Wanderer in der Nacht

Zum Abschied leuchten mir Geißhorn, Hochvogel, Großer Daumen, Widderstein noch einmal schneeweiß auf. Das Massiv der Zugspitze im Osten entflammt im Licht der untergehenden Sonne orangefarben, die Nagelfluhkette gen Bregenzer Wald beschattet sich bereits. Mir ist eigenartig traurig und mutlos zumute. Im Norden, wohin der Zug sich wendet, dunkle Wolkenbänke.

*

Es lacht die Gesellschaft am großen Tisch. Weingläser heben sich blitzend ins Licht, Worte wie „Klappentext“ oder „Verlagskanäle“ retten sich aus dem Stimmengewirr. Am kleinen Tisch, einen halben Raum entfernt, sitzt der einzige andere Gast, ein Lektor, hungrig vom langen, späten Treffen mit dem Herausgeber, dem Büro entronnen, und lächelt milde in seinen Primitivo.

*

Güterzüge schneiden sich durch die Nacht, eine junge Frau kotzt, locker sitzt die Aggression der Männer, ein altes Wesen irrt von Bahnsteig zu Bahnsteig auf der Suche nach Pfandflaschen oder ein bisschen Linderung des Schmerzes längst verlorener Hoffnungen.

Und du lässt dir ein Fell wachsen, als wärst du ein Tier.

Tiger_Bar_Nacht

ایها المسافرون في الیل

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Auch er ein Sohn Englands

„Er sagte sich: Es muß doch eine Zeit gegeben haben, als es mir leichtfiel, mit anderen Menschen zusammenzusein, und versuchte, sich zu erinnern, konnte sich aber nur an das Wasser erinnern, das von den Rudern tropfte, an seinen Vater, der schweigend verharrte, an das Licht früh am Morgen, die müde Heimkehr.“

„… stark deklamatorischer Sprechgesang“, sagt die Stimme im Radio, als ich mir kochendes Wasser über die Finger gieße. Genauer gesagt, hatte es vor vielleicht 30 Sekunden gekocht und rinnt nun, ohne Schaden zu verursachen, an den Fingern herab. Vielleicht reicht diese knappe Zeitspanne bereits, Wasser so weit abzukühlen, dass es keine Verbrennung hinterlässt. Den Abend habe ich mir freigehalten für ein paar dringliche Arbeiten am Schreibtisch, die ich am Wochenende nicht erledigt hatte oder die Woche davor nicht oder die an diesem Montag ganz neu hinzugekommen waren. Nichts davon mache ich, sitze stattdessen an einem Blogartikel, den zu schreiben ich niemals geplant hatte. Muss so etwas, eine solche Verschiebung des Verschobenen, nicht irgendwann in die sichere Katastrophe münden? Aber vielleicht ist es ja genau andersherum, nicht das drohende Gericht am Ende, sondern im Gegenteil das pure, reine, schlicht: allernormalste Leben, Normalzustand also einer Gegenwart, solange wir über Gegenwart verfügen.

Graham Greene habe ich zu Ende gelesen, weil es nur noch ein paar Seiten waren, nachdem ich aus der Stadtbahn ausgestiegen war. Auffällig war in der Bahn übrigens nichts gewesen, weder am Morgen noch abends, so wenig, wie die Straßen leerer waren nach dem heute in Stuttgart ausgerufenen Feinstaubalarm. Den Mahnungen auf allen Kanälen, vom Individualverkehr per PKW möglichst abzusehen, haben offenbar nicht viele Aufmerksamkeit geschenkt. 2017, so las ich gestern, 2018, so zeigte mir die Zeitung heute an, könnten Fahrverbote in der Kesselstadt drohen, sollte sich das Problem nicht durch freiwilligen Verzicht lösen lassen. Ich spare mir das (wahlweise bittere oder höhnische) Lachen.

„Ein Sohn Englands“ (England Made Me, 1935) ist ein Frühwerk des britischen Romanciers Graham Greene und erwartungsgemäß ein wenig quälend, wie Greene es oft – keineswegs immer – ist. Schuld daran ist nicht zuletzt sein Katholizismus (Greene konvertierte als junger Mann zur Überraschung seiner anglikanischen Umgebung). Den hätte er besser aus seinen Büchern heraushalten sollen, denke ich mir, was interessiert mich schließlich der literarische Renouveau catholique, und ein Freund hatte einst sehr treffend formuliert, besser als ich es aus der Erinnerung kann, was plage sich Graham Greene mit katholischen Problemstellungen, die doch längst keine mehr seien. So sagte er treffend in einem kleinen Café einer kleinen Universitätsstadt, in dem … Aber das tut nichts zur Sache. Andererseits, einfach durchfallen lassen, das geht auch nicht, schließlich tauchen da im Dunstkreis der literarischen „Katholischen Erneuerung“ ja einige wirklich große Autoren auf, gerade auch im eigentlich gar nicht katholischen Großbritannien, T.S. Eliot zum Beispiel oder Evelyn Waugh oder eben Graham Greene.

