Lemberg, Südhang

Ein zweifacher Sommer wärmt den winterdunklen Kopf: ein ostpreußischer im Rucksack, 140 Seiten lang, und ein württembergischer vor mir, ausgebreitet an diesem frühen Maientag, als gäbe es keinen schönern Ort auf dieser Welt.

Über den ‚tödlichen Männerschnupfen‘ lässt sich gut spotten, das sehe ich ein. Und doch ist‘s in seinen Wellentälern ja wirklich ein Elend – das ganze Vitalsystem wirkt wie fundamental erschüttert, alle Lebenssinnhaftigkeit ist hinterfragt, Hoffnung für die Zukunft ganz undenkbar. Krumm stöhnt einer in der Küche wie unter der Last des dreifachen Alters. Einer weint vielleicht bei Musik. Bitte, es ist doch nur eine Erkältung! Und trotzdem hasse ich diese zwei, drei Tage im Kalenderlauf, mehr noch, ich fürchte sie inzwischen mit jedem Jahr ein bisschen mehr – eine hübsche Regelmäßigkeit des Älterwerdens.

Andererseits macht man manchmal ja so Entdeckungen. Im eigenen Regal zum Beispiel. Du ziehst ein Buch heraus, das über Jahre hinweg nur bei Umzügen angetastet wurde, schlägst es auf, erwartest nichts – und bist verloren. Es ist ein Sommer an der kurischen Nehrung in den letzten Jahren des Kaiserreichs, wovon Eduard von Keyserling in seinen „Wellen“ erzählt. Von den Sorgen, Nöten und Hoffnungen der Strandgäste, gefangen in den Konventionen einer sterbenden Zeit, getrieben von ihren Leidenschaften und Ängsten. Da ist Doralice, die junge Gräfin mit dem schicksalshaften Mund, die ihren um vieles älteren Ehemann verlassen hat für den idealistischen Maler Hans. Dort, ein paar Häuser weiter, residiert unter der Führung der pragmatischen Generalin die Adelsfamilie, welche die Regelbrecherin Doralice halb fürchtet, halb verehrt und als Gemeinschaft daran fast zerbricht. Überall und nirgends der verwachsene Geheimrat Knosperius, ist er Außenseiter oder Puppenspieler? Die Fischerfamilien. Und natürlich das Meer.

Alles spielt an (oder in oder auf der) baltischen See, an jedem Tag, in beinahe jeder Szene beschreibt von Keyserling erneut und fast wie nebenbei das Meer – und kein Mal gleicht es sich. Das ist die hohe Kunst der Wahrnehmung der Impressionisten, empfänglich für die tausendfachen Eindrücke des Lichts, und es ist eine wahre Lust zu lesen. (Die pointierten Dialoge, die zu andauernden Unterstreichungen verlocken, unterschlage ich.) Und das ganz Erstaunliche ist: Dieser Eduard von Keyserling, eine etwas traurige, unstete Gestalt von nicht so recht zu beschönigender Hässlichkeit – darf man dem Porträt des Malers Lovis Corinth Glauben schenken –, dieser Eduard von Keyserling, Spross einer deutschbaltischen Adelsfamilie, diktiert, von der Syphilis gezeichnet und längst erblindet und bettlägrig, diese Geschichte – zeichnet so viele Spielarten des Lichts (und der menschlichen Regungen) aus der Finsternis seines Krankenlagers und seines sterbenden Körpers heraus.

Kaum ist der erste Schritt aus dem Aschetal gemacht, will ich tun, tun, tun. Ich fliehe hinaus aus der dunklen Wohnung, aus der Stadt. Die Menschen tragen sommerkurze Kleidung. Ich wage nicht, die Hemdsärmel umzukrempeln, und selbst durch den Schal hindurch frisst der Wind an meinem Hals. Trotzdem hinaus, hinaus! Das erste Gras ist eingeholt, der Schnitt leuchtet blassgrün, Böen fahren ungestüm durch grünes Getreide, Apfelblüten treiben über die Wege, die Hecken am Bachufer verdichten sich, Bäume gewinnen Fülle. (Es ist doch wenig Schöneres als diese Er-füllung eines gewaltigen Baumes.) Ich tauche über weiche Pfade in den Wald ein, langsam, sehr langsam steige ich die kleine Höhe hinauf und dann bin ich ganz unvorbereitet auf die Weite, die sich auftut.

