Und am Himmel hängt ein halber Mond

Der Mond, genau in der Mitte abgeschnitten, nein, abgerissen wie Papier an einem Falz, hängt lustlos am Himmel, so als gehörte er nicht wirklich dorthin. Es erfordert eine Anstrengung, Räumlichkeit in dieses Bild zu bekommen. Mit der Körperlichkeit, den Ausmaßen, der Entfernung kommt auch Gewicht – im zweifachen Sinne – in die Himmelserscheinung.

Das ist beruhigend, weil es echter wirkt (und nicht nur Kulisse ist). Aber merkwürdigerweise zugleich beunruhigender, weil der imaginierte Raum zwischen Himmelskörpern schwindeln lässt.

Lieber senkt sich der Blick, zu der weißen Laterne des Restaurants, unter der die Gäste ein- und ausgehen, Hunger oder Knoblauchduft im Gefolge.

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Twin Eagle – Den Wüstenwind unter den Schwingen

Die Sommersonnwende steht kurz bevor, es ist kalt und Musik nie verkehrt, das soll genügen, um eine Kurzrezi zu einem Konzertbesuch im Frühjahr auszugraben. Und einzuheizen.

Twin Eagle, das Duo aus dem Mormonenstaat Utah, sieht aus, als wäre es eben aus der Meth-Hütte gekrochen: Graubart an der Gitarre und sein rothaariges Ogermonster am Schlagzeug. Mehr als zwei von der Sorte braucht es auch nicht, sie sind so schon wie ein alttestamentarisches Strafgericht auf Drogen. Mit Twin Eagle ist der Blues zum Metal geworden. Das ist sehr heiß und sehr kernig und authentisch. Und die Wälder brennen im Wüstenwind. Schon damit hat sich der Gang nach Karlsruhe gelohnt.

Beispiel gefällig? Einen heißen Sommerbeginn wünsche ich!

Die Meditation der Echsen – Pfälzer Intermezzo

Rot – rot die Erde, der Stein, die Mauerquadern, rot noch die schuppigen Kiefernstämme, das Grün des Blätterdachs, wo die Föhren dichter stehen. Dazu Efeu an den Maronenstämmen, deren Ahnen von den Römern über die Alpen gebracht wurden, um hier Wein zu kultivieren, und schwarzölig die Mistkäfer auf Schritt und Tritt. Alles ist Wärme an diesem Land, ist warm und üppig. Es ist ein Sommerland, das sich freigebig verschenkt. Hier wird man nicht auf sich selbst zurückgeworfen, hier verströmt sich der Mensch wie die Landschaft um ihn herum.

Hinter dem Biogut am Ende eines kilometerlangen Tals wird der Waldweg zum Pfad und schließlich zu einem Hang aus Laub und Krumen. Eine aufgelassene Forststraße quert die Pirsch. Gras umrankt die Knöchel, zwischen den Sträuchern liegt die nachmittägliche Junihitze, das Licht so weich. Nach einer weiten Wende erstirbt der Weg an einem Abhang, nur ein Fährte geht steil empor, hinauf zum roten Fels, der in diesen Wäldern immer wieder das Laub durchbricht und sich zur archaischen Wacht in das Blau hinein türmt. Der Geruch des Kiefernharzes trägt Frucht und Feuer, der Felsen ist warm, gierig aufgesogen die frühe Sommersonne. Eidechsen harren auf dem Gestein, ihre Hälser pumpen in der Hitze, die ihr Blut rege macht und ihr Leben lebenswert. Drei Eichhörnchen toben fauchend durch die Wipfel, über dem Tal lässt ein Bussard seinen Schrei. Ich setze mich auf den Fels und möchte für immer bleiben.

Später dann eine Wildschweinbratwurst.

„Welches Gefühl hat Dein Fernweh?“, fragt Christina von der Reisemeisterei. Auf ihrem Blog, auf dem sie auf entspannte Weise zeigt, wie Reisen auch mit kleinen Kindern möglich sein kann, geht sie auch immer wieder mit allen Sinnen dem Fernweh und dem Reiseglück nach. Welche Gerüche wecken Reiselust? Wie hört sich Fernweh an? „Die Meditation der Echsen“ ist (m)eine Antwort auf Christinas Frage zu einer Blogparade.

