Der Paarungsflug der Benztownwespen − Tiger Shower Caps

TigerShowerCapsDass eine Stuttgarter Band bei einem amerikanischen Label unterkommt, ist nicht selbstverständlich. In Achtspuraufnahme in Stuttgart eingespielt, erschien das titellose Album der Tiger Shower Caps bei Radio Is Down, einem kleinen Label im Bundesstaate Washington, das sich selbst inspiriert fühlt von Bands wie My Disco, Shellac oder The Jesus Lizard − beste Nachbarschaft für die Scheibe des Stuttgarter Quartetts.

Das Intro des Albums ist ironisch. Zu Takten aus dem 80er-Jahre Hit „Theme from S-Express“ kündigt eine werbeerprobte Stimme Duschhauben („Shower Caps“) an und ruft die Band damit on stage. Mit Acid House oder Disco haben die zehn Songs (inklusive eines Überraschungs-Bonus) allerdings nichts zu tun. Mit nervösen, treibenden Post-Punk- und Indie-Rock-Klängen legen die Tiger Shower Caps los und klingen sehr amerikanisch und überhaupt nicht nach Stuttgart. Die Gitarren sind scharf und kantig, der Sänger stößt seine Worte hervor (der Gesang erinnert vage an Mark Mothersbaugh von Devo), der Ausdruck ist kernig. Später erlaubt sich die Band auch andere Einflüsse, die Songs klingen „europäischer“, neben No Wave-, Noise- und Mathrock-Elementen − ganz besonders deutlich ist der rhythmisch abgehakte Sound der Gitarre à la My Disco im Song „Treasure Chest“ − nehmen die Tiger Shower Caps auch Anklänge an britische New Wave-Bands und melodische Elemente auf. Das Stück „Rocketnation“ gibt sogar Raum für einen elaborierteren Gesang und dem Sound damit eine überraschende, ganz andere Attitüde. Alles in allem werden die Songs tendenziell ruhiger, ohne aber den Hörer in die Komfortzone zu entlassen. Die Eindringlichkeit der Wespe − sie prangt groß und mit gelber Signalfarbe auf dem CD-Cover − zieht die Band durch.

Dabei gehören die Tiger Shower Caps gewiss nicht zu den „wütenden jungen Bands“. Dafür haben sie zu viel musikalische Erfahrung (das schwächste Glied des Quartetts: das Schlagzeug) aus früheren Bandprojekten, zu sehr Lust an Präzision und an ironischen Brüchen (vom Bandnamen über musikalische Anspielungen bis hin zu dem eingeblendeten Filmzitat der Log Lady aus Twin Peaks). Aber sie sind nervös, angriffslustig und glaubwürdig wie ausschwärmende Wespen.

Die Tiger Shower Caps gibt es nicht mehr. Nach ihrem Debüt von 2008 hatten sie noch eine zweite Scheibe eingespielt („High Octane“ − Benztown lässt grüßen?), danach löste sich die Band auf. Drei von ihnen haben sich anschließend mit dem Schlagzeuger von Krautheim zu den Fighting Ships zusammengeschlossen. Ende 2012 hatten sie ein Album angekündigt. Wenige Monate später fiel ein Konzert kurzfristig aus, seither herrscht Schweigen. Und Stuttgart wartet.

Was bleibt da anderes, als auf die Tiger Shower Caps zurückzugreifen. Ihr namenloses Album war für mich eine der großen musikalischen Entdeckungen von 2013 − Grund genug, nochmals an diese Scheibe zu erinnern, auch wenn sie bereits vor über fünf Jahren erschienen ist. Erhältlich ist das Album − in einer Auflage von 500 Exemplaren produziert in einer optisch wie haptisch ansprechend gestalteten Hülle aus Recyclingkarton − übrigens immer noch. Geheimtipp: Ratzers wunderbares Schallplattencafé in Stuttgart hat noch Exemplare. Hinten auf Ratzers Schreibtisch sticht das gelbe Cover zwischen anderen CDs hervor. Da liegt die Scheibe, seit Monaten und Monaten, eine kleine Perle und keine Sau kümmert es. Bitte bergen. Und dazu auf dem roten Sofa oder dem Zebraohrensessel eine Pause einlegen, trinken, lauschen, entspannen. Der Kaffee aus der treuen roten Espressomaschine gehört zum Besten in ganz Stuttgart und wer Koffein scheut, versuche den köstlichen Ingwer-Orangen-Bio-Tee. Aber halt, über Ratzer Records wollte ich gar nicht schreiben. Diese Oase verdient einen eigenen Beitrag.