Der Lemberg ist ein Zeugenberg, steht also dem Höhenzug, dem er einst zugehörte, wie ein Posten vorgerückt. Nichts versperrt den Blick. Im Osten sehe ich auf die Backnanger Bucht, weit hinten ragt der kaiserliche Hohenstaufen über die Hügel (die Burgen Teck und Hohenneuffen auf der Schwäbischen Alb hingegen sind im Dunst versteckt); der Korber Kopf markiert das Tal der Rems im Süden, dort der Württemberg mit seiner Grabkapelle, dann der Stuttgarter Kessel, gesäumt vom Asemwald, dieser Gigantomanie einer corbusierschen Architektur, von Fernsehturm und Birkenkopf (hier und hier), die Augen springen hinüber zum Ludwigsburger Wasserturm, weiter zum Hohenasperg – Zwilling des Lembergs auf der anderen Neckarseite – mit seinem jahrhundertealten Gefängnis, ruht schließlich im Westen, fast schon Nordwesten, auf der langen, bläulichen Flanke des Strombergs. In diesem Augenblick kommt es mir vor, als hätte ich nie einen schöneren Blick auf diese Region geworfen.

20160507_154238

Lemberg, Südhang

Ein paar Schritt weiter entdecke ich einen Biergarten und lasse dem Kräutertee aus der Thermoskanne spontan ein alkoholfreies Weizen folgen. (Weihenstephan, eine Enttäuschung für eine so berühmte Brauerei.) Die Wirtin der 7 Eichen – letztes Jahr haben hier ELO und Marillion gespielt, staune ich – klagt, ach ihr Kreislauf. „Mag jemand ein Freibier?“, fragt sie in die Warteschlange hinein. Das Fass ist leer, sie schafft es nicht allein, einer der Gäste folgt ihr hinüber in den Schuppen und schleppt den Nachschub herüber, darf es sogar selber anschließen. „Und dann noch der VfB“, seufzt die Wirtin weiter. „Ich will gar nicht wissen, wie es gerade steht. Das will ich erst wissen, wenn ich zuhause bin.“ Eine kluge Entscheidung, denn nach der 6:2-Niederlage gegen Bremen am Montag hat das Fußballteam auch sein Schicksalsspiel gegen Mainz verloren. Die 2. Liga winkt. Schockstarre im Club.

Ich aber bin dann noch bis Backnang gegangen. Die Sonne stand schon tief.

Noch war‘s kein Maienregen – Auf dem Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg (2)

Zum ersten Mal reizvoll wird die Strecke, wenn, fast schon durch Jebenhausen hindurch, das Schloss vor einem liegt, sechs Kilometer vom Göppinger Bahnhof entfernt. Bis dahin ist es verschenkter Weg. Auch in Jebenhausen habe ich nicht innegehalten, nicht am Jüdischen Museum (geschlossen) noch am Schloss (in Privatbesitz). Ich wollte ausschreiten. Ich wollte Wegstrecke hinter mich bringen. Am Ende wurde mir diese Hast zum Verhängnis.

An jenem trüben Apriltag hatte ich mir die beiden kürzeren Etappen 2 und 3 des Schwäbische Alb-Oberschwaben-Wegs (= Hauptwanderweg 7 des Schwäbischen Albvereins) vorgenommen, von Göppingen im mittleren Filstal nach Wiesensteig kurz vor dem Filsursprung. Die erste Station Jebenhausen ist mehr wert als meines flüchtend-flüchtigen Satzes oben. Jahrhunderte waren die Freiherren von Liebenstein (einer Familie, die im Hochmittelalter aus dem Elsass ihren Stammsitz nach Schwaben verlegt hatte), als reichsunmittelbare Ritter die Dorfherren von Jebenhausen. Erst 1806, nachdem sich die Landkarte der deutschen Lande durch Säkularisation und Mediatisierung radikal verändert hatte, fiel die Herrschaft an Württemberg. 30 Jahre vorher hatten die Freiherren den Juden ein – unbefristetes – Schutzprivileg ausgestellt, das diese in dem Rittergut besser stellte als zum Beispiel im benachbarten Württemberg. Die Gemeinde blühte und Mitte des 19. Jahrhunderts waren die christliche und die jüdische Bevölkerungsgruppe Jebenhausens beinahe gleich groß. Recht bald aber löste sich die jüdische Gemeinde nahezu auf. Einige schlugen den – sehr kurzen – Weg ins benachbarte, sich industrialisierende Göppingen ein, viele andere den – sehr weiten – Weg nach Nordamerika. 1900 wurde die Jebenhausener Synagoge verkauft.

