Gestern, 20 000 Schritte

Gestern stand ich – zufällig, in einer uns beiden fremden Stadt – jener Frau gegenüber, vor der ich mich vor 20 Jahren mit Beinen so zitternd wie die eines bis zur Entkräftung gejagten Rehs verabschiedet hatte, weil sie so schön gewesen war und ich so schüchtern.

Gestern nahm ich ein belegtes Brötchen von einem Tablett und fragte mich, wer außer mir noch erkannte, dass diese dunklen Ringe von eingelegten grünen Walnüssen der Kaukasushänge geschnitten waren.

Gestern trank ich Freundschaft mit einem Fremden, der mir Stunden über Stunden erzählte von Deutungshoheit und Narrativ, ohne langweilig zu werden.

Gestern vergaß ich das Gewohnheitsrecht des Vegetariers und aß eine koschere Rindswurst. Sie knackte, scharf zog der Senf in die Stirn.

Gestern war mir danach, ihre Lippen zu küssen, die doch lieber die Ihresgleichen suchten.

Gestern trank ich nächtens die Luft, als wäre es ein Abend im späten Oktober.

Gestern maß ich Städte mit meinen Schritten, hier und dort.

Gestern lebte ich zwei Leben.

Heute ein halbes.

Plutarch am Ilmensee – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 4)

Die Wirtin lässt Grüße ausrichten an die Wirtsleute meiner nächsten Station. Das gefällt mir, das würde ich gerne öfter machen: den Tag lang durch die Gegend wandern, um Grüße auszurichten.

„Die Porträtmaler suchen die Ähnlichkeit aus dem Gesicht und den Zügen um die Augen zu gewinnen, in denen sich der Charakter darstellt, und schenken den übrigen Körperteilen weniger Aufmerksamkeit. In entsprechender Weise muß man es auch mir gestatten, daß ich mich mehr mit den kennzeichnenden seelischen Zügen befasse und daraus das Lebensbild eines jeden zeichne. Die großen Heldentaten und die Schlachten aber überlasse ich anderen.“ (1)

Zwischen zwei bewaldeten Höhenzügen liegt der Ilmensee, ein Relikt der Eiszeit mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von etwa einem Kilometer. Steinzeitmenschen hatten an seinem Ufer Pfahlbauten errichtet, im 20. Jahrhundert war er vor Renaturierungsmaßnahmen ein Sammelbecken für Phosphor und andere Rückstände aus Landwirtschaft und Abwässer. Auf seinem Grund liegt eine Kirchglocke aus dem Dreißigjährigen Krieg, versenkt vor den anrückenden Schweden.

An seinem nördlichen Ende liegt das Dorf Ilmensee, dazwischen Uferbäume, ein Schilfgürtel und ein Freibad, dessen Wiese sich am Ostufer weit nach Süden erstreckt und in Bootsanlegestellen übergeht. Auf dieser Wiese liege ich auf meinem Allzweckschal, ein gelbes Reclambändchen des antiken Biographen Plutarch neben mir, und schaue auf den Ilmensee. Sein Wasser gleicht einer flirrenden Fläche in steter Bewegung – ein Spiel aus Licht und Schatten, dort dunkler, wo Bäume ihr Spiegelbild auf den See hinauswerfen. Wo Menschen schwimmen, entzündet sich das Wasser in weißem Licht. Noch die kleinste Bewegung zaubert Licht, der Glanz umgibt die Menschen, als wären sie, vom See reich beschenkt, höhere Wesen. Bewegt sich der Körper, folgt ihm ein Schweif aus Licht. Es ist eine vollkommen gewöhnliche Angelegenheit und trotzdem, versenkt man sich in diesen Anblick, eine Erscheinung von äußerster Schönheit.