„Ein Sohn Englands“ also, quälend mit seinem schäbigen Milieu, seinen schäbigen, abgewetzten, allesamt in irgendeiner Weise armseligen Protagonisten: Anthony Farrant, ein heimatloser, weicher, kleinbürgerlicher Aufschneider, der alle und sich selbst im Besonderen belügt, ein empfindsamer Verlierer, ach Tony, wenn da nur nicht dein Charme wäre; seine Zwillingsschwester Kate, die es mit Fleiß und Selbstverleugnung bis ins Vorzimmer und Bett eines Multimillionärs gebracht hat (und ihrem so geliebten Bruder eine Stellung verschafft, die er – so viel darf ich verraten – doch auch nur wieder eine Woche lang innehaben wird); Krogh, der schwedische Schwerindustrielle aus kleinbäuerlichen Verhältnissen, der spröde Krogh, hart in seiner Macht, bemitleidenswert in seiner Steifheit; Minty, dieser jämmerliche, heimwehkranke Schmierblattjournalist, zu magenkrank, um seinen Kaffee heiß zu trinken – das „Meßbuch im Schrank, die Madonna, die Spinne unter ihrem Glas verschrumpelte, ein Zuhause in der Fremde“ … Quälend die Lügen und Hoffnungen und die hoffnungslose Liebe, die Suche nach Erlösung und die Ahnung, dass es sie nicht geben wird. Und gelegentlich quälend sogar die Vergleiche: „Er war wie eine niedrige, bittere, braune Rauchsäule. Feindseligkeit stieg aus den Kappen seiner Wildlederschuhe hoch, lag wie Schuppen auf seinem Mantel.“

Aber quälend, das heißt ja nicht unbedingt schlecht (übersehen wir die letzte, bissige Bemerkung), und ich will nicht von diesem Buch oder gar dem Autor abraten, im Gegenteil, Greene mag quälend sein, aber er ist ein meisterlicher Romancier (kein genialer Künstler, sondern jemand, der ein Handwerk auf die höchste Ebene hebt), und auch quälend ist er nicht immer, denn er kann ja auch britischen Humor, wie er später bewiesen hat, und er kann das Beste von allen literarischen Möglichkeiten überhaupt: nämlich Lieblingsromane. „Die Stunde der Komödianten“ (The Comedians, 1966), die auf Haiti unter der Terrorherrschaft von Papa Doc und seinen Tonton Macoute schlägt (mit den Stars Richard Burton, Elizabeth Taylor, Peter Ustinov und Alec Guinness – sagen wir einmal: gefällig, aber unter keinen Umständen gleichwertig mit dem Roman – verfilmt), wird auf jeder Liste meiner meist geschätzten Romane landen.

Ich werde daher weiterhin Graham Greene lesen und freue mich schon auf den nächsten Roman von ihm. Und sei er aus dem Frühwerk oder sei er noch so katholisch.

„Sie schob die Hand unter seinen Arm, und die Vase rutschte und fiel hin und lag in blauen, häßlichen Scherben zu ihren Füßen wie eine zerbrochene Flasche am Ende einer durchzechten Nacht.
Macht nichts‘, sagte er zärtlich und zog sie fester an sich, ‚wir haben ja noch den Tiger.‘“

Abwege?

اين ببر است؟

Und schon kann ich auf Farsi fragen: „Ist das ein Tiger?“ So viel zum Thema nützliche Fragen. Obwohl, für mich eigentlich schon.

*

Der Plan war beim Kaffee beschlossen: Eine Stunde lang gehe ich in einem strikten Rechts-links-Rhythmus durch die Straßen. Bei einem zugrundegelegten Quadratmuster hätte ich mein Ziel in Stuttgart-Nord, vielleicht am Killesberg, erwartet. Es dauerte recht genau eine halbe Stunde, bis ich zum ersten Mal eine Straße betrat, in der ich noch nie gewesen war. Meine Route aber führte mich da schon längst ganz woanders hin als vermutet, denn die Auswirkung diagonaler Straßenverläufe hatte ich gründlich unterschätzt. Und so lande ich am Ende im Heslacher Wald, kurz vor der Heidenklinge – tief im Stuttgarter Süden statt im Norden.

Merke: Nicht auf die klaren Entscheidungen kommt es letztlich an, sondern auf die schiefen, schrägen, gewundenen Wege, die wir gehen.

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Wege, die sich öffnen. (Handyfoto – nicht zum Vergrößern geeignet.)

Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 3)

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Wie schamlos junge Männer sein können. Laut sind die deutschen Jungs, als sie spät nachts in den Schlafsaal kommen, laut sind sie morgens, laut und ungehemmt. Und dann erzählen sie noch, dass sie nachts ins Waschbecken des Zimmers gepinkelt haben, um nicht die zehn Schritt über den Flur aufs Klo zu müssen. Mir tun die zwei englischsprachigen, flüsternden Mädchen leid, die noch mit im Zimmer sind und all das ertragen müssen. Ich frage die beiden schließlich, ob sie es aushalten unter all den lauten Deutschen. Es beeindruckt mich, als das kleingewachsene Mädchen zu einer Beschwerde anhebt. Die anderen werden sich später über es lustig machen. Ich schäme mich.