Bezgenriet_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Im Grünen

 

Ein paar Hundert Schritt hinter dem malerischen Schloss verliert sich der Weg im Grünen. So etwas ist ungewöhnlich in Deutschland: Dass eine ausgeschriebene Route – hier für ein ganz kurzes Stück zugleich ein Teil des Jakobswegs – ohne erkennbaren Pfad einfach mitten durch eine ungemähte Wiese verläuft. Passend ländlich-malerisch empfängt einen der nächste Ort Bezgenriet (der Name klingt so unerwartet nach Allgäu) mit seinen Scheunen am Feldrand, der ehrwürdigen Dorfschule gleich dahinter, gegenüber ein etwas heruntergekommener Bauernhof, vom üblichen Arsenal aus Maschinen, Materialien und einem vermutlich nicht mehr fahrtüchtigen PKW umlagert. Eine Brennerei und Hofläden versprechen kulinarische Genüsse.

Bad Boll_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Am Fuß der Schwäbischen Alb

 

Die Obstbäume erblühten, das erste Grün spross, viele Äste auf den Streuobstwiesen und oben auf den Hügeln ragten noch kahl empor. In wenigen Wochen würde die Landschaft wieder ganz anders und noch reizvoller aussehen als unter dem grauen Aprilhimmel. Es ist, das denke ich mir immer wieder, eine liebliche, einnehmende Landschaft am Fuß der Schwäbischen Alb: um die Dörfer liegen Äcker mit sanftem Schwung, hangaufwärts erstrecken sich die Streuobstwiesen, darüber die bewaldeten Hänge des Mittelgebirges. Ich werfe einen Blick zurück, hinüber zum Hohenstaufen und freue mich, diese Wegmarke meiner letzten Etappe zu sehen und den Raum dazwischen zu spüren, den ich mit meinen eigenen Schritten durchmessen habe. So etwas ist Welterschließung vom Innigsten.

Die Wanderroute schneidet den Kurort Bad Boll nur an, ein Umweg führt hinein ins Ortszentrum. Ich wollte eigentlich nur weiter, aber andererseits, wann würde ich schon wieder einmal hier sein in diesem kleinen Bäderort mit seiner Akademie (der ältesten nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Evangelischen Akademie in Deutschland und in den letzten Jahren mehrfach ausgezeichnet für die ökologische Ausrichtung ihrer Hauswirtschaft). Der Weg hinein in Bad Boll, nein, der lohnt sich nicht wirklich, das weiß ich nun, und innegehalten habe ich auch hier nicht, aber der Weg wieder hinaus aus dem Ortskern, der hat es in sich. Sehr lieblich zeigte sich hier der Ort. Kirschblüten prangten weiß vor einem dunklen Himmel, hinter den hohen Birken rollte Donner um Donner, dort das rote Haus vor dem Gewitterhimmel, das ich leider nicht fotografiert habe. Über mir und den Frühlingsblüten noch Sonnenschein, im Norden aber, wo ich vor zwei Stunden gestartet war, regnete es.

Als ich die Kurgebäude hinter mir ließ, erreichte der Regen auch mich. Im Teilort Eckwälden klappte eine Belegschaft auf Betriebsausflug, aus Brennereien und Stallbesichtigungen entströmend, ihre Regenschirme mit Firmenlogo auf. Obstler und Kühe, das schien ihnen gefallen zu haben, wie sie scherzend bergauf schlenderten, vielleicht einem gemeinsamen Mittagsmahl entgegen. Ich überholte die Anzughosen und Röcke über Büroschuhen und passierte, schon am Waldrand, die Firmengebäude von Wala, die ich ihrer anthroposophisch begründeten Naturkosmetik wegen (vielleicht zu Unrecht) als „kleine Schwester“ von Weleda – nur rund 30 km entfernt – wahrnehme.

Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Die Wahrheit in Bad Boll

 

Der Waldweg hob sich, der Regen rauschte, milchiglehmige Rinnsale kamen mir über den hellen Kalkmergel entgegen, das Nass färbte das Grau der Buchen dunkel. Als ich auf einen Trampelpfad, der die weiten Schleifen des Waldwegs abkürzte, einbog, donnerte es. Der Weg war steil und glitschig, immer wieder nach bangen Pausen erneuter Donner über mir und ich stieg immer höher, dem Gewitter entgegen. Es war mir mulmig zumute, beinahe gehetzt arbeitete ich mich den Schleichweg empor, aber irgendwo vor mir war eine Autobahnunterführung, dort wäre ich vor Blitz und Regen sicher.

Als ich die A8 erreichte, war das Gewitter bereits weitergezogen. Und nichts verlockte dazu, ausgerechnet hier einen Halt zu machen. Oben rauschte der Fernverkehr, ich stand allein auf unpassend breit gewordenen Waldwegen vor der asphaltierten Unterführung. Ein hässliches Wegstück. Wäre mir nun ein großer Wagen, brummend, die Scheiben spiegelnd, entgegengekommen, ich hätte mich sofort in innerlicher Alarmbereitschaft gefunden, hätte auf diesen Metern jedes Verbrechen für möglich gehalten. Merkwürdig, wie unsere seelenlose Autoarchitektur solche Fantasien von Gewalt und Ausgeliefertheit beflügelt.

Ich trat aus dem Wald und hatte das Deutsche Haus (Kaltenwang) vor mir. Ruheständler schauten mich aus ihrem Mercedes heraus an, ein Hund wütete hinter einem Gatter, es lockte auf einem Schild Steinofenbrot (aber was wollte ich mit einem Laib Brot im nassen Rucksack), köstlicher Duft drang aus der Gaststube. Menschen machen hier Mittagsrast und ließen es sich schmecken, es konnte gar nicht anders als schmecken bei diesen Gerüchen, aber ich wollte nicht einkehren, ich wollte erst hinauf auf den Gipfel gleich hinter dieser langgezogenen Lichtung, den Boßler hinauf, wo ich dann oben sein würde auf dem Albtrauf.

Der Aufstieg auf den Boßler ist steil und steinig und rutschig, ich war froh um mein gutes Schuhwerk und verstand zum ersten Mal annähernd, warum die Route als „schwierig“ ausgeschrieben ist. Wer alpines Terrain kennt, lacht natürlich, und kein geübter Wanderer wird diese Etappen als schwierig empfinden. Dieser Aufstieg aber ist jedenfalls nichts für ungeübte Sonntagsspazierer. Und vielleicht wird so etwas manchen ja erst klar, wenn ein Weg als „schwierig“ bezeichnet wird.

Boßler_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

„Symbolbild“ – recht verdüsterter Blick vom Boßler

 

Oben, am Gipfelkreuz mit Ausblick nach Westen, machte ich eine Rast, trank die ersten Schlucke, biss in ein Käsebrot. Ich war bis auf die Haut durchnässt. Es war kalt und ich konnte mich nicht lange aufhalten, zog nach dem zweiten Butterbrot wieder die Regenjacke über. Ich fror und da half nur eines. Schnell weiter, in Bewegung bleiben, um so wieder warm zu werden.

Die nächsten rund zehn Kilometer, gleich hinter dem Gedenkstein für die vielen Luftfahrzeuge, die schon in den Boßler gekracht sind, führen den Albtrauf entlang und teilen sich den Weg mit dem HW 1. Es ist der interessanteste Abschnitt dieser Etappe. Auf einem schmalen Streifen zwischen der Hochfläche zur Linken – einer keineswegs hässlichen, aber doch vergleichsweise reizlosen, wohlgeordneten Fläche aus Wiesen, steinigen Äckern, Hecken und Wäldern – und den von Mischwald bewachsenen Steilhängen zur Rechten führt ein malerischer Weg über Stock und Stein. Wie schön es sein muss, über Hunderte von Kilometern des Schwäbische Alb-Nordrand-Wegs solche Pfade zu gehen!

HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Albtrauf

Gleich zweimal warb ein Schild mit schwarzem Ross im Walde, lockte hinab in den Grund mit dem Versprechen einer warmen Mahlzeit. Man konnte durch den noch weitgehend unbelaubten Wald hinunter ins Dörfchen Häringen sehen, das Rössle, Landgasthof und Metzgerei, erkennen. Aber wer will da schon hinab, diesen Steilhang hinunter und dann mit gefülltem Magen wieder empor?

