Kurze Gedanken auf einer Zugfahrt

Geht ein Plan nicht auf, muss er neu justiert werden. Die Lebenskunst ist es wohl, darin nicht eine Ungerechtigkeit oder ein Ärgernis, sondern eine Chance zu sehen.

*

Wie die Menschen in die Züge drängen, wie stumpfes, stieres Vieh, ist mir schon geradezu ekelhaft. Hier könnte, meine ich, die Zivilgesellschaft üben. Doch wie macht man das? Wo setzt man an?

*

„Plötzlich war es so dunkel, dass ich im Norden kaum mehr den schwarzen Himmel und das schwarze Meer unterscheiden konnte. Nur die hellen Lichter der fernen Fischkutter zogen langsam am Horizont entlang; wie große Mähdrescher, die die Dunkelheit einfuhren, markierten sie die Trennlinie zwischen den beiden.“ (Robert Macfarlane, Karte der Wildnis)

*

Der Punkt Baden-Württembergs, der am weitesten von einer Bahnlinie entfernt liegt, dürfte in Hohenlohe liegen, das legt die Streckenkarte nahe.

*

Der Friede des Abends im letzten Licht. Die Menschen auf den Bahnsteigen, Massen untertags, Verlorene nachts, sind in dieser Stunde befreundeten Wesen gleich. Selbst der Güterzug fährt behutsamer durch den Bahnhof als gewohnt.

*

„Wie gut: Zu gehen und zurückzukehren. / Man könnte Schlimmeres sein als Birkenschaukler.“ (Robert Frost, Birken)

Allgäu_Hoinzen

Sauber aufgereihte „Hoinzen“

Advertisements

Hohenlohisches Itinerar

Flimmern über den Gleisen. Reicher Sommer, und sei’s nur heute.

*

LIMES steht auf dem Stein. Ich quere die unsichtbar gewordene Linie und betrete Barbarenlande. Über mir glüht die Sonne.

Die Stadtrandsiedlung ist neu, die zwei Reihen von Erdschüttungen an ihrem vorläufigen Ende schiere Blumenpracht: ein Paradies auf modernen Wällen.

An der baumbeschatteten Kreuzung eine Unsicherheit. Hunde bellen mich an. Ich schlage den falschen Weg ein, korrigiere mich nach einem Blick auf die Karte und mache kehrt. Die dicke Frau auf der Bank, an der ich eben noch fremd und schweigend vorüber bin, spreche ich nun an. „Da habe ich doch den falschen Weg genommen.“ Sie greift den Ball fröhlich auf: „Und das bei diesem Wetter!“ Große Traktoren, Mähmaschinen.

Unter der Autobahn hindurch. Das letzte Mal auf ihrer Fahrbahn über mir dürfte um 4 Uhr morgens nach einem langen Konzertabend in Nürnberg gewesen sein. Eine Band kündigte auf dem kleinen Progrockfestival einen Coversong von Kansas an und ich brüllte meine Begeisterung hinaus, als einziger im Saal. Die Rückfahrt eine Qual aus Müdigkeit und Winterregen, ich war sterbensmüde und wagte nur deswegen nicht, auf dem Beifahrersitz einzuschlafen, weil ich spürte, wie der Fahrer selbst mit seiner Müdigkeit kämpfte und kämpfte. Gemeinsam haben wir es geschafft.

Hinter der Unterführung Weinsbach, hübsch und beschaulich wie sein Name. Am Dorfende zwei Jungs vor mir, sie biegen ab zu einem Trampolin, werfen mir nur einen Seitenblick zu. Ich hätte sie gerne gegrüßt, aber zu rasch drehen sie dem Fremden wieder den Rücken zu. Auch der Mann an dem beschatteten Fischteich misst mich mit misstrauischem Blick. „Grüß Gott, falsch abgebogen“, sage ich und seine Hab-acht-Stellung wird zum Gönnertum: „Ja, das kommt vor.“

Nicht in die Allee mit den silbrighohen Bäumen hinein, sondern in einem Bogen den Hügel hinauf. Ein Moped überholt mich. Als ich die Kuppe erreiche, hat es bereits die folgende Höhe erklommen.

Gelbes Getreide (ich möchte gilbend schreiben, wie Lakritze es tut), goldenes Stroh, Baumreihen in den Tälern, im Blau des Himmels ein Raubvogel. Von den Kirschen am Wegesrand nasche ich eine, dann eine zweite nur und bete, der Besitzer möge die Früchte mit allem Ernst und aller Hingabe ernten und sie nicht etwa verkommen lassen, denn köstlicher als diese können Kirschen nicht sein.

Gehöfte, groß und steinern und einsam. So stehen ihre Namen auf der Karte: Haberhof, Göltenhof, Orbachshof. Dazwischen immer wieder ein Hungerberg. Gewellt ist das Land, ohne weite Sicht, hell und trocken und still. Provinz, ganz warm.

In der Senke eine Furt, klares Wasser strömt, erst auf den zweiten Blick sehe ich das Brücklein für Fußgänger zwischen den Büschen. Heu ausgestreut auf dem Weg hinauf auf den nächsten Hügel, der goldene Schnitt des Ackers führt direkt in den Himmel. An der Wegkreuzung ein Baum, eine Bank. Ein Auto irgendwo, kein Mensch zu sehen. Erhabenheit in kleinen Dimensionen, dem Menschen gerecht.

Die Mittagsstube des Hirschen ist voll besetzt. Der Duft von Sonntagsbraten und neugierige Blicke auf den schweißglänzenden Wanderer. An der Theke warte ich geduldig, ich zahle das alkoholfreie Weizen gleich, das Herbsthäuser schmeckt köstlich. Der Neunfingerwirt kommt aus der Küche, begrüßt Stammgäste, knüpft dann ein Gespräch mit mir an. Wenige gehen diesen Wanderweg, erzählt er in seinem westfränkischen Dialekt. Es ist halt doch nicht der, der … Er stockt, sucht nach einem Namen, als er nicht weiterkommt, helfe ich aus: „Der Jakobsweg.“ „Genau“, ruft der Wirt. „Und ich wollte schon sagen: Johannesweg! Das eine wie das andere.“

Im Tal dann eine neue Seite: Pfade durch den Auenwald. Fröhliches Kindergeschrei, ein Flüsschen, plantschende Menschen zwischen Bäumen.

Die Kupfer mündet in die Kocher, auch hier schwimmen Kinder im Gewässer. Eine Blaskapelle spielt auf der Uferwiese. Forchtenberg selbst, Geburtsort von Sophie Scholl, liegt im Mittagsschlaf, die Weinstube Winkler ist noch zu. Ich werde für sie einmal wiederkehren mit einem Freund aus der Region oder für den Freund wiederkehren zu ihr, irgendwann einmal.

*

Diese Dorfbahnhöfe zwischen Einsamkeit, Flucht und Heimat. „Schön, dass du da warst.“ Und ein junger Mensch nickt unter seiner Sonnenbrille, packt seinen Rucksack und zieht wieder hinaus in die große Welt.

HohenloheHohenlohe_AckerHohenlohe_WaldHohenlohe_Forchtenberg

Kant abgeworfen

„Unser dummer europäischer Kulturrelativismus ist eigentlich nur linksgewendeter Heidegger.“ Tischgespräche.