48.

Der Himmel hängt tief. Nur ein paar Schritte von meiner Unterkunft entfernt betrete ich fürs Frühstück das „Moreish Café Deli“ an der Ecke Marchmont Street. Spanisch-englische Speisen und Feinkostwaren, andalusische Kachelwände, ansprechende Holztische, ein wunderbar robuster, thekenartiger Tisch entlang der Fensterwand. Das rissige, verfärbte Holz erinnert mich an den großen Küchentisch meiner Kindheit, der Ausblick durch die Glasfront aufs Straßenleben gefällt. Eine hübsche Spanierin erklärt mir die ganze Auswahl an Frühstücksmöglichkeiten. Was da nicht alles lockt: verschiedene Tortillas, Membrillo aus Quittenmus, Serranoschinken … Ich entscheide mich dann doch für einen englischen Pudding mit Creme anglaise zum Café con leche. Es scheint mir, es ist mein erster süßer englischer Pudding: ein köstlicher, saftiger Auflauf mit Trockenfrüchten. Während ich Gabel für Gabel dieser kulinarischen Sünde absteche und den Kaffee genieße, bedaure ich, dass sich das Frühstück nicht beliebig in die Länge ziehen lässt. Und dann bin ich auf einmal genervt und froh, das Café zu verlassen, als ich zum dritten Mal den Satz der Spanierin gegenüber Kunden höre: „Then you pay first, please.“

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Und weiter geht es

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Ein Schwarzer, das Smartphone am Ohr, eine Mütze kühn auf dem Kopf, schwarze Jogginghose und einen Bundeswehrparka mit der deutschen Nationalflagge. Ich hatte genau einen solchen Parka einmal in einem Kanadaurlaub getragen, ausgeliehen von einem Kroaten. Die Flagge am Ärmel war mir, typisch deutsch, peinlich gewesen.

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Ein gestählter Grauhaariger in schlichten Alltagsklamotten − dunkle Hose, blaues T-Shirt, Beutel am Gürtel − quert die Straße. Die muskulösen, tätowierten Unterarme sind nackt. Man ahnt das Spiel der Muskelstränge im Rhythmus, in dem sein Daumen über das Display tanzt.

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BT Tower

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Neonweste, Neonjacke, Neonrucksack, Neonhelm − allgegenwärtige Utensilien der Radfahrer in einem Land des Dämmerlichts.

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Eine ruhige Straße mit identisch aussehenden Häusern auf beiden Seiten: die kurzen Treppenaufgänge alle mit schwarzem Geländer, oben Holztüren, alles weiß und schwarz, keine Farbe, die das Muster durchbricht. Auf den ersten Blick wirkt das Sträßchen schmuck, auf den zweiten schäbig. Manchen Häusern mangelt es an Pflege und Instandhaltung, einige stehen leer und zum Verkauf, an allen anderen stehen und hängen Plastiktüten voller Müll. Ein paar der Tüten sind aufgeplatzt oder womöglich auch mutwillig ausgeschüttet. Abfall fließt dann über die Treppenaufgänge hinab. Nur ein einziges Haus hat kleine Mülltonnen am Gitter der Treppe hängen − eine beinahe spießig wirkende, jedenfalls hoffnungslose Insel in dem Straßenzug. Der Weg entpuppt sich als Sackgasse. Ich mache kehrt. Trostlosigkeit schleicht sich hinter mir auf die Straße, um das winzige Vakuum zu füllen, das ich hinterlassen habe.

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Marylebone, die Kirche im Rücken

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Ein kalter, feuchter Vormittag eine Woche vor Weihnachten. Ich zittere unter meiner Regenjacke. In einem Park machen zwei junge Frauen in billigen Kunstfaserklamotten Gymnastik. Sie versuchen sich an Gleichgewichtsübungen, sie hüpfen auf einem Bein herum. Eine Weile schaue ich zu, dann drehe ich plötzlich den Kopf, als wäre mir bewusst geworden, dass ich sie bei etwas Unanständigem beobachten würde.

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London ist fabelhaft mit Orientierungshilfen gepflastert. An jeder Bushaltestelle hängen Karten von ganz vorbildlicher Natur: der eigene Standort ist zentriert, zwei Kreise zeigen einen Umkreis von fünf bzw. 15 Gehminuten an. Nur eines ist verwirrend: Die Karten sind nicht genordet, ihre Ausrichtung wechselt von Haltestelle zu Haltestelle, von einer Karte zur nächsten. Manchmal möchte man sich auf den Kopf stellen, um seine Richtung wiederzufinden.

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Die Kuppeln der London Business School

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Hinter den Bäumen des Regent‘s Park schimmern fast rosa verzierte Kuppeln. Ein indischer Moghulnpalast? Es fehlen nur noch die Tiger im Unterholz des Parkes. Aber die gibt es am anderen Ende des Parks im Zoo of London. Hier, an den Wasserläufen der Südseite, kreischen, krächzen, jaulen, schnalzen, grunzen, gurren nur die Vögel. Unterbrochen von dem harten, konzentrierten Schlagen Aberdutzender Flügel, wenn eine ruckartige Bewegung am Ufer das Federvieh aufschreckt.