Niemand war auf den Wanderwegen unterwegs. Nach einem Sporn, auf dem einst gleich zwei Burgen standen, liegt traumhaft das Dorf Neidlingen in einem Tal, das nur nach Nordwesten hin geöffnet ist. Die übliche Szenerie aus Ackerlinien und Streuobstwiesen am Fuß der Hänge. Hier möchte man doch wohnen, überraschte ich mich selbst mit meinem Wunsch. Doch stünde man unten, wer weiß, ob der Zauber nicht verfliegen würde angesichts streng geordneter Neubauten. Man müsste es ausprobieren, vielleicht einmal mit dem Rad an einem Sommertag.

Bald nach dem Startplatz für Gleitschirmflieger fallen die Routen HW 1 und HW 7 wieder auseinander. Der eine schwenkt nach rechts weiter den Albtrauf entlang (ein paar Kilometer weiter liegt der Neidlinger Wasserfall), der andere nach links, kurz am pfadlosen Rand der Landstraße entlang, dann am Christlichen Jugenddorfwerk Bläsiberg vorbei und durch den lauschigen Weiler mit seinen auf Wanderungen leider unvermeidlichen übermotivierten Hofhunden bald schon wieder hinab nach Wiesensteig, dem Ziel der dritten Etappe. Schon? Die letzten zwei, drei Kilometer waren quälend geworden, ich spürte eine Blase in den eigentlich eingelaufenen Wanderstiefeln und die Gelenke ächzten. Passenderweise entpuppte sich der Weg hinab ins Dorf als Kreuzweg.

Gehen, das bedeutet eigentlich, sich frei zu machen, abzulegen, was nicht unmittelbar notwendig ist. Vielleicht hatte ich das an diesem Tag zu sehr gewollt (gewollt statt zuzulassen): das Voranschreiten, das Weg-Ablaufen, das Flüchten. Ich war, was selten geschieht nach einer Wanderung, unzufrieden, gereizt, rastlos. Und stand in den noch regenfeuchten, nun miefenden Klamotten in einem engen Tal und wartete – als der Fremde, der ich war, erkannt und geflissentlich ignoriert – mit einer Handvoll Schüler und älteren Personen auf den Bus, der mich aus dieser Enge im Tal hinausführen würde, vielleicht nicht aus der Enge in mir.

Die Menschlichkeit in den Zeiten der Finsternis. Eine Eklipse

Da sieht man wieder einmal, das Leben ist kein Picknick. Wir sind auf dem Weg zur Sonnenfinsternis und stellen fest, die geistige Finsternis ist längst schon da.

Auf dem spiralförmigen Weg zum Birkenkopf unterhalten wir uns über Dryaden und die Verführung durch Baumgeister. Vor uns gehen zwei Männer, der Ältere stumm und entschieden, der Jüngere schweifend und rastlos. Er trägt eine offene Bierflasche in der Linken, eine geschlossene in der rechten Hosentasche und wirkt, als wären sie die letzten Posten einer durchzechten Nacht. In Armreichweite von uns tritt er an einen Baum zum Pinkeln, schließt dann wieder zum Älteren auf, bleibt unmittelbar auf dem Weg stehen, schießt in gekrümmter Haltung ein Foto mit seinem Handy und krakeelt etwas von „Durchnudeln“ auf dem Wasen. Dann lässt er einen Schrei und stürmt seinem Begleiter hinterher, gerade als wir überlegt haben, sein Selbstgespräch heimlich aufzunehmen. Es ist kurz nach 9 Uhr morgens am Tag der Sonnenfinsternis, der Himmel ist strahlend hell.

Am Vorabend suchte ich nach meiner Brille von der totalen Sonnenfinsternis von 1999. Ich wusste, in welches Buch die Brille eingelegt war, und ich wusste den Standort des Buches bis auf zwei Regalbretter genau. Und da war sie auch, die Sonnenfinsternisbrille. Denkt man an die Knappheit der Brillen vor dem aktuellen Ereignis, dann war es vielleicht doch gerechtfertigt, Buch und Brille 16 Jahre lang und durch eine nicht mehr genau rekonstruierbare Zahl von Umzügen hindurch aufzubewahren.

Sonnenfinsternis_Brille

Da ist sie ja.