Da stehe ich beim Väterchen. Ein Reiterhelm treibt in den Wellen, kommt nicht voran, weil der Riemen in Geäst verhangen. Metallisch knarzt es, wo Kahne an Landungsbrücken liegen. Der Wind weht streng und frisch, als wäre es hier das Meer und nicht der Rhein. Wo ich stehe, hatten die Römer vor fast 2000 Jahren eine feste Brücke über den Fluss gebaut. Drüben leuchtet das Oktagon des „Pegelhauses“, einst das Fundament eines Tretradkrans, diesen Hamsterrädern bekannt von Abbildungen mittelalterlicher Großbaustellen. Wellen klatschen an das Ufer, flache Holländer schieben sich surrend stromaufwärts, stromabwärts. „Sulamaro“ – ist der Schiffsname ein Anklang an Indonesien, an die exotische Welt der niederländischen Kolonialvergangenheit? Somerset Maugham und Eric Ambler sehen mit mir dem Schiffe nach.

Nach zwei Tagen unter Kantianern ist mir nach Ausschreiten. Ich lasse den Uferstreifen mit seinen furchtbar schlechten Sprachwitzen hinter mir: „Schauen Sie mal R(h)ein“ oder „Koblenz & die Region Mittelrhein – immer ein guter ‚Diehl‘“ (wenn das Hotel wenigstens die Anführungszeichen weggelassen hätte). In Pfaffendorf überrascht mich die Bäckereiverkäuferin mit der Frage „Mögen Sie Zimt?“. Aber ja doch, und sie schiebt noch ein Zimtbrötchen in die Tüte. Eine Gasse führt auf ein Drehkreuz zu, dahinter wird der Weg zum Pfad, schlagartig ändert sich die Stimmung. Vom Rhein ist hier nichts mehr zu ahnen, ein Bach plätschert in einem lauschigen Tal, es fehlt nur noch das Mühlrad der Romantik. Doch der Straßenverkehr gleich hinter der Böschung beschwert den Flug der Fantasie.

Es geht also ein wenig hinauf, immer am sandigen Bach entlang. Mauern aus Schieferplatten stützen die Hänge. Manche Bäume kenne ich nicht. Der immer noch ungelesene Baumführer fällt mir ein, den ich doch eigens im letzten Jahr für solche Fragen erworben habe. Er liegt wohl in dem Bücherberg auf dem krummen Stuhl, den ich keinem Gast mehr zumuten will, vielleicht auch in dem Stapel dort im Regal neben der russischen Puschkin-Ausgabe, die ich überhaupt nicht lesen kann und nur der archaischen Bilder wegen einmal in einem Antiquariat erworben hatte.

Das militärische Sperrgebiet oben auf der Rheinhöhe liegt ganz friedlich im Sonnenschein, dann geht es durch „das schlimmste Schlammloch von Koblenz“, wie mir ein Radfahrer bestätigt. Auf der Wiese knallt es dann doch, noch ein Schuss, der Himmel ist plötzlich zugezogen. In Schleifen und Winkeln zieht sich der nasse Weg über der Stadt hinweg. Jeden Kilometer ändert sich das Gesicht des Waldes, das hält ihn interessant. Wanderer – nicht Spaziergänger, sondern Wandersleute – kommen mir immer wieder entgegen. Wie einsam erscheinen mir, in dieser Hinsicht, die württembergischen Wege!

Vom Lichten Kopf geht es dann steil nach Lahnstein hinab. Was sich mir von dort unten zeigt – gereihte Würfel und ein Fluss in seinem Gefängnis aus Kanalmauern –, ist reizlos. Der Weg schweift auf halber Höhe in einem weiten Schwung die Lahn aufwärts und fällt nach einem Halbbogen erneut ab, noch steiler als zuvor. Mountainbiker rutschen mit durchgedrückten Bremsen den Grat hinab mit seinen senkrecht stehenden Platten, als wäre unter einer Erdschicht der Rücken eines Stegosauriers nur schlecht getarnt.

Und noch einmal schwenkt der Weg in einem Bogen zurück. Südhangig schichtet sich der Fels in einer Palette aus Grau und Rost und Umbra, gefleckt von dem Gelb, Grün, Weiß der Flechten. Es ist ein Eidechsenreich, wie die Pfalz, wie die Hänge um Toledo, auch wenn ich die Reptilien noch nicht sehe.

Der dritte Abstieg wird der schönste, hinein in die Ruppertsklamm. Matschig ist der Saumpfad am Bachlauf, dann verschwindet der Weg ganz. Die Füße suchen Halt auf glitschigen Steinen, ein paar Mal helfen Drahtseile beim Abstieg über den Fels. Es ist beinahe Wildnis hier, das Plätschern stimmt heiter, wer mir entgegenkommt, lacht. Und ich habe Kant abgeworfen und trage nur noch ein paar Bücher im Rucksack und folge dem Wasser hinab zwischen den Wänden aus Sandstein und Schiefer. Und fließe.

Das Entsetzen liegt auf beiden Seiten, als ich meinen reservierten Platz in einem Abteil mit feiernden Techno-Freunden auf der Reise zu einem Festival finde. Rückzug in den Gang? Flucht in den digitalen Raum, hinter die Seiten eines Buches? Erst zögerlich, dann immer neugieriger suche ich das Gespräch. Eine Stunde und manche Anekdote später trinke ich von den in Wodka aufgelösten Eisbonbons und klatsche unter Johlen Hände ab, als die Raver den Zug verlassen. Beinahe hätten sie mich noch mitgenommen auf ihr Time Warp. Und wir alle haben wieder einmal menschlich gelernt in unserer Begegnung. Vielleicht war Kant da ja doch wieder unter uns.

Fels_Rheinsteig_Lahnstein

Rheinsteig

Der Geist im Welzheimer Wald

Schorndorf – Farbenspiele in der Daimlerstadt

Gottlieb Daimler ist hier geboren. Ich war zum ersten Mal in dieser Kleinstadt – das Ende einer S-Bahn-Linie östlich von Stuttgart –, als ich bei Nacht und Nebel der Einladung eines Studienfreundes gefolgt war, der in der örtlichen Buchhandlung seine Dissertation vorstellte. Er hatte über gesellschaftlichen Wandel in der alten Bundesrepublik im Spiegel von Pfarrberichten geforscht, und auch wenn er das als Historiker und vergleichender Religionswissenschaftler gewissermaßen aus einer Außenperspektive tat, fand der Pfarrerssohn mit seinem Thema hier doch ein Publikum: das protestantische Bildungsbürgertum der Stadt, das die Buchhandlung annehmbar füllte.

Als ich zum zweiten Mal in den Ort komme, ist vieles ganz anders – und doch manches ähnlich. Es ist Altweibersommer, die Sonne strahlt über der Stadt. Dem Bahnhof gegenüber steht ein braunes Triumphgebäude aus aufeinandergeschichteten Würfeln – der Neue Postturm, einige Stockwerke suchen offenbar noch Mieter –, so etwas wie der Versuch einer architektonisch kompromisslosen Moderne in der schwäbischen Provinz. Gegen die Altstadt, die sich sofort anschließt, vermag der Turm nicht mehr als einen Akzent zu setzen. Es ist Samstag und der Kopfsteinpflasterplatz zwischen schmuckvollem Fachwerkprunk beherbergt einen regen Wochenmarkt. Er ist überraschend groß, überraschend lebendig, ein schöner, vielseitiger Wochenmarkt, der kaum Wünsche offen lässt. (Bis auf den natürlich, dass er ein protestantischer Markt ist: Man kommt zum Einkaufen auf den Markt und damit genug. Der Wochenmarkt als Manifestation des unmittelbaren Lebensgenusses, auf dem man an kleinen Ständen den herrlichsten Kaffee bekommt und frischgepresste Säfte, im Stehen ein köstliches kleines Frühstück genießt oder auch zwei, Freunde und Bekannte grüßt und neckt, überhaupt zusammenkommt, um zu sehen und gesehen zu werden, wo ein fast italienischer Charme in deutsche Innenstädte geholt wird, diese wunderbaren Wochenmärkte kenne ich nur aus katholisch geprägten Städten.)