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Nur einer aus der Vögel Schar

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An einem kleinen, blattlosen Baum, er besteht fast nur aus einem Gewirr allerkleinster Ästchen, knarzig, hart, verdreht und abweisend, einem einsamen Guerillakämpfer in rauen Landen, leuchten rote Beeren. Die einzige satte, kräftige Farbe hier im Park. Die frohe Botschaft des krummbeinigen Rebellen.

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Und hinter der nächsten Wende Palmen in London. Eine Amsel pickt an den mickrigen Fruchtständen. Subtropisches Weihnachtsmahl.

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Queen Mary’s Garden im Rgent’s Park

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„Hello Sir, what do you have spotted?“ Der Mann mit der Kappe, der mit einem Begleiter mit Rasenstecher die Pflanzungen inspiziert, wechselt die Straße, um den still dastehenden Herrn mit Brille, Schnurrbart und Fernglas auf der Brust anzusprechen. „Oh, well …“, braucht der Angesprochene erst einige Momente, sich in der Menschenwelt zu orientieren. Dann entspinnt sich ein kleiner Schwatz über den Wiesenzaun hinweg, wie zwischen zwei Nachbarn.

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Immer wieder Frauen mit drei oder vier Hunden an der Leine. Der Radrennfahrer zieht derweil mit verzerrtem Gesicht seine Bahnen auf dem asphaltierten Inner Circle rund um Queen Mary‘s Garden − seine beinahe private Rennbahn, immerzu im Kreis herum. 85 Sekunden benötigt er für eine Umdrehung. Wie viele Runden er wohl macht?

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Jenseits der weiten Grünfläche, die sich endlich auftut, ragen, irgendwo beim Zoo, große, massive, verwinkelte Bauten in verwaschenen Sandfarben empor. Die Monströsität der Bauten erinnern an eine Festung, ein bisschen an die Flaktürme in Wien. Ihr Zweck, so rätselhaft er auf die Ferne ist, dürfte allerdings viel friedlicher sein diese Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg, Kletterareale etwa für Bergziegen im Zoo. Beim Näherkommen geht es mir dann wie Jim Knopf mit dem Riesen: immer kleiner wirken die Berge, immer weniger monströs, je näher ich komme.

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61.

Mit wiegenden Schritten stolziert die Giraffe vorüber, graziles Gleichgewicht von vier Schritt Höhe.

62.

21 britische Pfund Sterling trennen mich vom „Tiger Territory“. Ich entscheide mich gegen einen spontanen Besuch im Zoo. Ein solcher Eintrittspreis löst selbst den Bann der Giraffenschritte.

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Alles Tiger Territory?

63.

Das helle Blau fesselt meinen Blick zuerst: ein dreistöckiges Gebäude, Ziergiebel über den geviertelten Fenstern, leichte Formen, passend dazu die Farbe. Und es ist nicht allein. Ein Haus an das andere reiht sich in schmucken, sauberen Pastellfarben. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Farbton. Nirgendwo habe ich bisher London so leicht und heiter erlebt, ohne dabei in Übermut zu verfallen, wie hier, wo die Albert Terrace in die Regent‘s Park Road einmündet.

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64.

66,7 m über dem Meeresspiegel genügen. Auf dem Aussichtspunkt von Primrose Hill habe ich zum ersten Mal einen Blick über die Stadt, über die Bezirke, die ich bereits abgelaufen bin. In die steinerne Ummauerung des Aussichtspunktes ist ein Vers von William Blake eingemeißelt.

I have conversed with the spiritual sun.
I saw him in Primrose Hill.

Der Dichter also hatte etwas ganz anderes vor Augen als wir heute hier oben. Der Mann, der breitbeinig, die Arme konzentriert in zwei verschiedenen Winkeln vom Körper ausgestreckt, am Hang steht, ist vielleicht eher ein Erbe Blakes. Vielleicht sind es Chi-Übungen für den richtigen Fluss unsichtbarer Energien, bevor er seinen Fußmarsch fortsetzt, wieder hinein in die Stadt.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

For Tigers Everywhere − International Tiger Day

Tyger! Tyger! burning bright
In the forests of the night,
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

(William Blake, The Tyger)

Viele sind es nicht mehr, weltweit leben noch rund 3000 von ihnen in freier Wildbahn. Daran erinnert der heutige Welttigertag (International Tiger Day, Global Tiger Day). „Entering the Age of Extinction“ untertitelte Richard Ives seine faszinierende Spurensuche nach dem Tiger und daran hat sich in dem Vierteljahrhundert seit den Reisen, die schließlich zu seinem Buch „Of Tiger and Men“ führten, nichts geändert. Immerhin, die pessimistische Schlagzeile auf dem Buchumschlag scheint sich nicht bewahrheitet zu haben: „In twenty-five years, tiger will habe vanished from the earth.“ Grund zur Entspannung gibt es allerdings keinen. Die Zahl der Tiger sinkt weiter.