Tiger Shower Caps, s/t. Recorded, mixed and mastered summer of 2007 by TSC in Stuttgart. Made in the USA.  2008 by Radio Is Down. Spieldauer: 30:20 Minuten.

https://myspace.com/tigershowercaps

P.S. Eine ganz andere Lieblingsscheibe aus 2013 ist hier besprochen. Der nächste Sommer kommt bestimmt!

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Crema für Frühaufsteher – Das Café Lilly’s

Der Milchschaum ist perfekt, der Kaffee darunter stark, stark wie die Gerade eines Boxers und im Abgang rauchig wie ein Zigarettenzug. Manche halten den Kaffee im Café Lilly’s (die Bohnen stammen aus der stadtbekannten kleinen Rösterei Fröhlich) für den besten in Stuttgart. Wer sich nach dem ersten Schluck hingegen fühlt, als wäre eben eine fremde Armee über die Zunge einmarschiert, findet in einem Glas Tee aus frischer, aufgebrühter Minze eine dankbare Alternative.

Das Lilly’s ist eines der wenigen Stuttgarter Cafés, das um 7 Uhr morgens bereits geöffnet hat. Die Einrichtung zeigt sich eher bodenständig und geradlinig: ein kleines, absolut sauberes Café mit altmodisch anmutendem Tapetenmuster, einem üppigen Glaslüster an der Decke und hohen Tischen mit Hockern. Die Glasfront geht hinaus auf die verkehrsreiche Rotebühlstraße, nicht gerade ein Schmuckstück des Stuttgarter Westens, eine S-Bahn-Haltestelle liegt gleich ums Eck. Der Aussicht auf das quadratische Nachkriegsgrau wegen kommt man nicht ins Lilly’s.

Was das Ambiente missen lässt, macht der Betreiber des Cafés wieder wett. Markus, kurzärmelig im grauen Polohemd oder Johnny Cash-T-Shirt, die Arme hoch bis zum Saum tätowiert, gehört zu jenen bewundernswerten Zeitgenossen, denen gute Laune und Freundlichkeit zu jeder Tageszeit leicht fallen – nicht die Sorte überbordender Frohnatur wohlgemerkt, die mancher Morgenmuffel gerne erschießen würde, sondern unaufdringlich und aufmerksam.

Es ist Samstagmittag und dunkel wie vor einem stillen Weltuntergang, der Himmel eine graue Wand, gegen die man zu stoßen droht, der erste Schnee der Saison liegt in der Luft. Schwer, erwartungsvoll und leise ist die Welt da draußen, nur die Automotoren dröhnen auf der Rotebühlstraße. Drinnen im Lilly’s läuft gedämpft Blues. Auch um diese Tageszeit ist das Café nicht überfüllt. Markus bereitet hinter der Theke eine Mahlzeit vor: Leckere, würzige Panini und Sandwiches bietet das Lilly’s, dazu Wraps, Rühreier, Salate und verschiedene Croissants.

Ich blicke mich um und suche nach den letzten Zeilen. Das Lilly`s – kein Café für die Generation der Latte-Macchiato-Mütter, kein studentisches Flair, eher ein Männercafé, wo sich die Vierzigjährigen auf eine Zigarette mit dem Chef vor der Tür treffen, wo Geschäftsleute einen Coffee to go holen oder vielleicht auch mal ein junges Mädchen seinen Frust beim freundlichen Chef abzuladen versucht.

Geschneit hat es dann übrigens doch nicht mehr.

Café Lilly`s: Rotebühlstraße 44 – 70178 Stuttgart-West

Das Lilly’s kann auch privat angemietet werden.

Koriandertee und starke Preise – das Café Heller in Stuttgart

Das Eckcafé, einst Teil eines Autohauses, ist hell: zwei Seiten Glasfront, auch der lange Korridor zu den Toiletten besteht rechts aus Glas, links ist eine Galeriewand. Die ausgestellten Bilder muss man nicht mögen, aber das Licht, die hellen Holztische mit den dunklen Stühlen und der Boden aus ockerfarbenen Bruchplatten laden zum Verweilen ein. Bei schönem Wetter lockt eine Terrasse, dann ist der Blick auf die steinerne Rückwand des Finanzamtes noch ein bisschen unverstellter.

Die Karte punktet mit einer reichen Auswahl an Frühstücksvarianten (bis 16 Uhr), flankiert von gefüllten Pfannkuchen und hausgemachten Kuchen. Auch mittags und abends werden alle kulinarischen Bedürfnisse gestillt mit warmen Gerichten und einer ansprechenden Auswahl an Weinen und Cocktails. Die warme Küche serviert vor allem typische Lifestylegerichte, etwa gegrillte Gambas auf Avocadospalten mit Salatbouquet und Balsamicodressing. Beinahe neugieriger, weil unerwartet bodenständig, machen auf der Karte die gebackenen Grießschnitten mit rotem Beerenmus. So weit die Theorie.

