Noch war‘s kein Maienregen – Auf dem Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg (2)

Zum ersten Mal reizvoll wird die Strecke, wenn, fast schon durch Jebenhausen hindurch, das Schloss vor einem liegt, sechs Kilometer vom Göppinger Bahnhof entfernt. Bis dahin ist es verschenkter Weg. Auch in Jebenhausen habe ich nicht innegehalten, nicht am Jüdischen Museum (geschlossen) noch am Schloss (in Privatbesitz). Ich wollte ausschreiten. Ich wollte Wegstrecke hinter mich bringen. Am Ende wurde mir diese Hast zum Verhängnis.

An jenem trüben Apriltag hatte ich mir die beiden kürzeren Etappen 2 und 3 des Schwäbische Alb-Oberschwaben-Wegs (= Hauptwanderweg 7 des Schwäbischen Albvereins) vorgenommen, von Göppingen im mittleren Filstal nach Wiesensteig kurz vor dem Filsursprung. Die erste Station Jebenhausen ist mehr wert als meines flüchtend-flüchtigen Satzes oben. Jahrhunderte waren die Freiherren von Liebenstein (einer Familie, die im Hochmittelalter aus dem Elsass ihren Stammsitz nach Schwaben verlegt hatte), als reichsunmittelbare Ritter die Dorfherren von Jebenhausen. Erst 1806, nachdem sich die Landkarte der deutschen Lande durch Säkularisation und Mediatisierung radikal verändert hatte, fiel die Herrschaft an Württemberg. 30 Jahre vorher hatten die Freiherren den Juden ein – unbefristetes – Schutzprivileg ausgestellt, das diese in dem Rittergut besser stellte als zum Beispiel im benachbarten Württemberg. Die Gemeinde blühte und Mitte des 19. Jahrhunderts waren die christliche und die jüdische Bevölkerungsgruppe Jebenhausens beinahe gleich groß. Recht bald aber löste sich die jüdische Gemeinde nahezu auf. Einige schlugen den – sehr kurzen – Weg ins benachbarte, sich industrialisierende Göppingen ein, viele andere den – sehr weiten – Weg nach Nordamerika. 1900 wurde die Jebenhausener Synagoge verkauft.

Bezgenriet_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Im Grünen

 

Ein paar Hundert Schritt hinter dem malerischen Schloss verliert sich der Weg im Grünen. So etwas ist ungewöhnlich in Deutschland: Dass eine ausgeschriebene Route – hier für ein ganz kurzes Stück zugleich ein Teil des Jakobswegs – ohne erkennbaren Pfad einfach mitten durch eine ungemähte Wiese verläuft. Passend ländlich-malerisch empfängt einen der nächste Ort Bezgenriet (der Name klingt so unerwartet nach Allgäu) mit seinen Scheunen am Feldrand, der ehrwürdigen Dorfschule gleich dahinter, gegenüber ein etwas heruntergekommener Bauernhof, vom üblichen Arsenal aus Maschinen, Materialien und einem vermutlich nicht mehr fahrtüchtigen PKW umlagert. Eine Brennerei und Hofläden versprechen kulinarische Genüsse.

Bad Boll_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Am Fuß der Schwäbischen Alb

 

Die Obstbäume erblühten, das erste Grün spross, viele Äste auf den Streuobstwiesen und oben auf den Hügeln ragten noch kahl empor. In wenigen Wochen würde die Landschaft wieder ganz anders und noch reizvoller aussehen als unter dem grauen Aprilhimmel. Es ist, das denke ich mir immer wieder, eine liebliche, einnehmende Landschaft am Fuß der Schwäbischen Alb: um die Dörfer liegen Äcker mit sanftem Schwung, hangaufwärts erstrecken sich die Streuobstwiesen, darüber die bewaldeten Hänge des Mittelgebirges. Ich werfe einen Blick zurück, hinüber zum Hohenstaufen und freue mich, diese Wegmarke meiner letzten Etappe zu sehen und den Raum dazwischen zu spüren, den ich mit meinen eigenen Schritten durchmessen habe. So etwas ist Welterschließung vom Innigsten.