Soy el tigre.
Te acecho entre las hojas
anchas como lingotes
de mineral mojado.

(Pablo Neruda, El tigre)

Irgendwann um die Jahrtausendwende, als es zwar schon üblich war, sich E-Mails zu schicken, internationale Geldtransaktionen übers Internet aber noch alles andere als gängig waren, schrieb ich kurz vor Weihnachten dem Tiger Trust India eine Nachricht. Ich wollte Tigern aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, meine Dankbarkeit erweisen und der Stiftung eine kleine Spende zukommen lassen, ein Weihnachtsgeschenk, und bat um Informationen zur Bankabwicklung. Ein britischer Mitarbeiter der Stiftung meldete sich zurück, sehr freundlich und ein wenig verzweifelt. Seine wenigen Zeilen waren überraschend persönlich: Er war über die Weihnachtsfeiertage ganz allein auf der Station in Indien, alle Kollegen waren bei ihren Familien und er war einsam − überarbeitet und einsam. Aber er half mir weiter. Und so machte ich die erste Auslandsüberweisung meines Lebens über einen lächerlichen Betrag, denn ich war noch Student und Geld immer knapp.

And then I heard it. Although far away, the sound carried clearly in the cool night air: ‚Ba-oooh-ah! Ba-oooh-ah!‘
Involuntarily, instinctively, my hand closed on the stock of my rifle, as the old, frightening thoughts, born of the age-old jungle rumour, once more impinged themselves on my mind. The ghastly partners were on the prowl again. Would that uncanny jackal guide the tiger to us, just as he had done two nights previously?
The answer came, almost like a spoken reply to my unvoiced thoughts: ‚A-oongh! O-o-n-ooh! Aungh-ha! Aungh-ha!‘

(Kenneth Anderson, The Call of the Man-Eater)

Lange Zeit war die Rolle des Tigers in der Literatur festgelegt, wie in dieser (zugegeben, spannenden und gekonnt geschriebenen) Kurzgeschichte des 1910 in Indien geborenen Kenneth Anderson: als König des Dschungels, als Menschenfresser gar, der die Jagdlust des Menschen herausfordert und ihm, der zweibeinigen Krönung der Schöpfung, weichen muss, ein ums andere Mal. Nicht zuletzt diese Haltung führte dazu, dass der Tiger innerhalb eines Jahrhunderts (um 1900 soll es rund 100 000 freilebende Tiere gegeben haben) beinahe ausgerottet wurde. Von allen Texten über den Tiger − zoologische Werke, Romane, Abenteuergeschichten, Reiseberichte, Gedichte, Kinderbücher − hat mir Richard Ives‘ „Of Tiger and Men“ am besten gefallen: eine Reise durch Indien, Nepal und Südostasien auf der Spur des Tigers − und nicht zuletzt auch jener merkwürdigen Spezies geheimnisvoller Wanderer und „Tigerleute“, die sich dem Schutz der aussterbenden Großkatze verschrieben hatten.

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Brüderliches Geschenk (Holzschnitt)

Two minutes later, the howdah steeply tilted, the elephant steps down into a dry streambed dappled with irregular pools of filtering light, the sandy bottom everywhere impressed with tiger tracks. As though we were a group of medieval pilgrims stunned by some holy visitation, no one has uttered a word. At last, it is Amar who breaks the silence. Turning to Bob, a broad grin on his face, he asks, „Well, Bob, was this close enough for you?“
I wince. Though Amar has not noticed it, Bob is still trembling, and I have no idea how he will take this kind of teasing.
„Yes, Amar“, he says at last, his voice just slightly shaky, „that was definitely close enough.“
„Close enough to pluck one of the tiger‘s whiskers?“
„I‘d say so.“
„And did you pluck one?“
„No, I didn‘t, Amar.“ Bob smiles. „Frankly, I was too worried that I was going to pee my pants.“

(Richard Ives, Of Tiger and Men. Entering the Age of Extinction)

Ich hatte das Buch in einem Sonderangebot in Kanada erworben, zufällig, und ich erinnere mich daran, wie ich auf einem Felsrund, der den Nadelwald von Vancouver Island durchbrach und einen weiten Blick über den See und die Bäume zuließ, darin las. Tiger gab es in dieser Wildnis selbstredend nicht − zum Glück −, nur Pumas. Auf dem Rückweg zur Hütte fand ich ein kläglich schreiendes Kätzchen im Gebüsch. Als ich mich dem armen Ding näherte, überfiel mich plötzlich Angst: Was, wenn es ein Pumababy ist und gleich die Mutter zurückkommt? Das war natürlich Unsinn und das Tier einfach nur ein von einem mitleidlosen Besitzer ausgesetztes Hauskatzenjunges, beruhigte ich mich. Ich nahm das Tier, das blind auf mich (auf meine Geräusche) zustolperte, in die Hand, sofort wurde es still und sog an meinen Fingern. Milch kam keine. Und da fing es wieder zu klagen an. Ich versuchte alles, was ich konnte, um dem Tierchen zu helfen, es bei den wenigen Häusern, die es am See gab, unterzubringen. Zwecklos. Am Ende legte ich es ins Gebüsch zurück, es schrie und schrie, und ich wusste, dass ich es damit dem Tod aussetzte. Es war viel schlimmer, als wenn ich mich erst gar nicht um das Tier bemüht hätte. Es war eine Lektion des Todes für mich.