Oberschwaben_HW 7_Wandern

Landschaftlich ist die Etappe von Altshausen nach Ilmensee die vielleicht schönste auf meinem Weg durch Oberschwaben. Die Hügel recken sich höher, die Häuser tragen bunte Farben, alles wagt hier ein wenig mehr. Ein Weiler wie Mauren stellt die perfektionierte Werbung für ein idyllisches Landleben, ohne das zu wollen, denn wer verirrt sich schon dorthin, um den man werben wollte. Einmal auf einer Landstraße ein paar Radfahrer, sonst bin ich allein unterwegs. In Unterwaldhausen stehen drei Männer um eine Landmaschine auf dem Feld. Der mir Nächste, den Oberkörper frei in der Augustsonne, blickt den Fremden unsicher an – unsicher immerhin, nicht misstrauisch wie schon so oft auf dieser Wanderung beschrieben. Ich grüße ihn, mache eine scherzhafte Bemerkung und schon bin ich im Gespräch. Ganz von selbst bin ich in meinen Dialekt gefallen, es fällt mir leichter, je weiter ich nach Süden komme. Zu den Menschen ist er eine Brücke.

Trotzdem bin ich nicht ganz hier. Mein Körper geht, er findet inzwischen von selbst sein Tempo, seinen Rhythmus. Die Gedanken aber schweifen ab, sie sind fahrig, die Sinne richten sich nach innen. An diesem Tag schreibe ich kein einziges Wort auf meinem Weg ins Notizbuch. Verfalle stattdessen in Fantasien, während ich zwischen einsamen Kornfeldern von Hügel zu Hügel wandere, in Endzeitbilder. Monströsitäten aus einer Serie, die ich während einer Erkältung in der dunklen Jahreszeit in mich aufgesogen habe, erheben sich aus ihren Gräbern und Zombies treten aus den Wäldern, um mich zu jagen. Die Apokalypse der Untoten hat sich offenbar ins Bild des Wanderers im 21. Jahrhundert eingeschrieben. Wer sonst sollte allein über menschenleere Straßen ziehen als der Überlebende des zivilisatorischen Zusammenbruchs?

Oberschwaben_HW 7_Wegkreuz_Wandern

Als ich ins Wasser steige, wird das Licht zu moorigem Grün. Das Wasser ist angenehm warm und es ist eine Lust, sich dem Nass hinzugeben, sich tragen zu lassen, hinauszuschwimmen. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich in einem See (und nicht einem Freibad oder immerhin einem Weiher) schwimme. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wann ich das zuletzt gemacht habe. (Und im Meer? Wann bin ich das letzte Mal im Meer geschwommen?) Es verstört mich. So sollte das Leben nicht sein. Warum tue ich nicht mehr, warum tue ich nicht alles, um das zu ändern?

Zwei überdrehte junge Lesben, jede ihrer Gesten hat etwas Überzeichnetes, küssen sich auf halbem Weg ins Wasser. Eine Junge mit Windpockennarben an den Armen ist ganz aufgeregt: zwei Frauen, die sich küssen! Ach, Junge, du wirst noch viel lernen müssen. Unterschiedlich die Reaktion seiner Großeltern. Für ihn hat die Beobachtung nicht mehr Relevanz, als dass sich eben zwei Menschen küssen. Sie ist aufgestört. „Etwas ungewöhnlich ist das doch!“, sagt sie, in genau diesen Worten. Die Stadt ist fern. Für einen Augenblick vermisse ich sie.

Im Norden ziehen reinweiße Wolken vorüber, aufgebauscht, wie aufgesprüht am Himmel, man möchte hineinbeißen in diese Köstlichkeiten. Morgen würde es gewittern, heißt es seit Tagen. Heute aber heißt es erst einmal, den restlichen Tag zu genießen. Und den Beinen Ruhe zu gönnen. Sie schlagen sich gut: Füße, Beine, Gelenke, ich bin erleichtert, wie wenig sie schmerzen. Aber wie sie nur aussehen! Voller Macken aus den letzten Monaten, dort die Striemen der Brombeerranken im Pfälzer Wald immer noch zu sehen, hier die dunklen Scharten im Schienbein, als ich nächtens, den Blick aufs Smartphone geheftet, gegen einen Betonpoller gelaufen bin, rote Schwellungen, wo mich Bremsen gestochen haben, ein Hitzeausschlag, wo Stoff und Schweiß zusammenkommen, und eine Wolf vom ersten Wandertag, der mich jeden Abend zwingt, das Blut aus der Hose auszuwaschen. Immerhin, sie haben ein Leben, meine Beine.

