aus. Nur noch die Kellnerin arbeitet, räumt Tische ab. Es ist Freitag Viertel nach 2 Uhr nachmittags. Ruhig liegt der Marktplatz da, fast ein bisschen verschlafen. Um diese Zeit könnte Bad Cannstatt auch ein Dorf sein, zumindest hier. Morgen Vormittag würde der Platz wieder leben. Dann bietet das Meran auch ein dazu passendes üppiges, verlockend klingendes Marktfrühstück. Ich werde trotzdem woanders frühstücken.

Café Meran: Marktstraße 46 − 70372 Stuttgart-Bad Cannstatt

Einfach echt − La Bruschetta im Bohnenviertel

Auf den ersten Blick ist es nur ein winziger Imbiss: ein schmaler Tisch, ein Kühlschrank mit Getränken und direkt hinter der Theke die Küche − man könnte fast hinüberlangen. Und dort steht die Signora, nimmt Bestellungen auf, rührt nebenher in den Kochtöpfen, gießt Wein ein, kassiert, holt eine Pizza aus dem Ofen, füllt Pasta auf einen Teller − und verschwindet mit den dampfenden Gerichten einfach auf der Straße. Nanu?

Wer das erste Mal das winzige italienische Lokal im Stuttgarter Bohnenviertel besucht, registriert da vielleicht erst, dass das Bruschetta doch mehr ist als ein kleiner Bartisch mit offener Küche. Eine Haustür weiter gibt es La Bruschetta, Teil 2: ein kleiner, adretter Raum mit zwei Tischen. Und wer mag, kann in der Webergasse nochmals eine Tür weiter gehen und in den Schauraum der Designschreinerei Zwinz eintreten. Dort darf man wirklich hinein? In diesen hellen, minimalistischen Galerieraum mit dem Flair eines eben modernisierten Altbaus, um Pasta zu essen an den Holztischen mit den aufgeschlagenen Ausstellungskatalogen, mit den Büchern über Design und Wohnen hinter dem Rücken? Ja, das darf man. Hier haben zwei aufs Erste gar nicht zusammengehörige Bausteine unserer Gesellschaft (über die Schreinerei Zwinz − Konzeption für Raum + Möbel − war schon einmal hier die Rede) eine wunderbare Zusammenarbeit gefunden. Das ist kreative Vernetzung, wie wir sie auf mikrogesellschaftlicher Ebene viel mehr benötigten!

Die Signora kehrt zurück, sie wirkt ein wenig hektisch, womöglich überfordert. Kein Wunder angesichts ihrer One-woman-Show (erst später am Abend tauchen weitere Personen auf, die sich irgendwie in den Restaurantbetrieb einbringen). Getränke, außer Wein und Sekt, hole man sich bitte selbst aus dem Kühlschrank. Dass ein paar junge Leute einen Tisch in der Galerie verrücken, geht mal gar nicht, und nein, stehen Sie zum Rauchen doch nicht vor der Tür, da muss ich doch hindurch. Ja, sie ist hektisch, aber unangenehm wird sie dabei nicht. Wir grinsen.

Dann kommt endlich das Essen, in ganz unterschiedlichen Tellern, wie man sie als Alltagsgeschirr in einem Privathaushalt benutzen würde, die Ränder angeschlagen. Und dann senkt sich die Gabel und hebt sich wieder und die Augenlider schließen sich erst einmal und der Gaumen wird ganz zur Welt. Würzig, kraftvoll und vor allem ganz unverfälscht erfreuen die Gnocchi all’arrabbiata. Im farblichen Kontrapunkt dazu sehen die mit Kürbis gefüllten Canneloni in Käsesoße auf den ersten Blick aus, als wären sie unter eine tödliche Lawine aus Käse und Sahne geraten. Aber keine Sorge, hier hat nicht eine schlechte Küche den Nichtgeschmack faden Essens unter einem Berg Fett getarnt. Diese Canneloni schmelzen nur so auf der Zunge, Frühlingsgewässer Hilfsausdruck.

Irgendjemand macht aus Versehen eines der Lichter aus und die angerückte Chefin erklärt atemlos, dass man es − aus ihr technisch ganz und gar unverständlichen Gründen − ein paar Minuten auslassen müsse, bevor es sich wieder anschalten lässt. Die raue Oberfläche des Holztisches färbt auf der Handfläche ab (wie bekommt man hier eigentlich Tomatensoße weg?), direkt neben dem Tisch klappert jemand mit einem großen Schlüssel, den man an der Theke holen muss, um in die (einzige) Toilette des Bruschetta zu gelangen, die Chefin hektikt weiter und alles ist einfach nur wunderbar echt.

Ja: einfach echt. Ich freue mich auf den nächsten Besuch. So oft, bis die ganze Karte durch ist. Oder öfters.

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La Bruschetta: Weberstr. 108 − 70182 Stuttgart

(Haltestelle Charlottenplatz)

Öffnungszeiten: Mo.−Sa. 12−22 Uhr

il pomodoro im Lehen – der sympathische Italiener für den kleinen Geldbeutel

Sein größtes Kapital ist seine Einrichtung. Das Restaurant il pomodoro an der Filderstraße schräg gegenüber der markanten Markuskirche besticht durch ein sehr ansprechendes, bodenständiges Interieur. Ohne die Geschichte des Gebäudes näher zu kennen, lässt sich vermuten, dass die Räumlichkeiten einst eine bessere schwäbisch-gutbürgerliche Gaststätte beherbergten: viel Holz, halbhohe Wandtäfelungen, echtes Parkett, dazu hübsche Kronleuchter im 50er-Jahre-Stil und Bleiglasfenster. Die Bar im Eingangsbereich gewinnt sofort und den Pizzabäckern kann man bei der Arbeit am Holzofen über die Schulter schauen.