What does the tiger do? In Sundarbans the people say the tiger gives life to legends and prayers. The tiger works magic. The tiger materializes from nowhere, flies through the air, lands weightlessly on boats. The tiger disappears in water.

(Sy Montgomery, Spell of the Tiger. Man-Eaters of Sundarbans)

Wenn ich in Stuttgart die Wilhelma betrete, zieht es mich − an den putzigen Pinguinen, an den verspielten Robben vorbei − immer zu den Tigern. Und jedesmal wieder ist die Begegnung niederdrückend: Unruhig wie Rilkes Panther, aber ohne Anmut, dreht das Tier hinter den Gitterstäben seine Kreise, das Gesicht ist zerfurcht vor Qual, die Augen sind stumpf im psychotischen Wahn. Und ich wünsche mir, der Zoo wäre frei von Tigern, frei von Raubkatzen.

„Tigerin“, sagte er. „Das ist meine andere Mutter.“

(Chen Jianghong, Der Tigerprinz)

An dem Glas sind noch Reste schwarzer Streifen: Erinnerungen an eine Tigerparty vor rund zwölf Jahren. Die Gläser wurden mit Streifen bemalt, mit Fruchtsäften gefüllt sollten sie an den Tiger erinnern. Die Party war ein Erfolg. Noch heute sprechen mich manchmal Freunde darauf an, so kürzlich ein argentinischer Freund beim Wiedersehen. Dass er und seine Frau, wenn sie von mir reden, auch über diese Feier sprechen, auf der anderen Seite der Welt, macht mich (ich gebe es zu) ein wenig stolz.

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Letzte Streifen

Ich nehme einen Schluck aus dem Glas und werde nachlässig genug, diesen − kaum etwas anreißenden und doch schon viel zu langen − Beitrag zum International Tiger Day mit einer Geschichte abzuschließen, einer Episode um den Radscha und den Tiger. Einer alten Geschichte, einer naiven Geschichte vielleicht. Aber heute darf es sein.

Alles Gute, Tiger, sterbt nicht aus.

***

Ein kühner Jäger

Sie waren in einem Wald unterwegs und wanderten Stunde um Stunde. Als sie schließlich auf eine kleine Lichtung inmitten des Grüns kamen, meinte der Radscha: „Ich bin hungrig. Lass uns hier rasten und etwas zu uns nehmen!“

Tiger willigte gerne ein und so luden sie ihr Bündel ab und machten sich daran, einen Lagerplatz vorzubereiten. Der Radscha öffnete den Proviantsack, entnahm ihm zuerst eine dünne Decke und faltete sie gerade als Tischtuch aus, als wie ein Pfeil ein Tier aus dem Gebüsch hervorschoss und schon wieder darin verschwunden war, bevor der Radscha und selbst Tiger sich zu rühren wussten.

„Das Essen!“, rief der Radscha aus. „Der Sack ist weg! Er ist gestohlen worden!“

Noch immer verblüfft blickten sie um sich, als von einem Baume herab ein Lachen kam, ein heiseres, selbstgefälliges Lachen, langsam, frei von jeder Hast und Furcht. Tiger knurrte leise.

„He, du da!“, rief der Radscha empor. „Zeig dich, du Räuber!“

Da schob sich ein geschecktes Katzengesicht durch das Blätterdach und schaute auf die Wanderer herab.

„Vermisst ihr etwas?“, fragte der Leopard und strich sich geziert über die Schnurrbarthaare.

„Du also bist der freche Dieb!“, schmetterte der Radscha. „Gib sofort zurück, was du uns geraubt hast!“

„Holt es euch doch, wenn ihr es wollt“, entgegnete der Leopard lächelnd und verschwand wieder im Blätterwerk.
Tiger grollte lauter. Seine Schnurrbarthaare zitterten vor Wut.

„Warum gehst du nicht hinterher und verpasst dem dreisten Kerl eine Tracht Prügel, wie er sie verdient hat?“, wandte sich der Radscha an ihn.

„Ich bin zu schwer zum Klettern, o Prinz, und zu langsam für ihn, denn er ist es gewohnt, in den Bäumen zu leben. Und zudem könnte der Gefleckte so frech sein und gerade dann flink über dich herfallen, wenn ich eben im Unterholz verschwunden bin.“

„Tiger!“, empörte sich der Radscha. „Ich weiß mich zu wehren!“

Da schob sich über ihnen im Geäst erneut der helle Kopf aus dem Blätterdach hervor und der Panther lächelte trügerisch auf die Lichtung herab.

