Der Tag danach

„Ins Allgäu? Dass einer von Stuttgart nicht nach Berlin zieht, das hört man selten.“

*

Wer will schon eine Maß trinken, denke ich mir, als ich von den steigenden Bierpreisen rund um eine Festwoche lese. Und erfahre nachmittags im Park vom Zen des Whiskeytrinkens. Man decke mit der Handfläche ein Glas mit Whiskey ab, drehe das Gefäß einmal auf den Kopf und wieder zurück, verreibe dann die Flüssigkeit zwischen den Handflächen und warte, bis sie getrocknet ist. Und rieche dann. Die Aromen werden dir Duftgeschichten erzählen, die du sonst niemals kennengelernt hättest. Diese Offenbarung könne, so höre ich weiter, der Beginn eines lebenslangen Lernens und Erfahrens sein. Und das ist ja das Entscheidende und nicht der Whiskey, sondern die Hingabe, die Würdigung, die Versenkung.

*

Zwei alternde Vinylnerds an Ratzers Kaffeetheke prüfen ein Buch über die 1001 wichtigsten Alben. Der eine blättert, der andere tippt unentwegt mit dem Finger auf die Seiten und sagt laut: „Die habe ich, die habe ich, die habe ich …“ Ein prahlender Bub mit ergrauten Haaren, seiner selbst so ungewiss wie vor 50 Jahren.

*

Die Schönheit der Straßenarbeiter in der Sonnenglut des Nachmittags. Jede Bewegung in der Hitze zeigt Beherrschung ihres Tuns, jedes Unterlassen ist Sein. Das Winken der Linken zur Einweisung des Kipplasters mit heißem Asphalt. Die Hand an der Schaltung der Planierwalze. Die Beugung des gebräunten Rückens über der Zigarette, die gefalteten Arme über dem Schaufelgriff, der Wind wühlt das Haar auf über einem erhitzten Gesicht. Ein Wechsel aus Tun und Nichttun, frei von Fragen.

*

„Dieses Tinder-Match da war eigentlich ganz nett. Wir haben uns ausgiebig über Woody Allen unterhalten.“ Das ist Fortführung von Woody Allen mit anderen Mitteln.

Advertisements

23 Gedanken zu „Der Tag danach

  1. Da treffen wir uns quasi zufällig in der Nacht, ich wollte eben den Rechner ausschalten und lese diesen Eintrag. Und das Kleinhirn rattert so durch.
    *
    Ich kenne keinen der von Stuttgart nach Berlin zieht. Interessanterweise hatte ich in einem anderen Kommentar vor etwa einer halben Stunde geschrieben, ich müsse mal die schwäbischen Mauern überwinden, und darüber hinwegsehen aus meiner Kleinwelt. Der Autor (ich) kann sich an diese Zeilen allerdings nicht mehr erinnern und nachschlagen kann er sie nicht, da dieser Kommentar vom Autor vor dem Absenden gelöscht wurde. Er war nicht mal Staub und nun steht er als sinnhafter Auszug an anderer Stelle. Das ist verwirrend.
    *
    Angel’s Share, ein liebenswerter Film, mit einem Fass Whiskey als wichtigem Protagonist. Gefällt mit sehr. Etwas liebloser getrunken in Lost in Translation, mit der mich damals faszinierenden Scarlett Johansson. Johansson nahm dann später eine Coverplatte mit Tom Waits Liedern auf, mit sehr gegensätzlichen Kritiken. Das Cover wiederum erinnert an Where the wild Roses grow (Cave+Minogue). Aber da sind wir schon weit weg vom Angel’s Share.
    *
    Neben 1001 wichtigsten Alben gibt es auch die 2000 Schallplatten von 1979-1999 von Diederichsen. Durchaus gelungen, möchte man sagen, da es eine Zusammenfassung der zeitaktuellen Kritiken ist, nicht verkaufsfördernd aufgehübscht. Leider aber sticht das Problem, das eigentliche, schnell hervor. Was ist wichtig, überhaupt wichtig, noch bevor wir über Vinyl und Alu nachdenken? Ist es dass dieser Autor einige wichtige Platten schlichtweg verschlafen hat, weil er hinter einem Pendant der schwäbischen Mauer lebt? Wir werden es nicht herausfinden.
    *
    Die Ästhetik eines Dachdeckers im Hochsommer, der die Schutzausrüstung links liegen lässt und die Holzbalken auf der rechten Schulter trägt, regt Köpfe zum Umdrehen an. Die Sonne brennt erbarmungslos. Doch der Dachdecker erledigt seine Arbeit. Er schaut auf keine Uhr. Er steht über der Stadt und atmet Freiheit ein. Die Hitze der Freiheit macht ihn so leicht, fast schwebt er über den Dächern.
    *
    Woody Allen, der alte Kerl. Ja auch er verliebte sich auf seine Art in Charlotte. Also in die Johansson. Auch in Match Point war sie am Start.
    Gesungen hat sie dort nicht. Auch keinen Whiskey getrunken. Aber ich sah sie auf dem Tennisplatz. Kate Winslet und New York waren angedacht, aber London und die Johansson, warum nicht. Es ist verwirrend.