In den beiden Gasträumen geht es lebendig her, in dem stets gut gefüllten Ristorante herrscht eine gut gelaunte Atmosphäre. Die Bedienung bleibt auch in der – sich schnell mal einstellenden – Hektik immer herzlich, nicht die geringste Spur also von der Arroganz, die von den Kellnern gewisser italienischer Restaurants so perfektioniert wird. Man fühlt sich gleich wohl hier – ein Eindruck, der auch bei wiederholten Besuchen nicht verloren geht.

Neben der Karte (praktisch übersichtlich: vegetarische Pizzen bilden eine eigene Rubrik) bietet das il pomodoro eine Wochenkarte und wechselnde Tagesangebote mit Fisch und Meeresfrüchten. Das Essen wird trotz der vielen Besucher recht flott serviert, was angenehm, aber nicht zwingend nur ein gutes Zeichen ist. So zeigen sich die Grenzen des il pomodoro recht bald, nachdem man zu Messer und Gabel gegriffen hat: Das Antipastigemüse ist keiner besonderen Rede wert, der Weißebohnensalat am besten als schlicht zu bezeichnen, die Pizza immerhin kross und groß.

Als klassischer Prüfstein der italienischen Küche zeigen sich die Penne all’arrabbiata. Sofort erschnuppert die Nase köstlichen Knoblauchgeruch, die Schärfe treibt angenehm den Schweiß auf die Stirn, die Tomatensoße ist etwas dünn – und alles in allem zwar solide, aber letztlich doch etwas nichtssagend wie die halbgetrocknete Petersilie aus Streudosen (offensichtlich die Lieblingsgarnitur im il pomodoro).

Wahrscheinlich am deutlichsten sind die kulinarischen Defizite an den Desserts zu spüren – denn mit dem Wiedererkennungswert der süßen Gerichte hapert es. Sei es beim Tiramisu, das nach allem schmeckt, nur nicht satt nach Mascarpone, und mit zuckerhaltigem Kakaogetränkepulver bestreut ist (eine Sünde), oder sei es bei der geschmacksbefreiten und körnigen Panna cotta, die erstickt unter einer penetranten Schicht klebrigsüßer Johannisbeermarmelade mit einer Krone billiger Schlagsahne aus der Sprühdose.

(Um die letzten beiden Absätze ins Positive zu wenden: Die Gerichte sind entsprechend günstig. Ein vegetarisches Drei-Gänge-Menü mit einem Viertel Wein kostet unter 20 Euro.)

Prinz vergibt ganze fünf Punkte auf der Bewertungsskala. Das ist gut gemeint, viel zu gut. Seien wir ehrlich: Wenn das Essen im Mittelpunkt stehen soll (und darf!), sind in Stuttgart definitiv andere italienische Restaurants vorzuziehen. Für den ganz spontanen Besuch in herzlich-familiärer Atmosphäre oder auch für den schmalen Geldbeutel ist das il pomodoro aber immer wieder eine sympathische Wahl.

il pomodoro: Filderstraße 25 – 70180 Stuttgart-Süd

Brunnerz ist kein Brunnengold

Das Brunnerz in Stuttgart-Mitte ist kein Ort, an den ich mich zufällig hineinverirren würde, zu kühl und spröde wirkt das Gebäude von außen, zu weitläufig die Lounge hinter den Fensterwänden, ganz kurz weht ein Hauch von Billigkeit über die weltmännische Fassade. Verhaltenes Aufatmen, steht man doch mal drinnen: die massiven Holzmöbel machen sich so schlecht nicht.

Als Einstieg in die karibisch-amerikanische Küche lockt das „Presidente“, ein teures Importbier aus der Dominikanischen Republik – „una cerveza tipo Pilsner“ mit dem Beigeschmack einer faden Kolonialbrühe. (Auf der anderen Seite: Dafür, dass es in einer grünen Flasche abgefüllt ist, war es gar nicht so übel …)

Glaubt man den Internetkritiken, steht es um den Service schlecht im Brunnerz. Das waren sicherlich Erfahrungen von Samstagabenden, wenn die Lounge zum Bienenstock wird und die so coolen, so männlichen Kellner die Fasson verlieren. An einem ruhigen Montagabend können sie hingegen mit graumeliertem Dreitagebart und tiefem Kinngrübchen einfach weiter cool und männlich bleiben, ohne dass es zur Servicekatastrophe kommt.

Steht der Teller erst mal sicher auf dem Tisch, erwischt sie einen doch, die Katastrophe: Das Essen ist fad. Die Tapas sind reizlos (ich glaube nicht, dass man Tapas schlimmer beleidigen kann), der Cesar’s Salad besticht ausschließlich durch zu viel Salz, der Burger immerhin ist anscheinend „ganz okay“. Hähnchen, in jedem zweiten Gericht vertreten, haben wir uns verkniffen: Die stammen hier garantiert nicht aus „glücklicher“ Aufzucht. Der abschließende Kaffee zweitklassig, die Rechnung im Verhältnis zur Qualität zu hoch.

Der allererste Instinkt hatte doch nicht getrogen: billig wie der scharfe Desinfektionsgeruch auf der Toilette.

Durchgefallen.

Brunnerz: Rotebühlplatz 10 – 70173 Stuttgart-Mitte

http://www.brunnerz.de/