Immerhin sind die Schorndorfer genussfreudig genug, um rund um den Wochenmarkt die fest etablierten Cafés zu füllen. Es ist ein Bild der Fülle, der Ordnung, einer kleinstädtischen Sauberkeit und Lebensbejahung, ein Wohlstand aus frischem Gemüse und historischer Tradition. Schwarzgrün wäre das politische Äquivalent zu diesem Bild, denke ich mir. Die Realität ist noch weit ernüchternder. Gleich in einer hochfrequentierten Seitenstraße steht der Infostand einer Partei. Es ist die AfD, vertreten durch gleich vier oder fünf Parteigängern.

(Um mich nicht etwaigen Vorwürfen der Schorndorfer auszusetzen, eine Ergänzung aus Wikipedia: Der amtierende Bürgermeister von Schorndorf ist von der SPD, bei den letzten Kommunalwahlen stand die FDP deutlich vor den Grünen auf Platz 3. Was die Landtagswahl in zwei Wochen bringen wird?)

Welzheimer Wald_Schwäbisch-Fränkischer Wald_Ausflug

Ross vor dem Kirschenwasenhof. Dort stehen dann ganz andere Fahrzeuge – ein Porsche sogar mit vertrauensvoll offen stehender Fahrertür.

Schamgrenze am Ebnisee

Auf einem Parkplatz inmitten bewaldeter Hügel üben sich Motorräder in Rudelbildung. Biker halten gern hier am Kiosk der Familie Wörner. Die Currywurst gibt es wahlweise scharf und süßsauer. (Oder war es doch nur rot-weiß? Ich erinnere mich nicht mehr.) ‚Reisedevotionalien‘ ergänzen das Sortiment: Postkarten aus dem Welzheimer Wald, Krimskrams zum römischen Limes, der sich hier durch die Wälder zieht, Karten der Freizeitregion. Nördlich davon liegt der Ebnisee mit seinen braunen, ganz undurchsichtigen Wassern. Er war im 18. Jahrhundert künstlich angelegt worden als Flößergewässer. Von hier wurde das geschlagene Holz über Wieslauf, Rems und Neckar in die Residenzstädte Stuttgart und Ludwigsburg gebracht. Heute dient der Ebnisee als Herzstück eines Naherholungsgebiets für Städter aus Schorndorf, Backnang und Winnenden, aus Stuttgart und Esslingen. Ein kleines Hotel am Ufer bietet Übernachtungen an, ein Tret- und Ruderbootverleih schließt sich an. Angler warten geduldig am Ufer, ein paar Boote sind auf dem Wasser. Schwimmer sehe ich keine an diesem 12. September, nur ein paar Enten.

Vom See bin ich enttäuscht. Er ist mir gar zu sehr erschlossen und so sehr Augenweide nicht. Aber es ist gewiss nicht fair, diesen kleinen See am Rande der Region Stuttgart mit den Voralpengewässern zu vergleichen. Ins Wasser zieht es mich trotzdem; doch ich traue mich nicht. Merkwürdig, was hält mich davon ab? Es ist, muss ich mir eingestehen, eine Scham. Ich scheue zurück, als einziger ins Wasser zu steigen, damit unweigerlich Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Es ist, genau bedacht, sehr lächerlich. Würden mir die Blicke von einem halben oder ganzen Dutzend Menschen weh tun? Gewiss nicht. Werden sie lachen, weil ich statt einer Badehose halt eine Sportfunktionsunterhose anhabe? Nein, das werden sie nicht einmal erkennen! Erwartet mich soziale Ächtung, weil ich mich zurück aus dem Wasser nur mit einem Schal anstelle eines Handtuchs abtrocknen werde? Niemanden juckt’s. Es ist eine ganz irrationale Scham.

Jetzt kann ich natürlich nicht mehr zurück, schließlich geht es nicht darum, mich in einer Fußgängerzone lauthals zum Affen zu machen. Alles, was ich zu tun habe, ist meinen Rucksack auf der untersten Treppenstufe abzustellen, meine Kleidung darüberzulegen und in die braune Brühe zu steigen. Es ist frisch, aber nicht furchtbar kalt. Ein paar Leute wenden den Kopf, mustern mich, wie ich zu der Plattform in der Mitte des Sees schwimme. Ihre Blicke schmerzen nicht. Mit dem Gefühl eines kleinen Triumphes steige ich einige Minuten später wieder auf mein Rad.

Ebnisee_Welzheimer Wald_Schwäbisch-Fränkischer Wald_Limes_Legionär_Kiosk

Ein Kiosk am Ebnisee wird bis heute von römischen Legionären bewacht.

Alternativwelten im Schwäbisch-Fränkischen Wald

Es geht hinab, lang hinab, weit hinab, an tief geschnittenen Tobeln vorbei, ich staune, wie lange es hinabgeht, und lasse, den Körper ungeschützt, das Rad doch nicht frei laufen auf diesen Schotterwegen. Wild ist der Wald und dann öffnet sich plötzlich eine Landstraße unter einer alten Eisenbahnbrücke, eine Bushaltestelle verkündet die Verbindung in die Zivilisation, moderne Gebäude sprenkeln ein Tal, die Tafel eines Cafés, Kinderlachen auf Spielplätzen, ein „Erfahrungsfeld der Sinne“ hinter den Bäumen, Bodenwellen und Ampeln auf dem asphaltierten Zubringer.

Ich durchquere das Grundstück der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in der Laufenmühle. Hier finden rund 85 Menschen mit geistiger Behinderung einen Lebens- und Arbeitsplatz. Betrieben wird die soziale Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage und die an das Café angeschlossene Kaffeerösterei el molinillo beliefert sogar die Kantine der Weleda AG in Schwäbisch Gmünd am südöstlichen Rand des Schwäbisch-Fränkischen Waldes.

In Stuttgart kann man leicht übersehen, dass die Stadt eines der Hauptzentren der Anthroposophie ist. Hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald tritt die von Rudolf Steiner gegründete Weltanschauung überraschend deutlich entgegen. Die ganze Höhe hier zwischen Rems und Murr zeigt immer wieder eine anthroposophische Prägung, von Weleda im Süden bis zur Villa Frank – im Besitz der Christengemeinde und in unmittelbarer Nachbarschaft eines anthroposophisch ausgerichteten Seniorenheims – in Murrhardt im Norden, dazwischen die Laufenmühle oder das idealistische Klein-ORPLID e.V., einer „Lebensgemeinschaft der Generationen und Menschen mit besonderen Schicksalen“. Und wer weiß, vielleicht zeugt der Schlag der Holzskulpturen in Waldenweiler ebenso von einer anthroposophischen Ausbildung wie die auffallende, in Stein gemeißelte Schrift am Biotop Bühlhau.

Aber nein, die Stele ist vom Bürgermeister von Althütte gestiftet. Der wird ja wohl nicht auch noch Anthroposoph sein.

Gold – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 1)

Dass ich meine Wanderung durch Oberschwaben in einem ICE beginnen würde, überraschte mich selbst. So viel also zum Thema Entschleunigung. Die Realität war aus dem Zug hinausklimatisiert, vom Land da draußen gab es nur verschwommene Fernsehbilder durch die Fensterscheiben. Etwa dort, wo ich im Juni meine Flucht über die Schwäbische Alb abgeschlossen hatte, knüpfte ich im August meine fünftägige Durchquerung des schwäbischen Oberlandes an. Es würden die heißesten Tage des Jahres werden. Davon ließ der wolkige Morgen noch wenig ahnen.