Bierguerilla

Die nächtliche Übergabe findet im dunklen Hinterhof statt. Der Botschafter der Bierguerilla hat keinen Bierschmuggler geschickt, sondern überbringt die Lieferung persönlich: ausgesuchte Biere aus regionalen Mikrobrauereien – ganz besonderer Stoff, an den so leicht nicht zu kommen ist. Ein paar Tipps zu Lagerung und Ausschank gibt es obendrauf, dazu sogar noch ein paar Einzelstücke anderer Biere – „die kriegst du so zum Kennenlernen“ –, dann verschwindet der Botschafter wieder in der Nacht. Die Nachbarn haben uns, höre ich später, aus dem Fenster beobachtet.

Es war längst wieder einmal an der Zeit für eine Veranstaltung an meinem ‚Fenster zum Hof‘. An ein Biryani (ein Reisgericht aus den Ländern rings um das Arabische Meer) mit den Fingern hatte ich zuerst gedacht. Dann kamen wir an einem Musikabend in der Küche – wir hörten Strawinskys „Le Sacre du printemps“ und Fugen von Bach – auf die Idee einer Bierverköstigung.

Am Ende stehen fünf Sorten von Ale aus (mehr oder weniger) regionalen Mikrobrauereien bereit. Ein Ale – als kurze Erklärung für diejenigen, die es (wie ich bis vor Kurzem) nicht einzuordnen wissen – ist ein mit obergärigen Hefen gebrautes, ursprünglich einmal hopfenfreies Bier, das klassischerweise in Großbritannien, aber auch etwa in den USA, in Australien oder Belgien gebraut wird. Über die amerikanische Tradition des craft beer, also handwerklich in kleineren Brauereien hergestelltes obergäriges Bier, erreichte das Ale vor wenigen Jahren auch Deutschland und bereichert das ehedem doch recht stromlinienförmig gewordene Angebot. Auch unter Einhaltung des deutschen Reinheitsgebotes kennzeichnet die hiesigen Ales klassischerweise eine erkennbar fruchtige Note. Verschiedene Hefen und Hopfensorten erlauben unterschiedlichste geschmackliche Anklänge – eine neue Dimension des Biergenusses.

Und entsprechend neugierig sind wir alle an einem Frühsommerabend, weit offen das Fenster zum Hof, Wetterleuchten am Himmel.

Bier_Craft beer_Ale_Verkostung

Die Kandidaten

„Wirklich kühl und dunkel lagern“ steht auf dem Etikett des Braumeister Spezials der Cast-Brauerei, denn die Biere aus dem Stuttgarter Heusteigviertel sind nur ein paar Wochen haltbar. In dieser Saison hat Braumeister Daniel Bleicher ein leichtes, frisches Spring Ale vorgelegt. „Eine Duftnote von Holunder“, kommentiert ein Gast. „Ich schmecke Stachelbeere“, meint jemand. „Ananas“, ein dritter Eindruck. Fruchtig ist es definitiv, das Spring Ale mit seinen nur 3,2 % Alkoholgehalt läuft gut runter, aber viele Gäste vermissen doch eine gewisse Markanz. Doch wo viele Menschen, da sind auch viele Geschmäcker: Ein Freund, der kürzlich auf dem Braufest von Cast noch enttäuscht war von seinem Spring Ale, ist jetzt sehr angetan.

Noch frischer zeigt sich das zweite Bier, das Hopfenstopfer Citra Ale aus Bad Rappenau bei Heilbronn. Während die Mutterbrauerei Häffner einen sehr starken Lokalbezug hat, ist die 2008 gegründete Hopfenstopfer-Linie unter Liebhabern inzwischen bundesweit bekannt. Das Citra Ale ist als Single Hop Craft Beer ausgewiesen, es kommt also mit einer einzigen Hopfensorte aus, dem amerikanischen Citra-Hopfen, dafür finden sich in der Schütte gleich sieben verschiedene Malze. Der Name spricht für sich: Das Ale hat ein zitroniges Aroma, es ist ein ausgeprägt (und eher geradlinig) fruchtiges, deswegen nicht süßes, sehr frisches Bier. Ein richtiger ‚Durstlöscher‘! (Wenn man mal davon absieht, dass ich ein alkoholisches Getränk als „Durstlöscher“ grundsätzlich für verfehlt halte.)

Das Zacke ist wieder ein 0711-Heimspiel. Es wird von einem Freundeskreis aus dem Lehenviertel konzipiert und vertrieben, gebraut bei Cast im Nachbarviertel. Das (untergärige) Zacke Rotgold ist in einer Handvoll ausgesuchter Kneipen und Cafés in Stuttgart zu erhalten, das Zacke Pale Ale habe ich nun zum ersten Mal in der Hand. Schon die Flasche besticht: eine elegante „Granatenflasche“ mit gediegenem, leichten Layout auf dem Etikett. Und was das Äußere verspricht, hält auch der Inhalt. Als sehr rund empfinden viele Gäste das Pale Ale mit genau dem richtigen Grad an Bitterkeit. Nur dass das Bier überläuft und schier endlos Schaum ausstößt, verblüfft uns.