Ein paar Profis in Holzfällerhemden oder Outdoorwesten haben ihre Kameras zwischen den Trümmersteinen des Monte Scherbelino bereits aufgebaut. Der Betrunkene lässt sich längs auf einem Steinblock nieder, die Kälte scheint er nicht zu spüren. Vor uns schnurrt eine Kamera auf ihrem Stativ in einem regelmäßigen Rhythmus. („Das Klacken der Schorsch-Kamera ohne Schorsch hat auch etwas.“) Kinder springen herum, ältere Damen packen Butterbrote aus, neben uns sitzt eine Frau auf dem Schoß ihres Partners (Karohemd, Bart, grauer Bürstenhaarschnitt) und wagt hinter ihrer – normalen – Sonnenbrille gelegentlich einen Blick zum Gestirn empor.

Als wir unsere beiden Brillen austauschen ein „Ah!“ und „Oh!“, denn sie geben einen sehr unterschiedlichen Blick auf das Himmelsereignis: technisch-kühl die eine, bräunlich-gedämpft die andere. „Jetzt sehe ich einen Smiley von der Seite, der weit den Mund aufmacht. Als würde ihm gleich ein Keks hineingestopft werden. Das wäre dann der ultimative Gottesbeweis.“

„Dürften wir vielleicht auch einmal kurz?“, fragt der Bürstenhaarschnitt. „Na klar“, reichen wir unsere Brillen weiter und schon sind wir im Gespräch. Sie ist aus Dortmund, er aus Stuttgart, dort Regen, hier Sonne. „Haben Sie gut gemacht“, kommentieren wir.

Das Vorbild macht Schule. Nun trauen sich auch ein paar junge Leute – hübsche, blonde und vom Leben noch so unglaublich ungezeichnete 20-Jährige, die 1999 noch kleine Kinder waren und kaum Erinnerungen an die Sonnenfinsternis haben – und fragen nach einem Blick durch unsere Brillen. „Kein Thema, kommt einfach nochmals vorbei“, antworten wir auf ihren Dank. Überall wechseln Brillen die Hände, Bittsteller blicken durch die Standkameras der Profis, Biere werden ausgepackt. Ein weißer Hund sitzt am Rand des Abhangs und blickt in die Stadt hinab, als gäbe es dort etwas Fesselndes zu sehen. Eine Krähe landet auf der Wiese und der Betrunkene, bis dahin friedlich mit seinem Bier dahindämmernd, richtet sich auf und krächzt dem Vogel seine Herausforderung entgegen. „Okay, der Kolbentyp ist in Wirklichkeit eine verzauberte Krähe, und die Dryade hatte ihr Zauberwerk schon vollbracht.“

Sonnenfinsternis_Birkenkopf

Publikumsverkehr unter der Eklipse

Das Licht beginnt sich zu verändern, es wird cremiger, wie gefiltert, und es wird spürbar kühler. Ein Flugzeug, lange Kondensstreifen im Blau, dreht bei und scheint direkt Kurs auf die Sonne zu nehmen, wie die Motte auf das Licht zusteuert. Alle anderen Flieger am Himmel folgen. Unten in der Stadtmitte leuchtet ein einzelnes Gebäude hell auf, als wäre dorthin das verschwundene Stück Sonne gestürzt, dann zerteilt sich das Leuchten, es zerspringt in kleinere Funken und verteilt sich auf eine Kette von vier oder fünf Gebäuden.

Der Bürstenhaarschnitt bedankt sich fürs Ausleihen mit einem Schluck eines tschechischen Pflaumenschnapses aus einer privaten Brennerei. Auf den Hinweis, noch fahren zu müssen, hat er eine Lösung parat: „Nippen dürfen Sie. Ich bin Polizist.“ Der Schnaps hat mehr Aroma als Schärfe, ein wirklich edler Tropfen, während sich oben der Mond immer weiter über die Sonne schiebt.

Es ist so kalt geworden, dass ich Jacke und Schal wieder überziehe. Im Dämmerlicht scheint die Welt um den Hügel herum die Luft anzuhalten. Es wirkt still und unwirklich und etwas gespannt und für einen Augenblick ist es, als würden gleich unten im Kessel der Stadt die Sirenen losgehen. Es ist ein Licht, wie ich es nur aus zwei Zusammenhängen kenne: von der Sonnenfinsternis 1999, anders als heute einer totalen Sonnenfinsternis, allerdings unter Wolkenbänken und kühlem Regenwetter. Und aus meinen Träumen, auch schon vor 1999, diesen seltenen, aber eindrücklichen Träumen von Landschaften unter einem merkwürdigen Licht, Landschaften, die intensiver und echter wirken als die Wirklichkeit und den Träumer verwirrt in den neuen Tag entlassen, weil unser wissenschaftliches Paradigma solche Welten nicht kennt.