Zwiefaltendorf_Fest_Landleben

Sommer in Oberschwaben

Zwiefaltendorf, die „Idylle an Ach und Donau“. Ein Schloss steht an der Donaubrücke. Auf dem Turm des sehr aufgeräumten, hübschen Kirchareals nisten Störche, gegenüber „Im Gäßle“ plätschert ein Brunnen vor einem strahlend blau gestrichenen Häuschen. An der Front steht um das Gesicht unseres Gestirns geheimnisvoll die Parole „Die Wahrheit liegt im Sonnenaufgang“.

Die monströse Hupe eines Lastwagens reißt das Dorf aus seiner träumenden Beschaulichkeit. Der Transporter hat erschreckend große Schlachtschweine geladen, ein Pestschweif zieht sich hinterher. (Wer nur mag solche Tiere essen?) Als Motorengeräusch und Schweinegestank jenseits der Donau ersterben, setzt sich das Dorf wieder durch. Essensduft zieht vom Gasthaus – ist es das mit der Tropfsteinhöhle im Keller? – über die Straße, schon sitzen (anders als in den Albdörfern) Menschen auf der Terrasse in Vorfreude auf das Mittagsmahl. Die Bahnhofsstraße hinaus stehen schmucke, alte Häuser aus einer bürgerlichen, nicht bäuerlichen Welt. In den Getreidefeldern knackt es. Hinter dem schmalen, langen Gleis kommt Wind auf. Es raschelt im Gebüsch, in den jungen Kirschbäumen, im hohen Mais.

Über weite Schleifen führt der Weg zwischen Waldsaum und Getreidefelder hinein ins Oberland. Ein Vogel schlägt Alarm, ein Reh setzt in hohen Sprüngen aus dem Korn ins Unterholz. Einmal noch holt die Zivilisation den Wanderer auf rohe Weise ein. Die Lastwagen brausen über die Bundesstraße, die den Wald durchschneidet, oder sie reihen sich auf dem Parkplatz, wo Polizeibeamte eine Kontrolle durchführen. Dann hat einen der Wald wieder und wenn man schließlich heraustritt, dort den Bussen sieht – den heilige Berg Oberschwabens, auf weite Strecke gen Süden die markanteste Erhöhung –, da den flachen Schwung von Hügeln, das Blau der Wälder, das erdige Gold der Kornfelder, teils bereits geschnitten, warme Flächen, gänzlich reifer Sommer, hier Wiesen und grüner Mais, seine Spitzen hell, die Fäden rot, immer wieder Wegkreuze unter schattigen Bäumen … Dann hat man sich längst verliebt in diese Landschaft.

Oberhalb des Dorfes Möhringen mit seiner auffallenden St. Vitus-Kirche und dem Pfarrhaus mit seinen schön bemalten Fensterläden, deren Muster mich an antike Formen erinnern, geht es rückseitig über einen Schleichweg den Bussen hinauf. Die Fichten stehen hier locker genug, um grünwuchernden Untergrund zu erlauben, es ist keiner dieser leb- und klanglosen, dunklen Forste, wo du auf dem braunen Nadelteppich, karg bis vielleicht auf Knochen und kleine Schädelchen, die Luft anhalten möchtest, um kein namenloses Unheil zu wecken. Rasch wird der Wald noch lichter mit Eschen und anderen Laubbäumen, geradeaus zieht sich der Weg als herrlicher Trampelpfad, das Gras wächst teils schulterhoch, nur der Gedanke an Zecken trübt die unschuldige Freude ein wenig.

Die Wallfahrtskirche auf dem Hügel steht im Gerüst, zwei Handwerker beschallen den Platz mit einem österreichischen Popsender. Von der Sakralität des Ortes ist da wenig zu spüren, doch der Blick nach Süden ist offen und weit und reicht an klaren Tagen – über den Federsee, über Felder und Wälder, über Ketten von Höhenzügen – bis zu den Alpen. Über eine Breite von über 300 Kilometern, das demonstriert eine gewaltige Panoramatafel, zeigen sich dann die Gipfel der Alpen, von tief im Bayerischen im Osten bis ins Berner Oberland im Westen. Kein Wunder, dass sich auf dem Bussen – heute noch vielbesuchter Wallfahrtsort – Hinweise auf eine Kultstätte schon in keltischer Zeit finden lassen.

Im Dorf unterhalb der Kirche setze ich mich in einen Biergarten mit Fernblick und freue mich, ein alkoholfreies Weizen einer Brauerei zu finden, die ich bisher nicht kannte. Alkoholfreie Weizenbiere überzeugen ja nur selten im Geschmack, dann aber sind sie mir – erst recht an einem heißen Tag auf Wanderung – mein größter Favorit. Das Bier der Brauerei Farny aus Kisslegg wird mir am heiligen Bussen zur Offenbarung: Mühelos schlägt es die bisherigen Favoriten, leicht und herrlich frisch ist es, süffig und rein im Geschmack ohne den kleinsten Anklang an Moder, wie es viel zu viele alkoholfreie Weißbiere haben. Ich habe mein neues Lieblingsbier gefunden.

Die Kellnerinnen sind freundlich und offen, nicht alle anwesenden Schwaben aber können aus ihrer Haut. Belustigt lausche ich den zahlenden Damen am Nebentisch: „Die Pommes zahle ich aber nur zur Hälfte, die andere zahlt sie“. Der Ort jedenfalls profitiert von den vielen Besuchern. Der Biergarten ist gut besucht, an der Straße gibt es einen Antik-Laden, den ein Herr mit wallend weißem Bart betreibt, auch ein Backhaus kennt das Dorf. Hier in Offingen ist Leben.

Unterhalb des Bussens geht es über kaum geschwungenes Land, abwechslungsreich und offen, weiter zum Federsee. Längst brennt die Sonne herab. Traktoren wirbeln Staub über den Äckern auf. Das Getreide, das sie schneiden, und das Stroh, das gefällt auf dem Felde bleibt, spielen in den verschiedensten Tönungen von Gold: Hellgold, Ockergold, Kupfergold zeigt sich mir an diesem Tage … Auf einem Waldweg steht ein Reh. Noch hat es mich nicht wahrgenommen, ich komme näher und warte jeden Augenblick auf das Heben des Kopfes, das kurze Erstarren, das Schnellen des Leibes. Da ist es endlich soweit. Ein kurzes Stück später mache ich eine Rast, einen Apfel und ein gekochtes Ei lang. Wieder taucht das Reh vor mir auf, quert, wechselt zurück, kommt nochmals ein Stückchen weiter unten aus dem Unterholz, trollt vor mir den Weg entlang, bis es schließlich endgültig im Wald verschwindet.

Als ich an einer Wegkreuzung nicht weiter weiß und die Karte studiere, hält ein Traktor mit beladenem Hänger neben mir und der Fahrer – golden das Haar, goldbraun seine Haut – fragt mich gutmütig nach meinem Ziel, erklärt mir ausführlich den Weg. Ich bedanke mich, mache einen Scherz, falle dabei wie von selbst in meinen eigenen Dialekt. Wir lachen. Ja, der Bussen mit seiner alten Tradition von Pilgern und Besuchern und seinem lieblichen Umland öffnet seine Menschen. Mir gefällt es.

Die Landschaft verändert sich. All dies hier war einst Teil eines nacheiszeitlichen Sees, dessen letzter Rest der Federsee bildet mit seinem weiten Speckgürtel aus Sümpfen, Mooren und Feuchtwiesen. An manchen Stellen ist das Gras am Waldrand verdorrt, regelrecht versengt von der Sommersonne. Überquere ich diese Flecken, spüre ich die Glut aufsteigen – und einen würzigen, heuartigen Geruch, der mich beinahe berauscht. Dann wieder duften die Feuchtwälder. Licht flimmert zwischen den hellen Stämmen, mannshohe Brennnesseln flankieren den Pfad.