Wie schwierig es sein kann, Eindrücke und Geschmäcker in Worte zu fassen, zeigt die vierte Probe, ein Indian Pale Ale von Black Sheep, einem internationalen Braukollektiv aus Freiburg. Das IPA war ursprünglich in Großbritannien gebraut und beliebt bei den Kolonialtruppen in Indien. Damit das Bier die lange Reise und das heiße Klima übersteht, war ein höherer Alkoholgehalt nötig (in Indien sollte das Bier dann mit Wasser verdünnt werden), außerdem wurde es stark gehopft und damit bitterer. Ein Freund, der gerne Bier trinkt, bewertete sein erstes IPA kürzlich in Hamburg als „scheußlich“ bitter und Gästen nicht zumutbar. Ich bin also nervös. Ganz ohne Grund: Ob die Gäste es nun als „angenehm kräftig und am konventionellsten“ oder schon fast gegenteilig als „überraschend, sehr angenehm“ bezeichnen, „gut trinkbar“ resümieren sie alle. Die Hamburger Erfahrung ist widerlegt: Ein fruchtig-hopfiges IPA kann Gäste begeistern.

Zum Abschluss darf der Hopfenstopfer nochmals ran. Das Strong Ale mit seinem verführerischen Namen Dark Red Temptation ist mit seinen 9,0 % Alkoholgehalt ein Dessertbier, dunkel, stark, malzig, mit der Note von kräftigem, bitteren Karamell. Schokoladenkuchen hätte dazu gut gepasst. Den meisten ist es zu mächtig und aufdringlich im Geschmack. Weg ist der Vorrat trotzdem bald und einen Geheimtipp kann ich nicht mehr ausprobieren. Ein Strong Ale reift nämlich angeblich auch weit über sein Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus, ich hätte für die Probe aufs Exempel eine Flasche irgendwo im Keller verstecken können. (Nachtrag: „Das ist voll mein Ding. Unglaublich lecker“, schreibt eben ein früh aufgebrochener Gast, dem ich eine Flasche mitgegeben habe.)

Nach Punkten hätte wohl das Zacke Pale Ale gewonnen, dicht gefolgt vom Black Sheep. Bestechende Bierqualität oder doch (auch) eine psychologische Erklärung? „Das ist reine Empathie, weil ihr den Brauer kennt“, analysiert jemand, denn einer der Zacke-Macher ist an dem Abend auch zu Gast gewesen.

„Vorsicht, da sind alkoholfreie drin“, wird eine späte Besucherin gewarnt, als sie an den Kühlschrank tritt. „Also erst das Etikett lesen.“ Es ist kurz nach Mitternacht und die Ausdauernden gönnen sich von ihrem Favoriten des Abends ein zweites Glas, eine zweite Flasche.

Als die Beatles-Schallplatten durch sind, dämmert der Morgen. Das Bier ist alle, nur eine Flasche Rotwein ist noch geöffnet worden. Die Vorräte waren gut bemessen, die Gäste glücklich. Draußen singen die Vögel den neuen Tag herbei.

Auf den Geschmack gekommen? Hier alle Links gesammelt.

– Die Bierguerilla „für besseres Bier an mehr Orten“ wird in Personalunion mit dem Gärtringer Geschäft sueffisant geführt. Wer aus dem Raum Stuttgart oder Schönbuch feine Biere und Limonaden schätzt, sollte sich unbedingt das Sortiment von Martin Dambach anschauen.
– Die Brauerei Cast und besonders das Zacke aus dem Lehenviertel wurde schon einmal auf Zeilentiger liest Kesselleben vorgestellt.
– Beim Hopfenstopfer war auch einmal Craft-beer.tv zu Besuch. Auf Youtube finden sich viele weitere Verkostungen und Brauereibesuche.
– Sehr angenehm und sympathisch der Webauftritt von Black Sheep aus Freiburg.

Unsere Städte von Morgen

Bäume binden CO2, das wissen wir alle. Wie weit aber kommt ein SUV mit der täglichen Bindekapazität einer gesunden, fünfzigjährigen Platane? Die Antwort: 300 Meter. Dann hat die beliebte Geländelimousine das Fassungsvermögen des Baumes erschöpft. Damit ist eigentlich alles gesagt. Aber warum ist so etwas, obwohl wissenschaftlich bekannt, nicht Teil des gesellschaftlichen Diskurses?