    • Und wie das Kleinhirn rattert und du hier gleich mit einem eigenen Blogbeitrag spiegelst! Danke dir für deine Eindrücke.

      Angel’s Share kenne ich nicht, Mauern aber dürfen immer wieder einmal überwunden werden, ob schwäbische oder ihre Pendants, da stimme ich dir zu.

      Sehr schön deine Szenerie mit dem Dachdecker. Ich kann es mir bildhaft vorstellen.

      Ich hoffe, der heutige Tag zeigt sich weniger verwirrend!

      Herzliche Grüße aus dem Kesselgrund (fast zumindest)

  2. Älter und grauer bevorzuge ich, wenn überhaupt, klare Brände. Und die Musik wurde immer einfacher, die Komponisten unbekannt und die Musiker mehr Handwerker als Künstler. Man mische einmal seinen Lieblings-Single-Malt mit Zitronensaft und Sirup, genügend Eis dabei am Sommerabend…

  3. JAAA: Einmal Bub, immer Bub. Gilt wohl auch für das anderen Geschlecht (aber wie das zusammenhängt, das müssen die selbst heraus finden).
    Auf die Details wollen wir hier nicht eingehen, das differiert sicher – das Leben ist nun mal subjektiv. Und das ist auch gut so.
    Ich danke Dir für diesen Artikel. LG, mick.

    • Du sagst es, lieber Mick, das Leben ist subjektiv. Manchmal finde ich es schön, wenn sich jemand sein inneres Kind bewahrt. Manchmal nicht. Danke für deinen Kommentar.
      Herzliche Grüße!

  4. Ich dachte, da fragt vielleicht noch einer, mein Kommentar war ja eher allgemeiner Natur.
    Also frag ich noch nach: du bist raus aus dem Kessel?
    LG vom Kesselrand.

    • Jetzt könnte ich den Kopf etwas schief legen, mit der Hand abwinken und bestätigen: „Ich bin raus.“ Ja, doch, es steht eine Änderung bevor. Mehr dazu ein andermal, aber wenn du es interessant finden solltest, dass wir uns einmal persönlich die Hand schütteln, wäre das schon etwas, was wir bald tun müssten …

      Übrigens werde ich – für einen Ausflug, nicht für das Nachkesselleben – zwar nicht Rot am See, das du kürzlich erwahnt hast, besuchen, aber zumindest die Richtung einschlagen.

      Herzliche Grüße

      • Ah, da bin ich mal gespannt, wohin es geht.

        Die andere Sache, ich glaub ich bin mittlerweile soweit, dass ich auch mal ein persönliches Hallo vorstellbar finde. Einmal hätte es fast funktioniert, aber da hat mich eine Grippe unnachgiebig eingeholt. Nun ja.
        Vielleicht mal im Ratzer oder ähnliches. Mal sehen, wann ich abends mal an der Ecke bin, wie immer, alles nicht so einfach. Ich sowieso nicht. Nur auf den ersten Blick.
        Aber danke für die Info, erst einmal.

  5. Eine unglaubliche Beobachtungsgabe und Schilderungsintensität darf ich hier erlesen. Die Textsplitter erreichen mein Prahlemädchen knallgenau im samten ausgeschlagenen Gedankenkino der Privatsorte, das schon viele Woody-Allen-Filme goutierte.
    Nach Stuttgart ziehen, ne, höchstens in die Nähe der Klause von Josef Ortheil, der als Bub stumm blieb aus Gründen. Nach Berlin erst recht nicht. Das Zeilenraubtier zieht es in Richtung irgendwelcher Gewässer? Dort kann man sich auch schlecht eingekesselt fühlen.-

    • Das freut mich sehr, dass die Zeilen so treffen dürfen! Manchmal weiß man im Vorfeld ja selbst nicht so recht, wird der Text jemanden erreichen oder nicht. – Gewässer? Ja, Seen gibt es in Reichweite. Näheres gerne beizeiten!

  6. Hier im Osten würde es heißen:

    Alles was Lesen und Schreiben kann zieht in den Westen.

    Zwei 30jährige durchblättern die „1000 wichtigsten Alben“ in Sekunden und halten das Buch dabei verkehrt herum; bevor sie es diszipliniert im Papierkorb der Bushaltestelle entsorgen.

    Ich sehe den Bauarbeitern zu; arbeitend in der Hitze auf dem Gerüst: Schwitzend für einen Hungerlohn. Ihre übergewichtigen Frauen schieben am Abend eine Aldi-Pizza in den Ofen, oder machen als Halbtagskraft gerade wieder und wieder Überstunden bei NORMA und sind deshalb sowieso nicht vor 21:30 Uhr zu Hause. Der Kasten Bier steht neben dem Sofa. Der Sohn betritt den Raum: „Alter, kannste mal….“ „Schnauze, is Fussball, hock dich her. Is Feierabend.“ Freiheit des Volkes. Der Sohn wird sitzenbeliben müssen. In jeder Beziehung.

    Steigende Wies’npreise? Scheißegal.

    „Woody Allen? Ach ja, der Humor des intellektuellen Zeitalters.“ denkt der Zeitzeuge des Schweighöferismus laut.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s