Die Wanderroute schneidet den Kurort Bad Boll nur an, ein Umweg führt hinein ins Ortszentrum. Ich wollte eigentlich nur weiter, aber andererseits, wann würde ich schon wieder einmal hier sein in diesem kleinen Bäderort mit seiner Akademie (der ältesten nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Evangelischen Akademie in Deutschland und in den letzten Jahren mehrfach ausgezeichnet für die ökologische Ausrichtung ihrer Hauswirtschaft). Der Weg hinein in Bad Boll, nein, der lohnt sich nicht wirklich, das weiß ich nun, und innegehalten habe ich auch hier nicht, aber der Weg wieder hinaus aus dem Ortskern, der hat es in sich. Sehr lieblich zeigte sich hier der Ort. Kirschblüten prangten weiß vor einem dunklen Himmel, hinter den hohen Birken rollte Donner um Donner, dort das rote Haus vor dem Gewitterhimmel, das ich leider nicht fotografiert habe. Über mir und den Frühlingsblüten noch Sonnenschein, im Norden aber, wo ich vor zwei Stunden gestartet war, regnete es.

Als ich die Kurgebäude hinter mir ließ, erreichte der Regen auch mich. Im Teilort Eckwälden klappte eine Belegschaft auf Betriebsausflug, aus Brennereien und Stallbesichtigungen entströmend, ihre Regenschirme mit Firmenlogo auf. Obstler und Kühe, das schien ihnen gefallen zu haben, wie sie scherzend bergauf schlenderten, vielleicht einem gemeinsamen Mittagsmahl entgegen. Ich überholte die Anzughosen und Röcke über Büroschuhen und passierte, schon am Waldrand, die Firmengebäude von Wala, die ich ihrer anthroposophisch begründeten Naturkosmetik wegen (vielleicht zu Unrecht) als „kleine Schwester“ von Weleda – nur rund 30 km entfernt – wahrnehme.

Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Die Wahrheit in Bad Boll

 

Der Waldweg hob sich, der Regen rauschte, milchiglehmige Rinnsale kamen mir über den hellen Kalkmergel entgegen, das Nass färbte das Grau der Buchen dunkel. Als ich auf einen Trampelpfad, der die weiten Schleifen des Waldwegs abkürzte, einbog, donnerte es. Der Weg war steil und glitschig, immer wieder nach bangen Pausen erneuter Donner über mir und ich stieg immer höher, dem Gewitter entgegen. Es war mir mulmig zumute, beinahe gehetzt arbeitete ich mich den Schleichweg empor, aber irgendwo vor mir war eine Autobahnunterführung, dort wäre ich vor Blitz und Regen sicher.

Als ich die A8 erreichte, war das Gewitter bereits weitergezogen. Und nichts verlockte dazu, ausgerechnet hier einen Halt zu machen. Oben rauschte der Fernverkehr, ich stand allein auf unpassend breit gewordenen Waldwegen vor der asphaltierten Unterführung. Ein hässliches Wegstück. Wäre mir nun ein großer Wagen, brummend, die Scheiben spiegelnd, entgegengekommen, ich hätte mich sofort in innerlicher Alarmbereitschaft gefunden, hätte auf diesen Metern jedes Verbrechen für möglich gehalten. Merkwürdig, wie unsere seelenlose Autoarchitektur solche Fantasien von Gewalt und Ausgeliefertheit beflügelt.

Ich trat aus dem Wald und hatte das Deutsche Haus (Kaltenwang) vor mir. Ruheständler schauten mich aus ihrem Mercedes heraus an, ein Hund wütete hinter einem Gatter, es lockte auf einem Schild Steinofenbrot (aber was wollte ich mit einem Laib Brot im nassen Rucksack), köstlicher Duft drang aus der Gaststube. Menschen machen hier Mittagsrast und ließen es sich schmecken, es konnte gar nicht anders als schmecken bei diesen Gerüchen, aber ich wollte nicht einkehren, ich wollte erst hinauf auf den Gipfel gleich hinter dieser langgezogenen Lichtung, den Boßler hinauf, wo ich dann oben sein würde auf dem Albtrauf.

Der Aufstieg auf den Boßler ist steil und steinig und rutschig, ich war froh um mein gutes Schuhwerk und verstand zum ersten Mal annähernd, warum die Route als „schwierig“ ausgeschrieben ist. Wer alpines Terrain kennt, lacht natürlich, und kein geübter Wanderer wird diese Etappen als schwierig empfinden. Dieser Aufstieg aber ist jedenfalls nichts für ungeübte Sonntagsspazierer. Und vielleicht wird so etwas manchen ja erst klar, wenn ein Weg als „schwierig“ bezeichnet wird.