Ein anderes Beispiel. In den nächsten 16 Jahren wird die Weltbevölkerung um voraussichtlich zwei Milliarden Menschen wachsen. Zwei Milliarden Menschen – das entspricht der Weltbevölkerung von 1930 – werden Wohnraum benötigen, der heute noch nicht existiert. „Wir bauen die komplette Welt von 1930 noch einmal.“ Aber wer tut das? Wie? Wo? Und nicht zuletzt: Womit? (Denn die Welt verfügt über zu wenig Stahl, auch Holz ist begrenzt.) Und welche zusätzlichen Emissionsbelastungen bedeutet das eigentlich? Riesige soziale Verwerfungen stehen uns bevor, für die wir kein Rezept haben.

Das sind zwei Problemfelder, mit denen Werner Sobek, Bauingenieur und Architekt, die Diskussion „Über die Stadt von Morgen“ mit dem Stadtplaner Detlef Kurth im Literaturhaus Stuttgart (im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Wirtschaftsclubs „STADT: Heimat oder Wohnmaschine?“) eröffnet. Eines wird dabei ganz schnell klar: Wir werden unsere Städte radikal anders organisieren und bauen müssen.

Energetisches Umdenken

Energie ist dabei kein grundsätzliches Problem, weil anders als so viele Dinge nicht per se Mangelware. Schauen wir in den Himmel: Unsere Sonne liefert der Erde ein Zehntausendfaches der Energie, die wir derzeit benötigen. Selbstverständlich haben wir nach wie vor das Problem der Speicherung solarer Energie nicht zur Zufriedenheit gelöst. Sobek ist zuversichtlich. „Wir arbeiten seit zehn Jahren daran. Das ist nicht viel Zeit. Schauen Sie, Atomkraftwerke betreiben wir seit 70 Jahren, und haben bis heute keine Lösung für die Endlagerung.“

Wie so oft in ernsthaften Debatten heißt es also zu differenzieren. Energie sparen – ja, das müssen wir ganz dringlich in Bezug auf fossile Träger. Energie sparen müssen wir in wenigen Jahren vielleicht nicht mehr, wenn wir neue Lösungen für die Nutzung der Solarenergie gefunden haben. „Wenn wir das gelöst haben, könnten wir auch in Papphäusern leben. Das wäre eine ganz neue ästhetische Dimension!“

Die Diskussion im Literaturhaus schärft den Blick für manch weitere energetische Frage, etwa die trügerische Umrechnung von Energieverbrauch auf Quadratmeter statt Verbrauch pro Kopf, wie es eigentlich sinnvoll wäre; oder das Problem der sogenannten grauen Energie, die beim Bau aufgewendet wird: für die Herstellung von Werkzeugen, die Baumaterialien, Transport, Arbeit. Beim ersten Betreten eines neuen Hauses ist in das Gebäude bereits so viel Energie gesteckt, wie die künftigen Bewohner in 25 bis 35 Jahren verbrauchen werden! Kann es da wirklich in jedem Fall sinnvoll sein, schlecht gedämmte Gebäude abzureißen, um sie durch wärmegedämmte Bauten zu ersetzen? Wir sollten genau hinschauen, ab wann sich so etwas rechnet, indem wir die graue Energie mit in unsere Kalkulation einbeziehen. Und sind unsere Erwartungen an Standards nicht sowieso zu hoch? Weil wir uns unsere Vorstellungen von Wärmedämmung oder Lärmdämpfung gar nicht wirklich leisten können?

Das Prinzip der Schwesterlichkeit

„Wir haben ja alle etwas falsch gemacht“, gesteht Sobek. Nämlich mit der Systemgrenze „Haus“, also einem einzelnen Objekt, losgelöst von seinem Kontext (ein so klassischer Fehler unseres empirischen Spezialistentums). Diese Systemgrenzen müssen wir wieder aufheben. Nicht mehr das aus seinem Zusammenhang gerissene Individuum hat gewisse Bedingungen zu erfüllen, sondern eine Gruppe von Entitäten. Sobek nennt es das Prinzip der Schwesterlichkeit. Neue Häuser sollen also alte mitversorgen können, so das Ziel.