„Weißt du denn, wen du vor dir hast?“, rief der Radscha empor. „Ich bin der König dieses Reiches und Herr über all seine Länder! Und das ist Tiger, mein höchster Berater und mein General, Leibwächter und Freund dazu.“

„Mein Reich ist nur klein und Minister habe ich keine“, antwortete der Leopard seidenglatt, „aber ich habe wenigstens die Kontrolle über mein Reich.“

Vor Wut ballte der Radscha die Hände zu Fäusten. „So, Herrscher dieses Wäldchens nennst du dich? Dann bist du also, nehme ich an, so etwas wie einer meiner Statthalter?“

Der Leopard riss sein Maul zu einem gewaltigen Gähnen auf, dass die Fangzähne blitzten. „Ich erkenne niemanden über mir an. Wie könnte ich da dein Statthalter sein?“, sagte er gelangweilt.

„Du hältst dich wohl für unangreifbar, du Waldfürstchen“, grollte der Radscha. „Und was, wenn ich meine ganze Macht aufbringe und dein Reich abholzen und niederbrennen lasse?“

Hart blickten die dunklen Leopardenaugen zurück. „Was, glaubst du, soll das bringen? Wenn mich jemand übertrifft, dann weiche ich, aber ich unterwerfe mich nicht. Höre: Kein Gesetz, keine Regel bindet mich. Ich tue und unterlasse, was ich will. Wenn ich töten will, dann töte ich und wenn ich mich großzügig zeigen will, so tue ich es, wie es mir beliebt. Und glaube nicht, Menschlein, dass du mich mit all deiner Macht zu binden wüsstest. Niemand vermag das, denn ich bin mir mein eigener Fürst.“

Da begriff der Radscha, dass jeder Versuch, den Leoparden mit seinen Maßstäben messen zu wollen, scheitern würde.

Ratlos blickte er hoch zu dieser schönen Katze auf dem Baume, wie sie sich auf dem mächtigen Ast ausgestreckt die Tatzen zu lecken begann.

Da mischte sich Tiger ein: „Und was machst du gegen deine Einsamkeit?“

Der Leopard hob den Kopf und blickte forschend zu Tiger hinab. „Gegen meine Einsamkeit setze ich meinen Stolz. Gegen Schwäche meine Kraft, gegen Stärke meine Behendigkeit, gegen das Leben den Tod und gegen den Tod das Leben.“

„Schmerzt es nicht trotzdem manchmal, als würde dein Herz bluten?“, fragte Tiger ruhig weiter.

Würdevoll erhob sich der Panther und stand da in seiner ganzen strahlenden Schönheit über ihnen. „Einsamkeit ist Angst vor Leere. Und Angst vor der Leere ist Angst vor dem Tod. Aber ein kühner Jäger darf keine Angst vor dem Tode haben, denn er ist sein ständiger Begleiter.“

Mit einer raschen Bewegung wandte sich der Leopard auf dem Ast herum und so schnell und leise, wie er gekommen war, war er wieder verschwunden. Nur noch das grüne Blätterdickicht des Waldes umgab die beiden unten auf der Lichtung.

Nach einer Weile rührte sich der Radscha mit einem Seufzer und wandte sich Tiger zu. Die goldenen Augen blickten den Radscha an: „Er ist eine Katze“, sagte Tiger mit einem Achselzucken. Mit knurrendem Magen setzten sie ihren Weg fort, hinein in den Wald, wo die aufgeschreckten Vögel wieder zu singen begonnen hatten.

***

Und darüber hinaus:

Die Überschrift „For Tigers Everywhere“ ist die Widmung aus dem wunderbaren Kinderbuch „Mr Tiger Goes Wild“ von Peter Brown.

Mehr Informationen zum International Tiger Day gibt es hier.

Der indische Nationalpark Ranthambore ist eines der wichtigsten und bekanntesten Refugien für freilebende Tiger.

Will man sich auf einer deutschsprachigen Website über Tigerschutzprojekte informieren, empfiehlt sich sicherlich der WWF.

Ach ja, und bitte keine Selfies mit Tiger!

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Lieber so als Tiger-Selfies

Bloggeburtstag

Heute wird „Zeilentiger liest Kesselleben“ ein Jahr alt! Es war ein spannendes Jahr: viel gelernt und viel erfahren, neue Entdeckungen und neue Menschen, immer Freude am Blog. Ich sage danke. Ohne Euch, liebe Leserinnen und Leser, wäre der Blog nichts wert.

Statt einer Geburtstagstorte gibt es eine kleine Geschichte, einen Text, wie er an diesen Ort sonst nicht gehört. Und den Kaffee dazu, den trinken wir vielleicht einmal bei passender Gelegenheit.