Am späten Nachmittag liegt die Gluthitze schwer auf dem Dorf. Es ist der heißeste Tag in 2015. Die Messinggriffe der Kirchtür sind sengend heiß. Über dem Garagentor des Pfarrhauses hängt groß der Gekreuzigte. Gegenüber spielt jemand auf der E-Gitarre, langsam und träge fließen die psychedelischen Wiederholungen über die Straße. Gerne würde ich mich mit einem kühlen Bier auf die Terrasse des Hauses setzen und mich treiben lassen von den Klängen. Am Eck ein Kaugummiautomat mit vier befüllten Behältern, einem Relikt aus den 80er-Jahren gleich, aber der Einwurf ist sauber auf Cent und Euro beschriftet. Hier lebt eine Vergangenheit weiter und ohne dem Fremdenverkehr wäre dieses Dorf zwischen den beiden Höhenzügen längst tot, wäre da kein Blumenladen, in den eben die Auslagen aus Blütenpflanzen und Kirschfrüchten ins Haus geräumt werden, wäre da keine Dorfbäckerei mehr, hinter deren Scheiben Licht brennt, ohne die Feriengäste stünden da an der Hauptstraße nicht gleich drei Gaststätten, würde es kein Dorfcafé geben und keine Saufhalle mit Chicken Wings aus Geflügelmassenvernichtungsfabriken, keinen Allgäuer Beef-Abend, der wenig mit dem Allgäu zu tun haben dürfte, nicht den Pizzaservice mit den indischen und thailändischen Gerichten versteckt hinter der Bankfiliale. Vielleicht nicht einmal das Bett, in dem ich heute Nacht schlafen werde.

In der Abenddämmerung folge ich dem Lehrpfad rund um den See. Ich lese alle Tafeln. Den Hinweis auf einen Haifischzahn, mit dem ein Schild vor dem Freibad wirbt, finde ich nicht.

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(1) Plutarch: Alexander. Caesar. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel. Stuttgart 1980. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 1990, S. 3.

Im sinkenden Licht

„Was hast du heute vor?“, fragte ich morgens den Achtzigjährigen. „Durch die Sonne radeln – dazu brauche ich kein Ziel und keinen Plan.“

Über die Wiesen sind ein paar Menschen verteilt, über den Himmel ein paar Wolken. Sein Hellblau erinnert mich an den Norden. Ist das logisch? Die niedrig stehende Sonne, ja, das käme wohl hin. Es bräuchte aber sicher mehr, um diesem Himmel gerecht zu werden. Der Hochsommer jedenfalls ist vorbei, das ist offensichtlich. Das Licht altert, reift, die Bäume wollen nichts mehr – nicht strotzen, nicht mit Macht sich in den Himmel strecken und recken , ihnen genügt es, zu sein im sinkenden Licht. Er ist ruhig geworden, der Sommer.

Ich nehme mir ein Beispiel und ziehe auf dem Rad durch den Spätsommertag, ein Lied von Buena Vista Social Club auf den Lippen – süßes Leben um den Stachel der Vergänglichkeit.

Bodensee_Sommer_Sturm

Als der Sommer noch Glut hatte (am Bodensee)

South Side of the Sky

Run with the fox into the wind
Onto the dawn of tomorrow

(Chris Squire/Alan White)

Das Tischchen mit der Schüssel Salat passt auf den schmalen Balkon. Ich passe nicht und sitze in der Küche, die Hand, die den Salat auf die Gabel bringt, ist auf dem Balkon, der Mund, zu dem sie sich bewegt, im Haus, sofern diese Grenzen wirklich Sinn machen, wenn eine Wand aufgeschoben ist, um den Himmel hereinzulassen. Mauersegler pflügen schrill durch die Wogen, bringen leichte Beute auf und hinter mir läuft „Nous sommes du soleil“, was zu diesem Tag passt, an dem die Luft endlich wieder glühte, aber einen ganz anderen Grund hat. Der Bassist dieser Band wurde auch von Freibeutern aufgebracht, sie hatten seine Blutzellen gekapert, vorgestern ist er ihnen erlegen. Jetzt höre ich diese Helden meiner Jugend rauf und runter. Um den Toten zu ehren und das Leben zu feiern. We are of the sun. Das Leben entbrennt im Sommer.