Verwirklicht hat Sobek dieses Prinzip in seinem Haus B10 auf dem Stuttgarter Killesberg, das im Juli 2014 als weltweit erstes „Aktivhaus“ eingeweiht wurde. Ein Haus also, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht, und zwar aus nachhaltigen Quellen. „Mit dem gewonnenen Überschuss werden zwei Elektroautos und das unter Denkmalschutz stehende Haus des Architekten Le Corbusier (seit 2006 Heimat des Weißenhofmuseums) versorgt“, schildert die Projektseite. Um noch effizienter zu werden, kommuniziert das Aktivhaus mit dem Wetterdienst und seiner Nachbarschaft, es ist also ein intelligentes, selbstlernendes Haus, eingebunden in sein Umfeld.

Das Modell der Zukunft? Kurth relativiert. Der Weg, so faszinierend er auch ist, birgt zugleich die Gefahr, zu sehr auf rein technizile Lösungen zu setzen. Und vielleicht wollen wir – denken wir an Datenmissbrauch – gar nicht alle solche intelligenten Häuser.

Du sollst dir kein Bild machen

Stuttgart, da sind sich die beiden Referenten einig, ist die reichste Großstadt Deutschlands – und kann genau das nicht inszenieren. (Das gilt nicht nur für die Stadt: Die Metropolregion zählt zu den innovativsten Europas und es gibt nicht einmal ein „Haus der Region“.) Wie jeder weiß, der sich dieser Stadt von außen angenähert hat, erschließt sich Stuttgart nicht schnell. (Das war ja im Übrigen eine der Grundmotivationen für den Blog Zeilentiger liest Kesselleben.) Kurth macht dafür eine Beliebigkeit im Erscheinungsbild der Stadt verantwortlich und spitzt das Problem zu: Letztlich ist es sogar zweitrangig, welches Bild eine Stadt vermittelt – solange sie überhaupt eines vermittelt.

Daran tut sich Stuttgart offenbar schwer. Beispiele? Bitte sehr: Es wird keine Idee der Innenstadt diskutiert. – Stadtgestaltung findet viel zu wenig in der Öffentlichkeit statt. (Dabei sind die Sitzungen des Städtebauausschusses öffentlich, auch die Architektenkammer hat auf ihrer Website viele Veranstaltungen für die Öffentlichkeit. Wer will, kann sich hier informieren.) – An der Bautafel eines umstrittenen Einkaufszentrums war nicht einmal der Name des Architekten zu lesen. (Hatte er sich geschämt?) – Die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (Kurth ist Stellvertreter der Landesgruppe Baden-Württemberg) hat einen Vorschlag für eine Neugestaltung der Hauptstätter Straße – Stichworte: Stadtautobahn, bundesweiter Spitzenplatz der Feinstoffbelastung und ein Paradebeispiel städtebaulicher Hässlichkeit – vorgelegt. Niemand greift ihn auf. „Warum passiert da nichts?“, klagt Kurth an.

Von der misslungenen Vermittlung von S21 ganz zu schweigen. Eine Parallele aus der Geschichte zeigt, wie Stadtplanung auch gehen kann: Als Baumeister Paul Bonatz den Hauptbahnhof entwarf, war der Widerstand in der Bevölkerung ähnlich groß. Die Reichsbahn reagierte frühzeitig, ließ Modelle des geplanten Bahnhofs in Serie bauen und mit Erklärungen versehen und stellte diese Modelle in den Bäckereien und Metzgereien der Stadt aus – dort, wo täglich Menschen ein- und ausgingen. Der Bahnhof wurde zum Wahrzeichen der Stadt. (Bauverzögerungen und Kostenexplosion hatte das allerdings damals auch nicht verhindert.)

Machen wir uns also ein Bild! Und tauschen uns darüber aus. Mehr Mut fordert Sobek: Ja doch, wir könnten doch sagen, wir wollen etwas, was es noch nie gab – im Wissen des Risikos, dass wir uns dabei eine blutige Nase holen. Auf die Frage nach der Machbarkeit nachhaltiger und verantwortungsvoller Stadtgestaltung hat Sobek eine so lapidare wie treffende Antwort parat. Wirtschaftlichkeit kann unmöglich alleiniger Maßstab für Machbarkeit sein. Was wir vergessen haben, ist, in völliger Selbstlosigkeit für kommende Generationen zu planen und zu handeln. Ein griechisches Sprichwort fasst es zusammen: „Einen Olivenbaum pflanzt man für die Enkel.“

Das Gespräch hatte bereits am 24. März in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsclub im Literaturhaus Stuttgart stattgefunden. Die Fragestellungen bleiben aktuell. Einige von ihnen werden uns unser Leben lang begleiten und herausfordern.

Die Links im Text bieten weitergehende Informationen.