Geschichten vom Radscha und dem Tiger – Der Aufbruch

„Tiger“, seufzte der Radscha, „ich bin unglücklich.“

Der Angesprochene hob den Kopf von seinen Tatzen und zog eine Augenbraue nach oben. „Unglücklich? Wo du doch Radscha bist? Was fehlt dir denn?“

„Das ist es ja: Ich weiß es selbst nicht. Alles ist so schal und fad. Weißt du – an jedem Tag dasselbe: Ich sollte mich über den neuen Tag freuen, wenn ich morgens aufwache, und auf den Balkon treten, um die Sonne zu begrüßen, aber was mache ich stattdessen? Ich wälze mich im Bett von einer Seite auf die andere, bis ich endlich doch mal aufstehe. Und wenn ich dann in den Spiegel sehe, blickt mir ein Griesgram mit verquollenem, blassem Gesicht entgegen. Und das ist nur der Anfang. Das geht den ganzen Tag und die ganze Woche und den ganzen Monat so weiter. Wie Langeweile, nur schlimmer.“

Selbstmitleidig stützte der Radscha das Kinn in seine Hand.

Tiger richtete sich auf. „Das ist nicht gut, das sollte nicht sein.“

„Und was rätst du mir, Tiger?“

Der blickte ernst aus dem Fenster hinaus, wo die Vögel über den schlanken Baumwipfeln schwirrten und die Luft unter dem blauen Himmel vor Hitze flimmerte. „Vielleicht brauchst du eine Änderung, o mein Prinz. Siehst du die Vögel dort draußen fliegen? Ich glaube, du solltest dich unter sie mischen.“

Der Radscha blickte mit neu erwachtem Interesse nach draußen, doch schnell fand sein Gesicht wieder zu dem Ausdruck von Missmut zurück. „Und wer soll sich um mein Reich kümmern, wenn ich dort draußen bin?“

„Radscha, Radscha“, tadelte ihn der Tiger mit einem sachten Lächeln. „Ein guter Herrscher sitzt nicht nur in seinem Palast wie die Spinne im Netz und harrt der Dinge, die da kommen mögen – oder es vielleicht auch nicht tun. Es ist sicherlich eine gute Idee, einmal hinauszugehen und nachzusehen, wie dein Reich denn tatsächlich beschaffen ist. Oder hast du es etwa schon durchforscht, vom einen Winkel bis zum andern, und kennst alle Wege und Strecken?“

„Nein“, bekannte der Radscha. „Das habe ich nicht. Da hast du Recht.“

Doch noch immer zögerte er. Bangen und Hoffen mischten sich in seinen Zügen, während seine Finger unruhig mit den Fransen eines Kissens spielten.

„Und wie soll ich die Reise machen, Tiger, mein Ratgeber? Wen nehmen wir in unser Gefolge? Wie gestalte ich den Hofstaat? Nehmen wir Elefanten und Standarten oder lieber stolze Reiter in Weiß und Silber oder Tänzerinnen und Trommler, die uns den Weg bereiten?“

Tiger musterte die Vögel vor dem Balkon. „Wenn du ein Tiger bist und dich unter Tauben mischen willst, wie verhältst du dich dann?“

„Ich werde zu einer Taube.“

Tiger nickte. „So ist es, junger Radscha.“

„For tigers everywhere“ − Peter Brown, „Mr Tiger Goes Wild“

mr.-tiger-jacket-from-FB-page-298x300Konventionen können so quälend sein. „Everyone was perfectly fine with the way things were. Everyone but Mr Tiger.“ Er leidet an den gesellschaftlichen Normen, an dem Korsett aus Höflichkeit und Zurückhaltung, an seiner Zwangsjacke aus Frack, Fliege und Zylinder. Alles ist graubraun, das bisschen Orange, das hie und da aus dem Innersten von Mr Tiger hervorschimmert, hat keine Chance in dieser wohlgeordneten, braven Welt. Es ist so deprimierend!

Und dann hat Mr Tiger eines Tages eine Erkenntnis, er wagt einen Schritt und noch einen − und steht am Ende aller Kleidung, aller Normen entblößt, da, stolz und strahlend. „Ist er nicht schön?“, fragt eine Freundin die andere, als sie gemeinsam das Buch durchblättern. Ihre Hand streicht zärtlich über den leuchtenden Körper des Tigers.

Schließlich lässt Mr Tiger alles zurück, er rennt in die Wildnis, „where he went completely wild“. Und weil es schließlich ein Kinderbuch ist und kein tragischer Roman, gibt es am Ende einen heiteren Ausgleich zwischen Individualismus und Gemeinsinn, Freiheit und Gesellschaft. Machen wir es also wie Mr Tiger − „everyone should find time to go a little wild.“

Peter Brown, preisgekrönter amerikanischer Kinderbuchautor und -illustrator, hat mit „Mr Tiger Goes Wild“ ein wunderbares, leichtes Buch zum Anschauen, Vorlesen oder Selberlesen (nicht nur) für Kinder vorgelegt. Die gebundene britische Ausgabe, im September 2013 bei MacMillan erschienen, war innerhalb weniger Monate ausverkauft, seit Januar ist eine Broschurausgabe im Handel. „Ich brauche das unbedingt für meinen Sohn!“, meint die gute Freundin, als sie das Buch zuklappt. Ich glaube, ich hätte den ganzen Stapel Restposten aus London mitnehmen sollen.

Peter Brown, Mr Tiger Goes Wild. Amerikanische Originalausgabe September 2013 bei Little Brown Books. Gebunden mit Schutzumschlag, 44 Seiten.