Hinter Moosburg beginnt der lange Steg durch das Banngebiet Staudacher hinüber nach Bad Buchau, jener einstigen winzigen, ja kleinsten Reichsstadt überhaupt, die im Alten Reich von ihrem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil profitiert hatte. Das Wurzelwerk eines gestürzten Baumes ragt in die Höhe, Schlick und Brackwasser sind zwischen dem Pflanzendickicht unter den Planken zu ahnen. Ein Kanal zieht sich durch das Schilfmeer, das in seinem Herzen den Rest des Federsees verbirgt, der mit knapp anderthalb Quadratkilometern nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Größe darstellt (und trotzdem noch der zweitgrößte See in Baden-Württemberg ist).

Am Ortseingang biege ich ab zum Federseemuseum, wo schon steinzeitliche Menschen gesiedelt hatten, später Kelten sesshaft wurden. Zwischen den Hütten aus Neolithikum und Bronzezeit suche ich sie: teure Freunde aus Studienzeiten, durch Beruf und Familienleben in München und Ravensburg meinem Alltag entrückt, die als Archäologinnen und Archäologen im Augenblick aber hier im Museum arbeiten. Herzliche Umarmungen sind die Belohnung für die Wanderung, ich erhalte eine Vesper aus Ziegenkäse, Brot und Heidelbeeren – fast schon ein authentisches Mahl, scherze ich –, ich wiege Bronzeäxte, vergleiche an aufgereihter Wolle die Färbungen von Lindenblättern und Birkenrinde, trage abends tönerne Webgewichte in die Hütten und höre das Schmatzen der Holzwürmer im Gebälk der bronzezeitlichen Häuser. Der Zahn der Zeit, er nagt. Er frisst und frisst ohne Unterlass – an diesen Bauten, an unseren sozialen Beziehungen, an uns selbst. Doch heute ist alles Gold, Bronze, Licht.

Gold das Getreide, das gereihte Stroh auf den Äckern.
Bronze die Äxte am Federsee, die nackten Arme.
Licht der Himmel, der Blick übers Land, zu den Freunden.

Federsee_Oberschwaben

Zum Federsee

 

Bates Motel – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 3)

… und stehe, weil ich von dem Albtraum auf der Alb noch nichts weiß, von der Bank auf und mache mich weiter gen Süden. Die Schönheiten des Weges – goldenes Getreide auf den Feldern, reifer und die Landschaft bereits viel wärmer als an den letzten beiden Tagen; stille Tümpel im Schatten der Bäume; gurgelnde Bäche und das Ried und die Felsen im Brieltal – haben nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit. Die Füße schmerzen, die Knie ziehen, die Beine ächzen, ich bin hungrig und durstig. Das letzte Dörfchen vor meinem Ziel betrete ich über eine Seitenstraße, zwei Bauern machen sich auf ihrem Hof an einem Gerät zu schaffen, stumm stellt sich mir ihre Abneigung entgegen. Ich rufe ein kräftiges „Grüß Gott“ hinüber und zwinge so dieses verstockte Volk wenigstens zu einem murmelnden Gruß, der sich unter Mühen ihren verschlossenen, misstrauischen Gesichtern entwindet.

Schwäbische Alb_Wanderung_Brieltal

Im Brieltal

Dann bin ich am Ziel. Die Tür der Pension ist verschlossen, ich rufe übers Handy die Wirtin an, ach schon da, ja, sie wird vorbeikommen, es wird eine Dreiviertelstunde, nein, eine halbe Stunde dauern, verbessert sie sich rasch. Es tue ihr leid. Ich setze mich auf einen weißen Plastikstuhl vor der Pension – einer ehemaligen Gaststätte, man sieht noch verblichen den Namen des einstigen Wirtshauses -, über die Bundesstraße rauscht ein Strom an Blech an mir vobei. Nach einer Weile öffnet sich in meinem Rücken knarzend ein Fenster. Eine zerknautschte, alte Frau blickt auf mich herab, sie sagt etwas. Ich verstehe sie nicht, ahne nur, beruhige sie: Ja ja, sie wird kommen, ich habe sie angerufen, es kann nicht mehr lange dauern. Das hoffe sie aber, glaube ich die alte Frau sagen zu hören. Da ist wohl Spannung in der Luft zwischen den beiden Generationen.

Ein Auto mit Familie fährt schließlich auf den Hof, der Mann zwingt sich zu einem kleinen Smalltalk mit mir, erklärt, dass sie ja gar nicht hier wohnten, sondern seine Frau nur noch für seine Mutter diese Pension verwalte. Dann führt mich die Ehefrau, eine Russin, vermute ich, ins Haus, zeigt mir Bad und Zimmer, der Schlüssel wechselt gegen Bargeld den Besitzer, ich solle ihn morgen einfach stecken lassen, denn wir sehen uns nicht mehr, hier im Haus wird niemand ansprechbar sein, ein Frühstück ist sowieso nicht im Angebot eingeschlossen. Die Frau geht, das Auto fährt ab und ich bin allein in dem Haus mit der alten Frau im Stockwerk unter mir.

Das Zimmer ist sauber und günstig, immerhin, aber das ist auch alles, was sich Gutes sagen lässt. Das ganze Haus atmet etwas Überholtes, etwas, das nicht sein darf. Es ist ganz Lieblosigkeit. Ich betrete das hellere der beiden Gemeinschaftsbäder – ein funktionaler, unschöner Raum, seine einzige Einrichtung ist das Putzzeug zur Reinigung, das ganz offen, schamlos geradezu dasteht, um es möglichst rasch zur Hand zu haben. Ich setze mich aufs Klo und blicke den Autos entgegen, die über die Bundesstraße aus Oberschwaben heraufkommen, ein Wagen nach dem anderen. Frei ist mein Blick auf die Straße, der Blick von der Straße zu mir.

Zum Duschen wechsel ich in das andere Bad. Es ist düster, nur über der nicht bis zur Decke hochgezogenen Trennwand empfängt es Licht aus dem Nebenbad. Während das Wasser an mir herunterrinnt, höre ich Schritte. Ich bin also doch nicht allein in diesem Haus, auf diesem Stockwerk. Damit habe ich nicht gerechnet. Der Unbekannte kommt näher, betritt das andere Bad, ist nur noch eine Armlänge von mir entfernt. Er kümmert sich nicht darum, dass gleich hinter der oben offenenTrennmauer jemand duscht, und setzt sich ungeniert aufs Klo. Ich wische mich mit meinem T-Shirt trocken (Handtücher gibt es keine) und ziehe mich in mein Zimmer zurück, rette mich dann nach draußen auf die Straße. Jetzt ist endlich Zeit für eine vernünftige Mahlzeit!

Ich mache mich auf ans Dorfende zum Gasthaus (wo es ebenfalls Zimmer, allerdings deutlich weniger günstige, gibt) und mir wird bange beim Blick auf den leeren Hof. Tatsächlich, es ist geschlossen: Ruhetag. Meine Laune sinkt im Steilflug. Eine andere Möglichkeit, in diesem Ort Essen zu bekommen, gibt es nicht (außer an einer Tür zu klingeln und zu betteln). Die umliegenden Orte sind für meine geschundenen Füße gerade weit genug weg, um den Plan zu verwerfen, davon abgesehen, dass ich keine Garantie habe, dort ein offenes Gasthaus zu finden. Ich versuche über das Smartphone einen hilfreichen Hinweis zu finden, vergebens. Nur ganz am Rande des Dorfes habe ich einen minimalen, schlechten Empfang. Ich werde mich also nicht einmal damit ablenken können, auf meinem Zimmer durch die sozialen Medien zu stromern. Aber halt, eine Bushaltestelle! Ich suche den Plan, tatsächlich, es fährt auch abends noch ein Bus hinab ins Donautal zur nächsten Stadt, die nur einige Kilometer weit entfernt ist. Aber was besagt dieses Zeichen da hinter der Uhrzeit? Nur bei Anruf eine Stunde vor Fahrtbeginn … Zur Hölle nochmal.