Boßler_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

„Symbolbild“ – recht verdüsterter Blick vom Boßler

 

Oben, am Gipfelkreuz mit Ausblick nach Westen, machte ich eine Rast, trank die ersten Schlucke, biss in ein Käsebrot. Ich war bis auf die Haut durchnässt. Es war kalt und ich konnte mich nicht lange aufhalten, zog nach dem zweiten Butterbrot wieder die Regenjacke über. Ich fror und da half nur eines. Schnell weiter, in Bewegung bleiben, um so wieder warm zu werden.

Die nächsten rund zehn Kilometer, gleich hinter dem Gedenkstein für die vielen Luftfahrzeuge, die schon in den Boßler gekracht sind, führen den Albtrauf entlang und teilen sich den Weg mit dem HW 1. Es ist der interessanteste Abschnitt dieser Etappe. Auf einem schmalen Streifen zwischen der Hochfläche zur Linken – einer keineswegs hässlichen, aber doch vergleichsweise reizlosen, wohlgeordneten Fläche aus Wiesen, steinigen Äckern, Hecken und Wäldern – und den von Mischwald bewachsenen Steilhängen zur Rechten führt ein malerischer Weg über Stock und Stein. Wie schön es sein muss, über Hunderte von Kilometern des Schwäbische Alb-Nordrand-Wegs solche Pfade zu gehen!

HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Albtrauf

Gleich zweimal warb ein Schild mit schwarzem Ross im Walde, lockte hinab in den Grund mit dem Versprechen einer warmen Mahlzeit. Man konnte durch den noch weitgehend unbelaubten Wald hinunter ins Dörfchen Häringen sehen, das Rössle, Landgasthof und Metzgerei, erkennen. Aber wer will da schon hinab, diesen Steilhang hinunter und dann mit gefülltem Magen wieder empor?

Niemand war auf den Wanderwegen unterwegs. Nach einem Sporn, auf dem einst gleich zwei Burgen standen, liegt traumhaft das Dorf Neidlingen in einem Tal, das nur nach Nordwesten hin geöffnet ist. Die übliche Szenerie aus Ackerlinien und Streuobstwiesen am Fuß der Hänge. Hier möchte man doch wohnen, überraschte ich mich selbst mit meinem Wunsch. Doch stünde man unten, wer weiß, ob der Zauber nicht verfliegen würde angesichts streng geordneter Neubauten. Man müsste es ausprobieren, vielleicht einmal mit dem Rad an einem Sommertag.

Bald nach dem Startplatz für Gleitschirmflieger fallen die Routen HW 1 und HW 7 wieder auseinander. Der eine schwenkt nach rechts weiter den Albtrauf entlang (ein paar Kilometer weiter liegt der Neidlinger Wasserfall), der andere nach links, kurz am pfadlosen Rand der Landstraße entlang, dann am Christlichen Jugenddorfwerk Bläsiberg vorbei und durch den lauschigen Weiler mit seinen auf Wanderungen leider unvermeidlichen übermotivierten Hofhunden bald schon wieder hinab nach Wiesensteig, dem Ziel der dritten Etappe. Schon? Die letzten zwei, drei Kilometer waren quälend geworden, ich spürte eine Blase in den eigentlich eingelaufenen Wanderstiefeln und die Gelenke ächzten. Passenderweise entpuppte sich der Weg hinab ins Dorf als Kreuzweg.

Gehen, das bedeutet eigentlich, sich frei zu machen, abzulegen, was nicht unmittelbar notwendig ist. Vielleicht hatte ich das an diesem Tag zu sehr gewollt (gewollt statt zuzulassen): das Voranschreiten, das Weg-Ablaufen, das Flüchten. Ich war, was selten geschieht nach einer Wanderung, unzufrieden, gereizt, rastlos. Und stand in den noch regenfeuchten, nun miefenden Klamotten in einem engen Tal und wartete – als der Fremde, der ich war, erkannt und geflissentlich ignoriert – mit einer Handvoll Schüler und älteren Personen auf den Bus, der mich aus dieser Enge im Tal hinausführen würde, vielleicht nicht aus der Enge in mir.