Dieses Mal bringt der Polizist ein Stückchen Wurst: aus Polen, in seinem Keller luftgetrocknet. „Ja, wir sind eine bunte Truppe“, erklärt er und schwärmt von Würsten und Schinken in seinem Keller. Die jungen Leute kommen für den zweiten oder dritten Blick in die Eklipse, in den Händen Plastikbecher mit Weißwein. „Wie auf dem Basar“, lacht der Polizist und steckt sich einen Glimmstengel an.

Ja, interessanter als der unentwegte Blick auf das schwarze Rund, das die Sonne zu einer Sichel schrumpfen lässt, ist das Menschliche um uns herum. Dann kommt ein Müllauto den Weg empor, ein Fremdkörper, drei Männer, dunkle Teints und orange Overalls, leeren Mülleimer und starren herüber. Ein Kind von vielleicht vier Jahren, das über den Hügel hin und herstürmt, nähert sich dem Wagen und reicht einem der Männer seine Brille. Er nimmt sie entgegen, mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung seiner starken Hände, er wirft einen Blick in den Himmel, reicht die Brille dann an seinen Kollegen weiter, der sie mit derselben kraftvollen, wortkargen Bedächtigkeit entgegennimmt. „Julia“, ruft das Kind auf dem Rückweg glücklich. „Gut gemacht“, meint die Angerufene. Das finden wir auch.

10.45 Uhr, das Licht hellt sich wieder auf. Einer der Profis schultert bereits sein Kameragestänge, für ihn ist der wissenschaftliche Höhepunkt vorüber, das Wesentliche gelaufen. Das Kino verlässt er vermutlich, wenn der Abspann einsetzt. So schnell kommen wir nicht weg. „Schickes Teil“, meint einer der jungen Leute über eine (gewöhnliche) Sonnenbrille, ein anderer bietet dem Polizisten eine Zigarette an, der erzählt von seiner Arbeit. „Meine Wache ist dort, wo ihr vorglüht“, grinst er. So wechseln die Sätze, über Mode und Spaß, über Schichtarbeit und Fernbeziehungen. „Und ist eigentlich noch etwas von dem tschechischen Wunder da?“

Wir wünschen dem Ruhrpott-Stuttgart-Paar Glück, die Jungs winken, die Mädchen lächeln kokett, dann geht es hinab in den zweiten Morgen. Verzaubert von der Menschlichkeit. So hell kann es sein, wenn Menschen sich begegnen.

Birkenkopf_Monte Scherbelino_Stuttgart

Unter dem Birkenkopf

Mit einem ganz anderen Aspekt der Sonnenfinsternis am 20. März setzt sich Juna im Netz mit einem kritischen und absolut lesenswerten (Doppel-)Artikel auseinander.

Der kurze Traum vom Stromer

Stuttgart_Feuersee_Johanneskirche_Frühling_Sonne

Am gestrigen Tag des Frühlingsbeginns an einem windstillen Plätzchen zu sitzen – wie hier an der Johanneskirche am Feuersee – und in die Sonne zu blinzeln: Da reduzieren sich die Bedürfnisse wie von Zauberhand auf ein Minimum. Und man träumt von einem verantwortungsfreien Leben als Herumtreiber (wie in einem Roman von Jack London oder John Steinbeck vielleicht). Zumindest bis zum nächsten Hunger lang.

Meta mit Frühling

Beim Abstieg zur U-Bahn flackern die Lichter, sie ersterben, springen dann zitternd wieder an. Sofort sind sie da, die Bilder von der Zombie-Apokalypse.

Nach einer berauschenden Woche, in der alles möglich schien, folgen ein paar Tage der Stasis und der Erschöpfung und nachts träumen sich Glassplitter in den Mund. Erst war alles ganz viel, dann kommt das Wellental. Die Geschichten zu fassen – das Horchen und das Schauen – kam dabei etwas kurz. Daher heute ausnahmsweise nur ein paar knappe Hinweise.