Was tun, was tun? Ich drehe mich um und strecke den Daumen raus. Habe ich das schon lange nicht mehr gemacht. Sieht man ja auch kaum mehr heutzutage. Ich kneife die Augen gegen das abendliche Sonnenlicht zusammen, halte die Hand mit dem gestreckten Daumen raus. Fahrzeug an Fahrzeug fährt ungerührt an mir vorbei. Ich bin zu alt, ach nein, diese gesamte Anhaltersache ist zu alt, für jemanden wie mich jedenfalls hält heutztage niemand mehr an.

Geschlagen mache ich mich auf ins Zimmer. Ich höre Schritte des Anderen im Nebenzimmer. Ich kaue den allerletzten Rest Walnüsse – kein Esslöffel voll ist es – und trinke einen Kamillentee, das einzige, was diese Pension anbietet, alte Teebeutel, eine nicht ganz sauber aussehende Tasse, ein Wasserkocher im Flur. Ich beschließe, bis morgen Früh meine Zimmertür nicht mehr zu öffnen. Wie mich ablenken bis dahin? Ein Fernseher, ja es gibt einen Fernseher. Er wird mich (ich habe zuhause keinen) ganz dümmlich machen, einer Gehirnwäsche gleich, wird mich entsetzt und verständnislos zurücklassen, aber immerhin – Ablenkung den restlichen Abend hindurch!

Ich scheitere daran, das Gerät zum Laufen zu bringen.

In Ordnung, irgendwo im Rucksack ist ein Büchlein, das tut es doch, besser sogar. Ich lese, bis es dämmert, schließe dann die Augen.

Es ist stickig heiß im Zimmer. Ich öffne die Fenster und werde von dem Lärm der Fahrzeuge ins Kissen gedrückt. Hoffnungslos. Ich schließe das Fenster wieder und liege wie ein Sack in der drückenden Hitze. Die Füße schmerzen, noch mehr schmerzen die Knie, sie werden die ganze Nacht hindurch schmerzen, mich immer wieder wachhalten, bis in die Hüften hinein schmerzt es.

Die Nacht ist ein Dahindämmern zwischen Unruhe und Erschöpfung. Das Bild des Rehkadavers drängt sich mir immer wieder auf, ich höre Schritte des Unbekannten nebenan, ich höre etwas von unten aus der Wohnung der alten Frau, ich höre die Autos erbarmungslos rauschen, die Scheinwerfer blitzen durch die dünnen Jalousien, der Magen knurrt, ich wälze mich in der Hitze hin und her, Schritte vor meiner Tür, die leeren Augenhöhlen des Rehs, die Schmerzen, Schritte …

*

Der Rest ist schnell erzählt. Irgendwie überlebe ich die Nacht, diese Nacht in Bates Motel, diesen Tag wie aus einem Film von David Lynch. Es ist 6.15 Uhr, als ich aus dem Haus flüchte, die letzte Angst, die Haustüre wäre verschlossen und ich gefangen, verflüchtigt sich und ich bin draußen, unterwegs. Die Sonne steht bereits am Himmel. Sieben Kilometer sind es bis zum nächsten Dorf, vielleicht werde ich dort einen Bäcker finden. Einen Kaffee und etwas zu essen, das treibt mich trotz der Schmerzen an. Den Blick der Autofahrer, die mir auf den Landsträßchen entgegenkommen, entnehme ich, dass sie Wanderer um diese Uhrzeit nicht gewohnt sind. Schön ist der Weg auch dort nicht, wo ich die Fahrzeuge zurücklasse: auf einem kilometerlangen, beinahe schnurgeraden Waldweg über den Höhenzug. Solche langen Achsen haben immer etwas Bedrohliches für den Fußgänger, selbst noch für den Radfahrer.

Ich erreiche das nächste Dorf und finde nichts. Also weiter, die nächsten sieben Kilometer. Der Abstieg ins sonnenverzauberte Tiefental (schon wieder eines!) – mir gleichgültig. Die gewundenen Wege durch das wirklich sehenswerte, verschlungene, tiefe, grüne Wolfstal – nebensächlich. Kein Blick für die reizende Lauter, deren Wasser ich quere. Ich will weiter, ich will weg, ich will etwas zu essen, ich steige keuchend den Hochberg empor, mache dort eine kurze Rast.

Schwäbische Alb_Wandern_Wolfstal

Das einsame Wolfstal

Zum ersten Mal komme ich mit einem Wanderer in ein längeres Gespräch. Eine Tagestour macht der freundliche, bärtige Mann, der sich neben mir auf einer Bank niederlässt, eine seiner geliebten Erkundungstouren durch sein Schwabenland. Wir reden über Gott und die Welt oder genauer: über Deutschland früher und heute. Nie hatten wir es so gut wie heute, meint er, und trotzdem, wir haben so viel Unzufriedenheit, so viel Unruhe, so viel Depression und so viel Hass in uns. Wir, die Heutigen, stehen am Abstieg eines Gipfels, einer historischen Ausnahme, die wir undankbar zu schätzen verlernt haben. Die Zeiten werden härter werden.

Das Thema ist ernst, aber der Mann lacht viel, er spricht milde, er freut sich über einen Plausch mit Blick über Oberschwaben, hinüber zum Bussen dort drüben, der letzten markanten Höhe bis zum Voralpenland. Doch der Hunger treibt mich weiter. Ich wünsche dem Mann einen schönen Tag, steige hinab, durch ein Dörfchen, von dem nichts zu erwarten ist, schreite über halb überwucherte Wege. Endlich stehe ich in Rechtenstein, dem nächsten Hoffnungsort. Kraftwerk, Burg, Bahnhof – alles vorhanden! Aber kein Bäcker. Kein Laden. Das Gasthaus um diese Zeit natürlich noch geschlossen.

Schwäbische Alb_Oberschwaben_Donau_Wandern

Die südlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb

Ich tobe innerlich, nehme den nächsten Ort ins Visier. Den wunderschönen Pfad entlang der braunen Donau, schmal hier noch und trotzdem schon ehrfurchtgebietend mit ihren geheimnisvollen Strudeln, dem rätselhaften Platschen, kann ich nicht mehr würdigen. Auch Emeringen: Fehlanzeige. Mein Blick verengt sich, ich habe längst zu schielen begonnen, habe einen Tunnelblick, lege immer öfter kurze Pausen ein, die Füße brennen.

Zwiefaltendorf, das offizielle Etappenziel, lasse ich links liegen und mache mich auf der Halbhöhe ins Tal der Ach hinein, dorthin, wo bereits die Kuppeln des Münsters von Zwiefalten über die Hänge ragen. Mittags bin ich endlich dort, nach 25 Kilometern Marsch seit der Flucht aus der Pension. Ein Café vor dem Münster ist geöffnet, endlich, ich esse und trinke, ich bin so berauscht, dass ich mir nochmals etwas bestelle und übertreibe. Das Essen tut mir nicht gut, es war die falsche Wahl, mir wird übel von der Schlagsahne, ich könnte wüten darüber, dass ich mir meinen heiß ersehnten Genuss so leichtfertig wieder zunichte gemacht habe. Das ist Hass auf mich selbst.

Als ich mich in einen Sitz des leeren Busses fallen lasse, der mich über die Schwäbische Alb bringen wird, kehrt Ruhe ein. Für die nächste Stunde muss ich nichts mehr tun, nichts mehr wollen. Ich bin Glück.

(In Oberschwaben wird die Reise weitergehen.)