Das Schweigen der Bahnen

Diese Stille in der Stadtbahn hinaus in die Vororte. Der Großteil der Plätze ist belegt an diesem frühen Freitagabend, aber keiner sagt ein Wort. Vielleicht 20 Menschen habe ich im Blickfeld – sie schweigen. Es dauert Minuten, bis ein Kind die Wortlosigkeit der U-Bahn durchbricht. Und erst als es zu heulen beginnt, wird die Situation in dem Wagen menschlich. Aber halt, da ist die Familie bereits ausgestiegen und stumm geht es wieder weiter.

*

An einem der vielen Streiktage hörte ich zum ersten Mal die Vögel am Hauptbahnhof. Ich hatte Glück, dass mein gebuchter ICE zu jenen Zügen gehörte, die trotz Streik fuhren. Der Bahnhof lag beinahe verlassen da. Die paar Menschen wirkten wie versehentlich vor Ort. Sie standen – die Sonne schien, aber der Wind war schneidend – am Rand des Bahnsteigs in einem schmalen Streifen Licht. Wie aufgereiht standen sie, die Absätze an der Kante, das Gesicht dem Gestirn zugewandt, dankbar für ein bisschen Wärme. Irgendwo seufzte eine Lokomotive. Nichts aber war so laut wie das Pfeifen der Vögel.

*

Wir nahmen den letzten Zug aus der beschaulichen Neckarstadt zurück nach Stuttgart. Mein arabischer Freund M. – wir kannten uns aus meiner Studienzeit im Nahen Osten – war zu Besuch und wir hatten einen sehr heiteren Abend auf der Terrasse von Freunden verbracht. In der nächtlichen Bummelbahn wandte sich unser Gespräch einem weniger freundlichen Thema zu: dem Mukhabarat, den berüchtigten syrischen Geheimdiensten. Auch ich als Ausländer war damals von dem allgegenwärtigen Misstrauen angesteckt worden – Paranoia und Schweigen als Grundzüge einer Gesellschaft. Ich berichtete M. davon, wie ich bei meinem letzten Syrienaufenthalt, im Frühjahr 2011 (als in einem Städtchen ganz im Süden des Landes eben die ersten Toten des kommenden Bürgerkrieges zu beklagen waren), an den Geheimdienst geraten war. Passiert war mir – einem Touristen, einem Deutschen – natürlich nichts. Aber in jenen Stunden der unverhüllten Bespitzelung, der Isolierung, Befragung und unausgesprochenen Einschüchterung hatte ich Ängste ausgestanden, die ich aus einem Leben in der Bundesrepublik nicht kannte. Dann erzählte M. mir Geschichten, von eigenen Erfahrungen mit dem Mukhabarat, von erschreckenderen aus zweiter oder dritter Hand. Dann mussten wir umsteigen. Am Bahnsteig taxierten uns Uniformierte. Sie verdächtigten offenbar uns, für eine frische Urinlache vor dem Fahrplanaushang verantwortlich zu sein. Unser Anschluss kam und befreite uns von den Blicken. In dem Nachtzug arbeiteten wir uns Waggon für Waggon an die Spitze vor, um im Kopfbahnhof dann schneller am Ausgang zu sein, vorbei an Schlafenden, an unruhig Schlummernden, an ins Leere starrenden Menschen, während hinter den Scheiben eine verdunkelte Landschaft vorbeirauschte. Alles war ruhig, nur die Wagen rumpelten laut und rhythmisch über die Schwellen. Wir waren wie aus Zeit und Raum enthoben, es hätte eine Szenerie aus einem altmodischen Spionagefilm sein können. Unser Weg durch den langen, viel zu langen Zug bekam etwas Gehetztes, als würde uns jemand folgen. Ich erinnere mich, wie meine Augen unruhig nach links und rechts huschten, über die Gesichter hinweg, über die Türen zu den Liegeabteils. Mein Atem war flach und ich war froh, als wir in Stuttgart auf den Bahnsteig traten. In Sicherheit waren. Wer es als Erster von uns aussprach, weiß ich nicht mehr. „Stell dir vor, ich hatte ein komisches Gefühl vorhin. Ich hatte Angst. Vor dem Mukhabarat.“ Die Erleichterung des anderen war offensichtlich. „Ich auch! Mir ging es genauso. Wie merkwürdig. Da sind wir so weit weg von Syrien und trotzdem hat uns die Angst bis hierher verfolgt.“