Menschen aus dem Süden – unter dieser Rubrik wurde ich mit meinem Blog am letzten Freitag in der Stuttgarter Zeitung vorgestellt. Danke an Ina Schäfer für das Interview.

Am Abend des gleichen Tages hatte ich gemeinsam mit Stephan Trinkl die angekündigte Lesung in Ratzer Records Schallplattencafé. Es wurde eine gemütliche, unterhaltsame Veranstaltung. Das Mikrofon vermisste ich erst am Folgeabend, als ich an einem ganz anderen Ort auf einer Bühne stand und merkte, wie viel Kraft ein Mikro doch aufsparen kann für andere Aspekte des Ausdrucks. Für die Lesung danke an Brigitte und Karl-Heinz Ratzer, Stephan (mit Verspätung und direkt aus dem Feierabendstau in die Lesung zu starten und trotzdem gelassen zu lächeln ist eine respektable Leistung) und allen, die kamen, um uns zuzuhören! Dem Hund inklusive.

Heute (also Freitag) wird auf der Leipziger Buchmesse um 18 Uhr aus „Tausend Tode schreiben“ gelesen – einem Projekt der Verlegerin Christine Frohmann, von tausend Menschen kurze Texte über den Tod zusammenzutragen. #1000Tode (so der Hashtag des Projekts) bietet ebenso viele Perspektiven auf die große Unvermeidlichkeit unserer Existenz wie Stimmen. Mein Blogbeitrag „Requiem für eine Fremde“ ist (minimal bearbeitet) als Text 307 vertreten. Übrigens sind die 1000 Texte noch nicht vollständig – die Gelegenheit, sich für dieses Projekt noch einzubringen! Die Erlöse aus dem E-Book-Verkauf gehen als Spende an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow.

Und der Frühling tänzelt …

Geht man in der Straße der Sonne entgegen, ist es, als würden die Kastanien bereits knospen. Man reckt die Nase, man streckt den Hals. Unversehens kommt hinter dem Eck dann die Ohrfeige des Windes, dafür, dass man dem Frühling schon zu tief ins Mieder blicken wollte. Man fährt zusammen, senkt den Kopf, verlegen nestelt die Hand am Schal.

image

Und was ist das da bitte?

Schwabensturm und Frühlingsmilde

IMAG0811Hemdsärmelig warm scheint die Frühlingssonne über Stuttgart, an dieser Mauer des Unteren Kurparks aber tobt der Schwabensturm. So ganz scheinen sich diese beiden Begriffe ja nicht zusammenzufügen wollen, aber das sieht der Fanclub „Schwabensturm 2002“ augenscheinlich anders. Mitten im Bundesliga-Abstiegskampf des VfB fordern die besorgten Fußballfans auf ihrer Website, Gras zu fressen, und schmettern Kampfparolen wie „Alles für die erste Liga! Alles für Stuttgart!“. Das klingt für ein Leben außerhalb der Fankurve natürlich so eigenartig wie das Doppelwort an der Parkmauer. Die Sonne jedenfalls, unbeirrt, kost zärtlich weiter die Erde wach.

(Kurpark, Stuttgart-Bad Cannstatt)

Chorprobe im Regionalexpress

Der Zug zuckelt über das Mittelgebirge, als sich in der Schar der Senioren, die fast alle Plätze im Waggon eingenommen haben, ein neuer Ton erhebt. Eine Dame am Ende des Wagens steht auf und ruft „jetzt singen wir“. Ein Einwand, man könnte die drei, vier anderen Mitreisenden etwa stören, wird von der Dirigentin munter abgeschmettert. Als der Gesang anhebt, bin ich erleichtert: kein angetrunkener Wanderausflug, der sich noch eine schiefe Peinlichkeit leistet, sondern tatsächlich so etwas wie ein Chor.

„Wenn mein Liebchen Hochzeit hat / Ist für mich ein Trauertag“, geht es rund um mich herum los und fröhlich singt der Wagen von Grab und Leichenstein. Ein Lied folgt dem nächsten, der Lenz wird besungen, als wären die Singenden noch einmal halb so alt an diesem verregneten Maientag.

Irgendwann werden die Stimmen dann doch weniger und es wird beinahe still: Der eine oder andere Senior ist einfach eingeschlafen.