Es ist durch Zufall etwa die Stunde, in der der Musiker in seiner amerikanischen Wahlheimat beigesetzt wird, als wir zu den Klängen von „Heart of a Sunrise“ ein Glas auf Chris Squire erheben. Das fränkische Bier schmeckt, die Musik gefällt, auf der Haut schimmert noch die Hitze des Tages. Wenn wir je eine tribute band auf YES gründeten, frage ich, wie könnte ich mich am besten einbringen. Zur mächtigen Kirchenorgel in „Close to the Edge“ mit einem Ausdruckstanz, ist der Vorschlag. Gelächter schmückt die Gedanken an den Toten.

Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (4)

24. Der Tag der Soledad

Einen Sack Reis gibt es unter anderem, ganze 25 Kilogramm Reis. Was für eine Pracht! Was als Witz über glückliche einstige Inkarnationen als Aufseher von Getreidespeichern begonnen hatte, endete in diesem leibhaftigen Sack Reiskörner. Vollgefressen, gemästet ergötze ich mich an dem Anblick, kann mich immer noch an dem Bild von Essen erfreuen, obwohl ich mich jetzt schon selbst schlachtreif fühle. Irgendwann wird das Essen zum Selbstläufer, zum sinnentleerten Automatismus, der einen durch die Feiertage steuert und jegliche Anflüge von Selbstzweifel oder Unruhe unterdrückt. Ja, das Fressen, das ist wie Computerspielen oder Wichsen aus Langeweile. Wie aber soll man sich in der Weihnachtszeit diesem Strom an Leckereien auch erwehren? Jede Verteidigungsstrategie scheitert gegen dieses Große Fressen. Da bleibt, wie ein Schulfreund an diesem Tag noch sagen wird, nur noch der Weg in die Bulimie.

Der Abend findet mich in einer Kneipe wieder. Viele Gesichter, die man vielleicht schon ein Jahr lang nicht mehr gesehen hat. Es ist berauschend. Jeder freut sich selbst über bloße Bekannte aus früheren Zeiten. Ein vergessen geglaubtes Gefühl kommt auf und wir schwingen alle in Glückseligkeit. Was ist es, was uns in schiere Euphorie versetzt? Sind es wirklich all diese Menschen? Der gemeinsame Background, das ist es, was uns zusammenschmiedet und glücklich macht, erklärt mir ein Freund, Mensch Nummer 500, mit dem ich an dem heutigen Abend Worte wechsel. Wir sitzen an der Theke und dann beginnt er vom „Fest der Liebe“ zu sprechen. Da sitzen wir also, ohne Frauen, und es soll das Fest der Liebe sein. Sie blickt mich an – könnte es doch heißen, aber nein: Es ist der Tag der Soledad. Eine Parabel wird nachgeliefert. „Ich erzähle euch eine Geschichte“, beginnt mein Freund neben mir an der Theke. „Stellt euch eine hohe Mauer vor, einen Hof dahinter und darin die Frauen, auf die wir unser Leben lang gewartet haben, von Aliens dorthin entführt. Und ich sage euch, Brasilien ist auf dieser Welt der Ort, der diesem Platz am nächsten kommt.“ Ja, Brasilien, schön und gut, denke ich, aber wir sitzen hier in Deutschland.