Der Kadaver – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 2)

Auf dem Land kannst du morgens nicht mal deinen Kaffee in Ruhe trinken, ohne über den Grexit diskutieren zu müssen. Manchmal ist die Anonymität der großen Stadt eben doch praktisch. Für den ersten Kaffee in Ruhe zumindest.

Am Stadtrand werden die Trampeltiere des Cirkus Kaiser gefüttert. Ein Mann kippt eine Schubkarre voll Heu auf die Wiese. Eine Frau öffnet die Heckklappe eines Autos. Sonst ist es still. Die Wohnwagen der Zirkustruppe liegen noch schläfrig in der Morgensonne. Ein paar Hundert Meter weiter führt an der Laichinger Tiefenhöhle und dem Kletterwald vorbei ein Trampelpfad durch Brennnesseln und Unterholz. Der Tau auf den Zweigen netzt Schienbeine und T-Shirt. Wälder wechseln hier oben auf der Alb mit Ackerland und hohen Wiesen, der Horizont ist abgesteckt von Strommasten der Überlandleitungen oder fernen Baukränen. Kirchtürme hingegen haben als Landmarken ausgesorgt. In der Horizontalen zerschneiden Bundesstraßen das Land.

Laichingen_Schwäbische Alb_Wandern_HW 7

Auf der Hochebene

Hinter dem Albhof, einem Reiterstall und Flachdachrestaurant, versteckt sich in der Eichhalde eine Kolonie von Hütten und Häuschen, als wüssten sie, wie wenig sie hierher passen. Es geht tiefer in den Wald. Die Straßengeräusche werden, endlich, zur bloßen Ahnung, verlieren sich schließlich ganz. Nur eine Schafsherde blökt unsichtbar vom Waldsaum her oder ein Flugzeug brummt im Blau, sonst nichts als Vogelsang. Als der Weg wieder auf die Felder führt, übernehmen die Insekten das Konzert: Grillen, Schwebfliegen, Hummeln. Die Schwäbische Alb verändert hier ihr Gesicht, wird zumindest ein kurzes Stück des Weges zu der Parklandschaft, als die sie bekannt ist und durch die Schafzucht einst geworden war. Vereinzelte krüppelige Kiefern, hohes bräunliches Gras, vielleicht ein paar Steine oder Felsen, die aus den zergliederten Hängen schauen. War der Morgen noch ganz sonnig, bringt der Westwind Wattebäusche.

Gleich hinter der Sontheimer Höhle, der dritten begehbaren Höhle, die ich seit dem Albaufstieg passiere (und alle ein paar Wochen später besichtigen werde), geht es in ein tief eingeschnittenes Tal hinab. Sehr einsam wirkt es, ein Eichelhäher fliegt über Felsen auf, doch der gut ausgebaute Untergrund und die Pferdeäpfel strafen der Entrücktheit Lüge. Schon nach ein paar Hundert Metern verlässt der HW 7 wieder das Tal, in einem spitzen Winkel führt ein Waldweg wieder auf die Höhe (geradeaus ginge es nach Blaubeuren mit seiner einstigen Klosterschule, durch die so viele Dichter und Denker Altwürttembergs gegangen waren). Der Aufstieg ist in erster Linie eine Vermeidung, auf die zahllosen orangebraunen Nacktschnecken zu treten. Der Himmel über den Feldern ist bereits grau.

Schwäbische Alb_Schnecke_Tod

Kreisläufe

Als ich die offene Hochfläche fast durchquert habe, schlägt irgendwo ein Hund an. Ich blicke zurück über die einsamen Äcker hinüber zum Wald, aus dem ich gekommen war. Eine infantile Fantasie bemächtigt sich meiner. Einmal angenommen, der Hund wäre auf meine Fährte angesetzt, würde ich es rennend, stolpernd, taumelnd bis zum nächsten Waldrand schaffen, bevor mich die Bestie erreichte? Es ist ein bisschen ein Bild aus „Der Hund von Baskerville“, auch wenn das nächtliche Dartmoor zugegebenermaßen eine überzeugendere Kulisse abgibt für eine solche Geschichte als diese Landschaft der Schwäbischen Alb an einem Sommervormittag. Ins Dartmoor habe ich es ja bisher nie geschafft, einmal vor vielen Jahren – ich erschrecke, wie lange das her ist – standen wir in Ivybridge, dem Tor zum Dartmoor in strömendem Regen. An dem winzigen Bahnhof, nicht größer als das dreiwändige Häuschen einer Bushaltestelle, rollten wir unsere Schlafsäcke aus. Als es am nächsten Morgen immer noch goss, machten wir mit dem nächsten Zug kehrt: eine Kapitulation vor der Witterung. (So ganz anders mein Besuch des Exmoors viele Jahre später, der zu meinen schönsten Wanderungen überhaupt wurde.)

Kein Hund war hinter mir her, ich erreichte den nächsten Waldrand sicher. Die Spuren der Menschen sind in dieser Landschaft allgegenwärtig. Bienenkästen am Wegesrand; detaillierte Ausschilderungen an den Wegkreuzungen; dann ein Schuppen mit Bauholz und einem Lieferwagen ohne Kennzeichen. Eine kleine Lichtung mit Forsthaus öffnet sich, auf der Wiese zwei Holzgestelle, die ich im ersten Moment für Schaukelgerüste halte. Aber sie sind zu niedrig und Ringe und Haken für Schaukeln gibt es nicht, dafür große, rostige Nägel im Querholz. Ich vermute, es dient zum Aufhängen des erlegten Wildes. Durch die Scheiben des Forsthauses erspähe ich die Einrichtung, sein Inneres ist möbliert. Fenster zu unbewohnten, besser unbelebten Gebäuden haben oft etwas Trostloses, um nicht zu sagen Unheimliches. Eben will ich von einem Geisterwald – so viele menschliche Spuren, aber nirgendwo ein Mensch – denken, da sehe ich am Wegesrand zwei PKWs, die offene Heckklappe lässt den Blick frei auf Forstarbeiterhelme, in einem Holzwagen sitzen zwei Männer, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, sie besprechen den Tag. Ich rufe ein „Servus“ hinüber, wie zu erwarten kommt nichts zurück.

An einer Fünferkreuzung – welch verwirrende Vielfalt, aber auch welche Möglichkeiten – mache ich auf einem Holzstapel Rast für meine Notizen. Ein Hochsitz hat die lange, gemähte Lichtung im Blick, die Vögel schmettern von den Bäumen, Schwebfliegen observieren meine Knie, bevor sie mit ihren unmöglich eckigen Bewegungen abdrehen.

Schwäbische Alb_Wandern_Wald_Kreuzung

Welchen Weg wählen?