Erster Praxistest in einem Café muss immer der Kaffee sein: der Espresso und seine Geschwister. Wider Erwarten, angesichts des Ambientes und der Karte, kann das Heller nicht mit einer richtigen Espressomaschine aufwarten. Statt aus einer guten Siebträgermaschine kommt der Espresso nur auf Knopfdruck aus einem Vollautomaten. Damit ist Kaffeegenuss also schon einmal gestorben.

Zum Glück verlockt da ein breites, bunt beschriebenes Angebot an offenen Tees (aus kontrolliert biologischem Anbau). Die Kännchen sind etwas klein geraten, die Farbzusammenstellung von dünnwandiger Tasse und Unterteller beißt sich bisweilen, der „Weite Blick“ mit Koriandersamen und anderen Gewürzen schmeckt angenehm frisch und scharf, der Earl Grey hingegen ist nicht spritzig, ihm fehlt – das scheint bei den Biovarianten öfters zu passieren – an Bergamotte.

Auch das Frühstück überzeugt nicht völlig. Geschmacklich gibt es nichts zu mäkeln, das kräftige Baguette ist sogar außerordentlich gut. Allein, das bayerische Weißwurstfrühstück wird sofort als zu teuer aussortiert, das Verhältnis aus Preis und Menge anderer Frühstücksvarianten fällt etwas ungünstig aus. Ein bisschen Hunger bleibt, und so gönnt man sich eben doch noch ein Stückchen hausgemachten Kuchens (er sieht aus, wie er heißt) oder ein Croissant und ist dann trotzdem nicht restlos glücklich.

Ein angenehmer Ort, ein neues Lieblingscafé hingegen nicht.

P.S. Nicht jeden wird es stören: Die leicht und modern gestaltete Website wie auch die mit sinnreichen Zitaten verzierte Speisekarte ließen sich durch Korrekturlesen noch veredeln …

Café Heller: Herzogstraße 4 – 70176 Stuttgart-West (nahe Feuersee)

Bockshornkraut trifft Kichererbse

Kürzlich waren hinter den Fenstern noch japanisches Teegeschirr und Kräuterdosen zu sehen – eines dieser kleinen Geschäfte, die mit viel Herzblut und wenig Laufkundschaft betrieben werden. Jetzt reihen sich in den Regalen Sojaprodukte an Fritz-Kola und Olivenöl: Vor vier Wochen hat die „Kichererbse“, Stuttgarts erster rein veganer Laden, in der leicht verlebten Wohnstraße Heslachs eröffnet. Sogar rein vegane Kondome (von der Vegan Society zertifiziert) und – hier stockt die Tastatur dann doch – veganes Hundefutter bietet der Laden. Auf facebook hat das frische, junge Unternehmen in der kurzen Zeit bereits über 1000 „Likes“ gesammelt und in Kürze geht ein Lieferservice an den Start. Vegan ist auf dem Vormarsch.

KichererbseDie Kichererbse in der Möhringer Straße

Und dann treffe ich keine zwei Stunden später am ganz anderen Ende von Heslach tatsächlich einen Menschen, der genau wie ich heute von dem Ladenwechsel überrascht wurde – aber im Gegensatz zu mir eigens aus einem ländlichen Vorort Tübingens angereist war, um hier seine Teevorräte aufzufüllen. Wer Tübingen kennt (eine touristisch erschlossene Studentenstadt mit grünem Oberbürgermeister), weiß, dass es an Tees dort wirklich nicht mangelt. „Aber den gibt’s nicht“, erklärt der Mann entschieden – Aufguss aus Bockshornkraut. Ich kenne Bockshornkleesamen als Gewürz in der indischen und jemenitischen Küche, aber dass das Kraut der Pflanze als Tee genutzt wird, habe ich so neu gelernt. Ich zeige dem Teeliebhaber die Stadtbahn ins Zentrum und wünsche ihm insgeheim viel Glück bei der Suche nach dem Bockshornkraut.

Und die Kichererbse? Dort habe ich zum Einstand einen Veggie-Leberkäse gekauft. Ich bin gespannt, ob er genauso wohlig-zweifelhaft schmeckt wie ‚echter’ Leberkäse.

Die Kichererbse: Möhringer Straße 44 b – 70199 Stuttgart – auch auf facebook