Irgendwann wird es schließlich zu viel: zu viele Sinnesreize, zu viele Menschen, zu viele Freunde sogar, man ist gesättigt. Ein Schiffbrüchiger in einem Meer aus Leibern, Wellen aus Lärm schlagen über dem Kopf zusammen, man ertrinkt fast, Atemnot stellt sich ein in den Nebelschwaden aus Rauch, die über diesen Wassern hängen und die Sicht verhüllen; ein gespenstischer, hoffnungsloser Ozean. Auf einmal ist man einsam. Einsam in der Menge und es bleibt nur die Flucht hinaus in die Nacht, in die kühle, leere Nacht. Der neblige Burgberg ragt empor und die Füße nehmen die niedrigen Stufen hoch, weg von den Menschen, hinauf, hinaus aus dem Meer der Geselligkeit. Der Blick fällt zwischen feuchten Buchen hinab auf den Friedhof. Rote Kerzen brennen auf den Gräbern und ich erinnere mich, dass ich in all den Jahren seit seinem Selbstmord immer noch nicht an P.s Grab dort unten gewesen bin.

Tanzen

„Wovor hast du Angst? Dass dir die Noten vom Papier ins Gesicht springen und dich auffressen?“, fragt der Trompetenlehrer und dreht sich erst einmal eine Kippe.

Unerwartet tun sich ein paar freie Stunden auf und ich stecke zwei Bücher ein. Zwei, das ist wichtig. Bei Büchern sollte man immer eine Wahl haben. Auf halbem Weg zur Abendsonne entscheide ich mich urplötzlich um. Ich wähle eine Telefonnummer ein Stück weiter unten in der Straße und habe Glück.

Fünf Minuten später betrete ich das Zauberreich. Ein vietnamesischer Kaffee wird mir zur Begrüßung gereicht, er duftet – frei von jedem Zusatz – ungeheuer aromatisch (nussig, Macadamia mit einem Hauch Vanille) und schmeckt kräftig und geradeheraus, weniger verspielt, als der Duft vermuten lässt. Dann greife ich nach Kachori, indischen Gewürzbällchen. Die Zähne brechen die dünne Hülle auf, zermalmen das weiche Innere, setzen den Geschmack der Gewürze frei, lösen eine Explosion an Geschmäckern aus, Gaumeneruptionen einer Tropensonne, und erst wenn die süßlichwürzige Masse geschluckt ist, erst dann flammt die Schärfe wirklich auf – die Glückseligkeit nach dem Liebesspiel. Ich sitze im Sessel in der Mitte des Raumes und lausche den Bässen der Musik und spüre das Koffein in den Adern pulsieren und auf der Zunge tanzen die Genüsse eines Kontinents und der Kopf kippt in Zeitlupenschritten nach hinten, als wäre ich bekifft, und mein Leib ist ein Kessel aus geschmolzenem Gold.

Wir teilen uns den Tsipouro Schluck für Schluck aus der grünen Flasche. Hinter dem Etikett mit den kyrillischen Lettern verbarg sich einmal irgendein zuckerhaltiges Erfrischungsgetränk, jetzt schwappt hausgemachter griechischer Schnaps in dem Behältnis. Wie ein Spürhund springt der Gastgeber immer wieder auf und folgt unsichtbaren Fährten, blättert in den Schallplatten oder leuchtet mit der Lampe ins CD-Regal, um das nächste Stück zu finden. Denn es wird immer nur ein ausgesuchtes Lied pro Album gespielt, das ist ihm Ehrensache.

Inzwischen setzt er sich schon gar nicht mehr in seinen Sessel. Und wieder hat er eine neue Scheibe aus seinen tausendfachen Beständen gezogen, zieht weißes Vinyl aus seiner glatten Hülle, er rückt auf und hält mir die Scheibe entgegen wie eine Offerte. „Du bist dir schon im Klaren, dass wir auf ein Tanz-Event zusteuern?“, sagt der Verführer. Ich lache und sage, ja, das wisse ich.