Und dann – ein Mensch. Ein Mensch mit Rucksack wie ich (wenn auch etwas größerem) vor mir auf dem Feldweg. Ein Mensch, den ich nie gesehen hätte, wäre ich nicht nach meiner Pause an jener Fünferkreuzung just den falschen Weg gegangen und nach zwei Kilometern wieder umgedreht, denn sonst wäre dieser Mensch immer hinter mir geblieben.
Ich hole auf. Der Mann, um einen wird es sich handeln, erkenne ich nun, hat breite Schultern, ein kräftiges Kreuz, aber keinen leichten Gang. Sein Schritt ist sperrig, vielleicht plagt ihn eine Blase an den Füßen, auch das Gepäck scheint zu zwicken. Immer wieder fummelt er an seinem Rucksack. Als ich noch 20 oder 30 Schritt entfernt bin und mir bereits Strategien überlege, wie ich am besten bemerkbar mache – durch ein lautes Auftreten, ein Räuspern, irgendein Geräusch – nimmt er mich wahr. Der Mann bleibt stehen, greift nach der Wasserflasche, trinkt halb abgewandt, als wolle er sich unsichtbar machen. Auf seiner Höhe angekommen, bleibe ich trotzdem stehen und grüße. Der Wanderer hat lichtes, kurz geschorenes Haar, seine Brille ist schwarz umrandet, der rostrote Kinnbart gezwirbelt, am Handgelenk prangt ein keltisches Tattoo, zwischen dem Gepäck erkenne ich den Horngriff eines Messers. Der Mann ist jung, wir sind beide auf der Piste, also duze ich ihn. Er siezt mich zurück. Offenbar habe ich ein Problem mit der Selbstwahrnehmung meines Alters. Der junge Mann hat denselben Weg wie ich, stellt sich heraus, er aber wird bis zum Bodensee wandern, was ich – bestenfalls – im Juli nachholen werde. Wie ist das, wenn zwei auf einem so einsamen Weg die gleiche Strecke gehen? Nein, dieser da würde nicht wollen, dass wir bis zum nächsten Dorf unser Tempo einander anpassen. Er hatte nur angehalten, um mich passieren zu lassen. Ich wünsche ihm viel Erfolg und schreite weiter aus.

Schwäbische Alb_Biosphärengebiet_Honig_Imker

Was Gutes

Das nächste Dörfchen Justingen zeigt exemplarisch die Schizophrenie der Albdörfer. Schmuck und zeitenthoben ländlich begrüßt es auf der einen Seite, wird dann zur toten Schlafsiedlung: alles sauber, alles ordentlich, sogar modern, aber kein Leben in den Neubauhäusern, keine Menschen, keine Tiere, selbst die Gartenpflanzen weichen immer mehr Säulen und Wänden aus in Metallgittern geschichteten Bruchsteinen.

Auf einem Feldweg hinter dem Sportplatz kommen mir zwei Füchse entgegen – Mutter und Kind, so nehme ich zumindest an. Denn ein Tier verschwindet sofort im Acker, das zweite erstarrt, schaut mir entgegen, gibt ein ängstliches Bellen von sich und taucht erst dann ebenfalls im Getreide unter. Als ich mich später umdrehe, kommt das Tier eben wieder auf den Weg zurück, sieht mich zurückblickend und ist schon wieder weg.

Der Waldweg führt nun recht bald hinab ins Tal der Schmiech. In einem feuchten Buchenwald biege ich ab auf einen schmalen Pfad und betrete, ohne es gleich zu bemerken, ein Zauberreich, die Anderswelt. Felsen und Bäume sind von Moos regelrecht überwuchert, die Hänge von grünem Kraut bewachsen. Der Weg, auf dem ich gehe, wird in der Regenzeit nichts als ein Bachbett sein. Es sieht aus, als wäre hier immer Regenzeit, als hätte ich ein winziges Zeitfenster erwischt, in dem ein Sterblicher es wagen darf, dieses Land zu passieren. Die Steine unter meinen Stiefeln schimmern nass. Dort, wo sie sich mir nicht scharfkantig entgegenstellen, sind sie glitschig. In dem grünen Dämmerlicht, begleitet von mir unbekannten Vogelrufen, steige ich immer tiefer hinab in die Felsenschlucht. Eine Kröte hüpft ins Gesträuch, vielleicht ist sie in Wahrheit die smaragdfarbene Königin dieses Reiches.

Der traumhafte Weg mündet – hinein in eine schlecht einsehbare Haarnadelkurve, über deren Asphalt sich der Fußgänger die letzten Meter ins Dorf hinab bewegen muss. Hütten gleicht einem verwunschenen Dorf von der lieblichen (nicht alptraumhaften) Sorte in einem geschwungenen Tal, in dem man unweigerlich einen Fluss erwartet und nur einen Bach findet. Über der Siedlung thront hell der Uhufelsen, darunter eine Barockkapelle und eine  Christusstatue. Der überlebensgroße Gute Hirte blickt auf seine Schützlinge im Tal hinab. Wahrscheinlich hat er sie alle im Blick. Nahe der Kreuzung liegen sich zwei Gaststätten fast gegenüber, beide haben – zur Mittagszeit – geschlossen. Ich muss mich mit einer schon verdächtig schmeckenden, gekochten Kartoffel und ein paar Nüssen aus meinem Rucksack begnügen, dazu ein paar Schluck Wasser aus der Flasche. Offizielles Etappenziel des HW 7, würde ich Hütten gleich wieder hinter mir lassen. 13 Kilometer sind es noch bis zu meinem Ziel, entnehme ich stirnrunzelnd einem Wegweiser.

Schwäbische Alb_Hütten_Schelklingen

Hütten unter Wolken

Also mache ich mich auf, über die Schmiech – sie fließt rasch und klar -, an einer frisch geschnittenen Hecke vorbei, vor der eine Katze geduldig auf der Straße sitzt und den beiden älteren Männern zu lauschen scheint. Ein Bummelzug pfeift beim Übergang über die Brücke. Hühner, Schafe, Katzen, Ziegen, Pferde, Gänse – allen begegne ich auf dem kurzen Stück an der Schmiech entlang, bevor es rechts hinein in ein langes, langes Tal (nicht umsonst heißt es Tiefental, allerdings ein häufiger Name in dieser Gegend) geht, auf einem Weg, der stetig und leicht ansteigt. Meine Mahlzeit war nicht üppig, merke ich, nach 20 Kilometern hinter mir und weiteren zehn vor mir. Im Trott beginnt sich meine Wahrnehmung zu verengen und der Körper sich auf das Wichtigste zu konzentrieren: gehen.

Den Kadaver bemerke ich daher erst, als ich neben ihm stehe. Ich sehe ihn nicht, ich rieche ihn nicht einmal als Erstes, sondern ich höre ihn: höre das Summen unzähliger aufgestörter Fliegen. Da liegt ein totes Reh am Wegrand. Seine Augen sind längst leere, dunkle Höhlen, der Mundbereich schwarz und eingefallen und gewiss schon angefressen. Nun erst rieche ich die Fäulnis, ich ziehe die Luft flach durch den Mund ein, um nicht würgen zu müssen. Es sieht aus, als wäre dem Tier die Decke abgezogen worden: an den Füßen hängt noch Fell, der Rest des Körpers aber ist eine haarlose, gedunsene Fläche in dieser Palette von Verwesungsfarben, für die ich keine Worte finde. Am hinteren Rücken hat das Tier eine Verletzung. Ich gehe nicht näher, um diese Wunde zu inspizieren, ich mache nur einen einzigen Schritt für ein besseres Foto. Dann spucke ich aus, um den Leichengeruch an meinem Gaumen loszuwerden und setze meinen Weg fort.

Zwischen Grötzingen und Ennahofen, mitten in den Lutherischen Bergen (die Region ist – wie so oft auf Geheiß eines einstigen Landesherrn – protestantisch zwischen katholischen Nachbarn), sehe ich das erste Mal Oberschwaben unter mir ausgebreitet. Die Ferne verschwimmt in Dunst. Bei klarem Wetter wird man von hier die Alpen sehen können. Auf einer Bank strecke ich die müde werdenden Beine für ein paar Minuten aus, bevor ich mich weiter auf den Weg mache, nach Süden ins Tal hinein, nach Weilersteußlingen hinauf, wieder hinab.

Schwäbische Alb_Wandern_HW 7_Getreide

Korn in den Lutherischen Bergen

Hier, auf dieser Bank in den Lutherischen Bergen, brechen meine Reisenotizen ab.

Die Geschichte aber geht weiter. Sie wird zu einem Traum, einem unangenehmen Traum, dem ich erst knapp 24 Stunden später entkommen sein werde.

(Fortsetzung folgt.)