Gelb leuchtet das Schild des nahen Baukrans auf im dunkelnden Abend, Rauchschwaden flimmern in dem gebündelten Lichtstrahl, der sich an der Decke bricht und als tanzende Leopardenflecken über Wände und Boden wandert, leichtfüßigen Panthergeckos gleich. Die Limoflasche Tsipouro ist längst Bodenseewasser aus der Bierflasche gewichen, wie wir den Raum ausmessen mit unseren Schritten. Und dann der Höhepunkt mit Perennial Divide, den „göttlichen“, wie er sagt. Die Wilde Jagd ist los, eine Kreissäge angeworfen, Stukas im Sturzflug, Schläfenschweiß, Tanz der Wolfsschamanen.

Die Füße kommen nicht zur Ruhe, der Zauber ist ausgesprochen, 13 Minuten lang treibt sie „Voodoo“ von Indoor Life über den rauen Teppich, hypnotischer New Wave, die Gitarre schwingt, fliegt, schneidet, der Gesang steigert sich in Ausbrüche, man weiß nicht, ist es Leiden, ist es Lust.

Aber es ist erst Mitte der Woche und Eskalation unklug. In Martis „Unmade Beds“, Dark Rock aus Genua, ist der Sturm vorbei, das Bett zerwühlt, das Gefühl voll. Dann wird auch das Herz ruhiger zu Mr. Cloudy, „Night Shining Star“, ruhigem Dubtechno aus Russland, eine nächtliche Musik, es ist der Blick in den Sternenhimmel, zur reduzierten Bassdrum werden die Bewegungen sparsamer, minimalistisch, aber zehnminutenendlos und rein wie die keplerschen Sphärenbahnen. Der letzte Song, „Transitional Objects (No Gravity Version)“ von Davor Ostojic hat noch Beat, doch er treibt nicht mehr zu Tanzwut an, er ist ein strenges Stück Kammermusik, E-Musik jenseits der Klassik, und lädt den kühlen Intellekt wieder auf den Thron. Es ist vorbei.

Und ich trage, ein Thymian-Bonbon im Mund, die beiden Bücher wieder nach Hause.

Calderón geht auf Reisen (2)

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Auf dieser erst kürzlich mit einem bundesweiten Preis ausgezeichneten Bühne wurde Calderón vielleicht nicht aufgeführt, aber gelesen als Vorbereitung für eine Inszenierung von Christian Dietrich Grabbe, der den spanischen Barockdramatiker verehrte.
20 Jahre lang hatte ich den Freund nicht gesehen, der mir das erzählte. 20 Jahre seit unserer ersten und einzigen Begegnung auf einem Zivildienstlehrgang. Es waren drei prägende Wochen gewesen, drei vielleicht sogar Biographie bestimmende Wochen, und möglicherweise verdanken wir dem, dass wir uns nun wiedertrafen und uns immer noch etwas zu sagen hatten. Dass die Tonkassette mit Pan Ra und Hoelderlin (zwei deutschen Krautrockbands der Siebzigerjahre), die ich ihm damals geliehen hatte, längst verschollen ist, ist da nur eine kleine nostalgische Fußnote. Sie hatte mir nämlich ein Jugendfreund aufgenommen, der ein paar Jahre später Suizid beging.

Calderóns Drama vom wundertätigen Magier im römischen Antiochien hat eine sehr eigene Einstellung zum Tod. Die beiden Liebenden Cyprian und Justina finden sich erst in ihrer völligen Verneinung ihrer menschlich-irdischen Existenz. Erst dann gehen sie, ganz Geist schon, Arm in Arm bereitwillig in den christlichen Märtyrertod. Natürlich, wir sind letztlich (vom Grabe aus gesehen) tatsächlich nichts als Gerippe. Aber deswegen alles Leben davor nichtig? Nein, diese Lebensverleugnung des schweren, düsteren spanischen Barocks will ich nicht. (Man nehme die Mezquita in Córdoba: Die unermessliche, farbenfrohe, kalligraphische Schönheit der Gebetswand der einstigen Moschee – ich stand in Tränen vor ihr, denn es war vielleicht das Schönste von Menschenhand geschaffene, das ich je gesehen hatte – war umzingelt von dunklen Altären, blutigen Kruzifixen und düsteren Königsporträts späterer spanisch-katholischer Jahrhunderte.) Also geh, du wundertätiger Magier, geh mit Gott.